News aus der Forschung

Hautkrankheit HS besser verstehen und Rückfälle verhindern: Würzburger Projekt kombiniert Immunforschung und App-Technologie

Projekt HS-ORIGINS soll immunologische und digitale Rückfallmuster bei Hidradenitis suppurativa (HS) unter IL-17- und TNF-α-Blockade entschlüsseln

Das Team steht in zwei Reihen bei gutem Wetter unter Bäumen vor der Hautklinik.
Gruppenbild: Das HS-Team an der Hautklinik v.l.n.r. Bachelorstudentin Emilia Haid, Doktorandin Mariele Sieben, Praktikantin Leonie Straus, Biologin und Post-Doc Julia Krug, Biologe Marco Stumpf, Bioinformatikerin und Post-Doc Yamila Rocca, Doktorand Aaron Ziegler, Oberärztin Dagmar Presser, Oberarzt Andreas Kerstan, Projektkoordinatorin Astrid Schmieder, Doktorand Jiahong Yuan und Doktorandin Luca Pölzer. © Marion Berthold / UKW
Das Bild zeigt Knoten und Falten unter der Achsel eines Patienten.
Achselhöhle: Hidradenitis suppurativa (HS) kommt häufig in Hautfalten, wie beispielsweise in der Achselhöhle (Axilla), vor. Der Schweregrad der Erkrankung beträgt hier nach dem Hurley-Score II bis III – Stadium I ist das niedrigste, Stadium III das höchste. © Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UKW
Das Gewebe der HS wurde im typischen lilafarbenen Ton eingefärbt.
Histologie: Das Gewebe einer Hidradenitis suppurativa (HS) im Stadium II–III wurde mit einer Hämatoxylin-Eosin-Färbung (HE-Färbung) histologisch untersucht. © Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UKW
Komplexe Abbildung mit verstopfter Haarfollikel, Immunzellen etc. unter der Haut
Pathophysiologie der Erkrankung: Im oberen Teil des Schaubilds sind die Risikofaktoren der Hidradenitis suppurative (HS) dargestellt: Nikotinkonsum und Adipositas. Fast alle HS-Patientinnen und Patienten rauchen oder haben geraucht. Der Nikotinkonsum führt zu einer sogenannten Hyperplasie (Verdickung der Oberhaut) und Hyperkeratose (vermehrte Verhornung), wodurch der Ausgang des Haarfollikels verstopft wird. Zudem sind viele Betroffene übergewichtig. Dies kann zu einer dauerhaften, leichten Entzündung im Körper (subklinische Entzündung), Stoffwechselveränderungen und einer vermehrten Bildung von Hautfalten führen. Letzteres sorgt für mehr mechanische Reibung, die wiederum die Follikel reizt und die Erkrankung fördert. Die Pathophysiologie im Zentrum der Abbildung zeigt, wie HS entsteht. Die Wissenschaft vermutet, dass sich durch die Verhornung der Oberhaut im Haarfollikel Talg, Schweiß und Bakterien anstauen, bis der Follikel wie ein überfüllter Ballon platzt. Dadurch gelangt der Follikelinhalt fälschlicherweise in die tiefere Hautschicht (Dermis). Zudem liegt oft eine Dysbiose, also ein Ungleichgewicht der Bakterienbesiedlung der Haut vor, das die Entstehung der Entzündung begünstigt. Das Immunsystem reagiert auf den Inhalt des geplatzten Follikels: Makrophagen, auch Fresszellen genannt, werden aktiviert. Sie erkennen die „Eindringlinge“, wie zum Beispiel Keratin und Bakterien, und schütten proinflammatorische Zytokine, also entzündungsfördernde Botenstoffe, aus. Diese rekrutieren wiederum verschiedene Immunzellen aus den Blutgefäßen, darunter Neutrophile, Monozyten, T-Zellen und B-Zellen. Die Immunantwort wird durch verschiedene Hautzellen (Keratinozyten und Fibroblasten) verstärkt, indem diese Chemokine ausschütten. Diese massive und unkontrollierte Entzündungsreaktion ist für die sichtbaren und spürbaren Symptome der Krankheit verantwortlich: Es bilden sich tiefsitzende Abszesse. Verschmelzen diese unter der Haut miteinander, entstehen schmerzhafte, tunnelartige Fistelgänge. Sie sind ein charakteristisches Merkmal für schwere, chronische HS. Ihr Entstehungsmechanismus ist jedoch noch nicht vollständig verstanden. Bei der Abheilung kommt es zu starker Vernarbung, die das Gewebe dauerhaft verändert. © Jiahong Yuan / Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UKW / erstellt mit BioRender

Das von Astrid Schmieder vom Uniklinikum Würzburg (UKW) geleitete Forschungsprojekt HS-ORIGINS untersucht bei der chronisch-entzündlichen Hauterkrankung Hidradenitis suppurativa immunologische Mechanismen sowie digitale Rückfallmuster unter Therapie mit IL-17- und TNF-α-Inhibitoren. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Informatik II der Universität Würzburg und der Health-Study-Club GmbH wird dabei die Smartphone-App „Wunderkint“ weiterentwickelt, um mithilfe von KI sogenannte Rückfallkarten zu erstellen und Krankheitsverläufe digital zu erfassen. Das Ziel besteht darin, Biomarker und digitale Werkzeuge zu entwickeln, die Therapieansprechen und Rückfälle frühzeitig vorhersagen können. Das Projekt wird von Sanofi gefördert und verbindet moderne Immunologie mit digitaler Medizin.

Würzburg. Bei Hidradenitis suppurativa (HS), auch Akne inversa genannt, handelt es sich um eine chronische, entzündliche Hauterkrankung. Betroffene leiden unter schmerzhaften Knoten und Abszessen, die sich vor allem in Hautfalten an den Achseln, der Leiste und in der Gesäßregion bilden. Die Erkrankung tritt meist im jungen Erwachsenenalter auf, verläuft oft schubweise und kann durch Narbenbildung und Schmerzen die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu sozialer Isolation führen. Dadurch erhöht sich das Risiko für Depressionen, Angststörungen und Suizid signifikant. In Studien liegt die Zahl der Betroffenen bei 0,4 Prozent. „Wir gehen jedoch von einer erheblichen Dunkelziffer aus”, sagt Prof. Dr. Astrid Schmieder, leitende Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Uniklinikums Würzburg (UKW). „Viele Fälle werden nicht oder erst spät diagnostiziert – unter anderem, weil die Erkrankung häufig mit anderen Hautproblemen verwechselt wird und Betroffene oft erst nach Jahren medizinische Hilfe suchen.“ 

Zwar stehen mittlerweile moderne Medikamente zur Verfügung, sogenannte Biologika, die gezielt in das Immunsystem eingreifen, doch profitiert nur etwa jede zweite Patientin bzw. jeder zweite Patient ausreichend davon. Häufig lässt die Wirksamkeit im Verlauf nach oder die Erkrankung kehrt zurück. Bislang fehlen verlässliche Marker, die dabei helfen, die passende Therapie auszuwählen oder Rückfälle frühzeitig zu erkennen.

Das will Astrid Schmieder mit ihrem Team ändern. Sie leitet in der Hautklinik die Sektionen Immundermatologie und Digitale Medizin. Genau diese beiden Richtungen sind in dem neuen Projekt HS-ORIGINS verbunden. Das Projekt wird vom Biopharmaunternehmen Sanofi über ORIGINS, ein beschleunigtes innovatives Forschungsförderungsprogramm von Sanofi zur Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weltweit finanziell gefördert.

TNF-α- und IL-17-Inhibitoren unterbrechen zentrale Entzündungswege und reduzieren überschießende Immunreaktion bei HS

Im Rahmen des Projekts werden zunächst zwei zugelassene Wirkstoffklassen untersucht, die den Tumornekrosefaktor Alpha (TNF-α) beziehungsweise das Interleukin-17 (IL-17) blockieren. 

Projektleiterin Astrid Schmieder erläutert die Hintergründe: „Hidradenitis suppurativa wird durch eine Verstopfung und das Aufreißen von Haarfollikeln verursacht, was eine Entzündungsreaktion auslöst. Diese wird durch Zellen des angeborenen Immunsystems, insbesondere Makrophagen, sowie durch Zellen des adaptiven Immunsystems wie T- und B-Zellen verstärkt. Dabei spielen die Entzündungsbotenstoffe TNF-α und IL-17 eine zentrale Rolle. Mit TNF-α- und IL-17-Inhibitoren blockieren wir diese Entzündungs-Signalstoffe und dämpfen die überschießende Immunreaktion.“ 

Verständnis individueller Therapieantworten

Das Team möchte diese beiden Entzündungsbotenstoffe und weitere Mitglieder aus der IL-1-Familie sowie die Rezeptoren OX40 und ihre Bindungspartner (OX40-Ligand) auf anderen Immunzellen und ihr Zusammenspiel genauer analysieren. Ziel ist es, zu verstehen, warum Patientinnen und Patienten unterschiedlich auf TNF-α oder IL-17-Inhibitoren ansprechen. Dazu kombinieren die Forschenden moderne Laboranalysen von Gewebe- und Blutproben, wie beispielsweise räumliche Genexpressionsanalysen, Durchflusszytometrie und umfassende Zytokinmessungen, mit digitalen Methoden und künstlicher Intelligenz. Die Immunreaktionen in den entzündeten Hautarealen werden dabei longitudinal und detailliert untersucht und durch Blutanalysen über mehrere Monate ergänzt. 

Mit weiterentwickelter App „Wunderkint“ immunologische Hotspots und Regionen mit hohem Rückfallrisiko erkennen 

Damit die Patientinnen und Patienten ihre Haut regelmäßig dokumentieren und so frühzeitig Hinweise auf einen möglichen Rückfall liefern können, wird die Smartphone-App „Wunderkint“ weiterentwickelt. Die App hat Schmieders Arbeitsgruppe bereits in einem früheren Projekt gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Software-Engineering der Universität Würzburg und der Health Study Club GmbH entwickelt, um mithilfe von KI und Smarthpone-Fotos chronische Wunden zu analysieren und digital zu überwachen. Für HS wird sie nun um sogenannte Rückfallkarten erweitert. Diese sollen helfen, Gewebeproben gezielt zu entnehmen – auch aus Bereichen, die klinisch noch unauffällig erscheinen, aber ein potenziell hohes Rückfallrisiko aufweisen. 

Muster erkennen, die den Behandlungserfolg vorhersagen können

Durch die Verknüpfung dieser molekularen Entwicklungen mit digitalen Rückfallkarten soll das Projekt biologisch fundierte Biomarker und digitale Werkzeuge liefern, die sich direkt in der klinischen Praxis anwenden lassen. Ziel ist es, die Behandlung von HS und ähnlichen entzündlichen Erkrankungen zu verbessern: Patientinnen und Patienten sollen schneller die für sie passende Behandlung erhalten, ein Wirkverlust sowie Rückfälle sollen möglichst früh erkannt und verhindert werden.

„Die Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg verbindet fundierte klinische Forschung mit moderner Immunologie und digitalen Ansätzen“, betont Dr. Mohammed Mosa, HS Research Disease Lead bei Sanofi. „Wir unterstützen dieses Projekt, um die Krankheitsmechanismen der Hidradenitis suppurativa besser zu verstehen, insbesondere mögliche Resistenzmechanismen.” Denn der Einsatz von künstlicher Intelligenz und prädiktiven Modellen kann dazu beitragen, Krankheitsverläufe besser abzubilden und die klinische Vorhersage bei komplexen chronisch-entzündlichen Erkrankungen weiterzuentwickeln. „So können translationale Forschungsprojekte wie diese langfristig innovative Therapien für Patientinnen und Patienten mit hohem ungedecktem medizinischem Bedarf schneller in die klinische Praxis bringen,“ ergänzt Mohammed Mosa.

„Wir freuen uns sehr, dass Sanofi unser Projekt unterstützt“, kommentiert Astrid Schmieder. Während Schmieder sich in ihrer Forschung insbesondere auf den medizinisch-translationalen Aspekt des Projekts und die Koordination konzentriert, hat die Bioinformatikerin Dr. Yamila Rocca das Zusammenspiel des gesamten Immunsystems im Blick. Darüber hinaus sind Marco Stumpf, Biologe mit einem Faible fürs Programmieren, die medizinischen Doktoranden Jiahong Yuan und Mariele Sieben, die HS-Expertin und Operateurin Oberärztin Dr. Dagmar Presser, der Experte für chronisch-entzündliche Erkrankungen und Dermatopathologie Oberarzt PD Dr. Andreas Kerstan, die Fachärztin Dr. Caroline Glatzel sowie Prof. Dr. Samuel Kounev, Inhaber des Lehrstuhls für Informatik II, und sein Software-Engineering-Team mit Vanessa Borst am Projekt HS-ORIGINS beteiligt.

Das Team steht in zwei Reihen bei gutem Wetter unter Bäumen vor der Hautklinik.
Gruppenbild: Das HS-Team an der Hautklinik v.l.n.r. Bachelorstudentin Emilia Haid, Doktorandin Mariele Sieben, Praktikantin Leonie Straus, Biologin und Post-Doc Julia Krug, Biologe Marco Stumpf, Bioinformatikerin und Post-Doc Yamila Rocca, Doktorand Aaron Ziegler, Oberärztin Dagmar Presser, Oberarzt Andreas Kerstan, Projektkoordinatorin Astrid Schmieder, Doktorand Jiahong Yuan und Doktorandin Luca Pölzer. © Marion Berthold / UKW
Das Bild zeigt Knoten und Falten unter der Achsel eines Patienten.
Achselhöhle: Hidradenitis suppurativa (HS) kommt häufig in Hautfalten, wie beispielsweise in der Achselhöhle (Axilla), vor. Der Schweregrad der Erkrankung beträgt hier nach dem Hurley-Score II bis III – Stadium I ist das niedrigste, Stadium III das höchste. © Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UKW
Das Gewebe der HS wurde im typischen lilafarbenen Ton eingefärbt.
Histologie: Das Gewebe einer Hidradenitis suppurativa (HS) im Stadium II–III wurde mit einer Hämatoxylin-Eosin-Färbung (HE-Färbung) histologisch untersucht. © Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UKW
Komplexe Abbildung mit verstopfter Haarfollikel, Immunzellen etc. unter der Haut
Pathophysiologie der Erkrankung: Im oberen Teil des Schaubilds sind die Risikofaktoren der Hidradenitis suppurative (HS) dargestellt: Nikotinkonsum und Adipositas. Fast alle HS-Patientinnen und Patienten rauchen oder haben geraucht. Der Nikotinkonsum führt zu einer sogenannten Hyperplasie (Verdickung der Oberhaut) und Hyperkeratose (vermehrte Verhornung), wodurch der Ausgang des Haarfollikels verstopft wird. Zudem sind viele Betroffene übergewichtig. Dies kann zu einer dauerhaften, leichten Entzündung im Körper (subklinische Entzündung), Stoffwechselveränderungen und einer vermehrten Bildung von Hautfalten führen. Letzteres sorgt für mehr mechanische Reibung, die wiederum die Follikel reizt und die Erkrankung fördert. Die Pathophysiologie im Zentrum der Abbildung zeigt, wie HS entsteht. Die Wissenschaft vermutet, dass sich durch die Verhornung der Oberhaut im Haarfollikel Talg, Schweiß und Bakterien anstauen, bis der Follikel wie ein überfüllter Ballon platzt. Dadurch gelangt der Follikelinhalt fälschlicherweise in die tiefere Hautschicht (Dermis). Zudem liegt oft eine Dysbiose, also ein Ungleichgewicht der Bakterienbesiedlung der Haut vor, das die Entstehung der Entzündung begünstigt. Das Immunsystem reagiert auf den Inhalt des geplatzten Follikels: Makrophagen, auch Fresszellen genannt, werden aktiviert. Sie erkennen die „Eindringlinge“, wie zum Beispiel Keratin und Bakterien, und schütten proinflammatorische Zytokine, also entzündungsfördernde Botenstoffe, aus. Diese rekrutieren wiederum verschiedene Immunzellen aus den Blutgefäßen, darunter Neutrophile, Monozyten, T-Zellen und B-Zellen. Die Immunantwort wird durch verschiedene Hautzellen (Keratinozyten und Fibroblasten) verstärkt, indem diese Chemokine ausschütten. Diese massive und unkontrollierte Entzündungsreaktion ist für die sichtbaren und spürbaren Symptome der Krankheit verantwortlich: Es bilden sich tiefsitzende Abszesse. Verschmelzen diese unter der Haut miteinander, entstehen schmerzhafte, tunnelartige Fistelgänge. Sie sind ein charakteristisches Merkmal für schwere, chronische HS. Ihr Entstehungsmechanismus ist jedoch noch nicht vollständig verstanden. Bei der Abheilung kommt es zu starker Vernarbung, die das Gewebe dauerhaft verändert. © Jiahong Yuan / Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UKW / erstellt mit BioRender

Forschung für die neue Generation der ALL-Therapie

Vier neue Forschungsprojekte am UKW zeigen die wissenschaftliche Bandbreite von KI über moderne Genomik bis hin zur geschlechtssensiblen Medizin bei Entwicklungsansätzen zu neuen ALL-Therapien

Anke Bergmann steht in weißem Kittel in einem Flur, der Hintergrund ist sehr unscharf. Das Bild ist im Querformat, Frau Bergmann ist bis zum Bauchnabel zu sehen.
Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann leitet das im Oktober 2025 gegründete Institut für Klinische Genetik und Genommedizin. © Anke K. Bergmann (Fotograf Mario Schmitt)
Mitarbeiterin mit weißem Kittel schaut ins Mikroskop - die Probe ist grün angeleuchtet, der Raum im bläulichen Licht.
Das Universitätsklinikum Würzburg übernahm Anfang 2026 die bundesweite genetische Referenzdiagnostik für Leukämien im Kindesalter. Hier wird ein Knochenmarkausstrich am Fluoreszenzmikroskop untersucht. Alles, was in Deutschland an ALL bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird, läuft über dieses Mikroskop. © Daniel Peter / UKW

Neue Daten, neue Methoden und neue Perspektiven für die Diagnostik und Behandlung der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL). Das Institut für Klinische Genetik und Genommedizin am Universitätsklinikum Würzburg macht die ALL zu einem zentralen Forschungsschwerpunkt und stellt vier aktuelle Projekte vor. In einer Publikation zeigt das Team um Prof. Dr. Anke K. Bergmann, wie mithilfe künstlicher Intelligenz komplexe klinische und molekulare Daten für die T-zellige ALL nutzbar gemacht werden können. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt fördert eine Studie, um mögliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen mit ALL zu untersuchen. Die Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung unterstützt den Aufbau einer Forschungsgruppe, um mithilfe moderner Sequenzierverfahren genetische Veränderungen aufzuspüren. Und der Förderverein „Tour der Hoffnung e.V.“ fördert ein weiteres Projekt, um molekulare Mechanismen zu entschlüsseln, die der Aktivierung des Genes DUX4 in der ALL zugrunde liegen. Gemeinsames Ziel ist es, die unterschiedlichen Formen der Erkrankung ursächlich besser zu verstehen und somit langfristig eine präzisere Risikoeinschätzung und Behandlung zu ermöglichen.

Würzburg. Die akute lymphoblastische Leukämie (ALL) ist die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter. Trotz großer Fortschritte in der Behandlung stellt die ALL die Medizin weiterhin vor wichtige Fragen: Warum verläuft die Erkrankung trotz ähnlicher Diagnose so unterschiedlich? Welche genetischen Veränderungen beeinflussen das Ansprechen auf eine Therapie? Und welche Rolle spielen Faktoren wie Alter und Geschlecht? Das Institut für Klinische Genetik und Genommedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) widmet sich mit einem klaren wissenschaftlichen Schwerpunkt auf der ALL diesen Fragen. Vier aktuelle Projekte zeigen die Bandbreite der Forschung: Sie reichen von künstlicher Intelligenz und Präzisionsmedizin bis hin zu modernen Verfahren der Genomanalyse und geschlechtssensible Forschung.

„Wir sind nun mit den ersten Publikationen und eingeworbenen Förderungen auch wissenschaftlich in Würzburg angekommen“, freut sich Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann, die das im Oktober 2025 gegründete Institut für Klinische Genetik und Genommedizin leitet. „Wir wollen die ALL aus unterschiedlichen Blickwinkeln erforschen und dabei klinische Fragestellungen mit modernen Technologien und großen Datensätzen verbinden. Was jetzt mit ersten erfolgreichen Projekten begonnen hat, möchten wir weiter ausbauen – und dafür auch neue Forschungsideen und Kooperationen nach Würzburg holen.“

clinTALL: Maschinelles Lernen zur Einteilung von T-ALL-Subtypen und Vorhersage des Behandlungsergebnisses 

Ein wichtiger Meilenstein ist die im Fachjournal „Genome Medicine“ veröffentlichte Studie zur Anwendung clinTALL. Das auf maschinellem Lernen basierende Verfahren ermöglicht eine automatisierte und präzise Einteilung der T-zelligen ALL (T-ALL) in genetische Untergruppen und kann das Behandlungsergebnis auf Grundlage verschiedener Datenarten abschätzen.

Bei der T-ALL, die etwa 15 bis 20 Prozent der kindlichen ALL-Fälle ausmacht, gehen die Leukämiezellen aus unreifen T-Zellen hervor. Im Vergleich zur bereits umfassend charakterisierten B-zelligen ALL stehen für die Einschätzung des Erkrankungsrisikos und die Wahl der Therapie bei der T-ALL bislang nur unzureichend definierte genetische Biomarker zur Verfügung. In aktuellen Analysen konnten jedoch bis zu 17 molekulare Untergruppen identifiziert werden, die sich durch unterschiedliche genetische Veränderungen und Genaktivitätsmuster auszeichnen. Dies könnte dabei helfen, Erkrankungsverläufe genauer vorherzusagen und Therapien noch gezielter anzupassen. Die dafür benötigten Genom- und Transkriptomdaten sind allerdings äußerst komplex.

Hier setzt clinTALL an. Gemeinsam mit Forschenden aus Italien sowie der ALL-BFM Studiengruppe hat das Würzburger Team um Anke Bergmann mittels Deep Learning ein System entwickelt, das unterschiedliche Datenarten aus klinischen und genetischen Untersuchungen analysiert und auswertet. 

Die Methode konnte die molekularen Untergruppen mit einer Genauigkeit von 92,2 Prozent klassifizieren. „Das Besondere an clinTALL ist aber nicht nur die hohe Genauigkeit, sondern auch die Möglichkeit, anhand der Daten einen späteren Krankheitsverlauf abzuleiten. Durch die gemeinsame Analyse klinischer, genomischer und transkriptomischer Informationen war eine bessere Einschätzung des ereignisfreien Überlebens möglich als bei der Betrachtung einzelner Datenarten“, kommentiert Dr. Jiangyan Yu, die verantwortliche Bioinformatikerin des Würzburger Teams. 

Die Studie zeigt das Potenzial der gemeinsamen Analyse verschiedener molekularer Daten für die zukünftige Präzisionsmedizin bei T-ALL. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Nachnutzbarkeit. „Wir stellen clinTALL als Docker-Anwendung sowie den vollständigen Quellcode öffentlich zur Verfügung. Damit können andere Forschungsgruppen das Verfahren testen und weiterentwickeln“, sagt Dr. Claudia Davenport. Die Naturwissenschaftlerin koordiniert die Forschung am Institut. 

Publikation: Lukas Stoiber, Željko Antić, Stefano Rebellato, Grazia Fazio, Annika Rademacher, Lennart Lenk, Franco Locatelli, Adriana Balduzzi, Gunnar Cario, Carmelo Rizzari, Giovanni Cazzaniga, Jiangyan Yu & Anke Katharina Bergmann. clinTALL: machine learning-driven multimodal subtype classification and treatment outcome prediction in pediatric T-ALL. Genome Med 18, 108 (2026). https://doi.org/10.1186/s13073-026-01733-8

Gender4ALL: Geschlecht und Alter als mögliche Einflussfaktoren

Die Frage, ob sich ALL bei Mädchen und Jungen unterschiedlich verhält, rückt zunehmend in den Fokus. Mit Gender4ALL startet am Institut für Klinische Genetik und Genommedizin ein Forschungsprojekt, das mögliche geschlechts- und altersabhängige Unterschiede bei der Erkrankung systematisch untersucht.

Das Projekt wird im BMFTR-Programm „Reduzierung des Gender Data Gap in der klinischen Forschung“ gefördert. Zunächst werden bereits vorhandene Daten aus ALL-Studien retrospektiv ausgewertet. Die Forschenden wollen unter anderem prüfen, ob sich die Diagnoseprofile, molekulargenetischen Subtypen, der Therapieverlauf, das Therapieansprechen und wichtige Krankheitsverläufe von Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters unterscheiden. „Darauf aufbauend können sich neue Forschungsfragen ergeben. Gerade bei einer Erkrankung wie der ALL, bei der große Mengen klinischer und molekularer Daten vorliegen, bietet sich eine solche systematische Analyse an“, sagt Anke Bergmann. Die Förderung ist zugleich ein erster Schritt, um geschlechtssensible Fragestellungen stärker in die ALL-Forschung des Instituts zu integrieren.

Neue Genomdaten für bisher schwer einzuordnende ALL

Eine weitere Förderung durch die Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung gibt dem Schwerpunkt moderner Genomik Rückenwind und unterstützt Dr. Dr. Zeljko Antic beim Aufbau einer eigenen Forschungsgruppe. 

Im Mittelpunkt steht die sogenannte B-other-ALL, die etwa zehn Prozent der Kinder mit B-ALL betrifft. Bei ihnen lassen sich mit den herkömmlichen Untersuchungsmethoden keine genetischen Veränderungen feststellen, die eine eindeutige Einordnung in eine Risikogruppe erlauben. Deshalb werden diese Kinder nach einheitlichen Behandlungsschemata therapiert, obwohl sich ihre Erkrankungen genetisch deutlich unterscheiden können.

Das Forschungsteam möchte mit besonders leistungsfähigen Verfahren zur Genomanalyse, dem sogenannten Long-Read-Sequencing, nach bislang übersehenen genetischen und epigenetischen Veränderungen suchen. Die Forschenden wollen zusätzlich molekulare und klinische Daten mit Verfahren des maschinellen Lernens verbinden. So sollen Veränderungen identifiziert werden, die künftig als Biomarker für eine präzisere Risikoeinschätzung dienen könnten. Für die besonders relevanten Kandidaten sind anschließend Untersuchungen in Zellmodellen geplant.

„Unser Ziel ist es, die genetische Vielfalt dieser bislang schwer einzuordnenden ALL besser zu verstehen“, erklärt Zeljko Antic. „Wenn wir neue Biomarker finden, könnten diese langfristig dazu beitragen, Therapien genauer an das individuelle Risiko anzupassen.“

Die Erkenntnisse sind nicht nur für Kinder, sondern perspektivisch auch für andere Altersgruppen mit ALL relevant. 

Translationale onkogenomische Forschung mit neuesten Technologien

Ein weiteres, gerade bewilligtes Forschungsprojekt wird es der Arbeitsgruppe ermöglichen, neueste genomische Technologien zu evaluieren und zu prüfen, welchen zusätzlichen Nutzen sie für die Patientenversorgung bieten können. Der Förderverein „Tour der Hoffnung“ unterstützt ein Forschungsprojekt von Jiangyan Yu, das eine genetisch komplexe Subgruppe der kindlichen akuten lymphatischen Leukämie (ALL), die sogenannte DUX4-r ALL, genauer untersucht.

Ziel des Projekts ist es, die molekularen Mechanismen zu entschlüsseln, die der Aktivierung von DUX4 zugrunde liegen, und verbesserte diagnostische Verfahren zu entwickeln. Langfristig soll die Forschung dazu beitragen, eine präzisere Diagnosestellung und bessere Risikoeinschätzung zu ermöglichen und damit individuellere Behandlungsstrategien für Kinder mit DUX4-r ALL zu entwickeln.

Anke Bergmann steht in weißem Kittel in einem Flur, der Hintergrund ist sehr unscharf. Das Bild ist im Querformat, Frau Bergmann ist bis zum Bauchnabel zu sehen.
Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann leitet das im Oktober 2025 gegründete Institut für Klinische Genetik und Genommedizin. © Anke K. Bergmann (Fotograf Mario Schmitt)
Mitarbeiterin mit weißem Kittel schaut ins Mikroskop - die Probe ist grün angeleuchtet, der Raum im bläulichen Licht.
Das Universitätsklinikum Würzburg übernahm Anfang 2026 die bundesweite genetische Referenzdiagnostik für Leukämien im Kindesalter. Hier wird ein Knochenmarkausstrich am Fluoreszenzmikroskop untersucht. Alles, was in Deutschland an ALL bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird, läuft über dieses Mikroskop. © Daniel Peter / UKW

Weniger Biofilm, mehr Überlebenschance

Internationales Forschungsteam unter Würzburger Leitung entdeckt überraschende Anpassungsstrategie.

Bei mehreren weltweit untersuchten Fluconazol-resistenter Candida parapsilosis-Ausbrummstämmen war eine abgeschwächte Biofilmbildung mit einer besonders guten Anpassung an den menschlichen Wirt verbunden.

 

Mikroskopische Aufnahme des Candida parapsilosis mit leuchtenden grünen und blauen Hefezellen
Candida parapsilosis: Die grünen Hefezellen bilden im Gegensatz zu den blauen Hefezellen nur wenig Biofilm. Die Makrophagen wurden im Verhältnis 1:1 zugeführt, sie neigen hier augenscheinlich dazu, die Hefezellen, die viel Biofilm bilden, effektiver zu verschlingen. Die Aufnahmen wurden mittels Konfokalmikroskopie mit einem 100-fachen Objektiv angefertigt. © Amir Arastehfar / UKW

Würzburg. Candida parapsilosis ist ein Hefepilz, der häufig auf der menschlichen Haut lebt. Für gesunde Menschen ist er in der Regel unproblematisch. Gefährlich wird er vor allem für Personen, deren Immunabwehr geschwächt ist oder deren natürliche Schutzbarrieren durch medizinische Eingriffe beeinträchtigt sind. Wenn der Pilz beispielsweise über einen Katheter oder eine verletzte Hautbarriere in die Blutbahn gelangt, kann er schwere Infektionen verursachen. Darüber hinaus kann Candida parapsilosis von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. In den vergangenen Jahren kam es weltweit immer wieder zu Krankenhausausbrüchen, bei denen sich Stämme des Pilzes ausgebreitet haben, die gegen das häufig eingesetzte Antipilzmittel Fluconazol resistent sind.

Warum Biofilm bislang als Vorteil galt  

Bislang galt eine ausgeprägte Biofilmbildung als wichtiger Faktor für die Widerstandsfähigkeit solcher Erreger. Sowohl Bakterien als auch Pilze können einen zementartigen Schutzschild um sich herum aufbauen. Dieser hilft ihnen, sich in der Umwelt zu behaupten und Angriffen durch Antibiotika, Antimykotika sowie weiße Blutkörperchen unseres Immunsystems standzuhalten. 

Überraschende Kehrtwende: Weniger Biofilm, weniger Angriffsfläche 

Dr. rer. nat. Amir Arastehfar, Junior-Forschungsgruppenleiter in der Arbeitsgruppe „Invasive Pilzinfektionen“ von Prof. Dr. Jürgen Löffler am Universitätsklinikum Würzburg (UKW), brachte mit seiner jüngsten Forschungsarbeit zu Fluconazol-resistenten Stämmen des Candida parapsilosis, sogenannten FLCR-CP-Isolaten, jedoch eine überraschende Wendung zutage. „Anstatt noch stärkere Festungen zu errichten, gehen die Ausbrüche verursachenden Stämme ein riskantes Wagnis ein. Sie reduzieren bewusst ihren schützenden Biofilm-Schild. Im Gegenzug gewinnen sie zwei enorme Vorteile: Menschliche Immunzellen können sie nicht erkennen und sie können sich unter extremen Stress viel schneller vermehren.“ 

Offensichtlich kann es für den Pilz vorteilhaft sein, den Biofilm unter dem Druck des Immunsystems zurückzufahren und sich stattdessen besser an die Bedingungen im Körper anzupassen.

Ein Muster, das weltweit auftaucht

Durch die Analyse genomischer Daten aus Krankenhäusern in mehreren Ländern hat das internationale Forschungsteam festgestellt, dass dieser Wandel weltweit unabhängig voneinander stattfindet. „Die häufige Übertragung von einem Wirt auf den anderen trainiert den Pilz gewissermaßen dazu, ein uraltes Überlebensmerkmal gegen ein modernes einzutauschen. Dadurch kann er unserem Immunsystem entgehen und in Gesundheitsrichtungen fortbestehen“, sagt Amir Arastehfar. 

Anpassung als Schlüssel zum Erfolg 

Die im Fachjournal PLOS Biology veröffentlichten Ergebnisse verändern somit die Sichtweise darauf, warum sich resistente Candida parapsilosis-Stämme in Krankenhäusern langfristig halten können. Entscheidend könnte nicht allein die Widerstandsfähigkeit gegenüber Medikamenten oder die Fähigkeit in der Krankenhausumgebung zu überleben, sein. Auch die Anpassung an die menschliche Immunabwehr spielt offenbar eine wichtige Rolle. Amir Arastehfar: „Wir wollen deshalb das weltweite Gesamtgenom von Candida parapsilosis sorgfältig analysieren, um herauszufinden, welche genetischen Merkmale dem Pilz die Fähigkeit verleihen, sich vor Immunzellen zu verstecken und dauerhaft im Krankenhaus zu verbleiben.“

Die Studie im Detail

Das Forschungsteam untersuchte Candida parapsilosis-Stämme aus verschiedenen Ländern und kombinierte genetische Analysen mit Untersuchungen der Genaktivität sowie Experimenten mit Immunzellen und im Tiermodell. Dabei zeigte sich, dass die sogenannten Low-Biofilm-Produzenten (LBP) unter verschiedenen Stressbedingungen besser wuchsen als Stämme mit ausgeprägter Biofilmbildung. Noch entscheidender war ihr Verhalten im Kontakt mit Immunzelle. Neutrophile Granulozyten und Makrophagen töteten die Pilze weniger effektiv ab. Zudem zeigten sie Veränderungen ihrer Zellwand, durch die sie für das Immunsystem offenbar weniger gut erkennbar waren. Auch im Tiermodell zeigte sich ein Vorteil: Die biofilmarmen Stämme konnten sich in Organen mit vielen Immunzellen besser halten. Die Forschenden schließen daraus, dass die verringerte Biofilmbildung für den Pilz einen evolutionären Vorteil innerhalb des Wirts darstellen kann. Besonders interessant ist: Die genomweiten Analysen von Stämmen aus mehreren Ländern zeigten, dass sich die abgeschwächte Biofilmbildung offenbar mehrfach unabhängig voneinander entwickelt hat. Die Veränderungen beruhen dabei nicht auf einer einzigen Mutation. Vielmehr fanden die Forschenden komplexe Veränderungen, die teilweise mehrere Gene betreffen. Eingriffe in verschiedene Regulatoren der Biofilmbildung konnten die Überlebensfähigkeit der Pilze im Kontakt mit Immunzellen ebenfalls erhöhen.

An der Studie waren Forschende aus mehreren Ländern beteiligt. Von Würzburger Seite waren neben Amir Arastehfar unter anderem Forschende des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie um Prof. Dr. Oliver Kurzai sowie die Doktoranden Tobias Köhler und Gabriel Braune beteiligt. Amir Arastehfars Forschung wurde vom WüConnect-Programm des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF) finanziell unterstützt. 
 

Publikation: Farnaz Daneshnia, Deepika Gunasekaran, Sean Bergin, Lisa Lombardi, Austin M. Perry, Liuyang Cai, Louise A. Walker, Tibor Nemeth, Süleyha Hilmioglu-Polat, Letal I. Salzberg, Arefeh Ebadati, Tobias Köhler, Gabriel Braune, João N. de Almeida, Giuseppina Caggiano, Julianne V. Kus, Pegah Mosharaf Ghahfarokhy, Julieta Munoz, Daniel J. Floyd, Diego Fuentes-Palacios, Samuel M. Gonçalves, Relber A. Gonçales, Mostafa Salehi, Jigar V. Desai, Agostinho Carvalho, Shenglin Mei, Carol A. Munro, Alex Hopke, Toni Gabaldón, Attila Gacser, Oliver Kurzai, Geraldine Butler, David S. Perlin, Wenjie Fang, Clarissa J. Nobile, Michael K. Mansour, Amir Arastehfar (2026) Outbreaks of fluconazole-resistant Candida parapsilosis are driven by low-biofilm-producing isolates that emerge under host selection. PLoS Biology. 24(9): e3003973. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3003973

Mikroskopische Aufnahme des Candida parapsilosis mit leuchtenden grünen und blauen Hefezellen
Candida parapsilosis: Die grünen Hefezellen bilden im Gegensatz zu den blauen Hefezellen nur wenig Biofilm. Die Makrophagen wurden im Verhältnis 1:1 zugeführt, sie neigen hier augenscheinlich dazu, die Hefezellen, die viel Biofilm bilden, effektiver zu verschlingen. Die Aufnahmen wurden mittels Konfokalmikroskopie mit einem 100-fachen Objektiv angefertigt. © Amir Arastehfar / UKW

Translation und Transfer im Fokus: Würzburg will seine Forschungsinfrastruktur für die Medizin der Zukunft weiter ausbauen

Beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ an Bord der MS Wissenschaft stand die Weiterentwicklung des Forschungsstandorts im Mittelpunkt. Diskutiert wurde, wie Forschungsinfrastruktur, Translation und Transfer gestärkt werden können, um Würzburgs starke Position weiter auszubauen. Ein wichtiges Signal setzte die Vogel Stiftung mit drei Millionen Euro für die CAR-T-Zellforschung am Universitätsklinikum Würzburg.

Sieben Männer stehen auf der Bühne der MS Wissenschaft, in der Mitte bzw. dritter von links Michael Hudecek mit Scheck in der Hand, im Hintergrund Roll-ups.
Beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ an Bord der MS Wissenschaft überreichte die Vogel Stiftung einen Scheck über drei Millionen Euro zur Unterstützung der CAR-T-Zellforschung an das Team von Prof. Michael Hudecek vom Universitätsklinikum Würzburg. V.l.n.r.: Prof. Dr. Matthias Frosch, Prof. Dr. Hermann Einsele, Prof. Dr. Michael Hudecek, Rolf Lenertz, Prof. Dr. Michael Müßig, Dr. Gunther Schunk, Prof. Dr. Tim J. von Oertzen © Thomas Berberich / UKW

Würzburg als starken medizinischen Wissenschaftsstandort sichtbar machen und den Austausch über aktuelle Forschung und innovative Entwicklungen fördern: Das war das Ziel des „Würzburger Tags der Zukunftsmedizin“. Rund 150 Gäste aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft kamen dazu am Mittwoch, 09. September an Bord der MS Wissenschaft zusammen. Das schwimmende Science Center – eine Initiative des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt und Wissenschaft im Dialog – tourt seit Mai unter dem Motto „Medizin der Zukunft“ durch Deutschland und machte in Würzburg als letzten Stopp Station, bevor es weiter nach Wien schippert. 

CAR-T-Zelltherapie ist ein Aushängeschild des Standorts

Mit an Bord der MS Wissenschaft ist ein vom Universitätsklinikum und Universität Würzburg entwickeltes Exponat zur CAR-T-Zelltherapie. Die Immuntherapie mit gentechnisch veränderten T-Zellen ist ein Aushängeschild des Standorts. Würzburg war das erste Zentrum in Deutschland, an dem diese Therapie bei der Behandlung von Blutkrebs eingesetzt wurde, und zählt heute zu den Zentren mit den höchsten Behandlungszahlen.

Um diese Position weiter auszubauen und neue Forschungsergebnisse möglichst schnell in die klinische Anwendung zu bringen, sind Investitionen in die gesamte Innovationskette notwendig, war man sich auf dem hochkarätig besetzten Panel einig. 

Drei Millionen Förderung für CAR-T-Zellforschung

Ein starkes Zeichen war daher auch die symbolische Scheckübergabe der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp von 3 Millionen Euro. Die Stiftung fördert die Arbeit von Professor Hermann Einsele und Professor Michael Hudecek am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) schon seit einigen Jahren und diese Forschungsförderung ist nun auf insgesamt 3 Millionen angewachsen. Diese Summe stärkt das Gesamtprojekt der CAR-T-Zellforschung und setzt zugleich einen Schwerpunkt in die Unterstützung der Nachwuchsforschung im Bereich Protein Engineering sowie beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Kampf gegen Krebs.

„Mit unserer Unterstützung möchten wir die wichtige Forschung zur CAR-T-Zelltherapie am Universitätsklinikum stärken. Wir haben hier die Chance, gezielt in die Dynamik und das Wachstum eines Spitzenthemas zu investieren und damit die Leuchtturmfunktion Würzburgs zu stärken“, begründete Dr. Gunther Schunk, Vorstandsvorsitzender der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp, die Förderung. „Wir wünschen Professor Hudecek und seinem gesamten Team viel Erfolg und vor allem, dass die Ergebnisse ihrer Forschung möglichst schnell den Weg zu den Patientinnen und Patienten finden.“

Forschung konsequent in Translation und Transfer bringen

Prof. Dr. Michael Hudecek, Inhaber des UKW-Lehrstuhls für Zelluläre Immuntherapie und Leiter der Außenstelle Würzburg des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie (IZI) sagte: „Für diese großzügige Unterstützung sind wir der Vogel Stiftung sehr dankbar. Die CAR-T-Zelltherapie zeigt bereits heute, welchen Unterschied innovative Forschung für Patientinnen und Patienten machen kann. Unser Ziel in Würzburg ist es, Forschung konsequent in Translation und Transfer zu bringen und so möglichst schnell in die klinische Anwendung zu überführen.“ 

Der Dekan der Medizinischen Fakultät Würzburg, Prof. Dr. med. Matthias Frosch ergänzte: „Die drei Millionen Euro der Vogel Stiftung sind für das Universitätsklinikum und seine Forschung von großem Wert. Gerade neue und innovative Forschung braucht Freiräume - insbesondere dann, wenn sich ein Thema noch nicht in etablierten Förderstrukturen wiederfindet. Stiftungen schaffen diesen Spielraum und bringen Forschungsprojekte voran, die sonst so nicht möglich wären.“

Würzburg als Standort für Gen- und Zelltherapie ausbauen

Im Mittelpunkt der beiden von Johannes Keppner moderierten Panel-Diskussionen beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ stand die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse erfolgreich in die klinische Anwendung überführt werden können und welche Voraussetzungen Innovation am Standort Würzburg dafür braucht. 

Spitzenforschende des Universitätsklinikums und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie der außeruniversitären Forschungseinrichtungen Fraunhofer, Helmholtz und Max-Planck diskutierten den Weg von der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung und die dafür erforderlichen Strukturen und Infrastrukturen.

Dabei wurde deutlich: Würzburg ist international sehr gut auf dem Gebiet der Gen- und Zelltherapie aufgestellt und hat sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Anwendung wichtige Erfolge erzielt. Diese Spitzenposition will Würzburg weiter ausbauen, insbesondere mit weiterer Forschungsinfrastruktur, die Translation und Transfer stärkt, direkt am Klinikum aber auch den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den hiesigen Biotechnologieunternehmen.

Grundlagenforschung über klinische Studien und geeignete Infrastrukturen bis hin zur Herstellung von Zellprodukten sollten in Würzburg abgebildet werden können. Auch Kooperationen mit Biotech- und Pharmaunternehmen sowie die Förderung von Ausgründungen spielen dabei eine wichtige Rolle. 

„Würzburg hat in der Gen- und Zelltherapie eine hervorragende Ausgangsposition. Jetzt gilt es, diese Stärke durch gezielte Investitionen und starke Partnerschaften weiter auszubauen, um Forschung schnell in die klinische Anwendung zu bringen“, fasste Prof. Dr. Tim J. von Oertzen, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Würzburg, zusammen.

Der „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ wurde unterstützt von Johnson & Johnson, AstraZeneca, Gilead Sciences, PlasmidFactory, T-CURX, T2EVOLVE und Wissenschaft im Dialog. 

Ausstellung „Medizin der Zukunft“ stieß auf großes Interesse

Großes Interesse weckte auch die Ausstellung „Medizin der Zukunft“, die vom 8. bis 11. September an Bord der MS Wissenschaft zu sehen war. Nach Angaben der Veranstalter, Wissenschaft im Dialog, gab es auf die Ausstellung eine ausgezeichnete Resonanz: An allen vier Tagen war das Schiff durchgehend sehr gut besucht und zog zahlreiche Würzburgerinnen und Würzburger an. 

Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp: Die Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp wurde im Jahr 2000 von dem Würzburger Verleger Dr. Kurt Eckernkamp und seiner Frau Nina Eckernkamp-Vogel gegründet. Die Stiftung fokussiert in ihrer Förderung auf vier Aktivitätsfelder: Bildung, Wissenschaft, Gesundheitswesen und Kultur. Die Teilhabe am Leben – über alle Generationen hinweg – steht im Mittelpunkt des Handelns der Stiftung. Für ihre Unterstützung von Forschungsprojekten wurde die Stiftung 2020 mit dem Gütesiegel „Innovativ durch Forschung“ vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet. Die Stiftung verfolgt ausschließlich gemeinnützige Ziele und ist dem Unternehmen Vogel Communications Group als Mitgesellschafterin verbunden.

Sieben Männer stehen auf der Bühne der MS Wissenschaft, in der Mitte bzw. dritter von links Michael Hudecek mit Scheck in der Hand, im Hintergrund Roll-ups.
Beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ an Bord der MS Wissenschaft überreichte die Vogel Stiftung einen Scheck über drei Millionen Euro zur Unterstützung der CAR-T-Zellforschung an das Team von Prof. Michael Hudecek vom Universitätsklinikum Würzburg. V.l.n.r.: Prof. Dr. Matthias Frosch, Prof. Dr. Hermann Einsele, Prof. Dr. Michael Hudecek, Rolf Lenertz, Prof. Dr. Michael Müßig, Dr. Gunther Schunk, Prof. Dr. Tim J. von Oertzen © Thomas Berberich / UKW

Ausgezeichnete Forschung zur digitalen Rheuma-Therapie

Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. zeichnet den Würzburger Rheumatologen Patrick-Pascal Strunz am 9. September 2026 in Leipzig mit dem Rudolf Schoen-Preis für den wissenschaftlichen Nachweis des therapeutischen Nutzens der App Axia bei axialer Spondyloarthritis aus.

Die drei Herren stehen in Anzügen auf der Kongressbühne, Preisträger Patrick-Pascal Strunz hält eine Urkunde in den Händen.
PD Dr. Patrick-Pascal Strunz (Mitte), Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und Funktionsoberarzt am UKW, erhielt am 9. September 2026 auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 in Leipzig von Prof. Dr. Ulf Wagner (links), Kongresspräsident und Präsident der DGRH, den Rudolf Schoen-Preis. Die Laudatio hielt PD Dr. Marc Schmalzing, Leiter der Rheumatologie am UKW. © Rheumaakademie/CSB-Leipzig

Würzburg. Rheuma ist mehr als nur schmerzende Gelenke. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Gruppe unterschiedlicher Erkrankungen, die häufig mit Entzündungen einhergehen und den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Eine dieser Erkrankungen ist die axiale Spondyloarthritis (axSpA), die auch als Morbus Bechterew bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule betrifft und oft schon in jungen Jahren beginnt. Neben einer entzündungshemmenden medikamentösen Therapie spielt regelmäßige Bewegung eine zentrale Rolle – nicht nur in der Physiotherapie, sondern auch im Alltag. Genau dabei soll die App Axia Betroffene unterstützen – und kann dies laut aktueller Untersuchungen auch. 

App unterstützt Bewegung im Alltag 

„Axia reduziert die Krankheitsaktivität, verringert die Einschränkungen im Alltag und verbessert nachweislich die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität der Betroffenen“, berichtet Privatdozent Dr. Patrick-Pascal Strunz. Der Rheumatologe vom Universitätsklinikum Würzburg hat den therapeutischen Nutzen der digitalen Gesundheitsanwendung in einer randomisiert-kontrollierten, deutschlandweiten Studie mit insgesamt 200 Patientinnen und Patienten mit axSpA belegt. In der Studie erreichte die Gruppe, die zusätzlich zur regulären medikamentösen Behandlung die App nutzte, deutlich bessere Ergebnisse als die Gruppe ohne App. Die Ergebnisse wurden gerade im Fachmagazin „Annals of the Rheumatic Diseases“ veröffentlicht (https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016, Zusammenfassung im paper place). 

Auch Beweglichkeit und Muskelkraft verbessern sich

Fast zeitgleich publizierte das Studienteam aus Würzburg im Journal „Therapeutic Advances in Musculoskeletal Disease“ (https://doi.org/10.1177/1759720X261453287) die Ergebnisse der ergänzenden 24-wöchigen Pre-Post-Studie. Darin wurden die Auswirkungen von Axia auf objektive Parameter wie Beweglichkeit, Kraft und bildgebende Befunde bei 32 Patientinnen und Patienten untersucht. Auch hier zeigte sich, dass sich die Beweglichkeit der Wirbelsäule und die Kraft der Rückenmuskulatur unter der Nutzung der App ohne relevante Sicherheitsbedenken verbesserten und die Krankheitsaktivität sich verringerte. 

Rudolf Schoen-Preis für Patrick-Pascal Strunz

Aufgrund seiner hervorragenden Forschungsarbeit zeichnete die Stiftung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh) Patrick-Pascal Strunz auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 in Leipzig mit dem Rudolf Schoen-Preis 2026 aus. Der nach dem ersten Nachkriegspräsidenten der DGRh benannte Preis gehört zu den renommiertesten Auszeichnungen der Gesellschaft. Er soll junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich der Rheumaforschung fördern und in ihrer Arbeit unterstützen.

Die Verleihung fand am 9. September im Rahmen der Eröffnung der 54. Jahrestagung der DGRh statt. Strunz teilt sich den mit 10.000 Euro dotierten Preis mit Dr. Christina Bergmann vom Universitätsklinikum Erlangen. Bergmann veröffentlichte neue Erkenntnisse zur Regeneration vernarbten Gewebes bei systemischer Sklerose. Somit haben beide Forschungsarbeiten unmittelbare Bedeutung für die Behandlung von Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.

Über die App Axia: Axia wurde Anfang 2026 als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugelassen und ist somit die erste App auf Rezept für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die in der Regelversorgung in Deutschland verfügbar ist. Die digitale Therapiehilfe wurde von den Würzburger Medizinstudenten Maxime Le Maire und Tobias Heusinger sowie dem Informatiker Robert Leppich im Rahmen des Start-ups Applimeda in Zusammenarbeit mit der Rheumatologie des UKW und der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. (DVMB). entwickelt. Sie richtet sich an Menschen mit axialer Spondyloarthritis (axSpA). Von Spondyloarthritiden sind in Deutschland rund 700.000 Menschen betroffen. Die chronische entzündlich-rheumatische Erkrankung befällt vor allem das Becken und die Wirbelsäule. Sie führt zu Rückenschmerzen und Steifheit. Die App soll Versorgungslücken bei der Bewegungstherapie und der strukturierten Patientenschulung schließen.

Publikationen:

Patrick-Pascal Strunz, Matthias Froehlich, Tobias Heusinger, Maxime le Maire, Anna Fleischer, Karsten Sebastian Luetkens, Patricia Possler, Michael Gernert, Hannah Labinsky, Ottar Gadeholt, Robert Leppich, Astrid Schmieder, Ludwig Hammel, Billy Sperlich, Hermann Einsele, Marc Schmalzing, An app-based nonpharmacological intervention improves patient-reported disease activity, functionality, and quality of life in patients with axial spondyloarthritis: a randomised controlled trial, Annals of the Rheumatic Diseases, 2026, ISSN 0003-4967, https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016.

Patrick-Pascal Strunz, Marc Schmalzing, Amelie Wüst, Patricia Possler, Tobias Heusinger, Maxime le Maire, Anna Fleischer, Thorsten Bley, Michael Gernert, Hannah Labinsky, Ottar Gadeholt, Robert Leppich, Astrid Schmieder, Ludwig Hammel, Billy Sperlich, Ann-Cathrin Koschker, Hermann Einsele, Matthias Froehlich, and Karsten Sebastian Luetkens. Association of an app-based intervention with improvements in mobility, trunk muscle strength and patient-reported disease activity in axial spondyloarthritis: a 24-week pre–post study. Therapeutic Advances in Musculoskeletal Disease. 2026;18. doi:10.1177/1759720X261453287

Die drei Herren stehen in Anzügen auf der Kongressbühne, Preisträger Patrick-Pascal Strunz hält eine Urkunde in den Händen.
PD Dr. Patrick-Pascal Strunz (Mitte), Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und Funktionsoberarzt am UKW, erhielt am 9. September 2026 auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 in Leipzig von Prof. Dr. Ulf Wagner (links), Kongresspräsident und Präsident der DGRH, den Rudolf Schoen-Preis. Die Laudatio hielt PD Dr. Marc Schmalzing, Leiter der Rheumatologie am UKW. © Rheumaakademie/CSB-Leipzig

Psychische Gesundheit stärken, bevor es kritisch wird

Würzburger Präventionsprogramm DUDE 2.0 startet an 96 Schulen in vier Bundesländern – Schülerinnen und Schüler lernen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen

Illustration von einer Strandsituation, auf der einige Figuren surfen, ein Surfbrett in der Hand halten, glücklich oder traurig schauen. Schriftzug: Gemeinsam mit der Klasse lernen, Emotionswellen zu surfen? Das geht mit DUDE!
Collage der vier freigestellten Personen auf rotem Hintergrund.
Das DUDE-Projektteam aus der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg v. l. n. r.: Lena Ehl und Achim Schimanski, die DUDE koordinieren sowie Arne Bürger und Marcel Romanos, die das Präventionsprogramm leiten.

Der Welttag der Suizidprävention am 10. September richtet den Blick darauf, wie sich Suizide verhindern lassen. Das Würzburger Präventionsprogramm DUDE – „Du und Deine Emotionen“ zeigt dabei einen möglichen Weg, der deutlich früher beginnt: Jugendliche sollen schon vor oder mit Beginn der Pubertät lernen, ihre Gefühle zu verstehen, schwierige Situationen auszuhalten und konstruktive Strategien für deren Bewältigung entwickeln. Dahinter steht die Annahme, dass ein frühzeitiger Umgang mit emotionalen Krisen helfen kann, problematischen Bewältigungsstrategien wie nicht-suizidaler Selbstverletzung entgegenzuwirken. Da dieses Verhalten mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidalität verbunden ist, könnte dieser Ansatz langfristig auch für die Prävention von Suiziden relevant sein. Das Deutsche Zentrum für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP) evaluiert DUDE 2.0 in sechsten und siebten Klassen an 96 Schulen in vier Bundesländern. Im Zentrum der Studie steht die Frage, ob DUDE die Häufigkeit nicht-suizidaler Selbstverletzungen verringern kann. Ergänzend untersucht das Studienteam mögliche Veränderungen weiterer Bereiche der psychischen Gesundheit. 

Würzburg. „In einer unserer Untersuchungen gaben 3,5 Prozent von 877 durchschnittlich zwölf Jahre alten Schülerinnen und Schüler aus sieben unterfränkischen Gymnasien an, bereits mindestens einen Suizidversuch unternommen zu haben. Diese Zahl hat uns sehr erschreckt“, sagt Dr. Arne Bürger, leitender Psychologe der Institutsambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) und geschäftsführender Vorstand des Deutschen Zentrums für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP). Die 2022 veröffentlichte Studie (https://doi.org/10.1016/j.puhip.2022.100348) verdeutlicht, wie früh bereits schwere psychischen Belastungen auftreten. Mit dem Präventionsprogramm DUDE – „Du und deine Emotionen“ – will Bürger mit seinem Team im DZPP deshalb möglichst früh ansetzen. Die Jugendlichen sollen lernen, mit starken Gefühlen und schwierigen Situationen besser umzugehen, bevor sich daraus problematische Bewältigungsstrategien entwickeln.

96 Schulen aus vier Bundesländern nehmen an DUDE 2.0 teil 

Nach einer ersten Studie an 18 Gymnasien in Bayern geht das Projekt DUDE in die nächste Runde: An der Studie DUDE 2.0 nehmen 96 Gesamt-, Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien aus vier Bundesländern teil. Das Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) unter der Leitung von Prof. Peter Heuschmann übernimmt das unabhängige Datenmanagement und begleitet die statistische Auswertung. In Rheinland-Pfalz läuft das multimediale Präventionsprogramm bereits seit einem Jahr an 22 Schulen, in Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt startet es nach den Sommerferien 2026. Das heißt, dass Schülerinnen und Schüler der sechsten und siebten Klassen im Rahmen des regulären Unterrichts in fünf Doppelstunden lernen, eigene Gefühle besser wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren. Mithilfe von Übungen, Spielen und Videos werden Strategien vermittelt, die sich direkt auf Situationen aus dem Alltag übertragen lassen. 

Wenn aus Überforderung Selbstverletzung wird

„Emotionen wie Wut, Angst, Scham oder Verzweiflung können Jugendliche stark belasten. Deshalb ist es wichtig, dass sie frühzeitig lernen, mit diesen intensiven Gefühlen umzugehen. Fehlen geeignete Strategien, kann daraus problematisches Verhalten entstehen, beispielsweise nicht-suizidale Selbstverletzung, kurz NSSV“, berichtet Arne Bürger, der gemeinsam mit Klinikdirektor Prof. Dr. Marcel Romanos DUDE leitet. Bei NSSV verletzen sich Jugendliche absichtlich, ohne dabei sterben zu wollen. NSSV ist daher nicht mit einem Suizidversuch gleichzusetzen, gilt jedoch als Risikomarker für psychische Probleme und geht mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidalität einher. 

Ein statistisches Modell (https://doi.org/10.1186/s13034-023-00699-4) aus der Arbeitsgruppe “Prävention” am DZZP mit mehr als 2.100 Jugendlichen im Alter von durchschnittlich 12,3 Jahren zeigte beispielsweise einen Zusammenhang zwischen Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und der Schwere suizidaler Gedanken und Verhaltensweisen. Dabei offenbarten sich Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Die Studie spricht dafür, die Emotionsregulation bereits früh als möglichen Ansatzpunkt in der Prävention zu berücksichtigen. Anstatt sich beispielsweise selbst zu verletzen, sollen Jugendliche bei DUDE lernen, mit innerer Anspannung, Konflikten oder starken negativen Gefühlen auf andere Weise umzugehen.

Wirkt frühe Prävention?

Ob und inwiefern das Präventionsprogramm DUDE die psychische Gesundheit tatsächlich stärken und vor NSSV schützen kann, wird in der groß angelegten DUDE 2.0-Studie mithilfe von Fragebögen evaluiert. Dazu werden die Schülerinnen und Schüler mehrfach befragt: vor Beginn des Programms, unmittelbar danach sowie nach sechs und zwölf Monaten. Die teilnehmenden Schulen werden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt. Beide Gruppen erhalten Informationsmaterialien zum Umgang mit Stress. Zusätzlich erhält eine Gruppe DUDE sofort, die andere Gruppe erst nach zwölf Monaten, um festzustellen, ob das Programm wirksam ist. 

Eltern die Sorge nehmen, über Suizid und Selbstverletzung zu sprechen

Die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an der Maßnahme setzt natürlich die Einwilligung der Eltern und Jugendlichen voraus. Hier ist noch enorme Aufklärungsarbeit nötig, wie Lena Ehl und Achim Schimanski berichten. Sie koordinieren am DZPP das Projekt, weisen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an den teilnehmenden Schulen ein und bieten Elternabende an. 

„Generell begrüßen es die Eltern sehr, dass über Emotionen gesprochen wird. Doch einige sind besorgt, dass ihre Kinder durch Fragen zu Selbstverletzung und Suizidalität belastet oder dadurch erst auf entsprechende Gedanken gebracht werden könnten“, sagt Achim Schimanski. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern jedoch keine Hinweise darauf, dass eine fachgerecht durchgeführte Befragung zu Suizidalität entsprechende Gedanken oder Handlungen auslöst. Entscheidend sind eine altersangemessene Befragung und ein klar geregeltes Vorgehen, wenn dabei eine akute Belastung sichtbar wird.

„Wenn die Schülerinnen und Schüler angeben, sich noch nie selbst verletzt zu haben, werden ihnen keine weiteren Fragen zu einzelnen Formen der Selbstverletzung gestellt“, schildert Lena Ehl. „Unabhängig davon werden auffällige Angaben im Bereich Suizidalität ernst genommen und nach einem klar festgelegten Verfahren weiter abgeklärt. “ 

Automatisiertes Warnsystem bei akuter Gefährdung

Die ersten Erfahrungen bestätigten, wie wichtig es ist, bei einer Befragung zu psychischen Belastungen ein Sicherheitsnetz einzubauen. „Wenn in einer Studie nach akuter Suizidalität gefragt wird, muss auch klar geregelt sein, was bei ernsthaften Angaben passiert. Solche Krisen dürfen nicht einfach unbeachtet bleiben“, betont Arne Bürger.

So funktioniert das Warnsystem: Sobald eine Schülerin oder ein Schüler im mehrstufigen Fragebogen zur Suizidalität angibt, in den vergangenen zwei Wochen einen Suizid geplant oder gar versucht zu haben, wird das Studienteam alarmiert. Ausschließlich die Studienleitung erhält eine Warnmeldung, in der ein Pseudonym enthalten ist. Sie ist berechtigt, dieses Pseudonym der betreffenden Person zuzuordnen und den benannten schulischen Notfallkontakt zu informieren. Dieser nimmt Kontakt zu der oder dem Jugendlichen und der Familie auf, klärt die Situation ab und vermittelt bei Bedarf weitere Hilfen. Während dieses Prozesses steht die Studienleitung beratend zur Verfügung. „Es kommt vor, dass Kinder wissen möchten, ob wir tatsächlich reagieren. Das ist aber eher die Seltenheit. Es gab bereits Notfälle, in denen eine sofortige Einweisung in die zuständige Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgte und dadurch möglicherweise Schlimmeres verhindert wurde“, schildert Achim Schimanski die Erfahrung aus dem vergangenen Jahr. „So etwas geht auch an uns nicht spurlos vorüber.“ 

Schulen werden zu Partnern der Prävention

Im Rahmen von DUDE schulen Schimanski und Ehl an jeder Schule jeweils zwei Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren, zum Beispiel Lehrkräfte, schulpsychologische Fachkräfte oder sozialpädagogische Fachkräfte, die das Programm an der Schule koordinieren und weitere Personen aus dem schulischen Umfeld einbinden können. Das Konzept ist darauf ausgerichtet, DUDE langfristig in den Schulalltag zu integrieren und eine spätere selbstständige Durchführung durch die Schulen zu ermöglichen. Die Kaufmännische Krankenkasse unterstützt DUDE bereits in beiden Studienphasen. Die Durchführung von DUDE 2.0 wird in Bayern durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultur unterstützt. 

tomoni.schools – Lehrkräfte als Lotsen für psychische Gesundheit

Weitere Schulprojekte des DZPP zur Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind tomoni.schools und tomoni.starts. In Kooperation mit der tomoni mental health gGmbH werden Lehrkräfte darin geschult, Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern zu erkennen. Sie lernen, die Betroffenen wertschätzend anzusprechen und sie sowie ihre Familien an ein geeignetes Hilfssystem weiterzuleiten. Die Lehrkräfte können an insgesamt acht Online-Modulen zu Themen wie Ess- oder Angststörungen, Depressionen, Sucht, selbstverletzendem Verhalten, Suizidalität sowie rechtlichen Grundlagen und Elterngesprächen teilnehmen. Das DZPP evaluiert, ob sich die sogenannte Mental Health Literacy von Lehrkräften verbessert; also ihr Wissen über psychische Erkrankungen, ihre Sicherheit beim Erkennen von Warnzeichen sowie ihre Bereitschaft, betroffene Schülerinnen und Schüler anzusprechen und weiterzuvermitteln. „Das Besondere an der Studie ist, dass wir nicht nur erfassen, wie das Programm das Wissen und die Handlungssicherheit der Lehrkräfte schult, sondern auch, ob die Hilfe bei den Schülerinnen und Schülern tatsächlich ankommt“, sagt Arne Bürger.

Ersthelferkurs Mentale Gesundheit EMG: Wenn Lehrkräfte Ersthelfer werden

Ein ähnliches Konzept wie das von tomoni verfolgt der Ersthelferkurs Mentale Gesundheit (EMG), der inzwischen nicht nur für Einzelpersonen und Unternehmen, sondern auch für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Übungsleiterinnen und -leiter angeboten wird. Der Online-Kurs besteht aus drei je zweistündigen Modulen, die fundiertes Wissen über psychische Gesundheit mit konkreten Handlungsschritten kombinieren.

Kampagne „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“

Zum Welttag der Suizidprävention hat die Arbeitsgruppe regionale Netzwerke des Nationalen Suizidpräventionsprogramms eine bundesweite Kampagne namens „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“ initiiert. Diese wurde im Rahmen des Seminars Medienpraxis an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) entwickelt und realisiert: kampagne.welttag-suizidpraevention.de.

Erwähnte Publikationen:

Christin Scheiner, Jan Grashoff, Nikolaus Kleindienst, Arne Buerger. Mental disorders at the beginning of adolescence: Prevalence estimates in a sample aged 11-14 years. Public Health in Practice. Volume 4. 2022, 100348, ISSN 2666-5352, https://doi.org/10.1016/j.puhip.2022.100348.

Mittermeier, S., Seidel, A., Scheiner, C. et al. Emotional dysregulation and its pathways to suicidality in a community-based sample of adolescents. Child Adolesc Psychiatry Ment Health 18, 15 (2024). https://doi.org/10.1186/s13034-023-00699-4

Illustration von einer Strandsituation, auf der einige Figuren surfen, ein Surfbrett in der Hand halten, glücklich oder traurig schauen. Schriftzug: Gemeinsam mit der Klasse lernen, Emotionswellen zu surfen? Das geht mit DUDE!
Collage der vier freigestellten Personen auf rotem Hintergrund.
Das DUDE-Projektteam aus der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg v. l. n. r.: Lena Ehl und Achim Schimanski, die DUDE koordinieren sowie Arne Bürger und Marcel Romanos, die das Präventionsprogramm leiten.

CAR-T-Zellen direkt im Körper herstellen

ERC Starting Grant für Karl Petri: Würzburger Forscher entwickelt neue Technologie für eine sichere und dauerhafte In-vivo-CAR-T-Zelltherapie

Porträtbild von Karl Petri mit weißem Kittel im Labor
Dr. Karl Petri vom Universitätsklinikum Würzburg erhält einen ERC Starting Grant, um mit seinem Team eine neue Technologie für eine sichere und dauerhafte In-vivo-CAR-T-Zelltherapie zu entwickeln. © Daniel Peter / UKW
Die Mitarbeitenden tragen alle weiße Kittel und sind in zwei Reihen in einem Laborraum aufgereiht.
Die Arbeitsgruppe von Karl Petri sucht Verstärkung. Hier im Bild v.l.n.r., vordere Reihe: Shrey Jain, Lucas Wehler, Karl Petri, Christina Borgel, hintere Reihe: Leon Gehrke, Alexandre Trubert, Jun Kai Ong, Dorothea Götz. © Christina Bornschein / UKW

Würzburg. Bislang werden CAR-T-Zellen außerhalb des Körpers hergestellt. Dazu werden T-Zellen aus dem Blut der Patientin oder des Patienten gewonnen, im Labor genetisch verändert, sodass sie Proteine auf ihrer Oberfläche produzieren, die als chimäre Antigenrezeptoren (CARs) bezeichnet werden. Diese CARs helfen den T-Zellen dabei, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Nach der Umprogrammierung werden die CAR-T-Zellen zurück in den Körper übertragen. Seit ihrer ersten Zulassung im Jahr 2017 haben sie die Behandlung bestimmter Blutkrebserkrankungen, darunter bestimmte Formen von Leukämien, Lymphomen und des Multiplen Myeloms, grundlegend verändert. Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten können sie langanhaltende Remissionen erreichen.

ERC Starting Grant dotiert mit 1,5 Millionen Euro

Die personalisierte Herstellung im Labor ist jedoch mit erheblichem Zeit- und Kostenaufwand verbunden und nicht immer erfolgreich. Diesen Prozess will Dr. Karl Petri vom Lehrstuhl für Zelluläre Immuntherapie und der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) in einem neuen Forschungsprojekt künftig umgehen. Die CAR-T-Zellen sollen direkt im Körper entstehen. Für dieses Vorhaben erhält er vom Europäischen Forschungsrat (ERC) einen ERC Starting Grant. Der renommierte Forschungspreis ist mit knapp 1,5 Millionen Euro dotiert. 

CAR-T-Zellen sollen direkt im Körper entstehen

„Ich habe mich riesig gefreut, dass unser Projekt in diesem hochkompetitiven Wettbewerb bewilligt wurde. Denn wir können damit eine wichtige und zukunftsweisende Fragestellung angehen“, sagt Karl Petri. „Immunzelltherapien haben großes Potenzial, und das nicht nur in der Krebsmedizin. Was bislang fehlt, ist eine wirklich effiziente und sichere Technologie, um solche Therapien direkt im Körper herzustellen. Genau diese Lücke wollen wir mit der Verbindung verschiedener Technologien schließen.“

Damit die T-Zellen im Körper CARs herstellen können, wird ein Vektor benötigt. Dieser kann viralen Ursprungs sein oder in Form von Nanopartikeln vorliegen. Bei der klassischen CAR-T-Zellherstellung im Labor kommen meist virale Vektoren zum Einsatz. Sie schleusen DNA mit dem Gen für den CAR in die zuvor entnommenen T-Zellen ein. Die DNA wird dauerhaft in das Erbgut der T-Zellen eingebaut, sodass diese langfristig CAR-Proteine produzieren können. Allerdings lässt sich nicht vollständig kontrollieren, in welchen Abschnitten des Genoms virale Vektoren integrieren. Bei der In vivo-CAR-T-Zelltherapie kann sich das Risiko potenziell erhöhen: Die viralen Vektoren werden auf den gesamten Organismus appliziert und könnten dadurch nicht nur T-Zellen, sondern unter Umständen auch andere Körperzellen erreichen und gentechnisch verändern. 

Eine alternative Transportmethode sind Lipid-Nanopartikel. Mithilfe dieser winzigen Lipidpartikel kann die mRNA, also die Bauanleitung für CARs, sicher in die T-Zellen eingeschleust werden. Der Nachteil ist jedoch, dass diese Bauanleitung sehr kurzlebig ist. Das bedeutet, dass die T-Zellen nur für wenige Tage das CAR-Protein auf ihrer Oberfläche exprimieren. Dann wird das RNA-Molekül schon wieder abgebaut und der genetische Informationsfluss für die CAR-Produktion versiegt. 

Das Beste aus zwei Ansätzen verbinden

„Wir wollen nun das Beste aus beiden Welten vereinen: die dauerhafte CAR-Expression und eine sichere Plattform mit einer zielgerichteten Integration der Bauanleitung“, sagt Karl Petri. „Dafür entwickeln wir eine Lipid-Nanopartikel-basierte In-vivo-CAR-T-Zelltherapie mittels neuartiger Genomeditierungswerkzeuge. Dadurch wird die genetische Information für den CAR in eine sogenannte Safe-Harbor-Region der T-Zelle gebracht und in diesem sicheren Hafen gehalten.“ 

Dass Lipid-Nanopartikel grundsätzlich dazu geeignet sind, T-Zellen in vivo zu transfizieren, also genetisches Material gezielt in die Zelle einzuschleusen, ist bereits bekannt. Dass die neuen Genomeditierungswerkzeuge in T-Zellen funktionieren, konnte Karl Petri auch schon zeigen. „Unsere präliminären Daten sind sehr vielversprechend. Die Herausforderung besteht nun darin, die Komponenten zusammenzufügen und die Genwerkzeuge so zu optimieren, dass die CAR-Bauanleitung möglichst effizient, dauerhaft und sicher in die T-Zellen gelangt.

Sicherheit wird bei jedem Schritt überprüft

Die Sicherheit ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Das Team will jeden einzelnen Schritt genau untersuchen und prüfen, ob die Behandlung ungefährlich und verträglich ist. Dafür setzen die Forschenden unter anderem selbst entwickelte Analyseverfahren ein. „Wir untersuchen beispielsweise, wo sich die Nanopartikel im Körper verteilen, und überprüfen genau, an welchen Stellen die genetische Information in das Erbgut der Zellen eingebaut wird“, erläutert Petri. 

In fünf Jahren zur Vorbereitung einer klinischen Studie

In den kommenden fünf Jahren will er mit seinem Team die notwendigen grundlagenwissenschaftlichen und sicherheitsrelevanten Daten aus Untersuchungen in Zellkulturen und Mäusen zusammentragen. Sie sollen die Grundlage für ein sogenanntes Pre-IND-Meeting (Pre-IND steht für Pre-Investigational New Drug) bilden, dass die Grundlage für eine zukünftige klinische Translation sein soll.

Starke Partner am Forschungsstandort Würzburg

Das Projekt ist beispielhaft für den Standort Würzburg und seine Synergien. Mit Prof. Hermann Einsele, dem Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II, und Prof. Michael Hudecek, dem Inhaber des Lehrstuhls für Zelluläre Immuntherapie, sind zwei renommierte CAR-T-Zellexperten vor Ort. Prof. Jörg Vogel, der geschäftsführende Direktor des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI), ist ein ausgewiesener Spezialist für Ribonukleinsäuren (RNA). Hinzu kommen Strukturen wie das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) WERA und das Bayerische Zentrum für Krebsforschung (BZKF), die die klinische Translation ermöglichen. „Geht unser Plan auf, hätten wir eine sehr starke Plattform für die In-vivo-Generation und -Modifikation von Zelltherapien“, resümiert Karl Petri. 

Mit dem neuen Projekt wächst auch seine Arbeitsgruppe: Petri möchte zum Start Anfang 2027 zwei weitere Doktorandinnen und/oder Doktoranden sowie eine-/n Postdoc aufnehmen. Damit würde das derzeit aus sechs Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern sowie einem Mediziner bestehende Team auf insgesamt neun anwachsen.

Ein Teil der Arbeitsgruppe wird bereits durch eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Emmy-Noether-Programm unterstützt. Das Team entwickelt dort neuartige CRISPR-2.0-Werkzeuge, um zielgerichtete CAR-T-Zellprodukte zur Krebsbehandlung herzustellen und weiter zu verbessern (siehe Meldung vom 2.8.2024 „Grenzen der Immuntherapie überwinden“ und #WomenInScience-Porträt von Christina Borgel, Doktorandin inm Petri-Lab).

Über Karl Petri
Dr. med. Karl Petri wurde in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Karben (Hessen) auf. Er studierte Humanmedizin in Heidelberg und forschte anschließend sechs Jahre lang in den USA, am Massachusetts General Hospital und an der Harvard Medical School in Boston. Seit Sommer 2023 ist er am Universitätsklinikum Würzburg tätig: in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II leitet er am Institut für Zelluläre Immuntherapie eine Emmy-Noether-Forschungsgruppe (Petri-Lab). Karl Petri ist verheiratet und Vater eines Sohnes. 

 

Porträtbild von Karl Petri mit weißem Kittel im Labor
Dr. Karl Petri vom Universitätsklinikum Würzburg erhält einen ERC Starting Grant, um mit seinem Team eine neue Technologie für eine sichere und dauerhafte In-vivo-CAR-T-Zelltherapie zu entwickeln. © Daniel Peter / UKW
Die Mitarbeitenden tragen alle weiße Kittel und sind in zwei Reihen in einem Laborraum aufgereiht.
Die Arbeitsgruppe von Karl Petri sucht Verstärkung. Hier im Bild v.l.n.r., vordere Reihe: Shrey Jain, Lucas Wehler, Karl Petri, Christina Borgel, hintere Reihe: Leon Gehrke, Alexandre Trubert, Jun Kai Ong, Dorothea Götz. © Christina Bornschein / UKW