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Hoffnungsträger Vitamin C enttäuscht in großer Verbrennungsstudie

Multizentrische VICToRY-Studie zu hochdosiertem Vitamin C zeigt keinen Nutzen bei schweren Verbrennungen und deutet auf mögliche Risiken hin

Christian Stoppe am Rednerpult beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast
Prof. Dr. Christian Stoppe stellte als Erstautor und Leiter der Victory-Studie die Ergebnisse am 10. Juni 2026 beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast vor. Zeitgleich wurde die Studie im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht. © Patrick Meybohm / UKW
Christian Stoppe stellt Studie beim Critical Care Reviews Meeting vor, Aufnahme von Zuschauern im edlen Raum in Belfast
Das Critical Care Reviews Meeting (CCR) ist eine der bekanntesten internationalen Fortbildungsveranstaltungen für Intensivmedizin. Es wird jährlich in Belfast (Nordirland) veranstaltet und gilt als besonders evidenzorientiert, da dort wichtige neue Studien aus der Intensivmedizin vorgestellt und ausführlich diskutiert werden.
4 Porträts im Polaroid-Format sowie Logo der Studie und Illustration einer Vitamin-C-Infusion
Für das Projektmanagement und die Koordination der deutschen Zentren waren neben dem Studienleiter und Erstautor Prof. Christian Stoppe auch Dr. Ellen Dresen, Prof. Patrick Meybohm und Carina Güttler vom UKW verantwortlich. Collage: UKW / erstellt mit Canva

Eine internationale, randomisierte klinische Studie unter der Leitung des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und der kanadischen Queen’s University in Kingston kommt jetzt zu einem klaren Ergebnis: Hochdosiertes intravenöses Vitamin C verbessert bei Schwerbrandverletzten weder Überleben noch Organdysfunktion und könnte möglicherweise sogar schädlich sein.

Würzburg. Schwere Verbrennungen lösen eine massive Entzündungsreaktion sowie oxidativen Stress aus. Vitamin C gilt als starkes Antioxidans und wird seit Jahrzehnten in der Behandlung von Verbrennungsopfern diskutiert. Bisherige kleinere Studien hatten positive Effekte gezeigt, etwa einen geringeren Flüssigkeitsbedarf. Aufgrund dieser vielversprechenden, aber unsicheren Datenlage empfehlen einige internationale Leitlinien die Gabe von hochdosiertem Vitamin C, allerdings fehlt hierfür eine belastbare Evidenz aus großen randomisierten Studien.

Internationale Leitlinien sollen neue Erkenntnisse berücksichtigen und Empfehlungen überdenken

„Die Empfehlungen der Leitlinien sollten dringend überdacht werden“, mahnt Prof. Dr. Christian Stoppe, Studienleiter und Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW). Gemeinsam mit der Queen’s University in Kingston (Kanada) hat das Würzburger Team in der internationalen, randomisierten klinischen StudieVICToRY (VItamin C in Thermal injuRY) den Einsatz von hochdosiertem Vitamin C bei schweren Verbrennungen untersucht. Die am 10. Juni 2026 beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast vorgestellten und zeitgleich im renommierten Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichten Ergebnisse sind eindeutig: Hochdosiertes intravenöses Vitamin C verbessert das Überleben oder die Organdysfunktion bei schwerbrandverletzten Patientinnen und Patienten nicht – und könnte sogar schädlich sein.

Sterberisiko unter Vitamin C mehr als doppelt so hoch

Insgesamt nahmen 238 Erwachsene mit schweren Verbrennungen von mindestens einem Fünftel ihrer gesamten Hautoberfläche an der Studie teil. Die Patienten wurden in 24 Zentren in Nord-, Zentral- und Südamerika, Europa und Asien nach dem Zufallsprinzip entweder mit hochdosiertem intravenösem Vitamin C (50 mg pro Kilogramm Körpergewicht) behandelt, das über 96 Stunden hinweg alle sechs Stunden verabreicht wurde, oder mit einem Placebo. Es zeigte sich kein Vorteil durch die Behandlung mit Vitamin C. Im Gegenteil: Der wichtigste untersuchte Endpunkt – die 28-Tage-Sterblichkeit und anhaltende Organdysfunktion, beispielsweise Beatmung, Nierenersatztherapie oder Kreislaufunterstützung – trat sogar häufiger bei den Personen auf, die Vitamin C erhielten, als bei denen, die ein Placebo erhielten (40,8 % gegenüber 29,7 %).

Besonders auffällig war die Sterblichkeit innerhalb der ersten 28 Tage: In der Vitamin-C-Gruppe starben 15 Prozent der Patienten, in der Placebogruppe waren es nur 7,6 Prozent. Das Sterberisiko war somit unter Vitamin C mehr als doppelt so hoch. Auch die Sterblichkeit während des gesamten Krankenhausaufenthalts war in der Vitamin-C-Gruppe höher (23,3 % gegenüber 16,1 %). Zudem mussten Patienten, die Vitamin C erhielten, häufiger mit einer Nierenersatztherapie, beispielsweise einer Dialyse, behandelt werden (10,8 % gegenüber 5,9 %). Dieser Unterschied könnte allerdings auch zufällig zustande gekommen sein, da er statistisch nicht eindeutig abgesichert war.

Nach einer geplanten Zwischenanalyse wurde die Studie vorzeitig beendet, da die Ergebnisse darauf hindeuteten, dass die Behandlung keinen Nutzen erwarten ließ und potenziell mit Schäden verbunden sein könnte. Ein unabhängiges Überwachungsgremium empfahl daraufhin, die Studie abzubrechen.

„Vitamin C in der aktuellen Dosierung kann nicht empfohlen werden“

„Unsere Studie liefert erstmals hochwertige, randomisierte Evidenz zu hochdosiertem Vitamin C bei schweren Verbrennungen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Therapie ist nicht wirksam und möglicherweise sogar schädlich. Sie sollte daher nicht routinemäßig eingesetzt werden“, erklärt Christian Stoppe. Laut Stoppe passen die Ergebnisse zu der kürzlich publizierten LOVIT-Studie bei septischem Schock, die mit dem gleichen Vitamin-C-Schema ebenfalls einen Schadenshinweis zeigte. Damit liegen nun zwei große, randomisierte Studien aus unterschiedlichen intensivmedizinischen Bereichen vor, die den Einsatz von hochdosiertem Vitamin C infrage stellen. Internationale Leitlinien sollten Stoppe zufolge diese neuen Erkenntnisse dringend berücksichtigen.

Begrenzte Ressourcen auf nachweislich wirksame Maßnahmen lenken

„Angesichts weltweit steigender regulatorischer Anforderungen und begrenzter Ressourcen ist es umso wichtiger, dass eine so große internationale Studie endlich Klarheit schafft. Wir hoffen, dass unsere Arbeit dazu beiträgt, Patientinnen und Patienten vor einer unwirksamen und potenziell gefährlichen Therapie zu schützen und die begrenzten Ressourcen auf nachweislich wirksame Maßnahmen zu lenken“, erklärt Prof. Dr. Patrick Meybohm, Direktor der Klinik für Anästhesiologie abschließend. Zukünftig sollen internationale Kooperationen und Forschungsinfrastrukturen weiter ausgebaut sowie gemeinsame Studienplattformen etabliert werden, um die hochwertige klinische Forschung zu stärken. Gleichzeitig wird ein personalisierter Ansatz verfolgt, der eine gezielte Identifikation von Patientinnen und Patienten ermöglicht, die von einer spezifischen Therapie profitieren.

Große internationale Zusammenarbeit

Die VICToRY-Studie wurde im Rahmen des Military Burn Research Program des US‑Verteidigungsministeriums gefördert, unterstützt durch die Lotte & John Hecht Memorial Foundation (Kanada) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG, STO1099/10-1). Kooperationspartner waren die Queen’s University, Kingston (Kanada), die U.S. Army sowie mehr als 20 weitere internationale Zentren. Für das Projektmanagement und die Koordination der deutschen Zentren waren neben Prof. Christian Stoppe auch Dr. Ellen Dresen, Prof. Patrick Meybohm und Carina Güttler vom UKW verantwortlich.

Publikation: Stoppe C, Hill A, Cancio LC, et al. High‑Dose Intravenous Vitamin C and Mortality and Organ Dysfunction in Severe Burn Injury: The VICToRY Randomized Clinical Trial. JAMA. 2026. doi: 10.1001/jama.2026.10616 

Christian Stoppe am Rednerpult beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast
Prof. Dr. Christian Stoppe stellte als Erstautor und Leiter der Victory-Studie die Ergebnisse am 10. Juni 2026 beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast vor. Zeitgleich wurde die Studie im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht. © Patrick Meybohm / UKW
Christian Stoppe stellt Studie beim Critical Care Reviews Meeting vor, Aufnahme von Zuschauern im edlen Raum in Belfast
Das Critical Care Reviews Meeting (CCR) ist eine der bekanntesten internationalen Fortbildungsveranstaltungen für Intensivmedizin. Es wird jährlich in Belfast (Nordirland) veranstaltet und gilt als besonders evidenzorientiert, da dort wichtige neue Studien aus der Intensivmedizin vorgestellt und ausführlich diskutiert werden.
4 Porträts im Polaroid-Format sowie Logo der Studie und Illustration einer Vitamin-C-Infusion
Für das Projektmanagement und die Koordination der deutschen Zentren waren neben dem Studienleiter und Erstautor Prof. Christian Stoppe auch Dr. Ellen Dresen, Prof. Patrick Meybohm und Carina Güttler vom UKW verantwortlich. Collage: UKW / erstellt mit Canva

Enterokokken im Trinkwasser: Sichere Patientenversorgung am UKW durch hohe Präventionsstandards

Sterilfilter in sensiblen Bereichen

Das UKW setzt aktuell aufgrund der Verunreinigung des Trinkwassers in Würzburg umfangreiche Präventionsmaßnahmen um. Foto: UKW
Das UKW setzt aktuell aufgrund der Verunreinigung des Trinkwassers in Würzburg umfangreiche Präventionsmaßnahmen um. Foto: UKW

Würzburg. Aufgrund des Nachweises einer bakteriologischen Verunreinigung mit Enterokokken in der Trinkwasserversorgung Würzburg hat das Universitätsklinikum Würzburg (UKW) seine Klinikbereiche unmittelbar am 10. Juni über die bestehenden Schutzmaßnahmen am UKW informiert. Die Patientenversorgung am UKW ist nicht beeinträchtigt. Das UKW setzt aktuell umfangreiche Präventionsmaßnahmen um.

Sterilfilter in sensiblen Bereichen

Zu den Maßnahmen zählt u.a., dass pflegerische und ärztliche Handlungen nur nach Wasser-Entnahme aus Quellen mit Legionellenfilter durchzuführen sind. Diese stehen im Klinikum ausreichend zur Verfügung. Die Wundversorgung wird gemäß des bestehenden Behandlungsstandards am UKW wie bisher ausschließlich mit sterilem Wasser durchgeführt. Besonders sensible Bereiche der Patientenversorgung sind mit zusätzlichen Sterilfiltern geschützt.

Zudem stehen auf den Stationen des UKW Trinkbrunnen zur Verfügung, die mit entsprechenden Filtern ausgestattet sind und genutzt werden können. Auch die Speisenversorgung am UKW ist durch die bestehenden Arbeitsabläufe bei der Zubereitung sichergestellt. 

Eigene Wasserproben veranlasst

Das UKW steht zudem im Austausch mit dem Wasserversorger, um weitere Informationen zu erhalten. Als ergänzende Sicherheitsmaßnahme führt das UKW eigene Wasserproben an verschiedenen Stellen auf dem Medizin-Campus durch. Diese Ergebnisse liegen aktuell noch nicht vor.

Hintergrund „Enterokokken“.

Enterokokken sind Teil der normalen Darmflora von Mensch und Tier. Allerdings können Enterokokken, z. B. bei immunsupprimierten Patienten, auch Wund- und Blutstrominfektionen auslösen. Enterokokken zeichnen sich durch eine hohe Umweltstabilität und natürliche Resistenzen gegen einige Antibiotikaklassen aus. 

Das UKW setzt aktuell aufgrund der Verunreinigung des Trinkwassers in Würzburg umfangreiche Präventionsmaßnahmen um. Foto: UKW
Das UKW setzt aktuell aufgrund der Verunreinigung des Trinkwassers in Würzburg umfangreiche Präventionsmaßnahmen um. Foto: UKW

„Pionier der Myelomforschung“: Hermann Einsele mit internationalem Lebenswerkpreis geehrt

Der Würzburger Hämatologe erhält in Stockholm den Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award für seine wegweisende Rolle in der Entwicklung moderner Myelomtherapien

Hermann Einsele hält eine Rede am Rednerpult
Hermann Einsele erhielt am 9. Juni in Stockholm von der International Myeloma Foundation (IMF) den Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award für seine wegweisende Rolle in der Entwicklung moderner Myelomtherapien. © International Myeloma Foundation
Hermann Einsele steht mit Preis und Kollegen vor einer Leinwand mit Bild, das ihn würdigt.
Hermann Einsele freut sich über die Auszeichnung, die "nicht nur mir allein gehört, sondern einem gesamten Team hervorragender Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studienleiterinnen und Studienleiter sowie Pflegekräfte in Würzburg, die mit außergewöhnlichem Engagement daran arbeiten, die Behandlung unserer Patientinnen und Patienten wirksamer und verträglicher zu gestalten", so der Preisträger. © International Myeloma Foundation
Hermann Einsele hält Urkunde in den Händen und strahlt in die Kamera
Wenige Tage vor dem Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award, am 4. Juni 2026, wurde Hermann Einsele in Piacenza (Italien) für seine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Beiträge zum Verständnis, zur Diagnose und zur Behandlung des Multiplen Myeloms mit dem Francesca Cassinelli Award 2025 ausgezeichnet. © Fondazione di Piacenza e Vigevano
Stimmen aus Würzburg zur Auszeichnung

Prof. Dr. Hermann Einsele wurde am 9. Juni 2026 im Rahmen des 17. Kongresses der International Myeloma Working Group (IMWG) in Stockholm mit dem Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award der International Myeloma Foundation geehrt. Die International Myeloma Working Group ist ein globales Netzwerk führender Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet. Der nach seinem ersten Preisträger benannte Preis würdigt Personen, deren Lebenswerk auf dem Gebiet des Multiplen Myeloms wesentliche Fortschritte in Forschung, Behandlung und Patientenversorgung ermöglicht hat. Wenige Tage zuvor, am 4. Juni 2026, wurde Hermann Einsele in Piacenza (Italien) für seine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Beiträge zum Verständnis, zur Diagnose und zur Behandlung des Multiplen Myeloms mit dem Francesca Cassinelli Award ausgezeichnet.

Stockholm/Würzburg. Er gilt als Pionier und Visionär, ist einer der einflussreichsten und angesehensten Wissenschaftler der Universitätsmedizin Würzburg, ein weltweit geschätzter Netzwerker und ein herausragender Mentor. Er hat Generationen von Klinikern und Wissenschaftlern inspiriert und motiviert und ist ein unermüdlicher Fürsprecher für die Belange der Patientinnen und Patienten. Das ist Prof. Dr. Hermann Einsele, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW). 

Der Internist, Hämatologe und Onkologe ist ein international anerkannter Experte auf dem Gebiet des Multiplen Myeloms und forscht zu den Themen CAR-T-Zell-Therapie, bispezifische Antikörper, adoptive Immuntherapie und Stammzelltransplantation. Mit seiner Arbeit hat er die Versorgung von Patientinnen und Patienten nachhaltig verbessert und das wissenschaftliche Verständnis der Erkrankung maßgeblich geprägt. Für dieses herausragende Lebenswerk erhielt er am 9. Juni 2026 in Stockholm den Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award.

Der Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award ist eine der höchsten internationalen Auszeichnungen in der Myelom-Forschung. Seit 2003 wird er von der International Myeloma Foundation an Persönlichkeiten verliehen, die durch jahrzehntelange wissenschaftliche und klinische Arbeit entscheidend zum Fortschritt in der Diagnose und Behandlung des Multiplen Myeloms beigetragen haben. Das Multiple Myelom ist eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks. Der Preis ist benannt nach dem ersten Preisträger, Robert A. Kyle, einem Pionier der Myelomforschung.

„Diese Auszeichnung gehört nicht nur mir, sondern einem gesamten Team“

„Es ist eine große Ehre, diesen prestigeträchtigen Preis zu erhalten, insbesondere, da er den Namen eines Giganten auf dem Gebiet des Multiplen Myeloms trägt: Robert Kyle. Ich bin ihm zutiefst dankbar für seine Vorbildfunktion für Generationen von Myelom-Forschern, seine unermüdliche Hingabe an seine Patienten und seine feste Überzeugung, dass Forschung letztlich den Patienten zugutekommen muss“, kommentiert Hermann Einsele die Auszeichnung. Er ergänzt: „Diese Auszeichnung gehört nicht mir allein, sondern einem gesamten Team hervorragender Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studienleiterinnen und Studienleiter sowie Pflegekräfte in Würzburg, die mit außergewöhnlichem Engagement daran arbeiten, die Behandlung unserer Patientinnen und Patienten wirksamer und verträglicher zu gestalten. Mein besonderer Dank gilt auch den vielen Kolleginnen und Kollegen der internationalen Myelom-Gemeinschaft, deren Vertrauen, Zusammenarbeit, Unterstützung und Freundschaft diesen Erfolg ermöglicht haben.“

„Prof. Einseles Pionierarbeit in der Immun- und Zelltherapie hat die Behandlungsmöglichkeiten weltweit neu definiert“ 

In Stockholm wurde neben dem Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award auch der Brian G. M. Durie Outstanding Achievement Award verliehen. Die diesjährige Preisträgerin ist Prof. Dr. Noopur Raje. Sie ist Direktorin des Center for Multiple Myeloma, Inhaberin des Rita M. Kelley Chair in Oncology am Massachusetts General Hospital Cancer Center und Professorin für Medizin an der Harvard Medical School. Raje zählt weltweit zu den führenden Expertinnen für Multiples Myelom und Plasmazellerkrankungen.

Der Vorsitzende des Vorstands des International Myeloma Foundation (IMF), Dr. S. Vincent Rajkumar, würdigte beide Preisträger: „Prof. Einsele und Prof. Raje haben das Gebiet des Multiplen Myeloms durch bahnbrechende wissenschaftliche Führungsarbeit, außergewöhnliche klinische Expertise und ihr unerschütterliches Engagement für die Patienten nachhaltig geprägt. Prof. Einseles Pionierarbeit in der Immun- und Zelltherapie hat die Behandlungsmöglichkeiten weltweit neu definiert, während Prof. Rajes Führungsrolle in der translationalen Forschung und bei innovativen Therapien die Zukunft der Myelomversorgung entscheidend mitgestaltet.“

Auch die Präsidentin und CEO der IMF, Heather Cooper Ortner, gratulierte: „Herzlichen Glückwunsch an Prof. Einsele und Prof. Raje zu diesen hochverdienten Auszeichnungen! Durch ihre Innovationskraft, ihr Engagement und ihre Führungsstärke haben sie die Myelomforschung vorangebracht und das Leben von Patienten und Angehörigen weltweit nachhaltig verbessert.“

Stimmen aus Würzburg zur Auszeichnung

Prof. Dr. Matthias Frosch, Dekan der Medizinischen Fakultät in Würzburg: „Ich freue mich außerordentlich, dass Hermann Einsele von der International Myeloma Foundation mit dem Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award ausgezeichnet wurde. Er ist einer der angesehensten und einflussreichsten Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät in Würzburg. Doch er ist noch weit mehr als das: ein außergewöhnlicher Netzwerker, der in der gesamten Universität höchstes Ansehen genießt und maßgeblich zu ihrem wissenschaftlichen Profil beiträgt. Vor allem aber ist er ein lieber und treuer Freund. Herzlichen Glückwunsch, Hermann.“

Prof. Dr. Tim J. von Oertzen, Ärztlicher Direktor des UKW: „Hermann Einsele, Professor und Lehrstuhlinhaber für Hämatologie und Onkologie an unserem Universitätsklinikum, hat das Feld der Myelomforschung grundlegend geprägt. Konsequent hat er die Brücke zwischen wissenschaftlicher Entdeckung im Labor und klinischer Anwendung geschlagen und damit wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete therapeutische Fortschritte überführt. Doch über seine wissenschaftliche Exzellenz hinaus zeichnet ihn vor allem sein unerschütterliches Engagement für die Menschen hinter der Erkrankung aus. Sein Wirken wird auch künftige Generationen leiten und inspirieren. Herzlichen Glückwunsch zum Robert A. Kyle Achievement Award – mehr als verdient.“

Prof. Dr. Paul Pauli, Präsident der Julius-Maximilians-Universität Würzburg: „Herzlichen Glückwunsch zum Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award! Hermann Einsele hat diese Auszeichnung mehr als verdient. In den vergangenen Jahren hat er an unserer Universität herausragende Beiträge zur Hämatologie und Onkologie geleistet und insbesondere das Gebiet der Immuntherapie entscheidend vorangebracht. Besonders bemerkenswert ist, dass es ihm gelungen ist, seine Forschungsergebnisse erfolgreich in die klinische Praxis zu übertragen. Zahlreiche Patientinnen und Patienten konnten unmittelbar von seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren.“ 

Prof. Dr. Sophia Danhof, Professorin für Zelluläre Immuntherapie bei malignen Erkrankungen am UKW: „Hermann Einsele ist zweifellos ein Visionär auf seinem Fachgebiet. Durch seine zahlreichen wegweisenden Beiträge hat er entscheidende Fortschritte in der Diagnostik und – ebenso wichtig – in der Behandlung des Multiplen Myeloms vorangetrieben. Mit seiner Arbeit hat er eine Ära der Myelomforschung maßgeblich geprägt und uns an die Schwelle eines Paradigmenwechsels geführt: die Möglichkeit, die Erkrankung bei einem Teil unserer Patientinnen und Patienten tatsächlich zu heilen. Darüber hinaus hat er viele junge Ärztinnen und Ärzte sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler inspiriert und gefördert – mich eingeschlossen. Und trotz seines tiefen Engagements für die Forschung hat er seine Leidenschaft für die individuelle Betreuung seiner Patientinnen und Patienten nie verloren. Herzlichen Glückwunsch zu dieser wohlverdienten Auszeichnung!“

Prof. Dr. Michael Hudecek, Lehrstuhlinhaber Zelluläre Immuntherapie am UKW: „Hermann Einsele hat diese Auszeichnung mehr als verdient: Er ist eine außergewöhnliche Führungspersönlichkeit, ein herausragender Mentor, ein leidenschaftlicher Kliniker, ein innovativer Forscher und ein unermüdlicher Fürsprecher für die Belange der Patientinnen und Patienten. Er zieht Erfolg geradezu an, und es war mir in den vergangenen Jahren eine große Freude und Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich freue mich auf viele weitere Jahre der Zusammenarbeit.“

PD Dr. Sabrina Kraus, Oberärztin des Zentrums für allogene Stammzelltherapien am UKW: „Viele Menschen kennen Professor Einsele für seine wissenschaftlichen Leistungen. Was jedoch nicht immer sichtbar ist, ist sein Alltag: Auf den Stationen präsent zu sein, mit Patientinnen und Patienten zu sprechen, für sein Team da zu sein und junge Kolleginnen und Kollegen zu ermutigen, eigene Forschungsprojekte zu beginnen. Trotz all seiner Aufgaben ist genau dieses tägliche Engagement das, was mich am meisten beeindruckt hat. Er hat mir gezeigt, dass es möglich ist, den engen Kontakt zu den Patientinnen und Patienten zu halten und gleichzeitig Forschung auf höchstem Niveau zu betreiben. Ich freue mich sehr für ihn. Diese Auszeichnung ist mehr als verdient.“

Prof. Dr. Maik Luu, Juniorprofessor für Translationale Medizin am UKW: „Herzlichen Glückwunsch zu dieser herausragenden Auszeichnung. Wir alle kennen Hermann Einsele als einen Pionier der Myelomforschung und Patientenversorgung. Persönlich möchte ich ihm jedoch auch dafür danken, dass er ein Mentor ist, zu dem wir aufschauen können – jemand, der Generationen von Klinikerinnen und Klinikern sowie Medizinwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern inspiriert und unterstützt hat. Ich hoffe sehr, dass Hermann Einsele uns auch in Zukunft weiterhin mit seinem Engagement, seiner Expertise und seiner Begeisterung inspiriert.“

Dr. Anna Fleischer, Clinician Scientist am UKW: „Wir versuchen derzeit, einen Weg zu finden, Hermann Einsele vor seinem Ruhestand zu klonen – nicht nur wegen seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch, weil er Vertrauen und Hoffnung vermittelt. Mit seiner ruhigen, freundlichen, fröhlichen und aufbauenden Art gibt er seinen Patientinnen und Patienten selbst in den schwierigsten Situationen Zuversicht und Hoffnung. Herzlichen Glückwunsch zu diesem wunderbaren und wahrhaft verdienten Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award!”

Werdegang und Auszeichnungen von Prof. Dr. Hermann Einsele 

Nach seinem Medizinstudium an den Universitäten Tübingen, Manchester und London wurde Hermann Einsele wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Hämatologie, Onkologie, Rheumatologie und Immunologie der Universität Tübingen. 1991 erhielt der gebürtige Stuttgarter die Facharztanerkennung für Innere Medizin, 1996 für Hämatologie und Onkologie. 1999 wurde Einsele zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Darüber hinaus war er Gastprofessor am City of Hope Hospital in Duarte (Kalifornien) sowie am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle (Washington). Im Jahr 2003 erhielt er bereits den van-Bekkum-Preis, die höchste europäische Auszeichnung für Forschung auf dem Gebiet der Stammzelltransplantation.

2011 wurde er zum Ehrenmitglied des Royal College of Pathologists (London) gewählt und 2012 als Nobel Lecturer für Stammzellbiologie und Transplantation am Nobel Forum des Karolinska-Instituts eingeladen. 2014 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und 2017 als „Highly Cited Researcher“ in der Kategorie Klinische Medizin ausgezeichnet.

Von 2011 bis 2015 sowie erneut seit 2022 ist Hermann Einsele Prodekan der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg. Zudem war er Mitglied des Beirats im Förderprogramm „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie von 2015 bis 2021 Vizepräsident der Universität Würzburg. Seit 2018 leitet er die wissenschaftliche Arbeitsgruppe für Immuntherapie hämatologischer Erkrankungen der European Hematology Association. Seit 2023 ist er Sprecher des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen NCT WERA.

2022 erhielt Einsele den Erasmus Hematology Award des Erasmus University Medical Center Rotterdam sowie die Bayerische Verfassungsmedaille. 2023 wurde ihm der Emil-von-Behring-Preis der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie verliehen, außerdem wurde er in die Academia Europaea aufgenommen. 2024 wurde er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und erhielt den Ken Anderson Basic and Translational Research Award der International Myeloma Society. 

Wenige Tage vor dem Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award erhielt er für seine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Beiträge zum Verständnis, zur Diagnose und zur Behandlung des Multiplen Myeloms am 4. Juni in Piacenza (Italien) den Francesca Cassinelli Award 2025. 

Über die International Myeloma Foundation (IMF)

Die 1990 gegründete International Myeloma Foundation (IMF) ist die weltweit führende Organisation im Kampf gegen das Multiple Myelom. Ihr Ziel ist es, die Prävention und Heilung dieser Erkrankung zu beschleunigen und die Lebensqualität von Patienten und ihren Familien zu verbessern.

Die IMF unterstützt Betroffene in allen Krankheitsstadien durch Spitzenforschung, verlässliche Aufklärung, internationale Interessenvertretung und direkte Hilfsangebote. Ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit ist die International Myeloma Working Group (IMWG), ein Netzwerk von mehr als 380 weltweit renommierten Forschern und Klinikern, die internationale Leitlinien für Diagnose, Behandlung und Betreuung von Myelompatienten entwickeln.

Über ihr weltweites Netzwerk von Selbsthilfegruppen, Bildungsprogrammen, die rund um die Uhr verfügbare KI-basierte Myelomassistenz Myelo®, die InfoLine sowie ihr Engagement für einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung unterstützt die IMF Betroffene und Angehörige bei Diagnose, Therapie und Langzeitbetreuung und sorgt gleichzeitig dafür, dass wissenschaftliche Fortschritte den Patientinnen und Patienten unmittelbar zugutekommen. Weitere Informationen: www.myeloma.org und www.myeloma.org/international-myeloma-working-group

Hermann Einsele hält eine Rede am Rednerpult
Hermann Einsele erhielt am 9. Juni in Stockholm von der International Myeloma Foundation (IMF) den Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award für seine wegweisende Rolle in der Entwicklung moderner Myelomtherapien. © International Myeloma Foundation
Hermann Einsele steht mit Preis und Kollegen vor einer Leinwand mit Bild, das ihn würdigt.
Hermann Einsele freut sich über die Auszeichnung, die "nicht nur mir allein gehört, sondern einem gesamten Team hervorragender Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studienleiterinnen und Studienleiter sowie Pflegekräfte in Würzburg, die mit außergewöhnlichem Engagement daran arbeiten, die Behandlung unserer Patientinnen und Patienten wirksamer und verträglicher zu gestalten", so der Preisträger. © International Myeloma Foundation
Hermann Einsele hält Urkunde in den Händen und strahlt in die Kamera
Wenige Tage vor dem Robert A. Kyle Lifetime Achievement Award, am 4. Juni 2026, wurde Hermann Einsele in Piacenza (Italien) für seine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Beiträge zum Verständnis, zur Diagnose und zur Behandlung des Multiplen Myeloms mit dem Francesca Cassinelli Award 2025 ausgezeichnet. © Fondazione di Piacenza e Vigevano
Stimmen aus Würzburg zur Auszeichnung

Angst im Genom: Neue genetische Zusammenhänge mit Angstsymptomen

Größte genetische Studie zu Angstsymptomen mit Würzburger Beteiligung

DNA-Extraktion - Durch die Ansäuerung ist ein weißer Faden entstanden
Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW
Nahaufnahme eines Pipettierroboters in lilafarbenem Licht
Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety identifizierte in der genomweiten Assoziationsstudie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. © Daniel Peter / UKW

Angst ist ein lebenswichtiges Warnsystem des Menschen. Doch bei Millionen Betroffenen gerät diese Funktion aus dem Gleichgewicht und entwickelt sich zu einer belastenden Erkrankung. Eine neue internationale Studie mit fast 700.000 Teilnehmenden liefert nun in „Nature Human Behaviour“ die bislang umfassendsten Hinweise auf die genetischen Grundlagen von Angst – und bringt damit ein jahrzehntelanges Forschungsziel einen großen Schritt voran.

Würzburg. Angst, Furcht und auch Sorgen sind normale Stressreaktionen, die uns helfen, aufmerksam zu sein und in potenziell gefährlichen Situationen vorsichtig zu reagieren. Bei immer mehr Menschen fallen diese Symptome jedoch intensiver aus. Sie entwickeln eine Angsterkrankung, die zu Problemen im Alltag und großem Leidensdruck führen kann. Angsterkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Um die biologische Architektur von Angst besser zu verstehen hat sich im Rahmen der internationalen Forschungsinitiative PGC (Psychiatric Genomics Consortium) die Arbeitsgruppe Anxiety gegründet. Eine federführende Rolle beim Aufbau dieser Arbeitsgruppe spielte der Würzburger Psychiater und Angstforscher Jürgen Deckert. 

Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety lieferte nun mit Beteiligung der Würzburger Universitätsmedizin und weiteren Mitgliedern des zwischen 2008 und 2020 von der DFG geförderten Sonderforschungsbereiches TRR 58 „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ neue Einblicke in die genetischen Mechanismen von Angststörungen. 

Welche genetischen Unterschiede treten häufiger bei Menschen auf, die stärkere Angstsymptome erleben?

Geleitet wurde die so genannte genomweite Assoziationsstudie (GWAS) vom King's College London und des QIMR Berghofer Medical Research Institute von Thalia Eley. In Würzburg arbeiteten neben Jürgen Deckert noch Nora Strom, Angelika Erhardt-Lehmann (Co-Chair der AG PGC Anxiety) und Heike Weber an dieser weltweit größten Auswertung der DNA bei Angsterkrankungen. Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. „Indem in unserer Studie die genetischen Daten nicht nur mit einer klinischen Ja-oder-Nein-Diagnose, sondern mit dem Schweregrad der Symptome verknüpft wurden, entstand ein neues Verständnis von Angst als biologisches Kontinuum – von normalen Stressreaktionen bis hin zu schwer beeinträchtigenden Erkrankungen“, erläutert Jürgen Deckert das Besondere an der Studie. 

74 genetische Hinweise auf Angst

Insgesamt identifiziert die Studie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. Etwa die Hälfte davon war bereits aus früheren GWAS-Studien zu Angstzuständen bekannt, wie der in diesem Jahr mit Nora Strom als Erstautorin in Nature Genetics veröffentlichten GWAS- Studie. 39 Positionen wurden jedoch erstmals beschrieben.

Neben dieser großen Zahl neuer genetischer Hinweise zeigen die Ergebnisse auch, dass bestimmte Gene eine Rolle bei Angst spielen könnten, zum Beispiel PCLO und SORCS3. Viele der beteiligten Gene sind besonders im Gehirn aktiv und daran beteiligt, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren.

Außerdem zeigte die Analyse: Die bekannten genetischen Unterschiede erklären lediglich etwa 6 Prozent der Unterschiede in der Ausprägung von Angstsymptomen zwischen verschiedenen Menschen. Der größte Teil der genetischen Einflüsse ist somit weiterhin unbekannt.

Genetik ist nur Teil des Risikos – Anstieg der Angstraten weist auf Umweltfaktoren hin

Die Studie sei ein spannender Fortschritt beim Verständnis, wie das Risiko für Angstzustände durch biologische Prozesse beeinflusst werden kann, findet Megan Skelton, Research Fellow am IoPPN des King's College London. Der Erstautorin der Studie ist es jedoch wichtig hervorzuheben, dass selbst jemand mit einem sehr hohen genetischen Risiko keine Angsterkrankung entwickeln muss und umgekehrt jemand mit einem niedrigen genetischen Risiko durchaus eine entwickeln kann: „Genetische Einflüsse wirken zusammen mit Lebenserfahrungen, sozialen Kontexten und psychologischen Faktoren und stehen mit ihnen in Wechselwirkung, um das individuelle Risiko zu formen. Der Anstieg der Angstraten, den wir beobachten, weist auf Umweltfaktoren hin. Das Verständnis genetischer Risiken kann uns helfen zu erkennen, wer für diese Faktoren besonders anfällig sein könnte, und letztlich zu wirksameren Präventions- und Behandlungsstrategien beitragen.“

Polygenetische Risikoscores

Die Studie berechnete außerdem Polygenetische Risikoscores (PRS) für Angst, die das genetische Risiko jeder einzelnen Person in einer Zahl zusammenfassen. Grundlage waren die Ergebnisse der Genanalyse (GWAS) von Menschen europäischer Abstammung. Anschließend wurden die Scores in getrennten Gruppen von Menschen europäischer, afrikanischer und südasiatischer Herkunft getestet. Dabei erkläreen die genetischen Risikoscore nur einen kleinen Teil (1,2 bis 2,9 Prozent) der Unterschiede im Schweregrad von Angstsymptomen zwischen den Menschen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es teilweise gemeinsame genetische Einflüsse über verschiedene ethnische Bevölkerungsgruppen hinweg gibt. Weitere Studien in unterschiedlichen ethnischen Herkunftsgruppen sind notwendig, um spezifische genetische Risiken besser zu verstehen. 

Psychische und körperliche Gesundheit eng verbunden

Es zeigte sich außerdem ein breites Spektrum signifikanter genetischer Korrelationen zwischen Angstzuständen und sowohl psychischen als auch körperlichen Erkrankungen, darunter Depressionen, Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen, koronare Herzkrankheit, Endometriose und Migräne.

„Diese Korrelationen verdeutlichen die Wechselbeziehung zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit“, sagt Brittany Mitchell, Leiterin der Forschungsgruppe „Complex Trait Genomics“ am QIMR Berghofer Medical Research Institute und Mit-Erstautorin der Studie. „Wichtig ist, dass einige gemeinsame genetische Varianten sowohl das Risiko für eine körperliche Erkrankung als auch für stärkere Angstsymptome erhöhen können. Gleichzeitig kann das Leben mit chronischen Schmerzen oder einer chronischen Erkrankung selbst zu Angstsymptomen beitragen. Unsere Ergebnisse zeigen keine Kausalität und auch keine Wirkungsrichtung auf, sie werfen jedoch wichtige Fragen für zukünftige Forschungen auf.“

Resümee und Ausblick

Thalia Eley, Professorin für Entwicklungs- und Verhaltensgenetik am Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience (IoPPN) des King's College London und leitende Autorin der Studie resümiert: „Trotz der Auswirkungen von Angststörungen auf die öffentliche Gesundheit hinkt der Fortschritt beim Verständnis ihrer genetischen Grundlagen hinter dem anderer wichtiger psychischer Erkrankungen hinterher. Angesichts der hohen und steigenden Angstraten, insbesondere bei jungen Erwachsenen, ist es wichtiger denn je, unsere Fähigkeit zu verbessern, Risikofaktoren zu identifizieren und zu verstehen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse eine neue Welle groß angelegter Analysen anregen, um unser Verständnis der genetischen Architektur von Angst zu beschleunigen“. Jürgen Deckert ergänzt: „Das Psychiatric Genomic Consortium für Anxiety wird weiter intensiv seine Mission verfolgen, diese ersten wegweisenden Ergebnisse auszubauen, dies letztlich mit dem Ziel innovative und individuelle Therapien für die Betroffenen zu entwickeln.“. 

Publikation: Skelton, M., Mitchell, B.L., Assary, E. et al. Genome-wide meta-analysis of quantitatively measured generalized anxiety symptoms in individuals of European ancestry. Nat Hum Behav (2026). https://doi.org/10.1038/s41562-026-02476-7

DNA-Extraktion - Durch die Ansäuerung ist ein weißer Faden entstanden
Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW
Nahaufnahme eines Pipettierroboters in lilafarbenem Licht
Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety identifizierte in der genomweiten Assoziationsstudie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. © Daniel Peter / UKW

Ausstellung: Chirurgie vom 16. Jahrhundert bis heute

Wie früher bei Blasensteinen und anderen Leiden operiert wurde, zeigt eine Ausstellung im Stadtarchiv Würzburg. Im Zentrum stehen Stücke aus der historischen Sammlung des Juliusspitals.

Operation
Ein Mann unterzieht sich einer Operation zur Entfernung von Blasensteinen mittels Steinschnitt. (Bild: Universitätsbibliothek Würzburg, 35 / Diss. 3934, Tab III)

Blasensteine waren im 16. und 17. Jahrhundert weit verbreitet. Warum? Weil die Menschen wegen der schlechten Wasserqualität damals viel Wein und Bier tranken – dadurch vermehrte sich die Harnsäure, in der Blase entstanden Steine. Und die waren oft so groß wie Tauben- oder Hühnereier. Meist waren Männer betroffen.

Um die stark schmerzhaften Steine zu entfernen, wurde seinerzeit operiert – und zwar ohne Narkose. Das Verfahren war ausgeklügelt: Es begann damit, dass der Chirurg eine Sonde durch die Harnröhre in die Blase schob. Ein Schnitt in der Damm- oder Schambeinregion war dann für das weitere operative Vorgehen essenziell.

Sonderausstellung der Medizinhistorischen Sammlungen

Wer genauer wissen möchte, wie im 16. Jahrhundert Blasensteine operiert wurde, kann das Würzburger Stadtarchiv besuchen. Dort zeigen die Medizinhistorischen Sammlungen der Universität Würzburg noch bis 14. Juli 2026 die Sonderausstellung „450 Jahre Juliusspital. Pflegen – Heilen – Lehren“.

Die Ausstellung behandelt zentrale Aspekte der Chirurgie vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sie zeigt, welche Erfindungen aus Würzburg die Chirurgie nachhaltig geprägt haben. Und sie erläutert, welche Bedeutung medizinhistorische Objekte bis heute für Forschung und Lehre haben.

Im Zentrum steht die historische chirurgische Lehrsammlung des Juliusspitals, das in diesem Jahr sein 450-jähriges Jubiläum feiert. Vom Blasensteinschnitt über den Aderlass bis hin zur Äthernarkose greift die Ausstellung verschiedene Themen der Chirurgie-Geschichte auf und erläutert diese anhand zahlreicher Highlight-Objekte.

Öffnungszeiten und Führungen

Die Ausstellung „450 Jahre Juliusspital. Pflegen – Heilen – Lehren“ ist ab sofort bis 14. Juli 2026 im ersten Obergeschoss des Stadtarchivs Würzburg in der Neubaustraße 12 zu sehen. Geöffnet ist montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr; der Eintritt ist frei. Ein kostenloses Begleitheft zur Ausstellung liegt aus.

Öffentliche Führungen finden jeden Mittwoch um 14 Uhr statt. Treffpunkt ist das Foyer des Stadtarchivs. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich; die Teilnahme ist frei.

Individuelle Führungstermine können per E-Mail vereinbart werden, Ansprechperson ist julia.zehnder@ uni-wuerzburg.de.

Einsatz in der Lehre

Die chirurgische Lehrsammlung des Juliusspitals diente schon bei ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert der Ausbildung von Medizinstudierenden. Auch heute kommt sie in der Lehre zum Einsatz: Sie vermittelt Studierenden der Human- und Zahnmedizin sowie der Pflege- und Hebammenwissenschaften Einblicke in die Geschichte der jeweiligen Berufe. Bewahrt wird die Sammlung des Spitals in den Medizinhistorischen Sammlungen der Universität Würzburg.

Veranstalter

Die Ausstellung ist eine Kooperation des JMU-Instituts für Geschichte der Medizin und des Stadtarchivs Würzburg. Sie findet begleitend zur gleichnamigen Ringvorlesung der Universität statt.

Von Robert Emmerich / Julia Zehnder

einBLICK, das Online-Magazin der Universität Würzburg, Ausgabe 9. Juni 2026

Operation
Ein Mann unterzieht sich einer Operation zur Entfernung von Blasensteinen mittels Steinschnitt. (Bild: Universitätsbibliothek Würzburg, 35 / Diss. 3934, Tab III)

First-in-human-Studie: Vielversprechender neuer PET-Tracer zeigt hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems

Erste Anwendung beim Menschen von [18F]Fluproxadin für die PET-Bildgebung des Noradrenalin-Transporters

Gruppenbild der AG vor einem PET-Gerät
Prof. Dr. Takahiro Higuchi (3. v. links) und seine Arbeitsgruppe am DZHI Würzburg. © Katrin Heyer
Vier Mitarbeiterinnen der AG von Takahiro Higuchi arbeiten in weißen Kitteln mit Mundschutz und Handschuhen im Labor der Nuklearmedizin
In-vivo-Testung neuer Radiotracer am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI). © Katrin Heyer
Mitarbeiter mit Schutzausrüstung - hier Kittel, Mundschutz, Handschuhe und eine Bleischürze - im Labor
Radiosynthese: Hier wird der Tracer radioaktiv markiert. © Katrin Heyer

Die Nuklearmedizin des Uniklinikums Würzburg (UKW) entwickelte mit [18F]Fluproxadine einen neuartigen und vielversprechenden PET-Radiotracer zur Darstellung des Noradrenalin-Transporters (NET). Ziel ist eine hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems. In einer im “Journal Clinical Nuclear Medicine” veröffentlichten First-in-Human-Studie zeigt das Team nun gemeinsam mit der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München und Partnern aus Japan, dass eine hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems beim Menschen mit [18F]Fluproxadine sicher und technisch gut möglich ist.

Würzburg. Das sympathische Nervensystem ist ein wichtiger Bestandteil des autonomen Nervensystems. Es steuert viele unbewusste Körperfunktionen, darunter Herzfrequenz, Blutdruck und Stressreaktionen. Bei zahlreichen Erkrankungen, wie Herzkrankheiten, neurodegenerativen Erkrankungen und bestimmten Tumoren, sind Veränderungen in der Aktivität des sympathischen Nervensystems sichtbar, oft noch bevor es zu strukturellen Schäden kommt. Deshalb spielt die Bildgebung mit sogenannten Tracern für die Diagnose, Prognose und Therapie dieser Erkrankungen eine zentrale Rolle. 

Ein Tracer ist ein radioaktiv markierter Stoff, der bei einer PET-Untersuchung (Positronen-Emissions-Tomographie) bestimmte Vorgänge im Körper sichtbar macht. Je nach Fragestellung binden sich die Tracer an bestimmte Zellen, Rezeptoren oder Eiweiße. Eine Kamera misst die dabei entstehende Positronenstrahlung. Das heißt, beim Zerfall des radioaktiven Bestandteils entsteht ein Positron, welches auf ein Elektron trifft. Beide Teilchen vernichten sich gegenseitig und erzeugen messbare Gammastrahlen. 

Die bisherigen zur Darstellung des sympathischen Nervensystems zugelassenen Tracer weisen jedoch Limitationen hinsichtlich Bildqualität, Sensitivität und diagnostischer Aussagekraft auf. 

[18F]Fluproxadin macht den Noradrenalin-Transporter NET präzise sichtbar 

Prof. Dr. Takahiro Higuchi, Leiter der präklinischen Bildgebung in der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin am UKW, entwickelte mit seinem Team einen neuen, vielversprechenden PET-Tracer zur Darstellung des Noradrenalin-Transporters (NET): [18F]Fluproxadin. Das Transportprotein NET sitzt in der Zellmembran von Nervenzellen, die den Botenstoff Noradrenalin verwenden. Noradrenalin beeinflusst neben Blutdruck und Stressreaktionen auch Stimmung und Konzentration. Der Transporter bestimmt mit, wie lange und wie stark Noradrenalin wirkt.

Umfassende Voruntersuchungen des Tracers in Zell- und Tiermodellen verliefen vielversprechend, sodass [18F]Fluproxadin nun im Rahmen einer internationalen Kooperation erstmals im gesunden Menschen eingesetzt wurde.

„Unsere Studie zeigte, dass sich der Tracer gut und interpretierbar im Körper verteilt, die Strahlenbelastung war akzeptabel, und es gab keinen Hinweis auf relevante Nebenwirkungen“, schildert Takahiro Higuchi. Neben den positiven Ergebnissen zur Verteilung, Strahlendosis und Sicherheit freut sich der Wissenschaftler vor allem über die Bildqualität: „Mit [18F]Fluproxadin konnten wir die Aktivität des sympathischen Nervensystems sehr präzise sichtbar machen.“ 

Verbesserte Darstellung des sympathischen Nervensystems könnte Diagnostik und Therapie verbessern

Dies deute darauf hin, dass der Tracer künftig ein wertvolles neues bildgebendes Verfahren zur Untersuchung von Erkrankungen des autonomen Nervensystems sein könnte. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer sowie Tumoren des Nervensystems wie Neuroblastom, Phäochromozytom und Ganglioneurom. 

„Eine verbesserte Darstellung des sympathischen Nervensystems kann Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, solche Erkrankungen früher und genauer zu erkennen“, so Higuchi. Langfristig könnte dies zu einer besseren Diagnostik und individuelleren Behandlung führen.

Im nächsten Schritt wird [18F]Fluproxadin bei Patientinnen und Patienten mit Herz-, Nerven- und Tumorerkrankungen weiter untersucht. Zusätzlich wird geprüft, wie gut sich der Tracer im klinischen Alltag einsetzen lässt.

An der im Fachjournal Clinical Nuclear Medicine veröffentlichten Studie waren neben der Würzburger Klinik für Nuklearmedizin das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI), die Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), die Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin am LMU Klinikum unter der Leitung von Prof. Dr. Rudolf Werner, der auch der Antragsteller der Studie war, das Universitätsklinikum Augsburg sowie die Okayama University und das Kobe City Medical Center General Hospital beteiligt. Das Projekt wurde teilweise finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unter der Projektnummer 50780330 und dem Titel Bildgebungsgesteuerte Neurohumorale Therapie-Interventionen nach Myokardinfarkt.

Publikation: Yamane, Tomohiko; Iimori, Hitoshi; Akamatsu, Go; Ikari, Yasuhiko; Hoda, Yuki; Shimizu, Keiji; Matsumoto, Keiichi; Senda, Michio; Werner, Rudolf A.; Nose, Naoko; Chen, Xinyu; Higuchi, Takahiro. First-In-Human Evaluation of [18F]Fluproxadine for Norepinephrine Transporter PET: Biodistribution, Dosimetry, and Safety. Clinical Nuclear Medicine 51(7):p 555-564, July 2026. | DOI: 10.1097/RLU.0000000000006504

Gruppenbild der AG vor einem PET-Gerät
Prof. Dr. Takahiro Higuchi (3. v. links) und seine Arbeitsgruppe am DZHI Würzburg. © Katrin Heyer
Vier Mitarbeiterinnen der AG von Takahiro Higuchi arbeiten in weißen Kitteln mit Mundschutz und Handschuhen im Labor der Nuklearmedizin
In-vivo-Testung neuer Radiotracer am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI). © Katrin Heyer
Mitarbeiter mit Schutzausrüstung - hier Kittel, Mundschutz, Handschuhe und eine Bleischürze - im Labor
Radiosynthese: Hier wird der Tracer radioaktiv markiert. © Katrin Heyer

First-in-human-Studie: Vielversprechender neuer PET-Tracer zeigt hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems

Erste Anwendung beim Menschen von [18F]Fluproxadin für die PET-Bildgebung des Noradrenalin-Transporters

Gruppenbild der AG vor einem PET-Gerät
Prof. Dr. Takahiro Higuchi (3. v. links) und seine Arbeitsgruppe am DZHI Würzburg. © Katrin Heyer
Vier Mitarbeiterinnen der AG von Takahiro Higuchi arbeiten in weißen Kitteln mit Mundschutz und Handschuhen im Labor der Nuklearmedizin
In-vivo-Testung neuer Radiotracer am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI). © Katrin Heyer
Mitarbeiter mit Schutzausrüstung - hier Kittel, Mundschutz, Handschuhe und eine Bleischürze - im Labor
Radiosynthese: Hier wird der Tracer radioaktiv markiert. © Katrin Heyer

Die Nuklearmedizin des Uniklinikums Würzburg (UKW) entwickelte mit [18F]Fluproxadine einen neuartigen und vielversprechenden PET-Radiotracer zur Darstellung des Noradrenalin-Transporters (NET). Ziel ist eine hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems. In einer im “Journal Clinical Nuclear Medicine” veröffentlichten First-in-Human-Studie zeigt das Team nun gemeinsam mit der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München und Partnern aus Japan, dass eine hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems beim Menschen mit [18F]Fluproxadine sicher und technisch gut möglich ist.

Würzburg. Das sympathische Nervensystem ist ein wichtiger Bestandteil des autonomen Nervensystems. Es steuert viele unbewusste Körperfunktionen, darunter Herzfrequenz, Blutdruck und Stressreaktionen. Bei zahlreichen Erkrankungen, wie Herzkrankheiten, neurodegenerativen Erkrankungen und bestimmten Tumoren, sind Veränderungen in der Aktivität des sympathischen Nervensystems sichtbar, oft noch bevor es zu strukturellen Schäden kommt. Deshalb spielt die Bildgebung mit sogenannten Tracern für die Diagnose, Prognose und Therapie dieser Erkrankungen eine zentrale Rolle. 

Ein Tracer ist ein radioaktiv markierter Stoff, der bei einer PET-Untersuchung (Positronen-Emissions-Tomographie) bestimmte Vorgänge im Körper sichtbar macht. Je nach Fragestellung binden sich die Tracer an bestimmte Zellen, Rezeptoren oder Eiweiße. Eine Kamera misst die dabei entstehende Positronenstrahlung. Das heißt, beim Zerfall des radioaktiven Bestandteils entsteht ein Positron, welches auf ein Elektron trifft. Beide Teilchen vernichten sich gegenseitig und erzeugen messbare Gammastrahlen. 

Die bisherigen zur Darstellung des sympathischen Nervensystems zugelassenen Tracer weisen jedoch Limitationen hinsichtlich Bildqualität, Sensitivität und diagnostischer Aussagekraft auf. 

[18F]Fluproxadin macht den Noradrenalin-Transporter NET präzise sichtbar 

Prof. Dr. Takahiro Higuchi, Leiter der präklinischen Bildgebung in der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin am UKW, entwickelte mit seinem Team einen neuen, vielversprechenden PET-Tracer zur Darstellung des Noradrenalin-Transporters (NET): [18F]Fluproxadin. Das Transportprotein NET sitzt in der Zellmembran von Nervenzellen, die den Botenstoff Noradrenalin verwenden. Noradrenalin beeinflusst neben Blutdruck und Stressreaktionen auch Stimmung und Konzentration. Der Transporter bestimmt mit, wie lange und wie stark Noradrenalin wirkt.

Umfassende Voruntersuchungen des Tracers in Zell- und Tiermodellen verliefen vielversprechend, sodass [18F]Fluproxadin nun im Rahmen einer internationalen Kooperation erstmals im gesunden Menschen eingesetzt wurde.

„Unsere Studie zeigte, dass sich der Tracer gut und interpretierbar im Körper verteilt, die Strahlenbelastung war akzeptabel, und es gab keinen Hinweis auf relevante Nebenwirkungen“, schildert Takahiro Higuchi. Neben den positiven Ergebnissen zur Verteilung, Strahlendosis und Sicherheit freut sich der Wissenschaftler vor allem über die Bildqualität: „Mit [18F]Fluproxadin konnten wir die Aktivität des sympathischen Nervensystems sehr präzise sichtbar machen.“ 

Verbesserte Darstellung des sympathischen Nervensystems könnte Diagnostik und Therapie verbessern

Dies deute darauf hin, dass der Tracer künftig ein wertvolles neues bildgebendes Verfahren zur Untersuchung von Erkrankungen des autonomen Nervensystems sein könnte. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer sowie Tumoren des Nervensystems wie Neuroblastom, Phäochromozytom und Ganglioneurom. 

„Eine verbesserte Darstellung des sympathischen Nervensystems kann Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, solche Erkrankungen früher und genauer zu erkennen“, so Higuchi. Langfristig könnte dies zu einer besseren Diagnostik und individuelleren Behandlung führen.

Im nächsten Schritt wird [18F]Fluproxadin bei Patientinnen und Patienten mit Herz-, Nerven- und Tumorerkrankungen weiter untersucht. Zusätzlich wird geprüft, wie gut sich der Tracer im klinischen Alltag einsetzen lässt.

An der im Fachjournal Clinical Nuclear Medicine veröffentlichten Studie waren neben der Würzburger Klinik für Nuklearmedizin das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI), die Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), die Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin am LMU Klinikum unter der Leitung von Prof. Dr. Rudolf Werner, der auch der Antragsteller der Studie war, das Universitätsklinikum Augsburg sowie die Okayama University und das Kobe City Medical Center General Hospital beteiligt. Das Projekt wurde teilweise finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unter der Projektnummer 50780330 und dem Titel Bildgebungsgesteuerte Neurohumorale Therapie-Interventionen nach Myokardinfarkt.

Publikation: Yamane, Tomohiko; Iimori, Hitoshi; Akamatsu, Go; Ikari, Yasuhiko; Hoda, Yuki; Shimizu, Keiji; Matsumoto, Keiichi; Senda, Michio; Werner, Rudolf A.; Nose, Naoko; Chen, Xinyu; Higuchi, Takahiro. First-In-Human Evaluation of [18F]Fluproxadine for Norepinephrine Transporter PET: Biodistribution, Dosimetry, and Safety. Clinical Nuclear Medicine 51(7):p 555-564, July 2026. | DOI: 10.1097/RLU.0000000000006504

Gruppenbild der AG vor einem PET-Gerät
Prof. Dr. Takahiro Higuchi (3. v. links) und seine Arbeitsgruppe am DZHI Würzburg. © Katrin Heyer
Vier Mitarbeiterinnen der AG von Takahiro Higuchi arbeiten in weißen Kitteln mit Mundschutz und Handschuhen im Labor der Nuklearmedizin
In-vivo-Testung neuer Radiotracer am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI). © Katrin Heyer
Mitarbeiter mit Schutzausrüstung - hier Kittel, Mundschutz, Handschuhe und eine Bleischürze - im Labor
Radiosynthese: Hier wird der Tracer radioaktiv markiert. © Katrin Heyer