Schwache Handkraft als Warn­signal

Eine einfache Messung liefert überraschende Erkenntnisse: Selbst nach überstandener Depression bleibt die Handkraft reduziert – mit möglichen Folgen für Gesundheit und Lebenserwartung.

Die Stärke eines Händedrucks ist ein aufschlussreicher Wert. Die Handgriff­stärke gilt als etablierter Biomarker für die körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. Eine aktuelle Studie unter Leitung von Prof. Dr. ­Sebastian Walther, Direktor der Klinik für Psychiatrie, ­Psychosomatik und Psychotherapie am UKW, zeigt nun: Eine verminderte Handkraft kann auch lange nach einer Depression bestehen bleiben.

Überraschende Befunde bei Genesenen

Bekannt war bereits, dass Menschen mit Depression oder Schizophrenie eine geringere Handkraft aufweisen. Doch die neuen Ergebnisse gehen weiter. In einer internationalen Studie mit 533 Teilnehmenden verglich das Forschungs­team gesunde Personen, aktuell Erkrankte sowie Menschen nach über­­standener Depression. Das Resultat: Alle Patientengruppen hatten eine niedrigere Handkraft als gesunde Kontrollpersonen. Besonders überraschend war jedoch, dass sich aktuell Depressive und genesene Depressive nicht unterschieden. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit einer überstandenen Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen", kommentiert Studienleiter Wather. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Hinterlässt eine Depression also langfristige körperliche Spuren? Für Walther ist das ein beunruhigender Befund, da die Handkraft bislang als verlässlicher Marker für ­Fitness und Gesundheit galt.

Eine Handgriffstärke von 26,7 kg – wie hier am UKW gemessen – ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg.

Früh geboren – anders geschützt

Frühgeborene haben ein unreifes, aber keineswegs schwaches Immunsystem. Eine große Würzburger Studie zeigt nun erstmals detailliert, wie sich ihre Abwehrzellen entwickeln – und was dabei als ­„normal“ gilt.

Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener.

Frühgeborene gelten als besonders infektanfällig – doch ­lange fehlten belastbare Referenzwerte für ihr Immunsystem. Eine im Februar dieses Jahres im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlichte Studie der Kinderklinik des UKW in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck liefert genau diese Grundlage.

Ausgewertet wurden mehr als 1.500 Blutproben von 577 Frühgeborenen in den ersten 50 Lebenstagen. Das Ergebnis: Das Immunsystem entwickelt sich deutlich anders als bei termingeborenen Kindern – aber nicht krankhaft. „Bislang wussten wir gar nicht, wie das Immunsystem eines gesunden Frühgeborenen aussieht und welche Werte angesichts der Frühgeburt normal sind“, erklärt Erstautor Dr. Johannes Dirks von der Würzburger Universitäts-Kinderklinik.

Geburtszeitpunkt prägt die Entwicklung des Immunsystems

Die Auswertung zeigt nach seinen Worten eindeutig: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener. „Wenn die Werte anders sind, heißt das aber nicht, dass sie nicht normal sind“, betont Dirks. Bei Frühgeborenen gebe es ein anderes „Normal“. So sind bei ihnen zum Beispiel die CD4-T-Helferzellen, die eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Immunreaktionen spielen, dauer­haft in geringerer Zahl vorhanden. Gleichzeitig finden sich in den ersten Lebenswochen zunächst vermehrt B-­Zellen, die für die Bildung von Antikörpern zuständig sind. Im weiteren Verlauf steigt dann die Zahl der natürlichen Killer­zellen an, die virusinfizierte oder geschädigte Körperzellen direkt bekämpfen können.

Dieses charakteristische Muster verdeutlicht, dass das Immunsystem nicht inaktiv oder schwach ist, sondern anders organisiert ist und sich noch in der Entwicklung befindet. Eine vertiefte Analyse bestätigte, dass sehr früh geborene Kinder weniger neu gebildete, sogenannte naive T-Zellen besitzen, während bereits aktivierte und regulierende T-­Zellen häufiger vorkommen. Dies spricht dafür, dass ­Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt ­anders ablaufen. „Es ist also nicht zwingend krankhaft im Sinne eines Immundefektes, wenn bestimmte Zellen bei Frühgeborenen noch unterrepräsentiert sind“, erklärt ­Johannes Dirks.

Weitere Einflüsse durch Entzündungen und Geschlecht

Neben der Zeitdauer der Schwangerschaft beeinflussten weitere Faktoren das Immunsystem. Entzündungen vor der Geburt verstärken die immunologischen Besonderheiten. Auch typische Komplikationen der Frühgeburt zeigen ähnliche Effekte. Auffällig ist zudem ein Geschlechterunterschied: Mädchen weisen höhere Anteile an T-Helferzellen auf. „Es ist schon lange bekannt, dass frühgeborene Jungen im Vergleich zu frühgeborenen Mädchen eine schlechtere Prognose haben“, so Dirks.

Die neuen Referenzwerte helfen künftig, Laborbefunde besser einzuordnen und unnötige Diagnosen zu vermeiden. Gleichzeitig liefern sie wichtige Hinweise auf die Ursachen der erhöhten Infektionsanfälligkeit – die sich laut Studien bis ins Erwachsenenalter fortsetzen kann.

Langfristig verfolgt die Kinderklinik des UKW das Ziel, eine immunologisch gestützte Nachsorge für Frühgeborene aufzubauen. Denn auch Impfreaktionen fallen bei ihnen oft schwächer aus. Die Verbindung von Neonatologie und Immunologie gilt dabei als zentraler Forschungsschwerpunkt.

Bild: Daniel Peter

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