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Isolation im Extrem: Studie zeigt Risiken für Teamdynamik bei Langzeitmissionen

Untersuchung eines Überwinterungsteams in der Antarktis liefert neue Erkenntnisse zu Einsamkeit, Misstrauen und Konflikten unter extremen Bedingungen

Porträt von Sebastian Walther im Anzug mit Krawatte
Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) analysierte gemeinsam mit einem internationalen Team der Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne wie sich Isolation und Enge auf das Überwinterungsteam an der Concordia-Station in der Antarktis auswirken. © Anna Wenzl / UKW
Winteridylle in der Antarktis - im Hintergrund die Concordia-Station
Die Umweltbedingungen auf der Concordia-Station gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt −51 °C, die Extremwerte erreichen bis zu −80 °C. Auf einer Höhe von 3.200 Metern gelegen, sind die Bewohner der Concordia-Station einem reduzierten Sauerstoffgehalt und chronischem hypobarem Hypoxiestress ausgesetzt. © Jessica Studer
Sternenhimmel über der Concordia-Station - vorn im Bild eine Person, hinten die Station
Die Concordia-Station ist 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1 670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächstgelegenen Station entfernt. © Jessica Studer
Mond über der Concordia Station
Die Concordia-Station befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut (Institut Polaire Français Paul-Émile Victor, IPEV) und dem italienischen Antarktisprogramm (Programma Nazionale di Ricerche in Antartide, PNRA) betrieben. Während des antarktischen Winters, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation Concordia vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. © Jessica Studer

Ein zwölfköpfiges Überwinterungsteam an der Concordia-Station in der Antarktis – einem der realistischsten Analoga für zukünftige Weltraummissionen – wurde über einen Zeitraum von zehn Monaten von Forschenden begleitet. Mithilfe tragbarer Proximity-Sensoren und wiederholter psychologischer Erhebungen gelang es dem Studienteam um Prof. Dr. Sebastian Walther vom Universitätsklinikum Würzburg (UKW), detailliert darzustellen, wie sich sozialer Kontakt, Gruppenzusammenhalt, Konflikte sowie Gefühle von Einsamkeit und Misstrauen im Zeitverlauf verändern. Die im Journal PNAS (The Proceedings of the National Academy of Sciences) veröffentlichten Ergebnisse zeigen zunehmende zwischenmenschliche Spannungen, die Bildung von Untergruppen und steigendes Misstrauen trotz räumlicher Nähe. Die Resultate verdeutlichen zentrale psychosoziale Risiken für Teams in isolierten, begrenzten und extremen Umgebungen und zeigen zugleich das Potenzial tragbarer Sensoren für eine kontinuierliche, unaufdringliche Messung sozialer Interaktionen in kleinen Gruppen.

Würzburg. Mit der erfolgreichen Mondumrundung Anfang April ist die Menschheit einen weiteren Schritt in Richtung langfristiger Weltraummissionen gegangen. Während technische Hürden zunehmend überwunden werden, rückt eine weitere Herausforderung in den Fokus: das Zusammenleben von Menschen unter extremen Bedingungen. Obwohl gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und der Teamzusammenhalt für den Missionserfolg entscheidend sind, fehlen detaillierte Langzeitdaten zur Entwicklung sozialer Interaktionen und zum Funktionieren von Teams während längerer Isolation. 

Überwinterungsteam der antarktischen Concordia-Station wurden zehn Monate mit Näherungssensoren begleitet

Das hat Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) nun geändert. Gemeinsam mit einem internationalen Team der Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne analysierte der Psychiater, wie sich Isolation und Enge auf eine Crew auswirken. Dazu begleiteten die Forschenden zwölf Mitglieder des Überwinterungsteams der Concordia-Station in der Antarktis zehn Monate lang mit tragbaren Näherungssensoren und wiederholten psychologischen Befragungen.

Die isolierte, begrenzte, extreme Umgebung ist vergleichbar mit Weltraummissionen

Während des antarktischen Winters, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation Concordia vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. „Ihre extreme Abgeschiedenheit ist sogar größer als die der Internationalen Raumstation (ISS)“, erläutert Sebastian Walther. „Sie erfordert eine außergewöhnliche Vorbereitung auf Selbstversorgung in Notfällen und stellt eine erhebliche Belastung für die dort arbeitenden Teams dar.“ Für Aktivitäten im Freien müssen die Crewmitglieder schwere Schutzanzüge tragen und den extremen Bedingungen – bis zu minus 80 Grad auf einer Höhe von 3.200 Metern – trotzen. „Die feindlichen äußeren Bedingungen, die Abhängigkeit von Technologie zur Lebenserhaltung, begrenzte Rettungsmöglichkeiten und Kommunikationsverzögerungen sowie die räumliche Enge und die Arbeit in kleinen, isolierten multikulturellen Teams sind zentrale Merkmale, die ein Überwinterungsteam der Concordia-Station mit einer Langzeit-Weltraummission teilt“, so Walther. 

Bisherige Untersuchungen zu Überwinterungsteams in der Antarktis konzentrierten sich auf individuelle Faktoren wie Stimmung und Schlaf. Dabei zeigte sich eine konsistente Verschlechterung dieser Werte im Verlauf der Missionen. Walther und sein Team konzentrierten sich hingegen auf soziale Interaktionen, Misstrauen, Einsamkeit und Teamdynamik. Da eine extreme Isolation die Wahrnehmung von Häufigkeit und Qualität sozialer Interaktionen und Teamprozessen verzerren kann, kamen sogenannte Proximity-Sensoren zum Einsatz. Mithilfe dieser tragbaren Sensoren konnten alle näheren Interaktionen der Teammitglieder untereinander zuverlässig erfasst werden: Wer trifft wen, wie oft und wie lange? So entstand ein Netzwerk sozialer Kontakte im Team. 

Selbst psychisch robuste Personen entwickeln unter extremen Bedingungen paranoide Gedanken und misstrauen Teammitgliedern

Zusätzlich gaben Selbstauskünfte der Teammitglieder wertvolle Einblicke in subjektive Erfahrungen. Die Teilnehmenden berichteten beispielsweise bereits zur Mitte der Mission von erhöhtem Misstrauen, obwohl sie zuvor strenge Auswahlverfahren durchlaufen hatten. Nach einigen Monaten glaubten sie, dass andere über sie sprechen, oder sie beobachteten. 

„Diese paranoiden Tendenzen und das Misstrauen verdeutlichen, dass selbst psychisch robuste Personen unter extremen Bedingungen eine verzerrte soziale Wahrnehmung entwickeln können“, kommentiert Sebastian Walther. Diese psychologischen Dynamiken, welche die Funktionsfähigkeit von Teams in Langzeitmissionen beeinflussen können, wurden bislang wenig beachtet.

„Aus Untersuchungen mit Menschen mit manifestem paranoidem Erleben wissen wir, dass Nähe als besonders belastend und stressig empfunden wird“, sagt Walther und verweist auf zwei entsprechende Studien, die er dazu publiziert hat. Bislang wurde angenommen, dass Schlafstörungen und ein negatives Selbstkonzept besonders gefährlich für das Entstehen von paranoidem Erleben sind. Die aktuelle Studie zeige jedoch, so Walther, dass auch Isolation unter Extrembedingungen zu deutlichen paranoiden Symptomen führen könne.

Wenn Nähe zur Belastung wird – Mehr Kontakt, mehr Konflikt 

Die Ergebnisse zeigten neben einem Anstieg paranoider Gedanken auch stärkere Einsamkeit sowie eine Zunahme von Konflikten, während der Teamzusammenhalt und die individuell wahrgenommene Leistungsfähigkeit abnahmen. Interessanterweise nahmen die durch die Sensoren erfassten zwischenmenschlichen Interaktionen im Zeitverlauf zu, ohne jedoch mit verbessertem Wohlbefinden oder einer gesteigerten Teamdynamik einherzugehen. Im Gegenteil: Häufigere Kontakte führten teilweise sogar zu mehr Konflikten und einer größeren psychischen Belastung. Die Studie deutet somit darauf hin, dass nicht nur Isolation, sondern auch enge räumliche Begrenzung beziehungsweise dauerhafte räumliche Nähe eine zentrale Belastung darstellen und zwischenmenschliche Spannungen auslösen können. 

Risiko sozialer Fragmentierung in multikulturellen Teams

Zudem bildeten sich innerhalb des Teams, das sich aus Teilnehmenden italienischer und französischer Nationalität sowie einer Person aus einem weiteren Mitgliedsstaat der European Space Agency (ESA) zusammensetzte, Untergruppen entlang von Sprache und Nationalität. Dieses Muster entspricht dem Prinzip der Homophilie nach dem Motto „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ und zeigt hier, dass Menschen unter Unsicherheit dazu neigen, sich stärker mit ähnlichen Gruppen zu identifizieren. Die Autoren vermuten, dass sich die Gruppengrenzen mit zunehmender Erschöpfung verstärkt haben und weisen auf das Risiko einer sozialen Fragmentierung und Polarisierung in internationalen Missionen hin. 

SocioPatterns-Sensoren eignen sich als Instrument zur langfristigen Überwachung von Teaminteraktionen in ICE-Umgebungen 

Für zukünftige Langzeitmissionen, etwa zum Mars, könnten solche Dynamiken von entscheidender Bedeutung sein. „Erfolg im All hängt nicht nur von der Technik ab, sondern auch davon, wie gut Menschen unter extremen Bedingungen zusammenarbeiten“, kommentiert Sebastian Walther. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass tragbare Sensoren – in der Studie kamen so genannte SocioPatterns-Sensoren zum Einsatz – ein vielversprechendes Instrument sind, um Teaminteraktionen in sogenannten ICE-Umgebungen (engl. isolated, confined, extreme, dt. isoliert, begrenzt, extrem) kontinuierlich und unaufdringlich zu erfassen und potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen.

Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur für die Raumfahrt relevant: Sie könnten auch in anderen extremen Arbeitsumgebungen wie etwa in U-Booten, auf Offshore-Plattformen oder eben in abgelegenen Forschungs- und Militärstationen helfen, Teams stabiler und widerstandsfähiger zu machen.

Information zur Concordia-Station: Die Concordia-Station befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut (Institut Polaire Français Paul-Émile Victor, IPEV) und dem italienischen Antarktisprogramm (Programma Nazionale di Ricerche in Antartide, PNRA) betrieben. Die Station wurde 2004 als Forschungszentrum für verschiedene Disziplinen, darunter Glaziologie, Atmosphärenwissenschaften, Astronomie, Astrophysik, Geowissenschaften und Technologie, gegründet. Auf einer Höhe von 3.200 Metern gelegen, sind die Bewohner der Concordia-Station einem reduzierten Sauerstoffgehalt und chronischem hypobarem Hypoxiestress ausgesetzt. Die Umweltbedingungen gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt −51 °C, die Extremwerte erreichen bis zu −80 °C. Die abgelegene Lage – 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1 670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächstgelegenen Station entfernt – verstärkt die Isolation zusätzlich.

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Publikation: Andrea Cantisani, Jan B. Schmutz, Pedro Marques-Quinteiro, Lorenzo Dall’Amico, Ciro Cattuto, Mirko Antino, Walter J. Eppich, Katharina Stegmayer, and Sebastian Walther. Social interactions in isolated, confined, and extreme environments: A study of Antarctic winter teams using wearable sensors. PNAS. 2026 Vol. 123 No. 0 e2533420123 https://doi.org/10.1073/pnas.2533420123

Porträt von Sebastian Walther im Anzug mit Krawatte
Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) analysierte gemeinsam mit einem internationalen Team der Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne wie sich Isolation und Enge auf das Überwinterungsteam an der Concordia-Station in der Antarktis auswirken. © Anna Wenzl / UKW
Winteridylle in der Antarktis - im Hintergrund die Concordia-Station
Die Umweltbedingungen auf der Concordia-Station gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt −51 °C, die Extremwerte erreichen bis zu −80 °C. Auf einer Höhe von 3.200 Metern gelegen, sind die Bewohner der Concordia-Station einem reduzierten Sauerstoffgehalt und chronischem hypobarem Hypoxiestress ausgesetzt. © Jessica Studer
Sternenhimmel über der Concordia-Station - vorn im Bild eine Person, hinten die Station
Die Concordia-Station ist 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1 670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächstgelegenen Station entfernt. © Jessica Studer
Mond über der Concordia Station
Die Concordia-Station befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut (Institut Polaire Français Paul-Émile Victor, IPEV) und dem italienischen Antarktisprogramm (Programma Nazionale di Ricerche in Antartide, PNRA) betrieben. Während des antarktischen Winters, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation Concordia vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. © Jessica Studer

Von der Reha in die Routine: Kann ein Nachsorgegespräch beim Hausarzt das Dranbleiben erleichtern?

Eine medizinische Rehabilitation kann viel bewirken – doch die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst danach: im Alltag.

Das Forschungsteam des Projekts RENAGE bei der Arbeit am Gesprächsleitfaden für das Nachsorgegespräch in Hausarztpraxen. V.l.n.r.: PD Dr. Matthias Lukasczik, Dr. Jennifer Seeger, Roland Küffner. Foto: Kathrin Klotzbach/UKW

Viele Patientinnen und Patienten fragen sich, wie sie die Empfehlungen zu Ernährung, Bewegung oder Stressbewältigung zuhause praktisch umsetzen können. Die Arbeitsgruppe Rehabilitationswissenschaften im Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg befasst sich mit diesen Fragen in einer aktuellen Studie. Im Mittelpunkt steht die Rolle von Hausarztpraxen bei der gezielten Unterstützung von Patientinnen und Patienten in den Wochen nach der Reha. Im Mai startete die Datenerhebung für das Forschungsprojekt RENAGE – Reha-Nachsorgegespräch.

Die Rolle der Hausarztpraxis beim Reha-Erfolg

Eine Reha kann Patientinnen und Patienten helfen, körperliche Fitness zurückzugewinnen, den Alltag besser zu bewältigen und Strategien zu entwickeln, um Stress oder Überlastung vorzubeugen. Doch nach der Rückkehr in den Alltag zeigt sich oft: Das Erlernte zur Gewohnheit werden zu lassen, fällt schwer. Viele Nachsorgeangebote wie Reha-Sport, Ernährungsberatung oder spezielle Programme der Rentenversicherung werden zwar empfohlen, doch nur ein Teil der Patientinnen und Patienten nimmt diese Angebote wahr.

Hausärztinnen und Hausärzte könnten hier eine entscheidende Rolle spielen, indem sie den Übergang in den Alltag begleiten, ihre Patientinnen und Patienten motivieren und dabei helfen, Hindernisse zu überwinden.

„Die Aufrechterhaltung der guten Ergebnisse einer medizinischen Rehabilitation im Alltag ist kein Selbstläufer. Patientinnen und Patienten können sehr davon profitieren, wenn ihre Hausärztin oder ihr Hausarzt sie dabei gezielt unterstützt“, sagt Projektleiter PD Dr. Matthias Lukasczik.

Ein kurzes Gespräch mit langfristiger Wirkung?

Im Zentrum des Projekts steht ein einmaliges Nachsorgegespräch in der Hausarztpraxis, das etwa vier bis acht Wochen nach der Reha stattfinden soll und durch einen speziell entwickelten Leitfaden für die Hausärztinnen und -ärzte unterstützt wird.

Ziel des Gesprächs ist es, gemeinsam zu besprechen, welche Empfehlungen aus der Reha bereits umgesetzt werden konnten, welche Schwierigkeiten dabei eventuell aufgetreten sind und wie die Hausärztin oder der Hausarzt bei der weiteren Umsetzung helfen kann. Die Patientinnen und Patienten erhalten vorab eine kurze Gesprächshilfe, um sich gezielt auf das Gespräch vorzubereiten und ihre Fragen oder Anliegen zu sammeln.

„Mit RENAGE möchten wir herausfinden, ob ein kurzes, strukturiertes Gespräch in der Hausarztpraxis die Umsetzung von Nachsorgeempfehlungen aus der Reha nachhaltig fördern kann“, erklärt PD Dr. Matthias Lukasczik.

Knapp 350 Patientinnen und Patienten sollen teilnehmen

An der Studie beteiligen sich fünf medizinische Reha-Einrichtungen in Bayern. Insgesamt sollen 348 Patientinnen und Patienten sowie mindestens 77 Hausärztinnen und Hausärzte teilnehmen. Die Patientinnen und Patienten werden direkt in den Reha-Kliniken angesprochen. Wer zustimmt, erhält Fragebögen zu mehreren Zeitpunkten: am Ende der Reha, nach dem Nachsorgegespräch und vier Monate später.

Die Teilnehmenden werden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine Hälfte erhält zusätzlich eine Einladung zum Nachsorgegespräch in der Hausarztpraxis, während die andere Hälfte als Kontrollgruppe kein solches Gespräch erhält. So wird untersucht, ob das Nachsorgegespräch langfristig dazu beiträgt, dass die Empfehlungen aus der Reha besser umgesetzt werden. Zusätzlich wird bewertet, wie praktikabel das Konzept für die Hausarztpraxen ist und wie die Patientinnen und Patienten das Gespräch erleben.

Forschung für eine bessere Reha-Nachsorge

Das Projekt wird von der Arbeitsgruppe Rehabilitationswissenschaften im Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg durchgeführt. Die Gruppe hat unter der Leitung von PD Dr. Karin Meng bereits zahlreiche Projekte zur medizinischen Rehabilitation umgesetzt, unter anderem zur Patientenschulung und zur Unterstützung beim Alltagstransfer von Reha-Inhalten.

Gefördert wird RENAGE durch die Deutsche Rentenversicherung Nordbayern mit rund 330.000 Euro. Die Laufzeit beträgt drei Jahre (Dezember 2024 bis November 2027).

Weitere Informationen zum Projekt finden Interessierte unter: www.renage.de

Das Forschungsteam des Projekts RENAGE bei der Arbeit am Gesprächsleitfaden für das Nachsorgegespräch in Hausarztpraxen. V.l.n.r.: PD Dr. Matthias Lukasczik, Dr. Jennifer Seeger, Roland Küffner. Foto: Kathrin Klotzbach/UKW

"Es gibt kein Grundrecht auf TikTok"

Marcel Romanos über die Zunahme psychischer Krisen bei Kindern

Porträtfoto von Marcel Romanos im dunkeln Anzug und mit dunkler Krawatte im Flur des Zentrums für Psychische Gesundheit
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Kongresspräsident.

Die psychische Gesundheit von Kindern ist unter Druck. Marcel Romanos fordert strengere Regeln für Social Media, inklusive eines Verbots für Unter-14-Jährige, um sie vor Sucht und Cybergrooming zu schützen. Ein Interview von Daniel Staffen-Quandt (epd) mit dem Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW anlässlich des Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Marcel Romanos ist stellvertretender Präsident der DGKJP und Kongresspräsident. 

Würzburg (epd). Die psychische Verfassung der jungen Menschen hierzulande ist besorgniserregend. Trotz einer Verdreifachung der Zahl der Fachärzte seit dem Jahr 2000 steigt die Belastung von Kindern und Jugendlichen stetig an - ein Trend, der sich nach der Corona-Pandemie verfestigt hat. Marcel Romanos, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Würzburg, sieht in den Krisen der Welt und in der Digitalisierung Gründe dafür. Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) befasst sich unter der Überschrift «Entwicklungsaufgaben: Kind - Versorgung - Gesellschaft» vom 22. bis 25. April in Würzburg ebenfalls mit dem Themenkomplex.

Wie ist es um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen bei psychischen Problemen oder Erkrankungen hierzulande bestellt? Gibt es wirklich eine Unterversorgung?

Wenn man es positiv betrachtet, haben wir in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland eine flächendeckende ambulante und stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung etablieren können. Es gibt natürlich immer mal wieder Lücken, aber wir haben die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte seit dem Jahr 2000 in Deutschland verdreifacht. Auch die psychotherapeutische Versorgung hat sich verbessert. Wir sehen aber auf der anderen Seite, dass die Inanspruchnahme deutlich gestiegen ist. Und auch die schwere der Erkrankungen nimmt zu - das zeigt sich etwa an der hohen Zahl an Notfallvorstellungen, also stark belastete Kinder und Jugendliche, bei denen es um eine Selbst- oder Fremdgefährdung geht.

Die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in,Deutschland befindet sich also in einer Art «Abwärtstrend»? Wie ist es dazu gekommen?

Was wir national und international sehen, ist, dass diemBelastungen tatsächlich hochgehen. Diese sind während der,Corona-Pandemie dramatisch gestiegen, haben sich aber auch danachmnicht wieder auf das vorherige Niveau eingependelt. Weshalb das somist, dazu gibt es vielfältige Überlegungen. Wir leben in Zeiten großer Unsicherheiten: zum einen die wirtschaftliche Entwicklung, die politische Weltlage, Kriege auf europäischem Boden, die Klimakrise. Diese Unsicherheiten erfassen auch Kinder und Jugendliche. Ein anderer Grund, den wir noch überhaupt nicht gut im Griff haben, ist der Einfluss von Social Media.

Krisen gab es aber schon immer, aber dieses «unbeschwertenKindsein» scheint heutzutage schwerer, weil Medien dauerhaft auf einen einströmen. Ist das ein zentraler Aspekt?

Ja. Digitale Medien können positive Aspekte haben, aber wir sehen, dass Social Media bei Kindern und Jugendlichen deutlich mehr Probleme macht, als dass es Nutzen bringt. Ein Punkt sind die Inhalte: Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten oder Suizidalität können Kinder emotional beeinträchtigen. Wenn sie einmal in Social Media damit in Kontakt kommen, füttert der Algorithmus sie kontinuierlich mit negativen Inhalten, wodurch Kinder tatsächlich krank werden können. Auf der anderen Seite haben wir ein Verhaltensproblem: Neuen Studien zufolge zeigt bereits ein Viertel der Kinder in Deutschland ein Konsummuster bei Social Media, das sie zur Suchtverhalten-Risikogruppe macht. Sie stehen kurz vor einer klinischen Diagnose.

Dient Social Media dann als eine Art digitale Einstiegsdroge - oder anders gefragt: Welche Kinder und Jugendliche sind von Social Media am Ende besonders suchtgefährdet?

Wir wissen, dass beispielsweise Kinder mit ADHS, traumatischen Erlebnissen oder Angsterkrankungen eine höhere Suchtgefahr haben. Jedes Kind, das eine psychische Erkrankung entwickelt, hat ein deutlich höheres Risiko, eine weitere Pathologie zu entwickeln, also auch eine Suchterkrankung. Wir haben als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Kinder vor schädlichen Inhalten und Nutzungsmustern, aber auch vor kriminellen Phänomenen wie Cybergrooming zu schützen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass 25 Prozent der Kinder mit Social-Media-Zugang sagen, schon einmal von fremden Erwachsenen zu einem «echten» Treffen aufgefordert worden zu sein. Jedes fünfte Kind sollte zudem schon einmal Bilder von sich an Fremde schicken. Das können wir nicht ignorieren! Wir müssen Kinderschutz im Netz genauso ernst nehmen wie in Schulen oder Vereinen. 

Für viele Eltern ist es unglaublich schwer, konsequent Grenzen bei der Nutzung digitaler Angebote zu setzen. Wären klare Altersgrenzen, etwa ab 16 Jahren, sinnvoller?

Das ist ein wichtiger Punkt, denn es gibt kein Grundrecht auf TikTok. Viele Eltern haben Schwierigkeiten, sich pädagogisch durchzusetzen, und fühlen sich dabei ineffizient und überfordert. Wir sind uns sicher, dass normative Vorgaben wie Verbote und Altersgrenzen von vielen Eltern willkommen geheißen würden, weil sie dadurch entlastet werden. Viele Fachleute und auch ich persönlich unterstützen solche Verstöße! Die DGKJP hat eine ganz klare fachliche Empfehlung zu dem Thema abgegeben und ist damit an die Politik herangetreten: Vor dem 14. Lebensjahr sollte Social Media für Kinder und Jugendliche überhaupt nicht zugänglich sein.

Zählen dazu auch Messengerdienste wie WhatsApp?

Ich will gar nicht über einzelne Messenger reden. Es gibt da einen Konflikt, weil Eltern ihre Kinder oft rund um die Uhr erreichen wollen. Wir empfehlen aber auch, dass es in Schulen keine privaten Geräte geben sollte. Wenn im Unterricht Geräte benötigt werden, um dort etwa Medienkompetenz zu lernen, sollten das Schulgeräte sein, die engmaschig kontrolliert werden. Bei offenen Plattformen gibt es einfach zu viele Gefahren, die man nicht ignorieren kann. (0000/19.04.2026)

Informationen  zum Kongress unter: https://www.dgkjp.de/kongress-und-veranstaltungen/dgkjp-kongress/

Porträtfoto von Marcel Romanos im dunkeln Anzug und mit dunkler Krawatte im Flur des Zentrums für Psychische Gesundheit
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Kongresspräsident.

Infonachmittag zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Am Samstag, 25. April 2026, lädt die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Würzburg zu einem Infonachmittag ein, bei dem hochaktuelle Themen rund um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aufgegriffen werden. Zielgruppen der kostenlosen Veranstaltung sind Familien, Selbsthilfegruppen und alle sonstigen Interessierten.

 

Psychisch gesund bleiben - Informationstag ZEP
Der Infonachmittag widmet sich Themen rund um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Würzburg. Vom 22. bis 25. April dieses Jahres trifft sich in Würzburg die Fachwelt zum Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP). „Um auch die interessierte Öffentlichkeit einzubinden, veranstalten wir zum Abschluss der Tagung am Samstag, 25. April, einen allgemeinen Infonachmittag zu ausgewählten Themen“, kündigt Prof. Dr. Marcel Romanos, Kongresspräsident und Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) des Uniklinikums Würzburg (UKW), an. Dabei greifen vier Vorträge hochaktuelle Fragen rund um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf: Wann sind Ängste im Alltag noch normal? Mit welchen Strategien lassen sich Emotionen auf gesunde Weise regulieren? Welche Einflüsse haben Social Media auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen? Steht die Zunahme der Diagnose ADHS für ein immer besseres Erkennen der Störung – oder handelt es sich um einen Modetrend? Nach den für Laien verständlichen Ausführungen der KJPPP-Expertinnen und -Experten besteht die Möglichkeit zur Diskussion.

Die kostenlose Veranstaltung wendet sich gezielt an Familien, Selbsthilfegruppen sowie weitere Interessierte. Sie beginnt um 14:30 Uhr und endet gegen 16:30 Uhr. Veranstaltungsort ist der Hörsaal der Zahnklinik des UKW am Pleicherwall 2 in der Würzburger Innenstadt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Text: Pressestelle / UKW
 

Psychisch gesund bleiben - Informationstag ZEP
Der Infonachmittag widmet sich Themen rund um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Schwache Handkraft als Warnsignal für psychische Erkrankungen

Aktuelle Studie zeigt: Auch nach überstandener Depression bleibt die Handkraft vermindert

Frau drückt Manometer, das 26,7 kg zeigt.
Die Handgriffstärke gilt als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 26,7 kg wie hier am UKW gemessen, ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg, bei Männern zwischen 30 und 35. © Kirstin Linkamp / UKW
Szene einer Messung am Tisch: eine Person hält den Manometer, eine andere sitzt daneben und hat Smartphone vor sich liegen, vermutlich wird die Zeit gestoppt.
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger

Die Handgriffstärke ist ein einfaches und verlässliches Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft und somit ein etablierter Biomarker für die allgemeine Fitness. Dass die Handkraft bei Menschen mit Depression oder Schizophrenie messbar reduziert ist, war schon länger bekannt. Eine internationale Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Walther, dem Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW), zeigt nun jedoch, dass sich die Muskelkraft selbst nach überstandener Depression nicht automatisch normalisiert. Die in JAMA Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Depressionen bleibende körperliche Spuren hinterlassen – mit möglichen Folgen für Fitness, Therapie und Lebenserwartung.

Würzburg. Der Händedruck ist im sozialen Leben nicht nur eine Höflichkeitsgeste, sondern ein kompaktes Signalpaket. Während es hier gar nicht so sehr auf die Kraft ankommt, zählt diese in der Medizin umso mehr. Die Messung der Handgriffstärke ist ein einfaches und kostengünstiges Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft. Inzwischen gilt die Handgriffstärke sogar als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 

Analyse der Handkraft bei Gesunden sowie bei Menschen mit Schizophrenie, mit Depression und nach überstandener Depression 

„Die Handkraft wurde sowohl bei Schizophrenie als auch bei Depressionen als vermindert beobachtet“, sagt Prof. Dr. Sebastian Walther. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW) wollte es genauer wissen. Gibt es Unterschiede? Und wie sieht die körperliche Fitness nach einem Schub aus? Schließlich verlaufen psychische Erkrankungen meistens in Episoden. Nach den akuten Krankheitsphasen sollten die Betroffenen eigentlich wieder an ihre frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen können.

Sebastian Walther und ein internationales Team untersuchten in einer Studie mit insgesamt 533 Personen die Handkraft bei psychisch gesunden Erwachsenen, Menschen mit Schizophrenie, Menschen in depressiven Krankheitsphasen sowie Personen mit überstandener Depression. 

Veröffentlichung in JAMA Psychiatry – The Science of Mental Health and the Brain

In die Analyse flossen Daten mehrerer Studien der Arbeitsgruppen von Sebastian Walther aus Bern und Chicago ein, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und dem National Institute of Health (NIH) geförderte waren. In allen Studien wurde die identische Methodik verwendet. Das heißt, die Handkraft wurde mit einem elektronischen Manometer in mehreren Versuchen von beiden Händen gemessen. Analysiert wurden die Werte für die jeweils dominante Hand. Die Ergebnisse konnte das Team in der renommierten Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichen

Niedrige Handkraft der aktuell Depressiven unterschied sich nicht von genesenen Depressiven

Das erste Ergebnis überraschte nicht: Alle Patientinnen und Patienten wiesen eine geringere Handkraft auf als die gesunden Kontrollgruppen. Es gab jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen. Diejenigen mit Schizophrenie hatten eine höhere Handkraft als diejenigen mit Depressionen. Dabei unterschieden sich die aktuell Depressiven nicht von den genesenen Depressiven. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Sebastian Walther. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit einer überstandenen Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen.“ 

Der Psychiater bewertet es als beunruhigend, dass sich die Handkraft bei Menschen nach einer Depression nicht erholt. Schließlich galt die Handkraft in früheren Studien an der Allgemeinbevölkerung als guter Marker für Fitness und Gesundheit. 

Echtes Fitnessdefizit und Frühwarnsignal für ein erhöhtes Sterberisiko oder nur eine motorische Steuerungsstörung? 

„Weitere Studien müssen nun klären, ob eine niedrige Handkraft trotz überstandener Depression auf ein echtes Defizit in der Fitness oder lediglich auf fehlende motorische Kontrolle zurückzuführen ist“, sagt Walther. Ein ähnliches Muster fand das Team von Sebastian Walther in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 (doi:10.1017/S0033291722000903) zur Menge der Spontanbewegungen: Nach einer depressiven Episode bewegen sich Betroffene weiterhin deutlich weniger als gesunde Kontrollprobanden.

In der aktuellen Studie gab es bei Patienten mit Schizophrenie beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen Handkraft und fehlender Motivation. Die Klärung der Ursache sei laut Walther wichtig, da sie darüber entscheidet, wie die Depression zusätzlich behandelt werden muss. Ein neuromotorisches Steuerungsproblem ist beispielsweise kein direkter Marker für körperlichen Abbau, sondern eher ein Ausdruck einer veränderten Hirn-Körper-Interaktion. In diesem Fall könnte die Behandlung stärker auf Koordinationstraining oder physiotherapeutische Rehabilitation setzen. Ein Fitness-Defizit deutet hingegen auf physische Langzeitfolgen hin. Das heißt, die Depression hinterlässt messbare körperliche Spuren. Das wiederum bedeutet, dass durch gezielte körperliche Interventionen möglicherweise nicht nur die Fitness, sondern auch die Langzeitprognose und die Überlebenswahrscheinlichkeit verbessert werden können. Immerhin verkürzen psychische Erkrankungen wie Depressionen die Lebenserwartung um durchschnittlich zehn Jahre, Schizophrenien sogar um 20 Jahre. 

Informationen zur verkürzten Lebenserwartung bei schweren psychischen Erkrankungen: Eine Metaanalyse, die in 2015 Jama Psychiatry veröffentlicht wurde und auf 203 Studien aus 29 Ländern basiert, deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen nicht nur zu Leid und Funktionsverlust im Alltag führen, sondern auch mit einer deutlich erhöhten Gesamtmortalität und einem deutlich reduzierten Lebensalter verbunden sind. Betroffene sterben im Durchschnitt rund zehn Jahre früher als Menschen ohne psychische Erkrankung. Menschen mit Psychosen wie Schizophrenie hatten ein um den Faktor 2,5 erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu gesunden Personen. Bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, um den Faktor 1,7 erhöht. Faktoren wie körperliche Begleiterkrankungen, Lebensstil, Versorgungslücken und Suizid tragen zu diesem erhöhten Mortalitätsrisiko bei. 

Informationen zum Händedruck: Aus evolutionspsychologischer Sicht signalisiert der Händedruck Friedfertigkeit, fördert Vertrauen, leitet Kooperationen ein und zeigt die körperliche Verfassung. Dabei muss der Händedruck noch nicht einmal richtig stark sein. In der der angewandten Kommunikationsliteratur wird ein vollständiger Händedruck dadurch beschrieben, dass die Hand ausreichend geöffnet ist und sich die Daumen-Zeigefinger-Partien berühren.

Aktuelle Publikation: Sofie von Känel, Anastasia Pavlidou, Niluja Nadesalingam, Victoria Chapellier, Melanie G. Nuoffer, Lydia Maderthaner, Alexandra Kyrou, Alexios Malifatouratzis, Florian Wüthrich, Stephanie Lefebvre, Victor Pokorny, Zachary Anderson, Stewart A. Shankman, Vijay A. Mittal, Sebastian Walther. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144

Zitierte Publikation von 2022: Florian Wüthrich, Carver Nabb, Vijay A. Mittal, Stewart A. Shankman, Sebastian Walther. Actigraphically measured psychomotor slowing in depression: systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine. 2022;52(7):1208-1221. doi:10.1017/S0033291722000903

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Frau drückt Manometer, das 26,7 kg zeigt.
Die Handgriffstärke gilt als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 26,7 kg wie hier am UKW gemessen, ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg, bei Männern zwischen 30 und 35. © Kirstin Linkamp / UKW
Szene einer Messung am Tisch: eine Person hält den Manometer, eine andere sitzt daneben und hat Smartphone vor sich liegen, vermutlich wird die Zeit gestoppt.
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger

Zwischen Impuls und Vernunft: Wie unser Gehirn Entscheidungen trifft

Alexander Soutschek erhält am UKW Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung

Alexander Soutschek steht im Garten des Zentrums für Psychische Gesundheit
Der Psychologe und Philosoph Prof. Dr. Alexander Soutschek verstärkt seit März 2026 mit einer Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung die Forschung am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit. © Daniel Peter / UKW
Alexander Soutschek steht im Labor und setzt einer Probandin eine Spule auf den Schädel.
Die transkranielle Hirnstimulation (TMS) ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt des UKW. Prof. Dr. Alexander Soutschek untersucht, wie sich durch magnetische Impulse von außen bestimmte Hirnregionen stimulieren lassen, um Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. © Daniel Peter / UKW

Seit März 2026 verstärkt Prof. Dr. Alexander Soutschek mit einer Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung die Forschung am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit. Der studierte Psychologe und Philosoph erforscht, wie Gehirnnetzwerke Entscheidungen, Impulskontrolle und Motivation steuern und warum sie bei psychischen Erkrankungen aus dem Gleichgewicht geraten. Wie trifft unser Gehirn Entscheidungen, besonders dann, wenn wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten abwägen müssen, zum Beispiel zwischen „Das will ich jetzt sofort“ und „Das ist langfristig besser für mich“? Und kann eine sanfte Hirnstimulation die Dysbalance korrigieren? 

Würzburg. Ob Schokolade zum Frustabbau, Wein nach einem stressigen Arbeitstag, das Scrollen auf dem Smartphone gegen Langeweile oder das Erreichen des nächsten Levels beim Computerspiel – all das sind Auslöser, die unser Belohnungssystem aktivieren und die Kontrollinstanz schwächen. Warum wir uns für Substanzen oder Handlungen entscheiden, obwohl wir wissen, dass sie uns langfristig nicht guttun oder sogar schon eine Sucht sind, ist eine der vielen Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Alexander Soutschek beschäftigt. Der 42-jährige Psychologe hat seit März 2026 eine W2-Heisenberg-Professur für „Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung“. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Professur ist an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (PPP) des Uniklinikums Würzburg (UKW) angesiedelt – Soutscheks Wunschort. 

Denn die gebündelte neurowissenschaftliche Expertise am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP) bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für seine Forschung. Prof. Dr. Grit Hein, die Leiterin der Translationalen Neurowissenschaften, untersucht beispielsweise, wie sich die soziale Modulation von Lern- und Entscheidungsprozessen auf die Gesundheit auswirkt. Prof. Dr. Lorenz Deserno leitet die Arbeitsgruppe „Kognitive Neurowissenschaften in der Entwicklungspsychiatrie“ und erforscht unter anderem Entscheidungsprozesse bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS.

„Entscheidungsprozesse sind bei nahezu allen psychischen Erkrankungen empfindlich gestört, ganz besonders bei Abhängigkeitserkrankungen und Psychosen. Daher wird Prof. Soutschek mit seiner Forschung das Profil der Neurowissenschaften in unserer Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entscheidend verstärken. Wir freuen uns außerordentlich, dass wir ihn für Würzburg gewinnen konnten“, kommentiert der Klinikdirektor Prof. Dr. Sebastian Walther. 

Impulskontrolle, Metakognition und mentale Anstrengung 

Soutscheks Spezialgebiet sind impulsive Entscheidungen. Wie können wir unsere Impulse kontrollieren? Vor allem, wenn wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten abwägen müssen, wie „Das will ich jetzt sofort“ und „Das ist langfristig besser für mich“. Neben der Impulskontrolle, die beim Suchtverhalten entscheidend ist, interessiert sich Soutschek für die Metakognition – also die Fähigkeit, die eigenen Gedanken und Leistungen einzuschätzen – und das Phänomen der mentalen Anstrengung, die zum Beispiel bei ADHS eine Rolle spielt. Wie steuert unser Gehirn die Motivation? Warum fällt es uns manchmal schwer, uns zu konzentrieren oder anzustrengen? „Auch das ist ein Entscheidungsprozess“, sagt Alexander Soutschek. „Personen mit ADHS entscheiden sich zum Beispiel seltener dafür, sich geistig anzustrengen, um ein Ziel zu erreichen. Denn es ermüdet sie schneller, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.“

Mit sanften Verfahren bestimmte Hirnareale stimulieren und Entscheidungen lenken  

Um die Entscheidungsprozesse im Gehirn zu verstehen und zu beeinflussen, nutzt er verschiedene neurowissenschaftliche Methoden wie Neuroimaging, computergestützte Modellierung menschlichen Verhaltens, Psychopharmakologie und Hirnstimulation, also sanfte Verfahren zur gezielten Beeinflussung bestimmter Hirnareale. Der Einsatz der transkraniellen Hirnstimulation (TMS) ist einer der zentralen Forschungsschwerpunkte des ZEP. Prof. Dr. Martin Herrmann, Leiter der Arbeitsgruppe „Funktionelle Bildgebung und nicht-invasive Hirnstimulation“, untersucht beispielsweise, wie sich die Angst vor Spinnen mit TMS aus dem Gehirn löschen lässt. Sebastian Walther erforscht TMS als neuen Therapieansatz für motorische Störungen und Kommunikationsprobleme bei psychischen Erkrankungen. Die Klinik beteiligte sich an multizentrischen Studien zur TMS bei Depressionen oder Halluzinationen.

„Wenn wir sehen, dass die Stimulation einer bestimmten Hirnregion unseren Patientengruppen helfen kann, dann wollen wir den Erfolg natürlich in einer klinischen Studie belegen und die Intervention mit anderen Behandlungen vergleichen“, sagt Alexander Soutschek. Er testet jede Hirnstimulation vorher an sich selbst, damit er weiß, was er anderen zumuten kann. In der Regel spüre man die Stimulation nicht, aber an manchen Stellen könne es unangenehm sein.

Welche Hirnregion ist denn für Entscheidungen zuständig? „Da es verschiedene Arten von Entscheidungen gibt, spielen auch verschiedene Gehirnmechanismen eine Rolle“, erklärt Alexander Soutschek. Es gibt also kein Entscheidungszentrum, sondern ein Netzwerk aus mehreren Arealen. Der präfrontale Cortex im vorderen Teil des Gehirns sammelt beispielsweise Informationen, analysiert Optionen und Ziele. Das Striatum wiederum ist der Haupteingang der tiefer liegenden Basalganglien und integriert Motivation und Belohnung. Nach einer Rückkopplung zum Cortex wird die Entscheidung umgesetzt oder angepasst. Emotionale Informationen aus dem limbischen System modulieren diesen Prozess. 

Bei Sucht „zieht“ das Belohnungssystem zu stark, bei ADHS „bremst“ die Kontrollinstanz zu schwach

Bei der eingangs erwähnten Sucht ist das limbisch-striatale Belohnungssystem beispielsweise übermäßig aktiv für Handlungsoptionen, die mit der Sucht in Verbindung stehen. Gleichzeitig ist der Bereich im Stirnhirn, der für die Selbstkontrolle und das langfristige Denken zuständig ist, geschwächt. Durch diese Dysbalance werden kurzfristige Belohnungen überbewertet, während negative Folgen ausgeblendet werden. Entscheidungen sind dann stärker impulsiv und reizgesteuert.

Bei ADHS ist die Steuerungs- und Kontrollfunktion im Stirnhirn weniger effizient. Das macht es schwer, Impulse zu bremsen, abzuwarten oder langfristige Ziele im Blick zu behalten. Auch hier besteht eine Vorliebe für sofortige Belohnungen, allerdings weniger aufgrund einer Übererregung, wie sie bei Sucht auftritt, sondern eher aufgrund einer instabilen Regulierung von Aufmerksamkeit und Motivation.

Alexander Soutschek – Philosoph und Psychologe aus München
Alexander Soutschek wurde 1983 in München geboren. Er studierte Philosophie und Psychologie und promovierte in beiden Fächern. In der Psychologie erforschte er das Zusammenspiel von kognitiver Kontrolle und motivationalen Bewertungsprozessen, die gemeinsam entscheiden, ob und wie Aufmerksamkeit und Handlungen auf ein Ziel ausgerichtet werden. In der Philosophie untersuchte er, ob die klassische philosophische Erkenntnistheorie Descartes’ durch empirische Wissenschaften wie die Psychologie ersetzt werden kann. Sein Fazit: „Die Psychologie kann gut erklären, wie Menschen tatsächlich Wissen erwerben und welche kognitiven Prozesse dabei ablaufen. Sie kann aber nicht beantworten, was Wissen eigentlich ist oder wann es gerechtfertigt ist. Und sie kann auch nicht alle Fragen des philosophischen Skeptikers lösen. Die naturalistische Erkenntnistheorie ergänzt die Philosophie also sinnvoll, ersetzt sie aber nicht.“ 
Nach seinen Promotionen arbeitete Alexander Soutschek zunächst eineinhalb Jahre als Postdoc am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin und anschließend knapp fünf Jahre an der Universität Zürich (UZH). Im Jahr 2019 erhielt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) eine von der DFG geförderte Emmy Noether-Gruppe für neurokognitive Psychologie. Jetzt warb er erfolgreich eine Heisenberg-Professur bei der DFG ein, die er in Würzburg ansiedeln konnte. Alexander Soutschek ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. 

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Alexander Soutschek steht im Garten des Zentrums für Psychische Gesundheit
Der Psychologe und Philosoph Prof. Dr. Alexander Soutschek verstärkt seit März 2026 mit einer Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung die Forschung am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit. © Daniel Peter / UKW
Alexander Soutschek steht im Labor und setzt einer Probandin eine Spule auf den Schädel.
Die transkranielle Hirnstimulation (TMS) ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt des UKW. Prof. Dr. Alexander Soutschek untersucht, wie sich durch magnetische Impulse von außen bestimmte Hirnregionen stimulieren lassen, um Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. © Daniel Peter / UKW

Wie entstehen Angststörungen?

Neue Forschungsergebnisse geben Aufschluss über die biologischen Ursachen von Angstzuständen, einer der weltweit häufigsten psychischen Erkrankungen

Porträts der vier Forschenden in einem Bild
Prof. Jürgen Deckert (oben links) ist u. a. Letztautor der genetischen Studie zu Angsterkrankungen. Aus Würzburg waren außerdem Privatdozentin Heike Weber (oben rechts), Prof. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt. Collage mit Bildern von Main-Post (Thomas Obermeier), JMU (Jonas Blank), UKW (Kirstin Linkamp)
Porträt von Jürgen Deckert
Jürgen Deckert, von 2006 bis 2024 Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am UKW, seit 2024 Senior-Professor am Lehrstuhl für Klinische Epidemiologie und Biometrie der JMU, teilt sich die Letztautorenschaft der Nature Genetics-Publikation mit Thalia C. Eley, Manuel Mattheisen und John M. Hettema. © Main-Post / Thomas Obermeier

Eine neue am 3. Februar 2026 in Nature Genetics veröffentlichte Studie der Texas A&M University (USA), der Dalhousie University (Kanada), des King's College (UK) und des Universitätsklinikums Würzburg mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Deutschland) zeigt: Angsterkrankungen entstehen auf dem Boden einer genetischen Vulnerabilität vergleichbar anderen psychischen Erkrankungen. Durch die Identifizierung robuster genetischer Signale, die neue Einblicke in die biologischen Grundlagen dieser schwerwiegenden Erkrankungen bieten, trägt diese internationale Studie dazu bei, präzisere und wirksamere Ansätze für Prävention und Behandlung zu entwickeln.

Würzburg. Etwa jeder Vierte leidet irgendwann in seinem Leben an einer Angsterkrankung. Dazu zählen die Panikerkrankung, also plötzlich auftretende, heftige Angstanfälle, die generalisierte Angsterkrankung, bei die Betroffenen sich über einen längeren Zeitraum übermäßig, schwer kontrollierbare Sorgen über alltägliche Dinge machen, aber auch Phobien vor konkreten Objekten oder Situationen. Trotz der weiten Verbreitung sind die biologischen Grundlagen von Angstzuständen nach wie vor kaum verstanden. 

In der bislang größten genetischen Studie zu Angsterkrankungen, die gerade in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht wurde, analysierte ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden der Texas A&M University (USA), der Dalhousie University (Kanada), des King's College (UK) und dem Universitätsklinikum Würzburg (UKW) mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) genetische Daten aus 36 unabhängigen Stichproben mit mehr als 120.000 Menschen, bei denen eine Angsterkrankung diagnostiziert wurde, und fast 730.000 Menschen ohne Angsterkrankungen. Diese 2017 aus Würzburg angestoßene Untersuchung im Rahmen des Psychiatric Genomic Consortium identifizierte 58 genetische Varianten, die mit Angstzuständen in Verbindung stehen und von denen die meisten zuvor noch nicht identifiziert worden waren. 

Prof. John Hettema (Texas A&M University, USA): „Angsterkrankungen und ihre zugrunde liegenden genetischen Risikofaktoren sind im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen bislang nur unzureichend erforscht worden, sodass diese Studie einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis dieser wichtigen Erkrankungen leistet.“

Polygenes Risiko für Angsterkrankungen ähnelt dem anderer psychischer Erkrankungen

Die Ergebnisse zeigen, dass Angsterkrankungen nicht durch ein einzelnes „Angstgen“ verursacht werden, sondern durch zahlreiche genetische Varianten im gesamten Genom beeinflusst werden, von denen jede einen kleinen Beitrag leistet. Dieses Muster – bekannt als polygenes Risiko – spiegelt wider, was auch bei anderen komplexen psychischen Erkrankungen wie Depressionen beobachtet wurde.

Die Forschenden fanden starke genetische Überschneidungen zwischen Angsterkrankungen und verwandten Erkrankungen und Merkmalen wie Depressionen, Neurotizismus, posttraumatischer Belastungsstörung und Suizidversuchen, was ein Grund sein kann, warum diese Erkrankungen so häufig gemeinsam auftreten.

Prof. Thalia Eley (King’s College London, UK): „Dies ist ein spannender Fortschritt in der Angstgenetik. In einer Zeit, in der die Angstzustände bei jungen Menschen rapide zunehmen, ist es von entscheidender Bedeutung, unser Verständnis dafür zu vertiefen, was Menschen biologisch anfällig macht. Ich hoffe, dass Daten wie diese mit der Zeit dazu beitragen können, besonders anfällige Personen zu identifizieren, um frühzeitig eingreifen zu können.“

Gene, die am GABAergen Signalweg beteiligt sind, werden ergänzt durch Gene aus neuen Signalwegen

Insbesondere bestätigte die Studie Gene, die an der sogenannten GABAergen Signalübertragung beteiligt sind, einem wichtigen System, das die Gehirnaktivität reguliert. GABA ist bereits Zielstoff mehrerer bestehender Medikamente gegen Angstzustände, was übereinstimmende Hinweise auf Gehirnschaltkreise und Neurotransmittersysteme liefert, von denen seit langem vermutet wird, dass sie an Angstzuständen beteiligt sind.

Die Ergebnisse sprechen zwar nicht für den Einsatz von Gentests zur Diagnose von Angstzuständen, doch die Identifizierung spezifischer Gene und biologischer Signalwege, die zu psychischen Problemen beitragen, könnte helfen, besser zu verstehen, wie Angstzustände entstehen, und könnte letztendlich zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden oder zur Verbesserung bestehender Therapien beitragen. 

Prof. Jürgen Deckert (UKW, JMU, Deutschland): „Die Ergebnisse der Studie liefern Hinweise auf die Rolle einer Reihe bisher unbekannter molekularer Signalwege in der Ätiologie von Angstzuständen, die über den GABAergen Signalweg hinausgehen. Sie bilden die Grundlage für zukünftige Studien in Zellkulturen, Tiermodellen und am Menschen, die zu einem besseren Verständnis der Neurobiologie von Angstzuständen und damit zu innovativen und individualisierten Therapien beitragen werden.“

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht neue Erkenntnisse im Interesse der Betroffenen

In der Universitätsmedizin Würzburg besteht seit 20 Jahren ein Forschungsschwerpunkt zu Furcht, Angst und Angsterkrankungen. Dieser wurde zwischen 2006 und 2020 vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Psychotherapienetze sowie zwischen 2008 und 2020 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Sonderforschungsbereiches TRR 58 gefördert und mit Nachfolgeprojekten bis jetzt unterstützt. In diesen Verbünden forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Humanmedizin (Psychiatrie und Neurobiologie) und Humanwissenschaften (Psychologie) zusammen zu den Ursachen und zu neuen Therapien von Angsterkrankungen.

Ein Beispiel für die Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit lokal, national und international, die die Exzellenz des Forschungsstandortes Würzburg ausmacht

Prof. Paul Pauli, der Präsident der JMU und von 2016 bis 2020 Standortsprecher des Sonderforschungsbereiches, resümiert: „Die Forschung zu Angsterkrankungen ist ein Leuchtturm der Forschung am Universitätsklinikum und an der Universität. Sie zeigt beispielhaft wie hier in vielen Bereichen interdisziplinäre Zusammenarbeit regional, national und international gelebt wird und zu Exzellenz führt.“

Publikation
Strom, N.I., Verhulst, B., Bacanu, SA. et al. Genome-wide association study of major anxiety disorders in 122,341 European-ancestry cases identifies 58 loci and highlights GABAergic signaling. Nat Genet (2026). https://doi.org/10.1038/s41588-025-02485-8

Porträts der vier Forschenden in einem Bild
Prof. Jürgen Deckert (oben links) ist u. a. Letztautor der genetischen Studie zu Angsterkrankungen. Aus Würzburg waren außerdem Privatdozentin Heike Weber (oben rechts), Prof. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt. Collage mit Bildern von Main-Post (Thomas Obermeier), JMU (Jonas Blank), UKW (Kirstin Linkamp)
Porträt von Jürgen Deckert
Jürgen Deckert, von 2006 bis 2024 Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am UKW, seit 2024 Senior-Professor am Lehrstuhl für Klinische Epidemiologie und Biometrie der JMU, teilt sich die Letztautorenschaft der Nature Genetics-Publikation mit Thalia C. Eley, Manuel Mattheisen und John M. Hettema. © Main-Post / Thomas Obermeier

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Anmeldung Psychotherapie und Traumaambulanz
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Anschrift

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