"Es gibt kein Grundrecht auf TikTok"

Marcel Romanos über die Zunahme psychischer Krisen bei Kindern

Die psychische Gesundheit von Kindern ist unter Druck. Marcel Romanos fordert strengere Regeln für Social Media, inklusive eines Verbots für Unter-14-Jährige, um sie vor Sucht und Cybergrooming zu schützen. Ein Interview von Daniel Staffen-Quandt (epd) mit dem Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW anlässlich des Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Marcel Romanos ist stellvertretender Präsident der DGKJP und Kongresspräsident. 

Würzburg (epd). Die psychische Verfassung der jungen Menschen hierzulande ist besorgniserregend. Trotz einer Verdreifachung der Zahl der Fachärzte seit dem Jahr 2000 steigt die Belastung von Kindern und Jugendlichen stetig an - ein Trend, der sich nach der Corona-Pandemie verfestigt hat. Marcel Romanos, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Würzburg, sieht in den Krisen der Welt und in der Digitalisierung Gründe dafür. Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) befasst sich unter der Überschrift «Entwicklungsaufgaben: Kind - Versorgung - Gesellschaft» vom 22. bis 25. April in Würzburg ebenfalls mit dem Themenkomplex.

Wie ist es um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen bei psychischen Problemen oder Erkrankungen hierzulande bestellt? Gibt es wirklich eine Unterversorgung?

Wenn man es positiv betrachtet, haben wir in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland eine flächendeckende ambulante und stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung etablieren können. Es gibt natürlich immer mal wieder Lücken, aber wir haben die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte seit dem Jahr 2000 in Deutschland verdreifacht. Auch die psychotherapeutische Versorgung hat sich verbessert. Wir sehen aber auf der anderen Seite, dass die Inanspruchnahme deutlich gestiegen ist. Und auch die schwere der Erkrankungen nimmt zu - das zeigt sich etwa an der hohen Zahl an Notfallvorstellungen, also stark belastete Kinder und Jugendliche, bei denen es um eine Selbst- oder Fremdgefährdung geht.

Die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in,Deutschland befindet sich also in einer Art «Abwärtstrend»? Wie ist es dazu gekommen?

Was wir national und international sehen, ist, dass diemBelastungen tatsächlich hochgehen. Diese sind während der,Corona-Pandemie dramatisch gestiegen, haben sich aber auch danachmnicht wieder auf das vorherige Niveau eingependelt. Weshalb das somist, dazu gibt es vielfältige Überlegungen. Wir leben in Zeiten großer Unsicherheiten: zum einen die wirtschaftliche Entwicklung, die politische Weltlage, Kriege auf europäischem Boden, die Klimakrise. Diese Unsicherheiten erfassen auch Kinder und Jugendliche. Ein anderer Grund, den wir noch überhaupt nicht gut im Griff haben, ist der Einfluss von Social Media.

Krisen gab es aber schon immer, aber dieses «unbeschwertenKindsein» scheint heutzutage schwerer, weil Medien dauerhaft auf einen einströmen. Ist das ein zentraler Aspekt?

Ja. Digitale Medien können positive Aspekte haben, aber wir sehen, dass Social Media bei Kindern und Jugendlichen deutlich mehr Probleme macht, als dass es Nutzen bringt. Ein Punkt sind die Inhalte: Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten oder Suizidalität können Kinder emotional beeinträchtigen. Wenn sie einmal in Social Media damit in Kontakt kommen, füttert der Algorithmus sie kontinuierlich mit negativen Inhalten, wodurch Kinder tatsächlich krank werden können. Auf der anderen Seite haben wir ein Verhaltensproblem: Neuen Studien zufolge zeigt bereits ein Viertel der Kinder in Deutschland ein Konsummuster bei Social Media, das sie zur Suchtverhalten-Risikogruppe macht. Sie stehen kurz vor einer klinischen Diagnose.

Dient Social Media dann als eine Art digitale Einstiegsdroge - oder anders gefragt: Welche Kinder und Jugendliche sind von Social Media am Ende besonders suchtgefährdet?

Wir wissen, dass beispielsweise Kinder mit ADHS, traumatischen Erlebnissen oder Angsterkrankungen eine höhere Suchtgefahr haben. Jedes Kind, das eine psychische Erkrankung entwickelt, hat ein deutlich höheres Risiko, eine weitere Pathologie zu entwickeln, also auch eine Suchterkrankung. Wir haben als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Kinder vor schädlichen Inhalten und Nutzungsmustern, aber auch vor kriminellen Phänomenen wie Cybergrooming zu schützen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass 25 Prozent der Kinder mit Social-Media-Zugang sagen, schon einmal von fremden Erwachsenen zu einem «echten» Treffen aufgefordert worden zu sein. Jedes fünfte Kind sollte zudem schon einmal Bilder von sich an Fremde schicken. Das können wir nicht ignorieren! Wir müssen Kinderschutz im Netz genauso ernst nehmen wie in Schulen oder Vereinen. 

Für viele Eltern ist es unglaublich schwer, konsequent Grenzen bei der Nutzung digitaler Angebote zu setzen. Wären klare Altersgrenzen, etwa ab 16 Jahren, sinnvoller?

Das ist ein wichtiger Punkt, denn es gibt kein Grundrecht auf TikTok. Viele Eltern haben Schwierigkeiten, sich pädagogisch durchzusetzen, und fühlen sich dabei ineffizient und überfordert. Wir sind uns sicher, dass normative Vorgaben wie Verbote und Altersgrenzen von vielen Eltern willkommen geheißen würden, weil sie dadurch entlastet werden. Viele Fachleute und auch ich persönlich unterstützen solche Verstöße! Die DGKJP hat eine ganz klare fachliche Empfehlung zu dem Thema abgegeben und ist damit an die Politik herangetreten: Vor dem 14. Lebensjahr sollte Social Media für Kinder und Jugendliche überhaupt nicht zugänglich sein.

Zählen dazu auch Messengerdienste wie WhatsApp?

Ich will gar nicht über einzelne Messenger reden. Es gibt da einen Konflikt, weil Eltern ihre Kinder oft rund um die Uhr erreichen wollen. Wir empfehlen aber auch, dass es in Schulen keine privaten Geräte geben sollte. Wenn im Unterricht Geräte benötigt werden, um dort etwa Medienkompetenz zu lernen, sollten das Schulgeräte sein, die engmaschig kontrolliert werden. Bei offenen Plattformen gibt es einfach zu viele Gefahren, die man nicht ignorieren kann. (0000/19.04.2026)

Informationen  zum Kongress unter: https://www.dgkjp.de/kongress-und-veranstaltungen/dgkjp-kongress/

Porträtfoto von Marcel Romanos im dunkeln Anzug und mit dunkler Krawatte im Flur des Zentrums für Psychische Gesundheit
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Kongresspräsident.

Prof. Dr. Marcel Romanos ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Kongresspräsident.

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