„Früh aufs Herz hören!“

Herzerkrankungen tun oft nicht weh, schaden aber dem ganzen Körper. Wie die Herz-Thorax-Chirurgie helfen kann, von der Klappe bis zum Kunstherz.

„Früh aufs Herz hören!“

Herzerkrankungen tun oft nicht weh, schaden aber dem ganzen Körper. Wie die Herz-Thorax-Chirurgie helfen kann, von der Klappe bis zum Kunstherz.

„Mich macht es sehr stolz, zu sehen, wie hier in Würzburg alle mit Leidenschaft dabei sind.“
Porträtfoto: Univ.-Prof. Dr. med. Gloria Färber, Direktorin Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie

Univ.-Prof. Dr. med. Gloria Färber

Direktorin Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie

Mit einem kleinen Döschen in der Hand betritt Prof. Gloria Färber das Patientenzimmer. Den Inhalt wollte ihr Patient gerne zurückhaben: Seine mechanische Herzklappe hatte bis zu ihrem Defekt 15 Jahre gute Dienste geleistet. Doch das ständige Ticken belastete ihn zunehmend, er wünschte sich deshalb nun eine biologische Klappe. Der Patient liegt sichtlich erleichtert im Bett. Die Operation hat er gut überstanden. Selbst die Zeit auf der Intensivstation war weniger belastend als befürchtet, auch, weil er sich im Team rundum gut aufgehoben fühlte. Ein emotionaler Moment, sowohl für den Patienten als auch für die Herzchirurgin.

Fachliche Exzellenz sei das eine, sagt Färber, nachdem sie sich von ihrem Patienten verabschiedet hat. Das andere sei das Vertrauen, das entsteht, wenn man kompetent und engagiert umsorgt wird. „Mich macht es sehr stolz, zu sehen, wie hier in Würzburg alle mit Leidenschaft dabei sind“, so die Direktorin der Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie am UKW.

Herzchirurgie verlangt nicht nur höchste Konzentration und präzises Arbeiten, sondern auch optimale Teamarbeit: Nur wenn alle Beteiligten – von der Anästhesie über die Herzchirurgie und die OP-Pflege bis hin zur Kardiotechnik – perfekt aufeinander eingestellt sind, können Eingriffe an einem so komplexen und lebenswichtigen Organ wie dem Herzen gelingen. Ein bisschen wie in einem Orchester, so Färber.

Wenn dieses Orchester gut funktioniert, kann Herz-Thorax-Chirurgie sehr viel bewegen: Sie kann Leben retten, wenn beispielsweise ein Aneurysma, also eine Aussackung an der Hauptschlagader, reißt und der Mensch in kürzester Zeit zu verbluten droht. Sie kann ein komplett neues Leben schenken, etwa durch eine Herztransplantation, wenn die Pumpleistung des Herzens nicht mehr ausreicht. Und in Würzburg kann sie aufgrund der hier vorhandenen, breiten Expertise auch in besonders komplexen Situationen noch Lebenszeit schenken. Selbst Tumoren im Brustkorb, die sonst oft als inoperabel gelten, weil sie sowohl Herz als auch Lunge und große Gefäße im Brustkorb befallen haben, können von Färbers Team versorgt werden.

So sieht ein Kunstherz aus: Das System wird ans Herz angeschlossen und unterstützt den Blutfluss mechanisch.

So sieht ein Kunstherz aus: Das System wird ans Herz angeschlossen und unterstützt den Blutfluss mechanisch.

Minimalinvasive Eingriffe als Standard

Neben solchen Not- und Spezialfällen werden in der Herz-Thorax-Chirurgie aber auch sehr viele Routine-Eingriffe durchgeführt. Bypässe etwa, also Umgehungen, die das Blut bei einem (drohenden) Herzinfarkt an verengten oder verschlossenen Herzkranz-Gefäßen vorbeiführen, oder auch das Reparieren oder Ersetzen von Herzklappen, die nicht mehr richtig funktionieren.

Eine Herz-OP erfolgt heute routinemäßig über einen kleinen Schnitt (3–5 cm) seitlich am Brustkorb, der später kaum auffällt. Das bietet nicht nur einen kosmetischen Vorteil, sondern reduziert auch die Belastung auf den Körper und ermöglicht eine schnellere Erholung. Über diesen miniaturisierten Zugangsweg werden Herzklappen repariert oder ersetzt sowie Bypässe angelegt. Diese „Schlüsselloch-Chirurgie“ ist ein Steckenpferd von Gloria Färber und wird angewandt, wann immer sie möglich und sinnvoll ist.

Dennoch scheuen viele Menschen den Gang in die Herz-Thorax-Chirurgie. Das hat wohl mit der Furcht vor der großen Operation zu tun, bei der der Brustkorb eröffnet und eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen wird. Diese Operationen gibt es zwar, so Färber, aber sie finden nur dann Anwendung, wenn die minimalinvasive Vorgehensweise medizinisch nicht sinnvoll ist. So werden Klappeneingriffe in Würzburg mittlerweile unter Färbers Leitung in einem Großteil der Fälle minimalinvasiv durchgeführt.

Ihre Botschaft: „Früh aufs Herz hören und Hilfe suchen!“ Auch wenn das Herz selten wehtut und der Gang zum Herz-Thorax-Chirurgen schwerfällt, sollte man ihn nicht aufschieben. Wer Symptome bemerkt, sollte sie früh kardiologisch abklären lassen, rät Färber. Und: „Scheuen Sie sich nicht, das Thema Herz-Thorax-Chirurgie aktiv anzusprechen. Oft ist eine frühe chirurgische Mitbeurteilung sinnvoll, noch bevor der Körper dauerhaft Schaden nimmt.“ Denn wenn das Herz schwach ist, leidet der ganze Körper. Folgeschäden, etwa an Nieren oder anderen Organen, lassen sich nicht rückgängig machen.

Entfernte Herzklappe im Döschen: Prof. Gloria Färber besucht ihren Patienten nach dem Eingriff.

Im OP ist Teamwork der Schlüssel.

Kunstherz kann die letzte Rettung sein

Herzschwäche oder auch Herzinsuffizienz ist einer der häufigsten Gründe für Krankenhauseinweisungen und mit einer hohen Sterblichkeit verbunden. „Die Ursachen sind vielfältig, Risikofaktoren sind unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetes. Auch Herzklappenerkrankungen, Herzinfarkte oder Herzmuskelentzündung können als Spätfolge zur Herzinsuffizienz führen“, so Färber. „Aber wir können heute vieles behandeln.“

Sie appelliert daher, sich früh fachkundig beraten zu lassen, denn es gibt mittlerweile ein breites Spektrum wirksamer Behandlungsmethoden. Nicht nur Medikamente, spezielle Herzschrittmacher oder Herzkatheter-Eingriffe, sondern auch Operationen können Beschwerden lindern und das Überleben verbessern. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Kunstherz, das das Herz bei fortgeschrittener Pumpschwäche mechanisch unterstützt. Ursprünglich als Überbrückung bis zur Herztransplantation gedacht, wird es immer öfter zur Dauerlösung und kann den Betroffenen viel Lebensqualität und Lebenszeit schenken.

Mit einem Kunstherz sind viele Aktivitäten wieder möglich: von alltäglichen Tätigkeiten bis hin zum Sport entsteht neu gewonnene Lebensqualität. Bewegend sind auch die Schicksale von Menschen, die eine Krebserkrankung überstanden haben, aber als seltene Folge der Chemotherapie eine schwere Herzschwäche entwickeln. „Das betrifft auch Menschen, die mitten im Berufs- oder Familienleben stehen. Dank Kunstherz können manche von ihnen wieder berufstätig sein oder sich um ihr Kind kümmern, mobil sein, am Leben teilhaben und Urlaub machen.“

Wenn ein Kunstherz zum Einsatz kommt, ist das der Start in eine eng begleitete Therapie. Auch hier müssen wieder viele dauerhaft mitziehen, von der Kardiologie, der Pflege und dem Wundmanagement bis zu Sozialdienst und Reha. Dazu kommen praktische Themen wie Schulungen, Hygiene, Medikamente, Kontrolltermine und der sichere Umgang mit Batterien und Steuergerät im Alltag.

Und es gibt noch eine Instanz, die man nicht im OP-Plan findet, die aber oft entscheidend ist: das Umfeld. Wer mit einem Kunstherz lebt, braucht Menschen, die mitdenken, im Zweifel mitkommen, auffangen – und trotzdem Normalität zulassen. „Das Kunstherz ist nie so gut wie ein natürliches Herz, aber bei der derzeitig geringen Zahl der Spenderherzen manchmal die einzige Chance, Leben zu retten“, so Färber.

Was ist ein Kunstherz?

Ein Kunstherz, oder auch Herzunterstützungssystem, ist eine Pumpe, die die linke Herzkammer unterstützt und den Blutfluss verbessert. Es kann als Überbrückung bis zur Transplantation oder als Dauertherapie eingesetzt werden. Zum System gehören Steuergerät und Batterien, die außen getragen werden – deshalb sind Schulung und Kontrollen wichtig. Moderne Kunstherzen sind auf eine Laufzeit von mehreren Jahren ausgelegt, wobei viele Patientinnen und Patienten über fünf Jahre, manche sogar über zehn Jahre mit dem System leben.

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