Ohne Leidenschaft geht es nicht

Barbara M. Braunger ist neue Professorin für Anatomie an der Universität Würzburg. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die Netzhaut. Sie sucht nach Wegen, den Verlust der Sehfähigkeit zu verhindern.

Sehen: Das ist vermutlich für jeden Menschen die wichtigste Sinneswahrnehmung, über die er verfügt. Die Sinneswahrnehmung Sehen beginnt in der Netzhaut, einem hoch spezialisierten Nervengewebe im hinteren Bereich des Auges. Um die Funktion der Nervenzellen der Netzhaut sicher zu stellen, ist auch eine ausreichende und gesunde Gefäßversorgung essentiell.

Erkrankungen der Gefäße des Auges, wie sie zum Beispiel bei der altersbedingten Makuladegeneration oder im Rahmen der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) vorkommen, können folglich zur Sehverschlechterung bis hin zur Erblindung führen. Auch genetische Ursachen einer Netzhautdegeneration, wie etwa im Fall der Retinopathia pigmentosa, führen zum Sehverlust.

Zwar kann der Verlauf dieser Erkrankungen mittlerweile zumindest teilweise therapeutisch abgemildert oder verzögert werden, verhindern kann man sie letztlich jedoch noch nicht. Denn bis heute sind die genauen Mechanismen, die zur Krankheitsausprägung führen, nicht vollständig verstanden.

Was Nervenzellen funktionsfähig hält

Dass es gar nicht so weit kommt, ist ein Ziel der Forschung von Barbara M. Braunger. Die Medizinerin ist neue Professorin am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Sie interessiert sich für Mechanismen, die für die Entwicklung und die Aufrechterhaltung von Gefäßen verantwortlich sind, sowie für neurodegenerative Erkrankungen des Auges. Beide Bereiche hängen eng zusammen: „Es geht immer um Struktur und Funktionalität der Netzhaut und um die Frage, was Nervenzellen funktionsfähig hält. Da gehören Gefäße zwangsläufig dazu“, sagt sie.

Sowohl die altersbedingte Makuladegeneration als auch die diabetische Retinopathie und die Retinopathia Pigmentosa zählen zu Braungers Forschungsschwerpunkten. Ihr Ziel ist es, auf molekularer Ebene  diejenigen Signalwege zu identifizieren, die das Augenlicht schützen. „Meine Forschung sucht nach dem Anfang dieser krankhaften Prozesse, sozusagen dem Stein, der alles ins Rollen bringt“, sagt sie. Wenn es gelinge, diesen Stein zu entdecken und zu stoppen, ließen sich möglicherweise alle folgenden Komplikationen verhindern.

Von der Klinik in die Wissenschaft

Barbara Braunger hat von 1998 bis 2005 Humanmedizin an der Universität Ulm studiert. Von dort wechselte sie zunächst in die Klinik – als Assistenzärztin an der Universitäts-Augenklinik in Erlangen – um sich zwei Jahre später der Wissenschaft zuzuwenden, zunächst als naturwissenschaftliche Doktorandin und anschließend Postdoktorandin am Lehrstuhl für Humananatomie und Embryologie der Universität Regensburg.

„Ich habe mich schon früh im Studium für Wissenschaft interessiert und mich deshalb auch für eine experimentelle Doktorarbeit entschieden“, sagt die Anatomin. In ihrer Promotion hat sie sich mit der Genetik des Prostatakrebs‘ befasst. Die Arbeit im Labor habe ihr so gut gefallen, dass schnell klar war: In diese Richtung soll es weitergehen. Als sich abzeichnete, dass der Spagat zwischen ärztlicher Tätigkeit in der Klinik und anspruchsvoller Forschung im Labor auf Dauer nicht mit der von ihr gewünschten Intensität durchzuhalten sei, habe sie deshalb der Wissenschaft den Vorzug gegeben.

Den passenden Ort dafür fand sie an der Universität Regensburg; dort bildeten Anatomie und Physiologie der Augen einen Forschungsschwerpunkt. Dazu passend untersuchte Braunger in ihrer zweiten, naturwissenschaftlichen Doktorarbeit die neuroprotektive Wirkung eines speziellen Proteins auf Photorezeptoren von Säugetieren. In ihrer Habilitation (2014) untersuchte sie den Einfluss des TGF-β-Signalwegs im Auge und forschte dafür am Schepens Eye Research Institute der Harvard Medical School in Boston (USA).

Für ihre Forschungsarbeiten wurde Barbara M. Braunger mehrfach ausgezeichnet; unter anderem mit dem Retina-Förderpreis der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, dem Nachwuchspreis der Anatomischen Gesellschaft 2014 sowie dem Makula Forschungspreis 2014 der Pro Retina Deutschland e. V. zur Verhütung von Blindheit.

Würzburg bietet ein exzellentes Umfeld

Im November 2017 folgte der Wechsel an die Universität Würzburg – zunächst vertretungsweise und seit April 2019 als reguläre Professorin. „Ich bin sehr glücklich, dass es Würzburg geworden ist“, sagt Braunger. Zum einen passe das Forschungsumfeld sehr gut zu ihren Bereichen: Die JMU biete ein exzellentes Umfeld, um hier ihre Themen weiter zu verfolgen und neue, spannende Projekte zu entwickeln; an Uni und Uniklinik gebe es zahlreiche Arbeitsgruppen und Forschungszentren, mit denen sie sich Kooperationen vorstellen könne. Zum zweiten gefalle ihr die Stadt sehr gut – ihre angenehme Atmosphäre und positive Energie: „Hier fühle ich mich wohl.“

Was die Lehre angeht, hat sich die Anatomin das langfristige Ziel gesetzt, die Studierenden zum selbstmotivierten Lernen zu bewegen und sie zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Fach anzuleiten. „Da ich selbst Medizinerin bin und als Ärztin klinisch tätig war, versuche ich meinen Anatomieunterricht stets so zu gestalten, dass zunächst die anatomischen Fakten besprochen werden und anschließend die Relevanz des eben vermittelten Wissens im Hinblick auf die spätere klinische Tätigkeit eingeordnet wird“, sagt sie.

Ohne Leidenschaft geht es nicht

Ist es sinnvoll, wenn angehende Ärztinnen und Ärzte im Studium zuerst in Kontakt mit Leichen kommen – lange bevor sie auf reale Patienten treffen? Dieser immer mal wieder aufflackernden Diskussion kann Barbara Braunger wenig abgewinnen. Die Arbeit im Team im sogenannten „Makroskopisch-Anatomischen Kurs“, das Einüben manueller Fähigkeiten beim Präparieren, die konkreten Erfahrungen im Dreidimensionalen sollten Studierende ihrer Meinung nach „je früher desto besser“ erleben.

Und welche Eigenschaften sollten Studierende mitbringen, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen wie sie? „Man muss brennen für die Wissenschaft und Leidenschaft für ein Thema mitbringen“, sagt sie. Denn dieser Weg sei nicht immer einfach, aber die Belohnung dafür stelle sich dann ein, wenn man einen Durchbruch erzielt, Dinge versteht, die vorher unverständlich waren. „Dann fügt sich alles zusammen“, sagt sie.

Kontakt

Prof. Dr. Dr. Barbara Braunger, Institut für Anatomie und Zellbiologie
T: +49 931 31-84387, barbara.braunger@ uni-wuerzburg.de