Eine Impfung gegen Parkinson?

Manfred Moggert-Kemper-Präventionspreis der Parkinson Stiftung für das UKW / mRNA-Impfung soll das Immunsystem gezielt beeinflussen, um die Schädigung der dopaminproduzierenden Nervenzellen aufzuhalten

Die Parkinson Stiftung hat drei Innovationspreise 2026 vergeben, darunter erstmals den Manfred Moggert-Kemper-Präventionspreis. Über die Projektförderung in Höhe von 100.000 Euro freuen sich Prof. Dr. Chi Wang Ip und Juniorprofessorin Dr. Rhonda McFleder von der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) sowie Prof. Dr. Mathias Munschauer vom Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD). Im Projekt „Preventive tolerogenic alpha-synuclein mRNA vaccination against Parkinson's disease“ befasst sich das Team mit der Entwicklung einer präventiven, verlaufsmodifizierenden Strategie, die schon angewendet werden kann, bevor der dauerhafte Verlust der dopaminergen Nervenzellen zu sichtbaren Symptomen führt. 

Würzburg. Impfungen zählen zu den größten Erfolgen der Präventivmedizin. Sie können nicht nur Infektionskrankheiten wie Grippe oder Corona verhindern, sondern auch schwerwiegende Folgeerkrankungen und langfristige Schäden abwenden. So senkt die HPV-Impfung das Risiko für Gebärmutterhalskrebs beispielsweise um bis zu 90 Prozent. Die Masern-Impfung verhindert einen gefährlichen Verlust der Immunabwehr und schützt vor Gehirnentzündungen, die zu bleibenden Hirnschäden oder gar zum Tod führen können. Und die Polio-Impfung kann Entzündungen des zentralen Nervensystems sowie irreversible Lähmungen verhindern. Diese Beispiele zeigen: Eine präventive immunologische Intervention kann spätere irreversible Gewebeschäden verhindern, sofern der ursächliche Auslöser bekannt ist.

100.000 Euro für tolerogene mRNA-Impfstrategie 

Dieses medizinische Prinzip wollen Chi Wang Ip, Rhonda Mc Fleder und Mathias Munschauer nun auf die Parkinson-Krankheit übertragen. Ihr Konzept und erste Vorarbeiten haben die Parkinson Stiftung überzeugt. Das Projekt erhielt den mit 100.000 Euro dotierten Innovationspreis der Stiftung, und zwar in der neuen Kategorie Prävention. 

Parkinson ist aber keine Grippe. Es gibt keinen Erreger, gegen den sich eine Impfung richten könnte. „Während klassische Impfungen das Immunsystem trainieren, damit es Viren besser abwehren oder bekämpfen kann, wollen wir mit unserem Impfstoff das Immunsystem gezielt dazu bringen, potenziell schädliche Immunreaktionen zu unterdrücken, statt sie zu verstärken. In unserem Fall, der Parkinson-Krankheit, soll das Immunsystem gegenüber bestimmten Formen des körpereigenen Proteins Alpha-Synuclein tolerant werden“, erklärt Prof. Dr. Chi Wang Ip das Prinzip der tolerogenen mRNA-Impfstrategie. Ip ist stellvertretender Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) sowie Professor für Translationale Neurologie. Gemeinsam mit Juniorprofessorin Dr. Rhonda McFleder erforscht er am UKW die neuroimmunologischen Mechanismen bei Morbus Parkinson. 

Die Rolle des Immunsystems bei Parkinson

„Immer mehr Studien – auch von uns – deuten darauf hin, dass das Immunsystem eine wichtige Rolle bei Parkinson spielt, möglicherweise sogar schon bei der Entstehung der Krankheit“, so Ip. Der Arzt und Wissenschaftler verdeutlichte beispielsweise die Beteiligung des Proteins Alpha-Synuclein (αSyn), das auf Nervenzellen exprimiert wird und bei Morbus Parkinson verändert ist. Dieses Protein aktiviert das Immunsystem. Immunzellen, insbesondere T-Zellen, werden im Gehirn überaktiviert, was zu Entzündungen führt. Diese schädigen wiederum die dopaminproduzierenden Nervenzellen in der Substantia nigra. 

Ein Mangel an Dopamin ist für die typischen Symptome der Parkinson-Krankheit verantwortlich: Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifheit und Zittern. Dopamin wirkt als chemischer Botenstoff, der Signale zwischen Nervenzellen überträgt und dem Gehirn dabei hilft, Bewegungen zu steuern und zu koordinieren. Gehen diese Nervenzellen verloren, entsteht ein Dopaminmangel. Das Ziel besteht also darin, die Nervenzellen zu erhalten, die Dopamin produzieren. 

mRNA schützte im Mausmodell dopaminproduzierende Nervenzellen

In einem eigens entwickelten und etablierten Mausmodell, das die Parkinson-Krankheit abbildet, konnte das Team bereits zeigen, dass die Gabe einer speziell entwickelten mRNA eine gezielte Immuntoleranz gegenüber αSyn fördert. Tatsächlich schützte die Behandlung dopaminproduzierende Nervenzellen, erhielt wichtige Nervenverbindungen im Gehirn und verringerte das Eindringen von CD8-T-Zellen ins Gehirn. Zudem wurde die Zahl regulatorischer T-Zellen (Tregs) im Blut erhöht. Tregs können Immunreaktionen bremsen und überschießende Abwehrreaktionen verhindern. 

„Allerdings konnte die Behandlung die Nervenzellen nicht vollständig schützen. Das deutet darauf hin, dass das therapeutische Zeitfenster möglicherweise bereits eingeschränkt ist, sobald die entzündliche und neurodegenerative Kaskade begonnen hat. Deshalb wollen wir nun einen Schritt früher ansetzen und versuchen mit einer mRNA-basierten Impfung Parkinson vorzubeugen“, sagt Rhonda McFleder. Die gebürtige US-Amerikanerin ist Ärztin und Biologin und kam 2020 mit einem Humboldt-Stipendium an das UKW in die Arbeitsgruppe von Chi Wang Ip. 

Das Immunsystem frühzeitig an Alpha-Synuclein gewöhnen

Bei der tolerogenen mRNA-Impfung werden dem Immunsystems mithilfe modifizierter mRNA-Moleküle, die in winzige Fettpartikel verpackt sind, ausgewählte Bestandteile des αSyn-Proteins präsentiert. „Wenn wir das Immunsystem frühzeitig an die ausgewählten Alpha-Synuclein Bestandteile gewöhnen, können wir schädliche Immunreaktionen und Entzündungsprozesse im Gehirn verhindern oder zumindest deutlich abschwächen und somit den Verlust dopaminproduzierender Nervenzellen verlangsamen oder sogar verhindern“, formuliert Prof. Dr. Mathias Munschauer die zugrunde liegende Hypothese. Munschauer ist Direktor der Abteilung „Molekulare Virologie“ am Zentrum für Infektiologie des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD). Bevor der ausgewiesene Spezialist für RNA-Viren im Juli 2025 die W3-Professur für „Molekulare Virologie“ an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg antrat, leitete er eine Forschungsgruppe am Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) in Würzburg. 

Vorbeugen - bevor die ersten Symptome auftreten

Mithilfe der Förderung durch die Parkinson-Stiftung möchte das Team die Zusammensetzung des mRNA-Impfstoffs weiter optimieren und seine vorbeugende Wirkung in zwei Mausmodellen mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen testen. 

„Dabei wollen wir auch herausfinden, welche Immunmechanismen der Wirkung zugrunde liegen und welche biologischen Messwerte künftig helfen könnten, Menschen mit einem erhöhten Parkinson-Risiko frühzeitig zu erkennen“, fasst Chi Wang Ip zusammen. Langfristiges Ziel ist es, die Grundlage für eine mögliche vorbeugende Behandlung von Parkinson zu schaffen – bevor die ersten Symptome auftreten. Ob dieser Ansatz tatsächlich vor Parkinson schützen kann, muss in weiteren Untersuchungen geprüft werden.

Innovationspreise der Parkinson Stiftung

19 Anträge in drei Kategorien wurden bei der Parkinson Stiftung eingereicht. Drei Forschungsvorhaben wurden ausgewählt, die mit jeweils 100.000 Euro gefördert werden. Neben den Innovationspreisen für Grundlagenforschung und Versorgungsforschung verlieh die Stiftung erstmals einen Innovationspreis für Präventionsforschung. Dieser wurde durch eine private, zweckgebundene Zuwendung ermöglicht. Daher trägt der Präventionspreis den Namen des Stifters Manfred Moggert-Kemper. 

Den Innovationspreis für präklinische Forschung erhielten Prof. Dr. Franziska Richter und Kristina Lau, PhD, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie, für ihr Projekt „Investigation of miR-34a-driven priming of microglia in Parkinson’s disease (miRmic)“. Das Team erforscht die Bedeutung zellulärer Immunprozesse bei der Neurodegeneration. 

Den Innovationspreis für klinische Forschung erhielten Prof. Dr. Heiko Gaßner und Dr. Sabine Stallforth, Universitätsklinikum Erlangen, Molekulare Neurologie, werden für ihr Projekt „DigiRehaPD“. Im Mittelpunkt ihres Projektes steht eine digital gestützte Begleitung der Patientinnen und Patienten im Anschluss an eine Parkinson-Komplex-Therapie. 

Die Preisgelder der Parkinson Stiftung sind als Starthilfe gedacht: Sie sollen Schlüsselexperimente und Projektideen in einem frühen Stadium ermöglichen, die dank eigener Vorarbeiten vielversprechend sind, für klassische Förderprogramme aber noch als zu risikoreich gelten. So will die Parkinson Stiftung neue Impulse in der Parkinson-Forschung setzen – getreu ihrem Motto „Forschen. Informieren. Betroffenen helfen.“

Weitere Informationen: 

Parkinson Stiftung vergibt Innovationspreise 2026: Parkinsonstiftung

Universitätsklinikum Würzburg: Die Rolle des Immunsystems bei Parkinson

WomenInScience-Porträt von Juniorprofessorin Dr. Rhonda McFleder

Porträts der drei Forscher vor beigefarbenem Hintergrund
Prof. Mathias Munschauer (links), Junior-Professorin Rhonda McFleder und Prof. Chi Wang Ip arbeiten mit Unterstützung des Manfred Moggert-Kemper-Präventionspreis der Parkinson Stiftung an einer mRNA-Impfung gegen die Parkinson-Krankheit. © UKHD / UKW (Collage mit Canva)

Prof. Mathias Munschauer (links), Junior-Professorin Rhonda McFleder und Prof. Chi Wang Ip arbeiten mit Unterstützung des Manfred Moggert-Kemper-Präventionspreis der Parkinson Stiftung an einer mRNA-Impfung gegen die Parkinson-Krankheit. © UKHD / UKW (Collage mit Canva)