Universitätsmedizin Würzburg: Breite Forschungsleistung zu Corona-Themen

Würzburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler informierten Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler über aktuelle Themen und Erfolge ihrer Corona-Forschung.

Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler war in den vergangenen Monaten bei allen bayerischen Universitätsklinika zu Gast, um sich über neue Erkenntnisse und Forschungsprojekte zum Corona-Virus und zur Pandemie zu informieren. Das letzte Ziel seiner Besuchsreihe war heute Würzburg. Im dortigen Rudolf-Virchow-Zentrum erläuterten ihm Forscherinnen und Forscher der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und des Uniklinikums Würzburg (UKW) ausgewählte Beispiele ihrer Arbeit nahe an der klinischen Anwendung. Der Minister zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Würzburger Hochschulmedizin: „Ihre Arbeit liefert lebensrettende Erkenntnisse. Das hat sich heute erneut in beeindruckender Weise gezeigt.“

Nach einer Begrüßung durch Prof. Dr. Jens Maschmann, dem Ärztlichen Direktor des UKW, verdeutlichte Prof. Dr. Matthias Frosch, der Dekan der Medizinischen Fakultät der JMU, in seiner Einleitung, dass die in Würzburg bisher erzielten, schnellen Erfolge in der Covid-Forschung zum großen Teil darauf beruhen, dass die Infektionsforschung am Standort seit Jahrzehnten einen Schwerpunkt bildet. „So hatten wir gleich zu Beginn der Pandemie die richtigen Strukturen und Persönlichkeiten vor Ort“, betonte Frosch. Ein weiterer für die wissenschaftliche Arbeit extrem förderlicher Faktor sei die enge Zusammenarbeit universitärer Arbeitsgruppen mit dem Würzburger Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI).

 

Interaktionen zwischen Virus und Zelle verstehen

In einer solchen Verbindung wurden zum Beispiel die direkten Interaktionen zwischen dem Corona-Virus und den von ihm befallenen Zellen untersucht. Prof. Dr. Jörg Vogel, der am HIRI die Arbeitsgruppe „RNA-Biologie bakterieller Infektionen“ leitet, erläuterte dem Minister, dass ein interdisziplinäres und institutionsübergreifendes Forschungsteam in der menschlichen Zelle 18 Wirtsproteine identifizieren konnte, die während einer SARS-CoV-2-Infektion eine wichtige Rolle spielen. „Hier bieten sich mögliche Angriffspunkte für antivirale Medikamente“, beschrieb der Professor einen wichtigen translationalen Ansatz aus diesen Erkenntnissen.

 

Viel effizienter testen

Die meisten herkömmlichen molekularbiologischen Diagnostikverfahren, beispielsweise PCR-Tests, weisen in der Regel nur einen einzigen krankheitsbezogenen Biomarker nach. Vor dem Hintergrund eines sich immer wieder verändernden Virus und neuer Virusvarianten wäre es allerdings höchst wertvoll, ein Verfahren nutzen zu können, das möglichst viele krankheitsbezogene Biomarker in nur einem Test nachweist. Prof. Dr. Cynthia Sharma vom Institut für Molekulare Infektionsbiologie der JMU zeigte auf, dass ein Team aus Grundlagenforschung, Translation und Anwendung im Projekt LEOPARD dabei ist, eine solche, gänzlich neue Diagnostikplattform zu entwickeln. Das Verfahren hat nach Einschätzung der Wissenschaftlerin das Potenzial, nicht nur die medizinische Diagnostik von Infektionskrankheiten, sondern auch von Krebs und seltenen genetischen Erkrankungen zu revolutionieren.

 

Bedürfnisse von Kindern und Eltern erkennen

Ganz nah ans tägliche Leben vieler Familien heran rückte die Studie WÜ-KiTa-CoV: Um die Umsetzbarkeit und langfristige Akzeptanz verschiedener Testkonzepte in Betreuungseinrichtungen zu vergleichen, waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Würzburger Universitätsmedizin in neun Würzburger Kitas aktiv. Dort testeten sie Kinder und Betreuungspersonal während der zweiten Coronawelle regelmäßig auf eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus. „Ein zentrales Ergebnis der Studie war: Kommen nicht invasive Testmethoden wie die Abgabe von Mundspülwasser zum Einsatz, wird das regelmäßige Testen sowohl vom Betreuungspersonal als auch von den Kindern auch langfristig gut akzeptiert“, berichtete Prof. Dr. Oliver Kurzai vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der JMU bei der Informationsveranstaltung. Außerdem steigert nach seinen Worten nur die regelmäßige Testung das Sicherheitsgefühl der Eltern und baut Ängste ab. Minister Sibler kommentierte anerkennend, dass die Studie WÜ-KiTa-CoV bereits als Grundlage für die Entscheidungsfindung in der Politik gedient habe.

 

Eine breite Wissensgrundlage schaffen

Als Teil des bundesweiten Corona-Krisenmanagements wurde im April 2020 das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) gegründet. Dieses soll dazu beitragen, die Covid-19-Forschung an den 36 deutschen Universitätsklinika besser zu koordinieren. Von den hierbei ins Leben gerufenen 13 Verbundprojekten ist die Würzburger Universitätsmedizin an elf beteiligt. Prof. Dr. Peter Heuschmann fokussierte sich in seinem Vortrag auf das NUM-Projekt NAPKON. „Mit dem Nationalen Pandemie Kohorten Netz wird eine hochqualitative Arbeitsgrundlage für die Corona-Forschung geschaffen“, sagte der Vorstand des Instituts für klinische Epidemiologie und Biometrie der JMU. Die Uniklinika und Partner aus anderen Gesundheitssektoren wollen dazu rund 8000 Corona-Infizierte und -Erkrankte über den gesamten Krankheitsverlauf intensiv beobachten, umfassend klinische Daten und Bioproben sammeln und jede Besonderheit erfassen.

 

Long-Covid-Medikation überprüfen

Bei geschätzt jedem zehnten mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen treten langfristige Symptome auf, die mehrere Wochen oder Monate andauern können. Hierfür haben sich die Begriffe „Long-Covid“ oder „Post-Covid-Syndrom“ eingebürgert. Unter der Annahme, dass Gewebeschäden und chronische Entzündungsprozesse ein solches Syndrom verursachen, werden oft entzündungshemmende Wirkstoffe, wie Prednisolon, eingesetzt. Außerdem legen die häufig auftretenden neurologischen Symptome eine Behandlung mit bestimmten B-Vitaminen nahe, die das Nervensystem unterstützen. „Die Wirksamkeit solcher Behandlungsansätze ist bisher jedoch nicht wissenschaftlich belegt. Diese Lücke wollen wir mit dem Projekt PreVitaCOV schließen“, kündigte Prof. Dr. Ildikó Gágyor an. Als eine der beiden Leiterinnen des Instituts für Allgemeinmedizin des UKW koordiniert sie das im Februar dieses Jahres startende Verbundvorhaben. Ein Wesenszug von PreVitaCOV ist nach ihren Angaben die starke Beteiligung hausärztlicher Praxen als Partner einer ambulanten Forschung.

 

Corona-Forschungsprojekte in ganz Bayern umfangreich gefördert

Nach diesem weiten Themenbogen lobte der Wissenschaftsminister: „Unsere Klinika und Medizinischen Fakultäten sind mit ihren innovativen Forschungsprojekten und neuen präventiven und therapeutischen Ansätzen Rückgrat und Speerspitze gegen das Virus..“ Passend zu der herausragenden und innovativen Rolle, welche die Hochschulmedizin im Kampf gegen Corona spiele, habe sein Ministerium seit Beginn der Pandemie insgesamt 21 Millionen Euro zusätzlich für Corona-Forschungsprojekte der bayerischen Hochschulmedizin zur Verfügung gestellt. Zudem werde auch der vom Wissenschaftsministerium eingerichtete Forschungsverbund FOR-COVID für weitere drei Jahre mit rund 2,4 Millionen Euro gefördert. Die Mitglieder des Forschungsverbunds kommen aus verschiedenen Fachdisziplinen wie der Virologie, aber auch der Tiermedizin. In Zukunft soll der Verbund nicht nur das Coronavirus erforschen, sondern auch die Voraussetzungen für einen besseren Umgang mit zukünftigen Pandemien stärken.

Bernd Sibler nutzte seinen Besuch in Würzburg auch, um sich beim Personal des UKW zu bedanken: „Sie leisten in dieser sehr angespannten Lage herausragende Arbeit, um die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten hochkompetent sicherzustellen. Dafür meinen herzlichen Dank!“