Wie entstehen Angststörungen?
Neue Forschungsergebnisse geben Aufschluss über die biologischen Ursachen von Angstzuständen, einer der weltweit häufigsten psychischen Erkrankungen.
Etwa jeder Vierte leidet irgendwann in seinem Leben an einer Angsterkrankung. Trotz der weiten Verbreitung sind ihre biologischen Grundlagen nach wie vor kaum verstanden. In der bislang größten genetischen Studie zu Angsterkrankungen, die im Februar 2026 in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht wurde, analysierte ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden der Texas A&M University (USA), der Dalhousie University (Kanada), des King's College (UK) und der Würzburger Universitätsmedizin genetische Daten aus 36 unabhängigen Stichproben mit mehr als 120.000 Menschen, bei denen eine Angsterkrankung diagnostiziert wurde, und fast 730.000 Menschen ohne Angsterkrankungen. Diese 2017 von Würzburg aus angestoßene Untersuchung im Rahmen des Psychiatric Genomic Consortium identifizierte 58 genetische Varianten, die mit Angstzuständen in Verbindung stehen und von denen die meisten zuvor noch nicht erkannt worden waren.

Polygenes Risiko ähnelt dem anderer psychischer Erkrankungen
Es zeigte sich, dass Angsterkrankungen nicht durch ein einzelnes „Angstgen“ verursacht werden, sondern durch viele genetische Varianten im gesamten Genom beeinflusst werden, von denen jede einen kleinen Beitrag leistet. Dieses Muster – bekannt als polygenes Risiko – spiegelt wider, was auch bei anderen komplexen psychischen Erkrankungen wie Depressionen beobachtet wurde. Die Forschenden fanden starke genetische Überschneidungen zwischen Angsterkrankungen und verwandten Erkrankungen und Merkmalen wie Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung, was ein Grund sein kann, warum diese Erkrankungen so häufig gemeinsam auftreten. Insbesondere bestätigte die Studie Gene, die an der sogenannten GABAergen Signalübertragung beteiligt sind, einem wichtigen System, das die Gehirnaktivität reguliert. GABA ist bereits Zielstoff mehrerer bestehender Medikamente gegen Angstzustände. Darüberhinaus liefert die Studie aber auch Hinweise auf eine Rolle bei der Entstehung von Angstzuständen für eine Reihe von bisher nicht mit Angstzuständen in Verbindung gebrachten biologischen Signalwegen. Ein Ansatz zur Entwicklung oder Verbesserung von Therapien
Die Ergebnisse sprechen zwar nicht für den Einsatz von Gentests zur Diagnose von Angstzuständen, doch die Identifizierung spezifischer Gene und biologischer Signalwege, die zu psychischen Problemen beitragen, könnte helfen, besser zu verstehen, wie Angstzustände entstehen, und so letztendlich zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden oder zur Verbesserung bestehender Therapien beitragen.

Das Würzburger Studienteam (von links oben nach rechts unten): Prof. Dr. Jürgen Deckert ist mit anderen Letztautor und Initiator der Studie. Außerdem waren Privatdozentin Dr. Heike Weber, Prof. Dr. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Dr. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt.




Neuer Therapieansatz: Chronische Wunden mit Laktobazillen behandeln

Milchsäurebakterien fördern die Wundheilung und tragen zur Beseitigung von Pseudomonas aeruginosa bei, ohne Resistenzen zu begünstigen.
Schätzungen zufolge leiden in Deutschland aktuell ein bis zwei Millionen Menschen an Wunden mit verzögertem oder ausbleibendem Heilungsverlauf. Einer der Gründe, warum die Wunde in einem dauerhaften Entzündungs- oder Reparaturstadium steckenbleibt, können Bakterien sein. Besonders problematisch ist der Keim Pseudomonas aeruginosa, da er die Fähigkeit zur Biofilmbildung besitzt. Der Biofilm wirkt wie eine Schutzbarriere und verhindert, dass die Keime weder von Immunzellen, noch von Antibiotika oder Antiseptika erreicht und vernichtet werden. Zudem setzt Pseudomonas aeruginosa im Biofilm kontinuierlich entzündungsfördernde Substanzen und Toxine frei. Last but not least werden durch das stäbchenförmige Bakterium Enzyme und Proteasen produziert, durch die Gewebe abgebaut und wichtige Zellen der Wundheilung geschädigt werden.
Nach ein bis zwei Wochen neues, gesundes Gewebe
Ein Team der Würzburger Universitäts-Hautklinik hat nun einen vielversprechenden Ansatz gefunden, um diesen widerstandsfähigen Keim zu bekämpfen. Dieser wurde als klinischer Tipp im Dezember 2025 im Journal of the American Academy of Dermatology veröffentlicht. Die Forschenden behandelten Patientinnen und Patienten mit lange bestehenden, infizierten Wunden zusätzlich zur Standardversorgung mit einem Lactobacillus-haltigen Pulver. Das probiotische Präparat enthält „gute“ Milchsäurebakterien, wie sie auch im Körper vorkommen. Bereits nach wenigen Tagen verbesserten sich Geruch und Belag der Wunden deutlich und nach ein bis zwei Wochen zeigte sich neues, gesundes Gewebe. In den anschließenden Kontrollabstrichen war Pseudomonas aeruginosa nicht mehr nachweisbar. Die Behandlung wurde gut vertragen und es traten keine relevanten Nebenwirkungen auf.
„Milchsäurebakterien können demnach schädliche Bakterien wie Pseudomonas aeruginosa schwächen, indem sie deren Biofilme stören, Entzündungen reduzieren und die Zellen der Wundheilung aktivieren“, interpretiert der Erstautor der Fallbeobachtung Dr. Tassilo Dege. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Probiotika eine einfache und gut verträgliche Ergänzung zur Behandlung chronischer Wunden darstellen könnten, ohne das Risiko von Antibiotikaresistenzen mit sich zu bringen“, ergänzt Prof. Dr. Astrid Schmieder. Gleichzeitig warnt die Leiterin der Sektion Immundermatologie an der Hautklinik des UKW jedoch, dass lebende Probiotika theoretisch Risiken bergen und eine sorgfältige ärztliche Überwachung daher notwendig ist. Weitere Studien sollen den einfachen und sicheren ergänzenden Therapieansatz nun genauer untersuchen.
Schwangerschaft schützt vor MS-Schüben
Während der Schwangerschaft verringert sich die Häufigkeit von Schüben bei Patientinnen mit Multipler Sklerose um bis zu 80 Prozent. Forschende des UKW und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben nun einen zugrunde liegenden Mechanismus entschlüsselt und dabei eine bislang unbekannte Schutzfunktion des Gehirns entdeckt. So können bestimmte Nervenzellen im Hirnstamm Signale des Fötus sowie Entzündungssignale wahrnehmen und gezielt das periphere Immunsystem dämpfen. Dadurch wird verhindert, dass Entzündungszellen in das Nervensystem eindringen. Die Forschungsergebnisse wurden im Januar dieses Jahres in der Fachzeitschrift Nature Immunology veröffentlicht. Aus Würzburg waren neben Co-Senior-Autor Prof. Dr. Jörg Wischhusen von der Frauenklinik auch Beatrice Haack und Vincent Thiemann aus seiner Arbeitsgruppe sowie Dr. Giovanni Almanzar und Prof. Dr. Martina Prelog, beide von der Universitäts-Kinderklinik, an der Studie beteiligt.
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