Nach 17 Jahren: Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus nimmt Abschied von der Neurochirurgischen Klinik des UKW

Große Verdienste um Würzburger Universitätsmedizin

Würzburg. Eigentlich wollte er ja „Hausarzt auf dem Land“ werden. „Mit Kontakt zu den Familien und eng eingebunden in deren soziales Umfeld. So habe ich mir das früher vorgestellt“, blickt Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus auf seine ersten Berufspläne zurück. Doch es kam anders, sein Weg führte ihn in die Neurochirurgie. 2009 wurde er als Nachfolger von Prof. Dr. Klaus Roosen Direktor der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Von 2016 bis 2025 war er zudem als Stellvertretender Ärztlicher Direktor Vorstandsmitglied der Uniklinik. Ende September scheidet Prof. Ernestus nun nach 17 Jahren aus dem Amt des Klinikdirektors aus. Der Universitätsmedizin Würzburg bleibt er allerdings erhalten.

„Zufall und Inspiration“ 

Der Weg in die Neurochirurgie sei vor allem durch zwei Dinge geprägt gewesen, so der gebürtige Potsdamer: „Purer Zufall und Inspiration durch meine damaligen medizinischen Lehrer.“ Der Zufall ist eng mit einem seiner Hobbies, der Fotografie, verbunden: „Während meines Medizinstudiums in Köln wollte ich gerne ein neues Teleobjektiv kaufen, aber es fehlte das Geld. Dann sah ich einen Aushang, auf dem studentische Nachtwachen für die neurochirurgische Intensivstation der Uniklinik gesucht wurden. Das war mein erster Kontakt mit dem Fach“, so Prof. Ernestus.

Dazu kamen dann seine medizinischen Lehrer, Prof. Dr. Reinhold A. Frowein und Prof. Dr. Norfrid Klug, die ihn für das Fach inspirierten, ihn ermutigten und förderten. 1984 wurde er Assistenzarzt in der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Köln. 1990 ging er als junger Mediziner zu Prof. Dr. Konstantin-Alexander Hossmann an das damalige Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln. „Diese Zeit war Wissenschaft pur. Aber ich merkte, dass mir die Patienten fehlten.“ Also kehrte er in die Klinik zurück und setzte seine Laufbahn am Universitätsklinikum Köln fort – bis hin zum Kommissarischen Direktor der dortigen Neurochirurgischen Klinik. 2009 nahm er dann den Ruf nach Würzburg an. Seine Verbundenheit mit der Domstadt ist übrigens auch heute noch in seinem Büro sichtbar: An der Wand hängt seit seinem Dienstantritt eine Pop-Art-Version des Kölner Doms.

Fortschritt, Vernetzung, Entscheidungsfindung

Bei der Rückschau auf die 17 Jahre als Klinikdirektor in Würzburg nennt er zum einen die großen Fortschritte in der Neuroonkologie sowohl apparativ-technisch als auch organisatorisch. „Die bildgebende Diagnostik und die OP-Methoden wurden und werden immer präziser. Hier profitieren unsere Patienten sehr von unserer Zusammenarbeit mit der Neuroradiologie innerhalb der Kopfklinik, aber auch mit vielen weiteren Fachdisziplinen“, so Prof. Ernestus. Gleichzeitig sei es gelungen, Strukturen aufzubauen, die auch weit in die Region wirken „2009 gab es noch kein Comprehensive Cancer Center (CCC) und kein Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Würzburg. Zu dieser erfolgreichen Entwicklung in der Onkologie konnten auch wir mit der Neurochirurgie unseren Teil beitragen.“ Die Versorgung von Notfällen im Zusammenhang mit Erkrankungen der Hirngefäße wurde zudem 2023 mit der Gründung des Neurovaskulären Netzwerks Unterfranken gestärkt.

Neben den großen Fortschritten in der Patientenversorgung ist ihm ein Aspekt besonders wichtig: „Als Neurochirurgen müssen wir zum Teil auch sehr schnell Entscheidungen treffen und diese umsetzen. Das gelingt nur mit klarer und vertrauensvoller Kommunikation im Team, damit alle nötigen Informationen in die Entscheidungen einfließen. Mein Ziel war es immer, eine offene Kommunikation im Team zu fördern und auch jüngere Kolleginnen und Kollegen schnell zu integrieren.“ Auch diesen Aspekt will er zukünftig im Rahmen einer Seniorprofessur an der Würzburger Universitätsmedizin den Medizin-Studierenden in einem Coaching-Angebot vermitteln. Der Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf die medizinische Entscheidungsfindung soll ebenfalls ein Aspekt seiner künftigen Tätigkeit, die auch eine den Klinikumsvorstand beratende Funktion umfassen wird, sein.

Corona, Klinikums-Einsatz-Leitung und Kommunikation

Entscheidungsfindung unter großem Zeitdruck: Das prägte auch die Zeit der Corona-Pandemie. In dieser Zeit war der Neurochirurg Mitglied im Führungsstab der Klinikums-Einsatz-Leitung (KEL) am UKW. „Das war eine enorme Herausforderung mit anfangs täglichen Krisensitzungen. Teilweise gab es mehrmals täglich neue Verordnungen und Erkenntnisse, an denen wir die Versorgung am UKW ausrichten mussten. Dies ist uns gelungen, weil wir verschiedene Fachdisziplinen und Expertisen verknüpfen konnten.“ Unter seiner Federführung entstand dabei auch der interne UKW-Newsletter, den Prof. Ernestus redaktionell verantwortete. Stand dieser Newsletter zunächst im Zeichen der Pandemie, wird er auch aktuell noch als wichtiges internes Informationsmedium genutzt.

Große Verdienste um Würzburger Universitätsmedizin

Der Vorstand des Universitätsklinikums Würzburg dankt Prof. Ernestus für seine großen Verdienste um die Würzburger Universitätsmedizin. Prof. Dr. Tim von Oertzen, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKW, betont: „Viele Patienten haben von seinem Können und seinem Wissen enorm profitiert, nicht nur am UKW, sondern auch durch die von ihm initiierten Versorgungsnetzwerke in der Region. Als Stellvertretender Ärztlicher Direktor des UKW erwarb er sich bleibende Verdienste für die Universitätsmedizin durch seine Weitsicht, sein Engagement und die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven in Entscheidungsfindungen einfließen zulassen.“

Prof. Dr. Matthias Frosch, Dekan der Medizinischen Fakultät: „Wir freuen uns sehr, dass er im Rahmen einer Seniorprofessur sein Wissen und seine Erfahrung an die Studierenden weitergibt. Das wird die medizinische Ausbildung in Würzburg bereichern.“

„Ein Stück Wehmut dabei“

Von zahlreichen Patienten, die er über Jahre im Rahmen der Nachsorge betreute, hat er sich in den vergangenen Wochen schon verabschiedet. Auch so manche Gremiensitzung war für ihn die letzte als Klinikdirektor. Ernestus: „Da ist natürlich Wehmut dabei. Die Arbeit als Arzt mit den Patienten sowie im Team mit den Mitarbeitern wird mir fehlen, ganz klar.“ Gleichzeitig betont er offen: „Die Verantwortung und auch den Druck einer Klinikleitung abzugeben – das wird sicher ein Stück weit entlastend sein, vor allem aber auch Perspektiven für neue Dinge eröffnen.“

Pläne für die Zukunft neben der Seniorprofessur hat er schon. Dazu zählen Reisen mit seiner Ehefrau, ein stärkeres ehrenamtliches Engagement und natürlich sein Hobby, die Fotografie.

Die Würzburger Klinik ist die älteste eigenständige neurochirurgische Abteilung in Deutschland. Aus der Abteilung ging dann die spätere Klinik hervor. Sie wurde von Wilhelm Tönnis geleitet, der nach dem Krieg 1948 auf den ersten ordentlichen Lehrstuhl für Neurochirurgie in Köln berufen wurde. Und genau dort erhielt Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus 2009 den Ruf nach Würzburg. 

Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus wurde 2009 Direktor der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Von 2016 bis 2025 war er zudem als Stellvertretender Ärztlicher Direktor Vorstandsmitglied der Uniklinik. Foto: UKW / Anna Wenzl
Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus wurde 2009 Direktor der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Von 2016 bis 2025 war er zudem als Stellvertretender Ärztlicher Direktor Vorstandsmitglied der Uniklinik. Foto: UKW / Anna Wenzl

Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus wurde 2009 Direktor der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Von 2016 bis 2025 war er zudem als Stellvertretender Ärztlicher Direktor Vorstandsmitglied der Uniklinik. Foto: UKW / Anna Wenzl