Aktuelle Pressemitteilungen

Bauchspeicheldrüse im Eigenbau

Die Technische Hochschule Aschaffenburg untersuchte die ungewöhnliche Do-it-yourself-Szene unter Diabetiker*innen beim Bau und Einsatz von künstlichen Bauchspeicheldrüsen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in Kooperation mit dem Uniklinikum Würzburg publiziert.

Bei Diabetes Mellitus, der Zuckerkrankheit, versiegt in der Bauchspeicheldrüse die Produktion von Insulin, dem zuckerverarbeitenden Hormon. Mit einer Reihe von medizintechnischen Hilfsmitteln kann die Funktion des Organs weitgehend nachgebildet werden, was den Diabetiker*innen den Alltag erleichtert und die Blutzuckereinstellung verbessert. Für eine kontinuierliche Glukosemessung wird dabei ein Klebesensor mit einer sehr feinen Nadel ins Unterhautfettgewebe eingestochen. Bei einer manuellen Lösung liest der Patient die dort gewonnenen Messdaten zum Blutzuckerspiegel aus – häufig über eine Smartphone-App. Entsprechend dieser Informationen stellt er eine kleine Pumpe ein, die bedarfsgerecht Insulin ins Unterhautfettgewebe injiziert.

Als Weiterentwicklung dieser Methode gilt ein sogenanntes Closed-Loop-System, das den Insulinwert permanent misst und ohne Zutun des Patienten die Insulinzufuhr eigenständig steuert. Das erste kommerzielle Closed-Loop-System ist seit dem Jahr 2019 in Deutschland erhältlich.

Technikaffine Community treibt die Industrie vor sich her

Allerdings ist der Bau einer solchen künstlichen Bauchspeicheldrüse technisch schon deutlich länger möglich: Eine junge, technikaffine Gemeinde an Diabetiker*innen entwickelt und nutzt seit 2014 eine Software, die eine Kommunikation zwischen Pumpe und Sensor über einen zwischengeschalteten Computerchip ermöglicht. „Es ist faszinierend, dass hier seit Jahren eine blühende Do-it-yourself-Community die Industrie quasi vor sich hertreibt“, sagt Prof. Dr. Holger K. von Jouanne-Diedrich, der an der Technischen Hochschule Aschaffenburg im Bereich Künstliche Intelligenz lehrt und forscht sowie den neuen Studiengang Medical Engineering and Data Science mit konzipiert, aufgebaut und gestaltet hat. Unter seiner Leitung wurde im Rahmen eines Masterprojektes ein solches Do-it-yourself-System gebaut. Außerdem wurden über tausend Patient*innen befragt, um herauszufinden, welche Diabeteshilfsmittel sie einsetzen, welche Funktionen nötig wären, wer bereits eine künstliche Bauchspeicheldrüse verwendet und ob selbstgebaute Systeme Vorteile haben. Von Seite des Uniklinikums Würzburg unterstützten Dr. Anna Laura Herzog und Prof. Dr. Christoph Wanner das Vorhaben. Die Umfrage wurden im Dezember 2020 gemeinsam in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Plos One veröffentlicht.

Mindestens 100 Eigenbau-Systeme im Einsatz

Demnach würde die Hälfte der Umfrageteilnehmer*innen einem automatischen System am ehesten vertrauen. Mehr als 85 % wären bereit, ein kommerzielles System zu nutzen – der Zeitpunkt der Umfrage war kurz vor der Zulassung des ersten kommerziellen Systems. Über 100 Teilnehmer*innen setzen bereits ein selbstgebautes Closed-Loop-System ein. „Da diese Systeme wegen der fehlenden behördlichen Überwachung nicht von den Diabetes-Fachgesellschaften empfohlen werden, gab es bisher wenig medizinische Veröffentlichungen über die Verbreitung und Anwenderzufriedenheit in Deutschland. Durch die erfreulich hohe Umfragebeteiligung war es uns erstmals möglich, einen guten Überblick über die aktuelle Nutzung in Deutschland zu erlangen“, resümiert Prof. von Jouanne-Diedrich.

Literatur:


Herzog AL, Busch J, Wanner C, von Jouanne-Diedrich HK (2020) Survey about do-it-yourself closed loop systems in the treatment of diabetes in Germany. PLoS ONE 15(12): e0243465. doi.org/10.1371/journal.pone.0243465

 

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Tropenkrankheiten nicht vergessen

Am Samstag, 30. Januar, ist der Welttag der vernachlässigten Tropenkrankheiten. Darüber hat die einBLICK-Redaktion mit Professor Markus Engstler vom Biozentrum gesprochen. Er erforscht die Afrikanische Schlafkrankheit.

 

Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 hat die Welt vor allen Dingen eines gelehrt: „Wir müssen die Gefahr von Pandemien früher als bisher erkennen. Dabei ist der One-Health-Ansatz zentral“, sagt Markus Engstler, Leiter des Lehrstuhls für Zell- und Entwicklungsbiologie am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

One Health? Das bedeutet, salopp formuliert, dass Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen, vor allem auch aus der Tiermedizin, an einem Strang ziehen müssen, um die Verbreitung von Krankheitserregern zu verhindern. Denn viele Erreger stammen ursprünglich aus Tieren und sind auf den Menschen übergesprungen.

Markus Engstler ist Teil einer deutschlandweiten Community, die sich dem One-Health-Prinzip verpflichtet fühlt: Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen setzen sich darin gemeinsam für die Prävention und Behandlung vernachlässigter Tropenerkrankungen ein.

„Deutsches Zentrum für die sektorübergreifende Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten“ (DZVT), so heißt die international einzigartige Initiative, die 2019 auf Engstlers Anregung gegründet wurde. „Das DZVT ist meine persönliche Mission“, bekennt der Professor, der an der JMU seit über zehn Jahren die Afrikanische Schlafkrankheit erforscht.

Einzigartiges Schwerpunktprogramm eingerichtet

Was Engstler in Würzburg tut, ist exemplarisch für die Grundlagenforschung über vernachlässigte Tropenkrankheiten. Das zeigt sich aktuell an einem weltweit einzigartigen Schwerpunktprogramm, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) auf Engstlers Initiative hin eingerichtet hat. Dabei kooperieren Parasitologen mit Physikern.

„Physik des Parasitismus“ nennt sich das Projekt. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich die Erreger der Schlafkrankheit durch Strömungen und andere physikalische Einwirkungen verändern. Von daher ist es nur bedingt hilfreich, sie in kleinen Fläschchen im Labor zu kultivieren: „In Wirklichkeit schwimmen sie ja durch den Blutstrom.“

Welchen großen Einfluss die Umwelt auf Erreger hat, war lange unbekannt. Doch tatsächlich macht es einen deutlichen Unterschied, ob man infizierte Zellen in einem Reagenzglas beobachtet oder ob man infiziertes Hautgewebe untersucht. Im Mittelpunkt des Würzburger Forschungsprogramms stehen deshalb auch aufwändig konstruierte Hautmodelle, die natürlicher Haut sehr nahekommen. Sie werden von Tsetsefliegen mit Trypanosomen, den Erregern der Schlafkrankheit, infiziert. Engstlers Team beobachtet, wie sich die einzelligen Erreger verhalten: „In der extremen Enge der kollagenreichen Haut tun sie das völlig anders als im Reagenzglas.“

Wertvolles Knowhow geht verloren

Grundlagenforschung bleibt auf alle Fälle wichtig, auch wenn im Moment das Augenmerk auf der Bekämpfung der Corona-Pandemie liegt. „Wir forschen seit 120 Jahren weltweit an Trypanosomen, doch vieles verstehen wir immer noch nicht“, betont Engstler.

Sorgen bereitet dem Professor, dass sich einige Wissenschaftler, die sich bisher mit der Schafkrankheit befasst haben, anderen Feldern zuwenden, weil die Erforschung der Schlafkrankheit als nicht mehr so wichtig gilt. Dadurch geht wertvolles Knowhow verloren, warnt der Experte für Zellbiologie: „Und das ist fatal.“

Masterstudiengang für One Health geplant

Menschen zu helfen, die im weltgesellschaftlichen Abseits stehen, ist Markus Engstler bei all seinen Initiativen ein wichtiges Anliegen. In einem DZVT-Projekt, das er mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung realisieren möchte, stehen zum Beispiel die Bewohner der nigerianischen Stadt Lagos im Fokus.

Dort, sagt Engstler, existiere ein „regelrechter Hexenkessel für Erreger“. Das städtische Abwassernetz sei miserabel, der größte Teil des Schmutzwassers fließe ungeklärt in die Lagune vor der Stadt. Krankheitserreger hätten leichtes Spiel. Künftig sollen Fachleute, die in einem One-Health-Masterstudiengang in Würzburg und Nigeria ausgebildet werden, mithelfen, solche Situationen zu verbessern.

Weil Gesundheit nicht nur von einem medizinischen Gesichtspunkt aus betrachten werden kann, soll der neue Master auch für Studierende aus allen Bereichen offen sein, zum Beispiel aus Ökonomie, Politologie, Psychologie, Biochemie oder Kommunikationswissenschaften. Angeboten wird er voraussichtlich ab 2022/23 in Würzburg sowie an vier Partneruniversitäten in Nigeria.

Ziel: Direkt etwas für Menschen tun

Dass sich ein Experte für Zellbiologie nicht nur mit den komplexen Facetten seines Faches befasst, sondern darüber hinaus Projekte anstößt, um konkret zu helfen, findet man nicht oft. Nach über 25 Jahren Grundlagenforschung sei es für ihn an der Zeit, „auch direkt etwas für Menschen zu tun“, sagt Engstler.

Seitdem ist er auf immer neue Probleme gestoßen, die sich nur mit dem One-Health-Ansatz lösen lassen: „Wie erkläre ich beispielsweise ein agrarwissenschaftliches Projekt in Nigeria, wenn 90 Prozent der Bauern Analphabeten sind?“ Aus solchen Schwierigkeiten können Kommunikationswissenschaftler heraushelfen. Daneben ist psychologische Expertise wichtig, um Projekten vor Ort Akzeptanz zu verschaffen.

40 Studierende sollen nach Engstlers Plänen im neuen One-Health-Masterstudiengang qualifiziert werden: „20 in Würzburg und 20 in Nigeria.“ Zu den Partnern gehört auch die Würzburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (FH Würzburg-Schweinfurt), die Ingenieure ausbildet. Dieser Berufsstand ist wichtig, um in Ländern des Südens Projekte für sauberes Trinkwasser und zur Verbesserung der sanitären Situation anzustoßen.

Fakten zum Welt-NTD-Tag

Am 30. Januar 2021 findet der 2. Welttag gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (Welt-NTD-Tag) statt. Anlässlich dieses Tages veranstaltet die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe aktuell bis 31.01.2021 eine Aktionswoche. Alle Informationen dazu finden sich auf www.dahw.de/hinsehen

Initiiert wurde der Tag von der Organisation „Uniting to Combat NTDs“ des Kronprinzengerichts von Abu Dhabi in den Arabischen Emiraten, unterstützt wird er von der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Bill & Melinda Gates Foundation, USAID und hunderten weiteren Organisationen, Stiftungen, Unternehmen und Regierungen weltweit.

Afrikanische Schlafkrankheit

Die Tsetsefliege überträgt die Erreger dieser Krankheit, die einzelligen Trypanosomen, mit ihrem Stich auf den Menschen. Pro Jahr kommt es in Afrika südlich der Sahara zu rund 30.000 Neuinfektionen. Die Betroffenen haben zuerst Kopf- und Gliederschmerzen, dann stellen sich Verwirrung, Krämpfe und andere Symptome ein. Schließlich fallen die Erkrankten in einen Dämmerzustand und sterben.

Weblinks

2. Welttag gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten

Deutsches Zentrum für die sektorübergreifende Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten (DZVT)

 

einBlick - Das Online-Magazin der Universität Würzburg

Uniklinikum Würzburg: Ein kreatives Zeichen der Anteilnahme und Wertschätzung

Patientinnen und Patienten sowie Beschäftigte des Uniklinikums Würzburg freuten sich über Grußkarten aus Kinderhand. Geschaffen wurden sie im Rahmen eines regionalen FSJ-Projektes.

Dutzendweise kunterbunte Hefte mit einerseits guten Wünschen für Patient*innen und andererseits Danksagungen an Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte erreichten kürzlich das Uniklinikum Würzburg (UKW). Hinter der Aktion stehen sieben junge Frauen, die derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Kindergärten, Grundschulen, Behinderteneinrichtungen und Kliniken der Region Mainfranken leisten. „Gemeinsam haben wir ein Projekt entwickelt und durchgeführt, bei dem Kinder und Erwachsene aus unseren Einsatzstellen die fröhlichen Grußkarten gestalten konnten“, berichtet Isabel Poßer, die derzeit als Freiwillige an der Grundschule Eisingen-Waldbrunn arbeitet. Ihre Kollegin, Alissa Rügamer, die ihr FSJ in der Evangelischen Kindertageseinrichtung St. Michael in Kitzingen leistet, ergänzt: „Anschließend haben wir mehrere ‚Gute-Besserungs-‘ beziehungsweise ‚Danke-Karten‘ zu kleinen Heften zusammengefasst und diese nach vorheriger Absprache bei der Stabsstelle Kommunikation des Uniklinikums Würzburg angeliefert.“ Dort gingen die Werke auf Anraten der Stabsstelle Krankenhaushygiene im Sinne des Corona-Infektionsschutzes sicherheitshalber für mehrere Tage „in Quarantäne“, bevor sie an Patient*innen und Klinikumsbeschäftigte ausgegeben wurden. In deren Namen bedankte sich Prof. Dr. Jens Maschmann, der Ärztliche Direktor des UKW, herzlich bei den kleinen und großen Künstler*innen sowie den Organisatorinnen für die kreativen Zeichen der Anteilnahme und Wertschätzung.

 

 

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1. Digitales Post-ASH-Forum: Internationale hämatologische Spitzenforschung verstehen

Der jährlich im Dezember stattfindende Kongress der American Society for Hematology (ASH) gilt als bedeutendste internationale Austauschplattformen zu aktuellen Entwicklungen und Fortschritten in der Hämatologie. Am Samstag, den 20. Februar 2021, präsentieren Experten der Würzburger Universitätsmedizin in einer Online-Veranstaltung laienverständlich die wichtigsten Botschaften des ASH 2020 zu einer Reihe von schweren Erkrankungen des Blutes.

Die American Society of Hematology (ASH) ist eine der weltweit größten medizinischen Fachgesellschaften, die sich mit den Ursachen und der Behandlung von Erkrankungen des Blutes befasst. Der von ihr alljährlich im Dezember in den USA veranstaltete Kongress gilt als international wichtigste Plattform zur Präsentation und Diskussion topaktueller hämatologischer Forschungsergebnisse. Der letzte, 62. Kongress fand vom 5. bis 8. Dezember 2020 statt – formal in San Diego/USA, de facto wegen der Corona-Pandemie im Internet. „Dabei wurden für viele schwerwiegende Erkrankungen ermutigende Erkenntnisse vorgestellt, die wir den betroffenen Patienten, ihren Angehörigen und allen sonstigen Interessierten nicht vorenthalten wollen“, sagt Prof. Dr. Hermann Einsele, der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg (UKW). Deshalb organsiert das UKW am Samstag, den 20. Februar 2021, das 1. Digitale Post-ASH-Forum. Bei der Veranstaltung, die über die Internetplattform Skype for Business übertragen wird, präsentieren Prof. Einsele sowie fünf weitere Experten des UKW und der Uni Würzburg Neuigkeiten aus der Behandlung von Krankheiten wie Multiples Myelom, akute myeloische Leukämie, myeloproliferative Neoplasien und Non-Hodgkin-Lymphom. Außerdem gibt es ein Update und einen Ausblick zu weiteren Entwicklungen beim Einsatz von CAR-T-Zellen sowie Wissenswertes zur Corona-Schutzimpfung.

Die kostenlose Veranstaltung beginnt um 9:30 Uhr. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine Internetverbindung sowie ein Smartphone, ein Tablet, ein Laptop oder ein PC. Wichtig ist zudem eine Anmeldung bis spätestens 6. Februar 2021 bei Gabriele Nelkenstock unter Tel.: 0931 / 299 850 95 oder E-Mail: info@kampfgegenkrebs.de. Das detaillierte Programm des Informationstags findet sich unter www.ukw.de/medizinische-klinik-ii/veranstaltungen.

 

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Hinsehen statt Übersehen: Vernachlässigte Krankheiten bekämpfen. Vergessene Menschen sichtbar machen.

Über 200.000 Menschen erkranken jedes Jahr neu an Lepra, Millionen Menschen müssen ein Leben lang unter den Folgen Erkrankung leiden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Lepra zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTDs): Diese haben gemeinsam, dass sie vor allem die Ärmsten in Ländern des Globalen Südens treffen und – obwohl vermeidbar und behandelbar – zu Ausgrenzung, Stigmatisierung, schwersten Behinderungen und (noch größerer) Armut führen können. Um auf das Schicksal von mehr als 1,7 Milliarden Betroffenen aufmerksam zu machen, startet die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe zum Welt-NTD-Tag am 30. Januar und zum Welt-Lepra-Tag am 31. Januar in Anlehnung an eine internationale Kampagne der Organisation „Uniting to Combat NTDs“ eine Aktionswoche unter dem Motto „Hinsehen statt Übersehen. Vernachlässigte Krankheiten bekämpfen. Vergessene Menschen sichtbar machen“. Unterstützt wird sie von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller und dem Deutschen Netzwerk gegen NTDs (DNTDs). 

Ungefähr jeder fünfte Mensch ist von einer armutsassoziierten Krankheit betroffen oder bedroht. Dennoch erhalten die „NTDs“ und die Betroffenen kaum Aufmerksamkeit in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit. In der Folge stehen viel zu wenig Mittel für die (dringend notwendige) multisektorale Ursachenbehebung zur Verfügung. „NTDs wie Lepra bekämpfen, heißt Armut bekämpfen“, sagt Burkard Kömm, Geschäftsführer der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe. „Dazu müssen die sog. sozialen Determinanten von Gesundheit wie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen allgemein verbessert werden.“ Zudem gelte es, die Forschung nach Medikamenten und Impfstoffen zu intensivieren und die nationalen Gesundheitsprogramme zu stärken.“

Die aktuelle Corona-Pandemie verschärfe die Situation. „COVID-19 ist das alles beherrschende Thema, doch für Milliarden Menschen weltweit ist das nur eine weitere Infektionskrankheit, die sie das Leben kosten kann“, so Kömm. Um das Bewusstsein für das riesige globale Gesundheitsproblem NTDs zu wecken, kombiniert die DAHW ihre traditionellen Aktivitäten zum Welt-Lepra-Tag in diesem Jahr mit Aktionen im Rahmen einer internationalen Kampagne zum Welt-NTDTag. „Gemeinsam mit vielen anderen Organisationen und Institutionen werden wir vom 24. bis zum 31. Januar 2021 über verschiedene Aspekte von Armutskrankheiten informieren und die vergessenen Menschen sichtbar machen.“ Mehr dazu auf www.dahw.de/hinsehen.

Neue Strategien zur Lepra- und NTD-Bekämpfung

Ein Highlight in der Aktionswoche ist die Präsentation der neuen „Roadmap“ für NTDs 2021-2030 der WHO, die auch eng mit der neuen Strategie zur Lepra-Bekämpfung 2021-2030 verbunden ist. An der virtuellen Konferenz am 28. Januar 2021 nehmen Regierungschefs, Gesundheitsminister*innen und zahlreiche Partnerorganisationen teil, die Programme zur Prävention, Kontrolle, Eliminierung und Ausrottung von armutsbedingten Krankheiten unterstützen – so auch die DAHW. Die „Roadmap“ entstand auf Basis eines mehrmonatigen Konsultationsprozesses, Kontakt: Jenifer Gabel, Tel: 0931 7948-130, mobil: 0172 8437186, jenifer.gabel@dahw.de an dem von NTDs betroffene Länder, Geberstaaten und weitere Akteure auf staatlicher, wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene beteiligt waren, darunter auch Vertreter*innen der DAHW und lokale DAHW-Partnerorganisationen in den Einsatzländern. Ziel ist es, die sektorübergreifende, integrierte Zusammenarbeit im Bereich der Planung, Logistik, Finanzierung und Implementation von programmatischen Maßnahmen zu verbessern und damit die Wirkung zu erhöhen. Zugleich sollen die Länder selbst mehr Eigenverantwortung übernehmen und dazu – unter stärkerer Berücksichtigung der lokalen und kulturellen Begebenheiten – Unterstützung beim Kapazitätsaufbau erhalten.

Coronabedingte Rückschritte

Die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus und die Schutzmaßnahmen haben auch auf die Lepra-Arbeit massive Auswirkungen. „Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen erschweren es uns, unseren lokalen Partnerorganisationen und den nationalen Lepra-Kontrollprogrammen aktiv nach Betroffenen zu suchen, um sie frühzeitig zu behandeln und leprabedingte Behinderungen zu vermeiden“, berichtet Burkard Kömm. „Aber auch bereits diagnostizierte Patient*innen mit den benötigten Medikamenten zu versorgen, ist in vielen Projektländern problematisch.“ Seit einigen Wochen komme es inzwischen zu Engpässen bei der Lieferung der Antibiotika-Kombination zur Lepra-Therapie. In der DAHW befürchtet man daher, dass es in den nächsten Jahren wieder vermehrt zu Fällen kommen wird, die man erst entdeckt, wenn die durch Lepra verursachten Nervenschädigungen zu chronischen Beschwerden und Beeinträchtigungen geführt haben.

Lichtblicke in der Krise

Auch im Bereich der Forschung hat Corona den Lepra-Expert*innen einen Strich durch die Rechnung gemacht: Eigentlich hätte die bald 17-jährige Suche nach einem Impfstoff bereits 2020 in die nächste wichtige Phase eintreten sollen. Der Start der Phase 1b der klinischen Studie – die Testung des Impfstoffkandidaten „LepVax“ in einem endemischen Gebiet – wurde daher auf das Frühjahr 2021 verschoben. Wenn sich die bisherigen Testergebnisse allerdings im weiteren Verlauf der zukünftigen Studien bestätigen, ist mit einer Zulassung des Impfstoffes 2025 rechnen.

Darüber hinaus sind es neue interdisziplinäre und ganzheitliche Konzepte, die Grund zur Hoffnung geben. „Gesundheit ist ein Querschnittsthema, das macht die Coronapandemie deutlich“, konstatiert Kömm. „Daher werden wir neben unserer medizinischen Arbeit weiterhin verstärkt Maßnahmen zur Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung (WASH) umsetzen.“ Aber auch der transversale Sektor „Empowerment“ (die Ermächtigung der Menschen auf individueller, gemeinschaftlicher und nationaler Ebene) sowie der „One Health“-Ansatz (die Kooperation von Umweltwissenschaften, Human- und Tiermedizin) werden in den DAHW-Projekten eine zunehmend zentrale Rolle einnehmen. 

 

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Das Deutsche Zentrum für sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten (DZVT): Gemeinsam Armutskrankheiten stoppen!

2019 wurde im Beisein des Bundesentwicklungsministers Dr. Gerd Müller in der Würzburger Residenz der Grundstein für das neue „Deutsche Zentrum für die sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten“ (DZVT) gelegt.
In diesem neuen Zentrum werden erstmals Organisationen aus Wissenschaft, Kirche, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen arbeiten, um im Kampf gegen Vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTDs) eine neue interdisziplinäre Forschungsrichtung zu erproben: die Implementationsforschung.
Ziel ist es, die Ursachen für NTDs  in den Einsatzländern der Hifsorganisationen mit wissenschaftlichen Methoden zu analysieren und gemeinsam mit den Menschen und Gemeinden vor Ort und Lösungen zu entwickeln, die das vielschichtige Gesundheitsproblem der armutsassoziierten NTDs nachhaltig und langfristig lösen.
Zwar wurden wirtschaftliche, soziopolitische und ökologische Aspekte von NTDs bereits sporadisch erforscht, jedoch nicht im sektorübergreifenden Zusammenhang und nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.
Das DZVT wird neben der erfahrenen medizinischen Expertise auch akademische Disziplinen wie Ingenieurswesen, Soziologie, Biologie und Tiergesundheit zusammen bringen, aber auch den Bereich Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung (WASH) und die Öffentlich-Private Partnerschaft im Gesundheitssektor (Public-Private Partnerships, PPP).

Gründungsmitglieder des DZVT:

  • Bremer Arbeitsgemeinschaft für Überseeforschung und Entwicklung BORDA e.V.
  • DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V.
  • Deutsche Gesellschaft für Parasitologie
  • Gemeinschaft Sant’Egidio
  • Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Missionsärztliches Institut Würzburg
  • Tierärzte ohne Grenzen

  

Corona-Spezial: Würzburger Experten informieren zu Impfstoffen und zur Impfkampagne

Am Dienstag, den 23. Februar 2021, widmen sich drei Fachleute der Würzburger Universitätsmedizin in einer öffentlichen Online-Veranstaltung wissenswerten Aspekten rund um die Covid-19-Impfkampagne sowie die dabei eingesetzten Impfstoffe.

Der Informationsbedarf der Bevölkerung zur Corona-Schutzimpfung ist ungebrochen hoch. So war die letzte Ausgabe des Corona-Spezials – einer Veranstaltungsserie des Uniklinikums Würzburg (UKW) in Kooperation mit der Mediengruppe Main-Post – zu diesem Themenkreis innerhalb weniger Tage ausgebucht. Deshalb schieben die Organisatoren am Dienstag, den 23. Februar 2021, eine Folgeveranstaltung nach. Die dabei behandelten Kernfragen sind unter anderem: Welche Impfstoffe gibt es und welche werden noch kommen? Wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Präparate? Was passiert nach der Impfkampagne? Impfpflicht – ja oder nein? Wo steht Deutschland bei der Impfung im internationalen Vergleich? Und wie lange brauchen wir eigentlich noch Masken und Beschränkungen?

Unabhängige, wissenschaftlich fundierte Fakten sowie persönliche Einschätzungen dazu liefern zwei Experten der Würzburger Universität: Prof. Dr. Lars Dölken vom Institut für Virologie und Immunbiologie sowie Prof. Dr. Oliver Kurzai vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie. Außerdem bringt Dr. Güzin Surat, Infektiologin und Leiterin der Arbeitsgruppe Antimicrobial Stewardship am UKW, ihre Fachkenntnisse ein. Das Trio wird bei der kostenlosen Online-Veranstaltung nicht nur referieren, sondern auch über die Chat-Funktion gestellte, individuelle Fragen der Teilnehmer*innen beantworten.

Das Corona-Spezial unter dem Titel „Vom Beginn der Impfkampagne zum Ende der Pandemie – was passiert in 2021?“ startet um 18:00 Uhr und nutzt die Plattform „Skype for Business“. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine Internetverbindung sowie ein Smartphone, ein Tablet, ein Laptop oder ein PC. Wichtig ist eine Anmeldung ausschließlich bei der Main-Post unter Tel: 0931/6001 6009 oder unter http://akademie.mainpost.de.

 

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Mit Oberflächen-Elektrostimulation gegen Zittern

Eine aktuelle Studie aus London/Großbritannien zeigt, dass eine nicht-invasive Stimulation mit Oberflächenelektroden bei Patienten mit Essentiellem Tremor die Intensität des Händezitterns reduzieren kann. Dr. Dr. Sebastian Schreglmann und Dr. Robert Peach, Hauptautoren der Studie, arbeiten seit dem Jahr 2020 an der Neurologischen Klinik des Uniklinikums Würzburg.

Patienten mit Essentiellem Tremor leiden an einem rhythmischen Zittern, vornehmlich der Hände. Dass sich dieses durch Tiefe Hirnstimulation mittels eines implantierten Hirnschrittmachers wirksam behandeln lässt, ist bekannt. Aber können die feinen Elektroimpulse auch über Klebeelektroden auf der Kopfhaut einen ähnlich positiven Effekt erzielen? Eine Studie, deren Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde, liefert hierfür vielversprechende Hinweise. Der Erstautor der Arbeit, die am University College London und am Imperial College London erstellt wurde, ist Dr. Dr. Sebastian Schreglmann. Er arbeitet mittlerweile – seit August 2020 – als Facharzt an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg (UKW).

Anpassung der Phasen essentiell

Der Neurologe und Neurowissenschaftler erläutert: „Das Händezittern bei Essentiellem Tremor hat eine patientenindividuelle Frequenz und Amplitude. Mittels eines Beschleunigungssensors, eines sogenannten Accelerometers, messen wir diese Bewegungen am Mittelfinger des Probanden.“ In Abhängigkeit von diesen Messungen wurde das Gehirn dann mit minimalem Wechselstrom stimuliert. Dazu dienten Klebeelektroden, die auf der Kopfhaut über dem Kleinhirn und an der Stirn platziert wurden. Es zeigte sich, dass bei der Mehrzahl der Patienten das Zittern während der randomisiert wiederholten, 30 Sekunden dauernden Stimulation zurückging oder gänzlich aufhörte. „Entscheidend für den Effekt ist die Phase der Stimulation. Wir konnten sehen, dass es – angepasst an die Schwingungsphase des Zitterns – pro Patient eine ideale Phase für die wirksamste Stimulation gibt“, berichtet Schreglmann.

Wegweisenden Algorithmus und Analyseverfahren entwickelt

Für die Steuerung der Stimulation in Echtzeit entwickelte Dr. Nir Grossman, Senior-Autor der Arbeit, eine neue mathematische Methode, um die kontinuierliche Anpassung an das variable Zittern zu ermöglichen. Der schlussendlich gefundene Algorithmus ist so elegant, dass für seine Anwendung nur eine vergleichsweise geringe Rechenleistung nötig ist. „Für die Vision eines nicht-invasiven Hirnschrittmachers ist dies ein wesentlicher Punkt – dadurch könnte ein kleiner, zum Beispiel am Gürtel zu tragender Controller zur Steuerung ausreichen“, schildert Schreglmann. Nach seinen Worten ist eine Anwendung dieses Algorithmus auch bei anderen Erkrankungen, die auf fehlgeleitete rhythmische Aktivität im Gehirn basieren, prinzipiell vorstellbar.

Dr. Robert Peach, der Mathematiker, der die komplexe statistische Signal-Auswertung mittels maschinellem Lernen entwickelte, ergänzt: „Durch die signalanalytischen Neuerungen konnten wir nicht nur anhand des gemessenen Zitterns vorhersagen, für wen eine solche Stimulation in Frage kommt, denn nicht alle Patienten sprachen auf die Behandlung an. Vielmehr konnten wir auch den zugrundeliegenden Mechanismus einer erfolgreichen Stimulation ergründen.“ Dr. Peach ist seit Oktober 2020 ebenfalls Mitarbeiter der von Prof. Dr. Jens Volkmann geleiteten Neurologischen Klinik des UKW.

Fortsetzung in Würzburg geplant

Insgesamt lieferte die Studie nach Einschätzung der beiden Neurowissenschaftler aussichtsreiche Pilotdaten, auf denen man weiterführende klinische Studien aufbauen könne. „Gemeinsam mit Prof. Volkmann und seinem Team würden wir gerne in Würzburg an diese Arbeit anknüpfen. Es gibt schon recht konkrete Pläne, die nächsten Studien hier aufzulegen mit der Hoffnung, die Methode zu einer relevanten Therapie weiterzuentwickeln“, sagt Dr. Dr. Schreglmann.

Literatur:

Schreglmann, S.R., Wang, D., Peach, R.L. et al. Non-invasive suppression of essential tremor via phase-locked disruption of its temporal coherence. Nat Commun 12, 363 (2021). doi.org/10.1038/s41467-020-20581-7

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