Schwerer Start, gute Prognose
Ein „offener Bauch“ beim Neugeborenen klingt dramatisch, ist dank der Expertise der hiesigen Kinderchirurgie aber oft sehr gut zu behandeln.
Schwerer Start, gute Prognose
Ein „offener Bauch“ beim Neugeborenen klingt dramatisch, ist dank der Expertise der hiesigen Kinderchirurgie aber oft sehr gut zu behandeln.

Wenn ein Baby mit „offenem Bauch“ zur Welt kommt, ist das für Eltern zunächst ein Schock. Bei dieser Art von Fehlbildung liegen Darmanteile außerhalb des Körpers. So dramatisch der Anblick sein mag, die gute Nachricht lautet: In einem spezialisierten Zentrum wie der Würzburger Uniklinik lassen sich solche Bauchwanddefekte heute in der Regel sehr gut versorgen, sagt Prof. Dr. Thomas Meyer, Leiter der Sektion für Kinder- und Jugendchirurgie, Kinderurologie und Kindertraumatologie der Chirurgischen Klinik I: „Langfristig haben die meisten Kinder keine Einschränkungen.“
Medizinisch unterscheiden Kinderchirurginnen und -chirurgen vor allem zwei Arten von Fehlbildungen beim „offenen Bauch“: Bei der Gastroschisis liegt der Darm ohne schützende Hülle außerhalb der Bauchhöhle. Bei der Omphalozele treten Darm und manchmal auch Leber in einem Gewebesack nach außen aus. Insgesamt sind Bauchwanddefekte selten: Im Durchschnitt betrifft es etwa eine von 2500 Geburten. Die genauen Ursachen sind bisher noch nicht vollständig geklärt.
Frühzeitig in der Sprechstunde vorstellen
Meist wird die Diagnose bereits in der Schwangerschaft beim Ultraschall gestellt. Dann ist es entscheidend, sich früh in einem Perinatalzentrum vorzustellen, in dem Geburtshilfe, Neonatologie und Kinderchirurgie Hand in Hand arbeiten. Wichtig sei dabei, auch mit einer Kinderchirurgin oder einem Kinderchirurgen zu sprechen, betont Meyer: Damit Eltern das Team kennenlernen, Fragen stellen können, „wissen, dass es uns gibt“ und rund um die Uhr jemand da ist, der im Ernstfall helfen kann.
Die Kinder kommen in der Regel in der Frauenklinik zur Welt, werden von den Neonatologinnen und Neonatologen zunächst stabilisiert und warmgehalten, denn Auskühlen ist ein Risiko. Die frei liegenden Darmanteile werden unverzüglich geschützt, häufig in einem sterilen Beutel. Erst wenn Kreislauf, Atmung und die Gesamtsituation des Neugeborenen es zulassen, folgt die Operation. Zügig, aber ohne Hektik.
Entscheidend ist dabei die Frage: Kann der Bauch sofort geschlossen werden oder braucht es eine stufenweise Versorgung? Wenn nur wenig Darm außen liegt und er nicht stark geschwollen oder entzündet ist, können die Kinderchirurginnen und Kinderchirurgen die Darmschlingen in die Bauchhöhle zurückverlagern und den Bauch direkt verschließen. Ist jedoch ein großer Teil des Darms betroffen oder deutlich entzündet, wäre ein „schnelles Zunähen“ riskant. Denn der Bauchraum eines Neugeborenen ist winzig. Zu viel Druck kann die Durchblutung des Darms beeinträchtigen – mit schwerwiegenden Folgen. Dann wählt man ein schonenderes Vorgehen, wie der Professor erläutert: „Die Darmanteile werden vorübergehend in einem sterilen Beutel geschützt und über Tage nach und nach in die Bauchhöhle zurückgeführt. Durch das Eigengewicht rutscht der Darm langsam hinein, Schwellungen können abklingen und erst dann wird der Bauch geschlossen.“ Je nach Ausprägung dauert das etwa eine Woche bis zehn Tage, bei sehr großen Omphalozelen mit Leberbeteiligung manchmal auch länger.

Intensivversorgung auf der „Raumstation“.
Eltern brauchen ein wenig Geduld
Auch nach dem Verschluss ist Geduld gefragt. Viele Eltern erwarten intuitiv: Operation geschafft, Problem gelöst. Doch gerade der Darm braucht häufig Zeit, um „in Gang“ zu kommen. „Es ist nicht so, dass wir den Bauch verschließen und sofort funktioniert alles“, sagt Meyer. Häufig dauere es ungefähr zwei Wochen, bis die Verdauung funktioniert. Er erklärt das gern mit einem Vergleich: Wenn sich jemand ein Bein bricht, wird es operiert – und trotzdem braucht es eine Phase, in der man Schritt für Schritt wieder belastbarer wird. Genauso sei es hier: Die Operation ist ein wichtiger Meilenstein, aber nicht das Ende des Weges.
Zu den häufigsten Sorgen der Eltern gehören Fragen nach der späteren Entwicklung, nach Ernährung und Narben. Kinderchirurgische Teams denken neben der sicheren Versorgung auch an kosmetische Aspekte – etwa den Nabel so zu rekonstruieren, dass er später möglichst unauffällig wirkt. Doch vor allem zählt: Mit kinderchirurgischer Expertise und entsprechender intensivmedizinischer Betreuung sind die Perspektiven sehr gut. Eine Spezialbehandlung brauchen die Kleinen nicht, im Gegenteil: Sie sollen ganz normal aufwachsen, und das klappt in der Regel auch. „Die meisten Kinder können später all das machen, was andere Kinder auch tun können“, betont der Kinderchirurg: spielen, rennen, Fahrrad fahren.
Was ihn in der Neugeborenenchirurgie am meisten bewegt? „Der Lebenswille, den die kleinen Neu- und Frühgeborenen haben, ist beeindruckend. Man merkt manchmal richtig, wie sie kämpfen.“ Und genau dafür lohne sich die hochspezialisierte Zusammenarbeit von Kinderchirurgie, Frauenheilkunde und Neugeborenenmedizin im Perinatalzentrum: damit aus einem schweren Start ins Leben Schritt für Schritt ein ganz normaler Alltag werden kann.