
Wissen ist der beste Schutz
Unfälle im Säuglings- und Kindesalter passieren schnell. Kinderärztinnen und Kinderärzte am UKW klären auf, wie sie sich vermeiden lassen und wie Eltern im Notfall richtig reagieren.
„Das Ertrinken muss man sich nicht so vorstellen, dass das Kind unbedingt untergeht. Es reicht schon aus, dass das Gesicht unter Wasser ist.“

Prof. Dr. Johannes Wirbelauer
Leitender Oberarzt
Das Telefon klingelt, ein Moment der Ablenkung und schon ist es geschehen. Das Baby, nur kurz aus den Augen gelassen, fällt vom Wickeltisch. Unfälle wie ein Sturz gehören zu den größten Gefahren für die Gesundheit von Kindern, können im schlimmsten Fall ihr Leben bedrohen. Um das Vermeidbare zu verhindern, sensibilisieren Kinderärztinnen und Kinderärzte des Universitätsklinikums Würzburg seit mehr als 20 Jahren Eltern für dieses Thema in kostenfreien Erste-Hilfe-Kursen. Ein Schwerpunkt liegt dabei in der Prävention. „Am besten, diese Unfälle passieren gar nicht erst“, sagt Prof. Dr. Johannes Wirbelauer, Leitender Oberarzt der Kinderklinik, der den Vortrag mit praktischer Übungseinheit viele Jahre lang durchführte.
Das Treppengitter, der Steckdosenschutz oder der Kindersitz im Auto: Viele Sicherheitsvorkehrungen sind heute selbstverständlich. Doch es gibt Gefahren, die nicht so offensichtlich sind wie eine Treppe. Wasser zum Beispiel: die Regenpfütze, die lebensgefährlich sein kann. Die offene Regentonne im Garten. Oder Schwimmhilfen, die den Körper oben halten, nicht aber den Kopf. „Das Ertrinken muss man sich nicht so vorstellen, dass das Kind unbedingt untergeht. Es reicht schon aus, dass das Gesicht unter Wasser ist“, sagt Wirbelauer.
Plötzlicher Kindstod inzwischen seltener
Dass Aufklärung wirkt, zeigt sich beim Plötzlichen Kindstod. Starben in Deutschland daran 1998 noch 602 Säuglinge, waren es 25 Jahre später 82, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen. Noch immer ist ungeklärt, weshalb wenige Monate alte Babys im Schlaf unerwartet sterben. Bekannt sind Risikofaktoren wie das Rauchen der Eltern und die Bauchlage, die es bei Säuglingen zu vermeiden gilt. „Es ist wichtig, dass das Baby gut atmen kann. Am besten schläft es im Schlafsack in seinem eigenen Bett im Zimmer der Eltern, ohne Kuscheltiere“, empfiehlt PD Dr. Katharina Ruf, die als Oberärztin in der Kinderklinik arbeitet und aktuell die Erste-Hilfe-Kurse leitet.
Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder
Der Kurs wird zwei Mal pro Jahr von der „Interessengemeinschaft zur Förderung der Kinder der Würzburger Intensivstation“ (KIWI) organisiert. Der nächste Termin im Herbst 2026 wird rechtzeitig auf www.kiwiev.de sowie auf der Website der Kinderklinik bekannt gegeben. Der anderthalbstündige Kurs ist kostenfrei, Spenden für KIWI sind willkommen.

PD Dr. Katharina Ruf
Oberärztin Kinderklinik
„Eltern sollten Trauben halbieren und Nüsse braucht es in diesem Alter nicht als Snack.“
Gefahrenquelle Knopfzellen
Eine Gefahrenquelle, die durch die Verbreitung von batteriebetriebenen Geräten bedeutender geworden ist, sind Knopfzellen. Sie finden sich in Kinderbüchern und Fernbedienungen ebenso wie in LED-Teelichtern. Werden sie hinuntergeschluckt, sind die giftigen Stoffe im Inneren der Batterie das kleinere Problem. Die Batterie bleibt aufgrund ihrer Form leicht in der engen Speiseröhre stecken. „Dann kann Strom fließen und das Gewebe schwer schädigen“, sagt die Kinderärztin. „Wird sie nicht schnell entfernt, kann die Verletzung so weitreichend sein, dass das Schlucken lebenslang sehr schwierig bis unmöglich wird.“ Eltern sollten sofort die Notaufnahme aufsuchen, wenn sie den Verdacht haben, dass ihr Kind eine Knopfzelle verschluckt hat.

Erstickungsgefahr durch Trauben und Nüsse
Bei kleinteiligem Spielzeug sind sich Eltern darüber bewusst, dass es nicht in die Hände von Kindern unter vier Jahren gehört. Warnhinweise sind hier Pflicht. Doch prangen diese nicht an gesunden Nahrungsmitteln wie Nüssen und Trauben, obwohl auch sie ein Erstickungsrisiko bergen. „Eltern sollten Trauben halbieren und Nüsse braucht es in diesem Alter nicht als Snack“, sagt Katharina Ruf. In den ersten Lebensjahren kommt es schwerpunktmäßig auch häufiger zu Vergiftungen. Kinder sollten weder an Reinigungsmittel gelangen noch an Medikamente. Auch ein Blick ins Gartenbeet ist angeraten, um zu prüfen, ob dort giftige Pflanzen wachsen.
Im Erste-Hilfe-Kurs erhalten Eltern nicht nur viele Tipps zur Unfallverhütung und Hinweise, wie sie im Notfall richtig handeln. Sie trainieren die Wiederbelebung auch an einer Reanimationspuppe. „Das Vorgehen unterscheidet sich für Laien nicht grundsätzlich von der Wiederbelebung bei Erwachsenen“, erklärt die Medizinerin. „Wichtig ist, das nicht nur einmal im Leben vor dem Führerschein zu üben, sondern das Wissen regelmäßig praktisch aufzufrischen.“
Aufklären, ohne Angst zu verbreiten – das ist der Anspruch, den die Kinderärztinnen und -ärzte mit den Erste-Hilfe-Kursen verfolgen. Deshalb dürfe bei diesem ernsten Thema auch etwas Lockerheit in der Präsentation nicht fehlen, wie Wirbelauer sagt: „Eltern erfahren Neues, können praktisch üben und gehen dann mit dem sicheren Gefühl nach Hause, dass sie wissen, was im Notfall zu tun ist.“
Erste-Hilfe-Wissen auf dem Smartphone
Die App „Vergiftungsunfälle bei Kindern“ des Bundesinstituts für Risikobewertung klärt von A bis Z über Giftstoffe auf und zeigt, was im Notfall zu tun ist. Der Giftnotruf lässt sich über die App kontaktieren. Die „Kindernotfall-App“ von Barmer und Johanniter-Unfall-Hilfe ist nicht als Ersatz für einen Erste-Hilfe-Kurs gedacht, unterstützt aber bei der Auffrischung des Erlernten und gibt vertiefende Infos. Zur Prävention finden Eltern viele hilfreiche Tipps auch auf www.kindersicherheit.de.
