Gezielt bewegen gegen den Krebs

Das Multiple Myelom ist eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks, die mit Chemotherapie, gezielt angreifenden Medikamenten und Bestrahlung behandelt wird. Professorin Franziska Jundt, die den Bereich Autologe Stammzelltransplantationen am UKW leitet, forscht an einer weiteren Therapieoption: gezielte Bewegung.

Was ist eigentlich ein Multiples Myelom? Ein Multiples Myelom ist eine seltene, äußerst schwerwiegende Erkrankung des blutbildenden Systems. Entartete Plasmazellen vermehren sich dabei unkontrolliert und lösen bösartige Wucherungen im Knochenmark aus, die sich über den Körper ausbreiten können.

Multiple Myelome haben die Eigenschaft, den umgebenden Knochen aufzulösen. Das kann zu Knochenbrüchen an der Wirbelsäule und im gesamten Skelettsystem führen und sehr starke Schmerzen verursachen. Dadurch kann die Beweglichkeit massiv beeinträchtigt werden, sodass Patientinnen und Patienten rollstuhlpflichtig werden – zum Beispiel, wenn tumorbedingte Frakturen der Wirbelsäule Lähmungen auslösen. Welche Behandlungsmöglichkeiten bietet das Universitätsklinikum beim Multiplem Myelom an? Wir verwenden mehrere Methoden: Chemotherapie und Medikamentengabe, die zielgerichtet Tumorzellen angreifen, sowie Bestrahlung. Wenn es notwendig ist, werden auch chirurgische Methoden eingesetzt. Dazu kommen begleitende Maßnahmen wie Physiotherapie zur Verbesserung der Beweglichkeit und psychoonkologische Betreuung. Sie erforschen eine neue Behandlungsoption, die auf gezielte Bewegung setzt. Was versprechen Sie sich davon? Der natürliche und gleichzeitig ablaufende Knochenauf- und -abbau findet beim Menschen bis ins hohe Alter hinein statt und hält sich üblicherweise die Waage. Erkrankungen wie das Multiple Myelom führen dazu, dass sich die Waage des Knochenauf- und -abbaus in Richtung des Knochenabbaus neigt. Durch Stimulation der Muskeln und der Knochen soll die Waage wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Das Ziel ist es, die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom durch Stärkung ihrer Knochensubstanz zu verbessern. Aus den Erkenntnissen unserer Studien wollen wir in Zukunft eine zusätzliche Säule bei der Behandlung des Multiplen Myeloms formen. Wie kann die Bewegungstherapie beim Multiplen Myelom helfen? Knochengewebe heilt meist besser, wenn es bei einem Bruch nicht komplett ruhiggestellt wird, sondern durch dosierte Bewegungen stimuliert wird.

Wir haben eine Pilotstudie mit Patientinnen und Patienten durchgeführt, die eine Vorläuferstufe des Multiplen Myeloms aufweisen – Knochenveränderungen und eine erhöhtes Fraktur-Risiko fallen hier bereits auf. Während der Therapie wurden Muskeln mittels einer Vibrationsplatte mit hoher Frequenz angeregt. Die Muskelbewegungen übertrugen sich auf die Knochen und führten zu deren Stärkung. Dieses Verfahren wird bereits bei anderen Knochenerkrankungen, wie Osteoporose, erfolgreich angewandt.

Professorin Franziska Jundt

Sollte man sich bei einer schweren Krankheit nicht besser schonen? Viele Patientinnen und Patienten mit einer Krebsdiagnose glauben, es sei richtig, sich körperlich besonders zu schonen. Aber häufig ist das Gegenteil besser: Bewegungstherapien und individuell angepasster Sport haben positive Auswirkungen und können bei Krebserkrankungen sinnvoll sein.

So hilft Bewegung bei der Bewältigung von Müdigkeitserscheinungen und Antriebsarmut. In der Gruppe ausgeübt stärkt sie soziale Bindungen und hilft bei Stimmungsschwankungen sowie depressiven Phasen. Sie kann auch zur Verbesserung von Empfindungsstörungen in den Extremitäten beitragen, die manchmal durch Tumortherapien entstehen. Gibt es neben dem Knochenaufbau weitere positive Effekte? Tiermodelle haben gezeigt, dass dank mechanischer Stimulation des Knochens – in dem bereits Tumorzellen wuchsen – ein Knochenaufbau wieder möglich war. Zusätzlich konnte sogar ein gegen den Tumor gerichteter Effekt nachgewiesen werden: Durch die Behandlung ließ sich das Tumorbett so beeinflussen, dass Tumorzellen eine schlechtere Grundlage für das Wachstum vorfanden.

Und wir konnten zeigen, dass die Tumorzellen bei zielgerichteter Bewegungstherapie nicht nur lokal schlechter wuchsen, sondern dass sie sich auch weniger stark im Organismus ausbreiteten – was vor allem beim Multiplen Myelom von großer Bedeutung ist. Welche Bewegungstipps für Tumor- und Myelompatienten gibt es? Bewegungstherapien werden am UKW bei onkologischen Patienten schon jetzt angewandt, auch wenn sie noch nicht in alle strukturierten Behandlungsabläufe eingebunden sind. Zum Beispiel gibt es das Programm „Beweg dich“, in dessen Rahmen sportliche Aktivitäten auf die jeweiligen Patientensituationen abgestimmt werden.

Wer körperlich in der Lage ist, sollte rund 30 Minuten täglich schnell gehen und Bewegung in den Alltag integrieren. Selbsthilfegruppen, gerade beim Myelom, bieten Hilfe und Informationen zum Thema – denn Bewegung macht in der Gemeinschaft am meisten Spaß.

Text: Jörg Fuchs, Fotos: Daniel Peter, Getty Images

Kontakt und Infos

Das UKW bietet eine Myelomsprechstunde an. Dort berät Professorin Franziska Jundt auch zu bewegungstherapeutischen Angeboten.

„Bewegung und Sport“: Comprehensive Cancer Center E-Mail: supportivangebote_ccc@ukw.de Telefon: 0931 201-40160