"Ich möchte Ressourcen erhalten und fördern"

Expertin Nicole Tratschke über ihre gerontopsychiatrische Arbeit

In der Neurologie werden älteren Patientinnen und Patienten im Rahmen von Gruppen- und Einzelaktivitäten individuell betreut und begleitet. Nicole Tratschke, gerontopsychiatrische Fachkraft, gibt einen Einblick:

Frau Tratschke, könnten Sie sich bitte vorstellen?

Ich bin Krankenpflegerin und habe die Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft absolviert. An der Uniklinik bin ich ganz frisch – seit Januar dieses Jahres. Erst im Rahmen eines Praktikums, seit Mai in Festanstellung. Ich arbeite in der Kopfklinik auf den zusammengelegten Stationen 5 West und 5 Ost. 

Beim Vorstellungsgespräch haben die Pflegedirektion und die Klinikpflegedienstleitung mich überrascht, da sie sich im Voraus Gedanken gemacht haben, wo sie mich einsetzten könnten. So wurde meine Stelle neu geschaffen – angepasst an meine Berufserfahrung und Expertise. Nun bin ich beispielsweise auch Mitglied im Qualitätszirkel Geriatrie. Mit den Pflegekräften auf Station habe ich dann nach und nach meine Aufgaben festgelegt.

Was sind Ihre Aufgaben als gerontopsychiatrische Fachkraft?

Ab 11:30 Uhr starten meine „speziellen Aufgaben“, also die individuelle Begleitung und Betreuung von Patientinnen und Patienten. Ich beginne pünktlich zur Mittagessenzeit mit dem Ess- und Nahrungsaufnahmetraining. Hier arbeite ich mit Patientinnen und Patienten zusammen, die aufgrund von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen Unterstützungsbedarf haben, zum Beispiel eine halbseitige Schwäche oder Beeinträchtigung nach einem Schlaganfall. Patientinnen und Patienten sind bei uns im Durchschnitt 70 Jahr alt – daher spielen demenzielle Vorerkrankungen und Wahrnehmungsveränderungen in meiner Arbeit eine große Rolle.

Was ist das Ess- und Nahrungsaufnahmetraining genau?

Dabei trainiere ich mit den Patientinnen und Patienten ihre Selbstständigkeit bei der Nahrungsaufnahme. Ich möchte vorhandene Ressourcen aufrechterhalten und fördern, sowie vorhandene Schwächen bestmöglich ausgleichen.

Die Patientinnen und Patienten lernen zum Beispiel wieder, Fleisch selbst zu schneiden oder das Besteck zum Mund zu führen. Dazu gehört auch oftmals ein Umdenk- und Lernprozess. Das Messer nicht mehr links zu halten, weil diese Hand nicht mehr richtig funktioniert beispielsweise. Für dieses Training habe ich bis 13 Uhr Zeit. Das ist das Schöne – wenn die Patientin oder der Patient um 11:30 Uhr noch keinen Hunger hat, wird später gegessen. Ich kann das ganze sehr individuell gestalten.

Danach geht’s an die Kurzdokumentation des Trainings: Veränderungen, Kostaufbau, Tipps und Tricks, die für die Pflege wichtig sein könnten, und der Einsatz von Hilfsmitteln zum Beispiel einem dickeren Griff am Löffel.

Das klingt auch für Angehörige relevant...

Angehörige sind herzlich willkommen und können beim Training gerne mitmachen! Dabei gebe ich viele Tipps für zuhause. Viele haben keine Erfahrung dabei, einem älteren Menschen das Essen einzugeben. Dabei muss auf vieles geachtet werden: 

Die Person muss aufrecht sitzen. Die Mahlzeit muss mundgerecht zerkleinert werden. Der Mund muss immer leer sein, bevor das Besteck wieder zum Mund geführt wird. Bei Bedarf muss man den Menschen ausbremsen. Zu schnelles Essen muss vor allem bei Schluckbeschwerden vermieden werden, und vieles mehr.

Nach dem Mittagessen startet die Gruppen- und Einzelbetreuung, oder? 

Nach einer Übergabe mit dem Pflegeteam startet die Gruppenbetreuung. Je nach Patientenklientel bilde ich eine Gruppe mit maximal sechs Patientinnen und Patienten. Jetzt zu COVID-19-Zeiten betreue ich nicht mehr als vier Patienten gleichzeitig. So können die Abstandsregeln eingehalten werden.

Aktivitäten in unserer Gruppenbetreuung sind zum Beispiel kognitives Training, wie Kreuzworträtsel oder Metaphern raten, Austausch über die Nachrichten, damit möchte ich die Verbindung in die Welt außerhalb der Klinik aufrechterhalten, oder Spaziergänge auf dem Klinikgelände, die für einen erlebnisreichen Gardinenwechsel sorgen – denn manche unserer Patientinnen und Patienten sind im Rahmen ihrer geriatrischen Komplexbehandlung zwei bis drei Wochen bei uns.

Außerdem bieten wir Bewegungsschulungen zur Sturzprophylaxe und zur Muskelkräftigung. Hier wird der Gleichgewichtssinn trainiert oder eine durch einen Schlaganfall entstandene halbseitige Schwäche – eine Hemiplegie – durch gezielten Muskelaufbau ausgeglichen. Oder ganz einfach eine Kaffeerunde auf unserem schönen Balkon. Hier lese ich gerne eine Geschichte vor, wir singen, spielen Kniffel, malen oder basteln – je nachdem, worauf die Patientinnen und Patienten Lust haben. 
 

Zukünftig möchten wir eine Playstation 4 anschaffen. Denn unsere Patientinnen und Patienten kommen mittlerweile auch aus dem Computerzeitalter. Damit können wir sehr multifunktional arbeiten. Mal schauen, ob das funktioniert. Ein Fernseher ist auch bestellt. Dann können wir alte Filme wie Sissi oder das Wunder von Bern anschauen.

Ab 15 Uhr habe ich Zeit für Einzelbetreuung – wenn die Patientin oder der Patient nicht an der Gruppentherapie teilnehmen kann oder will. Diese Betreuung ist sehr individuell. Oftmals rufen wir gemeinsam Angehörige an, schreiben eine Postkarte oder sprechen über alte Hobbys.

Welche Ideen möchten Sie zukünftig umsetzen?

Zum einen sind Angehörigenschulungen, in Form von Angehörigenabenden angedacht, das ist ein großer Wunsch von mir. Vor allem das Thema "Umgang und Kommunikation mit demenziell erkrankten Menschen" finde ich sehr wichtig. Es benötigt viel Fachwissen, um zu verstehen, wie man am besten mit einem demenziell erkrankten Menschen reden, sowie sein Verhalten anhand von Gestik und Mimik deuten kann. Dieses Wissen schafft Verständnis, denn man versteht, warum sich die Person gerade so verhält.

Ein einfaches Beispiel: Wenn die Person mit Demenz in ihrer Person wieder 18 und nicht mehr 93 ist – dann erreiche ich sie nicht mehr mit ihrem Nachnamen. Mit 18 hat sie ja noch Müller – und nicht Maier – geheißen, denn sie war zu diesem Zeitpunkt noch unverheiratet. Oftmals kann man dann die betroffene Person mit dem Vornamen besser erreichen. Im Krankenhaus achte ich jedoch immer auf eine respektvolle und wertschätzende Umgangsform. Ich bleibe also immer beim "Sie".

Welche Effekte erhoffen Sie sich aus Ihrer Arbeit?

Ich erhoffe mir, dass ich den Krankenhausaufenthalt der Patientinnen und Patienten positiv beeinflussen kann. Ich möchte ihnen das Gefühl geben, dass sie hier verstanden werden. Im Vordergrund steht der Erhalt und die Förderung ihrer Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Ich versuche ethisch korrekt, im Sinne der Patienten, zu handeln und sie in einem möglichen Rahmen noch selbst entscheiden zu lassen. Meine Begleitung nimmt Angst. Denn vor allem dieser Ortswechsel ist für demente Patientinnen und Patienten sehr verunsichernd.
Zudem haben die Angehörige in mir eine feste Ansprechpartnerin bei sämtlichen Fragen.
Weitere positive Nebeneffekte meiner Arbeit sind die Reduzierung von Stürzen und die Entlastung des Pflegepersonals durch meine Betreuung von hochaufwendigen Patientinnen und Patienten. Das alles gilt es regelmäßig zu beobachten und zu bewerten.

Welche Kleinigkeiten können Pflegende umsetzen, um einem alten Menschen etwas Gutes zu tun?

Kurzkontakte helfen schon enorm! Sich für fünf bis 10 Minuten aktiv mit dem Menschen zu beschäftigen kann sehr viel bewirken. Oftmals kann man danach gemeinsam in die gleiche Richtung arbeiten. Im Rahmen einer Zehn-Minuten-Aktivierung kann man Bewegungsübungen machen, ein Sprichwort gemeinsam aufsagen, ein Lied ansingen oder einfach nur reden – das hilft auch schon.

Eine belebende Ganzkörperwaschung mit Orange und Zitrone kann bei apathischen und schläfrigen Menschen oft Wunder bewirken. Bei unruhigen Patientinnen und Patienten kann Melisse und Kamille ins Waschwasser gegeben werden – solche kleinen Dinge kann man in die Körperpflege gut integrieren. Einen Igelball in den Lagerungswechsel zu integrieren ist eine tolle Möglichkeit der basalen Stimulation, damit werden Wahrnehmungsbereiche aktiviert.

Herzlichen Dank für den interessanten Einblick in Ihre Arbeit!

Neurologie 5 West / 5 Ost

Die neurologische Station 5 Ost umfasst überwiegend Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen. Hier werden vor allem selbstversorgende Patientinnen und Patienten behandelt.

Auf der pflegeintensiveren Station 5 West erhalten rund die Hälfte der Patientinnen und Patienten geriatrische Komplexbehandlungen. Diese Komplexbehandlung hat das Ziel, Patientinnen und Patienten mit akutneurologischen Erkrankungen, zum Beispiel einem Schlaganfall, soweit zu stabilisieren, dass sie eine Rehabilitation antreten oder in das häusliche Umfeld entlassen werden können.

Dies erfordert einige Anforderungen, die wir gemeinsam leisten. Wir sind ein gut aufgestelltes Team aus Gesundheits- und Krankenpflegefachkräften sowie Altenpflegefachkräften. Ebenso dazu zählen unsere Physio-, Ergo-, Logo- und Psychotherapeutinnen und -therapeuten, ein Ärzteteam und unsere Casemanagerinnen. Einige unserer Mitarbeiter haben auch eine geriatrische Zusatzqualifikation erworben, denn die Förderung von Aus- und Weiterbildung hat bei uns einen hohen Stellenwert. Wenn man in der Neurologie 5 Ost / West arbeiten möchte, ist vor allem eine gewisse Leistungs- und Kompromissbereitschaft sowie viel Geduld und Einfühlungsvermögen im Umgang mit betagten Menschen unabdingbar.