Personalisierte Therapie affektiver Erkrankungen

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Affektive Erkrankungen, zu denen Depressionen und bipolare (d.h. manisch-depressive) Erkrankungen gehören, haben eine hohe Lebenszeitprävalenz und gehören zu den Erkrankungen mit den höchsten Raten von Erwerbsunfähigkeit. Sie gehen häufig mit somatischen Erkrankungen einher, wie z.B. kardiovaskulären oder neurologischen Erkrankungen. Unsere heutigen Behandlungsstrategien sind jedoch nach wie vor nicht ausreichend effizient. Dies mag daran liegen, dass unser Verständnis der biologischen Ursachen von psychischen Erkrankungen immer noch nicht ausreichend ist. Auch sind die Zusammenhänge mit internistischen Begleiterkrankungen noch nicht genügend untersucht. Vor allem aber findet die Behandlung von affektiven Erkrankungen nach wie vor zu wenig individualisiert unter Berücksichtigung der individuellen Lebensgeschichte statt. Stattdessen hängt es vom jeweiligen Behandler ab, ob und wie eine Patientin oder ein Patient eher psychotherapeutisch oder psychopharmakologisch behandelt wird.

Aufgrund einer prinzipiell günstigen Erfolgswahrscheinlichkeit einer antidepressiven Behandlung, jedoch einem unvollständigen Ansprechen bei einem Teil der Patient:innen, bedarf es individualisierter therapeutischer Ansätze, die wir in unserer Klinik folgendermaßen umsetzen: 

    1. Individuelle Psychotherapie

    Nach einer Phase der Psychoedukation zu affektiven Erkrankungen erhält jede Patientin und jeder Patient eine Beratung über die Indikation für eine psychotherapeutische Behandlung. Dabei kommen in erster Linie die kognitive Verhaltenstherapie und die interpersonelle Therapie, aber auch individualisiert schematherapeutische Ansätze, CBASP oder traumaspezifische Therapieverfahren zum Einsatz (Dr. Sell, Dr. Gajewska, PD Dr. Unterecker).

    2. Individuelle Pharmakotherapie

    Gerade bei Vorliegen einer mittelgradigen bis schweren Depression und vor allem auch bei einer bipolaren Erkrankung hat die Psychopharmakotherapie einen hohen Stellenwert. Eine entsprechende Informationsvermittlung findet i.R. der Psychoedukation bei affektiven Erkrankungen und in ärztlichen Visiten sowie Arztgesprächen statt. Dabei werden pharmakogenetische Analysen mit Bestimmung der Arzneistoffwechselfunktion (CYP2D6, CYP2C19) und das Therapeutische Drug Monitoring eingesetzt, um eine individualisierte psychopharmakologische Behandlung zu ermöglichen (Christopher Wohkittel, PD Dr. Weber, PD Dr. Unterecker).

    3. Individuelle Kombinationstherapien mit nichtinvasiven Stimulationsverfahren

    Bei nicht ausreichender Wirkung einer differenzierten Pharmakotherapie und Psychotherapie kommen augmentativ nichtinvasive Stimulationsverfahren wie Wachtherapie, Lichttherapie, rTMS und EKT infrage. Bei der Auswahl des jeweiligen nichtinvasiven Stimulationsverfahrens für die einzelne Patientin und den einzelnen Patienten spielen Aspekte wie somatische Begleiterkrankungen, früheres Ansprechen auf ein bestimmtes Therapieverfahren und Schwere der Therapieresistenz, aber auch Alter, bisheriger Krankheitsverlauf und Schwere der affektiven Erkrankung eine Rolle (PD Dr. Polak, Dr. Weidner).

    4. Individuelle Phänotypisierung und Intervention

    Psychische Erkrankungen gilt es immer auch im sozialen Kontext zu erfassen und entsprechend auch zu behandeln. Dazu hilfreich ist der Einbezug Smartphone basierter Befragungen und Interventionen. Der Einsatz entsprechender Smartphone-Applikationen ermöglicht eine engmaschige Erfassung von psychischen Symptomen und liefert die Grundlage für Interventionen im unmittelbaren Alltag der Patientin bzw. des Patienten (Prof. Hein).

    5. Individuelle Ansätze bei Komorbiditäten: Konsiliar/Liason

    Aufgrund einer hohen Komorbidität zwischen psychischen und körperlichen Erkrankungen bedarf es häufig interdisziplinärer Behandlungsansätze und einer konsiliarischen Zusammenarbeit zwischen den medizinischen Behandlungsdisziplinen. Dies wird am Universitätsklinikum Würzburg durch einen differenzierten Konsiliar-Liaisondienst gewährleistet (Dr. Warrings, PD Dr. Unterecker).

    6. Prävention: Primär, Sekundär, Tertiär

    Aufgrund der hohen Lebenszeitprävalenz von psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung spielen präventive Ansätze eine besondere Rolle. Dabei muss zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterschieden werden.

    Die Primärprävention im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter soll das Auftreten einer Erkrankung verhindern oder verzögern, eine besondere Bedeutung kommt hier bei affektiven Erkrankungen auch die effektive Behandlung von Angsterkrankungen und des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom zu. Die Sekundärprävention hingegen zielt darauf ab, Erkrankungen in einem frühen Stadium zu erkennen und damit die Möglichkeit einer rechtzeitigen Behandlung zur Vermeidung von Folgeerkrankungen zu eröffnen. Tertiärprävention (Rehabilitation) ist hingegen auf die Verhinderung von Chronifizierung und Folgeerkrankungen sowie die Rückfallvermeidung gerichtet. Wichtig ist hier auch der Erhalt und die weitestgehende Verbesserung der sozialen und beruflichen Integration. Zu allen präventiven Ansätzen tragen Informationsveranstaltungen bei, die von ärztlichen und psychologischen Mitarbeiter:innen des Zentrums für Psychische Gesundheit regelmäßig durchgeführt werden. Beispielsweise werden in diesem Rahmen mehrmals pro Jahr Vorträge zur Vorbeugung und Behandlung der häufigsten psychischen Beschwerden in den Greisinghäusern in Würzburg angeboten, die Abendsprechstunde der Mainpost unterstützt und über den Unibund Vorträge in der mainfränkischen Region durchgeführt. Hinzu kommt, dass wir uns um eine transsektorale Versorgung bemühen, indem wir Patient:innen in Spezialambulanzen behandeln und im Bedarfsfall eine frühzeitige Therapieintensivierung mittels teil- oder vollstationärer Behandlung anbieten. Ein enger Austausch mit niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzten, auch im Rahmen von regelmäßigen Weiterbildungsveranstaltungen am Zentrum für Psychische Gesundheit, sowie der enge Kontakt zu psychologischen Psychotherapeut:innen und den lokalen Psychotherapieausbildungsinstituten erleichtern individualisierte therapeutische Ansätze in der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen. Rehabilitative Ansätze werden in Zusammenarbeit mit Rehabilitationskliniken erarbeitet und umgesetzt, hier vor allem auch mit dem Ziel der Sicherung der Erwerbsfähigkeit (Prof. Kittel-Schneider, Prof. Erhardt-Lehmann, Prof. Heiner Vogel).

    Leitung

    Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Stefan Unterecker

    E-Mail: Unterecker_S@ ukw.de

    Telefon: +49 931 201-77545

    Mitarbeiter

    Wissenschaftliche Mitarbeiter

    Publikationen

    Publikationen unserer Arbeitsgruppe finden Sie auf pubmed oder im Publikationsverzeichnis der Klinik.


    Anschrift

    Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums | Margarete-Höppel-Platz 1 | 97080 Würzburg | Deutschland

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