
Dr. med. Sabine Drossard
Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie
Sabine Drossard wurde 1986 in Regensburg geboren und wuchs im Rheinland auf. Sie studierte an der TU München Humanmedizin und absolvierte in Augsburg und München ihre Weiterbildung in der Kinderchirurgie, mit Rotation in der Pädiatrie und pädiatrischer Intensivmedizin. Sabine Drossard promovierte am Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin der LMU München. Neben der Weiterbildung machte sie einen berufsbegleitenden Master of Medical Education (MME). Seit November 2023 ist Sabine Drossard Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie.
Sie sind nicht nur Kinderchirurgin, sondern haben auch einen Master of Medical Education. Wie sind Sie zur Lehrforschung, also zur Forschung in der Medizindidaktik, gekommen?
Während meines Medizinstudiums in München war ich in der Fachschaft aktiv. Ich war studentische Vertreterin im Fakultätsrat der TU München sowie in der Curriculumskommission. Hier habe ich mich aus studentischer Sicht an der Curriculumsreform beteiligt. Nachdem ich meine Doktorarbeit im Labor abgebrochen hatte, fühlte ich mich beim Thema Forschung ein bisschen verloren. Dann habe ich die Medizindidaktik für mich entdeckt, die sich damit beschäftigt, wie sich die medizinische Lehre verbessern und verändern lässt. Meine Doktorarbeit habe ich am Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin der LMU München geschrieben. Während meiner Weiterbildung in Augsburg war ich in der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung aktiv und wurde zur Assistentensprecherin der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie gewählt. Später absolvierte ich mit einem Stipendium der Medizinischen Fakultät Augsburg einen berufsbegleitenden Master of Medical Education.
In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich dann mit sexueller Belästigung im Studium auseinandergesetzt. Wie kam es dazu?
In Augsburg hatte ich mich sehr viel mit dem Thema professionelle Identitätsbildung beschäftigt, also der Frage, wie Studierende zu Ärztinnen und Ärzten werden, nicht nur, was ihr Wissen und ihre Fertigkeiten angeht, sondern auch, was ihre Haltung und Identität betrifft: Wie denke und fühle ich wie ein Arzt, wie eine Ärztin, und nicht nur, wie handele ich?
Früher versuchte man, Studierenden professionelle Verhaltensweisen beizubringen. Doch dann stellte man fest, dass die dahinterstehende Haltung viel relevanter ist. Dafür gibt es allerdings keine Blaupause. Jeder bringt seine eigene Sozialisation und Identität mit und entwickelt diese dann in der Ausbildung weiter.
Sie meinen PIF (engl. Professional Identity Formation für professionelle Identitätsbildung). Was bedeutet das konkret?
Die Idee hinter PIF ist, diesen transformativen Prozess explizit zu begleiten. Hierzu werden beispielsweise Reflexionen, Rollenbilder und Perspektivwechsel eingesetzt. In Augsburg habe ich ein Mentoring-Programm mit aufgebaut und war selbst als Mentorin tätig. Im Rahmen dessen hat mir eine Studentin von einer sexuellen Belästigung in der Famulatur erzählt. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas gesagt hat. Sie antwortete: „Nein, ich bin ja nur Studentin. Aber als Ärztin hätte ich etwas gesagt.“ Diese Aussage ließ mich nicht mehr los. Somit machte ich das Thema zu meiner Masterarbeit, für die ich weitere Interviews führte. Mich interessierten vor allem die Reaktionen der Studierenden auf sexuelle Belästigungen sowie die Hintergründe für diese Reaktionen. Was passiert in ihrer eigenen Rollenwahrnehmung und wie kann man daraus ableiten, welche Unterstützungsangebote Studierende brauchen?
Die Studie #MEDToo wurde jetzt veröffentlicht. Was ergab die Interviewstudie?
In Augsburg habe ich Interviews mit Studierenden im Praktischen Jahr geführt. Die Interviewstudie ist eine qualitative Arbeit. Sie erhebt nicht den Anspruch, dass die Ergebnisse generalisiert werden können. Dazu war Gruppe zu homogen. Aber sie half, die Gefühle, Reaktionen und Verhaltensweisen besser zu verstehen und bildete somit die Grundlage für die Konzeptentwicklung des Workshops sowie für die Erstellung des Fragebogens der quantitativen Studie.
Die Studie gilt gewissermaßen als Vorstudie zur deutschlandweiten Erhebung zum Ausmaß, den Umständen und Folgen sexueller Belästigung im Medizinstudium in Deutschland. Wie kam es zur nationalen Erhebung?
Nachdem ich die Ergebnisse auf der Jahrestagung der Gesellschaft für medizinische Ausbildung vorgestellt hatte kamen Studierende auf mich zu und zeigten Interesse, daraus mehr zu machen. So entstand eine ganz tolle Zusammenarbeit mit Michelle Förstel von der Universität Heidelberg und Maximilian Vogt von der Universität Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).
Sie haben gemeinsam einen Fragebogen entwickelt, was einige Herausforderungen barg. Können Sie Beispiele nennen?
Wir wollten abfragen, welches Geschlecht die Personen haben, von denen die Belästigung ausging. Eigentlich wollten wir inklusiv sein und auch divers abfragen, so wie wir es bei den Betroffenen getan haben. Einzelne Skalen hätten jedoch die wissenschaftliche Auswertung erschwert. Am Ende haben wir das Problem mit einer 0 bis 100 Schieberegler-Frage gelöst - von ausschließlich männlich bis ausschließlich weiblich, sodass es nicht so dichotom war.
Über die Studie
An der anonymen Online-Umfrage nahmen 5.681 Studierende von 44 Medizinischen Fakultäten in Deutschland teil. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal BMC Medical Education publiziert und die Ergebnisse auf der Website medtoo.de anschaulich zusammengefasst: 49 Prozent haben sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet. 42 Prozent gaben an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Jede zweite betroffene Person erlebt Belästigung sogar mehr als dreimal im Jahr.
Mit zunehmender Ausbildungsdauer zeigte sich ein deutlicher Anstieg: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 Prozent der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende. Drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung. Das Verhalten ging unter anderem von ärztlichem Personal, Lehrenden sowie Mitstudierenden, vor allem aber von Patientinnen und Patienten aus.
Die Mehrheit der Vorfälle wurde nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, aufgrund von Abhängigkeiten von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten. -> Interview zur Studie mit Links zu Publikationen und Beratungsstellen: Universitätsklinikum Würzburg: #MEDtoo – 3 von 4 Studentinnen im Praktischen Jahr wurden sexuell belästigt
Wie geht es mit Ihrer Forschung weiter? Bleiben Sie bei dem Thema „Belästigung in der Ausbildung”?
Meine Forschung ist tatsächlich wenig planungsgetrieben. Ich befasse mich immer mit dem Thema, was ich gerade interessant finde. Derzeit beschäftige ich mich in meiner Habilitation mit der Aus- und Weiterbildung in der Chirurgie. Was mich aber noch umtreibt, ist die hohe Zahl an Menschen, die die Kinderchirurgie als Fachgebiet verlassen. Entweder entscheiden sie sich für ein anderes Fach oder sie verlassen die Medizin ganz. Ist das gerade ein Trend in vielen Fächern oder betrifft es vornehmlich die Kinderchirurgie?

Welche Gründe vermuten Sie hinter dieser Fluktuation?
Die Kinderchirurgie ist ein kleines Fachgebiet mit einer sehr hohen Dienstbelastung und nur wenigen Abteilungen. Wenn man regional gebunden ist, kann es extrem schwierig sein, weiterzukommen. Ich selbst bin nach Würzburg gekommen, weil sich mir hier die Möglichkeit bot, Oberärztin zu werden. Zudem ist die Kindermedizin in ganz Deutschland im DRG-System finanziell sehr schlecht abgedeckt. Kindermedizin ist fast überall ein Minusgeschäft und bringt wenig Geld. Entsprechend wenig Personal wird bewilligt. Dabei wäre mehr Personal nötig, da die Arbeit mit Kindern sehr aufwändig ist.
Trotz allem sind Sie geblieben. Was ist das Faszinierende an der Kinderchirurgie?
Für mich ist die Kinderchirurgie das beste Fachgebiet der Welt. Das Schöne an diesem Fach ist, dass es so viele schöne Momente gibt. Die Arbeit mit Kindern macht großen Spaß. Auch die Kolleginnen und Kollegen in der Kinderchirurgie und Kindermedizin sind toll. Alle brennen dafür, wirklich gute Medizin zu machen und die Kinder bestmöglich zu betreuen. Zudem kann man hier ganz tolle Erfolge erzielen und selbst bei schweren Erkrankungen oder Verletzungen den Kindern ein gutes Leben ermöglichen. Man begleitet sie sozusagen ein Stück des Weges. Die Kinderchirurgie ist zudem fachlich extrem abwechslungsreich: Das kleinste Kind, das ich operiert habe, wog 480 Gramm, das schwerste 150 Kilogramm – dazwischen war alles dabei. Jede Altersgruppe hat ihre eigenen Bedürfnisse und Krankheitsbilder. Nehmen wir als Beispiel Bauchschmerzen. Die banale, aber wichtige Frage ist: Neugeborenes? Kleinkind, Schulkind oder Teenager? Entsprechend geht mir ein ganz anderes Spektrum an Differentialdiagnosen durch den Kopf.
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Entweder im OP oder im Studierendenkurs. Am besten beides. Noch besser wäre es, wenn ich im OP mit Studierenden zusammenarbeiten könnte, denen ich etwas zeigen kann. Mir ist wichtig, dass ich an einem Ort arbeite, an dem ich gute Medizin machen und diese mit Forschung und Lehre verbinden kann, idealerweise in einem wertschätzenden Umfeld mit einem tollen Team, das die gleichen Ziele verfolgt.
Da ist Würzburg doch ideal für Sie, oder?
Ja, tatsächlich kann ich hier Forschung, Lehre und Klinik sehr gut miteinander verbinden. Ich bin froh und dankbar, dass ich vom Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung ein sehr flexibles Habilitationsstipendium erhalten habe. Somit habe ich einen Tag in der Woche Freiraum für meine wissenschaftliche Arbeit und darüber hinaus Zeit, meine Lehrprojekte weiter zu entwickeln.
