Dr. Ruping Chen (PhD), Department Kardiovaskuläre Genetik am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg 

Ich bin 36 Jahre alt und wurde im Südosten von China geboren. Nachdem ich einen Teil meiner Doktorarbeit veröffentlicht hatte, entschied ich mich, kurz vor Weihnachten 2016 meinem Mann, der zu der Zeit im Saarland promoviert hat, nach Deutschland zu folgen. Kurze Zeit später entdeckte ich die ausgeschriebene PostDoc-Stelle am Universitätsklinikum Würzburg, bewarb mich und bekam sie. Meine Familie ist die meiste Zeit hier und auch mein Sohn wurde in Deutschland geboren. Somit ist mein Zuhause hier in Deutschland.

Das wollte ich mal werden und das bin ich geworden

Ich habe mir als Kind nie vorgestellt, Biomedizinerin zu werden, vielmehr wollte ich eine gute Bäckerin werden. Doch dann habe ich Pharmazie studiert. Nach dem Master-Abschluss in Pharmazie zog ich es vor, in der Forschung zu arbeiten, anstatt in der Marketing-Branche Fuß zu fassen. Also habe ich mein Promotionsstudium an der School of Medicine der Shandong University in Medizin fortgesetzt. Hier habe ich mich auf die Lungenalterung konzentriert. 

Forscherinnengeist

Mein Forschungsschwerpunkt ist die Kardiomyopathie, also strukturelle Veränderungen der Herzmuskulatur. Das heißt, die Herzkammern können vergrößert und die Muskulatur verändert sein. Folgen sind eine Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen, die im plötzlichen Herztod enden können. Schon als Doktorandin habe ich mit Zell- und Mausmodellen gearbeitet, um Krankheitsmechanismen zu erforschen. Daher passte es sehr gut, dass die Kardiogenetikerin Brenda Gerull zum Zeitpunkt meiner Jobsuche in Deutschland am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg ein neues Labor für Kardiovaskuläre Genetik aufgebaut hat. Sie hatte einen PostDoc für ein sehr interessantes Projekt zu vorzeitigen Alterungsprozessen des Herzens gesucht, das perfekt zu meiner Expertise gepasst hat. 

Gemeinsam haben wir entdeckt, dass genetische Veränderungen im LEMD2-Gen eine Herzmuskelschwäche verursachen können und damit das Spektrum der genetischen Ursachen für eine Herzinsuffizienz erweitert. Besonders interessierten uns die molekularen Ursachen und so habe ich mit der CRISPR/Cas9-Technologie die humane LEMD2-Mutation namens p.L13R in ein Mausmodell eingebracht. Schon nach wenigen Wochen konnte ich Veränderungen am Herzen der zunächst gesunden Mäuse entdecken. Nach neun Monaten haben dann alle sogenannten Knock-in-Mäuse eine Kardiomyopathie gezeigt, die der Form im Menschen sehr ähnlich ist. Die Herzen waren erweitert, die Funktion eingeschränkt, die Herzmuskelzellen vergrößert und es kam zur Einlagerung von Bindegewebe sowie zu schweren Herzrhythmusstörungen. Das LEMD2-Gen ist bereits als Alterungsgen bekannt. Es kann einen grauen Star im frühen Kindesalter auslösen oder zu Frühalterungskrankheiten, wie Progerie, führen. Wir haben zudem elektronenmikroskopische Veränderungen der Kernmembran entdeckt, die uns vermuten lassen, dass ein gestörter Reparaturmechanismus in der Kernmembran eine Rolle bei der Entstehung einer Kardiomyopathie spielen kann. Was in der Kernmembran nicht in Ordnung ist, das gilt es jetzt herauszufinden.

Rückenwind

Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung durch Brenda Gerull und das DZHI. Außerdem gibt es großartige Förderprogramme mit effizienter und produktiver Betreuung. Die Deutsche Stiftung für Herzforschung unterstützt mich mit 60.000 Euro und auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) fördert mich mit 50.000 Euro. Schließlich wurde ich im vergangenen Jahr und in diesem Jahr von der European Society of Cardiology mit dem Young Investigator Award on Translational Heart Failure Research ausgezeichnet. 

Gab es Stolpersteine?

Ja, Wissenschaft ist immer eine Herausforderung. Zum Glück haben wir die meisten davon überwunden.   

Was mich motiviert

Gute Fragestellungen und interessante Konzepte begeistern mich. Es gibt so viele Fragen in der Wissenschaft, die beantwortet werden müssen. Ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, unsere Gesellschaft, sowie mich selbst durch meine Tätigkeiten zu verbessern. Die Selbstständigkeit hat mich sehr geprägt.

Haben es Frauen in der Wissenschaft schwerer?

Frauen spielen traditionell eine wichtigere Rolle als Betreuerinnen zu Hause, was sehr anspruchsvoll ist. Die Rolle als Wissenschaftlerin, ja sogar als weibliche Führungskraft, ist meines Erachtens weniger anerkannt. Es ist also schwierig, beides unter einen Hut zu bringen. Ändern wird sich das wohl nur, wenn die Frauen auch in Wissenschaft und Führungspositionen gesehen und geachtet werden und der Beruf besser mit der Verantwortung in der Familie vereinbart werden kann. Glücklicherweise habe ich genug Unterstützung von meiner Familie und meinem Institut, was es einfacher und machbar macht. 

Vergleich zu China

Generell ist die Situation für forschende Frauen in China schwieriger. Der Wettbewerb an den Forschungsinstituten ist in China härter, und die Forschungs- und Finanzierungsressourcen werden von den Regulierungsbehörden eher für praktische Zwecke verwendet. Die Möglichkeiten, als Prinicipal Investigator, also Leiterin einer Prüfgruppe, oder Professorin zu arbeiten, sind für Chinesinnen ebenfalls rar, aber glücklicherweise verbessert sich dies langsam. Für mich persönlich ist Deutschland ein ausgezeichneter Ort, um meine akademische Karriere fortzusetzen. Die ausgezeichnete wissenschaftliche Praxis, das freundliche akademische Umfeld und die umfangreiche Unterstützung durch Förderprogramme sind definitiv Vorteile der deutschen Forschungslandschaft. Darüber hinaus ist Würzburg eine schöne, ruhige Stadt, ich fühle mich hier sehr wohl.

Mein Tipp an Frauen und Männer in der Forschung 

Wählen Sie eine Frage, die Sie wirklich interessiert, und lassen Sie sich von Ihrer Neugier und Leidenschaft leiten. Das sollte meiner Meinung nach für beide Geschlechter funktionieren. 

Meine Wünsche für die Zukunft

Ich wünsche mir, dass diese Pandemie früher endet, damit wir alle zum normalen Leben und zur normalen Kommunikation zurückkehren können. Beruflich wünsche ich mir, dass ich eine erfolgreiche Karriere aufbauen und in der Wissenschaft immer unabhängiger werden kann. Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass ich immer wissenschaftliche Fragen finden kann, die sowohl für mich interessant sind, als auch unserer Gesellschaft nützen.