Aktuelle Pressemitteilungen

Startschuss für das Nationale Studiennetzwerk Intensivmedizin

Bundesweite Forschungsinfrastruktur an allen 37 Universitätskliniken stärkt Evidenz und Krisenfestigkeit in der Intensivmedizin

Collage der Porträts von Meybohm und Benstöm, beide in weißen Kitteln
Professorin Carina Benstöm (Uniklinik RWTH Aachen) und Professor Patrick Meybohm (Uniklinikum Würzburg) übernehmen die wissenschaftliche Leitung und Koordination des neuen NUM Studiennetzwerks Intensivmedizin. (Collage mit Bildern von Uniklinik RWTH Aachen und UKW / R. Wenzl)

Aachen/Würzburg. Im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) startet ein nationales Studiennetzwerk für Intensivmedizin mit Beteiligung der Standorte der deutschen Universitätsmedizin. Univ.-Prof. Dr. rer. medic. Carina Benstöm (Uniklinik RWTH Aachen) und Univ.-Prof. Dr. med. Patrick Meybohm (Uniklinikum Würzburg) übernehmen die wissenschaftliche Leitung und Koordination des Studiennetzwerks. Ziel ist es belastbare Evidenz für intensivmedizinische Therapien zu schaffen und damit die Versorgung kritisch kranker Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen zu verbessern.

Mit dem Studiennetzwerk Intensivmedizin entsteht eine bundesweite Forschungsinfrastruktur an allen 37 deutschen Universitätskliniken, die eine standortübergreifende Durchführung großer klinischer Studien in der Intensivmedizin ermöglicht. Das Studiennetzwerk bündelt Forschungsprozesse, entwickelt Studien gemeinsam und setzt sie koordiniert um. Im Mittelpunkt stehen zentrale klinische Fragestellungen aus der Versorgung kritisch kranker Patientinnen und Patienten, für die bislang keine ausreichende Evidenz vorliegt. Dazu zählen auch grundlegende Therapieentscheidungen in der Intensivmedizin, die bisher häufig auf Erfahrungs-werten beruhen. Auf Basis standardisiert erhobener klinischer Daten identifiziert das Netzwerk gezielt Versorgungslücken und untersucht diese systematisch in klinischen Studien. 

Das Studiennetzwerk Intensivmedizin ist Teil des NUM Studiennetzwerks (NUM SN), das seit 2024 als zentrale Forschungsinfrastruktur innerhalb des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) aufgebaut wird. In der Hightech-Agenda der Bundesregierung ist fest verankert, das NUM künftig als dauerhafte Forschungsinfrastruktur der deutschen Universitätsmedizin zu institutionalisieren. Das Studiennetzwerk Intensivmedizin ist ein wichtiger Baustein dieser Entwicklung. Es schafft ab sofort die Voraussetzungen dafür, klinische Forschung in der Intensivmedizin langfristig standortübergreifend, koordiniert und krisenfest durchzuführen. Dadurch trägt es wesentlich dazu bei, die klinische Forschung zu stärken und die Fähigkeit des Gesundheitssystems zu verbessern – insbesondere mit Blick auf zukünftige Krisensituationen, in denen schnelle, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen sind.

Große klinische Studien gemeinsam aufsetzen und bei Bedarf schnell aktivieren – auch in Krisensituationen

„Wir schaffen mit dem Studiennetzwerk Intensivmedizin eine Infrastruktur, die klinische Forschung nicht nur im Projektmodus denkt, sondern dauerhaft verankert“, so Carina Benstöm (Professorin für Evidenzbasierte Gesundheitsforschung in Anästhesie und Intensivmedizin in der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen). Patrick Meybohm (Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Uniklinikum Würzburg) ergänzt: „Damit sind wir in der Lage, große klinische Studien gemeinsam aufzusetzen und bei Bedarf schnell zu aktivieren – auch in Krisensituationen.“ Benström und Meybohm übernehmen die wissenschaftliche Leitung und Koordination des neuen Studiennetzwerks Intensivmedizin.

Schwerpunkt auf Organdysfunktionen bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen

Ein besonderer Fokus liegt auf akuten Organdysfunktionen bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten. In Deutschland werden jährlich rund zwei Millionen Menschen intensivmedizinisch behandelt. Ein erheblicher Anteil von ihnen entwickelt ein Versagen lebenswichtiger Organsysteme wie Gehirn, Herz, Lunge, Leber oder Niere. Die im Studiennetzwerk durchgeführten Studien werden Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen einschließen – von der Neonatologie bis ins hohe Alter – und damit die gesamte Breite der intensivmedizinischen Versorgung abbilden.

Innerhalb des Studiennetzwerks werden spezialisierte Module aufgebaut, die thematisch fokussierte klinische Studien vorbereiten und durchführen. Als erster Anwendungsfall ist ein Use Case im Bereich der Beatmung vorgesehen, bei dem unter anderem der optimale Zugangsweg zur Beatmung sowie das Timing komplexer intensivmedizinischer Interventionen untersucht werden. Die Fragestellungen sollen in großen, multizentrischen Studien evidenzbasiert beantwortet und die gewonnenen Erkenntnisse systematisch in die klinische Versorgung überführt werden.

Über das NUM Studiennetzwerk (NUM SN) und seine Fachnetzwerke im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM)
Das NUM Studiennetzwerk ist eine zentrale Initiative, entstanden als spezialisierte Forschungsinfrastruktur innerhalb des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM). Im NUM führen erstmalig alle 37 deutschen Standorte der Universitätsmedizin gemeinsam große interdisziplinäre klinische Forschungsprojekte durch. Ziel des NUM Studiennetzwerks ist die Optimierung von Prozessen, die Vernetzung von Akteur*innen und die Beschleunigung der klinischen und klinisch-epidemiologischen Forschung in Deutschland. Die drei Fachnetzwerke im NUM Studiennetzwerk erheben standardisiert klinische Forschungsdaten und sammeln Bioproben, um einen standortübergreifenden Datenpool im jeweiligen Fachbereich aufzubauen.

Collage der Porträts von Meybohm und Benstöm, beide in weißen Kitteln
Professorin Carina Benstöm (Uniklinik RWTH Aachen) und Professor Patrick Meybohm (Uniklinikum Würzburg) übernehmen die wissenschaftliche Leitung und Koordination des neuen NUM Studiennetzwerks Intensivmedizin. (Collage mit Bildern von Uniklinik RWTH Aachen und UKW / R. Wenzl)

Überarbeitung der Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien

Die S2e-Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien wurde unter der Federführung von Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg und Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili aus Bochum vollständig überarbeitet.

Claudia Sommer mit weißem Kittel im Labor
Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg hatte gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili aus Bochum die Federführung bei der vollständigen Überarbeitung der S2e-Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien. © Daniel Peter / Main-Post

Würzburg. Bei immunvermittelten Neuropathien greift das eigene Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Nervenstrukturen an. Mögliche Folgen sind Kribbeln, Gefühlsstörungen, Muskelschwäche oder sogar Lähmungen. Zu den bekanntesten Formen zählen das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), das meist plötzlich auftritt, und die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP). Entscheidend ist: Viele dieser Erkrankungen sind heute gut behandelbar, sofern sie frühzeitig erkannt und leitliniengerecht therapiert werden. Eine jetzt vollständig überarbeitete medizinische S2e-Leitlinie fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen und gibt klare Empfehlungen für die Behandlung im klinischen Alltag – das e steht für evidenzbasiert.

„Immunvermittelte Neuropathien sind eine sehr heterogene Erkrankungsgruppe. Deshalb muss die Therapie immer genau auf die jeweilige Diagnose abgestimmt werden“, erklärt Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg (UKW). Die Neurologin hat die neue Leitlinie gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili vom Klinikum der Ruhr-Universität Bochum (UKRUB) federführend überarbeitet. Für die Diagnosestellung verweisen die beiden Autorinnen auf die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zur ‚Diagnostik bei Polyneuropathien‘ sowie auf die europäischen Leitlinien der European Academy of Neurology und der Peripheral Nerve Society aus den Jahren 2021 zur CIDP und 2023 zum GBS. Die aktuelle Leitlinie legt den Schwerpunkt auf die Therapie. So gibt es für die Behandlung des akuten GBS und der CIDP klare und teilweise neue Empfehlungen. 

Klare Empfehlungen für das Guillain-Barré-Syndrom

Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine meist akut auftretende Erkrankung, bei der es innerhalb weniger Tage oder Wochen zu Lähmungen kommen kann. Die neue Leitlinie bestätigt: Eine Behandlung mit intravenösen Immunglobulinen (IVIg) oder eine Plasmapherese (Blutwäsche) ist gleichermaßen wirksam und deutlich besser als eine Placebo-Behandlung. Patientinnen und Patienten mit mittelschweren oder schweren Verläufen sollten intensivmedizinisch überwacht werden. Neu ist die Empfehlung, eine Behandlung mit IVIg nicht zu wiederholen, wenn sich der Zustand nach der ersten Gabe nicht verbessert.

Fortschritte bei der Behandlung der CIDP

Auch bei der CIDP gibt es Neuerungen. In der Erhaltungstherapie sind Immunglobuline, die unter die Haut verabreicht werden (SCIg), wahrscheinlich ebenso wirksam wie die intravenöse Gabe (IVIg). Für stabile Patientinnen und Patienten können Dosissenkungen oder Auslassversuche in Betracht gezogen werden. Entsprechende Reduktionsschemata werden vorgeschlagen, ein Monitoring ist jedoch weiterhin erforderlich.

Das Therapiespektrum wurde zudem durch den neuen Wirkstoff Efgartigimod erweitert. Es handelt sich dabei um einen Inhibitor des neonatalen Fc-Rezeptors (FcRn). Dieses Medikament greift gezielt in bestimmte Mechanismen des Immunsystems ein und ist in Deutschland zur Behandlung erwachsener Patientinnen und Patienten mit aktiver, fortschreitender oder wiederkehrender CIDP zugelassen, wenn vorherige Therapien mit Kortikosteroiden oder Immunglobulinen nicht ausreichend wirksam waren.

Nebenwirkungen moderner Krebstherapien: Immun-Checkpoint-Inhibitoren aktivieren das Immunsystem gezielt gegen Tumoren, können aber auch Nerven angreifen

Für den klinischen Alltag von besonderer Bedeutung ist der Hinweis auf immunvermittelte Neuropathien als mögliche Nebenwirkung moderner Krebsimmuntherapien mit sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI). Diese bewirken über eine Enthemmung von T-Zellen eine starke Immunaktivierung und verstärken dadurch die endogene Anti-Tumor-Immunität. Da diese Krebstherapien inzwischen weit verbreitet sind, ist es wichtig, entsprechende Symptome frühzeitig zu erkennen. Die Beschwerden können einem GBS oder einer CIDP ähneln. Je nach Schweregrad kann die Behandlung Kortison umfassen, unter Umständen muss auch die Krebstherapie angepasst werden. Solche Entscheidungen sollten interdisziplinär, also gemeinsam von Neurologen und Onkologen, getroffen werden.

Wissenschaftlich breit abgestützt

Die Leitlinie wurde von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) herausgegeben. An der Überarbeitung waren außerdem mehrere neurologische Fachgesellschaften aus Deutschland, der Schweiz und Österreich beteiligt: Junge Neurologie, Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN), Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM), Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) und Österreichische Gesellschaft für Neurologie sowie die Deutsche GBS-CIDP-Selbsthilfe e. V.

Mit der neuen S2e-Leitlinie steht Ärztinnen und Ärzten eine aktuelle, wissenschaftlich fundierte Orientierungshilfe zur Verfügung, um Patientinnen und Patienten mit immunvermittelten Neuropathien bestmöglich zu behandeln. Das Uniklinikum Würzburg unterstreicht damit seine ausgewiesene Expertise auf dem Gebiet entzündlicher Nervenerkrankungen.

Sommer C., Pitarokoili K. et al., Therapie immunvermittelter Neuropathien, S2e-Leitlinie, 2025, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 23.02.2026)

Informationen zu Leitlinien: Die S2e-Leitlinie ist eine medizinische Behandlungsleitlinie mit besonders hoher methodischer Qualität. Sie ist evidenzbasiert und gehört zur Stufe 2. Das heißt, dass die therapeutischen Empfehlungen auf ausgewerteten Studien beruhen. Bei S2k-Leitlinien fand hingegen eine strukturierte Abstimmung (K für Konsens) in der Leitliniengruppe statt, jedoch ohne eine wissenschaftliche Auswertung aller Studien. S3-Leitlinien kombinieren eine systematische Evidenzrecherche (S2e) mit einer strukturierten Konsensfindung (S2k), während S1-Leitlinien nur auf Empfehlungen von Expertinnen und Experten basieren, die sich informell abstimmen.

Claudia Sommer mit weißem Kittel im Labor
Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg hatte gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili aus Bochum die Federführung bei der vollständigen Überarbeitung der S2e-Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien. © Daniel Peter / Main-Post

Genomischer „Arztbrief“ gegen resistente Myelomzellen

Beim Multiplen Myelom hinterlassen Therapien genetische Spuren – ihr Nachweis entscheidet, welche Therapien erneut wirksam sein können

Die beiden Forschenden stehen auf der Terrasse der Medizinischen Klinik II des UKW, im Hintergrund der Helikopter-Landeplatz
Christine Riedhammer und Leo Rasche vom Myelomzentrum des Uniklinikums Würzburg zeigen in einer multizentrischen Studie, wie sich Resistenzmechanismen beim hepta-refraktären Multiplen Myelom mithilfe der Gesamtgenomsequenzierung entschlüsseln lassen. © Kirstin Linkamp / UKW
Die Grafik zeigt eine Zusammenfassung, Circos plot, der genetischen Veränderungen bei 17 Myelom-Patientinnen und -Patienten, deren Tumorerbgut mit Whole Genom Sequencing vollständig untersucht wurde. Schwarze Linien markieren größere Umbauten zwischen verschiedenen Chromosomen. Blaue Bereiche stehen für zusätzliche Kopien von Erbgut, rote für verlorenes Erbgut. Im äußeren Ring sind Gene mit wichtigen Mutationen (rot und schwarz) sowie Veränderungen mit noch unklarer Bedeutung (grau) an ihrer jeweiligen Position im Erbgut dargestellt. © Quelle: Riedhammer, C., Truger, M., Lee, H. et al. The evolution to hepta-refractory myeloma involves sequential loss of CD38, BCMA and GPRC5D. Leukemia (2026). https://doi.org/10.1038/s41375-026-02889-3
Hier wurde ein modifizierter Arztbrief eines Patienten mit hepta-refraktärem Myelom den Ergebnissen des Whole-Genome-Sequencing der Myelomzellen gegenübergestellt, um die therapiebedingten „Spuren” im Tumorerbgut zu verdeutlichen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen auch, warum manche Folgetherapien wirkungslos geblieben sind: Die Schlüsselantigene, die als Angriffspunkte für die jeweiligen Therapien dienen, waren nicht mehr intakt. © Christine Riedhammer / UKW

Forschende des Uniklinikums Würzburg zeigen in einer multizentrischen Studie, wie sich Resistenzmechanismen beim hepta-refraktären Multiplen Myelom mithilfe der Gesamtgenomsequenzierung entschlüsseln lassen. Die in der Fachzeitschrift Leukemia veröffentlichte Studie belegt: Sind Zielantigene wie BCMA oder GPRC5D noch vorhanden, kann eine erneute Immuntherapie wirksam sein – ein wichtiger Schritt hin zu präziserer Therapieentscheidung selbst nach sieben Vortherapien.

Würzburg. Was wie ein frustrierender Behandlungsmarathon klingt, ist laut Prof. Dr. Leo Rasche vom Myelomzentrum des Uniklinikums Würzburg (UKW) eine echte Erfolgsgeschichte. Denn früher gab es kaum wirksame Therapien für das Multiple Myelom. Heute sitzen Patientinnen und Patienten vor einem, die sieben verschiedene Medikamentenklassen erhalten haben: Je zwei Proteasom-Inhibitoren und Immunmodulatoren, monoklonale und bispezifische Antikörper sowie eine CAR-T-Zelltherapie. „Das heißt, sie haben schon viele Jahre mit der Erkrankung gelebt und sind dank der schonenderen, neuartigen Immuntherapien relativ fit“, sagt Rasche. Doch was ist zu tun, wenn der Patient nach der siebten Therapie ein Rezidiv hat, der Krebs zurückgekehrt ist und therapeutisch am Ende der Fahnenstange angelangt ist? Leo Rasche und sein Team in der Medizinischen Klinik II des UKW haben den Begriff hepta-refraktär eingeführt, also resistent gegen sieben (griech. hepta) wichtige Behandlungsarten. 

Rasche forscht bereits seit Langem an den Resistenzmechanismen, die solche Rückfälle antreiben. Das Verständnis dieser Mechanismen ist entscheidend für die Entwicklung geeigneter Behandlungsstrategien. „Wichtig ist jedoch, unsere Erkenntnisse aus dem Elfenbeinturm auf die Straße zu bringen. Das ist uns jetzt mit unserer neuesten Studie gelungen, in der wir Whole-Genome-Sequencing mit Immunhistochemie kombiniert haben“, freut sich Leo Rasche. 

Myelom-Therapien hinterlassen Spuren im Genom 

Gemeinsam mit Dr. Christine Riedhammer und Partnerinnen und Partnern aus Würzburg, München, Hamburg, Heidelberg und dem kanadischen Calgary konnte er zeigen, dass zahlreiche Therapien des Multiplen Myeloms Spuren im Genom der Tumorzellen hinterlassen. Mithilfe der Gesamtgenomsequenzierung ließen sich komplexe Vortherapien rekonstruieren – man könnte es einen genomischen Arztbrief nennen. „Tatsächlich können wir für einige Therapien ganz klar sagen, dass man diese nicht noch einmal einsetzen muss. Der Tumor ist definitiv resistent dagegen. Bei anderen konnten wir jedoch noch Angriffspunkte für eine erneute Therapie entdecken, sodass eine Wiederholung durchaus Sinn macht“, berichtet Christine Riedhammer. Die Hämatoonkologin teilt sich mit Marietta Truger die Erstautorenschaft der in der nature-Fachzeitschrift Leukemia veröffentlichten Erkenntnisse.

Insgesamt wurden 37 Patientinnen und Patienten, bei denen alle verfügbaren Therapien ausgeschöpft waren, in die multizentrische Studie aufgenommen. Bei 17 von ihnen führte das Münchner Leukämielabor (MLL) eine Ganzgenomsequenzierung durch. 

Antigenverlust und Mutation bei der Hälfte der Patienten

Die Ergebnisse zeigen, dass bei etwa der Hälfte der Patientinnen und Patienten die Tumorzellen selbst die Resistenz verursachen. Das bedeutet, dass der Tumor durch Mutationen dafür gesorgt hat, dass die Immuntherapie nicht mehr wirkt. In diesem Fall spricht man von tumorintrinsischer Resistenzentwicklung. Bei der anderen Hälfte sind die Mechanismen hingegen noch völlig ungeklärt. Möglicherweise liegen diese in der Epigentik, im Immunsystem oder in der Mikroumgebung, also den gesunden Zellen in der Umgebung des Tumors. An dieser Stelle gibt es noch viel zu entdecken. 

Sind Zielantigene BCMA oder GPRC5D auf den Myelomzellen noch intakt, kann die Immuntherapie ein zweites Mal gegeben werden

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die weitere Behandlung? Sind die Schlüsselantigene für die Immuntherapie noch intakt, kann diese ein zweites Mal gegeben werden. Das Protein BCMA ist der Angriffspunkt für CAR-T-Zellen und GPRC5D für einen bispezifischen Antikörper. „In unserer Kohorte am UKW haben alle Patientinnen und Patienten mit vorhandenen Antigenen auf die erneute Immuntherapie angesprochen und waren im Median neun Monate in Remission“, berichtet Christine Riedhammer. Bei der Therapie des Multiplen Myeloms gehe es letztendlich in erster Linie noch um eine Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität. 

Letztendlich veranschaulicht die Studie, wie dringend neue Therapien und genaue diagnostische Untersuchungen sind. Denn sie verdeutlicht noch einmal die genetische Komplexität des Multiplen Myeloms sowie die Tumor-Evolution. Jede Therapie, die die Tumorzelle überlebt, macht sie stärker. Die Tumorzelle kann immer leichter überleben und sich teilen, da sie die Tumorsuppressor-Gene sukzessive ausschaltet. Diese Gene sorgen normalerweise dafür, dass kein Tumor entsteht. „Dadurch wird die Biologie immer wilder und die Zellen immer entfesselter“, schildert Leo Rasche. Der Letztautor der Studie zeichnet das Bild einer völlig vernarbten, aber starken Myelomzelle, die durch den Kampf gegen die zahlreichen Medikamentenklassen noch stärker geworden ist. 

Hepta-refraktär ist das neue „Normal“ im klinischen Alltag 

In den letzten Jahrzehnten hat keine andere hämatologische Krebserkrankung mehr neue Medikamentenzulassungen erlebt als das Multiple Myelom, darunter einige der modernsten Wirkstoffklassen. Dennoch bleibt die Erkrankung bislang unheilbar. Patientinnen und Patienten, die gegenüber zwei immunmodulatorischen Substanzen (IMiDs), zwei Proteasom-Inhibitoren (PIs) und einem CD38-Antikörper resistent sind, werden als „penta-refraktär“ bezeichnet. Früher betrug ihr medianes Überleben nur 5,6 Monate. Durch das Aufkommen neuartiger Immuntherapien, wie CAR-T-Zellen und bispezifische T-Zell-aktivierende Antikörper (T-Cell Engagers, TCE), die gegen Plasmazell-Antigene wie BCMA und GPRC5D gerichtet sind, haben sich die Behandlungsergebnisse für diese Patientengruppe deutlich verbessert. Ein Drittel der Patientinnen und Patienten sind fünf Jahre nach der CAR-T-Zellbehandlung noch rezidivfrei. Bei den meisten Patienten konnten diese neuen Immuntherapien bislang jedoch kein dauerhaftes Überlebensplateau erreichen, viele erleiden letztlich einen Rückfall. Diese „hepta-refraktären“ Patienten (penta-refraktär plus Resistenz gegenüber BCMA- und GPRC5D-gerichteten Therapien) werden im klinischen Alltag zunehmend häufiger gesehen. Am UKW werden derzeit rund 40 hepta-refraktäre Patientinnen und Patienten betreut. Solange die Erkrankung nicht geheilt werden kann, wird dieses hepta-refraktäre Stadium laut Leo Rasche bald das neue „Normal“.

Publikation: Riedhammer, C., Truger, M., Lee, H. et al. The evolution to hepta-refractory myeloma involves sequential loss of CD38, BCMA and GPRC5D. Leukemia (2026). https://doi.org/10.1038/s41375-026-02889-3

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation 

Die beiden Forschenden stehen auf der Terrasse der Medizinischen Klinik II des UKW, im Hintergrund der Helikopter-Landeplatz
Christine Riedhammer und Leo Rasche vom Myelomzentrum des Uniklinikums Würzburg zeigen in einer multizentrischen Studie, wie sich Resistenzmechanismen beim hepta-refraktären Multiplen Myelom mithilfe der Gesamtgenomsequenzierung entschlüsseln lassen. © Kirstin Linkamp / UKW
Die Grafik zeigt eine Zusammenfassung, Circos plot, der genetischen Veränderungen bei 17 Myelom-Patientinnen und -Patienten, deren Tumorerbgut mit Whole Genom Sequencing vollständig untersucht wurde. Schwarze Linien markieren größere Umbauten zwischen verschiedenen Chromosomen. Blaue Bereiche stehen für zusätzliche Kopien von Erbgut, rote für verlorenes Erbgut. Im äußeren Ring sind Gene mit wichtigen Mutationen (rot und schwarz) sowie Veränderungen mit noch unklarer Bedeutung (grau) an ihrer jeweiligen Position im Erbgut dargestellt. © Quelle: Riedhammer, C., Truger, M., Lee, H. et al. The evolution to hepta-refractory myeloma involves sequential loss of CD38, BCMA and GPRC5D. Leukemia (2026). https://doi.org/10.1038/s41375-026-02889-3
Hier wurde ein modifizierter Arztbrief eines Patienten mit hepta-refraktärem Myelom den Ergebnissen des Whole-Genome-Sequencing der Myelomzellen gegenübergestellt, um die therapiebedingten „Spuren” im Tumorerbgut zu verdeutlichen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen auch, warum manche Folgetherapien wirkungslos geblieben sind: Die Schlüsselantigene, die als Angriffspunkte für die jeweiligen Therapien dienen, waren nicht mehr intakt. © Christine Riedhammer / UKW

Gemeinsam bewegen und Gutes tun

Der TV Marktbreit spendet an die Elterninitiative Regenbogen

Helmut Vetter, Erika Rupp und Tanja Vetter vom TV Marktbreit und Nadine Kempa von der Elterninitiative Regenbogen bei der Scheckübergabe.
Helmut Vetter, Erika Rupp und Tanja Vetter vom TV Marktbreit und Nadine Kempa von der Elterninitiative Regenbogen bei der Scheckübergabe (von links). Foto: Denise Lampert

Der TV 1861 Marktbreit e.V. unterstützt die Elterninitiative Regenbogen e.V. mit einer Spende in Höhe von 1.000€. Zusammengekommen ist dieser Betrag im Rahmen einer Gymnastikstunde, bei welcher der Turnverein für jeden Teilnehmer 10€ für den guten Zweck spendete. Zahlreiche Sportlerinnen und Sportler fanden sich am 27. Januar in der Turnhalle der Grundschule in Marktbreit ein und unterstützen die Aktion in Form von zusätzlichen Spenden. Trainerin Tanja Vetter zeigte sich überrascht von der Teilnehmerzahl, die ihre Erwartungen überstieg, und betonte im Gespräch mit der Elterninitiative die Hilfsbereitschaft der Teilnehmer. Vergangene Woche konnte der Spendenbetrag an die Elterninitiative Regenbogen übergeben werden. Mit der Spende unterstützt der TV Marktbreit das vielfältige Angebot der Elterninitiative für krebskranke Kinder und Jugendliche und deren Familien. Für sportliche Abwechslung sorgt die Elterninitiative auf den Kinderkrebsstationen des Uniklinikums mit der Finanzierung zweier Sporttherapeuten, die bei den Patienten für mehr Bewegung sorgen. Darüberhinaus begleitet die Elterninitiative verwaiste Eltern und Geschwister mit speziell auf diesen zugeschnittenen Angeboten wie gemeinsamen Wanderungen oder Gesprächskreisen.

Die Elterninitiative Regenbogen bedankt sich herzlich beim TV Marktbreit sowie allen Teilnehmern der Gymnastikstunde für ihre Unterstützung.

Text: Nadine Kempa für die Elterninitiative Regenbogen e.V.
 

Helmut Vetter, Erika Rupp und Tanja Vetter vom TV Marktbreit und Nadine Kempa von der Elterninitiative Regenbogen bei der Scheckübergabe.
Helmut Vetter, Erika Rupp und Tanja Vetter vom TV Marktbreit und Nadine Kempa von der Elterninitiative Regenbogen bei der Scheckübergabe (von links). Foto: Denise Lampert

Genetische Herzmuskelerkrankung ARVC: Experten, Ärzte und Betroffene im Austausch

ARVC erkennen, verstehen, behandeln und mit der seltenen Herzmuskelerkrankung leben: Hochkarätiges Fach- und Patientensymposium in Würzburg

Die meisten Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Vereins ARVC-Selbsthilfe e.V. bereichern die Würzburger Symposien zu Arrhythmogenen Kardiomyopathien am 6./7. März 2026 mit ihrer Expertise. Der Sprecher des Beirats, Eric Schulze-Bahr vom Universitätsklinikum Münster (hintere Reihe, 2. v. r.) moderiert gemeinsam mit Brenda Gerull (vordere Reihe, links) das Ärztesymposium. Die Düsseldorfer Sportkardiologin Susanne Berrisch-Rahmel (vorne rechts) referiert zum Beispiel über den jungen athletischen Patienten, Grundlagenforscherin. Larissa Fabritz vom UKE (hinten links) spricht u. a. über medikamentöse Therapien. Hendrik Milting (vorne, Mitte) aus Bad Oeynhausen beleuchtet die genetische Diagnostik. Eimo Martens aus München (2. Reihe, links) stellt bei dem von Ruth Biller (2. v.r.) organisierten ARVC-Symposium ICDs vor, Matthias Paul aus Münster (2. Reihe, 2. v.l.) leitet einen Workshop zu ARVC-Basics. © Andreas Reiter

Rund um den Tag der Seltenen Erkrankungen laden das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz und die ARVC-Selbsthilfe e. V. zu zwei kostenfreien Symposien über Arrhythmogene Kardiomyopathien in Würzburg ein - mit aktuellen Erkenntnissen zu Diagnostik und Therapie der seltenen, genetisch bedingten Herzmuskelerkrankung und Prävention des plötzlichen Herztods.

Würzburg. Wenn das Herz aus dem Takt gerät oder schwächer wird, kann eine seltene Erkrankung dahinterstecken: die arrhythmogene (rechtsventrikuläre) Kardiomyopathie (ARVC/ACM). Bei dieser genetisch bedingten, eher seltenen Herzmuskelerkrankung verändert sich der Herzmuskel – oft in der rechten, aber auch der linken Herzkammer – schleichend. Dabei wird gesundes Muskelgewebe durch Fett- und Bindegewebe ersetzt, was das Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz deutlich erhöht. Besonders tragisch ist, dass ARVC/ACM häufig junge, sportlich aktive Menschen betrifft und zu den wichtigsten Ursachen für den plötzlichen Herztod im jungen Erwachsenenalter zählt. Eine frühzeitige Diagnose und gezielte Betreuung können Leben retten.

Freitag: Ärztesymposium des DZHI „Arrhythmogene Kardiomyopathien (ACM): Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven“ 

Wann sollte man bei der Differentialdiagnostik an eine ARVC/ACM denken? Welche innovativen Therapien kommen in Frage? Und warum macht eine molekulare Autopsie Sinn? Diese und weitere Fragen werden beim Ärztesymposium „Arrhythmogene Kardiomyopathien (ACM): Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven“ am Freitag, dem 6. März, von 14 bis 18 Uhr im Hörsaal des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz (DZHI) auf dem Gelände des Uniklinikums Würzburg (UKW) beantwortet. „Wir werden viele interessante Themen besprechen, die auch für andere genetisch bedingte Kardiomyopathien und Herzrhythmusstörungen relevant sind. Neben der klinischen und genetischen Diagnostik sowie aktuellen Therapien stehen auch Aspekte wie Sport und psychokardiologische Aspekte auf der Agenda“, kündigt Prof. Dr. Brenda Gerull an. Die Kardiologin der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des UKW leitet das Department für Kardiovaskuläre Genetik am DZHI. Für das Symposium konnte sie zahlreiche hochkarätige Referentinnen und Referenten aus ganz Deutschland gewinnen und freut sich über einen regen Austausch, der am nächsten Tag um den Kreis der Patientinnen und Patienten erweitert wird. 

Samstag: Symposium der ARVC-Selbsthilfe e. V. für Betroffene, Angehörige und Interessierte 

Am 7. März findet im DZHI nämlich das erste Würzburger ARVC-Symposium des Vereins ARVC-Selbsthilfe e. V. statt. Die Organisation hat federführend die Vorstandsvorsitzende und Gründerin des Vereins, Dr. Ruth Biller, übernommen. „Als unsere älteste Tochter Judith 2011 aus vermeintlich völliger Gesundheit heraus am plötzlichen Herztod verstarb, wurde mein Leben, das ich bis dahin auf der Sonnenseite verbracht hatte, komplett auf den Kopf gestellt. Die Diagnose ARVC erhielt unsere Familie erst ein Jahr später nach einer in dieser Situation extrem belastenden Odyssee“, erzählt sie und fügt hinzu: „Heute trage ich auf vielfältigen Wegen mit der ARVC-Selbsthilfe dazu bei, die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verbessern, ihnen ein ähnliches Familienschicksal zu ersparen und eine Zukunftsperspektive zu bieten.“ Dafür vernetzt sie sich national und international mit Expertinnen und Experten aus Klinik, Praxis und Forschung sowie mit anderen Patientenorganisationen.

Veranstaltung rund um den Tag der Seltenen Erkrankungen

Ruth Biller und Brenda Gerull, die im wissenschaftlichen Beirat der ARVC-Selbsthilfe aktiv ist, versprechen einen abwechslungsreichen Tag mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und erstmalig Workshops und Live-Q&A-Sessions für Betroffene und Angehörige. Durch den Tag führt die Moderatorin Ulrike Ostner vom Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, „Notizbuch/Gesundheitsgespräch“). Die Veranstaltung, die bewusst um den Tag der Seltenen Erkrankungen am 28. Februar gelegt wurde, wird finanziell vom BKK-Dachverband und dem European Reference Network (ERN GUARD-Heart) unterstützt. 

Die Teilnahme an beiden Veranstaltungen ist kostenfrei. Für das Ärztesymposium, das mit vier Fortbildungspunkten zertifiziert wird, ist keine Anmeldung erforderlich. Für das ARVC-Symposium gibt es bereits weit über 100 Anmeldungen, sodass inzwischen eine Warteliste geführt wird. Interessierte können auf der Webseite arvc-selbsthilfe.org und unter der E-Mail-Adresse info@arvc-selbsthilfe.org weitere Informationen einholen.

Programm des Ärztesymposiums

Programm des ARVC-Symposiums

Die meisten Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Vereins ARVC-Selbsthilfe e.V. bereichern die Würzburger Symposien zu Arrhythmogenen Kardiomyopathien am 6./7. März 2026 mit ihrer Expertise. Der Sprecher des Beirats, Eric Schulze-Bahr vom Universitätsklinikum Münster (hintere Reihe, 2. v. r.) moderiert gemeinsam mit Brenda Gerull (vordere Reihe, links) das Ärztesymposium. Die Düsseldorfer Sportkardiologin Susanne Berrisch-Rahmel (vorne rechts) referiert zum Beispiel über den jungen athletischen Patienten, Grundlagenforscherin. Larissa Fabritz vom UKE (hinten links) spricht u. a. über medikamentöse Therapien. Hendrik Milting (vorne, Mitte) aus Bad Oeynhausen beleuchtet die genetische Diagnostik. Eimo Martens aus München (2. Reihe, links) stellt bei dem von Ruth Biller (2. v.r.) organisierten ARVC-Symposium ICDs vor, Matthias Paul aus Münster (2. Reihe, 2. v.l.) leitet einen Workshop zu ARVC-Basics. © Andreas Reiter

Neuer Hybrid-Operationssaal erfolgreich im Einsatz

Mehr Sicherheit, kürzere Wege und präzisere Eingriffe: Hybrid-OP des UKW vereint Bildgebung und operative Therapie

Der 66 Quadratmeter große Hybrid-OP wird von verschiedenen Klinikbereichen des UKW genutzt. © Kim Sammet / UKW
Der 66 Quadratmeter große Hybrid-OP wird von verschiedenen Klinikbereichen des UKW genutzt. Auf dem Bild: Dr. Khaled Hamouda, Prof. Stefan Frantz, Privatdozent Frank Schönleben, Kristin Uhl. © Kim Sammet / UKW
OP-Pflegekraft Ayse Ceylan steuert die neue Röntgenanlage im Hybrid-OP des UKW. © Kim Sammet / UKW
OP-Pflegekraft Ayse Ceylan steuert die neue Röntgenanlage im Hybrid-OP des UKW. © Kim Sammet / UKW
Einblicke in den neuen Hybrid-OP am UKW

Würzburg. Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) wird nun in einem neuen Hybrid-Operationssaal operiert. Der 66 Quadratmeter große Raum vereint modernste hochauflösende radiologische Bildgebung und voll ausgestattete operative Infrastruktur.

Ein konkretes Beispiel: Bei einem Aortenaneurysma, einer potenziell lebensbedrohlichen Erweiterung der Hauptschlagader, ist die exakte und zügige Platzierung eines Stents zur Stabilisierung der Arterie und Ausschaltung des Aneurysmas entscheidend für den Behandlungserfolg. Gefäßchirurginnen und -chirurgen implantieren diesen Stent im Hybrid-OP. Dank integrierter Echtzeit-Bildgebung lassen sich dessen Platzierung und der Blutfluss unmittelbar kontrollieren – ohne Umlagerung des Patienten und ohne Zeitverlust zwischen Diagnostik und Therapie.

„Mit unserem neuen Hybrid-OP setzen wir Maßstäbe in der intraoperativen Diagnostik und Behandlung. Er stärkt die interdisziplinäre Zusammenarbeit und ermöglicht hochkomplexe Eingriffe auf universitärem Spitzenniveau“, sagt Prof. Dr. Tim J. von Oertzen, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKW.

Die parallele Durchführung von Diagnostik und Therapie hat spürbare Vorteile für Patientinnen und Patienten sowie für die Behandlungsteams, darunter kürzere Eingriffszeiten, maximale Präzision durch Echtzeit-Bildgebung, der größtmögliche Erhalt gesunden Gewebes und zusätzliche Sicherheit durch direkte intraoperative Kontrollmöglichkeiten. 

Umbau und Modernisierung in Eigenregie

Im April 2025 begann unter der Leitung des Geschäftsbereichs „Technik und Bau“ des UKW der Umbau des spezialisierten Operationsbereichs. Dabei wurde der Hybrid-OP in den zentralen OP-Bereich des Zentrums für Operative Medizin integriert. Zudem wurde auch ein großer Teil des Operationstrakts modernisiert und reorganisiert. Nach einer Bauzeit von neun Monaten ging der neue Hybrid-Operationssaal am 19. Januar 2026 erfolgreich in Betrieb.

Mit dem Umzug wurde die technische Ausstattung des Hybrid-OP‘s modernisiert und deutlich erweitert. Die Bildgebung erfolgt nun über einen flexibel steuerbaren, bodengebundene Roboterarm, während früher eine fest an der Decke montierte Anlage genutzt wurde. „Die neue Bauart ermöglicht eine optimale Flächennutzung, optisch ähnelt der Hybrid-OP einem konventionellen OP-Saal“, erläutert Dr. András K. Szabó, Leiter des OP-Managements am UKW. „Dadurch finden sich die unterschiedlichen chirurgischen Teams schnell zurecht und der Saal kann sehr flexibel für verschiedene Eingriffe genutzt werden.“ 

Flexible Nutzung für mehrere Fachdisziplinen 

Der Hybrid-OP wird für Eingriffe der Gefäßchirurgie sowie gemeinsame Eingriffe der Kardiologie und Herzchirurgie genutzt. Perspektivisch wird auch die Unfallchirurgie des UKW im Hybrid-OP operieren.

„Bei kathetergestützten Herzklappentherapien werden die Herzklappen in der Mehrzahl der Fälle über die Leistenarterie eingebracht. Wir haben also bei der Implantation keine direkte Sicht auf die zu ersetzende Klappe, sondern sind auf präzise Bildinformationen angewiesen. Gleichzeitig wird aber das komplette Arbeitsumfeld eines OP-Saals benötigt; in seltenen Fällen muss auch einmal auf einen offenen Eingriff gewechselt werden. Der Hybrid-OP ist also das ideale Arbeitsumfeld, um modernste Herzklappen exakt und sicher zu implantieren“, betont Prof. Dr. Stefan Frantz, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I.

„Mit dem neuen robotergestützten Angiografie-System im Hybrid-OP können wir unsere Patientinnen und Patienten noch gezielter und schonender behandeln. Insbesondere bei komplexen arteriellen Erkrankungen wie Aneurysmen unterstützt die Anlage wie ein Navigationssystem dabei, die notwendigen Prothesen punktgenau an den betroffenen Stellen einzusetzen. Die neu angeschaffte Röntgenanlage lässt sich sehr präzise steuern und liefert hervorragende Bilder. Diese exzellenten Rahmenbedingungen tragen wesentlich zu einer gesteigerten Patientensicherheit bei“, ergänzt Privatdozent Dr. Frank Schönleben, Leiter der Gefäßchirurgie in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie des UKW.

Verbesserte Arbeitsbedingungen für OP-Pflegekräfte

In der OP-Schleuse wurde im Zuge der Umbauarbeiten ein deckenmontierter Patientenlifter installiert. Dieser erleichtert das Umlagern narkotisierter Patientinnen und Patienten zwischen Klinikbett und OP-Tisch. „Der Lifter ermöglicht den Pflegekräften rückenschonendes und sicheres Arbeiten und gewährleistet zugleich ein hohes Maß an Patientensicherheit“, erklärt Kristin Uhl, Gesamtleitung der OP-Pflege im Zentral-OP.

Weitere Informationen zum Zentral-OP und weiteren OP-Bereichen des UKW

Im Zentral-OP des Zentrums für Operative Medizin operieren fünf Kliniken des UKW in 18 Operationssälen:

  • die Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie,
  • die Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie,
  • die Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie,
  • die Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie und
  • die Medizinische Klinik I.

Weitere OP-Bereiche des UKW befinden sich in der Kopfklinik (Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Neurochirurgie und Augenklinik), der Frauenklinik, der Dermatologie sowie in der Mund-, Kiefer- und Plastischen Gesichtschirurgie.

Weitere Stimmen zum neuen Hybrid-OP 

  • „Wie der Name schon sagt, vereint der Hybrid-Saal die Vorteile einer chirurgischen Operation mit denen einer röntgengeführten Intervention. Dadurch können unsere Patientinnen und Patienten noch schonender und effizienter behandelt werden.“ – Dr. Khaled Hamouda, Stellvertretender Direktor der Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie
  • „Aus anästhesiologischer Sicht ist der Hybrid-OP ein zentraler Baustein moderner Hochleistungsmedizin. Die Kombination aus Raum, Technologie und interdisziplinärer Zusammenarbeit schafft die Grundlage für eine individualisierte, hochpräzise Patientenversorgung.“ - Privatdozent Dr. Maximilan Kippnich, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie
  • „Da der OP-Betrieb uneingeschränkt weiterlaufen musste, wurden die Bauarbeiten für den neuen Hybrid-Operationssaal während des laufenden Betriebs realisiert. Das erforderte eine präzise Abstimmung aller Beteiligten sowie ein hohes Maß an Flexibilität. Zusätzlich zu den ausführenden Gewerken waren phasenweise mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden unserer Bauabteilung parallel im Projekt eingebunden.“ – Bertram Bräutigam, Leiter der Abteilung „Bau“ im Geschäftsbereich Technik und Bau
  • „Für die erfolgreiche Neugestaltung des Hybrid-OP‘s war vor allem das fachübergreifende Miteinander während der gesamten Projektdauer entscheidend. Nur durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Vorstand, Ärzteschaft, Pflege, Einkauf, Planern und Technikern konnte das Projekt im vorgesehenen Zeitplan umgesetzt werden.“ – Jörn Braungardt, Leiter des Geschäftsbereichs Technik und Bau
  • „Die minimalinvasive, Katheter-basierte Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Herzklappenerkrankungen gehört zu den großen medizinischen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre. Gerade ältere, aber zunehmend auch jüngere Erkrankte profitieren maximal von einer stetig wachsenden Anzahl hocheffektiver, schonender Therapieverfahren. Der neue Hybrid-OP setzt hier neue Maßstäbe, um in diesem wichtigen Behandlungsfeld auch für die Zukunft die bestmögliche Therapie für unsere Patientinnen und Patienten am UKW zu ermöglichen.“ – Privatdozent Dr. Peter Nordbeck, Leiter der Kardiologie und des Herzkatheterlabors in der Medizinischen Klinik I

 

Text: Annika Wolf / UKW

Einblicke in den neuen Hybrid-OP am UKW

„Startschuss für Generationenvorhaben am Universitätsklinikum Würzburg“

Das bayerische Kabinett hat am 24. Februar den Startschuss für ein echtes Generationenvorhaben am Universitätsklinikum Würzburg gegeben

Das Modell zeigt den ersten Bauabschnitt für das Erweiterungsgelände Nord am UKW. Fotonachweis: H.-P. Wuthenow
Das Modell zeigt den ersten Bauabschnitt für das Erweiterungsgelände Nord am UKW. Fotonachweis: H.-P. Wuthenow

Schweinfurt/München. „Das bayerische Kabinett hat heute den Startschuss für ein echtes Generationenvorhaben am Universitätsklinikum Würzburg gegeben: Nordbayerns größte Baumaßnahme kann im Herbst starten! Dann beginnen die Bauarbeiten auf dem Erweiterungsgelände Nord mit der ersten Erschließungsmaßnahme. 116 Millionen Euro planen wir dafür ein. Die Hochbaumaßnahmen des ersten Bauabschnitts können dann ab 2029 folgen“, betont Wissenschaftsminister Markus Blume nach der heutigen Kabinettssitzung in Schweinfurt. „Damit senden wir das klare Signal in die Region: Die bayerische Staatsregierung steht zur Weiterentwicklung des Universitätsklinikums Würzburg und treibt den Ausbau kraftvoll voran“, so Blume. Eine Zustimmung des Haushaltsausschusses im Bayerischen Landtag zu den vorgezogenen Erschließungsmaßnahmen wird zeitnah eingeholt. 

Die Erschließung des Geländes ist Voraussetzung für die weitere Umsetzung des ersten Bauabschnitts. Die Vorabmaßnahme beinhaltet u.a. den notwendigen Oberbodenabtrag und Teilaushub, einen Interimsparkplatz, einen Interims-Hubschrauberlandeplatz, die Errichtung von Trafostationen zur Baustromversorgung, die Herstellung von Baustraßen außerhalb des Baufeldes und die Verlegung von Wasser-, Gas- und Wärmwärmeleitungen.

Wissenschaftsminister Blume weiter: „Die Weiterentwicklung des Universitätsklinikums Würzburg ist ein Vorzeigeprojekt der universitären Spitzenmedizin. Auch künftig wollen wir dort für die kommenden Generationen eine hochwertige medizinische und zeitgemäße Patientenversorgung gewährleisten und Forschung und Lehre auf höchstem Niveau anbieten. Dafür braucht es in zwei Bauabschnitten die Erweiterung des Universitätsklinikums im Stadtteil Grombühl.“

Der erste Bauabschnitt sieht Neubauten für das Kopfklinikum, das Zentrum Frauen-Mutter-Kind und auch eine Energiezentrale vor. Dort ist die Unterbringung der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Augenklinik, Frauenheilkunde, Operationssäle, Intensivpflege sowie Zentraleinrichtungen vorgesehen. Der zweite Bauabschnitt soll neben Planbetten u.a. Notaufnahme, Kinderchirurgie und -urologie, Kinder- und Jugendmedizin, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Neurochirurgie, Neurologie, Neuroradiologie und einen OP-Bereich beherbergen.

Quelle: Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst vom 24.02.2026

Das Modell zeigt den ersten Bauabschnitt für das Erweiterungsgelände Nord am UKW. Fotonachweis: H.-P. Wuthenow
Das Modell zeigt den ersten Bauabschnitt für das Erweiterungsgelände Nord am UKW. Fotonachweis: H.-P. Wuthenow