Aktuelles aus Studium und Lehre

Neue Technologien für die Gastroenterologie von morgen

Wie die Arbeitsgruppe InExEn am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiterentwickelt

Collage der Porträts von Alexander Hann im weißen Kittel und Jana Theile im dunklen Blazer.
Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am Uniklinikum Würzburg (UKW) und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn, und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe InExEn. © Daniel Peter / UKW / Collage mit Canva
Jana Theile und Ioannis Kafetzis sitzen vor Computern und vergleichen positive und negative Befunde.
Die Ärztin Jana Theile hat gemeinsam mit dem Mathematiker Dr. Ioannis Kafetzis ein Computer Vision Model entwickelt, das Angiodysplasien zuverlässig erkennt und in Kombination mit einem Large Language Model, das den Bericht des Untersuchenden abgleicht, Ungleichheiten aufdeckt. © Daniel Peter / UKW
Game-Developerin mit VR-Brile und Endoskop vor Monitor.
Game-Developerin Annika Köhler arbeitet mit dem InExEn-Team daran, möglichst viele endoskopische Untersuchungen und Behandlungen in die virtuelle Welt zu übertragen, was das Training an Tiermodellen reduziert. Hier zeigt sie einen Simulator, bei dem Untersuchende während des virtuellen Trainings ihr eigenes Endoskop zur Steuerung der Untersuchung nutzen können. © Daniel Peter / UKW
Jana Theile und Harsha Manjunath testen die KI an den Silikonmodellen und sehen die unterschiede direkt auf den Monitoren - mit KI und ohne.
Im Projekt „SiMucosa” hat die AG InExEn (hier im Bild Jana Theile und Harsha Manjunath) eine KI mit echten Schleimhautbildern trainiert. Die KI macht das Training an Silikonmodellen realistischer, denn die simulierte Schleimhaut gibt Studierenden das Gefühl einer echten Endoskopie, bei der sie vorsichtiger navigieren und genauer hinschauen müssen. © Daniel Peter / UKW
14 Mitglieder der AG stehen in der Magistrale des ZIM
Die von Alexander Hann geleitete Arbeitsgruppe InExEn (Interventional and Experimental Endoscopy) entwickelt am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiter. © Daniel Peter / UKW

Ein Interview mit Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am Uniklinikum Würzburg (UKW) und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn – Interventional and Experimental Endoscopy und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe InExEn über KI-gestützte Diagnostik, Angiodysplasien und digitale Trainingskonzepte.

Herr Hann, Sie haben die AG InExEn im Jahr 2019 gegründet, als Sie ans UKW kamen. Womit beschäftigt sich die AG? 

Alexander Hann: Wir sind inzwischen ein Dutzend engagierte Leute, die gemeinsam an innovativen diagnostischen Verfahren und therapeutischen Lösungen für Erkrankungen im Bereich der Gastroenterologie arbeiten. Mit jedem angenommenen Förderantrag wächst das Team weiter. Zur Arbeitsgruppe gehören erfahrene Ärztinnen und Ärzte mit Spezialisierung in der Gastroenterologie sowie Ingenieurinnen und Ingenieure und Informatikerinnen und Informatiker. Wir haben sogar eine Game-Developerin. Genau das ist das Spannende: Durch diesen interdisziplinären Ansatz können wir die Medizin voranbringen.

Frau Theile, Sie sind nach Ihrem Medizinstudium direkt in die Forschung gegangen und promovieren derzeit in der Arbeitsgruppe InExEn. Wie sind Sie zur Medizininformatik gekommen? 

Jana Theile: Ich war tatsächlich schon immer von Technik begeistert und programmiere auch in meiner Freizeit mit meinem Freund, der Informatiker ist. Deshalb finde ich die Arbeit in der InExEn-AG extrem spannend. Es ist toll, in so einem interdisziplinären Team zusammenzuarbeiten.

Worum geht es in Ihrer Doktorarbeit?

Theile: In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit Angiodysplasien, also Gefäßfehlbildungen im Darm. Manche Patientinnen und Patienten kommen mit dem Verdacht auf eine untere gastrointestinale Blutung in unsere Klinik. Gerade bei älteren Personen sind Angiodysplasien eine häufige Ursache für solche Blutungen. Ich konzentriere mich auf die Ursachenforschung von Blutungen im Dickdarm. Entstehen diese Blutungen durch Angiodysplasien oder durch andere Ursachen? Kann die KI die Diagnostik verbessern? 

Welche Symptome zeigen sich bei einer Blutung im Darm? 

Hann: Manche Patientinnen und Patienten haben etwas Blut im Stuhl. Es kann aber auch zu einer Anämie, also Blutarmut, kommen. Die Betroffenen sind blass, müde, weniger leistungsfähig und klagen über Schwindel.

Können die Blutungen bei einer Routine-Darmspiegelung erkannt werden?

Theile: Genau das ist der Punkt. Einige der Gefäßfehlbildungen fallen auf und es wird ein Bild davon gemacht. Aber später tauchen diese im Bericht nicht auf. Manchmal wird vergessen, die Angiodysplasien, die wie kleine Netze aussehen, zu erwähnen. Das kann daran liegen, dass sie harmlos erscheinen, aus ihnen kein Blut sickert oder man sich bei der Koloskopie einfach auf die Polypen konzentriert.

Wie kommt jetzt die KI ins Spiel? Wie kann sie die Erfassung von Angiodysplasien verbessern? 

Theile: Mit meinem Kollegen Dr. Ioannis Kafetzis entwickeln wir eine KI, die Angiodysplasien im Bild- und Videomaterial zuverlässig erkennt. Das heißt, wir erstellen ein sogenanntes Computer Vision Model, also ein System, das die bildbasierte Analyse durchführt. Dieses Modell kombinieren wir mit einem zweiten textbasierten KI-Modell, einem sogenannten Large Language Model (LLM), das die Befunde parallel durchgeht und abgleicht. Wenn das Computer-Vision-Modell eine Angiodysplasie erkennt, das Large-Language-Modell diese aber nicht im Bericht findet, wird dem Untersuchenden diese Ungleichheit mit der Frage „Möchten Sie diese Angiodysplasie nicht im Bericht erwähnen?“ angezeigt.   

Kann die KI dann in Untersuchungsprogramme integriert werden?

Hann: Untersuchungsprogramme sind ja auch Medizinprodukte der Klasse 1, das heißt, man müsste mit den Herstellern sprechen, damit sie das einbauen. 

Wir müssen die KI also so entwickeln, dass sie mit anderen Programmen kompatibel ist und zugelassen wird. Aktuell ist es noch ein Konzept. Wir haben die KI jedoch bereits getestet und Daten aus zwei Zentren, dem UKW und dem Katharinenhospital am Klinikum Stuttgart, erhoben. Es funktioniert.

Inwiefern ist es wichtig, auch unauffällige Angiodysplasien als Befund im Bericht zu erwähnen?

Theile: Sollte es später einmal zu einer Blutung kommen, weiß man durch die vorherigen Endoskopien, dass die Person Angiodysplasien hatte, und kann entsprechend gezielter therapieren.

Sie erwähnten, dass seit neuestem eine Game-Developerin die Arbeitsgruppe verstärkt. Soll durch den Gamification-Ansatz die Anwendungstechnik spielerischer und intuitiver werden?

Hann: Dieser Aspekt konzentriert sich eher auf das Training endoskopischer Untersuchungen und ist daher für Medizinstudierende oder medizinisches Personal in der Aus- und Weiterbildung relevant. Mithilfe von VR-Simulatoren, mit denen sich beispielsweise eine virtuelle Magenspiegelung üben lässt, können wir das Training an Tieren, in diesem Fall an Schweinen, reduzieren.

Wie funktioniert eine Magenspiegelung in virtueller Realität (VR)? 

Hann: Wir haben einen virtuellen Endoskopieraum und ein virtuelles Magenmodell, mit dem wir interagieren. Allerdings gibt es einen festen, haptischen Punkt: ein echtes Endoskop, das wir steuern. Über Sensoren wird die Steuerung des Endoskops in die virtuelle Realität übertragen. Über die VR-Brille sehen wir den Raum, den Monitor und das, was die Kamera des Endoskops sieht. In der virtuellen Welt können wir auch Behandlungen durchführen, beispielsweise eine Angiodysplasie veröden.

Und wie gut lässt sich dieses VR-Training auf die Realität übertragen? 

Hann: Unser Ziel ist es, dass die Leute am Simulator mindestens genauso gut trainiert werden wie am Tiermodell, das derzeit noch Standard ist. Für Dickdarmspiegelungen liegen uns bereits Daten von Checklisten vor, die zeigen, dass ärztliches Personal, welche zuvor allein am Simulator geübt haben, signifikant bessere Ergebnisse erzielen.

Eine Alternative für Tierversuche haben Sie gerade erfolgreich auf der Endoskopie-Jahrestagung präsentiert und live testen lassen. 

Hann: Ja, das war ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördertes Projekt. Gemeinsam mit unserer Game-Developerin Annika Köhler, dem Hardware-Ingenieur Irshath Syed und Jana Theile, die den medizinischen Part abdeckt, wurde ein Simulator entwickelt, bei dem Untersuchende während des virtuellen Trainings ihr eigenes Endoskop zur Steuerung der Untersuchung nutzen können. Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Endoskopie und Bildgebende Verfahren e. V. (DGE-BV), der im März in Leipzig stattfand, haben rund 30 Probandinnen und Probanden das Gerät getestet. Die Daten werten wir derzeit aus.

Theile: Am Tier werden vornehmlich fortgeschrittene Eingriffe und Komplikationen geübt, wenn beispielsweise bei einer Tumorresektion Perforationen und Blutungen entstehen. Mit unserem entwickelten Simulator können wir die Blutstillung und den Perforationsverschluss trainieren, sodass möglichst wenig Versuchstiere eingesetzt werden müssen, oder diese weniger leiden müssen.

Hann: Wir wollen weg von Tiermodellen und hin zum virtuellen Training. Außerdem soll das Training mehr Spaß machen.

Ein weiteres Projekt namens „SiMucosa” wird derzeit von der Eva Mayr-Stihl-Stiftung gefördert. Dabei geht es um simulierte Mukosa, also Schleimhaut.

Theile: In der Lehre wird das Navigieren mit dem Endoskop zunächst an Silikonmodellen von Magen und Darm geübt. Um diese Modelle realistischer zu gestalten, haben wir eine KI entwickelt, die mit echten Schleimhautbildern aus Untersuchungen trainiert wurde. Wenn die KI als Filter über die Bilder gelegt wird, kann sie die Silikonoberfläche wie Schleimhaut aussehen lassen. Dazu haben wir ebenfalls eine Studie beim Jahreskongress der DGE-BV durchgeführt.

Wie kam die simulierte Schleimhaut bei den Probandinnen und Probanden an? 

Theile: Das Silikonmodell haben die Leute schnell untersucht, aber wenn wir SiMucosa eingeschaltet haben, waren sie viel aufmerksamer. Die simulierte Schleimhaut gab ihnen das Gefühl einer echten Endoskopie.

Sie möchten noch mehr zum Potenzial von KI in der Gastroenterologie erfahren? Zum Beispiel über EndoMind, ein von der AG InEXEn entwickeltes KI-gestütztes System (Computer-Aided Detection, CADe), welches die Detektionsrate von Adenomen (ADR) erhöhen soll. Die KI EndoMind markiert bei einer Darmspiegelung erkannte Adenome mit einem blauen Rechteck. EndoMind wurde in gastroenterologischen Schwerpunktpraxen getestet. Die Ergebnisse hat das Nature-Journal NPJ Digital Health veröffentlicht. Sie zeigen: Die KI hilft erfahrenen Gastroenterologinnen und Gastroenterologen kaum dabei, die Detektionsrate von Polypen bei einer Darmspiegelung (Koloskopie) zu verbessern. Ob Alexander Hann KI dennoch in der Vorsorge empfiehlt und was verbessert werden kann, erfahren Sie in diesem Interview

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Collage der Porträts von Alexander Hann im weißen Kittel und Jana Theile im dunklen Blazer.
Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am Uniklinikum Würzburg (UKW) und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn, und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe InExEn. © Daniel Peter / UKW / Collage mit Canva
Jana Theile und Ioannis Kafetzis sitzen vor Computern und vergleichen positive und negative Befunde.
Die Ärztin Jana Theile hat gemeinsam mit dem Mathematiker Dr. Ioannis Kafetzis ein Computer Vision Model entwickelt, das Angiodysplasien zuverlässig erkennt und in Kombination mit einem Large Language Model, das den Bericht des Untersuchenden abgleicht, Ungleichheiten aufdeckt. © Daniel Peter / UKW
Game-Developerin mit VR-Brile und Endoskop vor Monitor.
Game-Developerin Annika Köhler arbeitet mit dem InExEn-Team daran, möglichst viele endoskopische Untersuchungen und Behandlungen in die virtuelle Welt zu übertragen, was das Training an Tiermodellen reduziert. Hier zeigt sie einen Simulator, bei dem Untersuchende während des virtuellen Trainings ihr eigenes Endoskop zur Steuerung der Untersuchung nutzen können. © Daniel Peter / UKW
Jana Theile und Harsha Manjunath testen die KI an den Silikonmodellen und sehen die unterschiede direkt auf den Monitoren - mit KI und ohne.
Im Projekt „SiMucosa” hat die AG InExEn (hier im Bild Jana Theile und Harsha Manjunath) eine KI mit echten Schleimhautbildern trainiert. Die KI macht das Training an Silikonmodellen realistischer, denn die simulierte Schleimhaut gibt Studierenden das Gefühl einer echten Endoskopie, bei der sie vorsichtiger navigieren und genauer hinschauen müssen. © Daniel Peter / UKW
14 Mitglieder der AG stehen in der Magistrale des ZIM
Die von Alexander Hann geleitete Arbeitsgruppe InExEn (Interventional and Experimental Endoscopy) entwickelt am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiter. © Daniel Peter / UKW

#MEDtoo – 3 von 4 Studentinnen im Praktischen Jahr wurden sexuell belästigt

Die größte nationale Studie zum Ausmaß, den Umständen und Folgen sexueller Belästigung im Medizinstudium in Deutschland – Ein Interview mit der Autorin Dr. med. Sabine Drossard, Master of Medical Education.

Porträtbild von Sabine Drossard - sie trägt Haare zurück, dunkle Brille und weißen Kittel
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am UKW, untersuchte gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie. © Daniela Zeisel / UKW

Würzburg. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein bekanntes Problem, das auch in der medizinischen Ausbildung vorkommt. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am Uniklinikum Würzburg (UKW), hat gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie untersucht.

An der anonymen Online-Umfrage nahmen 5.681 Studierende von 44 Medizinischen Fakultäten teil. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal BMC Medical Education publiziert und die Ergebnisse auf der Website https://medtoo.de anschaulich zusammengefasst: 49 Prozent haben sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet. 42 Prozent gaben an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Jede zweite betroffene Person erlebt Belästigung sogar mehr als dreimal im Jahr. Mit zunehmender Ausbildungsdauer zeigte sich ein deutlicher Anstieg: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 Prozent der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende. Drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung.  Das Verhalten ging unter anderem von ärztlichem Personal, Lehrenden sowie Mitstudierenden, vor allem aber von Patientinnen und Patienten aus. Die Mehrheit der Vorfälle wurde nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, aufgrund von Abhängigkeiten von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten. 

Frau Drossard, abgesehen davon, dass es sich bei der Querschnittstudie um den bislang größten Datensatz zu diesem Thema in Deutschland handelt, was ist das Besondere an der Studie?

Aufgrund der großen Stichprobe waren erstmals auch Subgruppenanalysen möglich, beispielsweise von Studierenden im PJ und von männlichen Studierenden, die von sexueller Belästigung betroffen waren. Letztere machten immerhin 29,3 Prozent der Studierenden im PJ aus. Bei den Frauen waren es 73,5 Prozent. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir mit unseren Daten zeigen konnten: Sexuelle Belästigung ist kein regionales Problem. Sie betrifft alle Standorte in ganz Deutschland! Wir wollen jedoch niemanden an den Pranger stellen oder unter Generalverdacht setzen. Es ist aber wichtig, dass wir darüber sprechen und hinschauen.

Vielen Täterinnen und Tätern ist möglicherweise gar nicht bewusst, dass sie gerade jemanden sexuell belästigt haben. Was genau fällt eigentlich unter sexuelle Belästigung?

Aus strafrechtlicher Perspektive können viele Vorgänge nicht verfolgt werden. Im Arbeitskontext gilt jedoch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist am 18. August 2006 in Kraft getreten. Ziel des Gesetzes ist es, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Jedes Verhalten, das bezweckt oder bewirkt, dass ich mich in meiner Würde herabgesetzt fühle, ist eine Grenzüberschreitung. Das gilt auch, wenn das Verhalten nicht den Zweck hatte, das Gegenüber zu belästigen. Es geht also um die Wahrnehmung der betroffenen Person. Hat das Verhalten eine Belästigung bewirkt? Wenn du das Gefühl hast, dass das nicht in Ordnung war, dann vertraue auf deine Wahrnehmung. Selbst wenn das Gegenüber sagt, dass es nicht so gemeint war, kann es sich für dich falsch anfühlen. 

Welche typischen Beispiele gibt es denn für Verhalten, „das nicht so gemeint war“? 

Ein klassisches Beispiel sind Komplimente. Sie sind vielleicht sogar nett und freundlich gemeint. Im professionellen Kontext sind sie jedoch nicht angebracht. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Oh, heute habe ich hier aber zwei besonders hübsche Studentinnen, die mir im OP zur Seite stehen“, dann ist das nicht angemessen. Dann werden die Studentinnen nicht in ihrer professionellen Rolle als angehende Ärztinnen wahrgenommen, sondern auf ihr Aussehen reduziert und damit zu Objekten gemacht.

Welche Komplimente sind im beruflichen Kontext denn angebracht? 

Aussagen zu fachlichen Aspekten. Ein Beispiel wäre: „Ich freue mich, zwei so kompetente Studentinnen im OP zu haben.“

Viele fragen sich jetzt wahrscheinlich, ob sie überhaupt noch etwas zu Studierenden sagen dürfen, ohne sofort zur Täterin oder zum Täter zu werden.

Wichtig ist hier vor allem die Bereitschaft zur Reflexion. Es geht nicht darum, pauschal zu sagen: „Ich bin nicht so“, sondern sich ehrlich zu fragen: „Wie wirken meine Aussagen oder mein Verhalten auf andere? Könnten sie vielleicht anders verstanden werden, als ich sie meine?“ Hilfreich ist dabei, sich bewusst in die Perspektive des Gegenübers hineinzuversetzen.

Welche Empfehlungen geben Sie Studierenden bei Grenzüberschreitungen? Reicht bereits eine Äußerung zum Aussehen aus, um sich an das Beschwerdemanagement oder die Beratungsstelle zu wenden?

Wenn eine Äußerung dazu führt, dass ich mich unwohl fühle, darf ich mich in jedem Fall beraten lassen. Oft hilft aber auch schon, ungewolltes Verhalten anzusprechen und Grenzen zu setzen. In meinen Workshops mit Studierenden üben wir unter anderem den Umgang mit solchen Situationen. Vielleicht schafft die betroffene Person es in diesem Moment, den Mut aufzubringen und zu sagen: „Ja, und kompetent bin ich auch.“ Oder: „Ich finde es nicht gut, dass Sie mein Aussehen kommentieren, denn ich bin hier in einer professionellen Rolle.“ Wer das in der Situation nicht spontan schafft, kann auch später einen Termin ausmachen und das Thema freundlich und professionell ansprechen, zum Beispiel so: „Sie haben gestern dies und jenes gesagt. Wahrscheinlich haben Sie das nett gemeint. Dennoch hat es dazu geführt, dass ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe. Ich möchte bitte keine Kommentare über mein Aussehen hören.“ Um sich die passenden Worte zurechtzulegen, kann auch ein Gespräch mit einer dritten Person oder der Beratungsstelle helfen.

Welche Belästigungen sind definitiv ein Fall für die Beratungs- bzw. Beschwerdestelle? 

Wenn man sich von einer Situation beeinträchtigt fühlt, sie einen traurig oder wütend macht und man nicht aufhören kann, darüber nachzudenken, sollte man das nicht mit sich alleine ausmachen. Manchmal hilft es, sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen auszutauschen und zu erfahren, wie sie oder er die Situation wahrgenommen hat. Viele suchen das Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund. Die Beratungsstelle ist in jedem Fall auch eine kompetente Anlaufstelle. 

Frühere Studien zeigen, dass sexuelle Belästigungen erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. Sie gehen mit einer erhöhten psychischen Belastung einher, verstärken Stress und Angst und können das Lernen sowie die berufliche Entwicklung beeinträchtigen. Zudem können sie Burnout begünstigen. 

Ja, unsere Erhebung bestätigt internationale Studien. Unsere Auswertung ergab, dass jede zweite betroffene Person psychisch belastet ist. 68 Prozent gaben an, Personen oder Situationen aufgrund ihrer Erfahrungen zu meiden. 46 Prozent berichteten, dass die Erfahrungen ihre Wahl der Facharztrichtung beeinflusst hätten. 

In der Befragung weisen chirurgische Fächer mit 1.300 Nennungen die höchste Belastungsrate auf, gefolgt von der Inneren Medizin mit 946 und der Allgemeinmedizin mit 507 Nennungen. Was sagen Sie als Kinderchirurgin dazu? 

Diese Zahlen müssen mit etwas Vorsicht interpretiert werden: Chirurgie und Innere Medizin sind große Fächer mit einem hohen Anteil an der klinischen Ausbildung. Allein durch die Pflichttertiale im Praktischen Jahr, die Blockpraktika und die Einsätze im klinischen Alltag besteht hier eine deutlich höhere Exposition, sodass auch mehr Studierende potenziell belastende Erfahrungen machen können. Dennoch fällt auf, dass chirurgische Fächer im Vergleich zur Inneren Medizin nochmals deutlich häufiger genannt wurden.

Wie sind Sie zur Chirurgie gekommen? 

Ich wollte zu Beginn meines Studiums eigentlich unbedingt Chirurgin werden, obwohl dieser Beruf sehr stark mit Gender-Stereotypen konnotiert ist und als Männerdomäne galt. Zwischenzeitlich haben mich die Kultur und die teilweise sehr hierarchischen Strukturen dann aber abgeschreckt. Mir wurde auch mehrfach davon abgeraten, als Frau eine chirurgische Karriere einzuschlagen.

Im Praktischen Jahr hatte ich dann aber das Glück, auf einer sehr guten Station zu arbeiten. Auch durch einen Mentor, der mich ermutigt und gefördert hat, habe ich die Chirurgie wieder für mich entdeckt. Die zweite Hälfte meines chirurgischen Tertials habe ich schließlich in der Kinderchirurgie verbracht – und dort habe ich mich sofort wohlgefühlt. Die Kultur erlebe ich in der Kinderchirurgie insgesamt als etwas weniger hierarchisch.

Apropos Hierarchie: In der Medizin sind starke hierarchische Strukturen weit verbreitet. Diese erhöhen das Risiko sexueller Belästigungen, erschweren aber auch den Umgang mit Grenzüberschreitungen. Nur 12,7 Prozent der Betroffenen meldeten einen entsprechenden Vorfall.

Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist definitiv mehr als eine individuelle Erfahrung: Sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Aufgrund bestehender Abhängigkeitsverhältnisse und möglicher negativer Konsequenzen adressieren oder melden viele Betroffene den Vorfall jedoch nicht. In unserer Befragung hatten 38 Prozent der Betroffenen Angst vor negativen persönlichen Folgen. Fast jede zweite betroffene Person kannte die Meldewege zudem nicht oder fand sie unklar. Auch gab jede zweite betroffene Person an, kein konsequentes Handeln bei sexueller Belästigung wahrgenommen zu haben.

Als Gründe gegen eine Meldung wurden Scham- und Schuldgefühle (32,1 %) sowie Unsicherheit bei der Einordnung des Vorfalls (71,7 %) angegeben.

Die Unsicherheit bei der Einordnung ist ein sehr wichtiger Punkt – generell, was das Thema sexuelle Belästigung angeht, aber besonders in der Medizin, wo Körperlichkeit eine größere Rolle spielt und die Gesprächskultur möglicherweise anders ist. Bei der ersten Frage sollten die Studierenden beispielsweise ankreuzen, ob sie selbst betroffen sind. Es gab die Antwortmöglichkeiten „Ja”, „Nein”, „Ich bin mir nicht sicher” und „Keine Angabe”. 15 Prozent gaben an, sich nicht sicher zu sein. Das fand ich interessant, denn das bedeutet wahrscheinlich „Ja”.

Sie sprechen aus Erfahrung. Im Rahmen einer qualitativen Vorarbeit haben Sie in Augsburg Interviews mit Studierenden im PJ geführt. Dabei haben Sie differenzierte Einblicke in deren Erleben und die Schwierigkeiten bei der Einordnung von Belästigung erhalten. Die Studie ist ebenfalls im „BMC Medical Education” erschienen.

Tatsächlich wurde von vielen Studierenden berichtet: „Naja, mich betrifft es ja eigentlich nicht. Ich wurde schließlich nie angefasst.“ Oftmals werden nur körperliche Übergriffe als Belästigung gewertet. Im Laufe des Interviews stellte sich jedoch heraus, dass vieles verdrängt wurde. Die Betroffenen haben vielleicht ein ungutes Gefühl wahrgenommen, das dann im Klinikalltag unterging. Deshalb beschäftige ich mich in meinen Seminaren zunächst einmal mit der Definition. Was ist eine Grenzüberschreitung überhaupt? Wie erkenne ich sie?

Haben Sie selbst im Medizinstudium sexuelle Belästigung erfahren? 

Durchaus. Das reichte von Kommentaren über das Aussehen bis hin zu scheinbar zufälligen Berührungen im OP. Es gab zahlreiche Situationen, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte. Heute weiß ich, dass sie nicht in Ordnung waren und Grenzen überschritten wurden. Auch diskriminierende Aussagen oder das Gefühl, als Frau nicht selbstverständlich dazuzugehören, haben dabei eine Rolle gespielt.

Basierend auf den Ergebnissen haben Sie in Würzburg ein Lehrprojekt entwickelt, das gezielt auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten ist und Medizinstudierende im Umgang mit Grenzüberschreitungen im Klinikalltag stärken soll. Das Projekt wurde im Sommersemester 2025 erstmals am UKW durchgeführt und ist nun als Wahlangebot verstetigt. Sollte das nicht zum Pflichtfach für alle Studierenden werden?

Eigentlich müsste das sogar schon viel früher gelehrt werden – nämlich in der Schule. Es geht dabei nicht nur um Belästigung, sondern auch um rassistische und stereotype Kommentare übereinander und voneinander. Man kann nicht früh genug ein Gespür dafür entwickeln, wie man respektvoll miteinander umgeht. Am Ende geht es für mich immer um Respekt. Respekt vor anderen Personen, aber auch Respekt vor mir selbst.

Kommen wir zu den Täterinnen und Tätern. Im universitären Betrieb wurden Mitstudierende mit 70 Prozent am häufigsten von den Betroffenen genannt, gefolgt von Professorinnen und Professoren mit 54 Prozent. In der Klinik bilden die Patientinnen und Patienten mit 94 Prozent die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt vom ärztlichen Personal. Welche Risikobereiche gibt es in der Klinik? 

Zu den Risikobereichen zählen neben praktischem Unterricht mit Patientinnen und Patienten das Pflegepraktikum, Famulaturen, das PJ sowie Einsätze im OP. 

Welche Art von Belästigung geht von Patientinnen und Patienten aus?

Patientinnen und Patienten äußern sich häufig zum Aussehen. Darüber hinaus erleben Studierende und Ärztinnen oft geschlechtsbasierte Zuschreibungen oder Diskriminierung. Das bedeutet, dass sie in ihrer professionellen Rolle nicht immer selbstverständlich ernst genommen werden. Dahinter stehen häufig tief verwurzelte gesellschaftliche Rollenbilder. Auch wenn solche Aussagen im Einzelfall vielleicht nicht bewusst verletzend gemeint sind, beschäftigen sie die Betroffenen oft sehr.

Es kommt beispielsweise immer noch vor, dass ich gefragt werde, ob denn heute noch ein Arzt kommt. Wenn Sie weibliche Kolleginnen in der Medizin fragen, werden viele ähnliche Erfahrungen schildern. Frauen werden leider häufig unterschwellig als weniger kompetent wahrgenommen. Gleichzeitig betrifft das Thema auch jüngere Männer – auch sie werden oft zunächst als weniger erfahren oder weniger kompetent eingeschätzt als ältere Kolleginnen und Kollegen.

Auch wenn Stereotype in der Gesellschaft keine Form von Belästigung oder vorsätzlicher Diskriminierung darstellen, sind sie dennoch ein Wahrnehmungsproblem und scheinbar ein hartnäckiges. Wie ließe es sich aufweichen?

Frauen müssen sichtbarer werden. Neben der Repräsentation von weiblichen Rollen und Vorbildern – zum Beispiel in den Medien – sollten wir auch die Sprache verändern. Gendersensible Sprache ist keine Luxusoption, sondern wichtig. Das fängt im Klinikalltag an. Ein Patient im Krankenzimmer klingelt, die Pflegekraft kommt herein und sagt: „Der Arzt kommt gleich.“ Tritt kurze Zeit später eine Ärztin ein, fällt es dem Patienten schwerer, sie als Ärztin einzuordnen. Es ist banal, aber unser Gehirn hat Schwierigkeiten, sich etwas vorzustellen, das nicht benannt wird. 

Den Eltern meiner kleinen Patientinnen und Patienten sage ich deshalb immer, dass sie die Fäden gern bei der Kinderärztin ziehen lassen können. Immerhin sind 70 Prozent der Kinderärzt*innen weiblich. Manche sind dann irritiert und sagen: „Wir haben doch einen Kinderarzt.“ Umgekehrt hört man selten, dass sie eine Kinderärztin haben, wenn man vom Kinderarzt spricht.

Nehmen ihre männlichen Kollegen die Diskriminierung wahr? 

Scheinbar nicht. Als ich vor einigen Jahren einem männlichen Kollegen davon berichtete, fiel er aus allen Wolken. Ich habe ihn gefragt, wie oft ihm auf dem Stationsflur ein Urinbecher in die Hand gedrückt wird. Noch nie. Mir und meinen weiblichen Kollegen passiert das hingegen jeden zweiten Tag – nach dem Motto: „Hier, können Sie das mal mitnehmen.“

Wie reagieren Sie, wenn jemand Ihre Kompetenz herabsetzt?

Früher habe ich mich darüber sehr geärgert. Je höher ich in der Position komme, desto leichter fällt es mir, lässig darüber zu stehen. Inzwischen stelle ich mich auch immer mit meiner Position vor, damit die Patientinnen und Patienten wissen, mit wem sie es zu tun haben und an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Wichtig ist auch, explizit zu sagen, wenn Studierende Teil des Behandlungsteams sind. Ich stelle alle Studierenden, die mit den Patientinnen und Patienten in Kontakt stehen, zum Beispiel als meine jungen Kolleginnen und Kollegen vor. Sie sind kein Bonus, optional, Luxus oder Beiwerk. Für die Studierenden ist es sehr wichtig, dass sie in dieser Rolle wahrgenommen werden und sich auch gesehen und wichtig genommen fühlen.

Den Lehrenden kommt also ebenfalls eine besondere Verantwortung zu.

Sie sollten für die spezifischen Risiken, denen Studierende ausgesetzt sind, sensibilisiert sein. Sie sollten proaktiv über mögliche Grenzüberschreitungen aufklären und ihre Position nutzen, um ein konsequentes Vorgehen gegenüber entsprechendem Verhalten zu etablieren. 

Man darf und sollte auch Patientinnen und Patienten in die Schranken weisen, wenn sie Grenzen überschreiten. Das signalisiert den Studierenden, dass der Vorfall wahrgenommen wurde und missbilligt wird. Zudem sollten wir Studierende in solchen Situationen aktiv unterstützen, ihre Handlungssicherheit stärken und sie bei Bedarf an geeignete Stellen und Angebote verweisen.

Aus ihren Studien haben sie Handlungsempfehlungen für medizinische Fakultäten und Kliniken abgeleitet.

Es besteht dringender Handlungsbedarf, was strukturelle Reformen betrifft. Insbesondere sind wirksame Präventionsprogramme, klar definierte und niedrigschwellige Meldewege sowie verlässliche Schutzstrukturen für Studierende erforderlich. Am UKW bestehen hierfür bereits etablierte Angebote, etwa durch eine Beratungsstelle für Beschäftigte mit der Möglichkeit zur anonymen Meldung. Im deutschlandweiten Vergleich ist das UKW damit strukturell gut aufgestellt.

Letztlich bedarf es jedoch eines nachhaltigen kulturellen Wandels im medizinischen System, um Grenzüberschreitungen konsequent entgegenzuwirken.

Über Dr. med. Sabine Drossard, MME

Sabine Drossard wurde 1986 in Regensburg geboren und wuchs im Rheinland auf. Sie studierte an der TU München Humanmedizin und absolvierte in Augsburg und München ihre Weiterbildung in der Kinderchirurgie, mit Rotation in der Pädiatrie und pädiatrischer Intensivmedizin. Ihre Promotion schloss sie am Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin der LMU München ab. Neben der Weiterbildung machte die Kinderchirurgin einen berufsbegleitenden Master of Medical Education (MME). Seit November 2023 ist Sabine Drossard Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie am UKW.

Publikationen:

Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9

Sabine Drossard, Iris Warnken, Marco Kuchenbaur, Anja Härtl & Inga Hege. #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study. BMC Med Educ 26, 584 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-09090-1

Links:

Die Ergebnisse der Studie wurden auf der Webseite www.medtoo.de übersichtlich und laienverständlich aufbereitet. 

Sabine Drossard in der UKW-Serie „WomenInScience“ zu ihrer Forschung: Universitätsklinikum Würzburg: WomenInScience: Sabine Drossard

Sabine Drossard im Podcast der Apotheken Umschau “Frau Doktor, übernehmen Sie!” - Folge 88 - Sexuelle Belästigung im Medizinstudium. https://www.apotheken-umschau.de/podcast/episode/frau-doktor-uebernehmen-sie-ueber-frauenkarrieren-in-der-medizin/sexuelle-belaestigung-im-medizinstudium-drei-von-vier-frauen-im-pj-betroffen-1513585.html

Anonyme Meldestelle der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): https://www.bvmd.de/gleichstellung/

Beratungsstelle für Beschäftigte des UKW: https://www.ukw.de/zentrale-einrichtungen-und-service-einrichtungen/beratungsstelle-fuer-beschaeftigte-des-ukw/schaedigendes-verhalten/

Webseite der Universität Würzburg um Sexismus in der Medizinischen Lehre: https://www.med.uni-wuerzburg.de/fachschaft/infos-und-angebote/sexismus-in-der-medizinischen-lehre/
 

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation am UKW 

Porträtbild von Sabine Drossard - sie trägt Haare zurück, dunkle Brille und weißen Kittel
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am UKW, untersuchte gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie. © Daniela Zeisel / UKW

Wie aussagekräftig und fair sind VR-Prüfungen?

Würzburger Arbeitsgruppe „VR-Simulation im Medizinstudium“ veröffentlicht neue Erkenntnisse aus zwei Studien zu VR-Prüfungen in hochrangigen Fachzeitschriften für Digital Health

Großaufnahme des Anwenders mit VR-Brille und Hand mit Controller
Die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, kann die klinische Beurteilung in der virtuellen Realität verzerren. © Liam König / UKW
VR-Situation aus Sicht des Anwenders: links im Bildrand die VR-Brille und in der Mitte des Bildes die Hand des Anwenders mit VR-Gerät - im Hintergrund die virtuelle Welt mit Patient und Geräten
Durch immersive Simulationen ermöglicht die virtuelle Realität eine realitätsnahe, standardisierte und reproduzierbare Vermittlung klinisch-praktischer Kompetenzen. © Tobias Mühling / UKW

Würzburg. Anwendungen in der virtuellen Realität (VR) gelten als vielversprechende Innovation für die medizinische Ausbildung. Insbesondere für Prüfungen zu klinisch-praktischen Kompetenzen erscheinen sogenannte immersive Simulationen attraktiv: Durch das Eintauchen in eine digitale Welt, in der die Anwenderinnen und Anwender ihre Handlungen selbst bestimmen müssen, lassen sich komplexe Notfallszenarien standardisiert abbilden. Abläufe sind reproduzierbar, und die Prüfungsbedingungen können für alle Teilnehmenden identisch gestaltet werden.

Zwei aktuelle Studien der Arbeitsgruppe VR-Simulation im Medizinstudium am Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung (IMLA) des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) zeigen jedoch, dass VR-basierte Prüfungsformate derzeit möglicherweise nicht uneingeschränkt einsetzbar sind. Die Ergebnisse wurden in den renommierten Fachzeitschriften npj Digital Medicine, ein Journal des Nature-Portfolios, und JMIR Medical Education veröffentlicht.

Immersive Kompetenz beeinflusst Prüfungsleistung

In den Studien wurde der Frage nachgegangen, inwiefern die medizinische Prüfungsleistung in VR-Szenarien durch die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, beeinflusst wird. Diese Fähigkeit wird unter anderem durch Vorerfahrungen mit 3D- und VR-Anwendungen geprägt. Dadurch könnten Studierende mit intensiver Gaming-Erfahrung einen Leistungsvorteil haben.

Die im JMIR veröffentlichte erste Arbeit schuf dafür die methodische Grundlage: Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Mensch-Computer Interaktion der Universität Würzburg wurde erstmals ein Instrument entwickelt und erprobt, mit dem sich die immersive Kompetenz direkt innerhalb einer VR-Anwendung erfassen lässt. 

In der darauf aufbauenden, randomisiert-kontrollierten Studie wurde die immersive Kompetenz bei einem Teil der Prüflinge gezielt trainiert. Die trainierte Gruppe erzielte anschließend signifikant bessere medizinische Ergebnisse in einem VR-Notfallszenario als die nicht trainierte Kontrollgruppe. 

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass VR-Prüfungen nicht nur medizinisches Wissen und klinisches Handeln, sondern auch den Umgang mit der Technologie selbst messen“, erklärt Jan Schaal, Erstautor der Validierungsstudie und Doktorand am IMLA. „Damit entsteht die Gefahr, dass digitale Vorerfahrung unbeabsichtigt zu einem Vorteil wird – unabhängig vom eigentlichen Leistungsvermögen“, ergänzt Verena Schreiner, ebenfalls Doktorandin und Erstautorin der methodenzentrierten Studie.

Training allein gleicht Unterschiede nicht automatisch aus

Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft vorbereitende VR-Tutorials. Solche Trainings sollen eigentlich gleiche Ausgangsbedingungen schaffen. Die Würzburger Daten legen jedoch nahe, dass die derzeit üblichen Einführungen möglicherweise nicht ausreichen, um bestehende Unterschiede vollständig auszugleichen. In bestimmten Konstellationen könnten die Trainings anfängliche Leistungsunterschiede sogar verstärken statt reduzieren.

Konsequenzen für die digitale Transformation der Lehre

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Einsatz von VR in zukünftigen Prüfungen sorgfältig vorbereitet und überwacht werden muss. Entscheidend sind ein intuitives und zugängliches Design von VR-Hardware und -Software, gezielte Trainings zur Entwicklung immersiver Kompetenz sowie eine sorgfältige wissenschaftliche Prüfung von Aussagekraft und Fairness, bevor Ergebnisse über das Weiterkommen im Studium entscheiden.

„VR bietet enormes Potenzial für die medizinische Ausbildung – aber wir müssen sehr genau untersuchen, was wir eigentlich messen“, betont Dr. Tobias Mühling, Arbeitsgruppenleiter und Letztautor der Studien. „Wenn VR in Zukunft auch in benoteten Prüfungen über den Studienfortgang entscheiden soll, müssen die Ergebnisse zuverlässig sein und für alle Studierenden die gleichen Chancen bieten“, ergänzt die Institutsleitung Prof. Dr. Sarah König.

 

Publikationen:

Schreiner V, Backhaus J, Lindner M, Heinisch M, König S, Oberdörfer S, Mühling T. Specific Immersive Competence in VR-Based Medical Assessments: Development and Exploratory Evaluation of an In-Situ Measurement Approach. JMIR Medical Education. 24/02/2026:82136 (forthcoming/in press). DOI: 10.2196/82136 URL: https://preprints.jmir.org/preprint/82136

Schaal, J., Leutritz, T., Lindner, M. et al. Immersive competence as a source of bias in virtual reality clinical assessment. npj Digit. Med. (2026). https://doi.org/10.1038/s41746-026-02482-z

Großaufnahme des Anwenders mit VR-Brille und Hand mit Controller
Die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, kann die klinische Beurteilung in der virtuellen Realität verzerren. © Liam König / UKW
VR-Situation aus Sicht des Anwenders: links im Bildrand die VR-Brille und in der Mitte des Bildes die Hand des Anwenders mit VR-Gerät - im Hintergrund die virtuelle Welt mit Patient und Geräten
Durch immersive Simulationen ermöglicht die virtuelle Realität eine realitätsnahe, standardisierte und reproduzierbare Vermittlung klinisch-praktischer Kompetenzen. © Tobias Mühling / UKW

Israelische Medizinstudentinnen waren am Uniklinikum Würzburg zu Gast

In den ersten Wochen dieses Jahres sammelten fünf Studentinnen der Technion-Universität in Haifa praktische Erfahrungen am Uniklinikum Würzburg. Für die Zukunft ist geplant, nicht nur den Austausch in der Lehre, sondern auch die wissenschaftliche Kooperation der Würzburger Universitätsmedizin mit der renommierten Technischen Universität Israels auszubauen.

 

Israelische Medizinstudentinnen sowie zwei Medizinstudentinnen aus Japan mit Prodekan, ehemaliger Prodekan und Vertreterin aus der Medizinischen Fakultät.
Von links: Prof. Dr. Andreas Buck (Prodekan für Internationale Angelegenheiten), Adi Goldring, Noa Arbel, Romi Gleicher und Alma Barry (alle vier Technion-Universität, Haifa), Prof. Dr. Jürgen Deckert (Seniorprofessor, ehem. Prodekan für Internationale Angelegenheiten), Lee Kaniel (Technion-Universität, Haifa) sowie Barbara Moll (Medizinische Fakultät). In der ersten Reihe kniend: Yuka Yamazato und Mizuki Sakimoto, zwei Medizinstudentinnen aus Japan, die zeitgleich im Rahmen des Nagasaki-Würzburg-Austauschs in der unterfränkischen Universitätsstadt sind. © Andreas Buck / UKW

Würzburg. Adi, Alma, Lee, Noa und Romi – so heißen fünf Medizinstudentinnen der israelischen Technion-Universität, die ab Anfang Januar dieses Jahres am Uniklinikum Würzburg (UKW) eine sechswöchige Ausbildung absolvierten. An ihrer Heimatuniversität in der Hafenstadt Haifa sind sie im sechsten und damit letzten Studienjahr. „Ziel ihres Aufenthalts in Würzburg war es, ihr bis dato erlerntes Wissen zu vertiefen und anzuwenden – ähnlich wie im deutschen Praktischen Jahr“, schildert Prof. Dr. Andreas Buck. Der Direktor der Nuklearmedizinischen Klinik des UKW ist seit 2023 Prodekan für Internationale Angelegenheiten der Medizinischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Die Studentinnen waren am UKW in der Dermatologie, der Gynäkologie, der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, der Augenheilkunde, der Transplantationschirurgie und der Psychiatrie tätig. 

„Das Feedback der Nachwuchsmedizinerinnen zum Lehrangebot ist ausgezeichnet“, freut sich Andreas Buck und fährt fort: „Außerdem lobten sie den freundlichen Kontakt zur Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, die unsere Gäste in das Gemeindeleben einbezog.“

Wiederaufnahme von früheren Kontakten

Angestoßen wurden die Kooperationsideen der Würzburger Universitätsmedizin mit der Technion-Universität schon vor einigen Jahren von Prof. Dr. Jürgen Deckert, dem Vorgänger von Andreas Buck als Prodekan für Internationale Angelegenheiten. „Bedingt durch die Corona-Pandemie ist der Kontakt dann aber leider wieder abgebrochen“, berichtet der ehemalige Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am UKW. Umso mehr sei er jetzt als Seniorprofessor froh und dankbar, dass 80 Jahre nach dem Holocaust sowohl der studentische Austausch als auch die wissenschaftliche Kooperation möglich sind und mit neuem Elan vorangetrieben werden. Und Prof. Buck kommentiert: „Die Technion-Universität ist eine exzellente, technisch ausgerichtete Bildungs- und Forschungseinrichtung, die geeignet ist, das Portfolio der Würzburger Universitätsmedizin in vielerlei Hinsicht zu bereichern. Aktuell laufen als nächster wichtiger Schritt die Abstimmungen zu wechselseitigen Besuchen der jeweiligen Medizinischen Fakultäten.“

Der Austausch ergänzt die bereits seit längerem bestehenden Austauschprogramme mit Universitäten vor allem in Nagasaki/Japan und Mwanza/Tansania, aber auch anderen Universitäten weltweit.

Text: Pressestelle / UKW
 

Israelische Medizinstudentinnen sowie zwei Medizinstudentinnen aus Japan mit Prodekan, ehemaliger Prodekan und Vertreterin aus der Medizinischen Fakultät.
Von links: Prof. Dr. Andreas Buck (Prodekan für Internationale Angelegenheiten), Adi Goldring, Noa Arbel, Romi Gleicher und Alma Barry (alle vier Technion-Universität, Haifa), Prof. Dr. Jürgen Deckert (Seniorprofessor, ehem. Prodekan für Internationale Angelegenheiten), Lee Kaniel (Technion-Universität, Haifa) sowie Barbara Moll (Medizinische Fakultät). In der ersten Reihe kniend: Yuka Yamazato und Mizuki Sakimoto, zwei Medizinstudentinnen aus Japan, die zeitgleich im Rahmen des Nagasaki-Würzburg-Austauschs in der unterfränkischen Universitätsstadt sind. © Andreas Buck / UKW

KIPS: KI-basierte Patientensimulation in der Lehre

Universitätsklinikum Würzburg startet mit KIPS ein Leuchtturmprojekt

Collage einer Gesprächssituation- links ein Student, rechts die Ansicht des Monitors mit KI-Patient und Benutzeroberfläche mit Gesprächsstruktur und digitalen Unterstützungsmöglichkeiten.
Im Projekt KIPS führen Studierende die Gespräche vor einem PC, Tablet oder Smartphone mit virtuellen Patientinnen und Patienten, die den Eindruck erwecken, per Video zugeschaltet zu sein. © Projekt KIPS / Alexander Zamzow

Das Universitätsklinikum Würzburg (UKW) festigt seine Position als Innovationstreiber in der medizinischen Ausbildung und startet das Projekt „KIPS” (KI-basierte Patientensimulation). In einer multizentrischen Kooperation zwischen dem Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung am UKW, der Technischen Universität München (TUM) am Campus Heilbronn sowie Experten für medizinische KI vom Inselspital Bern (Schweiz) wird eine skalierbare Trainingsplattform auf Basis von Large Language Models (LLMs) entwickelt. Mit KIPS sollen Studierende die Gelegenheit erhalten, ihre Kommunikationsfertigkeiten zu trainieren und gleichzeitig die klinische Entscheidungsfindung schulen. 

Würzburg / Heilbronn / Bern. Simulierte Patientengespräche sind ein fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung. Dabei schlüpfen Schauspielpersonen die Rolle von Patientinnen und Patienten und führen Konsultationsgespräche mit Medizinstudierenden. Neben der medizinischen Gesprächsführung lernen die Studierenden, Empathie zu zeigen, aktiv zuzuhören und nonverbale Signale zu deuten. Sie üben, auf unterschiedliche Persönlichkeiten, Emotionen und kulturelle Hintergründe einzugehen, und lernen, schwierige Situationen wie das Überbringen schlechter Nachrichten, Unsicherheit oder Konflikte professionell zu bewältigen. Zudem erhalten sie strukturiertes Feedback, das ihnen hilft, ihr eigenes Auftreten zu reflektieren und kontinuierlich zu verbessern. Das Training mit menschlichen Schauspielenden ist jedoch kostenintensiv und schwer skalierbar.

Vom Hackathon zum Forschungsprojekt

Das Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung am UKW stellte sich deshalb die Frage: „Kann KI das Arzt-Patienten-Gespräch trainieren?” Hacker, die sich im März 2025 zum zweiten Healthcare-Hackathon in Würzburg versammelten, suchten nach einer Antwort. Innerhalb von 24 Stunden entwickelte ein interdisziplinäres Team im Zentrum für Digitale Innovationen (ZDI) einen Proof of Concept, der das Potenzial generativer KI für die medizinische Gesprächsführung aufzeigte. Mithilfe fortgeschrittener Methoden der Spracherkennung und -wiedergabe sowie eines speziell modifizierten Large Language Models (LLM) kam man einem Arzt-Patienten-Gespräch auf der verbalen Ebene bereits sehr nahe. Das formalisierte Projekt KIPS (KI-basierte Patientensimulation) überführt diesen Prototypen nun in eine wissenschaftlich validierte Lehranwendung zur systematischen Vermittlung ärztlicher Gesprächsführung. 

Simulation in der medizinischen Ausbildung braucht neue Ideen und moderne Werkzeuge. Dass Studierende mit virtuellen Patientinnen und Patienten echte Gespräche führen können, war bislang nicht möglich. Genau hier setzt unser Projekt an“, sagt Prof. Dr. Sarah König, Leiterin des Instituts für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung.

Objektives, metrikbasiertes Feedback zu Empathie, fachlicher Korrektheit und Gesprächsstruktur ist Alleinstellungsmerkmal

Ein Large Language Model (LLM) ist ein System der künstlichen Intelligenz, das darauf trainiert ist, Sprache zu verstehen, zu verarbeiten und zu erzeugen. Im Rahmen von KIPS kann es daher realistische Arzt-Patienten-Dialoge in Echtzeit simulieren. Die KI übernimmt dabei die Rolle des Patienten, reagiert auf verbale Eingaben der Studierenden und generiert anschließend ein objektives, metrikbasiertes Feedback zu Empathie, fachlicher Korrektheit und Gesprächsstruktur. Dies ist ein Alleinstellungsmerkmal. 

Neu ist zudem der longitudinale Aufbau: Studierende können die virtuellen Patienten innerhalb eines stationären Aufenthaltes über mehrere Visiten hinweg begleiten und die Auswirkungen von Maßnahmen, wie etwa die Anordnung eines neuen Medikaments, erkennen und reflektieren. 

„Bei KIPS geht es nicht darum, Gespräche mit (Schauspiel-)Patienten in der medizinischen Ausbildung zu ersetzen – diese werden immer die wichtigste Säule des Anamnesetrainings bleiben. Wir wollen jedoch aufzeigen, welche zusätzlichen Möglichkeiten die Technologie bietet, insbesondere in Bezug auf Skalierbarkeit, strukturiertes Gesprächsfeedback und das Bewusstsein für die Auswirkungen des eigenen Handelns“, erklärt Alexander Zamzow, ärztlicher Projektleiter „KIPS“ an der Lehrklinik Würzburg, die didaktische Innovation. 

Erweiterung des Trainingsangebots für zusätzliche Berufsgruppen

Die Relevanz kompetenter Gesprächsführung erstreckt sich jedoch nicht nur auf die ärztliche Tätigkeit, sondern auf alle akademischen und nicht-akademischen Gesundheits- und Heilberufe. Daher ist im weiteren Projektverlauf eine Erweiterung des Trainingsangebots für zusätzliche Berufsgruppen vorgesehen. So soll das System beispielsweise an die Bedürfnisse der Hebammenwissenschaft angepasst werden, um auch in diesem Bereich frühzeitig interprofessionelle Synergien zu entwickeln.

Maßgebliche Förderung durch die Vogel-Stiftung Dr. Eckernkamp

Die Realisierung dieses zukunftsweisenden Vorhabens am Standort Würzburg wird durch eine Förderung der Vogel-Stiftung Dr. Eckernkamp ermöglicht. „Wir unterstützen die wirkungsvolle Nutzung von KI in der medizinischen Anwendung und allen voran in der Ausbildung, weil wir hier sehr große Chancen sehen, schnell und flächendeckend erhebliche Fortschritte umzusetzen. Gerade KIPS ist ein Paradebeispiel für Geschwindigkeit und kompetente Innovation“, erläutert Dr. Gunther Schunk, Vorstandsvorsitzender der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp. Parallel dazu wird der Projektarm am Campus Heilbronn durch den TUM Incentive Fund gefördert. Diese Unterstützung unterstreicht die Relevanz des Projekts für die ärztliche Qualifizierung über die Region hinaus. Im Januar 2026 startete das Projekt mit der Weiterentwicklung des Prototypen, gefolgt von einer Pilotstudie zur Evaluation der Nutzbarkeit und des Trainingserfolgs im Herbst 2026.

Collage einer Gesprächssituation- links ein Student, rechts die Ansicht des Monitors mit KI-Patient und Benutzeroberfläche mit Gesprächsstruktur und digitalen Unterstützungsmöglichkeiten.
Im Projekt KIPS führen Studierende die Gespräche vor einem PC, Tablet oder Smartphone mit virtuellen Patientinnen und Patienten, die den Eindruck erwecken, per Video zugeschaltet zu sein. © Projekt KIPS / Alexander Zamzow

Premiere am UKW: Interprofessionelle Ausbildungsstation „WIPSTA“ stärkt Zusammenarbeit von Pflege und Medizin

UNIVERSITÄTSKLINIKUM SETZT DEUTLICHES ZEICHEN FÜR INTERPROFESSIONELLES LEHREN UND LERNEN

Pflegeazubis und Medizinstudierende sprechen an einem Visitenwagen
Vom 23. Februar bis zum 5. März 2026 versorgen Pflegeauszubildende und Medizinstudierende erstmals gemeinsam und weitgehend eigenständig Patientinnen und Patienten auf der Würzburger Interprofessionellen Ausbildungsstation (WIPSTA). © Marc Abraham, UKW

Gemeinsam Verantwortung übernehmen, das Gelernte in einem realistischen Umfeld umsetzen und voneinander profitieren, das sind die Ziele von „WIPSTA“, der neuen interprofessionellen Ausbildungsstation am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Vom 23. Februar bis zum 5. März 2026 werden erstmals Pflegeauszubildende und Medizinstudierende gemeinsam und weitgehend eigenständig Patientinnen und Patienten auf einer viszeralchirurgischen Station versorgen.

Würzburg. Sieht die OP-Naht reizlos aus? Sollte vor der Entlassung noch ein Kontroll-Röntgen erfolgen? Ist die nachstationäre Versorgung gesichert, der Medikamentenschrank ausreichend gefüllt – und reicht das Personal für den nächsten Spätdienst? 20 Pflegeauszubildende im dritten Ausbildungsjahr und vier Medizinstudierende im Praktischen Jahr werden bald Antworten auf diese und viele weitere Fragen finden. 

Auf der Würzburger Interprofessionellen Ausbildungsstation (WIPSTA) übernehmen die angehenden Fachkräfte vom 23. Februar bis zum 5. März 2026 erstmals gemeinsam und weitgehend eigenständig die Verantwortung für die Versorgung von 26 viszeralchirurgischen Patientinnen und Patienten sowie für alle organisatorischen Aufgaben, die den Stationsalltag prägen.

WIPSTA ist ein Gemeinschaftsprojekt der Pflegedirektion, des Zentrums für Studiengangsmanagement und -entwicklung sowie der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie am UKW. Das realistische Lernumfeld fördert gemeinsames Lernen auf Augenhöhe, stärkt das Verantwortungsbewusstsein sowie die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen und verbessert die interprofessionelle Entscheidungsfähigkeit. Dadurch werden die angehenden Gesundheitsfachkräfte auf die zunehmend vernetzte Versorgungspraxis vorbereitet. „Wenn die Berufsgruppen später selbstverständlich zusammenarbeiten sollen, ist es nur folgerichtig, dass sie auch gemeinsam ausgebildet werden, also miteinander und voneinander lernen,“ betont Prof. Sarah König, Studiendekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg.

Die Lernenden erleben, wie sich interprofessionelles Handeln positiv auf die Versorgungsqualität sowie die Zufriedenheit im Team und bei den Patientinnen und Patienten auswirkt. „Für unsere Pflegeauszubildenden ist es etwas ganz Besonderes, eine Station eigenverantwortlich zu führen. Gemeinsam mit den Medizinstudierenden erleben sie hautnah, wie wichtig gute Abstimmung und gegenseitiges Vertrauen im Alltag sind,“ sagt Rainer Janotta, Klinikpflegedienstleitung am UKW. 

Intensive Vorbereitung auf den Praxiseinsatz

Bevor die Pflegeauszubildenden und Medizinstudierenden die Station in der Viszeralchirurgie übernehmen, durchlaufen sie gemeinsam eine dreitägige Vorbereitungsphase. Dabei trainieren sie zentrale Aufgaben wie Wund- und Stomaversorgung, klinische Dokumentation, Medikationsmanagement, Visitenführung sowie strukturierte Übergaben. Praktische Fertigkeiten werden an Simulatoren und Modellen eingeübt, während die Teamkoordination und Kommunikation in Rollenspielen trainiert wird.

Eine anschließende Einarbeitungswoche dient dem Kennenlernen der Stationsabläufe. Danach tragen die Teilnehmenden zwei Wochen lang Verantwortung für die gesamte Organisation, Dokumentation und Patientenversorgung. Dabei gibt es eng geknüpfte Sicherheitsnetze.

Höchste Patientensicherheit ist gewährleistet

Dem neuen Stationsteam steht während des gesamten Projekts fachkundige Unterstützung zur Seite. Erfahrene Pflegefachpersonen, Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter, Lehrbeauftragte sowie Ärztinnen und Ärzte unterstützen das Team im Hintergrund. Sie begleiten die Arbeit kontinuierlich, greifen bei Bedarf unterstützend ein, fördern Reflexion und geben gezielte Rückmeldungen. 

Zum Abschluss des Projekts ziehen alle Beteiligten gemeinsam Bilanz, identifizieren Herausforderungen und entwickeln Impulse für die Weiterentwicklung von WIPSTA.

Von Anfang an gemeinsam arbeiten

Mit WIPSTA setzt das UKW ein deutliches Zeichen für eine zukunftsorientierte und teamorientierte Ausbildung. Das Projekt knüpft an das am UKW etablierte Format „Pflegeauszubildende leiten eine Station“ an und erweitert es gezielt um die ärztliche Perspektive. Die interprofessionelle Ausbildungsstation schließt somit eine wichtige Lücke zwischen pflegerischer und ärztlicher Ausbildung und leistet einen Beitrag zur Entwicklung einer modernen, patientenzentrierten Gesundheitsversorgung. 

Faszination der Chirurgie hautnah erleben

Erste Würzburger „Winter School for Surgery“ für Studierende der Humanmedizin vom 2. bis 5. März 2026

4 Fachkräfte in OP-Kluft mit Kittel, Haube und Mundschutz stehen am Operationstisch und behandeln einen Patienten
Die „Cutting Edge“ Winter School for Surgery bietet vom 2. bis 6. März am Uniklinikum Würzburg (UKW) Studierenden der Humanmedizin die Möglichkeit, die faszinierende Welt der Chirurgie und modernste Operationstechniken hautnah zu erleben. Foto: Pastyrik / UKW

Teamarbeit unter Hochspannung, High-Tech-Medizin trifft auf menschliche Grenzsituationen – kein Operationstag ist wie der andere, selbst Routineeingriffe bleiben anspruchsvoll und man sieht sofort, was man bewirkt hat. Solche Aussagen fallen immer wieder, wenn Chirurginnen und Chirurgen ihre Fachrichtung begründen. Chirurgie bedeutet entscheiden, handeln und Verantwortung übernehmen – oft innerhalb weniger Sekunden. Genau diese Unmittelbarkeit, die Verbindung von medizinischem Wissen, handwerklicher Präzision und intensiver Teamarbeit, macht die Chirurgie für viele Ärztinnen und Ärzte so faszinierend. 

„Cutting Edge“ Winter School for Surgery mit spannenden Vorträgen und praxisnahen Workshops  

Die „Cutting Edge“ Winter School for Surgery am Uniklinikum Würzburg (UKW) bietet Studierenden der Humanmedizin aus ganz Deutschland erstmals die Möglichkeit, dieses besondere Fachgebiet nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern auch die faszinierende Welt der Chirurgie und modernste Operationstechniken hautnah zu erleben sowie mit erfahrenen Chirurginnen und Chirurgen ins Gespräch zu kommen.

Vom 2. bis 5. März 2026 gibt es auf dem Campus und in den Kliniken neben spannenden Vorträgen und praxisnahen Workshops auch intensive Hands-on-Übungen unter Anleitung erfahrener Expertinnen und Experten. Auf dem Programm stehen unter anderem Nahttechniken und Knotenkunde, praktische Übungen an Modellen zur minimalinvasiven Chirurgie und Robotik. In Impulsvorträgen werden renommierte Chirurginnen und Chirurgen aus dem gesamten Bundesgebiet von ihren Erfahrungen berichten und Wege in die Chirurgie aufzeigen. Neben den Expertinnen und Experten stehen auch Fachkräfte in verschiedenen Ausbildungsstadien für einen Austausch zur Verfügung. 

Bewerbung um eine Teilnahme 

Interessierte vor dem Praktischen Jahr sollten bis zum 15.02.2026 - am besten so schnell wie möglich - einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben an folgende E-Mail-Adresse senden: CuttingEdge@ ukw.de. Es stehen 20 Plätze zur Verfügung.

Zur Webseite: https://www.ukw.de/chirurgie-i/winter-school/

4 Fachkräfte in OP-Kluft mit Kittel, Haube und Mundschutz stehen am Operationstisch und behandeln einen Patienten
Die „Cutting Edge“ Winter School for Surgery bietet vom 2. bis 6. März am Uniklinikum Würzburg (UKW) Studierenden der Humanmedizin die Möglichkeit, die faszinierende Welt der Chirurgie und modernste Operationstechniken hautnah zu erleben. Foto: Pastyrik / UKW