News aus der Forschung

Würzburger Forschung entdeckt neuen Weg zu sicherem Thromboseschutz

Eine teilweise Verringerung des GPVI-Rezeptors erzeugt neuen Thrombozyten-Phänotyp, der vor Thrombosen schützt, ohne die lebenswichtige Blutstillung zu beeinträchtigen

Collage der beiden Porträts von Nieswandt und Navarro - der Hintergrund ist sehr unscharf.
Stefano Navarro (links) ist Erstautor und Bernard Nieswandt Letztautor der Studie die zeigt: Eine partielle Herunterregulierung des Glykoproteins VI der Thrombozyten durch Antikörper mit geringer Affinität sorgt für einen anhaltenden und sicheren antithrombotischen Schutz. @ Collage mit Canva / Bernhard Nieswandt / UKW
Zwei Mikroskopische Bilder - links Kontrollgruppe, rechts Maus mit reduziertem GPVI
Eine teilweise Verringerung des GPVI-Rezeptors (GPVILO) schützt vor Thrombosen und akuten Lungenschäden. In Mäusen mit reduziertem GPVI lagerten sich nach einer Behandlung, die eine akute Entzündungsreaktion auslöst, deutlich weniger Blutplättchen und neutrophile Granulozyten in der Lunge ab. Die beiden Bilder zeigen den Unterschied: Links ist ein Beispiel aus der Kontrollgruppe zu sehen, rechts eine Maus mit reduziertem GPVI. Die Blutgefäße sind magenta, Blutplättchen cyan und neutrophile Granulozyten gelb dargestellt. © Bernhard Nieswandt / UKW

Ein Forschungsteam der Experimentellen Biomedizin I des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) präsentiert in der renommierten Fachzeitschrift „Signal Transduction and Targeted Therapy“ einen neuartigen Ansatz zur Vorbeugung von arteriellen Thrombosen und entzündlichen Gewebeschäden, so genannten thrombo-inflammatorischen Erkrankungen, ohne das Blutungsrisiko zu erhöhen. Anstatt den Thrombozytenrezeptor Glykoprotein VI (GPVI) zu blockieren, haben die Forschenden ihn teilweise herunterreguliert. Eine gezielte Verringerung der Rezeptordichte auf der Oberfläche der Blutplättchen könnte krankhafte Signale zur Bildung von Blutgerinnseln abschwächen und gleichzeitig die normale Blutgerinnung weitgehend erhalten.

Würzburg. Glykoprotein VI, kurz GPVI, ist ein Oberflächenrezeptor, der ausschließlich in Thrombozyten und ihren Vorläuferzellen, den Megakaryozyten im Knochenmark, vorkommt. GPVI ist vor allem für die Bindung von Kollagen an der verletzten Gefäßwand verantwortlich, was die Aktivierung und das Verklumpen der Blutplättchen auslöst. GPVI spielt somit eine Rolle bei der sogenannten Hämostase, der Blutstillung. Eine übermäßige Aktivierung des Rezeptors GPVI kann jedoch zur Bildung krankhafter Thromben und damit zu Gefäßverschlüssen führen, wodurch der Blutfluss zu lebenswichtigen Organen behindert wird. Ein Infarkt droht. 

Prof. Dr. Bernhard Nieswandt beschrieb im Jahr 2001 im Journal of Experimental Medicine erstmals die Funktion des Rezeptors GPVI. Mit seiner Forschung legte der Leiter des Lehrstuhls für Experimentelle Biomedizin I am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) und Forschungsgruppenleiter am Rudolf-Virchow-Zentrum (RVZ) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) in den vergangenen Jahren das Fundament für die Entwicklung und klinische Erprobung von sogenannten GPVI-Inhibitoren. Erst vor wenigen Wochen unterzeichneten Boehringer Ingelheim und das unterfränkische Biotech-Unternehmen EMFRET Analytics einen Kooperations- und Lizenzvertrag für das präklinische Entwicklungsprogramm des GPVI-blockierenden Antikörpers EMA601. Dessen Entwicklung wurde maßgeblich von der Universitätsmedizin Würzburg begleitet (siehe Pressemeldung zur Vertragsunterzeichnung und Historie von EMA601). Nieswandt und sein Team, allen voran Dr. Stefano Navarro als Erstautor, zeigten im Jahr 2024 im European Heart Journal, dass EMA601 den GPVI-Signalweg der Thrombozyten äußerst wirksam blockiert und so Thrombosen und thrombo-inflammatorische Krankheitsprozesse verhindert, ohne die lebensnotwendige Blutgerinnung zu beeinträchtigen. 

Aktuelle Studie zeigt unerwartete Alternative zu GPVI-Inhibitoren

Jetzt präsentieren Navarro und Nieswandt gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen und Emfret Analytics in der hochrangigen Fachzeitschrift „Signal Transduction and Targeted Therapy“ einen weiteren vielversprechenden Ansatz zur Vorbeugung von Thrombosen und thrombo-inflammatorischen Erkrankungen, bei dem die normale Blutgerinnung erhalten bleibt. 

Anstatt die Aktivität von GPVI durch eine Blockade zu hemmen, verringerten sie die GPVI-Rezeptordichte auf der Oberfläche der Thrombozyten. Gänzlich entfernen könne man GPVI nicht, wie frühe Untersuchungen ergaben. Ein GPVI-Mangel schützte Mäuse zwar vor Thrombosen, könnte jedoch in Kombination mit anderen Thrombozytenaggregationshemmern wie Aspirin die Hämostase beeinträchtigen.

Das Team der Experimentellen Biomedizin I fand nun mithilfe eines humanisierten Mausmodells und menschlicher Blutplättchen heraus, dass bestimmte Antikörper mit geringer Bindungsstärke – in diesem Fall JAQ1-Antikörper – die Anzahl der GPVI-Rezeptoren auf den Blutplättchen um etwa die Hälfte verringern. Zur Überraschung der Forschenden kam der Rezeptorabbau konstant auf halbem Weg zum Stillstand. Anstatt also GPVI-defiziente Thrombozyten zu erzeugen, schien JAQ1 durchweg einen völlig neuen Thrombozytenzustand zu erzeugen, einen stabilen „GPVI-low“-Phänotyp (GPVILO).

GPVILO ist ein neuer eigenständiger Thrombozytenphänotyp

„Für mich war die überraschendste Erkenntnis, dass ein teilweiser Rezeptorverlust nicht einfach ein Zwischenzustand zwischen normalen Thrombozyten und einem GPVI-Mangel ist“, erklärt Erstautor Dr. Stefano Navarro. „Stattdessen führte er zu einem eigenständigen Thrombozytenphänotyp, der die hämostatische Funktion aufrechterhielt und gleichzeitig eine starke antithrombotische Wirksamkeit bewahrte.“

Bemerkenswerterweise konnten die Blutplättchen trotz der geringeren Rezeptorzahl weiterhin an verletzten Blutgefäßen haften und Blutungen stillen. Im Gegensatz zur vollständigen GPVI-Depletion blieb die hämostatische Funktion selbst in Kombination mit hochdosiertem Aspirin bei einer partiellen Reduktion von GPVI erhalten. Gleichzeitig waren die Signale, die zur Bildung und Stabilisierung von Blutgerinnseln beitragen, sowie die gerinnungsfördernde Aktivität der Blutplättchen deutlich abgeschwächt. 

Gezielte Steuerung der Rezeptordichte könnte zum therapeutischen Prinzip werden

Die Studie eröffnet damit einen neuen Ansatz für die Entwicklung sichererer Medikamente zur Vorbeugung von Thrombosen. Anstatt GPVI vollständig auszuschalten, könnte die gezielte Steuerung der Rezeptordichte künftig selbst zum therapeutischen Prinzip werden, indem pathologische Signalwege selektiv unterdrückt werden. In experimentellen Modellen boten GPVILO-Thrombozyten einen zuverlässigen Schutz vor arterieller Thrombose und entzündlichen Lungenschäden.

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass die biologische Funktion von GPVI nicht nur von seiner Aktivität, sondern auch von seiner Anzahl auf der Thrombozytenoberfläche abhängt. Damit eröffnet sich ein neues pharmakologisches Konzept, bei dem die Rezeptordichte selbst zum therapeutischen Ziel wird“, erläutert Bernhard Nieswandt. „Eine langfristige Anti-GPVI-Therapie könnte über die Prävention thrombotischer Erkrankungen hinaus auch zur Behandlung entzündlicher Krankheitszustände wie des ischämischen Schlaganfalls, akuter Lungenverletzungen und möglicherweise von Krebsmetastasen beitragen.“

Publikation: Stefano Navarro, Sarah Beck, Sabrina I. Bonfiglio, Ernesto J. Cuenca-Zamora, Lukas J. Weiß, Marijke Kuijpers, Johan Heemskerk, David Stegner, Bernhard Nieswandt. Partial downregulation of platelet Glycoprotein VI by low affinity antibodies confers sustained and safe antithrombotic protection. Signal Transduct Target Ther. 2026;11(1):264. doi: 10.1038/s41392-026-02864-5.

Weitere Links:

Studie von 2001: https://doi.org/10.1084/jem.193.4.459

Studie von 2024: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehae482

Pressemeldung zur Vertragsunterzeichnung und Historie von EMA601: Universitätsklinikum Würzburg: Vielversprechender GPVI-Inhibitor macht wichtigen Schritt in Richtung klinische Entwicklung

Collage der beiden Porträts von Nieswandt und Navarro - der Hintergrund ist sehr unscharf.
Stefano Navarro (links) ist Erstautor und Bernard Nieswandt Letztautor der Studie die zeigt: Eine partielle Herunterregulierung des Glykoproteins VI der Thrombozyten durch Antikörper mit geringer Affinität sorgt für einen anhaltenden und sicheren antithrombotischen Schutz. @ Collage mit Canva / Bernhard Nieswandt / UKW
Zwei Mikroskopische Bilder - links Kontrollgruppe, rechts Maus mit reduziertem GPVI
Eine teilweise Verringerung des GPVI-Rezeptors (GPVILO) schützt vor Thrombosen und akuten Lungenschäden. In Mäusen mit reduziertem GPVI lagerten sich nach einer Behandlung, die eine akute Entzündungsreaktion auslöst, deutlich weniger Blutplättchen und neutrophile Granulozyten in der Lunge ab. Die beiden Bilder zeigen den Unterschied: Links ist ein Beispiel aus der Kontrollgruppe zu sehen, rechts eine Maus mit reduziertem GPVI. Die Blutgefäße sind magenta, Blutplättchen cyan und neutrophile Granulozyten gelb dargestellt. © Bernhard Nieswandt / UKW

Besser verstehen, sicherer behandeln. Würzburg trainiert kultursensible Medizin

Von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördertes Lehrprojekt schult Umgang mit Sprach- und Kulturbarrieren in der Anamnese

Im Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ schlüpfen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaften in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatientinnen und -patienten – Schülerinnen und Schüler der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. Einmal nutzen sie dabei Übersetzungs-Apps, einmal dolmetscht eine Schülerin oder ein Schüler der Dolmetscherschule. Hier demonstrieren Mitarbeiterinnen vom Institut für Allgemeinmedizin ein Anamnesegespräch mit einer Laiendolmetscherin © Kirstin Linkamp / UKW
Porträts der beiden Medizinerinnen im Büro des Instituts, im Hintergrund ein Fenster, durch das unscharf grüne Bäume des Campus zu sehen sind.
Prof. Dr. Anne Simmenroth (links) und Dr. Janina Zirkel leiten am Uniklinikum Würzburg das Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“, das von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre im Programm Freiraum gefördert wird. © Angie Wolf / UKW

Verständigungsprobleme können zu verzögerten Diagnosen oder fehlerhaften Behandlungen führen. So schildern Patientinnen und Patienten ihre Beschwerden häufig mit kulturell geprägten Bildern oder Redewendungen, die medizinisch missverstanden werden können. Hinzu kommen unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit, Therapie oder der Rolle der Familie bei medizinischen Entscheidungen. Mit neuen Modulen im Pflichtcurriculum schließt die Universitätsmedizin Würzburg eine Lücke im Medizinstudium und vermittelt Kompetenzen für kultursensible Kommunikation. Das über drei Semester angelegte Lehrkonzept wird durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) im Programm „Freiraum” mit knapp 400.000 Euro gefördert. Eine Zwischenbilanz.

Würzburg. Der Patient spricht kaum Deutsch. Da kein Dolmetscher verfügbar ist, wird mit Händen und Füßen sowie einer Übersetzungs-App kommuniziert. Ob die Beschwerden richtig verstanden wurden, weiß am Ende jedoch niemand. Solche Situationen gehören in vielen Arztpraxen und Kliniken längst zum Alltag. Doch auch wenn Verwandte mitkommen und dolmetschen, ist nicht sicher, ob die Anamnese aus Scham oder zum Schutz wortgetreu übersetzt wird. Selbst wenn die Sprache kein Hindernis ist, lauern Missverständnisse, die unnötige Untersuchungen oder Fehldiagnosen nach sich ziehen können. So ist der Ausdruck „Mir ist die Gallenblase geplatzt“ in der Regel kein medizinischer Notfall. Im Türkischen kann diese Redewendung beispielsweise einen starken Schreck oder eine große seelische Belastung ausdrücken. Ärztinnen und Ärzte, die diese kulturellen Besonderheiten und sprachlichen Codierungen nicht kennen, können solche Symptome leicht falsch einordnen.

StIL fördert Projekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ im Programm Freiraum

Genau hier setzt ein innovatives Lehrprojekt am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) an. Seit dem Wintersemester 2025 lernen Medizinstudierende ab dem achten Semester sowie Studierende der Hebammenwissenschaften ab dem dritten Semester gemeinsam im Rahmen eines neuen Pflichtcurriculums, wie sie professionell mit Sprachbarrieren, kulturellen Unterschieden und einem anderen Gesundheits- und Krankheitsverständnis umgehen. „Gelingende Kommunikation verbessert nicht nur das Vertrauensverhältnis zwischen Behandelnden und Patientinnen und Patienten, sondern kann auch dazu beitragen, unnötige Diagnostik, Fehlbehandlungen und langwierige Behandlungspfade zu vermeiden“, sind sich die Projektleiterinnen Prof. Dr. Anne Simmenroth und Dr. Janina Zirkel vom Institut für Allgemeinmedizin einig. Das Lehrkonzept wird durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) im Programm „Freiraum“ mit knapp 400.000 Euro gefördert und befindet sich inzwischen im dritten Semester.

Die Projektleiterinnen kennen die Problematik aus ihrem eigenen Arbeitsalltag: Janina Zirkel ist Internistin und Infektiologin. Neben ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit am Institut für Allgemeinmedizin arbeitet sie in der Infektionsambulanz des UKW. Anne Simmenroth leitet gemeinsam mit Ildikó Gágyor das Institut und ist dort unter anderem für die Lehre zuständig. Beide Direktorinnen praktizieren zudem als Allgemeinmedizinerinnen in niedergelassenen Praxen. Auch die Ärztin Dr. Anne Weißbrich vom Gesundheitsamt Würzburg bringt umfangreiche Praxiserfahrung in das Projekt mit ein. In der Tuberkulosevorsorge hat sie täglich mit Menschen zu tun, bei denen Sprach- und Kulturbarrieren die Kommunikation erschweren können. Ergänzt wird das interprofessionelle Projektteam durch eine Hebamme sowie zwei Kulturwissenschaftlerinnen. 

Würzburger Lehrkonzept verbindet Online-Module, Seminare und praktische Übungen

Der Pflichtkurs beginnt mit interaktiven Online-Modulen. „Hier schaffen wir zunächst das Problembewusstsein“, erläutert Janina Zirkel. Wie beeinflussen sprachliche und interkulturelle Barrieren die Qualität der Gesundheitsversorgung – und welche konkreten Ressourcen fehlen in der Praxis, um diese Barrieren zu überwinden. 

Im zweiten Modul geht es um Kommunikation im interkulturellen Kontext, Gesundheitskompetenz und Diskriminierung. Die Studierenden reflektieren, welche Stationen und Erfahrungen sie geprägt haben und wie die eigene Sozialisation den Blick auf andere Menschen beeinflusst. Wie erkenne ich überhaupt, dass ich gerade in ein Vorurteil abrutsche? Ein solcher Perspektivwechsel kann überraschend sein. „Ein Aha-Moment war für mich die Erkenntnis, dass ich mir selbst wünsche, kulturell verstanden zu werden“, berichtet eine Studentin. Genau diese Haltung möchten die Lehrenden fördern: die Bereitschaft, die eigene Perspektive immer wieder zu hinterfragen und Patientinnen und Patienten offen und unvoreingenommen zu begegnen. Denn trotz aller Schwierigkeiten sollte die Motivation sein, Menschen zu helfen.

Das dritte Online-Modul bereitet auf das praktische Modul vor und thematisiert die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Sprachmittlungstools. Die Kosten für professionelle Sprachmittlung werden in der ambulanten Versorgung in der Regel nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Als Alternative bleiben nur Laiendolmetschende oder Apps. Doch wie sieht es hier mit der Schweigepflicht oder dem Datenschutz aus? Und was ist besser? 

„Die Apps übersetzen oft Unsinn“

Anne Simmenroth weiß aus eigener Erfahrung, wie unbefriedigend die Kommunikation mit Übersetzungs-Apps ist: „Es dauert immer viel länger. Jeder schreibt etwas, reicht das Handy weiter, der andere liest und schaut fragend zurück, weil die App Fehler bei der Übersetzung macht.“ Die Apps rauben nicht nur Zeit und erschweren den Kontakt, sondern führen auch oft zu Missverständnissen, wie die Rollenspiele im Praxis-Modul gezeigt haben. 

Hier schlüpfen die Studierenden in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatientinnen und -patienten – Schülerinnen und Schüler der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. Einmal nutzen sie dabei Übersetzungs-Apps, einmal dolmetscht eine Schülerin oder ein Schüler der Dolmetscherschule. Im Anschluss werden die Gespräche gemeinsam ausgewertet. Wie groß die Qualitätsunterschiede zwischen menschlicher Sprachmittlung und Übersetzungs-Apps tatsächlich sind, überraschte nicht nur die Studierenden, sondern auch das Projektteam. 

Janina Zirkel kommentiert: „Bei uns waren die Fachkompetenz der angehenden Dolmetscherinnen und Dolmetscherinnen sowie das Schauspielskript das Korrektiv. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Apps in unseren Rollenspielen teilweise gravierend fehlerhafte Übersetzungen lieferten. Oder anders ausgedrückt: Die Apps übersetzen oft totalen Unsinn.“

Im Alltag bleiben solche fehlerhaften Übersetzungen jedoch oft unbemerkt. Die Feedbackrunden zeigten: Während der Arzt oder die Ärztin das Gefühl hatte, dass alles passt, wurden aus Sicht der Patientin oder des Patienten wesentliche Probleme nicht adressiert oder falsch verstanden. Darüber hinaus fühlten sich die Patientinnen und Patienten oft unwohl und nicht ernst genommen, insbesondere, wenn das Gegenüber über die fehlerhaften App-Übersetzungen lachen musste.

Laiendolmetschenden muss klar sein: Wir reden nicht über den Patienten, sondern mit dem Patienten

„Doch auch ein Gespräch mit Laien, die dolmetschen, muss gut vorbereitet werden“, weiß Anne Simmenroth. Idealerweise führt man ein Vorgespräch, in dem man die dolmetschende Person über die Schweigepflicht, den Inhalt der Anamnese und bestimmte Regeln aufklärt, sowie ein Nachgespräch im Anschluss. „Es ist wichtig, das Gesagte ganz genau wiederzugeben, ohne Interpretationen, und immer in Ich-Form. Wir reden nicht über den Patienten, sondern mit dem Patienten“, so Simmenroth. 

Janina Zirkel empfiehlt zudem, vorab die kulturellen Besonderheiten zu besprechen und während des Gesprächs auf nonverbale Signale zu achten. So muss beispielsweise ein Kopfschütteln nicht Ablehnung bedeuten. 

Alle Patientinnen und Patienten profitieren von sensibler Kommunikation

Die Projektverantwortlichen betonen, dass sich das Lehrangebot nicht ausschließlich an der Versorgung von Menschen mit Migrationsgeschichte orientiert. Auch deutsche Patientinnen und Patienten ohne Migrationshintergrund haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was Krankheit bedeutet oder wie eine Behandlung wirkt. „Gute Medizin beginnt damit, diese Perspektiven zu verstehen und sich in die Lebensrealität der Patientin oder des Patienten hineinzuversetzen“, sagt Anne Simmenroth. Die Kunst besteht darin, die richtigen Fragen zu stellen und letztlich eine empathische, diversitätssensible und fachlich sichere Anamnese zu erstellen. 

Und in dieser Kunst haben sich die Studierenden nachweislich geübt. Die Evaluationen zeigen deutlich, dass die Fähigkeit im zweiten Kurs, eine diversitätssensible Anamnese zu erheben, nach den Übungen signifikant von einem niedrigem auf ein hohes Niveau stieg. Fast alle Teilnehmenden halten den Inhalt der Kurse für sehr praxisrelevant. 

Ausblick: Kompetenzen in die gesamte Patientenversorgung tragen

Obwohl Sprachbarrieren, unterschiedliche Gesundheitsvorstellungen und kulturell geprägte Kommunikationsmuster längst zum Alltag in Kliniken und Praxen gehören, spielen sie im Medizinstudium bisher kaum eine Rolle. Das Würzburger Lehrkonzept schließt diese Lücke in der medizinischen Ausbildung. 

Zwar endet die Förderung des Projekts im Frühjahr 2027, doch das Team hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema, das angesichts einer immer vielfältigeren Gesellschaft weiter an Bedeutung gewinnen wird, dauerhaft im Curriculum zu verankern und schrittweise auf weitere Berufsgruppen auszuweiten. Denn von einer sicheren und kultursensiblen Kommunikation profitieren nicht nur angehende Ärztinnen und Ärzte und Hebammen, sondern auch Pflegekräfte, therapeutische Berufe und bereits tätige Ärztinnen und Ärzte. Dafür braucht es Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus den verschiedenen Berufsgruppen, die diese Kompetenzen dorthin tragen, wo sie gebraucht werden: bei der täglichen Versorgung von Patientinnen und Patienten.  

Information: Zwar gibt es auch an anderen Universitätsstandorten Angebote zur interkulturellen Medizin, doch die Kombination aus kultursensibler Kommunikation, effizienter Sprachmittlung und praktischen Simulationstrainings ist in dieser Form bislang einzigartig. Das Team steht daher im engen Austausch mit anderen Hochschulen, teilt seine Erfahrungen und möchte weitere Standorte ermutigen, ähnliche Lehrangebote aufzubauen. Zum Projekt.

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Im Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ schlüpfen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaften in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatientinnen und -patienten – Schülerinnen und Schüler der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. Einmal nutzen sie dabei Übersetzungs-Apps, einmal dolmetscht eine Schülerin oder ein Schüler der Dolmetscherschule. Hier demonstrieren Mitarbeiterinnen vom Institut für Allgemeinmedizin ein Anamnesegespräch mit einer Laiendolmetscherin © Kirstin Linkamp / UKW
Porträts der beiden Medizinerinnen im Büro des Instituts, im Hintergrund ein Fenster, durch das unscharf grüne Bäume des Campus zu sehen sind.
Prof. Dr. Anne Simmenroth (links) und Dr. Janina Zirkel leiten am Uniklinikum Würzburg das Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“, das von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre im Programm Freiraum gefördert wird. © Angie Wolf / UKW

Bessere Sicht, mehr Sicherheit im OP: Videolaryngoskopie überzeugt im Vergleich

Weltweit größte randomisiert-kontrollierte Studie mit mehr als 2.500 Patientinnen und Patienten zeigt Vorteile der videogestützten Atemwegssicherung gegenüber der klassischen direkten Laryngoskopie.

Die drei verschiedenen untersuchten Laryngoskope nebeneinander auf grauem Hintergrund.
In der COVALENT-Studie wurden drei Laryngoskope miteinander verglichen: das klassische Laryngoskop (links), das Macintosh-Videolaryngoskop (Mitte) und das hyperangulierte Videolaryngoskop mit stark gekrümmtem Spatel. © Benedikt Schmid / UKW
Collage mit vier Bildern an einer Patientenpuppe - Laryngoskopie- und Intubationsvorgang
Die Collage demonstriert den Laryngoskopie- und Intubationsvorgang im Trainingslabor. Oben links findet eine Laryngoskopie mit konventionellem Laryngoskop statt, daneben wird der Tubus eingefügt. Das Bild unten links zeigt eine ideale Sicht auf die Stimmbandebene, rechts wird der Tubus korrekt in der Trachea zwischen den Stimmbändern platziert. © Benedikt Schmid / UKW
Diagramm zeigt den first-path-success bei 2532 Patienten mit drei unterschiedlichen Laryngoskopen, erfolgreich blaue Kästchen in Säule, nicht erfolgreich rote Kästchen in Säule.
In der randomisierten, kontrollierten klinischen Studie mit drei Armen, an der 2.532 erwachsene Patienten teilnahmen, lagen die Erfolgsraten beim ersten Durchgang bei Macintosh-Videolaryngoskopen (82,9 %) und hyperangulierten Videolaryngoskopen (87,6 %) signifikant höher als bei der direkten Laryngoskopie (78,2 %). © Benedikt Schmid / UKW

Die Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und Österreich untersucht, welche Methode bei der endotrachealen Intubation die besten Ergebnisse erzielt. Die COVALENT-Studie zeigt: Videolaryngoskope ermöglichen häufiger eine erfolgreiche Intubation bereits beim ersten Versuch, verkürzen die Atemwegssicherung nach Fehlschlägen und reduzieren kleinere Verletzungen. Die Ergebnisse sprechen dafür, die Videolaryngoskopie künftig als Standardverfahren im Operationssaal einzusetzen.

Würzburg. Die Intubation zählt zu den wichtigsten und anspruchsvollsten Aufgaben in der Anästhesie. Dabei wird durch das Einführen eines dünnen, flexiblen Schlauchs, des sogenannten Tubus, über Mund oder Nase in die Luftröhre die Atmung sichergestellt und die Luftröhre abgedichtet, sodass keine Flüssigkeiten, wie beispielsweise Magensaft oder Blut, in die Lunge gelangen können. Zur Einführung des Tubus muss die Luftröhre gut sichtbar sein. Das sogenannte Laryngoskop (griechisch „Larynx“ für Kehlkopf und „skopein“ für betrachten) ermöglicht es Anästhesistinnen und Anästhesisten, die Zunge vorsichtig zu heben und einen guten Blick auf Kehlkopf und Stimmbänder zu erhalten. 

Ein herkömmliches Laryngoskop besteht aus einem Griff, einer Klinge und einer Lichtquelle. Heute kommen zunehmend auch Videolaryngoskope zum Einsatz. Diese besitzen eine kleine Kamera an der Spitze, die das Bild auf einen Monitor überträgt. Aber sind sie wirklich besser? 

Diese Frage beantwortet Dr. Dr. Benedikt Schmid, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) mit einem klaren „Ja“. Der Anästhesist und Leiter der AG Data Science and Reproducible Research verglich in einer multizentrischen Studie mit mehr als 2.500 erwachsene Patientinnen und Patienten die konventionelle mit der videogestützten Laryngoskopie bei perioperativen endotrachealen Intubationen, also bei der Platzierung eines Beatmungsschlauchs während einer Operation. „Unsere Daten zeigen, dass die Videolaryngoskope die Intubation während einer Vollnarkose deutlich erleichtern und die Sicherheit erhöhen“, erläutert Benedikt Schmid. 

Bei routinemäßigen Trachealintubationen führen Videolaryngoskope zu deutlich höheren Erfolgsraten beim ersten Versuch

In der COVALENT-Studie verglich Schmid mit einem Team von sechs Kliniken in Deutschland und Österreich erstmals drei Verfahren miteinander: die klassische direkte Laryngoskopie sowie zwei Formen der Videolaryngoskopie mit unterschiedlicher Geometrie. Die Erfolgsraten beim ersten Durchgang waren bei den sogenannten Macintosh-Videolaryngoskopen (82,9%) und den sogenannten hyperangulierten Videolaryngoskopen (87,6 %) signifikant höher als bei der direkten Laryngoskopie (78,2 %). „Beide Videoverfahren führten also häufiger bereits beim ersten Versuch zu einer erfolgreichen Trachealintubation“, erläutert Benedikt Schmid. „Besonders gut schnitten Geräte mit stark gekrümmtem Spatel ab.“ Zudem gelang nach einem fehlgeschlagenen ersten Versuch die Intubation mit Videolaryngoskopen schneller und es traten seltener kleinere Verletzungen im Mund- und Rachenraum auf.

„Die Ergebnisse sprechen dafür, die Videolaryngoskopie künftig als neuen Standard für die routinemäßige Atemwegssicherung im Operationssaal einzusetzen“, kommentiert Prof. Dr. Patrick Meybohm, Direktor der Würzburger Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. 

Projektpartner und Förderung

Neben dem UKW waren an der COVALENT-Studie die Anästhesiologischen Kliniken der Universitätskliniken in Aachen, Bonn, Leipzig und Heidelberg sowie die Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg beteiligt. Das Projekt wurde von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) gefördert. 

Publikation: Benedikt Schmid, Linda Grüßer, Lukas Müller, Maria Wittmann, Achilles Delis, Tugce Dinc Dogan, Robert Werdehausen, Christopher Neuhaus, Peter Paal, Carolin Claassen, Philipp Helmer, Paul Fischer, Peter Kranke, Patrick Meybohm, Gregor Massoth, and the German Society of Anaesthesiology and Intensive Care (GSAIC) Trials Group. Conventional vs Video-Assisted Laryngoscopy for Perioperative Endotracheal Intubations: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2026;9(8):e2625965. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.25965

Die drei verschiedenen untersuchten Laryngoskope nebeneinander auf grauem Hintergrund.
In der COVALENT-Studie wurden drei Laryngoskope miteinander verglichen: das klassische Laryngoskop (links), das Macintosh-Videolaryngoskop (Mitte) und das hyperangulierte Videolaryngoskop mit stark gekrümmtem Spatel. © Benedikt Schmid / UKW
Collage mit vier Bildern an einer Patientenpuppe - Laryngoskopie- und Intubationsvorgang
Die Collage demonstriert den Laryngoskopie- und Intubationsvorgang im Trainingslabor. Oben links findet eine Laryngoskopie mit konventionellem Laryngoskop statt, daneben wird der Tubus eingefügt. Das Bild unten links zeigt eine ideale Sicht auf die Stimmbandebene, rechts wird der Tubus korrekt in der Trachea zwischen den Stimmbändern platziert. © Benedikt Schmid / UKW
Diagramm zeigt den first-path-success bei 2532 Patienten mit drei unterschiedlichen Laryngoskopen, erfolgreich blaue Kästchen in Säule, nicht erfolgreich rote Kästchen in Säule.
In der randomisierten, kontrollierten klinischen Studie mit drei Armen, an der 2.532 erwachsene Patienten teilnahmen, lagen die Erfolgsraten beim ersten Durchgang bei Macintosh-Videolaryngoskopen (82,9 %) und hyperangulierten Videolaryngoskopen (87,6 %) signifikant höher als bei der direkten Laryngoskopie (78,2 %). © Benedikt Schmid / UKW

Wichtiger Meilenstein bei HI-PLUS: Jetzt beginnt die Auswertung der Herzinsuffizienz-Versorgungsstudie

Die bundesweite HI-PLUS-Studie des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz (DZHI) hat die Nachbeobachtung der letzten Teilnehmenden abgeschlossen

Deutschlandkarte mit Punkten Verteilung der teilnehmenden Praxen, Kontrollgruppen grün, Interventionsgruppen orange, Drop-out grau und Pilotphase lila.
Für die HI-Plus-Studie wurden 55 kardiologische Praxen in Deutschland rekrutiert, 48 nahmen aktiv an der Studie teil. In den Praxen der Kontrollgruppe fand unverändert die Regelversorgung statt. Für die Versorgung in der Interventionsgruppe wurden 70 Medizinische Fachangestellte aus den kardiologischen Praxen geschult.
Stefan Störk im weißen Kittel steht vor HI-Nurses, ebenfalls in weißer Arbeitskluft, im Hintergrund ein Flipchart
Prof. Dr. Stefan Störk ist leitet am Deutschen Zentrum für Herzinisuffizienz (DZHI) Würzburg das Department Klinische Forschung und Epidemiologie und das Fortbildungsprogramm für Herzinsuffizienz-Pflegekräfte (HI-Nurse) und Spezialisierte Herzinsuffizienz-Assistenz (HI-MFA). © Daniel Peter / UKW

In der HI-PLUS-Studie werden bekannte Defizite in der Versorgung von Menschen mit Herzinsuffizienz adressiert. Dabei wird eine neue, sektorenübergreifende Versorgungsform untersucht, die die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und Krankenhausaufenthalte reduzieren soll. Im Mittelpunkt der neuen Versorgungsform stehen speziell für die Versorgung herzinsuffizienter Menschen qualifizierte Medizinische Fachangestellte (HI-MFA). Sie begleiten die Patientinnen und Patienten, erfassen Vitaldaten telemonitorisch und unterstützen den Informationsaustausch zwischen Hausarztpraxis und kardiologischer Praxis über eine digitale Fallakte. Insgesamt wurden 712 Patientinnen und Patienten in die bundesweite HI-PLUS-Studie eingeschlossen, von denen 585 die zwölfmonatige Nachbeobachtung absolvierten. Mit deren Abschluss beginnt nun die wissenschaftliche Auswertung. Erweist sich das Versorgungsmodell als wirksam, könnte es als skalierbares Modell für eine integrierte Herzinsuffizienzversorgung in ganz Deutschland dienen.

Würzburg. Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz werden häufig sowohl hausärztlich als auch kardiologisch betreut. Im Versorgungsalltag funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behandelnden jedoch nicht immer optimal. Das kann dazu führen, dass Therapien nicht rechtzeitig angepasst werden und die Patientinnen und Patienten Betreuung nicht in der Intensität erhalten, die sie benötigen. Genau hier setzt die HI-PLUS-Studie an. Die bundesweite Versorgungsstudie des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz (DZHI) Würzburg untersucht, ob eine engere Zusammenarbeit zwischen hausärztlichen und kardiologischen Praxen sowie speziell in Herzinsuffizienz geschulten Medizinischen Fachangestellten (HI-MFA) die Versorgung von Menschen mit Herzschwäche verbessern kann. Die Ergebnisevaluation der Studie wird durch das Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) der Universität Würzburg durchgeführt. Mit dem Abschluss der Nachbeobachtung der letzten Studienteilnehmenden hat HI-PLUS nun einen wichtigen Meilenstein erreicht.

Innerhalb von drei Jahren wurden 712 Patientinnen und Patienten in die zweiarmige, parallelgruppen-geführte, cluster-randomisierte, kontrollierte Studie eingeschlossen, von denen 585 die zwölfmonatige Nachbeobachtung absolvierten. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden, von denen 24 Prozent weiblich waren, lag bei rund 69 Jahren. Der überwiegende Teil der Teilnehmenden wies eine leichte oder mittelschwere Einschränkung durch die Herzinsuffizienz auf: 67,5 Prozent wurden der NYHA-Klasse II und 25,8 Prozent der NYHA-Klasse III zugeordnet.

HI-MFA haben Schlüsselrolle in sektorenübergreifender patientenindividueller Versorgungsform

Insgesamt wurden 55 kardiologische Praxen deutschlandweit rekrutiert und 48 nahmen aktiv an der Studie teil. In den Praxen der Kontrollgruppe fand unverändert die Regelversorgung statt. Für die Versorgung in der Interventionsgruppe wurden 70 Medizinische Fachangestellte aus den kardiologischen Praxen in sieben Kursen nach einem Curriculum der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) am DZHI geschult. Die HI-MFA übernehmen bei HI-PLUS eine Schlüsselrolle, indem sie das Care- und Case-Management der Erkrankten durchführen. Sie begleiten die Patientinnen und Patienten, unterstützen das Selbstmanagement, überwachen die Therapie und koordinieren die Versorgung zwischen kardiologischen und hausärztlichen Praxen. Eine eigens für HI-PLUS entwickelte digitale eHealth-Plattform unterstützt den Austausch relevanter Informationen und die Erfassung von Telemonitoring-Daten wie Gewicht, Blutdruck und EKG.

Studiendesign und Pilotstudie in Clinical Research in Cardiology veröffentlicht

Die kürzlich in der Fachzeitschrift „Clinical Research in Cardiology“ veröffentlichte Pilotstudie evaluierte die Studienabläufe und zeigte, dass sich diese erfolgreich in den Praxisalltag integrieren lassen. Die Studienabläufe und die digitale Plattform erwiesen sich als praktikabel und wurden von den Teilnehmenden – sowohl von den Patientinnen und Patienten als auch von den beteiligten Praxen – gut angenommen. Nun beginnt die Phase der wissenschaftlichen Auswertung.

„Die HI-PLUS-Studie befasst sich mit anerkannten Lücken in der Herzinsuffizienzversorgung. Sollte sie sich als wirksam erweisen, könnte sie als skalierbares Modell für eine integrierte Herzinsuffizienzversorgung in ganz Deutschland dienen“, kommentiert Martha Schutzmeier. Die Erstautorin der Pilotstudie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am IKE-B der Universität Würzburg und ist dort für die Projektkoordination zuständig.

Hier werden in den kommenden Monaten die umfangreichen Datensätze evaluiert. Wird sich das neue Versorgungsmodell tatsächlich positiv auf die Lebens- und Versorgungsqualität von Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz auswirken? Kann eine engere Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis, Kardio-Praxis und HI-MFA die Lebensqualität der Studienteilnehmenden verbessern und Krankenhausaufenthalte reduzieren?

Drohende Dekompensationen frühzeitig erkennen

„Jeder vermiedene Krankenhausaufenthalt bedeutet für Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz mehr Lebensqualität und geht häufig mit einer besseren Prognose einher. Entscheidend ist deshalb, eine drohende Dekompensation frühzeitig zu erkennen und ambulant zu behandeln, bevor eine Klinikeinweisung notwendig wird,“ sagt Prof. Dr. Stefan Störk, Leiter des Departments Klinische Forschung und Epidemiologie am DZHI sowie des Fortbildungsprogramms für Herzinsuffizienz-Pflegekräfte (HI-Nurse) und Spezialisierte Herzinsuffizienz-Assistenz (HI-MFA) am DZHI. „Mit dem Abschluss der Nachbeobachtung haben wir eine entscheidende Etappe erreicht. Nun können wir erstmals umfassend untersuchen, welchen Nutzen das neue Versorgungskonzept für Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz im Versorgungsalltag hat."

Publikation des Studienprotokolls mit Ergebnissen einer vorgeschalteten Pilotstudie: Schutzmeier, M., Rücker, V., Widmann, J. et al. HI-PLUS: design of a cluster-randomized trial evaluating structured case management with telemonitoring to improve quality of life in heart failure. Clin Res Cardiol (2026) https://doi.org/10.1007/s00392-026-02904-8

Studien-Webseite

Pressemeldung vom 01.12.2023 zum Start der Studie und Fortbildung der HI-MFA

Deutschlandkarte mit Punkten Verteilung der teilnehmenden Praxen, Kontrollgruppen grün, Interventionsgruppen orange, Drop-out grau und Pilotphase lila.
Für die HI-Plus-Studie wurden 55 kardiologische Praxen in Deutschland rekrutiert, 48 nahmen aktiv an der Studie teil. In den Praxen der Kontrollgruppe fand unverändert die Regelversorgung statt. Für die Versorgung in der Interventionsgruppe wurden 70 Medizinische Fachangestellte aus den kardiologischen Praxen geschult.
Stefan Störk im weißen Kittel steht vor HI-Nurses, ebenfalls in weißer Arbeitskluft, im Hintergrund ein Flipchart
Prof. Dr. Stefan Störk ist leitet am Deutschen Zentrum für Herzinisuffizienz (DZHI) Würzburg das Department Klinische Forschung und Epidemiologie und das Fortbildungsprogramm für Herzinsuffizienz-Pflegekräfte (HI-Nurse) und Spezialisierte Herzinsuffizienz-Assistenz (HI-MFA). © Daniel Peter / UKW

Wie das Gehirn entscheidet. Dominik Groos erforscht die uralten Schaltkreise hinter Verhalten und Motivation

Mit Humboldt-Stipendium von Zürich nach Würzburg und zur eigenen Emmy Noether-Forschungsgruppe

Dominik Groos vor einer Glastür mit der Beschriftung ikn Institut für Klinische Neurobiologie
Der experimentelle und theoretische Neurowissenschaftler, Dr. Dominik Groos, baut am Universitätsklinikum Würzburg eine eigene Emmy Noether-Forschungsgruppe auf. © Katrin Walter / UKW
Die beiden Wissenschaftler sitzen am Tisch - vor sich der Ausdruck einer Publikation
Mit einem Humboldt-Forschungsstipendium kam Dr. Dominik Groos (rechts) von der Universität Zürich ans Würzburger Institut für Klinische Neurobiologie zu Prof. Dr. Philip Tovote. © Katrin Walter / UKW

Der experimentelle und theoretische Neurowissenschaftler Dr. Dominik Groos kommt mit einem Humboldt-Forschungsstipendium von der Universität Zürich zu Prof. Dr. Philip Tovote ans Würzburger Institut für Klinische Neurobiologie und baut am Universitätsklinikum Würzburg demnächst eine eigene Emmy Noether-Forschungsgruppe auf. Seine Forschung zeigt, wie evolutionär alte Hirnnetzwerke Risiko, Belohnung und Körperzustand miteinander verbinden – und eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis psychischer und metabolischer Erkrankungen.

Würzburg. Sein Fokus liegt auf wertebasierten Entscheidungsfindungen. Um diese zu erforschen taucht der Neurowissenschaftler Dr. Dominik Groos in evolutionär alte Hirnstrukturen wie den Hypothalamus ab, der Informationen aus Körper und Gehirn zusammenführt. Diese alten Hirnnetzwerke entstanden bereits vor vielen Millionen Jahren im Verlauf der Evolution und steuern bis heute sowohl bei Menschen als auch bei anderen Wirbeltieren grundlegende Funktionen wie Hunger, Schmerz oder Stress, aber auch Bewertungs- und Motivationsprozesse. Dies zeigen unter anderem die neuesten Arbeiten von Dominik Groos.

Spezifischer Hypothalamus-Habenula-Kreislauf steuert die Risikobereitschaft

In einer international beachteten Studie (Groos, D., et al. A distinct hypothalamus–habenula circuit governs risk preference, Nature Neuroscience 28, 361–373, 2025,  https://doi.org/10.1038/s41593-024-01856-4) identifizierte Groos mit seinen damaligen Kolleginnen und Kollegen der Universität Zürich beispielsweise bei Mäusen einen bislang unbekannten neuronalen Schaltkreis zwischen Hypothalamus und lateraler Habenula. Dieser beeinflusst die individuelle Bereitschaft, Risiken einzugehen. Während der Hypothalamus innere Zustände wie Hunger, Durst, Schlaf, oder Sexualverhalten steuert, bewertet die Habenula – eine winzige Region im Zwischenhirn – ob eine Handlung das Risiko wert ist. Dabei arbeitet das System keineswegs nach dem Prinzip „Stop“ oder „Go“. Denn überraschenderweise setzen diese hypothalamischen Nervenzellen sowohl den erregenden Neurotransmitter Glutamat als auch die hemmende Gamma-Aminobuttersäure (GABA) frei und senden somit gleichzeitig aktivierende und bremsende Signale an die Habenula.

Information zum Mausexperiment: Konkret bot Groos mit seinem Team an der Universität Zürich den Mäusen die Wahl zwischen einer sicheren Option, bei der sie in jedem Fall eine mittelgroße Belohnung in Form von kleinen Mengen Zuckerwasser erhielten, und einer riskanteren Option, nach deren Wahl die Belohnung entweder wesentlich größer oder wesentlich kleiner ausfiel. Die meisten Tiere waren risikoavers und gingen auf Nummer sicher. Ein Drittel der Mäuse hingegen ging vermehrt ein höheres Risiko ein. Diese Ergebnisse decken sich mit Beobachtungen am Menschen. Die meisten Menschen sind sinnvollerweise risikoavers. Wären alle risikofreudig, wäre die Spezies auf Dauer wegselektioniert. 

Gerade diese feinmodulierte Abstimmung könnte erklären, warum manche Individuen eher Risiken eingehen, während andere vorsichtiger entscheiden. Diese Präferenz war übrigens unabhängig von Geschlecht und zeigte sich als erstaunlich stabile Eigenschaft, die sich sogar vorab erkennen ließ, wie moderne Aktivitätsmessungen und Optogenetik zeigten. So beobachteten die Forschenden mittels Calcium-Imaging, dass die Nervenzellen bereits vor der Wahlhandlung ein Aktivitätsmuster zeigten, das mit der späteren Entscheidung zusammenhing. Durch gezielte Manipulation der zuständigen Hypothalamus-Habenula-Verbindung mittels Optogenetik konnte Groos demonstrieren, dass genau dieser Schaltkreis die Risikobewertung beeinflusst.

Die Optogenetik, die vor über 20 Jahren die Neurowissenschaften revolutioniert hat, ermöglicht inzwischen den Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen einem evolutionär alten Hirnschaltkreis und einem Verhalten. Mithilfe lichtempfindlicher Proteine lassen sich einzelne Nervenzellen und ihre Verbindungen nämlich gezielt mit Licht aktivieren oder hemmen. Dadurch können Forschende heute nicht nur beobachten, welche Hirnschaltkreise bei einer Entscheidung aktiv sind, sondern auch nachweisen, welche davon das Verhalten tatsächlich steuern.

Würzburg als Standort für systemische Neurowissenschaften

Dass Groos seine Forschung am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) mit anfänglicher Unterstützung eines Humboldt-Stipendiums für Postdocs fortsetzt, ist kein Zufall. Er arbeitet mit Prof. Dr. Philip Tovote zusammen, dem Direktor des Instituts für Klinische Neurobiologie (IKN) und Inhaber des Lehrstuhls für Systemische Neurobiologie. Tovote ist einer der international führenden Experten für evolutionär alte Hirnschaltkreise wie das Zentrale Höhlengrau, das beispielsweise Reaktionen wie die sogenannte Schockstarre oder das Fluchtverhalten während Angstzuständen steuert. 

„Wir haben hier eine Forschungsinfrastruktur mit kontrollierten Bedingungen, exzellenter Mauszucht und Experimentalhaltung sowie anspruchsvollen In-vivo-Methoden aufgebaut, die Forschung auf höchstem Niveau ermöglicht. Solche Voraussetzungen gibt es in Deutschland nur an wenigen Standorten – und genau das macht ihn für ambitionierte Nachwuchswissenschaftler so attraktiv“, sagt Philip Tovote. „Ich war hocherfreut, als sich Dominik bei uns bewarb. Mit seinem Forschungsprofil, seiner Leidenschaft und seinem Know-how ergänzt er unser Forschungsprofil der systemischen Neurowissenschaften hervorragend.“ 

Das Forschungsprofil „Systemische Neurowissenschaften“ des UKW: Die Universitätsmedizin Würzburg baute in den vergangenen Jahren den systemischen Blickwinkel auf die Funktion des Nervensystems und das Zusammenspiel von Gehirn und Körpernervensystem sukzessive aus. Ziel ist es, einen Campus für translationale Neurowissenschaften zu etablieren. Einerseits soll die bereits bestehende exzellente Expertise in den verschiedenen Kliniken gebündelt werden, andererseits sollen ambitionierte und herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Dominik Groos die Möglichkeit erhalten, sich hier zu etablieren und ihr Wissen zu teilen. 

Von grundlegenden Mechanismen im Tiermodell hin zum besseren Verständnis menschlicher Erkrankungen

Doch welche Perspektiven eröffnen diese Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung am Tiermodell für die Humanmedizin? „Wir haben viele interessante Puzzleteile aus der systemischen Mausforschung, die zu dem passen, was wir im Menschen sehen“, sagt Dominik Groos. „Wir wissen zum Beispiel, dass bei vielen neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie und Suchterkrankungen wertebasiertes Entscheidungsverhalten gestört ist. Auf der anderen Seite gibt es eine starke Überlappung mit metabolischen Erkrankungen.“ Groos verweist auf zahlreiche aktuelle Studien, die belegen, dass zahlreiche Menschen mit psychischen Erkrankungen gleichzeitig Veränderungen des Stoffwechsels aufweisen. Die Forschung geht zunehmend davon aus, dass beiden Krankheitsgruppen gemeinsame biologische Mechanismen zugrunde liegen, etwa in den neuronalen Netzwerken, die Verhalten, Stress und Stoffwechsel miteinander verbinden. Tovote nennt die Abnehmspritze Semaglutid als Beispiel. Neben dem reinen Gewichtsverlust hat der Wirkstoff auch einen positiven Einfluss auf das psychische Wohlbefinden und das Suchtverhalten, da er GLP-1-Rezeptoren in Hirnnetzwerken beeinflusst, welche Hunger, Motivation und Belohnungsverhalten steuern.

Die spannende translationale Frage lautet also: Wie entscheidet das Gehirn, was es will, was es braucht und welches Verhalten sich lohnt? Genau an dieser Schnittstelle zwischen Stoffwechsel, Motivation und Verhalten gibt es viele offene Fragen, die für Erkrankungen wie Adipositas, Essstörungen, Depressionen oder Stressstörungen relevant sind. Wie werden Signale aus dem Körper in neuronale Entscheidungen übersetzt und wie können Fehlregulationen dieser Systeme zu Erkrankungen beitragen?

Humboldt-Forschungsstipendium, IZKF-Förderung und Emmy Noether-Gruppe 

Dominik Groos absolvierte seinen Master in Molekularer Medizin an der FAU Erlangen-Nürnberg. Anschließend promovierte er an der Universität Zürich (UZH), und arbeitete dort weitere vier Jahre als Postdoktorand. Im Juni 2026 kam er mit einem Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung für Postdocs ans Universitätsklinikum Würzburg. Die Alexander von Humboldt-Stiftung fördert überdurchschnittlich qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, indem sie Postdocs wie Dominik Groos beispielsweise einen Forschungsaufenthalt in Deutschland für sechs bis 24 Monate finanziert. Die Förderung ist Teil des 1.000 Köpfe-Plus-Programms des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Ebenfalls im Juni warb er erfolgreich eine eigene Emmy Noether-Gruppe ein. Das Emmy-Noether-Programm, benannt nach der deutschen Mathematikerin Emmy Noether, wurde 1997 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeführt, um herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zu fördern und ihre Forschung langfristig in Deutschland durchzuführen. Mit dem Aufbau und der eigenverantwortlichen Leitung einer sogenannten Emmy Noether-Gruppe haben junge Forschende in der frühen Phase ihrer Karriere die Möglichkeit, sich über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren. Eine Anschubfinanzierung erhält Dominik Groos zudem vom Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung (IZKF) der Universität Würzburg. 

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Dominik Groos vor einer Glastür mit der Beschriftung ikn Institut für Klinische Neurobiologie
Der experimentelle und theoretische Neurowissenschaftler, Dr. Dominik Groos, baut am Universitätsklinikum Würzburg eine eigene Emmy Noether-Forschungsgruppe auf. © Katrin Walter / UKW
Die beiden Wissenschaftler sitzen am Tisch - vor sich der Ausdruck einer Publikation
Mit einem Humboldt-Forschungsstipendium kam Dr. Dominik Groos (rechts) von der Universität Zürich ans Würzburger Institut für Klinische Neurobiologie zu Prof. Dr. Philip Tovote. © Katrin Walter / UKW

Das 300ste MIAI-Baby ist da!

In der MIAI-Studie wird untersucht, wie Kinder in den ersten Lebensjahren lernen, sich gegen Viren wie Influenza, RSV oder SARS-CoV-2 zu verteidigen

Säugling liegt mit Windel auf der Wickelkommode
Die kleine Mia-Sophie ist das dreihundertste Baby, das an der Geburtskohortenstudie MIAI teilnimmt. © Kirstin Linkamp / UKW
Säugling liegt auf Wickelkommode, Studienärztin nimmt mit Wattepad einen Abstrich von der Haut, im Hintergrund steht die Studynurse mit Mundschutz
Studienärztin Dr. Judith Wohlleben nimmt gemeinsam mit Studienbetreuerin Elena Fries zwei Tage nach der Geburt von Mia-Sophie Abstriche in der Nase, im Rachen und auf der Haut. © Kirstin Linkamp / UKW
Eltern, Studienärztin und Säugling im Wickelraum der Frauenklinik.
Die Erstuntersuchung im Rahmen der MIAI-Studie findet wenige Tage nach der Geburt statt. Weitere Untersuchungen folgen nach vier Wochen, einem halben Jahr, einem Jahr und fünf Jahren. © Kirstin Linkamp / UKW
Die Mutter hält den Säugling auf dem Arm, der Vater steht daneben.
Die Eltern von Mia-Sophie, Lisa-Marie und Michael, leisten gern einen Beitrag für die Wissenschaft. © Kirstin Linkamp / UKW

Würzburg. Mia-Sophie ist gerade einmal zwei Tage alt und schon jetzt ein kleiner Star auf der Geburtsstation des Uniklinikums Würzburg (UKW). Sie ist das dreihundertste Baby, das an der Geburtskohortenstudie MIAI teilnimmt. Das Akronym steht für „Maturation of Immunity Against Influenza”. Das Studienteam um Prof. Dr. Dorothee Viemann möchte mithilfe der gesammelten Daten, Untersuchungsergebnisse und Bioproben der Babys Faktoren identifizieren, die die Reifung des Immunsystems fördern, und herausfinden, warum manche Kinder anfälliger für schwere Virusinfektionen sind als andere. Das Ziel besteht darin, schwere virale Atemwegserkrankungen zu verhindern. Diese sind nach wie vor ein großes weltweites Problem und verursachen zahlreiche Erkrankungen und Todesfälle. Ein besseres Verständnis dieser Reifungsprozesse wird künftig die Entwicklung evidenzbasierter Empfehlungen und gezielter Maßnahmen ermöglichen, mit denen sich Kinder besser gegen Viren wehren können. 

Körperliche Untersuchung, Abstriche, Stuhlprobe

Mia-Sophie und die 299 weiteren MIAI-Kinder leisten deshalb einen wichtigen Beitrag mit ihren Informationen. So nahm Studienärztin Dr. Judith Wohlleben zwei Tage nach der Geburt von Mia-Sophie mit dem Einverständnis der Eltern Lisa-Marie und Michael, Abstriche in der Nase, im Rachen und auf der Haut. Darüber hinaus untersuchte die Ärztin den Muskeltonus des Säuglings und hörte Herz und Lunge ab. Da im Rahmen der U2-Vorsorgeuntersuchung ohnehin Blut für ein Stoffwechselscreening abgenommen wird, bittet das Studienteam darum, auch eine geringe Menge Blut für die MIAI-Studie gewinnen zu dürfen. Außerdem werden Proben von Mia-Sophies erstem Stuhlgang sowie von der Muttermilch genommen. Hinzu kommen einige Fragebögen zu den Themen Schwangerschaft, Geburt, Gesundheit der Familie und Lebensumstände. 

Kohorte wurde auf fünf Jahre verlängert und um weitere Landkreise erweitert

In vier Wochen wird das Studienteam Mia-Sophie zur nächsten Untersuchung und Entnahme weiterer Proben in der Studienambulanz der Kinderklinik wiedersehen. Wenn Mia-Sophie ein halbes Jahr, ein Jahr und fünf Jahre alt wird, werden weitere Einladungen folgen. Das Screening zum fünften Geburtstag ist neu. Ebenso wie der erweiterte Radius der Kohorte. Denn jetzt dürfen auch Familien aus dem Umland in die Studie aufgenommen werden. Voraussetzung ist jedoch, dass die Kinder am UKW geboren werden und zu den Untersuchungen in die Kinderklinik kommen.

Beitrag zur Forschung, zum Gemeinwohl und zur Verbesserung der Prävention und Versorgung 

Die MIAI-Studie hat gerade ihren vierten Geburtstag gefeiert und genießt große Akzeptanz. Viele Familien nehmen teil, um die Forschung des kindlichen Immunsystems zu unterstützen und somit langfristig die Gesundheit zukünftiger Generationen zu fördern. Auch für die Eltern von Mia-Sophie stand die Teilnahme außer Frage. Ihr Vater Michael ist selbst Wissenschaftler und weiß, wie wertvoll die Beiträge der Bürgerinnen und Bürger für die Forschung sind.

Links:

Studienwebseite: Universitätsklinikum Würzburg: Kinderklinik: Translationale Pädiatrie - MIAI-Studie: Geburtskohortenstudie zur Reifung des Immunsystems

PM zum vierten Geburtstag: Universitätsklinikum Würzburg: MIAI feiert vierten Geburtstag und verlängert Nachbeobachtung bis zum fünften Lebensjahr

PM zum 200. Baby: Universitätsklinikum Würzburg: Schon zweihundert MIAI-Babys

PM zum 100. Baby: Universitätsklinikum Würzburg: Selina ist das 100ste MIAI-Baby

Säugling liegt mit Windel auf der Wickelkommode
Die kleine Mia-Sophie ist das dreihundertste Baby, das an der Geburtskohortenstudie MIAI teilnimmt. © Kirstin Linkamp / UKW
Säugling liegt auf Wickelkommode, Studienärztin nimmt mit Wattepad einen Abstrich von der Haut, im Hintergrund steht die Studynurse mit Mundschutz
Studienärztin Dr. Judith Wohlleben nimmt gemeinsam mit Studienbetreuerin Elena Fries zwei Tage nach der Geburt von Mia-Sophie Abstriche in der Nase, im Rachen und auf der Haut. © Kirstin Linkamp / UKW
Eltern, Studienärztin und Säugling im Wickelraum der Frauenklinik.
Die Erstuntersuchung im Rahmen der MIAI-Studie findet wenige Tage nach der Geburt statt. Weitere Untersuchungen folgen nach vier Wochen, einem halben Jahr, einem Jahr und fünf Jahren. © Kirstin Linkamp / UKW
Die Mutter hält den Säugling auf dem Arm, der Vater steht daneben.
Die Eltern von Mia-Sophie, Lisa-Marie und Michael, leisten gern einen Beitrag für die Wissenschaft. © Kirstin Linkamp / UKW

Let’s talk about sex!

Interviewstudie des UKW mit Patientinnen und Patienten sowie hausärztlichem Fachpersonal zu sexuell übertragbaren Infektionen, ihrer Diagnose und Behandlung

Rebekka Falke sitzt am Tisch und spricht mit dem Studienteam, links im Bild ist Michael Huber zu sehen, der ebenfalls am Tisch sitzt.
Die Doktorandin Rebekka Falke und der Doktorand Michael Huber führen die Interviews über die Erfahrungen der Behandlung und Betreuung von sexuell übertragbaren Infektionen im deutschen Gesundheitssystem entweder persönlich am UKW oder online durch. © Nicolas Schwager / UKW
Die drei Männer und die Doktorandin stehen nebeneinander im Raum des Instituts für Allgemeinmedizin.
Das Team der Interviewstudie STI-Bay v.l.n.r.: Nicolas Schwager, Michael Huber, Alexander Kurotschka und Rebekka Falke. © Nicolas Schwager / UKW

Würzburg. Sexuell übertragbare Infektionen (STI, englisch: Sexually Transmitted Infections) nehmen in Europa seit Jahren stark zu und haben zuletzt einen neuen Höchststand erreicht. Aktuelle Daten des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zeigen, dass sich die Gonorrhö-Fälle in Europa seit 2015 vervierfacht und die Syphilis-Fälle verdoppelt haben. Am häufigsten wurden Infektionen mit Chlamydien gemeldet.

Sexuell übertragbare Infektionen können mit Beschwerden einhergehen, verlaufen jedoch häufig auch ohne erkennbare Symptome. Dadurch bleiben sie oft unbemerkt und können unwissentlich weitergegeben werden. Zudem können diese Infektionen schwerwiegende Komplikationen wie chronische Schmerzen, Unfruchtbarkeit oder Schäden am Herzen oder Nervensystem verursachen. Im Jahr 2024 wurden dem Robert Koch-Institut in Deutschland 9.519 Syphilis-Fälle gemeldet.

„Der Schutz der sexuellen Gesundheit umfasst sowohl Präventionsmaßnahmen als auch eine frühzeitige Diagnostik“, sagt Prof. Dr. Ildikó Gágyor. Die Hausärztin und Wissenschaftlerin leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Anne Simmenroth das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Sie empfiehlt: „Barrieremethoden wie Kondome können das Risiko einer STI-Übertragung reduzieren. Bei erhöhtem Expositionsrisiko können regelmäßige Testungen auch bei Beschwerdefreiheit sinnvoll sein. Und bei Verdacht auf eine Infektion sollte zeitnah eine ärztliche Abklärung erfolgen, um Komplikationen und weitere Übertragungen zu vermeiden.“ 

Rahmenbedingungen der Behandlung von sexuell übertragbaren Infektionen besser verstehen

Mit ihrem Studienteam führt Ildikó Gágyor gerade die Interviewstudie STI-Bay durch. „Wir wollen verstehen, wie derzeit in Bayern die Diagnose und Behandlung von sexuell übertragbaren Infektionen abläuft und diese gegebenenfalls verbessern“, erklärt Nicolas Schwager, ärztlicher Koordinator der STI-Bay-Studie. Interviewt werden sowohl Hausärztinnen und Hausärzte aus Bayern als auch Patientinnen und Patienten.

Die teilnehmenden Patientinnen und Patienten sollten mindestens 18 Jahre alt sein und in den vergangenen fünf Jahren eine STI-Diagnose in einer bayrischen Praxis erhalten haben. „Wir suchen explizit Personen jeden Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung“, so Nicolas Schwager. „In dem etwa 60-minütigen, vertraulichen Interview möchten wir gern über die Erfahrungen sprechen. Wie haben die Betroffenen die Behandlung und Betreuung im Gesundheitssystem erlebt?“ 

Die Teilnahme ist selbstverständlich freiwillig und erfolgt unter Einhaltung strenger Datenschutzvorkehrungen. Die Interviews werden entweder persönlich am UKW oder online durchgeführt. Nach dem Interview erhalten die Teilnehmenden eine Aufwandsentschädigung in Form eines Wunschgutscheins im Wert von 40 Euro. 

Bei Interesse an einer Studienteilnahme können Sie sich über diesen Link anmelden. Alternativ können Sie das Studienteam per E-Mail unter STI-Bay@ ukw.de kontaktieren.

Hier geht es zur Webauftritt der Studie, und hier zum PDF der Studie. 

ECDC sieht Handlungsbedarf
Um die steigenden STI-Zahlen umzukehren, sind laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) leicht zugängliche Präventionsangebote, ein einfacher Zugang zu Tests, schnellere Behandlungen und eine bessere Benachrichtigung von Sexualpartnern erforderlich, um weitere Übertragungen zu verhindern. Das ECDC fordert die Gesundheitsbehörden daher auf, nationale STI-Strategien dringend zu aktualisieren und Überwachungssysteme auszubauen, um die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen besser beurteilen zu können. Ohne entschlossenes Handeln werden die aktuellen Trends voraussichtlich anhalten – mit zunehmenden gesundheitlichen Folgen und wachsenden Ungleichheiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung. Zur Pressemeldung der ECDC vom 21. Mai 2026.

Rebekka Falke sitzt am Tisch und spricht mit dem Studienteam, links im Bild ist Michael Huber zu sehen, der ebenfalls am Tisch sitzt.
Die Doktorandin Rebekka Falke und der Doktorand Michael Huber führen die Interviews über die Erfahrungen der Behandlung und Betreuung von sexuell übertragbaren Infektionen im deutschen Gesundheitssystem entweder persönlich am UKW oder online durch. © Nicolas Schwager / UKW
Die drei Männer und die Doktorandin stehen nebeneinander im Raum des Instituts für Allgemeinmedizin.
Das Team der Interviewstudie STI-Bay v.l.n.r.: Nicolas Schwager, Michael Huber, Alexander Kurotschka und Rebekka Falke. © Nicolas Schwager / UKW