Würzburg. Wer kennt es nicht: Man sitzt vor seiner Ärztin oder seinem Arzt, hat ein Dutzend Fragen, aber nicht genügend Zeit, diese zu stellen, traut sich nicht, vergisst die Hälfte oder man kann sich die Antworten nicht richtig merken. Zwar können klassische Suchmaschinen wie Google oder Dialoge mit KI-gestützten Chatbots wie ChatGPT hilfreiche Informationen zur Erkrankung liefern, sie können aber auch falsche Schlüsse ziehen oder unnötige Ängste auslösen. Der größte Nachteil ist jedoch, dass die Nutzerinnen und Nutzer im Netz sehr persönliche Gesundheitsdaten preisgeben, ohne genau zu wissen, wie ihre Informationen verarbeitet, gespeichert oder später verwendet werden. Eine ärztliche Schweigepflicht gibt es hier nicht.
Geprüftes Wissen statt beliebiger Internetsuche
Doch was wäre, wenn der KI-Assistent nicht kommerziell wäre, das Gespräch anonym verliefe, die Fragen weder mit einem Namen noch mit einem Konto in Verbindung gebracht werden könnten und die Antworten zudem ausschließlich wissenschaftlich evaluiert wären? Diese Idee hatten Prof. Dr. Jens Volkmann, Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) und Vorstandsmitglied der Parkinson Stiftung, sowie PD Dr. Florian Lange, Funktionsoberarzt in der Neurologie am UKW, vor drei Jahren. Inzwischen gibt es „jAImes“ – einen KI-Chatbot für Parkinson. Sein Name verbindet den Vornamen des britischen Arztes James Parkinson, der die Krankheit 1817 erstmals systemisch beschrieb, mit AI, der Abkürzung für Artificial Intelligence (künstliche Intelligenz).
Technisch entwickelt wurde der KI-Assistent von dem Berliner Informationswissenschaftler und KI-Experten Ssaman Mardi - Begründer der Plattform smardis.tech, die datenschutzenkonforme KI-Lösungen anbietet. Finanziert hat das Projekt die Parkinson Stiftung, die jAImes auch hostet, also ein Zuhause gibt. Für die Fütterung mit Wissen, also die wissenschaftliche Kuratierung, war und ist Florian Lange zuständig, der dabei von seinen Kollegen aus dem UKW und dem Beirat der Parkinson Stiftung unterstützt und kontrolliert wird. Somit greift jAImes ausschließlich auf geprüfte Informationsquellen zurück und erhält permanent neue wissenschaftliche Updates. Für die kontinuierliche Überwachung der Gespräche auf mögliche Sicherheitsprobleme entwickelte das Team CARE-LLM - ein Verfahren, mit dem sich problematische Antworten und Risiken anhand realer Gespräche systematisch erkennen lassen.
Die meisten Antworten überzeugen – Fehler bleiben möglich
Wie sicher jAImes nun tatsächlich ist, zeigte das Team jetzt, nach Auswertung der ersten rund 2.000 Gespräche mit mehr als 6.000 Nachrichten in der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet Regional Health – Europe“. „Uns interessierte zunächst, ob jAImes falsche medizinische Auskünfte gibt, Risiken übersieht oder problematische beziehungsweise potenziell gefährliche Empfehlungen ausspricht“, sagt Florian Lange und gibt gleich Entwarnung: „Das tut er in der Regel nicht.“
Abgesehen von der positiven Bewertung durch mehr als 90 Prozent der Nutzerinnen und Nutzern fiel auch die automatisierte Prüfung der 2.035 Gespräche, die innerhalb der ersten 129 Tage nach dem Start des Chatboots am 11. November 2025 geführt wurden, positiv aus. 88,6 Prozent der Antworten des Chatbots wurden als gut eingestuft. 11 Prozent wurden als teilweise angemessen und nur 0,4 Prozent als unangemessen bewertet. Auffällige Gespräche wurden anschließend von den Neurologen überprüft. Darüber hinaus untersuchten die Experten stichprobenartig 100 Gespräche, die das automatisierte System zuvor als gut bewertet hatte. Dabei fanden sie vier weitere Fälle mit klinisch kritischen Fehlern. „Dazu gehörte zum Beispiel, dass ein Medikament verwechselt wurde“, sagt Lange. Da jAImes konzeptionell keine Medikamentenempfehlungen gibt, ergeben sich daraus keine Risiken für die Nutzerinnen und Nutzer. Der Chatbot darf lediglich aufzählen, welche Medikamente es für diese und jene Beschwerden gibt, und die Empfehlung aussprechen, mit dem Arzt oder der Ärztin darüber zu reden.
Warum die Sicherheit laufend überprüft werden muss
Was Lange umtreibt ist ein Gespräch, in dem eine Person Suizidgedanken äußerte. In diesem einen Fall löste der Chatbot nicht die vorgesehene angemessene Reaktion zur Krisenintervention aus. „Diese und weitere Lücken haben wir mit jAImes 2.0 geschlossen“, versichert Lange. Dennoch wird die Sicherheit von jAImes auch weiterhin systematisch überprüft. Lange hätte die Person gern kontaktiert, doch das ist der Preis der Anonymität.
„Mit unserer Studie zeigen wir grundsätzlich, dass ein speziell auf ein medizinisches Thema zugeschnittener Chatbot durchaus hilfreiche Informationen bereitstellen kann. Doch selbst bei einem KI-System, das auf geprüfte Informationsquellen zurückgreift, können Fehler auftreten. Umso wichtiger ist ein Verfahren zur kontinuierlichen Überwachung der Gesprächsverläufe“, resümiert Jens Volkmann. Er und sein Team erhalten derzeit täglich Anfragen zu jAImes. Sowohl aus anderen Ländern als auch aus anderen Fachgebieten kommt Interesse an dem smarten Butler.
Potenzial über Parkinson hinaus
„Das Spannende an unserem KI-Assistenten ist, dass er in vielen anderen medizinischen Fachbereichen eingesetzt werden kann, beispielsweise bei Herzinsuffizienz, Krebs oder Demenz“, sagt Volkmann. „Der Chatbot hat extrem viel Potenzial.“
Selbstverständlich kann ein KI-Chatbot die ärztliche Beratung nicht ersetzen. In der knappen Sprechstundenzeit lassen sich aber nicht alle Anliegen klären, und viele Fragen stellen sich erst danach, etwa abends, am Wochenende oder zwischen zwei Terminen. jAImes hilft zum Beispiel geduldig und kompetent rund um die Uhr dabei, den Durchblick im Versorgungsdschungel zu behalten, und unterstützt bei der Beantragung des Pflegegrades oder von Hilfsmitteln. „Das gibt uns in den Sprechstunden Zeit für andere Themen“, sagt Lange.
Was der Chatbot über die Bedürfnisse der Betroffenen verrät
Welche weiteren Themen den Patientinnen und Patienten neben den klassischen Symptomen am Herzen liegen, hat die erste Auswertung der Gespräche dem Team noch einmal vor Augen geführt. „Die Fragen im Chatbot sind medizinversorgungstechnisch hochinteressant“, berichtet Lange. „In meiner Sprechstunde geht es vorwiegend um Bewegungsstörungen. Doch jAImes vertrauen die Patientinnen und Patienten zahlreiche weitere Symptome an, von kognitiven Einschränkungen und sexuellen Funktionsstörungen über Schlafprobleme bis hin zu Halluzinationen und psychiatrischen Problemen.“ Der Neurologe zieht daraus den Schluss, dass er in seinen Sprechstunden viel mehr Fragen zur Lebensqualität stellen muss. Auch die Parkinson Stiftung hat bereits reagiert und passt ihr Informationsmaterial entsprechend an.
„Mit jAImes machen wir den ersten Schritt hin zu einem digitalen Ökosystem für Menschen mit Parkinson. Unser Ziel ist, verlässliches Wissen, Orientierung und Zugang zur Forschung an einem Ort zu bündeln. Als nächstes Modul entwickeln wir einen Trial-Finder, der Patientinnen und Patienten hilft, passende Studien zu finden“, so Prof. Dr. Dirk Woitalla, Vorsitzender des Vorstands der Parkinson Stiftung.
Wer mit jAImes ins Gespräch kommen möchte, trifft den KI-Assistenten auf der Startseite der Parkinson Stiftung sowie unter folgenden Link: https://www.parkinsonstiftung.de/chatbot/
Am 17. November um 18 Uhr stellt zudem Ssaman Mardi in einem Online-Seminar der Parkinson Stiftung vor, wie der Chatbot jAImes funktioniert. Weitere Informationen: https://www.parkinsonstiftung.de/online-akademie
Publikation: Florian Lange, Ssaman Mardi, Tobias Binder, Martin M. Reich, Thorsten Odorfer, Jens Volkmann, Real-world use and evaluation of a generative AI chatbot for Parkinson's disease information: a prospective observational study, The Lancet Regional Health - Europe, Volume 70, 2026, 101866, ISSN 2666-7762, https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2026.101866