News aus der Forschung

Unheilvoller Fehlalarm in der Niere

Wie ein kleines, natürlich vorkommendes RNA-Molekül in der Niere einen mutierten Immunrezeptor aktiviert und damit eine Kettenreaktion auslöst, haben Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn herausgefunden. In Zusammenarbeit unter anderem mit der Nanyang Technological University Singapore und des Universitätsklinikums Würzburg liefert die Studie eine Erklärung dafür, wie eine Punktmutation in dem Immunrezeptor RIG-I das Abwehrsystem des Körpers in eine selbstzerstörerische Kraft verwandelt und eine schwere organspezifische Autoimmunerkrankungen verursacht. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Science Immunology“ veröffentlicht.

Das bild ist eine Collage und zeigt Takahiro Higuchi im Labor, daneben wurde ein freigestelltes Porträt von Benjamin Heil gesetzt, das sich in die Umgebung einfügt.
Beitrag aus der Würzburger Nuklearmedizin: Prof. Takahiro Higuchi, Direktor für präklinische Bildgebung, und Benjamin Heil, technischer Assistent, trugen zur Aufklärung des molekularen Mechanismus für tödliche Nephritis bei. Die Arbeit legt den Grundstein für klinische Entwicklungen, die durch die fortgesetzte molekulare Bildgebung weiter vorangetrieben werden soll. © Collage / Daniel Peter und privat / UKW

Bonn/Würzburg. RIG-I ist ein wichtiger Sensor im angeborenen Immunsystem, der virale RNA erkennt und die antivirale Abwehr aktiviert. Bestimmte Veränderungen im Erbgut, fachsprachlich Mutationen, können RIG-I jedoch überempfindlich machen, sodass der Immunrezeptor die körpereigene RNA mit viralen Eindringlingen verwechselt. Ein internationales Forschungsteam unter Bonner Leitung und mit Würzburger Beteiligung fand heraus, dass Mäuse, die eine mit Patienten assoziierte RIG-I-E373A-Mutation aufwiesen, spontan eine lupusähnliche Nephritis entwickelten, eine schwere und oft tödliche Nierenentzündung. Im Gegensatz zum klassischen Lupus, bei dem es aufgrund von Ablagerungen von Immunkomplexen zu Entzündungen kommt, entstand die Erkrankung bei diesen Mäusen durch eine direkte Nierenentzündung, die durch das mutierte RIG-I ausgelöst wurde.

Versteckte, gewebsspezifischer Aktivator von Autoimmunentzündungen

Weitere Untersuchungen zeigten, dass eine kurze, nicht-kodierende RNA, bekannt als Y-RNA, die in der Niere stark gebildet wird, direkt an das mutierte RIG-I bindet und dessen abnormale Aktivierung auslöst. „Wir haben entdeckt, dass Y-RNA wie ein Fehlalarm für den mutierten RIG-I-Rezeptor wirkt, insbesondere in Nierenzellen“, sagt Korrespondenzautor Prof. Hiroki Kato, Direktor des Instituts für Kardiovaskuläre Immunologie am Universitätsklinikum Bonn (UKW) und Mitglied des Exzellenzclusters ImmunoSensation2 der Universität Bonn. „Diese lokale Fehlfunktion des Immunsystems löst eine schwere Entzündung aus, die der menschlichen Lupusnephritis ähnelt.“

Von molekularen Erkenntnissen zum Krankheitsmechanismus

„Mithilfe fortschrittlicher molekularer und struktureller Analysen konnten wir zeigen, dass die RIG-I-E373A-Mutante auf ungewöhnliche Weise an Y-RNA bindet, was selbst ohne Virusinfektion zur Aktivierung des Rezeptors führt“, sagt Erstautorin Saya Satoh, Doktorandin der Universität Bonn in der Arbeitsgruppe von Prof. Kato am UKB. „Diese abnorme Aktivierung veranlasste die Nierenzellen, große Mengen an Interferonen und Chemokinen zu produzieren, wodurch Immunzellen angezogen und Entzündungen ausgelöst wurden.“ Die Forschenden konnten aber auch ein potenzielles therapeutisches Ziel aufspüren: Eine Blockierung des so genannten CCR2-Signalwegs, der Monozyten, die zu den weißen Blutkörperchen gehören, rekrutiert, reduziert die Nierenentzündung bei den betroffenen Mäusen erheblich.

Auswirkungen auf Autoimmunerkrankungen

Mutationen in RIG-I wurden mit seltenen Erbkrankheiten wie dem Singleton-Merten-Syndrom (SMS) und dem systemischen Lupus erythematodes (SLE) in Verbindung gebracht. Diese Studie liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie solche Mutationen selektiv Organe wie die Niere schädigen können. Diese Erkenntnisse könnten den Weg für die Entwicklung gezielter Therapien ebnen, welche die Aktivierung von mutiertem RIG-I oder dessen interagierenden Y-RNAs blockieren. 

Prof. Takahiro Higuchi, Direktor für präklinische Bildgebung, Abteilung für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Würzburg, kommentiert: „Wir freuen uns, als Partnerinstitution einen Beitrag geleistet zu haben. Durch die Aufklärung des Mechanismus legt diese Arbeit den Grundstein für klinische Entwicklungen, die wir durch die fortgesetzte molekulare Bildgebung weiter vorantreiben möchten.“

Beteiligte Institutionen und Förderung:
Folgende Einrichtungen waren an der Studie beteiligt: UKB und Universität Bonn, Universitätsklinikum Würzburg, Nanyang Technological University, Singapur, Okayama-Universität, Japan, Kyoto University, Japan. Das Projekt wurde unterstützt von der DFG, der deutschen Exzellenzstrategie EXC 2151 „Nukleinsäureimmunität – Sonderforschungsbereich TRR237“, von Open Philanthropy im Rahmen der PANDEMIC ANTIVIRAL DISCOVERY PARTNERSHIP und vom singapurischen Bildungsministerium MOE AcRF Tier 1 Award.

Publikation: Saya Satoh et al.: Local activation of mutant RIG-I by short non-coding Y-RNA in the kidney triggers lethal nephritis; Science Immunology; https://doi.org/10.1126/sciimmunol.adx1135

Das bild ist eine Collage und zeigt Takahiro Higuchi im Labor, daneben wurde ein freigestelltes Porträt von Benjamin Heil gesetzt, das sich in die Umgebung einfügt.
Beitrag aus der Würzburger Nuklearmedizin: Prof. Takahiro Higuchi, Direktor für präklinische Bildgebung, und Benjamin Heil, technischer Assistent, trugen zur Aufklärung des molekularen Mechanismus für tödliche Nephritis bei. Die Arbeit legt den Grundstein für klinische Entwicklungen, die durch die fortgesetzte molekulare Bildgebung weiter vorangetrieben werden soll. © Collage / Daniel Peter und privat / UKW

Atemwegserkrankungen mit Nasenspray im Keim ersticken

EUROPAWEITE STUDIE ZU STICKSTOFFMONOXID-NASENSPRAY BEI ATEMWEGSERKRANKUNGEN

Im Herbst und Winter haben Atemwegsinfektionen traditionell Hochsaison. Um die Wellen der Atemwegsinfektionen künftig frühzeitig einzudämmen untersucht das europäische Forschungsnetzwerk ECRAID unter Beteiligung des Würzburger Instituts für Allgemeinmedizin die Sicherheit und Wirksamkeit eines Nasensprays mit Stickstoffmonoxid (NONS) in der Primärversorgung.

 

Frau mit Schal und Decke sitzt auf einem Sofa - mit einem Taschentuch in der einen Hand und einem Nasenspray in der anderen Hand. Das Nasenspray führt sie gerade zur Nase.
Im Rahmen der europaweiten Studie ECRAID-Prime wird derzeit die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuartigen Nasensprays untersucht, das eine geringe Dosis Stickstoffmonoxid (NO) freisetzt. Das Stickstoffmonoxid-Nasenspray (NONS) tötet Viren lokal ab, bevor sie sich im Körper ausbreiten können. Quelle: CANVA / Syda Productions
Studynurses, Studienärzte und Leiterin der Studie posieren im Institut für Allgemeinmedizin, 2 Personen sitzen, vier Personen stehen dahinter.
Das ECRAID-Prime-Studienteam am Würzburger Institut für Allgemeinmedizin: hinten stehend v.l.n.r.: Kathrin Lasher, Alexander Nicolas Schwager, Christiane Wagner, Ildikó Gágyor; vorne sitzend Andreas Klug und Maike Ermster. © Bianca Steinmann / UKW

Würzburg. Der Herbst ist da – und mit ihm die Zeit triefender Nasen, kratzender Kehlen und hoher Krankenstände. Ob klassische Erkältung, Grippe oder Corona: Viren finden jetzt ideale Bedingungen, um sich zu verbreiten. Wenn die Temperaturen sinken, zieht es uns in beheizte Innenräume, in denen wir dichter beieinander sitzen und Viren ein leichtes Spiel haben. Hinzu kommt, dass Viren Kälte und trockene Luft bevorzugen; sie bleiben länger aktiv und infektiös. Durch die trockene Heizungsluft verlieren unsere Schleimhäute zudem an Feuchtigkeit, sodass ihre natürliche Schutzbarriere gegen Krankheitserreger schwächer wird. Auch das Immunsystem arbeitet in dieser Jahreszeit etwas träger – nicht zuletzt wegen des geringeren Sonnenlichts und der damit einhergehenden geringeren Vitamin-D-Produktion.

Stickstoffmonoxid-Nasenspray tötet Viren lokal ab, bevor sie sich im Körper ausbreiten können

Wer den Viren nicht entkommen konnte, hat aber möglicherweise bald die Gelegenheit, die Atemwegsinfektion frühzeitig einzudämmen und damit sich selbst wie auch andere zu schützen. Im Rahmen der europaweiten Studie ECRAID-Prime wird derzeit die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuartigen Nasensprays untersucht, das eine geringe Dosis Stickstoffmonoxid (NO) freisetzt. Dieser natürliche Botenstoff verfügt über antimikrobielle Eigenschaften und kann verschiedene Krankheitserreger – darunter auch Viren – bekämpfen. Das Präparat, kurz NONS, soll Viren bereits in den oberen Atemwegen unschädlich machen, bevor sie sich im Körper weiter ausbreiten können. Eine vorangegangene Studie* zeigte, dass NONS die Viruslast in der Nase deutlich schneller senken kann als ein Placebo. Insgesamt nehmen acht europäische Länder an der von der EU im Rahmen von Horizon 2021-2027 geförderten Plattform-Studie teil. Für Deutschland führt das Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) die Studie durch: ECRAID-Prime - Institut für Allgemeinmedizin

Mindestens ein respiratorisches und ein systemisches Symptom

An der ECRAID-Prime-Studie können Personen ab 18 Jahren teilnehmen, die seit maximal drei Tagen Symptome einer Atemwegsinfektion haben. Das heißt, die Studienteilnehmenden sollten sowohl ein respiratorisches Symptom wie Husten, Halsschmerzen, Schnupfen oder Kurzatmigkeit, als auch ein systemisches Symptom wie Fieber, Kopf- oder Gliederschmerzen, Müdigkeit, Geschmacks- oder Geruchsverlust haben.

Bei der Rekrutierung der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern arbeitet das Studienteam eng mit niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzten in Würzburg und Umgebung zusammen. Weitere Praxen sind herzlich willkommen. Personen mit Atemwegsinfekten können sich aber auch direkt an das Studienteam wenden - per E-Mail unter ECRAID-Prime@ ukw.de oder telefonisch über 0931/201-47818 bzw. 0931/201-47802 (9 bis 17 Uhr). 

Hausbesuch vom Studienteam 

„Da wir die Patientinnen und Patienten für den Studieneinschluss meist noch am selben Tag zu Hause besuchen, sollten die Studienteilnehmenden in Würzburg oder Umgebung wohnen“, betont Studienarzt Nicolas Schwager. Nach der Aufklärung und Einwilligung erfolgt die Randomisierung. Das heißt, die Studienteilnehmenden werden nach dem Zufallsprinzip der Versuchsgruppe mit NONS (6 x am Tag über 7 Tage), der Vergleichsgruppe mit Kochsalz-Nasenspray oder einer dritten Gruppe ohne spezifische Anwendung zugeordnet. In allen Gruppen ist jedoch die so genannte „usual care“ erlaubt, also eine übliche Behandlung mit Schmerztabletten, Dampfbädern oder Ähnlichem. Alle Gruppen werden außerdem gebeten, ein Tagebuch zu führen und regelmäßig Nasenabstriche zu machen, die eingefroren und später vom Studienteam gesammelt werden. 

„Unsere bisherigen Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer haben in allen drei Gruppen sehr gut mitgemacht, auch diejenigen ohne Nasenspray waren hoch motiviert, unsere Forschung zu unterstützen. Denn ohne diese Gruppe hätten wir keine validen Ergebnisse,“ sagt Maike Ermster, Studienassistentin am Institut für Allgemeinmedizin in Würzburg. 

Verringerung der Auswirkungen von Infektionskrankheiten

„Sollte ECRAID-Prime belegen, dass NONS die Genesung beschleunigen und die Verbreitung von Viren verringern kann, wäre ein weiterer wichtiger Schritt getan, um künftige Erkältungs- und Grippewellen frühzeitig einzudämmen“, verdeutlicht Nicolas Schwager. „Je schneller wir dort handeln, wo die Infektionskrankheiten entstehen, nämlich direkt in der Gemeinschaft, desto besser können wir zukünftigen Ausbrüchen zuvorkommen.“

Die Auswirkungen von Atemwegserkrankungen auf die Gesundheit des Einzelnen und der Bevölkerung zu verringern ist auch das erklärte Ziel von ECRAID. ECRAID steht für European Clinical Research Alliance on Infectious Diseases. Es ist das erste Netzwerk seiner Art in Europa, das einen zentralen Zugang zu einem paneuropäischen Netzwerk für klinische Forschung im Bereich Infektionskrankheiten bietet. Das hat auch einen volkswirtschaftlichen Impact. So gehören Erkältungskrankheiten zu den häufigsten Ursachen für Krankschreibungen. Nach einer DAK-Analyse lag der Krankenstand im ersten Halbjahr 2025 mit insgesamt 5,4 Prozent leicht unter dem Vorjahresniveau (5,7 Prozent. Die Fehltage aufgrund von Grippe und Erkältungen steigen jedoch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13 Prozent. Während Erkältungen und Grippe in der ersten Jahreshälfte 2024 rund 196 Fehltage je 100 Versicherte verursachten, waren es von Januar bis Juni 2025 rund 221 Tage. Insgesamt hatten die Atemwegserkrankungen mit 22,4 Prozent den größten Anteil am Krankenstand. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) schätzte die volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle durch Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2023 auf insgesamt 128 Milliarden Euro. 

* Tandon M, Wu W, Moore K et al: SARS-CoV-2 accelerated clearance using a novel nitric oxide nasal spray (NONS) treatment: A randomized trial. Lancet Reg Health Southeast Asia. 2022 Aug;3:100036. DOI: 10.1016/j.lansea.2022.100036

Text: Wissenschaftskommunikation / KL

Frau mit Schal und Decke sitzt auf einem Sofa - mit einem Taschentuch in der einen Hand und einem Nasenspray in der anderen Hand. Das Nasenspray führt sie gerade zur Nase.
Im Rahmen der europaweiten Studie ECRAID-Prime wird derzeit die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuartigen Nasensprays untersucht, das eine geringe Dosis Stickstoffmonoxid (NO) freisetzt. Das Stickstoffmonoxid-Nasenspray (NONS) tötet Viren lokal ab, bevor sie sich im Körper ausbreiten können. Quelle: CANVA / Syda Productions
Studynurses, Studienärzte und Leiterin der Studie posieren im Institut für Allgemeinmedizin, 2 Personen sitzen, vier Personen stehen dahinter.
Das ECRAID-Prime-Studienteam am Würzburger Institut für Allgemeinmedizin: hinten stehend v.l.n.r.: Kathrin Lasher, Alexander Nicolas Schwager, Christiane Wagner, Ildikó Gágyor; vorne sitzend Andreas Klug und Maike Ermster. © Bianca Steinmann / UKW

Ausgezeichneter Vortrag zur Small Fiber Neuropathie im Langzeitverlauf

Doktorandin Franka Kunik vom Uniklinikum Würzburg erhält beim Deutschen Schmerzkongress den Vortragspreis „Top Young Science“ / Prädiabetes beeinflusst Entwicklung und Fortschreiten von Nervenschäden

Fanka Kunik steht vor der Bühne des Deutschen Schmerzkongresses und hält die Urkunde in den Händen, im Hintergrund die Leinwand mit einer Folie, auf der Neuland steht.
Die Doktorandin Franka Kunik erhielt auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 22. bis zum 25. Oktober in Mannheim stattfand, für die Präsentation ihrer Untersuchung der Small Fiber Neuropathie (SFN) im Langzeitverlauf den Vortragspreis Top Young Science. © Luisa Kreß / UKW

Würzburg / Mannheim. Bei der Small Fiber Neuropathie (SFN) sind die sehr feinen Nervenfasern geschädigt, die vor allem für die Schmerz- und Temperaturwahrnehmung zuständig sind. Typischerweise äußert sich die SFN durch brennende Schmerzen, die meist an Füßen oder Händen auftreten, sowie durch Missempfindungen wie Kribbeln.

Franka Kunik aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Nurcan Üçeyler an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg schaute sich die Langzeitentwicklung der SFN genauer an. Die Arbeitsgruppe untersuchte 42 Patientinnen und Patienten zu Beginn der Studie und nach durchschnittlich vier Jahren erneut. Neben ausführlichen Befragungen und neurologischen Untersuchungen kamen verschiedene Messmethoden zum Einsatz, um die klein- und großkalibrigen Nervenfasern zu beurteilen. Dazu zählen elektrische Nervenmessungen, spezielle Schmerz- und Temperaturempfindungstests (quantitative sensorische Testung), Untersuchungen der Hornhautnerven im Auge (korneale konfokale Mikroskopie) sowie die elektrische Leitung der kleinen Fasern. Außerdem wurden kleine Hautproben an den Beinen entnommen, um die Hautinnervation zu untersuchen.  

In den vergangenen vier Jahren kam es zu keiner wesentlichen Verschlechterung der Nervenschäden 

Im Verlauf berichteten knapp die Hälfte der Teilnehmenden über stärkere oder weiter ausgedehnte Schmerzen, während gut die Hälfte keine Veränderung bemerkte. Auch Missempfindungen wie Kribbeln traten im Laufe der Zeit häufiger auf. In den Testungen der kleinen Nervenfasern blieben die Befunde hingegen überwiegend stabil. Es zeigte sich lediglich eine leichte Verschlechterung in der sensiblen Testung im Sinn einer Anhebung der Wahrnehmungsschwellen für Wärme und Kälte. Insgesamt deuten die Ergebnisse also darauf hin, dass viele Betroffene zwar mit der Zeit mehr Schmerzen und Missempfindungen entwickeln, sich diese Verschlechterung jedoch nicht in einer Progression der Kleinfaserschädigung in den objektiven Testungen widerspiegelt. Bei den Patienten, die von Beginn an ausschließlich Symptome einer Kleinfaserschädigung aufwiesen, zeigten sich in den elektrophysiologischen Untersuchungen der großkalibrigen Nervenfasern auch im Verlauf keine Hinweise auf eine Beteiligung dieser Fasern. Innerhalb der durchschnittlich vier Jahre kam es somit nicht zu einer Ausweitung auf eine Polyneuropathie.

„Small Fiber Neuropathie im Langzeitverlauf – klinische Entwicklung und TRPV1-Expression auf intraepidermalen Nervenfasern“

„Auch der Proteinbesatz der Nervenendigungen in der Haut zeigte sich bei den Patienten mit klinischer Verschlechterung im Verlauf unverändert im Vergleich zum Ausgangsbefund“, berichtet Franka Kunik. Auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 22. bis 25. Oktober in Mannheim stattfand, gab die Doktorandin Einblicke in die immunhistochemische Analyse von Hautbiopsien betroffener Patientinnen und Patienten. Sowohl die Ergebnisse zur „Small Fiber Neuropathie im Langzeitverlauf – klinische Entwicklung und TRPV1-Expression auf intraepidermalen Nervenfasern“ als auch die Art der Präsentation überzeugte die Jury, sodass sie den mit 400 Euro dotierten Vortragspreis des „Top Young Science Symposiums“ erhielt. 

Damit bleibt unklar, welche pathophysiologische Rolle Ionenkanäle der Transient-Receptor-Potential-Familie bei Schmerzen im Rahmen einer SFN spielen.

Prädiabetes beeinflusst Entwicklung und Fortschreiten von Nervenschäden

Klarer wurde hingegen der Einfluss eines Prädiabetes, also einer Vorstufe des Diabetes mellitus Typ 2, auf die SFN. Während sich die Nervenschäden bei Patientinnen und Patienten mit idiopathischer SFN (also ohne erkennbare Ursache) über einen Zeitraum von vier Jahren nicht verschlechterten, zeigte sich bei den Patientinnen und Patienten, deren SFN im Zusammenhang mit Prädiabetes stand, im Verlauf eine weitere Verschlechterung der Nervenfunktion. Zudem berichteten sie häufiger über Schmerzattacken.

Mit Ernährung und Bewegung Fortschreiten zu manifestem Diabetes und Verschlimmerung der Neuropathie verhindern

„Diese Ergebnisse sind für die ärztliche Praxis von großer Bedeutung. Sie verdeutlichen den Einfluss von Prädiabetes auf die Entwicklung und das Fortschreiten von Nervenschäden“, sagt Prof. Dr. Nurcan Üçeyler. „Patientinnen und Patienten mit Prädiabetes sollten gezielt über diese Risiken informiert werden. Ärztinnen und Ärzte empfehlen in solchen Fällen eine Veränderung des Lebensstils, insbesondere eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung, sowie eine professionelle Ernährungsberatung, um das Fortschreiten zu einem manifesten Diabetes und damit auch die Verschlimmerung der Neuropathie zu verhindern.“

Franka Kunik möchte nun überprüfen, ob sich ein Zusammenhang zwischen der Verschlechterung oder dem Neuauftreten eines Prädiabetes und der Verschlimmerung des klinischen Erscheinungsbildes bei SFN zeigt. Im Rahmen des übergeordneten Projekts wird die Arbeitsgruppe die Charakterisierung der Nervenfaserendigungen in der Haut mithilfe erweiterter Analysetechniken vorantreiben und die Suche nach möglichen Ansatzpunkten für eine effektivere Sekundärprophylaxe fortsetzen.

Die Studie ist Teil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts zur translationalen und multidimensionalen Analyse der Mechanismen der Nozizeptor-Sensibilisierung bei SFN. In diesem Projekt werden die klinische Langzeitentwicklung sowie zelluläre und molekulare Mechanismen der Kleinfaserstörung untersucht.

Text: KL / Wissenschaftskommunikation

Fanka Kunik steht vor der Bühne des Deutschen Schmerzkongresses und hält die Urkunde in den Händen, im Hintergrund die Leinwand mit einer Folie, auf der Neuland steht.
Die Doktorandin Franka Kunik erhielt auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 22. bis zum 25. Oktober in Mannheim stattfand, für die Präsentation ihrer Untersuchung der Small Fiber Neuropathie (SFN) im Langzeitverlauf den Vortragspreis Top Young Science. © Luisa Kreß / UKW

Sensibilisierung für Veranlagung und Vorbeugung von Krebs

Universitätsklinikum Würzburg beteiligt sich an europäischer Initiative „PreventNCD“ zur Krebsprävention

 

Im Rahmen der europäischen Initiative „PreventNCD“ will das UKW durch innovative genetische Diagnostik und telemedizinische Beratung Krebserkrankungen frühzeitig erkennen und besser verhindern. Unter der Leitung von Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann wird ein neues, interdisziplinäres Modell entwickelt, das moderne Technologien und die Expertise von „Genetic Counselors“ kombiniert, um die Krebsprävention in Europa zu verbessern.

 

Die vier Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter stehen nebeneinander im Gang des Zentrums für Innere Medizin.
Engagieren sich in der europäischen Joint Action „Prevent Non-Communicable Diseases“ (PreventNCD): Annalisa Musola, Nele Löcher, Marie Schnürer, Matt McCrary und Anke Katharina Bergmann (v.l.n.r.) vom Institut für Klinische Genetik und Genommedizin (KGGM) am UKW. © Robert Wenzl / UKW
Porträts von J. Matt McCrary und Anke K. Bergmann vor Karte von Europa im Umriss und EU-Sternen
Dr. J. Matt McCrary koordiniert die Würzburger Projektbeteiligung an der europäischen Joint Action „Prevent Non-Communicable Diseases“ (PreventNCD). Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann leitet das Projekt. Collage: UKW / privat / Canva

Würzburg. „Wir müssen weg von der Reparaturmedizin hin zur Gesundheiterhaltung.“ Mit diesen Worten stellte Bayerns Gesundheits- und Präventionsministerin Judith Gerlach am 1. Oktober den Masterplan Prävention des Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention vor. 250 konkrete Maßnahmen wurden im Masterplan festgelegt – von landesweit kostenlosen, niedrigschwelligen Sportangeboten über Qualitätsverbesserung des Schulessens bis hin zu neuen Vorsorgemöglichkeiten. Prävention wird auch am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) großgeschrieben. Seit kurzem ist das UKW offizieller Kooperationspartner der europäischen Joint Action „Prevent Non-Communicable Diseases“ (PreventNCD). In dieser Initiative arbeiten 25 europäische Länder zusammen, um neue Präventionsstrategien und Überwachungssysteme für nicht übertragbare Erkrankungen (NCD) zu entwickeln – mit einem besonderen Fokus auf Krebs. Das Ziel von PreventNCD besteht darin, frühe Risikofaktoren zu identifizieren und eine individuelle, präventive Versorgung zu etablieren, die zur zeitigen Diagnose, besseren Behandlung und idealerweise zur Vermeidung von Krebserkrankungen führt.

Neue innovative Versorgungsmodelle: KI und Genetic Counselors zur Früherkennung genetischer Krebsrisiken 

„Die frühzeitige Identifikation genetischer Risikofaktoren ist entscheidend, um Krebserkrankungen gezielt zu diagnostizieren und die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern“, erklärt Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann, Projektleiterin am UKW. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich darauf, die genetische Beratung und Diagnostik für Krebspatienten bis 35 Jahre zu optimieren. Moderne digitale Tools, die mit künstlicher Intelligenz die medizinischen Unterlagen der Patientinnen und Patienten analysieren, sollen auf genetische Risikofaktoren hinweisen. Wird ein solcher Risikofaktor erkannt, erfolgt eine gezielte Weiterverweisung an spezialisierte genetische Beraterinnen und Berater.

Die Einbindung der sogenannten „Genetic Counselors“ ist ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Sie sind speziell ausgebildet, um Patientinnen und Patienten bei der Interpretation genetischer Informationen zu unterstützen und weitere Schritte der genetischen Beratung, Diagnostik und Einleitung von Präventionsmaßnahmen zu koordinieren. „In Deutschland sind Genetic Counselors noch keine offiziell anerkannte Berufsgruppe, aber ihre Arbeit ist essentiell, um die Fachärztinnen und Fachärzte für Humangenetik zu entlasten und ihnen zu ermöglichen, sich auf komplexere diagnostische und therapeutische Entscheidungen zu konzentrieren“, so Dr. J. Matt McCrary, Koordinator des Projektes. 

Telemedizinische Ansätze für eine breitere Versorgung

Ein weiteres Ziel der Initiative ist es, durch den Einsatz von Telemedizin den Zugang zur genetischen Beratung für Patienten in ländlichen oder abgelegenen Regionen zu verbessern. Telemedizinische Beratung hat sich bereits in anderen Projekten, wie etwa dem OnkoRisk-NET-Projekt, als sehr erfolgreich erwiesen. Anke Katharina Bergmann erklärt: „In OnkoRisk-NET nutzten neun von zehn Patienten ein telemedizinisches Aufklärungsgespräch, während nur 30 bis 40 Prozent der Patientinnen und Patienten, die eine traditionelle Telefonnummer eines Humangenetikers erhielten, den Termin wahrnahmen.“ Auch im EU-Projekt CAN.HEAL arbeiteten Bergmann und McCrary bereits an der Implementierung telemedizinischer Ansätze in die genetische Beratung.

Ziel der Studien und Analysen ist es, administrative Engpässe zu verringern, standardisierte Prozesse zu schaffen und eine genetische Beratung zu entwickeln, die für alle Patientinnen und Patienten in Europa zugänglich ist. Anke Bergmann erklärt: „Durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit wollen wir nicht nur die genetische Diagnostik und Beratung verbessern, sondern auch wirksame Präventionsstrategien entwickeln, die europaweit implementiert werden können.“

Frühzeitige Erkennung genetischer Prädispositionen für eine bessere Krebsprävention

Etwa zehn Prozent aller Krebserkrankungen sind genetisch bedingt. Besonders bekannt sind die BRCA1- und BRCA2-Mutationen, die das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs erhöhen. Doch auch andere genetische Prädispositionen, wie das Li-Fraumeni-Syndrom oder Tumore im Kindesalter, erfordern eine frühe Identifikation. Bergmann betont, dass, obwohl in vielen Bereichen der genetischen Früherkennung bereits Fortschritte erzielt wurden, noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist, um das volle Potenzial der genetischen Diagnostik auszuschöpfen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil von PreventNCD ist die Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten und medizinischem Personal in der genetischen Früherkennung. „Wir müssen das Bewusstsein für die Relevanz der genetischen Diagnostik in Kliniken und Praxen wecken und Ärzten die Scheu vor genetischen Untersuchungen nehmen“, erklärt Anke Bergmann. Insbesondere das Gendiagnostikgesetz (GenDG) in Deutschland, das strikte regulatorische Vorgaben für genetische Tests vorsieht, sorgt häufig für Unsicherheiten unter Ärztinnen und Ärzten. Dabei sind genetische Untersuchungen bei Erkrankungen mit nachgewiesener oder vermuteter genetischer Komponente nicht nur erlaubt, sondern in vielen S3-Leitlinien ausdrücklich vorgesehen.

Mit der Beteiligung an der EU-Initiative PreventNCD verfolgt das UKW das Ziel, die Krebsprävention und -behandlung auf ein neues Level zu heben. „Unser Ziel ist es, Patientinnen und Patienten mit genetischer Prädisposition frühzeitig zu identifizieren, die Ursachen zu diagnostizieren und konkrete Maßnahmen für eine verbesserte Therapie und Nachsorge abzuleiten“, so Prof. Bergmann abschließend.

Weitere Informationen

Mit dem Masterplan Prävention, der den Bayerischen Präventionsplan vom 2015 ablöst, bündelt das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention die Kräfte für mehr Gesundheitsbewusstsein, Gesundheitsförderung, Vorsorge und Früherkennung in Bayern. Damit jede und jeder den ganz persönlichen „Masterplan Prävention“ finden kann. Webseite: Vorsorge - Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention

Zum Thema Tumorprädisposition gibt es am UKW im Comprehensive Cancer Center Mainfranken (CCC MF) eine neue in ihrer Interdisziplinarität einzigartige Sprechstunde zwischen Onkologie (Privatdozentin Dr. Barbara Deschler-Baier), Humangenetik (Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann) und Pädiatrie (Prof. Dr. Matthias Eyrich). Zur Webseite des Instituts

Details zu Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann finden Sie in der Pressemeldung vom 14.11.2024 anlässlich ihrer Berufung auf die Professur für Klinische Genetik und Genommedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg.

Details zum neuen Institut für Klinische Genetik und Genommedizin finden Sie in der Pressemeldung vom 30.09.2025.

 

Die vier Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter stehen nebeneinander im Gang des Zentrums für Innere Medizin.
Engagieren sich in der europäischen Joint Action „Prevent Non-Communicable Diseases“ (PreventNCD): Annalisa Musola, Nele Löcher, Marie Schnürer, Matt McCrary und Anke Katharina Bergmann (v.l.n.r.) vom Institut für Klinische Genetik und Genommedizin (KGGM) am UKW. © Robert Wenzl / UKW
Porträts von J. Matt McCrary und Anke K. Bergmann vor Karte von Europa im Umriss und EU-Sternen
Dr. J. Matt McCrary koordiniert die Würzburger Projektbeteiligung an der europäischen Joint Action „Prevent Non-Communicable Diseases“ (PreventNCD). Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann leitet das Projekt. Collage: UKW / privat / Canva

Warum der Energietransport des Herzens bei Hypertropher Kardiomyopathie versagt

OXIDATIVER STRESS SCHALTET KREATINKINASE AN WICHTIGEN STELLEN AUS, SODASS DAS HERZ AUS DEM ENERGIEGLEICHGEWICHT KOMMT

Forschende aus dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz zeigen in einer internationalen, multizentrischen Studie im Journal Circulation, warum der Energietransport bei der Hypertrophen Kardiomyopathie (HCM) versagen kann und wie sich durch eine Verringerung der Herzbelastung und des oxidativen Stresses Rhythmusstörungen reduzieren lassen.

 

Hier sieht man die 3D-Struktur der mitochondrialen Kreatinkinase, auch Mt-CK genannt (Proteinstruktur-Code 4Z9M). Es handelt sich um ein Enzym, das aus acht Teilen besteht. Es sorgt dafür, dass die Herzmuskelzellen Energie haben und diese auch wieder speichern können. So können sie weiter schlagen. Die einzelnen Bausteine des Enzyms (Monomere) sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Die dunkelblauen Punkte zeigen, wo die Bindungsstellen für die energietragenden Moleküle (ATP, ADP) und Kreatin/Phosphokreatin (Cr/PCr) sind. Die roten Markierungen zeigen drei einzelne Cystein-Stellen (Cys63, Cys67 und Cys90) an, die bei Patienten mit hypertropher Kardiomyopathie oxidiert vorgefunden wurden. Wenn man sich das Ganze vergrößert, liegen die Cysteine ungefähr 6,5–14,8 Å (also 0,7–1,5 nm) voneinander entfernt. Das ist zu weit, um stabile (Disulfid-)Brücken zu bilden. Das könnte bedeuten, dass Oxidation bei HCM-Patienten die Mt-CK-Proteinstruktur auf eine Weise verändert, die die Anlagerung des Enzyms an Membranlipide schwächt.
Die Abbildung zeigt die 3D-Struktur der mitochondrialen Kreatinkinase (Mt-CK; Proteinstruktur-Code 4Z9M). Ein oktameres Enzym, das den Energiefluss und -puffer in Herzmuskelzellen ermöglicht und den stetigen Herzschlag erhält. Die einzelnen Bausteine des Enzyms (Monomere) sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Die dunkelblauen Punkte markieren die Bindungsstellen für energietragende Moleküle (ATP, ADP) und Kreatin/Phosphokreatin (Cr/PCr). Die roten Markierungen heben drei einzelne Cystein-Stellen (Cys63, Cys67 und Cys90) hervor, die bei Patienten mit hypertropher Kardiomyopathie oxidiert vorgefunden wurden. In der vergrößerten Ansicht liegen diese Cysteine etwa 6,5–14,8 Å (ca. 0,7–1,5 nm) voneinander entfernt, was zu weit ist, um stabilisierende (Disulfid-)Brücken zu bilden. Das könnte darauf hindeuten, dass Oxidation in HCM Patienten die Mt-CK Proteinstruktur auf eine Weise beeinträchtigt, die beispielsweise die Anlagerung des Enzyms an Membranlipide schwächt.
Vasco Sequeira im Labor mit weißem Kittel am Mikroskop
Der Wissenschaftler Dr. Vasco Sequeira erforscht am DZHI den oxidativen Stress, der das Herz belastet. © Daniel Peter / UKW
9 Forschende stehen in Freizeitkleidung vor einem Geländer, im Hintergrund ist das Stadtbild von Osaka bei Nacht, Hochhäuser und bunt erleuchtete Straßen
Das Team von der Universitätsmedizin Würzburg zu Besuch bei den Kooperationspartnern in Osaka. © Katrin Streckfuß-Bömeke

Würzburg. Die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) ist die häufigste erblich bedingte Herzerkrankung. Sie führt dazu, dass sich die linke Herzkammer verdickt, der Herzmuskel zu stark kontrahiert und übermäßig hart arbeitet. Diese zusätzliche Belastung strapaziert das Energiesystem der Zellen, die Mitochondrien, und kann das Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen erhöhen. Eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Energieverbrauch und -produktion (Energiehomöostase) spielt die Kreatinkinase. Das Enzym hilft dem Herzen, Energie schnell zu recyceln, sodass jeder Herzschlag die benötigte Energie erhält. Welche Rolle die Kreatinkinase bei der HCM spielt, untersuchten Mitarbeiter des Departments Translationale Forschung am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) gemeinsam mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern. Die Erkenntnisse wurden im Journal Circulation veröffentlicht.

Starke Herzkontraktionen erhöhen Wasserstoffperoxid in Mitochondrien – Kreatinkinase wird ausgeschaltet

„Wir stellten fest, dass eine Überlastung des Herzmuskels dazu führt, dass die Mitochondrien mehr Wasserstoffperoxid produzieren. Dieses reaktive Sauerstoffmolekül kommt in kleinen Mengen normalerweise als Nebenprodukt vor, zu viel davon jedoch kann die Zellen über längere Zeit stressen oder schädigen. Bei der HCM schaltet der sogenannte oxidative Stress die Kreatinkinase an zwei wichtigen Stellen aus: an den Filamenten, wo die Muskelkraft entsteht, und an den Mitochondrien, wo Energie produziert wird“, erläutert Anton Xu, Doktorand am DZHI und Erstautor der Studie. „Das heißt: Wenn die Kreatinkinase ausgeschaltet ist, kann das Herz die Energie nicht dort konstant halten, wo sie am meisten benötigt wird. Das erhöht das Risiko von Herzrhythmusstörungen und verursacht zusätzlichen Stress.“

Mit Myosinhemmern die Kontraktionen verringern und so die Kreatinkinase schützen und Herzrhythmusprobleme reduzieren

Das Team konnte diese Veränderungen in Herzbiopsien von Menschen mit HCM beobachten und sowohl die Ursache als auch die positive Wirkung eines Myosinhemmers in mehreren Labormodellen bestätigen. Myosinhemmer reduzieren die Wechselwirkung zwischen den Eiweißstoffen Aktin und Myosin, was zu einer entspannteren Herzmuskulatur führt. „In unseren Untersuchungen konnten wir zudem zeigen, dass sich unter der Wirkung des Myosinhemmers der Wasserstoffperoxidspiegel senkte, die Kreatinkinase-Funktion erhalten blieb und sich abnormale Herzrhythmen verringerten“, berichtet Dr. Vasco Sequeira, Letztautor der Studie. „Unsere Ergebnisse deuten also darauf hin, dass Behandlungen, die die Arbeitsbelastung des Herzens reduzieren und oxidativen Stress begrenzen, dazu beitragen können, das Energiegleichgewicht wiederherzustellen und die Behandlungsergebnisse bei HCM zu verbessern.“ 

Myosinmotoren des Herzens während jedes Herzschlags in Echtzeit beobachten

Im nächsten Schritt fokussiert sich das Team auf eine fortgeschrittene Form der Kardiomyopathie: die hypertrophe, obstruktive Kardiomyopathie (HOCM). Bei dieser Erkrankung verursacht eine Verengung im Ausflusstrakt der linken Herzkammer einen zusätzlichen Widerstand für das aus dem Herzen fließende Blut. Dadurch muss das Herz bei jedem Schlag noch stärker arbeiten. Zusammen mit Partnern am National Cerebral and Cardiovascular Center in Osaka wollen die Forschenden aus Würzburg realistische Tiermodelle entwickeln. Mithilfe eines speziellen hochauflösenden Röntgensystems können sie dann am japanischen Synchrotron Radiation Research Institute Spring 8 in Harima die winzigen Myosinmotoren des Herzens, also die molekularen Maschinen für die Kontraktion, während jedes Herzschlags in Echtzeit beobachten. 

„Dies gibt uns einen beispiellosen Einblick in die Arbeit des Herzens, Schlag für Schlag, und ermöglicht es uns, zu untersuchen, wie gut die kleinsten Blutgefäße den Herzmuskel mit Blut versorgen und wie effizient diese Zellen Energie produzieren und transportieren“, erzählt Vasco Sequeira begeistert.

Messwerte entwickeln, um Patienten zu identifizieren, die von der Behandlung profitieren

Um die Realität besser abzubilden, wird das Team auch metabolischen Stress untersuchen, beispielsweise die negativen Auswirkungen einer fettreichen Ernährung. Im Anschluss soll ebenfalls geprüft werden, ob die Verringerung der obstruktionsbedingten Belastung des Herzmuskels durch Myosinhemmer den Energietransport des Herzens wiederherstellt, die Energieversorgung stabilisiert und das Risiko von Herzrhythmusstörungen reduziert. 

„Unser Ziel ist es, einfache Messwerte zu entwickeln, die Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, diejenigen Patienten und Patientinnen mit HOCM zu identifizieren, die am ehesten von diesen entlastenden Behandlungen profitieren“, resümiert Prof. Dr. Christoph Maack, Leiter der Translationalen Forschung und Sprecher des DZHI.

Multizentrische Zusammenarbeit und Förderungen

Neben dem Universitätsklinikum Würzburg (UKW) waren folgende Institutionen beteiligt: National Cerebral and Cardiovascular Center (Japan), Monash University und Victor Chang Cardiac Research Institute (Australien), Erasmus MC und Amsterdam UMC (Niederlande), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf/DZHK, University of Glasgow (UK) und University of Porto (Portugal) sowie Kooperationspartner in den USA wie die Mississippi State University und die Vanderbilt University.

Die Arbeit wurde durch nationale und internationale Einrichtungen unterstützt, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und die Japan Society for the Promotion of Science (JSPS). Bristol Myers Squibb leistete Unterstützung im Zusammenhang mit dem in einigen Experimenten verwendeten Myosin-Inhibitor.

Publikation
Anton Xu, David Weissman, Katharina J. Ermer, Edoardo Bertero, Jan M. Federspiel, Felix Stadler, Elisa Grünler, Melina Tangos, Sevasti Zervou, Mark T. Waddingham, James T. Pearson, Jan-Christian Reil, Smita Scholtz, Jan Dudek, Michael Kohlhaas, Alexander G. Nickel, Lucie Carrier, Thomas Eschenhagen, Michelle Michels, Cris Dos Remedios, Sean Lal, Leticia Prates Roma, Nazha Hamdani, Diederik Kuster, Inês Falcão-Pires, Christopher N. Johnson, Craig A. Lygate, Jolanda van der Velden, Christoph Maack, Vasco Sequeira. Hypercontractility and Oxidative Stress Drive Creatine Kinase Dysfunction in Hypertrophic Cardiomyopathy, Circulation (American Heart Associationi), October 2025, https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.125.074120

Hier sieht man die 3D-Struktur der mitochondrialen Kreatinkinase, auch Mt-CK genannt (Proteinstruktur-Code 4Z9M). Es handelt sich um ein Enzym, das aus acht Teilen besteht. Es sorgt dafür, dass die Herzmuskelzellen Energie haben und diese auch wieder speichern können. So können sie weiter schlagen. Die einzelnen Bausteine des Enzyms (Monomere) sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Die dunkelblauen Punkte zeigen, wo die Bindungsstellen für die energietragenden Moleküle (ATP, ADP) und Kreatin/Phosphokreatin (Cr/PCr) sind. Die roten Markierungen zeigen drei einzelne Cystein-Stellen (Cys63, Cys67 und Cys90) an, die bei Patienten mit hypertropher Kardiomyopathie oxidiert vorgefunden wurden. Wenn man sich das Ganze vergrößert, liegen die Cysteine ungefähr 6,5–14,8 Å (also 0,7–1,5 nm) voneinander entfernt. Das ist zu weit, um stabile (Disulfid-)Brücken zu bilden. Das könnte bedeuten, dass Oxidation bei HCM-Patienten die Mt-CK-Proteinstruktur auf eine Weise verändert, die die Anlagerung des Enzyms an Membranlipide schwächt.
Die Abbildung zeigt die 3D-Struktur der mitochondrialen Kreatinkinase (Mt-CK; Proteinstruktur-Code 4Z9M). Ein oktameres Enzym, das den Energiefluss und -puffer in Herzmuskelzellen ermöglicht und den stetigen Herzschlag erhält. Die einzelnen Bausteine des Enzyms (Monomere) sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Die dunkelblauen Punkte markieren die Bindungsstellen für energietragende Moleküle (ATP, ADP) und Kreatin/Phosphokreatin (Cr/PCr). Die roten Markierungen heben drei einzelne Cystein-Stellen (Cys63, Cys67 und Cys90) hervor, die bei Patienten mit hypertropher Kardiomyopathie oxidiert vorgefunden wurden. In der vergrößerten Ansicht liegen diese Cysteine etwa 6,5–14,8 Å (ca. 0,7–1,5 nm) voneinander entfernt, was zu weit ist, um stabilisierende (Disulfid-)Brücken zu bilden. Das könnte darauf hindeuten, dass Oxidation in HCM Patienten die Mt-CK Proteinstruktur auf eine Weise beeinträchtigt, die beispielsweise die Anlagerung des Enzyms an Membranlipide schwächt.
Vasco Sequeira im Labor mit weißem Kittel am Mikroskop
Der Wissenschaftler Dr. Vasco Sequeira erforscht am DZHI den oxidativen Stress, der das Herz belastet. © Daniel Peter / UKW
9 Forschende stehen in Freizeitkleidung vor einem Geländer, im Hintergrund ist das Stadtbild von Osaka bei Nacht, Hochhäuser und bunt erleuchtete Straßen
Das Team von der Universitätsmedizin Würzburg zu Besuch bei den Kooperationspartnern in Osaka. © Katrin Streckfuß-Bömeke

Claudia Löffler erhält Professur für Integrative Onkologische Medizin

Bei der Integrativen Onkologie werden komplementäre Methoden wie Akupunktur oder Sport auf wissenschaftlicher Basis gezielt mit dem onkologischen Behandlungsplan kombiniert und auf diesen abgestimmt

Claudia Löffler mit Jeans und dunklem Blazer kniet in einem liebevoll angelegten Garten
Claudia Löffler, Fachärztin für Fachärztin für Innere Medizin sowie Hämatologie und Onkologie in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II am UKW, ist sehr naturverbunden und bietet im Comprehensive Cancer Center auch eine naturheilkundliche Sprechstunde an. © Stefan Bausewein
Porträt von Prof. Dr. Claudia Löffler in weißem Kittel - hinten ist unscharf der Gang im ZIM ZOM zu erkennen.
Prof. Dr. Claudia Löffler trat im Oktober 2025 am Uniklinikum Würzburg die Professur für Integrative Onkologische Medizin an. © Daniel Peter

Würzburg. Claudia Löffler wollte schon immer sinnstiftend arbeiten. Sie studierte Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg, und arbeitet seit 2009 in der Hämatoonkologie der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW). Als frisch gebackene Ärztin stellte sie jedoch schnell fest, dass sie mit dem Handwerkszeug, das sie im Studium mitbekommen hatte, ihrem eigenen Anspruch an den Beruf der Onkologin noch nicht gerecht wurde. Viele Patientinnen und Patienten wollten wissen, was sie selbst zum Behandlungserfolg beitragen können, welche Empfehlungen es gibt, um die Nebenwirkungen zu reduzieren und die Lebensqualität zu erhöhen. Damals hatte sie keine Antworten. Heute hat sie welche - passend zum Erkrankungsbild, zur Therapie und vor allem wissenschaftlich fundiert. 

„Man muss sowohl in der Onkologie als auch in der Komplementärmedizin sattelfest sein, um beide Verfahren sinnvoll aufeinander abstimmen zu können“

Bereits im Jahr 2016 startete Claudia Löffler am Comprehensive Cancer Center Mainfranken (CCC MF) mit einer neuen Sprechstunde für komplementäre Onkologie und integrative Medizin (KOI). Inzwischen leitet sie ein multiprofessionelles Team, das aus einer Ernährungswissenschaftlerin, Sportwissenschaftlerinnen, einer Psychologin sowie integrativmedizinisch spezialisierten Pflegekräften besteht. Sie selbst hat die Zusatzbezeichnungen Palliativmedizin, Ernährungsmedizin, Naturheilverfahren und Sportmedizin sowie Qualifikationen in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) und Mindful Self-Compassion. 

Doch was bedeuten die Begriffe "komplementär" und "integrativ" in der Krebstherapie, und wie verhalten sie sich zueinander? „Komplementär” steht für ergänzende Behandlungen, die zusätzlich zur konventionellen Medizin angewendet werden. Ob diese Verfahren wirksam und sicher sind, definiert dieser Begriff jedoch nicht. Diese Lücke schließt die Integrative Onkologie. Sie konzentriert sich auf die Linderung von Nebenwirkungen der Therapie oder Spätfolgen der Erkrankung und unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, einen gesunden Lebensstil zu etablieren. Löffler verdeutlicht: „Wir wählen dabei Konzepte aus, deren Wirksamkeit entweder durch Evidenz belegt ist oder die zumindest sicher in der Anwendung sind.“ Mit Akupunktur, Pflanzenheilkunde, Ernährungs- und Bewegungsprogrammen sowie Mind-Body-Verfahren lassen sich zahlreiche Beschwerden lindern und die Lebensqualität verbessern. Sogar die Chancen, einen Rückfall zu verhindern, steigen. 

„Integrativ“ steht nicht nur für die Sicherheit und Wirksamkeit der ausgewählten Methoden, sondern auch dafür, dass die Interventionen sowohl auf das jeweilige onkologische Konzept als auch auf die Patientin oder den Patienten und ihre bzw. seine Ressourcen abgestimmt werden – im Sinne einer patienten- und ressourcenorientierten personalisierten Medizin. „Das heißt, man muss sowohl in der Onkologie als auch in der Komplementärmedizin sattelfest sein, um beide Verfahren sinnvoll aufeinander abstimmen zu können und Patientinnen und Patienten die bestmögliche Therapiekombination für ihre individuelle Situation bieten zu können“, sagt Claudia Löffler. 

Die Mutter eines Sohnes ist seit 2018 als Oberärztin im Interdisziplinären Onkologischen Tageszentrum (IOT) für die Versorgung von Krebspatientinnen und -patienten zuständig. Das IOT ist eine interdisziplinäre Einrichtung der Medizinischen Klinik und Poliklinik II in Zusammenarbeit mit verschiedenen onkologischen Schwerpunkten anderer Kliniken innerhalb des CCC MF. Hier erhalten Krebspatientinnen und -patienten neben ihrer medikamentösen Tumortherapie auch unterstützende Behandlungsmethoden. 

„Die Professur ist ein wichtiges Signal dafür, dass Integrative Medizin nicht mehr als Randgebiet, sondern als wichtiger Teil einer modernen, patientenzentrierten Medizin angesehen wird.“

Im Oktober 2025 trat Claudia Löffler nun die neu geschaffene Professur für Integrative Onkologische Medizin an. Damit erhält ihre Arbeit, die systematische Kombination aus Onkologie und evidenzbasierten komplementären Methoden, den wissenschaftlichen Ritterschlag. „Die Professur ist ein wichtiges Signal dafür, dass Integrative Medizin nicht mehr als Randgebiet, sondern als wichtiger Teil einer modernen, patientenzentrierten Medizin angesehen wird. Die Professur signalisiert, dass es möglich und notwendig ist, ganzheitliche Medizin evidenzbasiert zu etablieren, die Wirksamkeit und Sicherheit der Verfahren in Studien weiter zu erforschen und das Potenzial auch der nächsten Generation in den Gesundheitsberufen frühestmöglich zu vermitteln. Das freut mich sehr“, sagt Claudia Löffler. 

Ein ausführliches Porträt über Prof. Dr. Claudia Löffler finden Sie in unserer Serie #WomenInScience 

Text und Interview von Kirstin Linkamp (Wissenschaftskommunikation) 

Claudia Löffler mit Jeans und dunklem Blazer kniet in einem liebevoll angelegten Garten
Claudia Löffler, Fachärztin für Fachärztin für Innere Medizin sowie Hämatologie und Onkologie in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II am UKW, ist sehr naturverbunden und bietet im Comprehensive Cancer Center auch eine naturheilkundliche Sprechstunde an. © Stefan Bausewein
Porträt von Prof. Dr. Claudia Löffler in weißem Kittel - hinten ist unscharf der Gang im ZIM ZOM zu erkennen.
Prof. Dr. Claudia Löffler trat im Oktober 2025 am Uniklinikum Würzburg die Professur für Integrative Onkologische Medizin an. © Daniel Peter

Wieder in Verbindung treten

Eine Forschungsgruppe um Prof. Dr. Sebastian Walther hat in einer neuen Studie gezeigt, dass sich die sozialen Fähigkeiten von Menschen mit Schizophrenie durch eine Kombination aus Hirnstimulation und sozialkognitivem Gruppentraining gezielt verbessern lassen. In der im Fachjournal Nature Molecular Psychiatry veröffentlichten klinischen Studie wurde untersucht, ob sogenannte Gestendefizite, also die Schwierigkeit, Hand- und Armbewegungen zur Kommunikation einzusetzen, durch die Verbindung von repetitiver transkranieller Magnetstimulation (rTMS) und sozialkognitiver Remediationstherapie (SCRT) behandelt werden können.

Porträtbild von Sebastian Walther im grauen Anzug und hellblauer Krawatte, dunkle Brille - im Hintergrund verschwommen ein Flur mit Säulen zu sehen.
Prof. Dr. Sebastian Walther zeigte, dass sich die sozialen Fähigkeiten von Menschen mit Schizophrenie durch eine Kombination aus Hirnstimulation und sozialkognitivem Gruppentraining gezielt verbessern lassen. © Anna Wenzl / UKW

Würzburg. Gesten sind ein integraler Bestandteil menschlicher Kommunikation und verknüpfen Denken, Emotionen und soziale Verbindungen miteinander. Fehlen sie, leidet nicht nur das Gespräch, sondern auch das Gefühl von gegenseitigem Verständnis. Viele Menschen mit Schizophrenie haben jedoch Schwierigkeiten, solche Bewegungen korrekt auszuführen oder zu verstehen. Dies kann ihre sozialen Kontakte und Alltagsfähigkeit beeinträchtigen. Schizophrenie zählt zu den zentralen Forschungsschwerpunkten von Prof. Dr. Sebastian Walther, dem Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW). Zusammen mit seinem Team in Bern – bevor Walther im Oktober 2024 Klinikdirektor in Würzburg wurde, war er in Bern stellvertretender Klinikdirektor und Chefarzt der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie – untersuchte er, ob eine Kombination aus repetitiver transkranieller Magnetstimulation und sozialkognitiver Remediationstherapie helfen kann, diese Defizite zu verringern.

Repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) und sozialkognitive Remediationstherapie (SCRT)

Bei der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) handelt es sich um ein nicht-invasives medizinisches Verfahren, bei dem über einen Zeitraum von mehreren Wochen mittels Magnetimpulsen bestimmte Bereiche des Gehirns gezielt angeregt oder gehemmt werden. Die sozialkognitive Remediationstherapie (SCRT) ist eine psychologische Behandlungsmethode, die darauf abzielt, die sozialen Wahrnehmungs- und Denkfähigkeiten zu verbessern. Das Training hilft Menschen, soziale Signale wie Mimik, Gestik oder Tonfall besser wahrzunehmen, Gedanken und Gefühle anderer genauer einzuschätzen und dadurch in sozialen Situationen sicherer zu werden.

Insgesamt nahmen 89 Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie oder schizoaffektiver Störung an der dreiarmigen, randomisierten, doppelblinden Studie teil. Von diesen erhielten 73 Personen mindestens eine Sitzung. 19 Teilnehmende erfuhren über einen Zeitraum von zwei Wochen zehn Sitzungen mit echter rTMS über den rechten unteren Parietallappen, der an der Steuerung von Gesten beteiligt ist. Diese Sitzungen wurden in Kombination mit 16 SCRT-Gruppensitzungen über einen Zeitraum von acht Wochen durchgeführt. 26 Teilnehmende erhielten eine Schein-rTMS in Kombination mit echter SCRT und 28 Personen eine Schein-SCRT. 

Verbesserung der Gestenfähigkeit und der sozialen und alltagspraktischen Funktionsfähigkeit

Zu den Ergebnissen, die gerade im Fachjournal Nature Molecular Psychiatry veröffentlicht wurden: Insgesamt verbesserten sich die Gestenfähigkeiten aller Teilnehmenden im Laufe der Zeit. Das heißt: Ein soziales Miteinander allein ist bereits förderlich, wie die Kontrollgruppe mit Scheintherapien gezeigt hat. Besonders deutlich war der Effekt jedoch bei den Personen, die die Kombination aus echter rTMS und echter SCRT erhielten. In dieser Gruppe zeigten sich nicht nur Fortschritte bei bestimmten Gestenarten, insbesondere bei neu erlernten, bedeutungslosen Bewegungen, sondern auch eine spürbare Verbesserung der sozialen und alltagspraktischen Funktionsfähigkeit. Die positiven Effekte dieser sicheren und gut verträglichen Methode hielten auch Monate nach Ende der Behandlung an. 

„Die Ergebnisse legen nahe, dass die Kombination aus gezielter Hirnstimulation und sozialem Training ein vielversprechender Ansatz ist, um die Kommunikations- und Interaktionsfähigkeiten von Menschen mit Schizophrenie nachhaltig zu verbessern und ihnen dabei zu helfen, im Alltag besser zurechtzukommen“, fasst Sebastian Walther zusammen. Er betont jedoch, dass es sich hierbei um eine explorative Studie mit relativ kleiner Stichprobe handelt. Die Forschung müsse mit größeren Gruppen, optimierten Simulationstechniken und zusätzlicher bildgebender Kontrolle weitergeführt werden.

Publikation: Walther, S., Maderthaner, L., Chapellier, V. et al. Gesture deficits in psychosis and the combination of group psychotherapy and transcranial magnetic stimulation: A randomized clinical trial. Mol Psychiatry (2025). https://doi.org/10.1038/s41380-025-03303-7

Text: Wissenschaftskommunikation / KL

Porträtbild von Sebastian Walther im grauen Anzug und hellblauer Krawatte, dunkle Brille - im Hintergrund verschwommen ein Flur mit Säulen zu sehen.
Prof. Dr. Sebastian Walther zeigte, dass sich die sozialen Fähigkeiten von Menschen mit Schizophrenie durch eine Kombination aus Hirnstimulation und sozialkognitivem Gruppentraining gezielt verbessern lassen. © Anna Wenzl / UKW