
Prof. Dr. med. Stefanie Hölscher-Doht

Universitätsprofessorin für Translationale Traumatologie und Biomechanik an der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie
Stefanie Hölscher-Doht wurde 1981 in Düsseldorf geboren. Sie wuchs im Rheinland, im Bergischen Land und im Münsterland auf und studierte Humanmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nach ihrer Promotion im Biomechanischen Forschungslabor des Uniklinikums Münster kam sie 2007 nach Würzburg, wo sie ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie absolvierte. Ihre klinischen Schwerpunkte sind Fuß- und Sprunggelenkschirurgie sowie die Handchirurgie. Im Jahr 2015 habilitierte sie sich im Fach Unfallchirurgie. 2021 erhielt sie die W2-Professur für Translationale Traumatologie und Biomechanik. Stefanie Hölscher-Doht ist Prodekanin für die Nachwuchsförderung, Mitglied im Vorstand der Medizinischen Fakultät und im Vorstand des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF). Darüber hinaus ist sie die erste Ärztin im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Biomechanik. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Zell am Main nahe Würzburg.
Ihr Vater ist ebenfalls Unfallchirurg. Sind Sie bewusst in seine Fußstapfen getreten?
Nein gar nicht. Wobei ich es schon faszinierend fand, wie mein Vater in seinem Beruf mit Leib und Seele aufgegangen ist. Auf der anderen Seite habe ich gesehen, was der Beruf von ihm und uns, der Familie, fordert.
Was wollten Sie stattdessen werden?
Die Naturwissenschaften hatten mich schon immer interessiert. Also bewarb ich mich für den Studiengang Molekulare Medizin in Erlangen. Da die Anzahl der Studienplätze begrenzt war, bewarb ich mich zusätzlich für Humanmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Von Münster erhielt ich zuerst den Zuschlag, begann das Studium der Humanmedizin und habe es bis heute nicht bereut. Das Medizinstudium hat mir viele neue Möglichkeiten eröffnet. Ich kann mich mit meinem eigenen Labor forschungsmäßig mehr als verwirklichen. Gleichzeitig kann ich klinisch tätig sein.
Warum sind Sie trotz der Vorbehalte und Warnungen Unfallchirurgin geworden?
Während meines Studiums haben mir die Präparationen unfassbar viel Spaß gemacht. Vor allem das feine Präparieren im handchirurgischen Bereich. Im Präp-Kurs war meine Aufgabe die Hohlhand, also die Handinnenfläche. Sie zählt mit all ihren Sehnen, Nerven, Gefäßen und Muskeln in der Chirurgie zu den anatomisch sehr anspruchsvollen Operationsgebieten. Das war der Schlüsselmoment. Dann hatte ich die Gelegenheit, bei unserem jetzigen Klinikdirektor, Prof. Dr. Rainer Meffert, der damals leitender Oberarzt in Münster war, zu promovieren.
Zu welchem Thema haben Sie promoviert?
Professor Meffert hatte mir eine Promotion im Labor für Biomechanik angeboten. In meiner Promotion habe ich an der Entwicklung eines Prototyps für winkelstabile Implantate bei Mittelhandfrakturen gearbeitet. Ich habe ein neues Modell entwickelt und dieses im Vergleich zum bisherigen Standard getestet. Mit Erfolg. Anschließend durfte ich meine Promotionsarbeit ins nächste Forschungsprojekt überführen.

Sie wollten aber auch mal Gynäkologin werden.
Mein praktisches Jahr absolvierte ich in der Gynäkologie in Basel. Das Fachgebiet fand ich richtig toll. Man bot mir sogar eine Stelle an. Doch es gab Verwaltungsschwierigkeiten. Vielleicht war ich zu der Zeit ein bisschen zu zielstrebig oder zu ungeduldig. Daher nahm ich das Angebot meines Doktorvaters an. Professor Meffert war in der Zwischenzeit ja nach Würzburg berufen worden und hatte all seinen Doktorandinnen und Doktoranden angeboten, sich bei der Jobsuche bei ihm zu melden.
Haben Sie gezielt eine Karriere im Universitätsklinikum angestrebt?
Nein, aber ich wollte mir möglichst viele Optionen offenhalten. Wenn man sich von einem großen Haus aus wegbewirbt, sind die Chancen meist größer als bei einer peripheren Klinik. Außerdem liebe ich Herausforderungen und bin daher an einem Universitätsklinikum genau richtig. Standard reizt mich nicht so sehr wie diese Puzzles aus tausend Teilen. Wenn ich im OP stehe, zunächst denke, dass ich eigentlich schon verloren habe, aber gleichzeitig weiß, dass ich es nur besser machen kann, indem ich das Beste heraushole, und es dann auch noch funktioniert, ist das einfach nur cool.
Wie war Ihr erster Eindruck von Würzburg?
Gar nicht schlecht. Die Stadt hat einen Fluss, eine tolle Brücke mit Weinausschank und eine moderne Klinik. Das Zentrum für Operative Medizin war damals erst drei Jahre alt und somit hochmodern im Vergleich zu manch anderen Altgebäuden, die ich kennengelernt hatte. Zudem befand sich die Chirurgie II noch im Aufbau. Denn erst mit Professor Meffert hat sich die Unfallchirurgie von der allgemeinen Chirurgie abgespalten. Ich wurde gleich mit vier Doktoranden und der Notaufnahme, die ich zu betreuen hatte, sowie dem Aufbau des Biomechanik-Labors ins kalte Wasser geworfen.
Das klingt nach einer großen Herausforderung.
Ja. Aber es war auch eine große Chance. Denn Professor Meffert hatte bei seiner Berufung hervorragende Geräte beschafft, zahlreiche Projekte initiiert und die entsprechenden Gelder eingeworben. Und dann kam später noch Professor Torsten Blunk als Leiter der unfallchirurgischen Forschung hinzu. Er konzentrierte sich auf den Bereich Tissue-Engineering. Durch ihn und seine Impulse habe ich unglaublich profitiert und mich wissenschaftlich sehr weiterentwickelt.
Wie groß ist Ihr Forschungsteam?
Hanna hat sich gerade vorgestellt. Zum aktuellen Team gehört Lasse Weigand, mein ehemaliger Doktorand, der jetzt bei uns Assistenzart ist. Sophia Scheible, Benjamin Liebrand und Vincent Borre sind noch dabei. Im Grunde werde ich überwiegend von Humanmedizinern in ihrer Freizeit unterstützt. Ich bin sehr froh, dass sie so motiviert sind, obwohl sie kaum Kapazitäten haben. Die Projektplanung und Finanzierung der Leute liegen bei mir.
Mit welchen Materialien arbeiten Sie in Ihrer Forschung?
Wir verwenden bei unseren Testmodellen hauptsächlich Schweineknochen. Diese erhalten wir vom Schlachthof als Schlachtabfall. Wir frieren sie ein und tauen sie bei Bedarf auf. Mit den Knochen können wir zum Beispiel in unseren Materialprüfmaschinen hochstandardisierte Modelle entwickeln, bei denen die Frakturen immer exakt gleich sind.
Ihre Maschinen können aber nicht nur Knochen brechen, sondern auch Modelle testen.
Genau. Ich kann unsere Materialprüfmaschinen so programmieren, dass sie an bestimmten Stellen Druck-, Zug- oder Torsionskräfte aufbringen. Bei diesem Hüftkopf fräsen wir beispielsweise einen Zylinder heraus, befestigen eine Schraube darin, kleben den Zylinder wieder hinein und testen die Festigkeit der verschiedenen Kleber durch kontinuierlichen Zug.
Ganz besonders freue ich mich darüber, dass wir mithilfe von Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nun das absolute High-End-Modell finanzieren konnten. Die Materialprüfmaschine verfügt über den größten Prüfraum. Wir können ganze Beine einspannen und testen. Das Gegenstück ist unsere Tisch-Zwicki, mit dem wir kleine Prüfkörper wie zum Beispiel bei reinen Materialprüfungen von Knochenzementen oder bei Schraubenausrissversuchen testen.
Außerdem gehören zu unserer Ausstattung 3D-Drucker, mit denen wir unsere Versuchsvorrichtungen drucken. Und dann gibt es noch ein tolles optisches System, mit dem wir Bilder vom Versuchsaufbau machen können, um beispielsweise kleinere Mikrobewegungen zu analysieren. Inzwischen haben wir also ein richtig cooles Labor.
Die Biomechanik ist inzwischen hoch spezialisiert. Das heißt, Sie können gar nicht alles abdecken. Wo liegt Ihr Schwerpunkt?
Einige bearbeiten tatsächlich nur einen winzigen Teilbereich, zum Beispiel den Abrieb bei Hüftprothesen. Mein Bereich, die Traumaforschung, ist etwas weiter gefasst. Ich erforsche vornehmlich die Versorgung von Frakturen.
Auf welche Ihrer Forschungsprojekte sind Sie besonders stolz?
Es ist besonders faszinierend, wenn Forschungsergebnisse direkt in die Klinik übertragen werden. Davon gibt es einige. Ein Beispiel ist die Schienbeinkopf-Impressionsfraktur. Für diese Verletzung haben wir im Labor eine Operationsmethode entwickelt, die biomechanisch deutlich stabiler ist. Durch die geänderte Reihenfolge von Knochenersatzmaterial und Verschraubung lässt sich der Repositionsverlust und das spätere Einsinken des Schienbeinplateaus deutlich reduzieren.
Wie ist Ihre Aufteilung? Was nimmt den größeren Teil Ihrer Arbeit ein – die Klinik oder die Forschung?
Der klinische Teil macht etwa 60 Prozent meiner offiziellen Arbeit aus. Der Rest ist Forschung. Insgesamt widme ich der Arbeit etwa zwölf Stunden am Tag.
Sie haben eine Tochter im Grundschulalter. Wie war die Zeit, in der Sie junge Mutter, Klinikerin und Forscherin waren?
Am Anfang war es nicht einfach. Mein Mann ist Elektroingenieur und wir hatten aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung, auch nach der Geburt. Er wechselte zwar nach Schweinfurt, als unsere Tochter acht Monate alt war, konnte aber nicht sofort in Elternzeit gehen. Somit war ich ein ganzes Jahr in Elternzeit. Und ganz ehrlich: ausschließlich Mutter zu sein, das war nichts für mich. Ich wollte und musste mich zudem recht früh wieder um meine Forschungsprojekte kümmern. Gerade bei geförderten Projekten muss man schließlich auch liefern.
Wie vereinbaren Sie heute Beruf und Familie?
Wir haben eine Vereinbarung: Derjenige, der abends noch stehen und irgendwas machen kann, der macht auch irgendwas. Wenn nicht alles auf- und weggeräumt ist, ist das egal. Ich muss zugeben, dass mein Mann unglaublich viel im Haushalt macht, obwohl er ebenfalls Vollzeit arbeitet.

Ihr Vater hat Sie gewarnt, als Frau Unfallchirurgin zu werden. Was sagen Sie heute zu dieser Warnung.
Zunächst einmal muss ich sagen: Die Chirurgie ist ein tolles Fach. Sie ist hochinteressant und bietet viele Möglichkeiten, sich zu spezialisieren. Ich gehe oft unglaublich glücklich und zufrieden nach Hause, weil ich Menschen helfen konnte, indem ich mich voll und ganz für jeden einzelnen eingesetzt habe. Wenn diese Patientinnen und Patienten später in die Sprechstunde kommen und glücklich und dankbar sind, dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.
Andererseits war und ist es nicht leicht, sich als Frau und Mutter in der Chirurgie zu behaupten. Dafür braucht es viel Kraft und Durchhaltevermögen. Das größte Machtinstrument in der Chirurgie ist der OP-Plan. Mit dem musst du klarkommen. Dann musst du auf die Lücke warten, die frei wird, um auf der Karriereleiter eine Stufe höher zu klettern.
Wo war Ihre Lücke?
Sie tat sich auf, als Sönke Frey, ein guter Freund, mir seine Mittwochs-Fußsprechstunde anbot. So entdeckte ich die Fußtraumatologie für mich, wodurch sich ganz neue Spezialisierungsmöglichkeiten eröffneten. Denn in Deutschland gibt es gar nicht so viele, die sich darauf spezialisiert haben. Ähnlich war es mit der Hand-Mikrochirurgie, bei der ich Lücken im Hintergrundbereich ausfüllen durfte.
Inzwischen sind Ihnen viele Frauen gefolgt. In der Unfallchirurgie gibt es sogar drei Oberärztinnen: neben Ihnen noch Mila Paul und Eva Kupczyk.
Ja, das ist großartig. Mila Paul ist geschäftsführende Oberärztin und eine gute Freundin, mit der ich mir ein Arbeitszimmer teile. Eva, Mila und ich arbeiten eng zusammen. Ich kann mich auf beide 100% verlassen. Das ist ein gutes Gefühl.
Dennoch sind wir noch weit entfernt von Chancengleichheit. Woran liegt es?
Die männlich-weiblich Stereotype sind in den Köpfen der Menschen noch viel stärker verankert, als wir denken – und das unabhängig vom Alter. Wir halten uns in diesem Aspekt für ein fortschrittliches Land. Aber das ist leider nicht der Fall. Gerade nach der Geburt meines Kindes ist mir das bewusst geworden.
Haben Sie weibliche Vorbilder?
Ich war immer auf der Suche nach einem Vorbild, bin aber nicht fündig geworden.
Was müsste ein Vorbild Ihrer Meinung nach erfüllen?
Es sollte eine Frau sein, die nicht speziell für die Interessen von Frauen, sondern für die Interessen des Teams eintritt und zu ihrer Meinung steht. Und diese auch verteidigt.

Wie bleiben Sie bei sich?
Mir hilft mein Mann bei der Reflexion. Ich halte es auch für sehr wichtig, unabhängig vom Geschlecht und Klinik-Kosmos jemanden zu haben, der einen so reflektiert, wie man gerade ist. Darüber hinaus erdet mich meine Tochter enorm. Ich bin unendlich glücklich, meine Familie zu haben und zu Hause in ein komplett anderes Leben zu treten.
Haben Sie jemals an Ihrem Beruf gezweifelt?
Ja, aber eher an den Arbeitsumständen, also den organisatorischen Strukturen. Es gibt viel zu viel Arbeit für viel zu wenige Leute. Wir benötigen viel mehr ärztliches Personal und OP-Pflegekräfte, aber auch Leute, die uns den Rücken freihalten bei vielen organisatorischen Sachen.
Sie leben jetzt seit fast 20 Jahren in Würzburg. Fühlen Sie sich als gebürtige rheinische Frohnatur in Franken wohl?
Ich fühle mich sehr, sehr wohl und heimisch. Die medizinische Fakultät mit all ihren Forschungsfeldern ist eine Top-Adresse in Deutschland und Europa. Aber auch für die Familie ist der Standort Würzburg perfekt. Es gibt zahlreiche Freizeitangebote und viele sportliche und musische Aktivitäten. Wirklich toll.
Apropos Sport und Musik: Sie hatten eine ungewöhnliche Hobbykombination.
Ich habe früher Fußball gespielt und Geige gelernt. Das war völlig konträr. Beim Fußball war ich die Verkopfte; im Orchester wurde ich ob meines anderen Hobbies komisch beäugt. Ich passte noch nie in eine Schublade.
Wie sieht es mit Auslandsaufenthalten aus?
Neben meinem PJ in Basel habe ich einige Monate im Labor für Biomechanik der Universität Wollongong in Australien geforscht. Vor meiner Promotion durfte ich dank eines Erasmus-Stipendiums ein Semester Humanmedizin in Finnland studieren. Das war eine ganz besondere Erasmus-Gruppe und eine wirklich tolle Zeit. Ich habe extra für diese Zeit Finnisch gelernt und konnte so einen finnischen Freundeskreis aufbauen. Eines Tages fand ich mich sogar im Eishockey-Outfit auf dem Eis wieder und spielte mit ehemaligen Nationalspielerinnen ein Freundschaftsspiel. Heute mache ich eher mal einen Abenteuerurlaub im Ausland. Mit der Familie habe ich mir vor Kurzem zum Beispiel meinen Traum vom Himalaya mit Trekking am Annapurna-Massiv erfüllt.
Was geben Sie heute Ihrer Tochter mit?
Meines Erachtens ist das Wichtigste, dass wir uns zu Hause Mühe geben, eine Gleichstellung von Mann und Frau leben, dass wir noch als Mensch existieren und dass ein bisschen Me-Time zum Bespiel bei sportlichen Aktivitäten völlig in Ordnung ist.
Ich versuche meiner Tochter zu vermitteln, dass man alles erreichen kann, was man möchte. Aber dass man sich auch anstrengen muss, um seine Ziele zu erreichen. Diese sollten möglichst realistisch sein. Sonst zerbricht man daran. Das Ziel, Universitätsprofessorin zu werden, ist zum Beispiel nicht sinnvoll. Dafür braucht man sehr viel Glück und die besagten Lücken. Wichtig sind die kleinen, kurzfristigen Etappen.

Sie haben drei Wünsche frei. Was wünschen Sie sich?
Dass der Tag mehr als 24 Stunden hätte. Dann hätte ich mehr Zeit für meine Familie – nicht nur für meinen Mann und meine Tochter, sondern auch für meine Eltern und meinen kleinen Bruder – und für Freundschaften.
Berufsbezogen wünsche ich mir, dass die Abläufe sowohl vom Personalschlüssel als auch von den Managementstrukturen so gut funktionieren, dass wir unsere Arbeit richtig gut machen können.
Und schließlich wünsche ich mir Gesundheit, vor allem für meine Tochter, damit sie ein gesundes und erfülltes Leben hat.