Würzburg. Von Island bis Israel und von Portugal bis zur Ukraine – die European Academy of Teachers in General Practice (EURACT) verbindet Lehrende der Allgemein- und Familienmedizin über die Grenzen der Europäischen Union hinweg. Aus mehr als 35 Mitgliedsstaaten sind die Delegierten nun der Einladung von Prof. Dr. Anne Simmenroth, Direktorin des Würzburger Instituts für Allgemeinmedizin, gefolgt und zum EURACT Council Meeting in die unterfränkische Universitäts- und Residenzstadt gereist. Vom 15. bis 17. Oktober bringen die Professorinnen und Professoren für Allgemeinmedizin ihre unterschiedlichen Erfahrungen in der Lehre und Weiterbildung zusammen, arbeiten an Studien und Positionspapieren und verfolgen dabei das übergeordnete Ziel, die Ausbildung der Hausärztinnen und Hausärzte in Europa zu optimieren und an die Bedarfe anzupassen.
Erstmals tagt EURACT in Würzburg
„Es ist ein tolles Gremium, die Arbeit macht unglaublich viel Spaß und wir können sehr viel voneinander lernen“, sagt Anne Simmenroth. Die Allgemeinmedizinerin und Wissenschaftlerin wurde bereits zum vierten Mal zu Deutschlands Vertreterin in der EURACT gewählt. Seit zwei Jahren leitet sie zudem in dem Netzwerk die Sektion „Studium“. Zweimal im Jahr tagen die EURACT-Delegierten in verschiedenen europäischen Universitätsstädten, um ihre Themenbereiche weiterzuentwickeln. „Ich freue mich sehr, dass die Stadt Würzburg zum ersten Mal Gastgeberin dieses wichtigen Netzwerktreffens ist“, sagt Anne Simmenroth. „So etwas hat es noch nie gegeben und wird es vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht geben.“ In zwei Jahren möchte Simmenroth ihr Amt in jüngere Hände legen.
Für das Rahmenprogramm hat Anne Simmenroth neben einer Stadtführung mit der Medizinhistorikerin Prof. Dr. Sabine Schlegelmilch eine Einführung in das deutsche Gesundheitswesen, die Vorstellung der Medizinischen Fakultät sowie Besuche von niedergelassenen Praxen in Kleingruppen geplant. „Für die Gäste ist es immer besonders spannend, das Gesundheitssystem des jeweiligen Gastgeberlandes kennenzulernen. Anne Simmenroth spricht aus Erfahrung.
Deutschland bei der Lehre gut aufgestellt
Wie ist es hierzulande um Lehre und Weiterbildung bestellt? „In der Lehre ist Deutschland im europäischen Vergleich gut aufgestellt”, so Simmenroth. Die Allgemeinmedizin ist an den medizinischen Fakultäten inzwischen breit verankert, Lehrstühle sind etabliert und auch Lehrpraxen werden über strukturierte Programme und eine finanzielle Vergütung eingebunden. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich eher im oberen Drittel. In einigen Ländern, zum Beispiel in Teilen Osteuropas, fehlen hingegen Lehrstühle, Personal und ausreichende finanzielle Mittel für die allgemeinmedizinische Lehre.
Die Weiterbildung hinkt hinterher
Deutlich größeren Nachholbedarf gibt es Simmenroth zufolge in Deutschland bei der Weiterbildung zur Fachärztin beziehungsweise zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Länder wie Finnland, Schweden, Norwegen, England, die Niederlande oder auch die baltischen Staaten setzen auf klar strukturierte Weiterbildungsprogramme mit festen Rotationen durch verschiedene Fachbereiche und Einrichtungen, Mentoren und regelmäßigem Unterricht. Dadurch ist die Weiterbildung stärker wie eine Verlängerung Studium organisiert und es wird gewährleistet, dass alle angehenden Fachärztinnen und Fachärzte vergleichbare Inhalte und Erfahrungen sammeln. In Deutschland hängt dagegen noch vieles von der jeweiligen Weiterbildungsstelle und den Rahmenbedingungen ab. Zwar schaffen erste Weiterbildungsverbünde und Kompetenzzentren mehr Struktur, sie reichen aber noch nicht an die etablierten Modelle anderer europäischer Länder heran.
Überall fehlt Nachwuchs
So unterschiedlich Lehre und Weiterbildung sowie die Gesundheitssysteme in Europa auch sind, eines eint sie alle: das Nachwuchsproblem. Der Ärztemangel in der Primärversorgung, vor allem im ländlichen Raum, ist sogar ein globales Problem. Ob Australien, Brasilien, Kanada oder Europa – überall sieht man eine Ausdünnung der hausärztlichen Versorgung. Auch hierzu tauscht sich die EURACT aus: Mit welchen Maßnahmen kann der Generationenwechsel in der Allgemeinmedizin aktiv gestaltet und begleitet werden? „Jeder hat seine Ideen und Erfahrungen, wie man junge Ärztinnen und Ärzte für die Allgemeinmedizin begeistern kann“, sagt Anne Simmenroth.
Warum Allgemeinmedizin begeistert
Für die Allgemeinmedizinerin sind die Vielfalt, Breite und Kontinuität des Fachs die perfekte Kombination. „Ich behandle die unterschiedlichsten Krankheitsbilder, muss mich ständig weiterbilden und begleite viele Menschen über weite Strecken ihres Lebens. Ich lebe gewissermaßen mit ihnen. Das ist unglaublich toll“, schwärmt Simmenroth. In ihrer letzten Sprechstunde hatte sie beispielsweise erst ein vierjähriges Kind und später einen Hausbesuch bei einer 92-Jährigen Patientin – für die Blockpraktikantin, die dabei war, sicher ein prägendes Erlebnis.
Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte bestätigen die Faszination dieses Berufs. Dennoch sind es zu wenige, um die hausärztliche Versorgung von morgen zu sichern. „Ohne Quereinsteiger, also Internistinnen und Internisten, die hausärztliche Sitze übernehmen, würde es gar nicht gehen”, so Simmenroth. Die zweite große Gruppe der Quereinsteiger kommt aus den Bereichen Anästhesie und Chirurgie.
Harmonisierung der medizinischen Ausbildung in Europa
Zur Bewältigung von Problemen wie dem Nachwuchsmangel hat die EURACT einige strategische Anforderungskataloge publiziert. Wie, ab wann und mit welchen Methoden sollte zum Beispiel im Studium die Allgemeinmedizin aber auch die Primärmedizin wie Pädiatrie verankert werden? Welche Pflichtinhalte der Allgemeinmedizin müssen vermittelt werden? Wie kann die Qualität der Ausbildung in den Praxen gesichert werden? Auf Basis eines europäischen Konsensprozesses formulierten EURACT und WONCA (World Organization of Family Doctors) im Jahr 2020 unter der Leitung von Anne Simmenroth erstmals gemeinsame und europaweit anwendbare Mindeststandards für die universitäre Ausbildung in Allgemein- und Familienmedizin (Link zum Positionspapier*).
Früh in die Praxis – aber wie?
Neben diesen Mindeststandards legt EURACT in den vergangenen Jahren seinen Fokus verstärkt auf moderne Lehrformate und die Sichtweise junger Ärztinnen und Ärzte. 2023 erschien eine Befragung, in der angehende Hausärztinnen und Hausärzten angaben, welche Fähigkeiten die neue Generation in der Facharztausbildung für absolut essenziell hält. Im selben Jahr wurde eine qualitative Studie zu Krankenhaus-Praktika veröffentlicht.
Ein wichtiger Punkt ist der frühzeitige Kontakt mit der klinischen Praxis (ECE für Early Clinical Exposure). Zwar sind Programme zu ECE seit den Nullerjahren in manchen Ländern verbreitet, finden jedoch auch heute kaum Beachtung, wie eine Befragung ergab, die Anne Simmenroth 2022 als Erstautorin veröffentlicht hat. Obwohl zahlreiche Daten auf vielfältige positive Auswirkungen eines frühen Kontakts zu Patientinnen und Patienten in Kliniken und Praxen hindeuten, gab es keine signifikanten Veränderungen hinsichtlich der Einführung oder der curricularen Gewichtung von ECE-Programmen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass es Hindernisse bei der Umsetzung oder Ausweitung eines ECE gebe. „Die Haltung der Einrichtungen gegenüber bestimmten Fachbereichen und eine mangelnde Bereitschaft, mit neuen Lehrmethoden zu experimentieren, könnten hierfür teilweise verantwortlich sein“, schlussfolgern die Autorinnen und Autoren.
Aktueller Stand der Grundausbildung
Ganz aktuell ist ein Bericht von Anne Simmenroth, den sie gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Jessica Ruck und der finnischen Kollegin Helena Karppinen verfasst hat. Darin stellen die Forscherinnen den aktuellen Stand der medizinischen Grundausbildung im Bereich Allgemeinmedizin/Familienmedizin in den EURACT-Ländern im Jahr 2024 dar.
Über EURACT: Die European Academy of Teachers in General Practice (EURACT) ist das europäische Netzwerk für Lehrende und Ausbildende in der Allgemeinmedizin und gilt offiziell als Bildungsnetzwerk von WONCA Europa. Die World Organization of Family Doctors (WONCA) ist der weltweite Dachverband für Allgemein- und Familienmedizin. EURACT bietet unter anderem internationale Fort- und Weiterbildungen für Lehrende, Kurse zu Prüfungs- und Bewertungsmethoden sowie Kongresse und Symposien an. Darüber hinaus entwickelt und veröffentlicht EURACT Empfehlungen, Standards und Lehrmaterialien für die Aus- und Weiterbildung in der Allgemeinmedizin. Das Netzwerk umfasst Vertreterinnen und Vertreter aus rund 40 Ländern des geografischen Europas und ist damit nicht auf die Mitgliedstaaten der Europäischen Union beschränkt. https://www.euract.eu/
Europäische Ausbildungsanforderung für den Studiengang „Allgemeinmedizin/Familienmedizin“ im Grundstudium
Die Kernaussagen des Positionspapiers der EURACT und WONCA „Europäische Anforderungen für den Studiengang Allgemeinmedizin/Familienmedizin im Grundstudium“ aus dem Jahr 2020:
- Viele wesentliche Lernziele für jeden Medizinstudierenden lassen sich effizient in der Allgemeinmedizin/Familienmedizin vermitteln
- Die Lehre sollte sich an Symptomen orientieren, nicht nur an Krankheiten
- Die Studierenden sollten im Einzelunterricht von erfahrenen Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern unterrichtet werden, ergänzt durch andere Ausbildungsformen
- Die Lehre sollte den ambulanten Bereich einbeziehen
- Eine frühzeitige klinische Heranführung an die Allgemeinmedizin/Familienmedizin sollte nach Möglichkeit umgesetzt werden
- Die optimale Dauer des Lehrplans für Allgemeinmedizin/Familienmedizin sollte drei Monate betragen, mindestens jedoch vier Wochen
- Jede medizinische Fakultät sollte über eine Abteilung oder eine Einheit für Allgemeinmedizin/Familienmedizin verfügen, deren Leiter eine Hausärztin oder ein Hausarzt ist
*'European Education Requirements for the Undergraduate General Practice/Family Medicine Curriculum Endorsed by the European Academy of Teachers in General Practice/Family Medicine (EURACT) and The European Regional Branch of The World Organization of National Colleges, Academies and Academic Associations of General Practitioners/Family Physicians (WONCA Europe). Anne Simmenroth, Francesco Carelli, Odd Martin Vallersnes, Mario R. Sammut, Natalia Zarbailov, Milena Cojić, Nino Kiknadze, Arabelle Rieder, Valentina Madjova, Alex Harding, Nele Michels und Helena Karppinen im Namen des BME-Ausschusses von EURACT. Resources - EURACT