Prof. Dr. med. Franziska Jundt, Oberärztin der Medizinischen Klinik und Poliklinik II, Schwerpunkt Hämatologie

 

Ich wurde 1970 in Heidelberg geboren, habe dort studiert und am Deutschen Krebsforschungszentrum promoviert. Nach Studienaufenthalten an der Harvard University in Boston, der University of California in San Francisco, USA und an der University of Birmingham in England wurde ich an der Charité in Berlin Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie. Meine Habilitation im Jahr 2005 beschäftigte sich mit der Pathogenese maligner Lymphome und neuen therapeutischen Ansätzen. Im Jahr 2013 folgte ich dem Ruf auf die Universitätsprofessur für Hämatologie und Internistische Onkologie nach Würzburg, wo ich seither mit meinem Mann und meinen drei Kindern lebe. 

Wie ich nach Würzburg kam

Mein Spezialgebiet ist das Multiple Myelom, eine besondere Krebserkrankung des Knochenmarks. Zu meiner Zeit an der Charité habe ich mich wissenschaftlich vor allem auch mit dem Hodgkin-Lymphom beschäftigt. Die Ursprungszellen des Hodgkin-Lymphoms waren lange unbekannt, da befallene Lymphknoten sehr viel Entzündungsgewebe und nur sehr wenige Tumorzellen aufweisen. Das hat meinen Forscherinnengeist geweckt. Anfang der 2000er Jahre habe ich herausgefunden, dass der Notch-Signalweg dafür sorgt, dass diese Tumorzellen besser wachsen und weniger über den programmierten Zelltod zu Grunde gehen können (Zur Publikation). Seitdem bewegt mich die Frage, wie sich dieser Signalweg für neue therapeutische Ansätze nutzen lässt. Denn dieser Signalweg ist ebenfalls beim Multiplen Myelom aktiv (Zur Publikation). In dem von mir geleiteten Zentrum für das Myelom im Zentrum für Seltene Erkrankungen Nordbayern sehen wir jedes Jahr 700 Patientinnen und Patienten mit dieser an sich seltenen Tumorerkrankung.

Mein wissenschaftliches Ziel

Den Notch-Signalweg, der sowohl beim Hodgkin-Lymphom als auch beim Multiplen Myelom hochreguliert wird, möchte ich blockieren und zwar so, dass es für die Betroffenen mit möglichst wenig Nebenwirkungen verbunden ist. Im Moment gibt es nur Medikamente mit schweren Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt. Es gilt also, untergeordnete Spieler im Netzwerk zu finden, die sich genauso gut ausschalten lassen, mit der gleichen Wirksamkeit aber weniger Nebenwirkungen. Dieses Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Ein weiteres Augenmerk liegt auf den Knochen. Beim Myelom wachsen die Tumorzellen zwar im Knochenmark als Plasmazellen, aber sie haben eine sehr unangenehme Eigenschaft: Durch die Botenstoffe, die sie absondern, lösen sie den Knochen auf. Das ist ein großes Problem. 80 Prozent unserer Patientinnen und Patienten leiden deshalb unter starken Schmerzen. Selbst wenn die Tumorzellen abgeräumt sind, bleiben die Löcher im Knochen erhalten. Wir untersuchen derzeit in einem ebenfalls von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt, ob wir mit einer gezielten mechanischen Stimulation den Knochen wiederaufbauen können. Erste Untersuchungen bei Patientinnen und Patienten mit monoklonaler Gammopathie, einer Vorstufe des Multiplen Myeloms, auf einer Ganzkörper-Vibrationsplatte waren sehr vielversprechend (Zur Publikation). Zu unserer Überraschung konnten wir durch das Training einen Knochenaufbau nachweisen, welcher bei Frauen übrigens ausgeprägter war als bei Männern. Es folgen gerade weitere Machbarkeitsstudien, unter anderem mit einem Stampf- und Sprungtraining. 

Was mich geprägt hat

Meine Eltern sind beide berufstätig gewesen. Mein Vater war Gymnasiallehrer, meine Mutter hat eine Grundschule geleitet. Es war für mich ganz selbstverständlich, dass beide gleichermaßen gearbeitet haben.

In der Mittelstufe hatte ich dann eine sehr inspirierende Lehrerin im Fach Biologie. Ihre Lehre über Ernährung, Bewegung und Abläufe im Körper hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Somit war für mich schnell klar, dass ich Medizin studieren wollte. Und tatsächlich bin ich heute mit meiner Wissenschaft zu diesen Themen zurückgekehrt, vor allem der Bewegung und der molekularen Analyse von fehlgeleiteten Signalwegen in Tumorzellen. 

Wie ich Familie und Beruf vereine

Als ich nach Würzburg kam, konnte ich ein Modell verhandeln, dass für alle Beteiligten neu war: Ich erhielt die Möglichkeit, an zwei Nachmittagen meine drei Kinder zu betreuen. Es war klar, dass ich die Arbeit am Abend und am Wochenende nachholen musste. Aber ich hatte an diesen Nachmittagen mehr Freiraum, um mich um unsere damals achtjährige Tochter und die fünf Jahre alten Zwillinge zu kümmern. Und natürlich war ich bei schwierigen Fragen auch am Nachmittag für klinische Belange per Telefon erreichbar. 

Mein Mann, von Haus aus Ingenieur, ist zudem voll mit dabei. Er hat das gleiche Modell mit seinem Arbeitgeber verhandeln können und übernahm an zwei weiteren Nachmittagen die Familienarbeit. Wir haben es gerecht austariert, damit es funktioniert. Natürlich ist es eine Herausforderung, als Wissenschaftlerin Kinder zu haben, weil die zeitlichen Ressourcen knapp sind. 

Wie sich der Frauenanteil in Wissenschaft und Führungspositionen erhöhen kann

Es ist eine krasse Schieflage, dass 70 Prozent der Medizinstudierenden weiblich sind, aber nur ein Bruchteil von ihnen klinische Leitungsfunktionen innehat. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist, dass man Frauen mit Kindern in einer bestimmten Zeit über das gleiche Stöckchen springen lässt wie Männer. Natürlich kann ich in der Zeit, in der ich ein Kind bekomme und dieses am Anfang des Lebens begleite, kein Paper schreiben. Hier muss man Müttern mehr Zeit gewähren. Außerdem geraten viele Medizinerinnen nach dem Erziehungsurlaub in die Teilzeitfalle. Sie werden oft in den Ambulanzbetrieb versetzt, haben Mühe ihre Voraussetzungen für den Facharzt zu erbringen oder den OP-Katalog zu füllen. Wir benötigen flexible Arbeitszeitmodelle und müssen uns von der Präsenzkultur verabschieden. Dank der notgedrungenen Erfahrungen in der Corona-Pandemie sind wir hier inzwischen einen Schritt weiter. 

Mein Tipp an forschende Frauen

Durchhalten, mehr einfordern, sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen, immer wieder aufstehen und weitermachen!

Es braucht unterm Strich eine Offenheit. Frauen müssen klarer kommunizieren, was sie möchten. Auch Vorbilder können helfen. Ich hatte immer meine Freundin vor Augen, die vier Kinder zur Welt gebracht und eine Professur in München hat. 

Frauen sollten sich untereinander mehr vernetzen und austauschen. Das machen die Männer seit Jahrzehnten regelmäßig und äußerst erfolgreich. Daran sollten wir Frauen uns ein Vorbild nehmen. Wir denken immer, uns fehlt die Zeit, aber eben diese Zeit ist auch enorm wichtig. 

Wer und was mich unterstützt hat

Erwähnt werden muss an dieser Stelle die Deutsche Forschungsgemeinschaft, dank deren Förderungen ich überhaupt meine präklinischen Studien durchführen konnte. Wertvolle Erfahrungen im Ausland konnte ich auch über mein Stipendium von der Studienstiftung des Deutschen Volkes erlangen. Durch die Stiftung waren Auslandsaufenthalte im englischen Birmingham (UK), italienischen Catania (Italien), in Boston und San Francisco (USA) möglich. Sehr profitiert habe ich zudem vom Women’s Leadership Program der Universität Würzburg, in dem sich Professorinnen und Arbeitsgruppenleiterinnen vernetzen und ihre Führungskompetenzen erweitern und stärken können. Eine wertvolle Mentorin und wichtiges Vorbild war die ehemalige Dekanin der Charité Annette Grüters-Kieslich als zweifache Mutter und taffe Wissenschaftlerin. Zu guter Letzt danke ich meinem Team. Der Erfolg als Wissenschaftlerin und Arbeitsgruppenleiterin ist immer auch vom Einsatz und der Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Team geprägt.  

Meine Wünsche

Für meine Familie wünsche ich mir Gesundheit. Beruflich wünsche ich mir, dass ich meine wissenschaftlichen Konzepte in neue Therapieansätze für Patientinnen und Patienten umsetzen kann.

Erwähnte Publikationen

Jundt F, Anagnostopoulos I, Forster R, Mathas S, Stein H, Dorken B (2002)
Activated Notch1 signaling promotes tumor cell proliferation and survival in Hodgkin and anaplastic large cell lymphoma.
Blood. 99(9):3398–403 10.1182/blood.V99.9.3398
Zur Publikation

Schwarzer R, Nickel N, Godau J et al. (2014)
Notch pathway inhibition controls myeloma bone disease in the murine MOPC315.BM model.
Blood Cancer Journal 4, e217. 
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Seefried L, Genest F, Strömsdörfer J, Engelmann B, Lapa C, Jakob F, Baumann FT, Sperlich B, Jundt F (2020)
Impact of whole-body vibration exercise on physical performance and bone turnover in patients with monoclonal gammopathy of undetermined significance,
Journal of Bone Oncology, Volume 25, 2020, 100323, ISSN 2212-1374.
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Weitere Publikationen

Rummler M, Ziouti F, Bouchard AL, Brandl A, Duda GN, Bogen B, Beilhack A, Lynch ME, Jundt F, Willie BM (2021)
Mechanical loading prevents bone destruction and exerts anti-tumor effects in the MOPC315.BM.Luc model of myeloma bone disease,
Acta Biomaterialia, Volume 119, 2021, Pages 247-258, ISSN 1742-7061.

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Videopublikation

Current pharmacological treatments for bone cancers like multiple myeloma have proven ineffective at healing bones or regenerating bone tissue. In this video, Franziska Jundt explores the extent to which physical stimuli and physical activity could represent effective treatment strategies for such conditions. Jundt explains how work with mice infected with tumor cells was followed up by a pilot clinical study on patients with a precursor condition to multiple myeloma, monoclonal gammopathy of undetermined significance. The work demonstrates that physical stimuli can have anti-tumor effects and it provides a scientific basis for a targeted use of sports against bone cancer. Ongoing research will analyze how physical activity has an effect on bone at the genetic level. 

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