Aktuelle Pressemitteilungen

Nach 43 Jahren am UKW und über 6.400 begleiteten Geburten: Hebamme Marianne Ahmed verabschiedet

Seit 1980 in der Geburtshilfe der Würzburger Uniklinik gearbeitet.

Würzburg. Wohl niemand in Würzburg hat mehr Geburten betreut als sie: Nach 43 Jahren an der Uniklinik Würzburg und rund 6.400 von ihr betreute Geburten hatte Marianne Ahmed jetzt ihren letzten Dienst: Nun ist die Hebamme mit 65 Jahren in den wohl verdienten Ruhestand gegangen. Am ersten März 1980 hatte sie nach ihrer Ausbildung zur Hebamme in der Frauenklinik des UKW begonnen, von 2002 bis 2019 war sie Leitende Hebamme im Team der UKW Geburtshilfe.

Vor ihrem letzten Dienst habe sie schon ein „komisches Gefühl zuhause gehabt“. Dann überlegt sie kurz: „Ich freue mich aber nun auf Tage ohne Dienstplan, auf die Arbeit in meinen neuen Kleingarten und viele Touren mit dem Elektro-Rad.“ Aber die leidenschaftliche Hebamme gibt auch zu: „Der Abschied fällt natürlich ein wenig schwer. Wir sind ein tolles Team. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Hebammen funktioniert toll. Das ist enorm wichtig.“

„Ihre Kompetenz, ihre Empathie und ihr großer Erfahrungsschatz waren eine enorme Stütze für unser Team der Geburtshilfe. Im Namen der gesamten Frauenklinik bedanke ich mich bei Frau Ahmed für ihren jahrzehntelangen Einsatz. Für den Ruhestand wünschen wir ihr alles erdenklich Gute“, betont Prof. Dr. Achim Wöckel, Direktor der Frauenklinik am UKW. „Für sie stand immer das Wohl der Frau und der Familien im Vordergrund, auf sie war immer Verlass“, so ihre langjährigen Kolleginnen im Kreißsaal.

Bei der Frage nach der Anzahl der Geburten, dies sie begleitet hat, kommt Marianne Ahmed ins Rechnen. Um die 6.400 dürften es gewesen sein – grob überschlagen. „Natürlich sind da Momente dabei, die bleiben – viele intensive Erinnerungen. Und für mich stand auch immer fest, dass ich an einem Haus der Maximalversorgung wie dem UKW arbeiten wollte. Das hat sich nie geändert.“

Fast zwei Jahrzehnte war sie zudem Leitende Hebamme am UKW, bevor sie diese Aufgabe 2019 abgab. Denn auch das sagt sie im Rückblick: „Es ist ein fordernder und ein anstrengender Beruf.“ Die letzten drei Jahre standen natürlich auch im Zeichen der Corona-Pandemie – „eine große zusätzliche Herausforderung, die wir gemeinsam geschafft haben.“ Seit ihrem Dienstantritt 1980 war sie im Kreißsaal an der praktischen Ausbildung der Hebammenschülerinnen beteiligt, zuletzt auch aktiv im Rahmen des neuen Studiengangs Hebammenwissenschaft. Etwa 690 Hebammen hat sie in dieser Zeit praktisch ausgebildet - übrigens in der Tat alles Frauen. 

Als einen großen Glückfall bezeichnet sie die Fortschritte in der Versorgung von Frühgeborenen: „Diese Entwicklung hat vielen Familien großes Glück gebracht“, so Ahmed. Gleichzeitig weist sie auf andere Trends hin: Mehr Kaiserschnitte als früher, Babys mit mehr Gewicht und das steigende Alter der Mütter. „Es hat sich viel getan“, überlegt sie beim Blick auf ihre Zeit an der Würzburger Uniklinik. Natürlich war der technische Fortschritt groß, aber eines war ihr immer wichtig: „Ich war stets eine analoge Hebamme. Dieses Wissen wollte ich auch immer an künftige Hebammen weitergeben. Etwa: Wie ertaste ich das Kind richtig? Wie kann ich die Herztöne richtig abhören?“

Jetzt werden andere Kolleginnen dieses Wissen weitergeben. Und Marianne Ahmed freut sich darauf, mehr Zeit für ihren Enkelsohn zu haben, denn: „Der kam bislang viel zu kurz.“

Hausärztliche Praxisteams und Bürger als Co-Forscher

Das Bayerische Forschungsnetz in der Allgemeinmedizin (BayFoNet) zieht beim Beiratstreffen in Würzburg Zwischenbilanz und wagt den Blick nach vorn

Beim Beiratstreffen in der vergangenen Woche in Würzburg zogen die Vertreterinnen und Vertreter der fünf beteiligten bayerischen Institute für Allgemeinmedizin Zwischenbilanz.
Das BayFoNet Team mit den Beiratsmitgliedern zu Gast in den Räumlichkeiten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns in Würzburg. © Kirstin Linkamp / UKW

Die Forschung in der Allgemeinmedizin durch Kooperationen von hausärztlichen Praxen und der universitären Allgemeinmedizin in Bayern zu fördern, das ist das große Ziel des Bayerischen Forschungsnetzes in der Allgemeinmedizin, kurz BayFoNet. „Das heißt, wir wollen Forschungsfragen aus der ambulanten Versorgung zusammen mit den Praxen untersuchen, die Forschungserkenntnisse zeitnah und zielgruppenspezifisch in die Regelversorgung transferieren, den hausärztlichen Nachwuchs in die Forschung integrieren und dazu befähigen, eigene Forschungsideen zu entwickeln und umzusetzen und schließlich die Bürgerinnen und Bürger am Forschungsprozess beteiligen“, erklärt die Projektleiterin und Sprecherin Prof. Dr. Ildikó Gágyor vom Institut für Allgemeinmedizin am Uniklinikum Würzburg.

BayFoNet wird seit dem Jahr 2020 für insgesamt fünf Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Neben den Universitätskliniken Erlangen und Würzburg, dem Klinikum der Universität München und dem Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München gehört seit November 2022 auch das Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Augsburg zum BayFoNet. Beim Beiratstreffen in der vergangenen Woche in Würzburg zogen die Vertreterinnen und Vertreter der fünf beteiligten bayerischen Institute für Allgemeinmedizin Zwischenbilanz.

Mehr als 100 Mitgliedspraxen zertifiziert

Inzwischen haben mehr als 200 hausärztliche Praxen ihr Interesse an einer Teilnahme am BayFoNet angemeldet. 118 Praxen von ihnen haben bereits alle Akkreditierungskriterien erfüllt und ein BayFoNet-Mitglieds-Zertifikat erhalten. In zwölf regionalen Ideenwerkstätten brachten knapp 40 Hausärztinnen und Hausärzte ihre Expertise bei der Entwicklung und Durchführung von Studien ein. Eine erste, von Hausarztpraxen selbst initiierte und entwickelte Studie steht kurz vor dem Start. Aktuell werden zwei Pilotstudien zur Mikroskopie beim unkomplizierten Harnwegsinfekt sowie zur Implementierung eines Online-Schulungsprogramms für Menschen mit Asthma durchgeführt, die zur Prüfung der Funktionalität des Netzwerkes dienen sollen. Daneben werden an den fünf Standorten 14 weitere Studien durchgeführt, welche auf die Infrastruktur zurückgreifen. Daraus sind jeweils 16 wissenschaftliche Publikationen und Tagungsbeiträge entstanden

Bürgerinnen und Bürger werden am Forschungsprozess beteiligt

Ein besonderes Augenmerkt wird im BayFoNet auf die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern und hausärztlichen Praxisteams gelegt. Knapp 50 Personen aus der Bevölkerung konnten bisher gewonnen werden, sich in einer der 18 stattgefundenen Bürgerforen und Bürgerbeiräten einzubringen. Wer an der Forschung Interesse hat und mithelfen möchte, wissenschaftliche Untersuchungen so zu gestalten, dass diese auch nachvollziehbar sind, ist herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Informationen liefert die Webseite bayfonet.de 

„Patienten finden es toll, wenn sich die Praxis für die Wissenschaft interessiert“

Des Weiteren möchten sich die Netzwerkpartner in den nächsten zwei Jahren dem Thema der Datenverarbeitung widmen. Wie innerhalb des Netzwerkes gilt auch hier, dass ohne Vertrauen kein Austausch erfolgen kann. Dabei gilt es zu klären, welche Daten auf bayerischer, aber auch nationaler Ebene zu welchen Zwecken standardisiert erhoben und geteilt werden sollen und wie eine technische Umsetzung konkret aussehen kann.

Erste Ergebnisse der Prozessevaluation weisen darauf hin, dass die hausärztlichen Praxisteams durch ihre Mitgliedschaft im BayFoNet, ihre aktive Mitwirkung und Vernetzung eine Stärkung der Allgemeinmedizin erleben. Zudem sehen sie es als berufliche Entwicklung sowie Fortbildungsmöglichkeit für das Praxispersonal an. „Die Patienten finden es toll, wenn sie merken, dass sich die Praxis für die Wissenschaft interessiert. Das wertet meine Praxis auf", so eine Rückmeldung eines Hausarztes.

„Wir sind auf einem sehr guten Weg“, freut sich Ildikó Gágyor und dankt allen Beteiligten für ihren Einsatz, generell im BayFoNet und konkret beim zweitätigen Beiratstreffen. Wichtige Impulse und Rückmeldungen beim Treffen in der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns in Würzburg kamen von den Beiratsmitgliedern Prof. Frank Sullivan von der University St. Andrews, Prof. Alena Buyx von der TU München sowie Prof. Klaus Berger von der Universität Münster. Die Prodekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg, Prof. Katrin Heinze, sowie Prof. Dr. Thomas Ewert vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) stimmten die Anwesenden mit Grußworten auf die Veranstaltung ein.

Kontakt

Für interessierte Hausarztpraxen, die Teil des BayFoNet werden möchten, steht Christian Kretzschmann als Ansprechpartner zur Verfügung unter E-Mail: Kretzschma_C@ukw.de oder Tel: 0931 201 47808. Weitere Informationen finden Sie unter www.bayfonet.de 

Beim Beiratstreffen in der vergangenen Woche in Würzburg zogen die Vertreterinnen und Vertreter der fünf beteiligten bayerischen Institute für Allgemeinmedizin Zwischenbilanz.
Das BayFoNet Team mit den Beiratsmitgliedern zu Gast in den Räumlichkeiten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns in Würzburg. © Kirstin Linkamp / UKW

Demenz vom Stigma befreien

Am Uniklinikum Würzburg hat Alexandra Wuttke die Stiftungsprofessur für die Prävention von Demenz und Demenzfolgeerkrankungen angetreten. Sie möchte vor allem die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Demenzforschung in die Praxis bringen, Interventionen zur Stressreduktion für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen entwickeln und im Alltag erproben.

Das Bild zeigt die Psychologin Alexandra Wuttke.
Die Psychologin Alexandra Wuttke hat im Februar am Uniklinikum Würzburg die Stiftungsprofessur für die Prävention von Demenz und Demenzfolgeerkrankungen angetreten. © David Wuttke

Würzburg. Sie ist mit 34 Jahren eine der jüngsten Professorinnen in der Würzburger Universitätsmedizin. Und sie kümmert sich um die Älteren unserer Gesellschaft - um Menschen mit Demenz. „Seit meinem Psychologie-Studium finde ich ältere Menschen spannend und faszinierend“, erläutert Prof. Dr. Alexandra Wuttke ihren Arbeitsschwerpunkt. „Ich erlebe tagtäglich, welche Ressourcen in ihnen schlummern. Ihre Kräfte und Energien wären so wichtig für einen intergenerationalen Austausch. Schade, dass die Gesellschaft oft eine negative Sicht auf die älteren Menschen hat.“

„Was wir aus der Forschung wissen, müssen wir in den Alltag bringen!“

Ebenso bedauerlich findet sie, dass die Demenz immer noch stigmatisiert wird. Das Wort Demenz verbinden viele mit der Oma im Pflegeheim, die einen nicht mehr erkannt hat, oder dem Opa, der nicht mehr reden konnte. Alle hätten das letzte Stadium im Kopf und dass man gegen eine Demenz machtlos sei. Aber dass es einen jahrzehntelangen Vorlauf gibt, sich die Demenz schleichend entwickelt und sich viele Weichen stellen lassen, um das Fortschreiten zu verlangsamen und die Selbstständigkeit für einen sehr langen Zeitraum zu erhalten, das sei leider nicht in den Köpfen. Und das möchte Alexandra Wuttke ändern: Das Wissen aus der Forschung in die Bevölkerung bringen! Ein weiteres Ziel ist der Ausbau der frühen Begleitung und Intervention, die sich sowohl an die Menschen mit Demenz als auch ihre Angehörige richtet, damit beide gesund bleiben können. Denn die Diagnose Demenz sei ein Stressor für alle Beteiligten, und in den unterschiedlichen Stadien der Demenz müsse es spezifische Angebote für Menschen mit Demenz und ihr Angehörigen geben, um Stress zu reduzieren und Resilienz zu stärken.

Stiftungsprofessur von Würzburger Universitätsmedizin, Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp und Stiftung Bürgerspital zum Hl. Geist

Seit Februar hat die Mutter eines Sohnes eine an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Zentrum für psychische Gesundheit (ZEP) angesiedelte W1-Professur für die Prävention von Demenz und Demenzfolgeerkrankungen - zunächst in Teilzeit, da sie derzeit noch das Zentrum für psychische Gesundheit im Alter (ZpGA) in Mainz leitet. Die neue Stiftungsprofessur in Würzburg wurde vom Uniklinikum Würzburg, der Julius-Maximilians-Universität, der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp und der Stiftung Bürgerspital zum Hl. Geist im vergangenen Jahr eingerichtet, um an der Schnittstelle zwischen Forschung, Lehre und Anwendung das gesellschaftlich so wichtige Thema der Demenz voranzubringen. Alexandra Wuttke ist von den ersten Arbeitstagen in Würzburg begeistert: „Ich wurde so herzlich begrüßt. Die Infrastruktur zur Demenzforschung ist in Würzburg hervorragend, und es gibt bereits tolle Initiativen und Anlaufstellen für Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen.“

Würzburg bietet immensen Wissensschatz durch Studien und hervorragende Infrastruktur

Die Stiftung Bürgerspital zum hl. Geist bietet seit ihrer Gründung in ihren Senioreneinrichtungen alten Menschen mit all ihren Erkrankungen eine bestmögliche Versorgung unter Wahrung von Autonomie und Würde. Und in ihrem Geriatriezentrum und der dort angesiedelten GesundheitsAkademie50Plus wird schon seit fast 20 Jahren die Therapie und Prävention typischer Alterserkrankungen intensiv verfolgt. Wuttke sieht hier zahlreiche Vernetzungsmöglichkeiten.

Einen immensen Datenschatz für die Frühdiagnose und Prävention bieten zudem die Forschungsergebnisse aus der von der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp finanzierten Kohorten-Studie, in der mehr als 600 Würzburgerinnen und Würzburger ab 75 Jahren innerhalb von zwölf Jahren mehrfach am Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP) des UKW untersucht wurden. Nach der Querschnittsauswertung zu den Risikofaktoren für eine Demenzentwicklung steht jetzt die Längsschnittauswertung aus: Was kann eine Demenzentwicklung vorhersagen?

Auch das Uniklinikum nimmt die Herausforderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt, an und hat die Themen Alterung und Multimorbidität als eines von vier Strategiefeldern definiert. Die Professur von Alexandra Wuttke ist Teil dieser Strategie. „Demenzsensibler Umgang mit Patientinnen und Patienten erfordert vor allem Empathie“, lehrt sie ihre Studierenden. „Es geht darum, die Bedürfnisse zu verstehen. Menschen mit Demenz sind zum Beispiel nicht aggressiv, weil sie böse sind, sondern weil ein Bedürfnis nicht erfüllt ist. Vielleicht hat eine geschlossene Tür Erinnerungen an Kriegszeiten hervorgerufen und man kann Ängste nehmen, indem man die Tür offenlässt. Natürlich sind Gespräche zeitintensiver als die Gabe einer Pille, aber ein gutes Gespräch spart oft weitere Krisen und Wiederaufnahmen.“

„Um alterssensibel zu handeln, müssen wir interdisziplinär denken“

Die interdisziplinäre Verortung ihrer Professur ist der Mannheimerin ganz wichtig. „Wir dürfen nicht in der eigenen Disziplin stecken bleiben. Um alterssensibel zu handeln, müssen wir interdisziplinär denken. Wir müssen die Pflege, die Medizin und die Psychologie zusammenbringen. Demenz und Depression sind die beiden größten Herausforderungen, wenn es um die psychische Gesundheit im Alter geht. Beides beeinflusst sich gegenseitig.“ Ihre geplante Studie, in der sie zusammen mit einem Konsortium aus Versorgung, Wissenschaft und Politik den Übergang von stationärer zur ambulanten Behandlung untersuchen möchte, setzt genau auf diese interdisziplinäre Denkweise.

Wer schlecht hört aber kein Hörgerät trägt, hat ein vielfach höheres Demenzrisiko

Doch woran erkenne ich eine Demenz? Und wie kann ich vorbeugen oder ein Fortschreiten verlangsamen. „Wir wissen heute, dass 40 Prozent des Risikos, an einer Demenz zu erkranken, auf einen veränderbaren Lebensstil zurückgeht“, erklärt Alexandra Wuttke. Eine Rolle spielen zum Beispiel die Bewegung, soziale Kontakte und psychische Gesundheit. „Aber kaum jemand kennt den Faktor, der den größten Einfluss hat: die Hörfähigkeit im mittleren Erwachsenenalter. Wer schlecht hört und kein Hörgerät trägt, hat ein vielfach höheres Risiko, eine Demenz zu entwickeln.“ Das Tragen eines Hörgerätes könne dieses Risiko ausgleichen. Ein Grund mehr, das Thema Schwerhörigkeit nicht mehr zu tabuisieren. Man sollte sich trauen, Hörgeräte zu tragen, ebenso wie man sich trauen sollte, über Demenz offen zu sprechen.

Nicht korrigieren sondern auf Augenhöhe kommunizieren – das reduziert Stress

Wenn jemand den Verdacht hat, eine Demenz zu haben oder die Angehörigen kognitive Störungen bemerken, ist es ratsam, dieses umgehend in einer Gedächtnisambulanz abklären lassen. Je früher man die Demenz erkennt und behandelt, desto besser kann man die Weichen für die weitere Versorgung stellen. Neben Medikamenten, die den Verlauf einer Alzheimer-Demenz verlangsamen können, gibt es vor allem eine große Bandbreite an evidenz-basierten und wirksamen psychosozialen und psychotherapeutischen Maßnahmen, Interventionen und Ansätze, die die Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen helfen, die demenzbedingten Veränderungen des Alltags zu bewältigen und Stress zu reduzieren. Wichtig sei es, die Angehörigen mit einzubeziehen, betont Alexandra Wuttke, die sich sehr für die dyadischen Aspekte der Stressregulation interessiert, was verändert sich in den Zweierbeziehungen bei einer Demenz. „Ich empfehle allen, auf Augenhöhe zu bleiben und die Menschen mit Demenz nicht wie ein Kind zu behandeln.“ Die Situation zuhause entspanne sich oft schon durch eine Änderung der Kommunikation. Wer als Mensch mit Demenz ständig korrigiert und verbessert wird, nach dem Motto „das habe ich doch schon dreimal erklärt“, „du hast schon wieder das Falsche geholt“, fühlt sich ertappt und gestresst und zieht sich zurück. „Wir dürfen den älteren Menschen durchaus mehr zutrauen. Eine gut eingestellte Smartwatch oder Aufkleber auf Schränken und Schubladen könnten zum Beispiel bei der Orientierung im Alltag helfen. Menschen mit einer demenziellen Entwicklung und ihre Angehörigen können lernen, trotz der Demenz möglichst lange gut zusammen zu leben. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei bestmöglich zu unterstützen.“

Zur Person:

Alexandra Wuttke hat an der Philipps-Universität in Marburg sowie an der University of Western Australia in Perth und an der Central Queensland University im australischen Rockhampton Psychologie studiert, ihre Promotion zum Thema Psychobiological mechanisms underlying the stress-reducing effects of music listening in daily life hat sie in Marburg mit summa cum laude abgeschlossen und anschließend eine Postgraduierte Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin (Fachkunde Verhaltenstherapie) absolviert. In der Universitätsmedizin in Mainz hat sie zunächst in der AG „Gesundes Altern und Neurodegeneration, Demenz“ als Post Doc gearbeitet und später die Leitung des Zentrums für psychische Gesundheit im Alter (ZpGA) in Mainz übernommen. Das ZpGA ist ein interdisziplinäres Netzwerk für Präventionsforschung und innovative Versorgungsmodelle des Landeskrankenhauses (AöR). Im Jahr 2022 hat sie den Irmela-Florin Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Verhaltensmodifikation (DGVM) für ihre Arbeit zu aufsuchenden, dyadischen Interventionen für Menschen mit beginnender Demenz und ihre Angehörigen erhalten. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn. 

Das Bild zeigt die Psychologin Alexandra Wuttke.
Die Psychologin Alexandra Wuttke hat im Februar am Uniklinikum Würzburg die Stiftungsprofessur für die Prävention von Demenz und Demenzfolgeerkrankungen angetreten. © David Wuttke

Würzburg. Bei einem medizinischen Notfall im Kreißsaal kommt es auf ausgezeichnete Zusammenarbeit aller Beteiligten an. Daher sind realitätsnahe Übungen von enormer Wichtigkeit. auch wenn Notfälle nur selten sind. Eine solche Simulationsübung für das „Sicherheitsnetz im Hintergrund“ fand nun am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) statt. 

„In dieser Zusammensetzung und Intensität war es für uns eine Premiere. Das Training dauerte zwei Tage. Mit Hilfe einer Simulationspuppe konnten wir gemeinsam verschiedene Notfall-Szenarien trainieren. Natürlich sind solche Situationen im Klinikalltag zum Glück sehr selten. Umso wichtiger ist es, dass wir uns optimal darauf vorbereiten“, betont Prof. Dr. Peter Kranke, Leiter des Bereichs geburtshilfliche und gynäkologische Anästhesie am Würzburger Uniklinikum.

Zur Übung waren auch Experten aus der Medizinischen Hochschule Hannover nach Würzburg gekommen. Zusammen mit dem Simulationsteam aus der Anästhesie sorgten sie für einen reibungslosen technischen Ablauf und dafür, dass die Übungssequenzen im Anschluss fachkundig analysiert wurden.

„Durch die realitätsnahen Abläufe, die wir direkt in einer Kreißsaalumgebung simulieren konnten, war es ein sehr gelungenes Training. Ich bin froh, dass wir dies zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen der Geburtshilfe und den Hebammen so im Team realisieren konnten. Denn gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein Garant dafür, auch in Notfällen die bestmögliche Versorgung für unsere Patienten anbieten zu können“, so Prof. Kranke.

Michael Papsdorf, Oberarzt und ärztliche Leitung des Kreißsaals, ergänzt: „Speziell unsere jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kreißsaal waren begeistert. Notfälle unter realen Bedingungen trainieren zu können, bringt für den Alltag einen ungemeinen Zugewinn von Sicherheit. Aber auch für erfahrene Geburtshelfer war es interessant, das eigene Verhalten in einer Notfallsituation beobachten und analysieren zu können.“

Das bekräftigt auch Dr. Rebecca Paul, Assistenzärztin in der UKW-Geburtshilfe: „Nach dem Training stand für alle teilnehmenden Mitarbeiter fest, dass ein Simulationstraining einen festen Platz in der Ausbildung einnehmen sollte. Wir freuen uns, in Zukunft regelmäßig realistische Notfallsituationen im Team trainieren zu können.“ Auch wenn die meisten Patientinnen in der UKW-Geburtshilfe das bestehende Sicherheitsnetz gar nicht wahrnehmen während ihres Aufenthaltes: Im Hintergrund steht stets ein erfahrenes Team bereit. Denn: Sicher ist sicher.

 

Deutsche Hochschulmedizin unterstützt Digitalisierungsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums

Die Deutsche Hochschulmedizin befürwortet die heute vom Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach vorgestellte Digitalisierungsstrategie. Sie dient als Grundlage für das Digitalgesetz und das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG). Beide Gesetze sollen laut Bundesgesundheitsministerium in den nächsten Wochen vorgelegt werden. Kern der Strategie ist ein Neustart bei der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA). Diese soll bis Ende 2024 für alle gesetzlich Versicherten im sogenannten Opt-Out-Verfahren eingerichtet werden. Gleichzeitig sollen die Daten aus der ePA künftig zu Forschungszwecken automatisch über das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) beim BfArM für Forschungseinrichtungen und nun auch für die forschende Industrie abrufbar sein.

Dazu sagt Professor Jens Scholz, 1. Vorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands e.V.: „Die ePA noch mal neu anzugehen und bis Ende nächsten Jahres für jeden, der sich nicht aktiv dagegen entscheidet, verbindlich einzuführen, bringt neuen Schwung in die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Die ePA wird uns helfen, Patientinnen und Patienten besser zu versorgen. Gleichzeitig werden wir so umfassend wichtige Versorgungsdaten für die Forschung nutzen können. Auch dies wird durch bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten den Patientinnen und Patienten zu Gute kommen. Dieser Schub für die Gesundheitsversorgung wird sich in einer zukünftig reformierten Krankenhauslandschaft noch verstärken. Grundlage für regionale Versorgungsnetzwerke, die von den Universitätsklinika koordiniert werden, ist eine starke IT-Infrastruktur in den Level IIIU-Häusern. Allerdings ist die neue ePA nur ein erster Schritt. Andere Länder haben uns bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens längst überholt. Hier hat Deutschland eindeutig noch Nachholbedarf.“

Professor Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentages unterstützt die Initiative mit Nachdruck: „Die Digitalisierungsstrategie greift zwei wesentliche Aspekte auf, nämlich bürokratische Hemmnisse abzubauen und die Forschung für Patientinnen und Patienten auf eine neue Grundlage zu stellen. So wird mit dem Aufbau einer zentralen Koordinierungsstelle für die Gesundheitsforschung ein vereinfachter Zugang zu klinischen Daten aus verschiedenen Quellen geschaffen. Von ganz herausragender Bedeutung ist, dass datenschutzrechtliche Bürokratie abgebaut wird, ohne dabei die Rechte und berechtigten Interessen der Patientinnen und Patienten zu verletzen. Mit der Begrenzung der Zuständigkeit nur noch eines federführenden Landesdatenschutzbeauftragten bei länderübergreifenden Forschungsvorhaben wird den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein einfacherer datenschutzkonformer Umgang mit Patientendaten ermöglicht und damit die Gesundheitsforschung im Interesse aller Patientinnen und Patienten für eine bestmögliche Gesundheitsversorgung erheblich erleichtert.“

Kontakt:

Stephanie Strehl-Dohmen
T. +49 30 3940 517-25
Mail: strehl-dohmen@ uniklinika.de
www.deutsche-hochschulmedizin.de

Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und der Medizinische Fakultätentag (MFT) vertreten die Interessen der 36 Universitätsklinika sowie der 39 Medizinischen  Fakultäten in Deutschland. Ihr Dachverband ist die Deutsche Hochschulmedizin e.V. Gemeinsam stehen die Verbände für Spitzenmedizin, erstklassige Forschung sowie die international beachtete Medizinerausbildung und Weiterbildung.

 

Pressemitteilung der Deutschen Hochschulmedizin e.V. vom 09.03.2023

Tina Turner wirbt für Nierenvorsorge

Christoph Wanner, Leiter der Nephrologie am Uniklinikum Würzburg und Präsident der europäischen Gesellschaft für Nephrologie (ERA), begleitet die Kampagne mit der ehemaligen Rockmusikerin und Nierenpatientin Tina Turner, die anlässlich des Weltnierentages am 9. März auf die Ursachen, Präventionsmöglichkeiten und Diagnostik chronischer Nierenleiden aufmerksam macht.

Das Bild zeigt Tina Turner, die sich für die Nierenvorsorge starkt macht.
Die US-amerikanische Musiklegende und Nierenpatientin Tina Turner unterstützt die Kampagne showyourkidneyslove.com, um auf die vielfältigen Aufgaben der Nieren und den Schutz dieses lebenswichtigen Organs aufmerksam zu machen. Sie gesteht: „Ich hätte meine Nieren retten können. Etwas Wissen und ein einfacher Urintest hätten gereicht.“ © Xaver Walser courtesy Looping Group
Das Bild zeigt Christoph Wanner, der die Kampagne showyourkidneyslove mitinitiiert hat.
Christoph Wanner, Leiter der Nephrologie am Uniklinikum Würzburg und Präsident der europäischen Gesellschaft für Nephrologie (ERA), war maßgeblich an der Kampagne mit der Tina Turner beteiligt. © Daniel Peter / UKW
Die Grafik veranschaulicht das ABCDE-Profil
Jeder ab 50 und vor allem Risikopatientinnen und -patienten sollten ihr ABCDE-Profil kennen. Albuminurie, Blutdruck, Cholesterin, Diabetes, estimated (geschätzte) glomeruläre Filtrationsrate. © UKW
Christoph Wanner erklärt in dem Video, wie man seine Nieren schützen kann. © UKW

“I could have saved my kidneys. A little knowledge and a simple urine test would have been enough.” Tina Turner

„Ich hätte meine Nieren retten können. Etwas Wissen und ein einfacher Urintest hätten gereicht“, sagt Tina Turner anlässlich des diesjährigen Weltnierentags am 9. März 2023. Die US-amerikanische Musiklegende, die selbst an Nierenversagen aufgrund eines schlecht behandelten Blutdrucks leidet, unterstützt die groß angelegte internationale Kampagne „Show your kidneys love“, die von der Stiftung European Kidney Health Alliance (EKHA) koordiniert wird und an der sich zahlreiche Verbände, Gesellschaften und Stiftungen beteiligen. Dass sich Tina Turner als Testimonial zur Verfügung stellt, um auf die vielfältigen Aufgaben der Nieren und den Schutz dieses lebenswichtigen Organs aufmerksam zu machen, ist mitunter auch ein Verdienst von Prof. Dr. Christoph Wanner, Leiter der Nephrologie am Uniklinikum Würzburg und Präsident der European Renal Association (ERA), die wiederum Hauptsponsor der EKHA ist.

Bluthochdruck nicht ernst genommen und Medikamente eigenmächtig abgesetzt

„Ich freue mich sehr, dass wir Tina Turner für die Kampagne ‚Show your kidneys love‘ – ‚Mach dich für deine Nieren stark‘ gewinnen konnten und sie mit ihrer Geschichte auf die immense Bedeutung der Vorsorge aufmerksam macht“, kommentiert Christoph Wanner. „Tina Turner hatte schon vor 45 Jahren Bluthochdruck, nahm dieses Risiko aber nicht richtig ernst. Infolge der Hypertonie erlitt sie einen Schlaganfall, woraufhin sie erfuhr, dass sich ihre Nierenfunktion, ebenfalls als Folge des unbehandelten Bluthochdrucks, auf 35 Prozent verringert hatte.“ Die Wahlschweizerin musste sich in der Folge einer Dialyse unterziehen und bekam schließlich von ihrem Mann, dem Kölner Musikproduzent Erwin Bach, eine Niere. 

„Ich habe mich in große Gefahr begeben, weil ich mich weigerte, der Realität ins Auge zu sehen, dass ich eine tägliche, lebenslange Therapie mit Medikamenten brauchte. Ich habe viel zu lang geglaubt, mein Körper sei eine unantastbare und unzerstörbare Bastion“, bedauert Tina Turner heute. Die Geschichte ihrer Nierenerkrankung ist Teil der Sensibilisierungskampagne und kann auf der eigens eingerichteten Website showyourkidneyslove.com gelesen werden. Darüber hinaus können sich hier Nierenkranke, Interessierte und politische Entscheidungsträger über die Funktion der Niere, chronische Niereninsuffizienz, Risikofaktoren, Präventionsmöglichkeiten sowie empfohlene Maßnahmen der EU-Politik informieren. Ziel ist es, das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig die Nieren im Gesamtkomplex Mensch sind und welche große Schäden Grunderkrankungen wie Bluthochdruck anrichten können.

Kennen Sie Ihr ABCDE-Profil? Albuminurie, Blutdruck, Cholesterin, Diabetes, estimated (geschätzte) glomeruläre Filtrationsrate! 

Bluthochdruck ist neben Diabetes die häufigste Ursache für eine chronische Nierenschwäche. Wer unter Bluthochdruck und/oder Diabetes leidet, sollten daher jedes Jahr sein ABCDE-Profil überprüfen lassen, denn es liefert Hinweise auf ein mögliches Risiko für Nieren-, aber auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. A steht für die Bestimmung des Eiweißes Albumin im Urin. Ein Urinschnelltest mit einem klassischen Urinstreifen gibt erste Hinweise auf eine beginnende Niereninsuffizienz. Noch genauer ist ein UACR-Test - Urin Albumin zu Creatinin-Ratio. Mit diesem sehr einfachen und sauberen Labortest wird das Verhältnis von Albumin- und Kreatininkonzentration im Urin gemessen. B steht für Blutdruck, C für Cholesterin, D für Diabetes und E für den eGFR-Status, also die geschätzte (estimated) glomeruläre Filtrationsrate (GFR). Die Menge Primärharn, die die Nieren filtern, wird anhand des Serumkreatinins, Alters, Geschlechts und der Hautfarbe geschätzt. Der Normalwert liegt bei 90 bis 130 Milliliter pro Minute.

Das ABCDE-Profil kann laut Wanner mit F für Fettleibigkeit fortgesetzt werden, auch ein N für Nikotin sollte auftauchen. Je eher die Risikofaktoren erkannt werden und behandelt werden, desto besser lassen sich eine daraus resultierende Nieren- aber auch Herzschwäche behandeln. Daher sollten nicht nur Risikopatienten, sondern jeder Mann ab 40 Jahren und jede Frau nach der Menopause oder ab 50 Jahren die Frage „Kennen Sie Ihr ABCDE-Profil?“ bejahen können und falls Handlungsbedarf besteht, entsprechend reagieren.

Informationen zur Kampagne liefern die Webseiten www.showyourkidneyslove.com/de/, ekha.eu und www.worldkidneyday.org

Weitere Informationen zur Nierengesundheit liefert ein kurzer Aufklärungsfilm der Europäischen Nierengesellschaft ERA auf der Präventionswebseite www.strongkidneys.eu.

Das Bild zeigt Tina Turner, die sich für die Nierenvorsorge starkt macht.
Die US-amerikanische Musiklegende und Nierenpatientin Tina Turner unterstützt die Kampagne showyourkidneyslove.com, um auf die vielfältigen Aufgaben der Nieren und den Schutz dieses lebenswichtigen Organs aufmerksam zu machen. Sie gesteht: „Ich hätte meine Nieren retten können. Etwas Wissen und ein einfacher Urintest hätten gereicht.“ © Xaver Walser courtesy Looping Group
Das Bild zeigt Christoph Wanner, der die Kampagne showyourkidneyslove mitinitiiert hat.
Christoph Wanner, Leiter der Nephrologie am Uniklinikum Würzburg und Präsident der europäischen Gesellschaft für Nephrologie (ERA), war maßgeblich an der Kampagne mit der Tina Turner beteiligt. © Daniel Peter / UKW
Die Grafik veranschaulicht das ABCDE-Profil
Jeder ab 50 und vor allem Risikopatientinnen und -patienten sollten ihr ABCDE-Profil kennen. Albuminurie, Blutdruck, Cholesterin, Diabetes, estimated (geschätzte) glomeruläre Filtrationsrate. © UKW
Christoph Wanner erklärt in dem Video, wie man seine Nieren schützen kann. © UKW

Wie Körper und Gehirn bei Angst zusammenspielen

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir Angst haben? Das Defense Circuits Lab am Uniklinikum Würzburg hat ein Rahmenkonzept erstellt, um die Ausprägung von Verhalten und körperlichen Anpassungen inklusive ihrer komplexen Dynamik zu charakterisieren und so die Gehirnaktivität bei Angst besser zu verstehen. Übergeordnetes Ziel ist die Erforschung neuer Therapieansätze bei Angsterkrankungen. Die Studie wurde im Nature-Magazin Nature Neuroscience veröffentlicht.

Hier wird in einer Grafik die Herzrate von Mäusen bei Lichtstimulationen gezeigt.
Die Grafik zeigt die durchschnittliche Herzrate von Mäusen, bei denen über einen Zeitraum von zehn Minuten fünfmal für zehn Sekunden Zellaktivität mittels Licht künstlich angeregt wurde. Hierzu wurde eine bestimmte Population von Nervenzellen im Mittelhirn mit lichtsensitiven Proteinen sogenannten Opsinen ausgestattet. Jede Lichtstimulation hat eine deutliche Reduzierung der Herzrate zur Folge, allerdings ist dieser Effekt stärker, je später die Stimulation in der zehnminütigen Aufzeichnung stattfindet. Das erklären sich die Forschenden durch den Einfluss eines übergeordneten Macrostates, die sogenannte „Rigidität“. Interessanterweise sieht die Verhaltensantwort - trotz unterschiedlicher kardialer Antworten - während allen Lichtstimulation genau gleich aus: Die Mäuse zeigen deutliches freezing-Verhalten (hier nicht gezeigt). © Defense Circuits Lab / UKW
Das Bild zeigt Philip Tovote (Mitte) und Mitarbeiter im Labor des Defense Circuits Lab
Ein Team des Defense Circuits Lab von Philip Tovote hat am Uniklinikum Würzburg ein Rahmenkonzept erstellt, um die Ausprägung von Verhalten und körperlichen Anpassungen inklusive ihrer komplexen Dynamik zu charakterisieren und so die Gehirnaktivität bei Angst besser zu verstehen. Übergeordnetes Ziel ist die Erforschung neuer Therapieansätze bei Angsterkrankungen. © Daniel Peter
Nina Schukraft am Mikroskop, im Hintergrund Jérémy Signoret-Genest.
Nina Schukraft konnte gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Defense Circuits Lab des UKW bestimmte Nervenzellen im Mittelhirn identifizieren, die für die Generierung einer typischen Angstreaktion in Mäusen verantwortlich sind. © Daniel Peter
Das Bild zeigt Jérémy Signoret-Genest am Mikroskop.
Der Biologe Jérémy Signoret-Genest ist gemeinsam mit Nina Schukraft Erstautor der Studie „Integrated cardio-behavioural responses to threat define defensive states“, die jetzt im Fachmagazin Nature Neuroscience publiziert wurde. © Daniel Peter

Flight, fight or freeze. Wegrennen, sich wehren oder vor Angst erstarren. Jeder reagiert anders auf eine Bedrohung. Das Verhalten hängt ganz davon ab, welche neuronalen Schaltkreise in unserem Gehirn aktiviert werden, um uns vor möglichen Schäden zu schützen. Das Defense Circuits Lab am Universitätsklinikum Würzburg beschäftigt sich vor allem mit dem Angstzustand. Wie verhalten wir uns, wenn wir Angst empfinden? Wie reagiert unser Körper darauf? Und wie hängen Emotion und physiologische Reaktion zusammen?

Rahmenkonzept für präzise Charakterisierung von Angstzuständen

„Obwohl die Neurowissenschaft schon länger an der Entschlüsselung von Angstzuständen und entsprechenden Behandlungsansätzen arbeitet, ist es noch nicht gelungen, ein einheitliches Bild zu gewinnen, das sowohl Verhaltensänderungen als auch physiologische Reaktionen und deren dynamisches Zusammenspiel während Angstzuständen beschreibt“, berichtet Prof. Dr. Philip Tovote, Leiter des Defense Circuits Lab und Kodirektor des Instituts für Klinische Neurobiologie. Eine Angstreaktion werde immer noch auf eine Verhaltensänderung reduziert wie etwa auf die Schockstarre, bei der die Bewegungen förmlich einfrieren, im Englischen freezing genannt. Die Änderung der Herzrate jedoch wurde nie als eine verlässliche Komponente zur Charakterisierung von Angstzuständen wahrgenommen, da die bisherige Studienlage keine einheitlichen Ergebnisse hervorbrachte.

Um Angst und die damit verbundenen oft übermäßig stark ausgeprägten körperlichen Reaktionen zu behandeln, ist es wichtig, das genaue Zusammenspiel von Körper und Gehirn besser zu verstehen. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen und treten oftmals im Zusammenhang mit kardiovaskulären und neurodegenerativen Erkrankungen wie etwa Parkinson oder Herzinsuffizienz auf“, erinnert Philip Tovote.

In der Tat hat auch Tovotes Team im Institut für klinische Neurobiologie bei Mäusen mit identischem Angstverhalten grundsätzlich verschiedene Herzraten beobachtet - mal waren sie erhöht, mal erniedrigt, mal unverändert. Diese zunächst scheinbar widersprüchlichen kardialen Reaktionen haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun in einem Rahmenkonzept zusammengefasst, welches die Einflüsse übergeordneter Zustände, sogenannter „Macrostates“ beschreibt und damit die unterschiedlichen Herzaktivitäten erklärbar macht. 

Gehirnnetzwerke, die für Angstzustände wichtig sind, besser verstehen

„Mit unserer Analyse ist es uns jetzt möglich, feine Abstufungen von verschiedenen Verhaltensänderungen, die zunächst gleich aussehen, aufgrund ihrer unterschiedlichen begleitenden Herzantworten zu erkennen“, freut sich Jérémy Signoret-Genest. Der Biologe ist gemeinsam mit Nina Schukraft Erstautor der Studie „Integrated cardio-behavioural responses to threat define defensive states“, die jetzt im Fachmagazin Nature Neuroscience publiziert wurde. Letztendlich könne diese präzise Charakterisierung von verschiedenen Ausprägungen von Angstzuständen dazu beitragen, Gehirnnetzwerke, die für die Entstehung von Angstzuständen wichtig sind, besser zu verstehen.

„Wir konnten bestimmte Nervenzellen im Mittelhirn identifizieren, die für die Generierung einer typischen Angstreaktion in Mäusen verantwortlich sind“, erläutert Nina Schukraft die Entdeckung. Dafür wurden neueste neurowissenschaftliche Methoden genutzt, die es erlauben mittels Licht die Aktivität ausgewählter Nervenzellen zu kontrollieren. Die genetischen Konstrukte für diese so genannten optogenetischen Versuche wurden dem Würzburger Team von einem Begründer der Optogenetik, Karl Deisseroth von der Stanford University (USA) zur Verfügung gestellt, 

Pathologische Angstzustände genauer erkennen und gezielter behandeln

Um das Rahmenkonzept auszuweiten und unterschiedliche Angstzustände voneinander abzugrenzen sollen in Zukunft weitere Parameter wie zum Beispiel Atemfrequenz und Temperatur in die Analyse aufgenommen werden. Die umfangreichen und komplexen Daten sollen mittels „unbiased clustering“-Ansätzen in Cluster mit ähnlichen Eigenschaften zusammengeführt werden. Und schließlich soll das Konzept der durch viele verschiedene Faktoren mit unterschiedlicher zeitlicher Ausprägung bedingten „States“ auch auf krankheitsrelevante Zustände, so genannte „Pathostates“ übertragen werden. Damit würde ein besseres Verständnis der mit Angststörungen verbundenen Erkrankungen und ihrer zeitlichen Dynamik einhergehen, welches neue und verbesserte Therapieansätze zulasse. „Eine durch unser Rahmenwerk integrierte Analyse der verschiedenen, dynamischen Angstreaktionen und deren Abhängigkeit voneinander, könnte dazu beitragen, pathologische Angstzustände genauer und individuell angepasst zu erkennen und letztendlich besser zu behandeln“, resümiert Philip Tovote. Er ist zuversichtlich: „Unsere enge Verzahnung mit der klinischen Forschung im Rahmen großer Verbundprojekte auf dem Feld der Neurologie und Psychiatrie ermöglicht uns die Umsetzung dieser Ziele.“

Förderungen

Diese Forschung im Defense Circuits Lab wurde maßgeblich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt, die eine Heisenberg-Professur und entsprechende Projektförderung für Philip Tovote finanziert (TO 1124/1,2,3]). Die Arbeiten zu den neuronalen Grundlagen der Schockstarre werden weiterhin von der DFG im Rahmen des Transregio-Sonderforschungsbereichs „Retune“, der sich mit den Mechanismen der Tiefenhirnstimulation beschäftigt, gefördert (TRR 295: [446022135], [446270539]). Des Weiteren unterstützt die Europäische Union im Rahmen des „Horizon 2020 research and innovation programme“ (Marie Skłodowska-Curie grant 956414), sowie die Brain and Behavior Foundation (Newe York, USA) die Arbeiten des Defense Ciruits Lab am Universitätsklinikum Würzburg. Sara L. Reis wurde mit einem Stipendium der Fundação para a Ciência e a Tecnologia aus Portugal gefördert.

Publikation: 

Signoret-Genest, J., Schukraft, N., L. Reis, S. et al. Integrated cardio-behavioral responses to threat define defensive states. Nat Neurosci 26, 447–457 (2023). doi.org/10.1038/s41593-022-01252-w