Christina Borgel

Humanbiologin und Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Dr. Karl Petri am Institut für Zelluläre Immuntherapie

Christina Borgel (27) wuchs in einem Dorf in der Pfalz auf, studierte Humanbiologie an der Philipps-Universität Marburg und machte sowohl ihren Bachelor als auch ihren Master in der Tumorbiologie. Seit November 2024 promoviert sie in der Arbeitsgruppe von Dr. Karl Petri am Institut für Zelluläre Immuntherapien, das zur Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW gehört. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, mithilfe moderner CRISPR-Technologien die Sicherheit und Wirksamkeit von CAR-T-Zelltherapien zu verbessern und ihre klinische Anwendbarkeit zu erweitern. 

Was wolltest Du als Kind werden?

Fußballprofi. Ich bin über meinen großen Bruder zum Fußball gekommen und habe lange in meinem Heimatverein bei den Jungs gespielt und ein Jahr lang in Niederkirchen in einer Mädchenmannschaft, am liebsten im zentralen Mittelfeld. In der B-Jugend habe ich dann aufgehört.

Wie bist Du dann zur Humanbiologie gelangt?

Mich hat schon immer interessiert, wie der menschliche Körper funktioniert. So bin ich zur Humanbiologie gekommen. Später fand ich auch den Einfluss der Ernährung auf stoffwechselbedingte Krankheiten und Tumorerkrankungen faszinierend.

Wie bist Du nach Würzburg gekommen?

Marburg, wo ich studiert habe, hat mir schon richtig gut gefallen. Aber für den PhD wollte ich eine neue Stadt sehen, die ebenfalls nicht so groß ist, nah an der Natur und nicht ganz so weit weg von meiner Familie und meinen Freunden. Dann bin ich über eine Stellenausschreibung auf die biomedizinische Stelle am UKW aufmerksam geworden. Die passte sehr gut zu meinen Vorstellungen.

Dein Arbeitsgruppenleiter, Karl Petri, arbeitet mit CRISPR-Methoden. Hast Du diesbezüglich Erfahrungen?

Ja, ich habe bereits in meiner Masterarbeit mit CRISPR und Prime Editing gearbeitet. Der Forschungsschwerpunkt lag dabei auf TP53, dem am häufigsten mutierten Gen bei Krebserkrankungen. Für meine Promotion wollte ich mich noch stärker in Richtung translationale Forschung bewegen, also von der Grundlagenforschung näher an die klinische Anwendung kommen. Die Kombination aus CRISPR-Technologien und CAR-T-Zelltherapie, auf denen der Fokus am Institut für Zelluläre Immuntherapien liegt, hat mich deshalb direkt angesprochen.
 

Karl Petri leitet am UKW eine Emmy Noether-Forschungsgruppe zum Thema „Prime-CAR Inspection“, deren Aufbau von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Prime steht für die CRISPR 2.0-Methode CRISPR Prime Editing, die den gezielten und programmierbaren Einbau von DNA-Veränderungen in die therapeutischen T-Zellen ermöglicht. CAR steht für den chimären Antigenrezeptor, mit dem die körpereigenen T-Zellen der Patientinnen und Patienten ausgestattet werden und der den Immunzellen hilft, charakteristische Oberflächenmoleküle von Krebszellen zu erkennen und diese gezielt zu bekämpfen. Inspection steht für die Sicherheitsvalidierung neuer Geneditierungsverfahren mit Hilfe modernster molekularer Diagnostik.

Woran arbeitest Du konkret?

Ich arbeite daran, die neue CRISPR-Technologie Prime Editing für den Einsatz in primären T-Zellen zu optimieren. Karl hat es mal so erklärt: Wenn man CRISPR-Cas9 als DNA-Schere bezeichnet, mit der man selektiv Genfunktionen ausschalten kann, dann ist Prime Editing vergleichbar mit Radiergummi und Bleistift, mit denen man DNA gezielt umschreiben kann. In meiner Forschung geht es zunächst darum, die Methode besser zu verstehen und weiterzuentwickeln. Im besten Fall führt das am Ende zu einem besseren CAR-T-Zell-Produkt, von dem langfristig auch Patientinnen und Patienten profitieren können.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite viel im Labor und nutze dabei verschiedene molekular- und zellbiologische Methoden. Es macht definitiv Spaß, den Kittel anzuziehen und ins Labor zu gehen. Mein Arbeitsalltag besteht aber aus viel mehr als nur Laborarbeit: Ich plane Experimente, werte Ergebnisse aus, teilweise auch mit bioinformatischen Methoden, recherchiere Literatur oder bereite Präsentationen vor. An manchen Tagen stehe ich fast durchgehend im Labor, an anderen sitze ich hauptsächlich am Schreibtisch. Für mich ist es gerade diese bunte Mischung, die die Arbeit ausmacht.

Was bedeutet Forschung für Dich persönlich?

Forschung ist nicht nur mit Freude verbunden. Wie gehst Du mit Rückschlägen und Frust um?

Natürlich funktioniert ein Experiment nicht immer so, wie man es sich vorgestellt hat. Dann kommt das sogenannte Troubleshooting: Man muss herausfinden, wo das Problem liegt und wie man es lösen kann. Dabei hilft es sehr, sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und deren Erfahrungen und Perspektiven einzubeziehen. Auch bei der Etablierung von Methoden muss an vielen Stellschrauben gedreht werden, um gute Bedingungen zu finden. Auch das geht mit Experimenten einher, die nicht immer auf Anhieb funktionieren. Man muss ein gewisses Durchhaltevermögen entwickeln. Gleichzeitig ist es wichtig, die Leichtigkeit nicht zu verlieren. Wenn alles funktionieren würde und man vorher schon alles wüsste, bräuchte man schließlich keine Forschung.

Was hilft dir, wenn etwas nicht funktioniert?

Der Austausch mit anderen hilft mir sehr. Auch positives Feedback motiviert mich. Man muss auch kleine Erfolge feiern. Und manchmal hilft es mir auch, einfach kurz aus der Situation herauszukommen. Sport ist für mich ein guter Ausgleich. Am liebsten gehe ich radeln oder laufen oder spiele Roundnet. Aber auch ein Spaziergang hilft mir. Dieser Ausgleich ist wichtig, um sich kurz zu erden und dann wieder zurückzukommen.

Hast Du Vorgaben, oder entwickelt Ihr das Projekt gemeinsam weiter?

Karl hatte von Anfang an eine Idee, aber wie wir die einzelnen Projekte angehen, das ist ein Prozess. Denn wir treffen immer wieder auf neue Herausforderungen. Das macht Forschung aus. Und das ist das Schöne an der Forschung. Wir sind ständig im Austausch und finden gemeinsam Lösungen für Probleme. Dafür gibt es regelmäßige Arbeitsgruppentreffen und 1:1-Meetings mit Karl, aber natürlich auch immer wieder zwischendurch die Gelegenheit für Gespräche. Wir werden sehr gut und intensiv betreut, und das schätze ich sehr.

Was motiviert Dich?

Zum einen motiviert mich die Relevanz der Erkrankung, zahlreiche Menschen sind von Krebs betroffen. Deshalb motiviert mich auch der translationale Kontext meiner Forschung. Ich mache zwar Grundlagenforschung, aber gleichzeitig besteht die Perspektive, dass Forschung später in die Klinik kommen kann. Für mich geht es bei der Promotion aber nicht nur um den Abschluss. Es ist auch eine Erfahrung, bei der ich viel lerne und mich persönlich weiterentwickle. Vor allem habe ich Lust, mich mit dieser Thematik zu beschäftigen, weil sie mich wirklich interessiert. Auch das Umfeld spielt für mich eine wichtige Rolle. Mich motiviert, wie gesagt, positives Feedback und die Erkenntnis, dass sich Durchhalten lohnt.

Hast Du schon einmal Nachteile nur aufgrund Deines Geschlechts erfahren?

Ich glaube, dass viele Frauen Situationen kennen, in denen sie aufgrund ihres Geschlechts anders wahrgenommen oder behandelt werden. Ich habe zum Beispiel manchmal den Eindruck, dass junge Männer eher über- und junge Frauen eher unterschätzt werden. Ich würde mir hier mehr Unvoreingenommenheit wünschen.

Du stehst noch am Anfang Deiner Karriere. Wie blickst Du auf die Geschlechterverteilung, die mit jeder Stufe oft ungerechter wird?

Es ist erschreckend, dass wir Frauen im Studium in der Überzahl sind, aber in Führungspositionen in der Unterzahl. Die Quote ist so eine Sache, denn das Ziel ist ja, dass wir sie eines Tages nicht mehr benötigen. Aber im Moment benötigen wir Frauen einfach fairere Voraussetzungen, um oben mitzumischen. Dazu gehört auf jeden Fall ein Perspektivwechsel. Wir dürfen nicht in alten Mustern hängen bleiben. Es braucht mehr sichtbare Frauen, die auch als Vorbilder dienen.

Haben Dich Dein großer Bruder und das Fußballtraining mit Jungen geschult, Dich zu behaupten und für Deine Interessen einzustehen?

Ja, auf jeden Fall. Durch den Fußball habe ich zum Beispiel gemerkt, dass manche Menschen aufgrund des Geschlechts eine voreingenommene Meinung haben. Dabei sind Mädels gerade in jungen Jahren nicht automatisch schlechter als Jungs. Ab der D-Jugend oder C-Jugend werden die Jungs zwar peu à peu schneller, aber gerade im Fußball kann man einiges ausgleichen, wenn man technisch stark ist. Man darf sich nur nicht unterkriegen lassen.

Welche Tipps kannst Du Mädchen und Frauen geben?

Steht für euch ein. Seid sichtbar, schafft Räume füreinander und unterstützt euch gegenseitig. Wissenschaft profitiert von Vielfalt und unterschiedlichen Perspektiven.

Wie sieht es mit Vorbildern aus?

Unter den Forscherinnen ist meine ehemalige Betreuerin aus der Masterarbeit, Nastasja Merle, ein großes Vorbild für mich. Sie ist großartig, menschlich super angenehm und fachlich extrem kompetent. Ihre Art der Betreuung hat mich sehr geprägt.

Wie lässt sich der Nachwuchs für Forschung begeistern?

Es ist wichtig, etwas Spannendes zu vermitteln. Ein interessantes Experiment in der Schule kann schon viel ausmachen. Ich habe zum Beispiel in der Oberstufe ein zweiwöchiges Praktikum in einem Biologielabor gemacht, was ich sehr cool fand. Es geht vor allem um positive Erfahrungen. Und hier haben die Lehrenden einen großen Einfluss darauf, wie sehr sie den Nachwuchs für etwas begeistern können.

Wenn Du drei Wünsche frei hättest – welche wären das?

Ich wünsche mir, dass ich immer an etwas arbeiten kann, das mir Spaß macht und mich in meiner Entwicklung weiterbringt und idealerweise einen Impact auf die Gesellschaft hat. Dann wünsche ich mir, dass Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht unvoreingenommen beurteilt werden, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen und sich mehr zutrauen. Persönlich wünsche ich mir Gesundheit.

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