News aus der Forschung

Präzise Diagnostik verbessert Behandlung von kindlicher Leukämie

Universitätsklinikum Würzburg übernimmt bundesweite genetische Referenzdiagnostik für Leukämien im Kindesalter

Die neun Mitarbeitende des Referenzdiagnostik-Labors stehen in weißen Kitteln im Foyer des Biozentrums, daneben hängt ein DNA-Mobile.
Die ALL-Arbeitsgruppe des von Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann geleiteten Instituts für Klinische Genetik und Genommedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) übernimmt ab sofort die bundesweite genetische Referenzdiagnostik für Leukämien im Kindesalter. Die Referenzdiagnostik hilft dabei, genetische Untergruppen zu identifizieren und ermöglicht somit eine möglichst präzise Prognose, Risikoeinteilung und Therapieplanung. © Daniel Peter / UKW
Die Forscherin sitzt am Mikroskop, grünes Licht leuchtet auf den Ausstrich, im Hintergrund ist alles in blaues Licht gehüllt.
Julia Lichtenwald (M.Sc) untersucht einen Knochenmarkausstrich am Fluoreszenzmikroskop. Bei der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) werden spezifische DNA-Sequenzen in bestimmten Chromosomenregionen mit Farbstoffen markiert und unter dem Fluoreszenzmikroskop sichtbar gemacht. Alles, was in Deutschland an ALL bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird, läuft über dieses Mikroskop. © Daniel Peter / UKW
Die beiden Forscherinnen sitzen in ziviler Kleidung vor PC und diskutieren.
Institutsleiterin Prof. Dr. Anke K. Bergmann und Dr. rer. nat. Helia Pimentel Gutierrez, Leiterin der Referenzgenetik, Onkogenetik und Zytogenetik, diskutieren über die nachgewiesenen Fusionsgene und deren Konsequenzen bei der Stratifizierung von Patienten. © Daniel Peter / UKW
Blutprobe wird für den Roboter präpariert
Im Referenzlabor des Instituts für Klinische Genetik und Genommedizin, das sich derzeit noch im Biozentrum am Hubland befindet, werden Blutproben für die automatische Aufreinigung von DNA vorbereitet. © Daniel Peter / UKW

Wenn bei Kindern eine akute lymphatische Leukämie (ALL) diagnostiziert wird, kommt es auf jedes Detail an. Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) werden künftig Proben aus ganz Deutschland genetisch analysiert, um die Erkrankung genauer zu klassifizieren. Die genetische Diagnostik stellt sicher, dass die jungen Patientinnen und Patienten entsprechend ihres individuellen Krankheitsprofils behandelt werden. Dadurch verbessern sich die Heilungschancen und Langzeitfolgen können drastisch reduziert werden. Neben der Routinediagnostik erforscht das von Prof. Dr. med. Anke Katharina Bergmann geleitete Institut für Klinische Genetik und Genommedizin auch neue Methoden, um Leukämien noch besser zu verstehen. Dabei kommen zunehmend KI-gestützte Verfahren zum Einsatz, die komplexe genetische Daten auswerten und so die Diagnostik und zukünftige Therapien verbessern sollen.

Würzburg. Die akute lymphatische Leukämie (auch akute lymphoblastische Leukämie genannt, kurz ALL) ist die häufigste Form von Krebs bei Kindern und Jugendlichen*. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 600 Kinder und Jugendliche. Die gute Nachricht: In den letzten fünf Jahrzehnten wurden große Fortschritte in der Behandlung der ALL erzielt. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die genetischen und biologischen Ursachen der Erkrankung besser verstanden werden. Für die Behandlung ist es daher entscheidend, die Erkrankung möglichst präzise zu klassifizieren.

Die akute lymphatische Leukämie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern umfasst verschiedene Subtypen, die sich in ihrem biologischen Verhalten, ihrer Prognose und ihrer Therapie deutlich unterscheiden.

Allen ALL-Formen ist eine unkontrollierte Vermehrung von bösartig veränderten Vorläuferzellen der weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) gemein. Durch genetische Veränderungen verlieren diese Zellen ihre normale Reifungsfähigkeit und Funktion. Sie teilen sich weiter und verdrängen nach und nach die gesunde Blutbildung. Die Entartung kann auf verschiedenen Stufen der Zellentwicklung erfolgen und verschiedene Linien der Lymphozyten betreffen. Die sogenannten B-ALL-Formen beispielsweise gehen von Vorläuferzellen der B-Lymphozyten aus. Diese entwickeln sich im Knochenmark und sind für die Erkennung von Krankheitserregern und die Bildung von Antikörpern verantwortlich. T-ALL-Formen gehen von Vorstufen der T-Lymphozyten aus. Diese entwickeln sich in der Thymusdrüse und sind für die zelluläre Immunantwort wichtig.

UKW übernimmt genetische Referenzdiagnostik für ganz Deutschland 

Die genetische Referenzdiagnostik hilft dabei, genetische Untergruppen zu identifizieren und ermöglicht somit eine möglichst präzise Prognose, Risikoeinteilung und Therapieplanung. Diese wichtige Aufgabe übernimmt ab sofort das von Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann geleitete Institut für Klinische Genetik und Genommedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Das bedeutet: Nach der Erstdiagnose sendet die behandelnde kinderonkologische Klinik Proben aus dem Knochenmark und/oder Blut an das Würzburger Referenzlabor. Das Team untersucht dort die charakteristischen genetischen Veränderungen der Leukämiezellen, wie etwa Veränderungen der Chromosomen und der Kopienzahl sowie Genveränderungen und -fusionen. Die genetischen Ergebnisse werden anschließend an die behandelnden Zentren zurückgemeldet und dort mit weiteren klinischen und laborchemischen Befunden zusammengeführt. Die anderen Bausteine, wie die Bestimmung der minimalen Resterkrankung (MRD, minimal residual disease) oder morphologische Bewertungen, erfolgen in anderen Referenzzentren.

Die Therapien der erkrankten Kinder werden zentral koordiniert und gesteuert. Dies erfolgt durch die Klinischen Zentren für die kindliche ALL an den Universitätskliniken Schleswig-Holstein (UKSH) und Hamburg-Eppendorf (UKE). Im ALL-BFM Zentrum in Kiel (Leitung Prof. Gunnar Cario und Prof. Martin Schrappe) und das ALL-Together-Zentrum (ehemals CoALL)  ALLTogether Zentrum des UKE (Leitung Prof. Gabriele Escherich erfolgt eine enge Abstimmung sowohl mit der  genetischen Referenzdiagnostik am UKW  als auch den behandelnden Kliniken. Beide Zentren sind federführend bei der Durchführung großer internationaler Therapiestudien zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen die an einer ALL erkrankt sind. 

Therapien werden den individuellen Risiken angepasst und je nach genetischen Merkmalen stärker oder schwächer gewählt

Eine risikobasierte Therapie ist im Kindesalter besonders wichtig. „Einerseits muss die Therapie sicher und wirksam genug sein, um die Erkrankung dauerhaft zu beherrschen. Andererseits sollen unnötig belastende Therapien und Langzeitfolgen vermieden werden“, sagt Anke K. Bergmann. „Potentielle Langzeitfolgen reichen von Konzentrationsstörungen über Störungen des Herz-Kreislaufsystems bis hin zu sekundären Krebserkrankungen. Gerade deshalb ist bei Kindern eine möglichst präzise Risikostratifizierung wichtig.“.

Die Onkogenetik im Kindesalter ist ein wichtiger Schwerpunkt des Instituts für Klinische Genetik und Genommedizin. Mit der genetischen Diagnostik der kindlichen Leukämie, genetischen Analysen bei seltenen kindlichen Tumoren und der Fanconi-Diagnostik, bildet es deutschlandweit einen einzigartigen Schwerpunktbereich. 

Wissenschaftliche Weiterentwicklung der genetischen Diagnostik 

Das Team um Anke Bergmann beschäftigt sich nicht nur mit der Routinediagnostik, sondern auch mit der Weiterentwicklung der genetischen Diagnostik und der Entschlüsselung von Krankheitsmechanismen. „Wir forschen, um genetische Veränderungen bei kindlicher ALL noch besser zu verstehen, neue diagnostisch relevante Muster zu erkennen und die Einordnung komplexer Befunde weiter zu verbessern. Dazu verwenden wir auch computer- und KI-gestützte Ansätze, die genetische und klinische Daten zusammenführen, um die Bewertung komplexer Varianten und Befundkonstellationen zu unterstützen“, erläutert Dr. Helia Pimentel Guiterrez, Leiterin der Referenzgenetik. „Integrierte KI-Algorithmen ersetzen allerdings nicht die wissenschaftliche und fachärztliche Bewertung, sondern sollen sie strukturieren und ergänzen“, betont die Bioinformatikerin des Teams Dr. Jingyang Yu.

Die genetische Referenzdiagnostik der kindlichen ALL am UKW findet in Studienstrukturen der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) statt. Aus der engen Zusammenarbeit mit der GPOH und der Etablierung der Studiengruppen in Kiel und Hamburg sind bereits zahlreiche standardisierte Diagnose- und Therapieprotokolle für die kindliche ALL hervorgegangen. Bergmann zufolge können somit Kinder und Jugendliche mit ALL in vergleichbaren Studien- und Registerstrukturen erfasst, diagnostisch eingeordnet und behandelt werden. „Gerade bei einer seltenen Erkrankung schafft das eine hohe Vergleichbarkeit zwischen den Zentren und ermöglicht es uns, gemeinsam die Diagnostik, Risikostratifizierung und Behandlung über viele Jahre schrittweise weiter zu verbessern.“

* Leukämien sind mit rund 30 Prozent die häufigste Krebserkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Die häufigste Einzeldiagnose ist mit rund 22 Prozent die lymphatische Leukämie. 

Die Referenzdiagnostik ALL auf UKW.de.

 

Die neun Mitarbeitende des Referenzdiagnostik-Labors stehen in weißen Kitteln im Foyer des Biozentrums, daneben hängt ein DNA-Mobile.
Die ALL-Arbeitsgruppe des von Prof. Dr. Anke Katharina Bergmann geleiteten Instituts für Klinische Genetik und Genommedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) übernimmt ab sofort die bundesweite genetische Referenzdiagnostik für Leukämien im Kindesalter. Die Referenzdiagnostik hilft dabei, genetische Untergruppen zu identifizieren und ermöglicht somit eine möglichst präzise Prognose, Risikoeinteilung und Therapieplanung. © Daniel Peter / UKW
Die Forscherin sitzt am Mikroskop, grünes Licht leuchtet auf den Ausstrich, im Hintergrund ist alles in blaues Licht gehüllt.
Julia Lichtenwald (M.Sc) untersucht einen Knochenmarkausstrich am Fluoreszenzmikroskop. Bei der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) werden spezifische DNA-Sequenzen in bestimmten Chromosomenregionen mit Farbstoffen markiert und unter dem Fluoreszenzmikroskop sichtbar gemacht. Alles, was in Deutschland an ALL bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird, läuft über dieses Mikroskop. © Daniel Peter / UKW
Die beiden Forscherinnen sitzen in ziviler Kleidung vor PC und diskutieren.
Institutsleiterin Prof. Dr. Anke K. Bergmann und Dr. rer. nat. Helia Pimentel Gutierrez, Leiterin der Referenzgenetik, Onkogenetik und Zytogenetik, diskutieren über die nachgewiesenen Fusionsgene und deren Konsequenzen bei der Stratifizierung von Patienten. © Daniel Peter / UKW
Blutprobe wird für den Roboter präpariert
Im Referenzlabor des Instituts für Klinische Genetik und Genommedizin, das sich derzeit noch im Biozentrum am Hubland befindet, werden Blutproben für die automatische Aufreinigung von DNA vorbereitet. © Daniel Peter / UKW

Neue Technologien für die Gastroenterologie von morgen

Wie die Arbeitsgruppe InExEn am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiterentwickelt

Collage der Porträts von Alexander Hann im weißen Kittel und Jana Theile im dunklen Blazer.
Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am Uniklinikum Würzburg (UKW) und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn, und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe InExEn. © Daniel Peter / UKW / Collage mit Canva
Jana Theile und Ioannis Kafetzis sitzen vor Computern und vergleichen positive und negative Befunde.
Die Ärztin Jana Theile hat gemeinsam mit dem Mathematiker Dr. Ioannis Kafetzis ein Computer Vision Model entwickelt, das Angiodysplasien zuverlässig erkennt und in Kombination mit einem Large Language Model, das den Bericht des Untersuchenden abgleicht, Ungleichheiten aufdeckt. © Daniel Peter / UKW
Game-Developerin mit VR-Brile und Endoskop vor Monitor.
Game-Developerin Annika Köhler arbeitet mit dem InExEn-Team daran, möglichst viele endoskopische Untersuchungen und Behandlungen in die virtuelle Welt zu übertragen, was das Training an Tiermodellen reduziert. Hier zeigt sie einen Simulator, bei dem Untersuchende während des virtuellen Trainings ihr eigenes Endoskop zur Steuerung der Untersuchung nutzen können. © Daniel Peter / UKW
Jana Theile und Harsha Manjunath testen die KI an den Silikonmodellen und sehen die unterschiede direkt auf den Monitoren - mit KI und ohne.
Im Projekt „SiMucosa” hat die AG InExEn (hier im Bild Jana Theile und Harsha Manjunath) eine KI mit echten Schleimhautbildern trainiert. Die KI macht das Training an Silikonmodellen realistischer, denn die simulierte Schleimhaut gibt Studierenden das Gefühl einer echten Endoskopie, bei der sie vorsichtiger navigieren und genauer hinschauen müssen. © Daniel Peter / UKW
14 Mitglieder der AG stehen in der Magistrale des ZIM
Die von Alexander Hann geleitete Arbeitsgruppe InExEn (Interventional and Experimental Endoscopy) entwickelt am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiter. © Daniel Peter / UKW

Ein Interview mit Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am Uniklinikum Würzburg (UKW) und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn – Interventional and Experimental Endoscopy und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe InExEn über KI-gestützte Diagnostik, Angiodysplasien und digitale Trainingskonzepte.

Herr Hann, Sie haben die AG InExEn im Jahr 2019 gegründet, als Sie ans UKW kamen. Womit beschäftigt sich die AG? 

Alexander Hann: Wir sind inzwischen ein Dutzend engagierte Leute, die gemeinsam an innovativen diagnostischen Verfahren und therapeutischen Lösungen für Erkrankungen im Bereich der Gastroenterologie arbeiten. Mit jedem angenommenen Förderantrag wächst das Team weiter. Zur Arbeitsgruppe gehören erfahrene Ärztinnen und Ärzte mit Spezialisierung in der Gastroenterologie sowie Ingenieurinnen und Ingenieure und Informatikerinnen und Informatiker. Wir haben sogar eine Game-Developerin. Genau das ist das Spannende: Durch diesen interdisziplinären Ansatz können wir die Medizin voranbringen.

Frau Theile, Sie sind nach Ihrem Medizinstudium direkt in die Forschung gegangen und promovieren derzeit in der Arbeitsgruppe InExEn. Wie sind Sie zur Medizininformatik gekommen? 

Jana Theile: Ich war tatsächlich schon immer von Technik begeistert und programmiere auch in meiner Freizeit mit meinem Freund, der Informatiker ist. Deshalb finde ich die Arbeit in der InExEn-AG extrem spannend. Es ist toll, in so einem interdisziplinären Team zusammenzuarbeiten.

Worum geht es in Ihrer Doktorarbeit?

Theile: In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit Angiodysplasien, also Gefäßfehlbildungen im Darm. Manche Patientinnen und Patienten kommen mit dem Verdacht auf eine untere gastrointestinale Blutung in unsere Klinik. Gerade bei älteren Personen sind Angiodysplasien eine häufige Ursache für solche Blutungen. Ich konzentriere mich auf die Ursachenforschung von Blutungen im Dickdarm. Entstehen diese Blutungen durch Angiodysplasien oder durch andere Ursachen? Kann die KI die Diagnostik verbessern? 

Welche Symptome zeigen sich bei einer Blutung im Darm? 

Hann: Manche Patientinnen und Patienten haben etwas Blut im Stuhl. Es kann aber auch zu einer Anämie, also Blutarmut, kommen. Die Betroffenen sind blass, müde, weniger leistungsfähig und klagen über Schwindel.

Können die Blutungen bei einer Routine-Darmspiegelung erkannt werden?

Theile: Genau das ist der Punkt. Einige der Gefäßfehlbildungen fallen auf und es wird ein Bild davon gemacht. Aber später tauchen diese im Bericht nicht auf. Manchmal wird vergessen, die Angiodysplasien, die wie kleine Netze aussehen, zu erwähnen. Das kann daran liegen, dass sie harmlos erscheinen, aus ihnen kein Blut sickert oder man sich bei der Koloskopie einfach auf die Polypen konzentriert.

Wie kommt jetzt die KI ins Spiel? Wie kann sie die Erfassung von Angiodysplasien verbessern? 

Theile: Mit meinem Kollegen Dr. Ioannis Kafetzis entwickeln wir eine KI, die Angiodysplasien im Bild- und Videomaterial zuverlässig erkennt. Das heißt, wir erstellen ein sogenanntes Computer Vision Model, also ein System, das die bildbasierte Analyse durchführt. Dieses Modell kombinieren wir mit einem zweiten textbasierten KI-Modell, einem sogenannten Large Language Model (LLM), das die Befunde parallel durchgeht und abgleicht. Wenn das Computer-Vision-Modell eine Angiodysplasie erkennt, das Large-Language-Modell diese aber nicht im Bericht findet, wird dem Untersuchenden diese Ungleichheit mit der Frage „Möchten Sie diese Angiodysplasie nicht im Bericht erwähnen?“ angezeigt.   

Kann die KI dann in Untersuchungsprogramme integriert werden?

Hann: Untersuchungsprogramme sind ja auch Medizinprodukte der Klasse 1, das heißt, man müsste mit den Herstellern sprechen, damit sie das einbauen. 

Wir müssen die KI also so entwickeln, dass sie mit anderen Programmen kompatibel ist und zugelassen wird. Aktuell ist es noch ein Konzept. Wir haben die KI jedoch bereits getestet und Daten aus zwei Zentren, dem UKW und dem Katharinenhospital am Klinikum Stuttgart, erhoben. Es funktioniert.

Inwiefern ist es wichtig, auch unauffällige Angiodysplasien als Befund im Bericht zu erwähnen?

Theile: Sollte es später einmal zu einer Blutung kommen, weiß man durch die vorherigen Endoskopien, dass die Person Angiodysplasien hatte, und kann entsprechend gezielter therapieren.

Sie erwähnten, dass seit neuestem eine Game-Developerin die Arbeitsgruppe verstärkt. Soll durch den Gamification-Ansatz die Anwendungstechnik spielerischer und intuitiver werden?

Hann: Dieser Aspekt konzentriert sich eher auf das Training endoskopischer Untersuchungen und ist daher für Medizinstudierende oder medizinisches Personal in der Aus- und Weiterbildung relevant. Mithilfe von VR-Simulatoren, mit denen sich beispielsweise eine virtuelle Magenspiegelung üben lässt, können wir das Training an Tieren, in diesem Fall an Schweinen, reduzieren.

Wie funktioniert eine Magenspiegelung in virtueller Realität (VR)? 

Hann: Wir haben einen virtuellen Endoskopieraum und ein virtuelles Magenmodell, mit dem wir interagieren. Allerdings gibt es einen festen, haptischen Punkt: ein echtes Endoskop, das wir steuern. Über Sensoren wird die Steuerung des Endoskops in die virtuelle Realität übertragen. Über die VR-Brille sehen wir den Raum, den Monitor und das, was die Kamera des Endoskops sieht. In der virtuellen Welt können wir auch Behandlungen durchführen, beispielsweise eine Angiodysplasie veröden.

Und wie gut lässt sich dieses VR-Training auf die Realität übertragen? 

Hann: Unser Ziel ist es, dass die Leute am Simulator mindestens genauso gut trainiert werden wie am Tiermodell, das derzeit noch Standard ist. Für Dickdarmspiegelungen liegen uns bereits Daten von Checklisten vor, die zeigen, dass ärztliches Personal, welche zuvor allein am Simulator geübt haben, signifikant bessere Ergebnisse erzielen.

Eine Alternative für Tierversuche haben Sie gerade erfolgreich auf der Endoskopie-Jahrestagung präsentiert und live testen lassen. 

Hann: Ja, das war ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördertes Projekt. Gemeinsam mit unserer Game-Developerin Annika Köhler, dem Hardware-Ingenieur Irshath Syed und Jana Theile, die den medizinischen Part abdeckt, wurde ein Simulator entwickelt, bei dem Untersuchende während des virtuellen Trainings ihr eigenes Endoskop zur Steuerung der Untersuchung nutzen können. Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Endoskopie und Bildgebende Verfahren e. V. (DGE-BV), der im März in Leipzig stattfand, haben rund 30 Probandinnen und Probanden das Gerät getestet. Die Daten werten wir derzeit aus.

Theile: Am Tier werden vornehmlich fortgeschrittene Eingriffe und Komplikationen geübt, wenn beispielsweise bei einer Tumorresektion Perforationen und Blutungen entstehen. Mit unserem entwickelten Simulator können wir die Blutstillung und den Perforationsverschluss trainieren, sodass möglichst wenig Versuchstiere eingesetzt werden müssen, oder diese weniger leiden müssen.

Hann: Wir wollen weg von Tiermodellen und hin zum virtuellen Training. Außerdem soll das Training mehr Spaß machen.

Ein weiteres Projekt namens „SiMucosa” wird derzeit von der Eva Mayr-Stihl-Stiftung gefördert. Dabei geht es um simulierte Mukosa, also Schleimhaut.

Theile: In der Lehre wird das Navigieren mit dem Endoskop zunächst an Silikonmodellen von Magen und Darm geübt. Um diese Modelle realistischer zu gestalten, haben wir eine KI entwickelt, die mit echten Schleimhautbildern aus Untersuchungen trainiert wurde. Wenn die KI als Filter über die Bilder gelegt wird, kann sie die Silikonoberfläche wie Schleimhaut aussehen lassen. Dazu haben wir ebenfalls eine Studie beim Jahreskongress der DGE-BV durchgeführt.

Wie kam die simulierte Schleimhaut bei den Probandinnen und Probanden an? 

Theile: Das Silikonmodell haben die Leute schnell untersucht, aber wenn wir SiMucosa eingeschaltet haben, waren sie viel aufmerksamer. Die simulierte Schleimhaut gab ihnen das Gefühl einer echten Endoskopie.

Sie möchten noch mehr zum Potenzial von KI in der Gastroenterologie erfahren? Zum Beispiel über EndoMind, ein von der AG InEXEn entwickeltes KI-gestütztes System (Computer-Aided Detection, CADe), welches die Detektionsrate von Adenomen (ADR) erhöhen soll. Die KI EndoMind markiert bei einer Darmspiegelung erkannte Adenome mit einem blauen Rechteck. EndoMind wurde in gastroenterologischen Schwerpunktpraxen getestet. Die Ergebnisse hat das Nature-Journal NPJ Digital Health veröffentlicht. Sie zeigen: Die KI hilft erfahrenen Gastroenterologinnen und Gastroenterologen kaum dabei, die Detektionsrate von Polypen bei einer Darmspiegelung (Koloskopie) zu verbessern. Ob Alexander Hann KI dennoch in der Vorsorge empfiehlt und was verbessert werden kann, erfahren Sie in diesem Interview

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Collage der Porträts von Alexander Hann im weißen Kittel und Jana Theile im dunklen Blazer.
Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am Uniklinikum Würzburg (UKW) und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn, und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe InExEn. © Daniel Peter / UKW / Collage mit Canva
Jana Theile und Ioannis Kafetzis sitzen vor Computern und vergleichen positive und negative Befunde.
Die Ärztin Jana Theile hat gemeinsam mit dem Mathematiker Dr. Ioannis Kafetzis ein Computer Vision Model entwickelt, das Angiodysplasien zuverlässig erkennt und in Kombination mit einem Large Language Model, das den Bericht des Untersuchenden abgleicht, Ungleichheiten aufdeckt. © Daniel Peter / UKW
Game-Developerin mit VR-Brile und Endoskop vor Monitor.
Game-Developerin Annika Köhler arbeitet mit dem InExEn-Team daran, möglichst viele endoskopische Untersuchungen und Behandlungen in die virtuelle Welt zu übertragen, was das Training an Tiermodellen reduziert. Hier zeigt sie einen Simulator, bei dem Untersuchende während des virtuellen Trainings ihr eigenes Endoskop zur Steuerung der Untersuchung nutzen können. © Daniel Peter / UKW
Jana Theile und Harsha Manjunath testen die KI an den Silikonmodellen und sehen die unterschiede direkt auf den Monitoren - mit KI und ohne.
Im Projekt „SiMucosa” hat die AG InExEn (hier im Bild Jana Theile und Harsha Manjunath) eine KI mit echten Schleimhautbildern trainiert. Die KI macht das Training an Silikonmodellen realistischer, denn die simulierte Schleimhaut gibt Studierenden das Gefühl einer echten Endoskopie, bei der sie vorsichtiger navigieren und genauer hinschauen müssen. © Daniel Peter / UKW
14 Mitglieder der AG stehen in der Magistrale des ZIM
Die von Alexander Hann geleitete Arbeitsgruppe InExEn (Interventional and Experimental Endoscopy) entwickelt am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiter. © Daniel Peter / UKW

Hightech im Darm: Wo KI den Menschen (noch) (nicht) übertrifft

Kann ein KI-gestütztes System zur Polypenerkennung die Darmkrebsvorsorge verbessern?

Porträt von Alexander Hann im weißen Kittel in der Magistrale des ZIM
Alexander Hann ist Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am UKW und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn – Interventional and Experimental Endoscopy. © Daniel Peter / UKW
Bei einer Koloskopie wird ein Polyp mit einem blauen Rechteck markiert.
EndoMind ein KI-gestütztes System (Computer-Aided Detection, CADe), das die Detektionsrate von Adenomen (ADR) erhöhen soll, indem es bei einer Darmspiegelung erkannte Adenome mit einem blauen Rechteck markiert. © InExEn / UKW
14 Mitglieder der AG stehen in der Magistrale des ZIM
Die von Alexander Hann geleitete Arbeitsgruppe InExEn (Interventional and Experimental Endoscopy) entwickelt am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiter. © Daniel Peter / UKW

Prof. Dr. Alexander Hann vom Uniklinikum Würzburg (UKW) hat mit EndoMind ein KI-gestütztes System (Computer-Aided Detection, CADe) entwickelt, welches die Detektionsrate von Adenomen (ADR) erhöhen soll. Die KI EndoMind markiert bei einer Darmspiegelung erkannte Adenome mit einem blauen Rechteck. EndoMind wurde nun in gastroenterologischen Schwerpunktpraxen getestet. Die Ergebnisse hat das Nature-Journal NPJ Digital Health veröffentlicht. Sie zeigen: Die KI hilft erfahrenen Gastroenterologinnen und Gastroenterologen kaum dabei, die Detektionsrate von Polypen bei einer Darmspiegelung (Koloskopie) zu verbessern. Dennoch bietet KI viel Potenzial.

Ein Interview mit Alexander Hann, Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am UKW und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn – Interventional and Experimental Endoscopy. 

Herr Hann, die Ergebnisse der aktuellen Studie sind ernüchternd. Doch Sie wirken gar nicht enttäuscht. 

Zunächst einmal freut es mich, dass wir mit dieser Arbeit zeigen konnten, dass anhand ambulanter Daten aus Deutschland in einem universitären Umfeld eine KI für die Darmkrebsvorsorge entwickelt werden konnte, die mit KI-Systemen millionenschwerer Unternehmen mithalten kann, und die dort getestet wurde, wo Vorsorge jeden Tag durchgeführt wird: in gastroenterologischen Schwerpunktpraxen. Diese betreiben in der Regel keine Forschung. Dort geht es vornehmlich darum, die Patientinnen und Patienten bestmöglich zu versorgen. Eine Studie mitsamt Aufklärung etc. bedeutet zusätzlichen Aufwand. Wir haben es geschafft, diese Schwelle so niedrig wie möglich zu gestalten und zum Beispiel die Verschlüsselung der Daten so sicher, aber auch so einfach wie möglich gemacht. Darauf bin ich schon etwas stolz. 

Ich freue mich, dass dieses Projekt, das das längste wissenschaftliche Projekt meiner Karriere war, nun endlich veröffentlicht wurde. Dass wir die Studie in einem so hochrangigen Journal publizieren konnten, macht zudem Mut. Das zeigt, dass wir an einer Uniklinik alles haben, um etwas zu entwickeln und zu validieren, was sonst nur große Unternehmen können.

Aktuelle Publikation: Lux, T.J., Saßmannshausen, Z., Kafetzis, I. et al. Artificial intelligence assisted colorectal lesion detection in private practices a randomized controlled study. npj Digit. Med. 9, 284 (2026). https://doi.org/10.1038/s41746-026-02576-8

Wie lange dauerte denn das Forschungsprojekt? 

Die Ausschreibung zur Förderung von neuen Technologien in der Meidzin erfolgte im Dezember 2018, zu dieser Zeit war ich noch an der Uniklinik Ulm tätig. Mein ehemaliger Chef aus Stuttgart, Wolfram Zoller, machte mich darauf aufmerksam. Ich war gerade im Urlaub und hatte nur wenig Zeit, mich zusammen mit ihm zu bewerben, freute mich aber über die Gelegenheit. Ich notierte meine Ideen und Projektskizzen auf Servietten. Das Konzept reichten wir dann im Januar 2019 ein. Anfang 2020 wurden wir aufgefordert, den Vollantrag zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in Würzburg. Der Antrag wurde genehmigt, sodass wir im Juli 2020 starten konnten. Innerhalb eines knappen Jahres haben wir gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz unter der Leitung von Professor Puppe (jetzt am CAIDAS) die KI erstellt. Neben den Informatikern Adrian Krenzer und Michael Bank war auch der Facharzt Daniel Fitting maßgeblich beteiligt. Die KI haben wir in einer Pilotstudie an verschiedenen Zentren getestet und 2022 publiziert.

Publikation: Lux, T. J., Banck, M., Saßmannshausen, Z. et al.: Pilot Study of a New Freely Available Computer-Aided Polyp Detection System in Clinical Practice. Int J Colorectal Dis 37, 1349–1354 (2022). https://doi.org/10.1007/s00384-022-04178-8). 

In einer weiteren Studie haben wir unsere KI in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit kommerziell erhältlichen KIs verglichen. 

Publikation: Troya, J. et al.: Direct comparison of multiple computer-aided polyp detection systems. Endoscopy 2024; 56(01): 63–69, DOI: 10.1055/a-2147-0571

Dabei zeigte sich, dass unsere KI nicht schlechter als die anderen ist. Die randomisierte Studie dazu lief schließlich von November 2021 bis November 2022 und wurde nun endlich publiziert.

Wenn die KI nicht besser ist als der Mensch und erfahrene Untersuchende somit immer noch den Goldstandard darstellen, sollte sie dennoch zum Einsatz kommen?

Das ist eine gute Frage. Sie wird aber nicht durch eine einzige Studie beantwortet, sondern durch viele Studien. Wissenschaft ist schließlich auch dazu da, Dinge zu hinterfragen. Inzwischen gibt es über 45 randomisierte Studien zu diesem Thema. Als wir das Projekt gestartet haben, gab es nur wenige, die sich aber optimistisch zeigten. Wir konnten für unser Kollektiv das realistische Bild aufzeigen, dass die KI in diesem Fall nicht so viel bringt. Sie detektiert vielleicht ein bisschen mehr, aber nicht signifikant mehr.

Es gibt jedoch auch Negativdaten. Ein Stichwort ist hier Deskilling. Führt der Einsatz von KI bei Darmspiegelungen dazu, dass Ärztinnen und Ärzte ihre eigenen diagnostischen Fähigkeiten teilweise verlernen?

Eine polnische Studie zeigte ein widersprüchliches Bild: Während die Ärztinnen und Ärzte mit eingeschalteter KI mehr Polypen fanden, sank ihre Leistung im Vergleich zu früher, an den Tagen als die KI ausgeschaltet war. Dies deutet darauf hin, dass sie sich möglicherweise an die Unterstützung gewöhnt haben und selbst weniger aufmerksam nach Polypen gesucht haben. Diese Interpretation wird durch frühere Eye-Tracking-Daten gestützt, die zeigen, dass sich das Blickverhalten unter KI verändert.

Publikation: Troya J, Fitting D, Brand M, Sudarevic B. et al.: „The influence of computer-aided polyp detection systems on reaction time for polyp detection and eye gaze. Endoscopy. 2022 Oct;54(10):1009-1014. doi: 10.1055/a-1770-7353

Es gibt allerdings auch eine länger angelegte Studie aus Japan, die über mehrere Jahre keinen solchen negativen Effekt feststellen konnte. Insgesamt ist die Studienlage uneinheitlich, sodass noch keine eindeutige Aussage darüber getroffen werden kann, ob und wie stark Deskilling durch KI tatsächlich auftritt.

Eine Metaanalyse hat gezeigt, dass die KI 7,4 Prozent mehr Polypen detektiert. 

Genau. Es hat sich herausgestellt, dass es sich um eher kleine Polypen handelt. Daraufhin wurde eine Mikrosimulation durchgeführt. Wenn ich 10.000 Personen mit KI untersuche und zehn Jahre lang begleite, sinkt die Rate neu aufgetretener Kolonkarzinome von 82 auf 71 Prozent. Das heißt, bei 100 Darmspiegelungen wird nur noch bei 71 Personen ein neu aufgetretenes Kolonkarzinom gefunden. Die Rate an kolonkarzinombedingten Todesfällen reduziert sich von 15 auf 13.

Diese Daten wurden drei Fachgesellschaften vorgelegt. Jede von ihnen gab eine andere Empfehlung ab.

Die American Society of Gastroenterology sprach keine Empfehlungen aus und positionierte sich somit weder gegen KI bei der Vorsorge noch dafür. Das British Medical Journal (BMJ) sah nach dieser Mikrosimulation wenig Nutzen und sprach sich gegen den Einsatz von KI aus. Die Europäische Fachgesellschaft für Endoskopie (ESGI) sprach hingegen eine schwache Empfehlung aus.

Wie lautet Ihre Empfehlung? 

Das Risiko, dass aus einem kleinen Adenom Krebs entsteht, ist zwar sehr gering. Wenn ich Patient wäre, würde ich mir jedoch wünschen, dass auch die kleinen Adenome entfernt werden. Denn ich möchte nicht zur Risikogruppe gehören. In der Ausbildung sollten wir allerdings auf Bewährtes setzen, bis eindeutig geklärt ist, ob es negative Einflüsse gibt. Es ist jedoch sinnvoll, junge Auszubildende auf einen Polypen hinzuweisen, sei es durch KI oder den Ausbildenden. Dadurch schulen sie ihr Auge.

EndoMind steht auf Ihrer Website zum freien Download zur Verfügung. Wie oft und von wem wird die Software heruntergeladen?

Bis April 2026 haben 366 Personen EndoMind heruntergeladen, nach Zugriffsstatistiken der Homepage hauptsächlich aus den USA, Russland, China und vor allem aus Japan. Das liegt wahrscheinlich daran, dass fast alle großen Endoskopiefirmen aus Japan kommen. Sie wollen sich die Software anschauen und mit ihrer eigenen vergleichen. Da EndoMind kein Medizinprodukt ist, darf es außerhalb von Studien nicht getestet werden. Wir liefern jedoch mit EndoMind und anderen KIs Ideen für künftige Medizinprodukte oder Verbesserungen.

Was müsste an den aktuellen KI-Modellen noch verbessert werden?

Ein Problem sind die eigentlich relevanten fortgeschrittenen Adenome. Die KIs werden jedoch hauptsächlich mit kleineren Polypen trainiert. Meines Wissens gibt es noch keine KI, die große Adenome oder solche mit deutlich mehr krankhaften Veränderungen ebenso verlässlich wie das menschliche Auge erkennt – oder gar besser. Das ist leider nicht so trivial. Wir bekommen häufiger Fälle zugewiesen, in denen wir größere Polypen finden, insbesondere flache Polypen, die teilweise übersehen wurden.

Sie arbeiten ja auch an einigen Verbesserungen und Qualitätsindikatoren. Im Projekt „Poseidon” beschäftigen Sie sich beispielsweise mit einer KI-gestützten Größenbestimmung der Polypen. Dabei hilft ein Wasserstrahl bei der Einordnung der Größe. Ein weiteres Thema ist die Rückzugszeit. Was heißt das?

Um den gesamten Darm zu untersuchen, also vom Beginn des Kolons, dem Zökum, bis zum Ende, dem Rektum, muss man sich mindestens sechs bis neun Minuten Zeit lassen. Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten zwischen zwei Darmspiegelungen seltener an Krebs erkranken oder versterben, wenn die Rückzugszeit mindestens sechs Minuten betrug. Wenn während des Rückzugs jedoch Polypen abgetragen oder Wunden versorgt werden, zählt das nicht zu dieser Rückzugszeit. Wir haben eine KI entwickelt, die zeigt, ob wir uns beim Rückzug genug Zeit gelassen haben, um alles zu untersuchen. Dazu haben wir auch zwei Studien publiziert. In der ersten haben wir anhand von Videos die Diskrepanz zwischen der Selbsteinschätzung der untersuchenden Person und der mit einer Stoppuhr gemessenen Zeit untersucht (DOI: 10.1055/a-2122-1671). Zusätzlich wurde eine selbstgebaute KI zur Rückzugszeitbestimmung retrospektiv evaluiert. In der zweiten Studie haben wir die KI zur Bestimmung der Rückzugszeit prospektiv an Patientinnen und Patienten des UKW getestet und gezeigt, dass die KI genauso präzise misst wie eine Stoppuhr (DOI: 10.1055/a-2721-6798). Die Industrie hat die Ideen hinter unseren KIs bereits aufgegriffen; die ersten entsprechenden Medizinprodukte sind im Begriff auf den Markt zu kommen.

Werden all diese Qualitätsindikatoren am Ende in einer KI zusammengeführt? 

Das ist das Ziel. Die KI detektiert, was gesehen wird, und erstellt einen Bericht. Wurde der tiefste Punkt des Kolons erreicht, also der Wurmfortsatz und der Blinddarm? Check. Haben wir Polypen festgestellt? Check. Wie groß sind die Polypen? Das können wir jetzt mithilfe der Wasserstrahlmethode bestimmen. Check. Dann haben wir eine KI entwickelt, die die Instrumente erkennt, mit denen wir Gewebe abtragen. Check. Schließlich kommt die KI zum Einsatz, die Gefäßmissbildungen erkennt. All diese einzelnen Puzzlestücke führen wir am Ende zu einem Bericht zusammen, der ein gewisses Qualitätsniveau erreicht.

Sie möchten noch mehr über die Arbeitsgruppe InExEn erfahren? In diesem Interview berichten Alexander Hann und Jana Theile, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der AG InExEn über KI-gestützte Diagnostik, Angiodysplasien und digitale Trainingskonzepte.

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation 

Porträt von Alexander Hann im weißen Kittel in der Magistrale des ZIM
Alexander Hann ist Professor für Digitale Transformation in der Gastroenterologie am UKW und Leiter der Arbeitsgruppe InExEn – Interventional and Experimental Endoscopy. © Daniel Peter / UKW
Bei einer Koloskopie wird ein Polyp mit einem blauen Rechteck markiert.
EndoMind ein KI-gestütztes System (Computer-Aided Detection, CADe), das die Detektionsrate von Adenomen (ADR) erhöhen soll, indem es bei einer Darmspiegelung erkannte Adenome mit einem blauen Rechteck markiert. © InExEn / UKW
14 Mitglieder der AG stehen in der Magistrale des ZIM
Die von Alexander Hann geleitete Arbeitsgruppe InExEn (Interventional and Experimental Endoscopy) entwickelt am UKW mit KI, Simulation, Gamification und Teamarbeit die Gastroenterologie weiter. © Daniel Peter / UKW

#MEDtoo – 3 von 4 Studentinnen im Praktischen Jahr wurden sexuell belästigt

Die größte nationale Studie zum Ausmaß, den Umständen und Folgen sexueller Belästigung im Medizinstudium in Deutschland – Ein Interview mit der Autorin Dr. med. Sabine Drossard, Master of Medical Education.

Porträtbild von Sabine Drossard - sie trägt Haare zurück, dunkle Brille und weißen Kittel
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am UKW, untersuchte gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie. © Daniela Zeisel / UKW

Würzburg. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein bekanntes Problem, das auch in der medizinischen Ausbildung vorkommt. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am Uniklinikum Würzburg (UKW), hat gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie untersucht.

An der anonymen Online-Umfrage nahmen 5.681 Studierende von 44 Medizinischen Fakultäten teil. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal BMC Medical Education publiziert und die Ergebnisse auf der Website https://medtoo.de anschaulich zusammengefasst: 49 Prozent haben sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet. 42 Prozent gaben an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Jede zweite betroffene Person erlebt Belästigung sogar mehr als dreimal im Jahr. Mit zunehmender Ausbildungsdauer zeigte sich ein deutlicher Anstieg: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 Prozent der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende. Drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung.  Das Verhalten ging unter anderem von ärztlichem Personal, Lehrenden sowie Mitstudierenden, vor allem aber von Patientinnen und Patienten aus. Die Mehrheit der Vorfälle wurde nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, aufgrund von Abhängigkeiten von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten. 

Frau Drossard, abgesehen davon, dass es sich bei der Querschnittstudie um den bislang größten Datensatz zu diesem Thema in Deutschland handelt, was ist das Besondere an der Studie?

Aufgrund der großen Stichprobe waren erstmals auch Subgruppenanalysen möglich, beispielsweise von Studierenden im PJ und von männlichen Studierenden, die von sexueller Belästigung betroffen waren. Letztere machten immerhin 29,3 Prozent der Studierenden im PJ aus. Bei den Frauen waren es 73,5 Prozent. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir mit unseren Daten zeigen konnten: Sexuelle Belästigung ist kein regionales Problem. Sie betrifft alle Standorte in ganz Deutschland! Wir wollen jedoch niemanden an den Pranger stellen oder unter Generalverdacht setzen. Es ist aber wichtig, dass wir darüber sprechen und hinschauen.

Vielen Täterinnen und Tätern ist möglicherweise gar nicht bewusst, dass sie gerade jemanden sexuell belästigt haben. Was genau fällt eigentlich unter sexuelle Belästigung?

Aus strafrechtlicher Perspektive können viele Vorgänge nicht verfolgt werden. Im Arbeitskontext gilt jedoch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist am 18. August 2006 in Kraft getreten. Ziel des Gesetzes ist es, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Jedes Verhalten, das bezweckt oder bewirkt, dass ich mich in meiner Würde herabgesetzt fühle, ist eine Grenzüberschreitung. Das gilt auch, wenn das Verhalten nicht den Zweck hatte, das Gegenüber zu belästigen. Es geht also um die Wahrnehmung der betroffenen Person. Hat das Verhalten eine Belästigung bewirkt? Wenn du das Gefühl hast, dass das nicht in Ordnung war, dann vertraue auf deine Wahrnehmung. Selbst wenn das Gegenüber sagt, dass es nicht so gemeint war, kann es sich für dich falsch anfühlen. 

Welche typischen Beispiele gibt es denn für Verhalten, „das nicht so gemeint war“? 

Ein klassisches Beispiel sind Komplimente. Sie sind vielleicht sogar nett und freundlich gemeint. Im professionellen Kontext sind sie jedoch nicht angebracht. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Oh, heute habe ich hier aber zwei besonders hübsche Studentinnen, die mir im OP zur Seite stehen“, dann ist das nicht angemessen. Dann werden die Studentinnen nicht in ihrer professionellen Rolle als angehende Ärztinnen wahrgenommen, sondern auf ihr Aussehen reduziert und damit zu Objekten gemacht.

Welche Komplimente sind im beruflichen Kontext denn angebracht? 

Aussagen zu fachlichen Aspekten. Ein Beispiel wäre: „Ich freue mich, zwei so kompetente Studentinnen im OP zu haben.“

Viele fragen sich jetzt wahrscheinlich, ob sie überhaupt noch etwas zu Studierenden sagen dürfen, ohne sofort zur Täterin oder zum Täter zu werden.

Wichtig ist hier vor allem die Bereitschaft zur Reflexion. Es geht nicht darum, pauschal zu sagen: „Ich bin nicht so“, sondern sich ehrlich zu fragen: „Wie wirken meine Aussagen oder mein Verhalten auf andere? Könnten sie vielleicht anders verstanden werden, als ich sie meine?“ Hilfreich ist dabei, sich bewusst in die Perspektive des Gegenübers hineinzuversetzen.

Welche Empfehlungen geben Sie Studierenden bei Grenzüberschreitungen? Reicht bereits eine Äußerung zum Aussehen aus, um sich an das Beschwerdemanagement oder die Beratungsstelle zu wenden?

Wenn eine Äußerung dazu führt, dass ich mich unwohl fühle, darf ich mich in jedem Fall beraten lassen. Oft hilft aber auch schon, ungewolltes Verhalten anzusprechen und Grenzen zu setzen. In meinen Workshops mit Studierenden üben wir unter anderem den Umgang mit solchen Situationen. Vielleicht schafft die betroffene Person es in diesem Moment, den Mut aufzubringen und zu sagen: „Ja, und kompetent bin ich auch.“ Oder: „Ich finde es nicht gut, dass Sie mein Aussehen kommentieren, denn ich bin hier in einer professionellen Rolle.“ Wer das in der Situation nicht spontan schafft, kann auch später einen Termin ausmachen und das Thema freundlich und professionell ansprechen, zum Beispiel so: „Sie haben gestern dies und jenes gesagt. Wahrscheinlich haben Sie das nett gemeint. Dennoch hat es dazu geführt, dass ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe. Ich möchte bitte keine Kommentare über mein Aussehen hören.“ Um sich die passenden Worte zurechtzulegen, kann auch ein Gespräch mit einer dritten Person oder der Beratungsstelle helfen.

Welche Belästigungen sind definitiv ein Fall für die Beratungs- bzw. Beschwerdestelle? 

Wenn man sich von einer Situation beeinträchtigt fühlt, sie einen traurig oder wütend macht und man nicht aufhören kann, darüber nachzudenken, sollte man das nicht mit sich alleine ausmachen. Manchmal hilft es, sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen auszutauschen und zu erfahren, wie sie oder er die Situation wahrgenommen hat. Viele suchen das Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund. Die Beratungsstelle ist in jedem Fall auch eine kompetente Anlaufstelle. 

Frühere Studien zeigen, dass sexuelle Belästigungen erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. Sie gehen mit einer erhöhten psychischen Belastung einher, verstärken Stress und Angst und können das Lernen sowie die berufliche Entwicklung beeinträchtigen. Zudem können sie Burnout begünstigen. 

Ja, unsere Erhebung bestätigt internationale Studien. Unsere Auswertung ergab, dass jede zweite betroffene Person psychisch belastet ist. 68 Prozent gaben an, Personen oder Situationen aufgrund ihrer Erfahrungen zu meiden. 46 Prozent berichteten, dass die Erfahrungen ihre Wahl der Facharztrichtung beeinflusst hätten. 

In der Befragung weisen chirurgische Fächer mit 1.300 Nennungen die höchste Belastungsrate auf, gefolgt von der Inneren Medizin mit 946 und der Allgemeinmedizin mit 507 Nennungen. Was sagen Sie als Kinderchirurgin dazu? 

Diese Zahlen müssen mit etwas Vorsicht interpretiert werden: Chirurgie und Innere Medizin sind große Fächer mit einem hohen Anteil an der klinischen Ausbildung. Allein durch die Pflichttertiale im Praktischen Jahr, die Blockpraktika und die Einsätze im klinischen Alltag besteht hier eine deutlich höhere Exposition, sodass auch mehr Studierende potenziell belastende Erfahrungen machen können. Dennoch fällt auf, dass chirurgische Fächer im Vergleich zur Inneren Medizin nochmals deutlich häufiger genannt wurden.

Wie sind Sie zur Chirurgie gekommen? 

Ich wollte zu Beginn meines Studiums eigentlich unbedingt Chirurgin werden, obwohl dieser Beruf sehr stark mit Gender-Stereotypen konnotiert ist und als Männerdomäne galt. Zwischenzeitlich haben mich die Kultur und die teilweise sehr hierarchischen Strukturen dann aber abgeschreckt. Mir wurde auch mehrfach davon abgeraten, als Frau eine chirurgische Karriere einzuschlagen.

Im Praktischen Jahr hatte ich dann aber das Glück, auf einer sehr guten Station zu arbeiten. Auch durch einen Mentor, der mich ermutigt und gefördert hat, habe ich die Chirurgie wieder für mich entdeckt. Die zweite Hälfte meines chirurgischen Tertials habe ich schließlich in der Kinderchirurgie verbracht – und dort habe ich mich sofort wohlgefühlt. Die Kultur erlebe ich in der Kinderchirurgie insgesamt als etwas weniger hierarchisch.

Apropos Hierarchie: In der Medizin sind starke hierarchische Strukturen weit verbreitet. Diese erhöhen das Risiko sexueller Belästigungen, erschweren aber auch den Umgang mit Grenzüberschreitungen. Nur 12,7 Prozent der Betroffenen meldeten einen entsprechenden Vorfall.

Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist definitiv mehr als eine individuelle Erfahrung: Sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Aufgrund bestehender Abhängigkeitsverhältnisse und möglicher negativer Konsequenzen adressieren oder melden viele Betroffene den Vorfall jedoch nicht. In unserer Befragung hatten 38 Prozent der Betroffenen Angst vor negativen persönlichen Folgen. Fast jede zweite betroffene Person kannte die Meldewege zudem nicht oder fand sie unklar. Auch gab jede zweite betroffene Person an, kein konsequentes Handeln bei sexueller Belästigung wahrgenommen zu haben.

Als Gründe gegen eine Meldung wurden Scham- und Schuldgefühle (32,1 %) sowie Unsicherheit bei der Einordnung des Vorfalls (71,7 %) angegeben.

Die Unsicherheit bei der Einordnung ist ein sehr wichtiger Punkt – generell, was das Thema sexuelle Belästigung angeht, aber besonders in der Medizin, wo Körperlichkeit eine größere Rolle spielt und die Gesprächskultur möglicherweise anders ist. Bei der ersten Frage sollten die Studierenden beispielsweise ankreuzen, ob sie selbst betroffen sind. Es gab die Antwortmöglichkeiten „Ja”, „Nein”, „Ich bin mir nicht sicher” und „Keine Angabe”. 15 Prozent gaben an, sich nicht sicher zu sein. Das fand ich interessant, denn das bedeutet wahrscheinlich „Ja”.

Sie sprechen aus Erfahrung. Im Rahmen einer qualitativen Vorarbeit haben Sie in Augsburg Interviews mit Studierenden im PJ geführt. Dabei haben Sie differenzierte Einblicke in deren Erleben und die Schwierigkeiten bei der Einordnung von Belästigung erhalten. Die Studie ist ebenfalls im „BMC Medical Education” erschienen.

Tatsächlich wurde von vielen Studierenden berichtet: „Naja, mich betrifft es ja eigentlich nicht. Ich wurde schließlich nie angefasst.“ Oftmals werden nur körperliche Übergriffe als Belästigung gewertet. Im Laufe des Interviews stellte sich jedoch heraus, dass vieles verdrängt wurde. Die Betroffenen haben vielleicht ein ungutes Gefühl wahrgenommen, das dann im Klinikalltag unterging. Deshalb beschäftige ich mich in meinen Seminaren zunächst einmal mit der Definition. Was ist eine Grenzüberschreitung überhaupt? Wie erkenne ich sie?

Haben Sie selbst im Medizinstudium sexuelle Belästigung erfahren? 

Durchaus. Das reichte von Kommentaren über das Aussehen bis hin zu scheinbar zufälligen Berührungen im OP. Es gab zahlreiche Situationen, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte. Heute weiß ich, dass sie nicht in Ordnung waren und Grenzen überschritten wurden. Auch diskriminierende Aussagen oder das Gefühl, als Frau nicht selbstverständlich dazuzugehören, haben dabei eine Rolle gespielt.

Basierend auf den Ergebnissen haben Sie in Würzburg ein Lehrprojekt entwickelt, das gezielt auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten ist und Medizinstudierende im Umgang mit Grenzüberschreitungen im Klinikalltag stärken soll. Das Projekt wurde im Sommersemester 2025 erstmals am UKW durchgeführt und ist nun als Wahlangebot verstetigt. Sollte das nicht zum Pflichtfach für alle Studierenden werden?

Eigentlich müsste das sogar schon viel früher gelehrt werden – nämlich in der Schule. Es geht dabei nicht nur um Belästigung, sondern auch um rassistische und stereotype Kommentare übereinander und voneinander. Man kann nicht früh genug ein Gespür dafür entwickeln, wie man respektvoll miteinander umgeht. Am Ende geht es für mich immer um Respekt. Respekt vor anderen Personen, aber auch Respekt vor mir selbst.

Kommen wir zu den Täterinnen und Tätern. Im universitären Betrieb wurden Mitstudierende mit 70 Prozent am häufigsten von den Betroffenen genannt, gefolgt von Professorinnen und Professoren mit 54 Prozent. In der Klinik bilden die Patientinnen und Patienten mit 94 Prozent die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt vom ärztlichen Personal. Welche Risikobereiche gibt es in der Klinik? 

Zu den Risikobereichen zählen neben praktischem Unterricht mit Patientinnen und Patienten das Pflegepraktikum, Famulaturen, das PJ sowie Einsätze im OP. 

Welche Art von Belästigung geht von Patientinnen und Patienten aus?

Patientinnen und Patienten äußern sich häufig zum Aussehen. Darüber hinaus erleben Studierende und Ärztinnen oft geschlechtsbasierte Zuschreibungen oder Diskriminierung. Das bedeutet, dass sie in ihrer professionellen Rolle nicht immer selbstverständlich ernst genommen werden. Dahinter stehen häufig tief verwurzelte gesellschaftliche Rollenbilder. Auch wenn solche Aussagen im Einzelfall vielleicht nicht bewusst verletzend gemeint sind, beschäftigen sie die Betroffenen oft sehr.

Es kommt beispielsweise immer noch vor, dass ich gefragt werde, ob denn heute noch ein Arzt kommt. Wenn Sie weibliche Kolleginnen in der Medizin fragen, werden viele ähnliche Erfahrungen schildern. Frauen werden leider häufig unterschwellig als weniger kompetent wahrgenommen. Gleichzeitig betrifft das Thema auch jüngere Männer – auch sie werden oft zunächst als weniger erfahren oder weniger kompetent eingeschätzt als ältere Kolleginnen und Kollegen.

Auch wenn Stereotype in der Gesellschaft keine Form von Belästigung oder vorsätzlicher Diskriminierung darstellen, sind sie dennoch ein Wahrnehmungsproblem und scheinbar ein hartnäckiges. Wie ließe es sich aufweichen?

Frauen müssen sichtbarer werden. Neben der Repräsentation von weiblichen Rollen und Vorbildern – zum Beispiel in den Medien – sollten wir auch die Sprache verändern. Gendersensible Sprache ist keine Luxusoption, sondern wichtig. Das fängt im Klinikalltag an. Ein Patient im Krankenzimmer klingelt, die Pflegekraft kommt herein und sagt: „Der Arzt kommt gleich.“ Tritt kurze Zeit später eine Ärztin ein, fällt es dem Patienten schwerer, sie als Ärztin einzuordnen. Es ist banal, aber unser Gehirn hat Schwierigkeiten, sich etwas vorzustellen, das nicht benannt wird. 

Den Eltern meiner kleinen Patientinnen und Patienten sage ich deshalb immer, dass sie die Fäden gern bei der Kinderärztin ziehen lassen können. Immerhin sind 70 Prozent der Kinderärzt*innen weiblich. Manche sind dann irritiert und sagen: „Wir haben doch einen Kinderarzt.“ Umgekehrt hört man selten, dass sie eine Kinderärztin haben, wenn man vom Kinderarzt spricht.

Nehmen ihre männlichen Kollegen die Diskriminierung wahr? 

Scheinbar nicht. Als ich vor einigen Jahren einem männlichen Kollegen davon berichtete, fiel er aus allen Wolken. Ich habe ihn gefragt, wie oft ihm auf dem Stationsflur ein Urinbecher in die Hand gedrückt wird. Noch nie. Mir und meinen weiblichen Kollegen passiert das hingegen jeden zweiten Tag – nach dem Motto: „Hier, können Sie das mal mitnehmen.“

Wie reagieren Sie, wenn jemand Ihre Kompetenz herabsetzt?

Früher habe ich mich darüber sehr geärgert. Je höher ich in der Position komme, desto leichter fällt es mir, lässig darüber zu stehen. Inzwischen stelle ich mich auch immer mit meiner Position vor, damit die Patientinnen und Patienten wissen, mit wem sie es zu tun haben und an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Wichtig ist auch, explizit zu sagen, wenn Studierende Teil des Behandlungsteams sind. Ich stelle alle Studierenden, die mit den Patientinnen und Patienten in Kontakt stehen, zum Beispiel als meine jungen Kolleginnen und Kollegen vor. Sie sind kein Bonus, optional, Luxus oder Beiwerk. Für die Studierenden ist es sehr wichtig, dass sie in dieser Rolle wahrgenommen werden und sich auch gesehen und wichtig genommen fühlen.

Den Lehrenden kommt also ebenfalls eine besondere Verantwortung zu.

Sie sollten für die spezifischen Risiken, denen Studierende ausgesetzt sind, sensibilisiert sein. Sie sollten proaktiv über mögliche Grenzüberschreitungen aufklären und ihre Position nutzen, um ein konsequentes Vorgehen gegenüber entsprechendem Verhalten zu etablieren. 

Man darf und sollte auch Patientinnen und Patienten in die Schranken weisen, wenn sie Grenzen überschreiten. Das signalisiert den Studierenden, dass der Vorfall wahrgenommen wurde und missbilligt wird. Zudem sollten wir Studierende in solchen Situationen aktiv unterstützen, ihre Handlungssicherheit stärken und sie bei Bedarf an geeignete Stellen und Angebote verweisen.

Aus ihren Studien haben sie Handlungsempfehlungen für medizinische Fakultäten und Kliniken abgeleitet.

Es besteht dringender Handlungsbedarf, was strukturelle Reformen betrifft. Insbesondere sind wirksame Präventionsprogramme, klar definierte und niedrigschwellige Meldewege sowie verlässliche Schutzstrukturen für Studierende erforderlich. Am UKW bestehen hierfür bereits etablierte Angebote, etwa durch eine Beratungsstelle für Beschäftigte mit der Möglichkeit zur anonymen Meldung. Im deutschlandweiten Vergleich ist das UKW damit strukturell gut aufgestellt.

Letztlich bedarf es jedoch eines nachhaltigen kulturellen Wandels im medizinischen System, um Grenzüberschreitungen konsequent entgegenzuwirken.

Über Dr. med. Sabine Drossard, MME

Sabine Drossard wurde 1986 in Regensburg geboren und wuchs im Rheinland auf. Sie studierte an der TU München Humanmedizin und absolvierte in Augsburg und München ihre Weiterbildung in der Kinderchirurgie, mit Rotation in der Pädiatrie und pädiatrischer Intensivmedizin. Ihre Promotion schloss sie am Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin der LMU München ab. Neben der Weiterbildung machte die Kinderchirurgin einen berufsbegleitenden Master of Medical Education (MME). Seit November 2023 ist Sabine Drossard Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie am UKW.

Publikationen:

Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9

Sabine Drossard, Iris Warnken, Marco Kuchenbaur, Anja Härtl & Inga Hege. #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study. BMC Med Educ 26, 584 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-09090-1

Links:

Die Ergebnisse der Studie wurden auf der Webseite www.medtoo.de übersichtlich und laienverständlich aufbereitet. 

Sabine Drossard in der UKW-Serie „WomenInScience“ zu ihrer Forschung: Universitätsklinikum Würzburg: WomenInScience: Sabine Drossard

Sabine Drossard im Podcast der Apotheken Umschau “Frau Doktor, übernehmen Sie!” - Folge 88 - Sexuelle Belästigung im Medizinstudium. https://www.apotheken-umschau.de/podcast/episode/frau-doktor-uebernehmen-sie-ueber-frauenkarrieren-in-der-medizin/sexuelle-belaestigung-im-medizinstudium-drei-von-vier-frauen-im-pj-betroffen-1513585.html

Anonyme Meldestelle der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): https://www.bvmd.de/gleichstellung/

Beratungsstelle für Beschäftigte des UKW: https://www.ukw.de/zentrale-einrichtungen-und-service-einrichtungen/beratungsstelle-fuer-beschaeftigte-des-ukw/schaedigendes-verhalten/

Webseite der Universität Würzburg um Sexismus in der Medizinischen Lehre: https://www.med.uni-wuerzburg.de/fachschaft/infos-und-angebote/sexismus-in-der-medizinischen-lehre/
 

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation am UKW 

Porträtbild von Sabine Drossard - sie trägt Haare zurück, dunkle Brille und weißen Kittel
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am UKW, untersuchte gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie. © Daniela Zeisel / UKW

Welche Hygienemaßnahmen schützen am besten vor Krankenhauskeimen?

NUM-Projekt PREVENT untersucht wie sich Blutstrominfektionen verursacht durch Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) verhindern lassen

Porträt von Stefanie Kampmeier, die Professorin trägt die dunklen Haare im Pferdeschwanz, einen blauen Blazer und weißes T-Shirt
Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der zentralen Einrichtung Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW), initiierte im NUM-Fachnetzwerk Infektionen (SNID), dessen Co-Sprecherin sie ist, die Studie PREVENT (Prevention of bloodstream infections with vancomycin resistant enterococci). © Franziska Kammer / UKW
Links eine Frau in gelbem Schutzkittel mit Maske, Haube und Handschuhen, rechtes ein Spender mit Händedesinfektionsmittel und Arme, die das Gerät bedienen.
In der Beobachtungsstudie PREVENT wird der Einfluss der verschiedenen Hygienemaßnahmen auf VRE-Blutstrominfektionen geprüft. Dabei wendet jede der 22 teilnehmenden Universitätskliniken konsequent die Maßnahme an, die bei ihr derzeit Standard ist. Einige Kliniken setzen die sogenannte Handschuh-Kittel-Pflege um, andere isolieren die Patienten konsequent auf allen Stationen und wieder andere nur in Hochrisikobereichen. Einige Kliniken setzen keine dieser Maßnahmen um, achten lediglich auf eine gründliche Händedesinfektion. © Collage Salih Usta / UKW / Canva

Obwohl Enterokokken natürliche Darmbewohner sind, gelten Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) als typische multiresistente Krankenhauskeime. Sie treten vor allem in Kliniken und Pflegeeinrichtungen auf, wo sie durch Faktoren wie immungeschwächte Patientinnen und Patienten, den häufigen Einsatz von Antibiotika und invasive Eingriffe begünstigt werden. Die neue Studie PREVENT im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) untersucht, wie häufig Blutstrominfektionen durch VRE auftreten und welche Faktoren – etwa der Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten, die Behandlung oder die eingesetzten Hygienemaßnahmen im Krankenhaus – dabei eine Rolle spielen. Ziel ist es, herauszufinden, welche Maßnahmen wirklich wirksam sind, um Infektionen besser zu verhindern. Initiiert wurde die Studie, an der 22 Universitätskliniken teilnehmen, von Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der Zentralen Einrichtung für Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW).

Würzburg. Enterokokken gehören zur natürlichen Darmflora und sind für die meisten Menschen harmlos. Problematisch können die widerstandsfähigen Bakterien jedoch werden, wenn sie in das Blut, die Harnwege oder Wunden gelangen und dort Infektionen verursachen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn körpereigenen Abwehrkräfte geschwächt sind. Verkompliziert wird die Situation, wenn Enterokokken gegen Antibiotika resistent sind, beispielsweise gegen Vancomycin. Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) bergen eine große Gefahr in Krankenhäusern. Denn hier treffen viele Risikofaktoren zusammen: immunsupprimierende Therapien, häufige Antibiotikagaben, die Resistenzen fördern, sowie medizinische Eingriffe, die zusätzliche Eintrittspforten für die Erreger schaffen. Gelangen VRE in den Blutkreislauf, können sie eine Blutstrominfektion auslösen, die zu einer Sepsis führen kann. Dabei handelt es sich um eine überbordende Entzündungsreaktion, die im schlimmsten Fall zu einem Multiorganversagen führt. 

Studie PREVENT wird im Rahmen des NUM-Fachnetzwerks Infektionen (SNID) gefördert

Das A und O ist also die Verhinderung dieser lebensgefährlichen VRE-Blutstrominfektionen. „PREVENT - Prevention of bloodstream infections with vancomycin resistant enterococci“ - heißt daher auch das neue Projekt im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Initiiert wurde die multizentrische Studie von Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der zentralen Einrichtung Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW). Die Professorin für Krankenhaushygiene ist Fachärztin sowohl für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie als auch für Hygiene und Umweltmedizin. Vor kurzem wurde sie zur Sektionssprecherin des Bayerischen Surveillancezentrums (BaySurv) gewählt, das sich im Rahmen des Bayerischen Zentrums für präventive Infektionsmedizin (BZI) mit der kontinuierlichen Überwachung relevanter Erreger unter Einsatz moderner molekularer und datenbasierter Methoden befasst. Last but not least ist Stefanie Kampmeier Co-Sprecherin des NUM-Fachnetzwerkes Infektionen (SNID - Specialty Network Infectious Diseases).

„Wer bedankt sich schon dafür, dass er sich im Krankenhaus nicht mit einem multiresistenten Erreger angesteckt hat?“

Dass ihr PREVENT-Projekt nun zu den sechs Studien gehört, die im SNID vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert werden, freut Stefanie Kampmeier ganz besonders. Dies ist ein großer Erfolg. Hygiene führe oft ein Schattendasein, da sie von vielen als selbstverständlich hingenommen wird. „Wer bedankt sich schon dafür, dass er sich im Krankenhaus nicht mit einem multiresistenten Erreger angesteckt hat?“, fragt Stefanie Kampmeier. Dabei ist es eben nicht selbstverständlich. Zudem sind viele Faktoren zur Ursache, Entstehung, Verbreitung und Vermeidung noch nicht geklärt.

Mehr Evidenz für die Ausarbeitung nationaler Handlungsempfehlungen zum hygienischen Umgang mit VRE

Die Projektleiterin zählt die Ziele von PREVENT auf: „Zunächst schauen wir uns an, wie häufig Patientinnen und Patienten in deutschen Universitätskliniken Blutstrominfektionen durch VRE bekommen. Anschließend untersuchen wir, welche Faktoren – von den Patientinnen und Patienten über die Erregerstämme bis hin zur Krankenhausorganisation – das Risiko beeinflussen. Hierbei interessiert uns insbesondere, welchen Einfluss Hygienemaßnahmen und der kontrollierte Einsatz von Antibiotika auf eine VRE-Blutstrominfektion haben. Außerdem analysieren wir, welche prognostischen Faktoren den Krankheitsverlauf bei den Betroffenen bestimmen.“

Am Ende erhofft sich das Studienteam mehr Evidenz für die Ausarbeitung nationaler Handlungsempfehlungen zum hygienischen Umgang mit VRE in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen. 

Unterschiedliche Hygienemaßnahmen, Auffassungen und Umsetzungen 

Die Handlungsempfehlungen des Robert Koch-Instituts, die von der Kommission für Infektionsprävention in medizinischen Einrichtungen sowie in Einrichtungen und Unternehmen der Pflege und Eingliederungshilfe (KRINKO) herausgegeben werden sind Kampmeier zufolge im Augenblick noch sehr generisch formuliert. Entsprechend unterschiedlich werden die Hygienemaßnahmen in Kliniken und Krankenhäusern sowie auf den einzelnen Stationen umgesetzt.

„Wenn wir von Hygiene sprechen, dann meinen wir damit eher Bündelmaßnahmen zur Infektionsprävention“, sagt Stefanie Kampmeier. Dazu gehört zum Beispiel die Isolierung von Patientinnen und Patienten bei einem Nachweis von multi-resistenten oder hoch-infektiösen Krankheitserregern. Hinzu kommen Flächendesinfektionsmaßnahmen, die Einbindung von Patientinnen und Patienten, beispielsweise in die Händedesinfektion, sowie das Tragen von Schutzkleidung wie Kittel und Handschuhe. Jeder handele anders. Und selbst wenn alle von Schutzkleidung reden, ist nicht zwingend klar, ob dasselbe gemeint ist.

Das UKW setzt aktuell auf weniger Isolation und mehr Händedesinfektion und Monitoring – mit Erfolg

Als Stefanie Kampmeier im Juli 2023 ans UKW kam, wurden Patientinnen und Patienten nach Stammzelltransplantationen sowie schwerkranke Personen mit VRE-Nachweis isoliert. In Absprache mit den einzelnen Kliniken setzte Kampmeier durch, dass niemand mehr isoliert wird, dafür aber die basishygienischen Maßnahmen und das Monitoring intensiviert werden. „Tatsächlich sind bei uns die Blutstrominfektionen gesunken“, freut sich Kampmeier. Ihre Begründung: „Wenn ich Patienten mit multiresistenten Keimen isolieren muss und mir bei jedem Kontakt die komplette Schutzausrüstung anziehen muss, verliere ich sehr viel Zeit, die ich besser am und mit dem Patienten verbringen könnte. Je häufiger ich den Patienten sehe, desto schneller kann ich auf Verschlechterungen reagieren." Auch der psychologische Nutzen für die Patienten sei nicht zu unterschätzen. „Im Moment gibt uns der Erfolg Recht“, sagt Kampmeier. „Doch auf die bundesweite stationäre Versorgung bezogen, fehlt noch der wissenschaftliche Beleg, welche Maßnahmen wirklich nützen, um VRE-Infektionen zu verhindern.”

Ganzgenomsequenzierung der Erreger

Auch die Erreger selbst sollen untersucht werden. Mithilfe von Ganzgenomsequenzierungen sollen genetische Fingerabdrücke der Erreger erstellt und Risikoprofile identifiziert werden, um aus diesen gezielte Präventionsmaßnahmen abzuleiten. 

„Es gibt so viele spannende Aspekte, die zur interdisziplinären Infektionsprävention beitragen und ganzheitlich Mensch und Erreger mit einbeziehen sollten. Genau das macht meine und unsere gemeinsame Arbeit so reizvoll“, sagt Stefanie Kampmeier. 

Deutsche Universitätskliniken bündeln ihre Forschungsaktivitäten für besseres Krisenmanagement und schnelle praxisrelevante Erkenntnisse 

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit der Universitätsmedizin für eine schnelle und koordinierte klinische Forschung zur Pandemie Preparedness ist. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2020 das NUM gegründet. In diesem Netzwerk bündeln die deutschen Universitätskliniken ihre Forschungsaktivitäten und bauen gemeinsame Infrastrukturen für multizentrische Studien auf. Das NUM-Studiennetzwerk bildet das Herzstück dieser Zusammenarbeit und stellt organisatorische und methodische Strukturen für klinische Studien bereit. Ergänzt wird es durch drei thematische Fachnetzwerke (Infektionen, Intensivmedizin und Schlaganfall), in denen Expertinnen und Experten verschiedener Standorte ihre wissenschaftliche und klinische Expertise zu spezifischen Krankheitsfeldern zusammenführen. 

Über das NUM Studiennetzwerk (NUM SN) und seine Fachnetzwerke im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM)

Das NUM Studiennetzwerk ist eine zentrale Initiative, entstanden als spezialisierte Forschungsinfrastruktur innerhalb des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM). Im NUM führen erstmalig alle 37 deutschen Standorte der Universitätsmedizin gemeinsam große interdisziplinäre klinische Forschungsprojekte durch. Ziel des NUM Studiennetzwerks ist die Optimierung von Prozessen, die Vernetzung von Akteur*innen und die Beschleunigung der klinischen und klinisch-epidemiologischen Forschung in Deutschland. Die drei Fachnetzwerke im NUM Studiennetzwerk erheben standardisiert klinische Forschungsdaten und sammeln Bioproben, um einen standortübergreifenden Datenpool im jeweiligen Fachbereich aufzubauen.

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Porträt von Stefanie Kampmeier, die Professorin trägt die dunklen Haare im Pferdeschwanz, einen blauen Blazer und weißes T-Shirt
Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der zentralen Einrichtung Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW), initiierte im NUM-Fachnetzwerk Infektionen (SNID), dessen Co-Sprecherin sie ist, die Studie PREVENT (Prevention of bloodstream infections with vancomycin resistant enterococci). © Franziska Kammer / UKW
Links eine Frau in gelbem Schutzkittel mit Maske, Haube und Handschuhen, rechtes ein Spender mit Händedesinfektionsmittel und Arme, die das Gerät bedienen.
In der Beobachtungsstudie PREVENT wird der Einfluss der verschiedenen Hygienemaßnahmen auf VRE-Blutstrominfektionen geprüft. Dabei wendet jede der 22 teilnehmenden Universitätskliniken konsequent die Maßnahme an, die bei ihr derzeit Standard ist. Einige Kliniken setzen die sogenannte Handschuh-Kittel-Pflege um, andere isolieren die Patienten konsequent auf allen Stationen und wieder andere nur in Hochrisikobereichen. Einige Kliniken setzen keine dieser Maßnahmen um, achten lediglich auf eine gründliche Händedesinfektion. © Collage Salih Usta / UKW / Canva

DGIM prämiert Würzburger App Axia für Bewegungstherapie bei axialer Spondyloarthritis

Peter-Müller-Innovationspreis 2026 für Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) Axia

le Maire und Möckel stehen auf der Bühne und halten die Urkunde in den Händen
Maxime le Maire (links), Doktorand am Universitätsklinikum Würzburg und Mitentwickler der App Axia im Rahmen des Start-ups Applimeda, nahm den Peter-Müller-Innovationspreis 2026 von Prof. Dr. Martin Möckel von der Charité Universitätsmedizin Berlin entgegen. © DGIM / Sven Bratulic
Illustration mit feierndem Maskottchen Bechto (ein Wirbelkörper) sowie einer Hand, die ein Smartphone mit App Axia in der Hand hält und der Überschrift Axia ist erste Rheuma-DiGA.
Mit der Zulassung der in Würzburg entwickelten App „Axia“ für Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) steht nun erstmals eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung in Deutschland zur Verfügung. © UKW
Selfie von Marc Schmalzing, der den Arm um Patrick-Pascal Strunz gelegt hat - beide lachen in die Kamera
Die Würzburger Rheumatologen Patrick-Pascal Strunz (links) und Marc Schmalzing freuen sich über die gute Resonanz auf die App für Personen mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) - hier auf dem Europäischen Rheumatologie-Kongress (EULAR) im Juni 2025 in Barcelona. © Marc Schmalzing / UKW

Die in Würzburg entwickelte Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) Axia wurde von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) auf dem 132. Internistenkongress in Wiesbaden mit dem 1. Preis des renommierten Peter-Müller-Innovationspreis 2026 ausgezeichnet. Die Auszeichnung ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert und wird jährlich für innovative digitale Entwicklungen mit medizinischem Nutzen vergeben. Axia kombiniert Übungsvideos, Wissensinhalte, Symptomtracking und alltagsnahe Unterstützung zur regelmäßigen Durchführung der personalisierten Bewegungstherapie bei axialer Spondyloarthritis.

Würzburg. „Dass die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin eine Therapie-App für die axiale Spondyloarthritis mit dem ersten Preis auszeichnet - obwohl die Rheumatologie eher zu den kleinen Fächern der Inneren Medizin zählt – ist eine ganz besondere Anerkennung für uns“, sagt PD Dr. Marc Schmalzing, Leiter des Schwerpunktes Rheumatologie/Klinische Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Axia, die gerade als erste Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für entzündlich-rheumatische Erkrankungen zugelassen wurde, hat die Jury des Peter-Müller-Innovationspreis überzeugt. Die App setzte sich in einem Pitch auf dem 132. Internistenkongress in Wiesbaden durch und gewann den ersten Platz.

DiGA Axia verbessert die Versorgung bei axialer Spondyloarthritis zusätzlich zur medikamentösen Therapie 

Axia richtet sich an Menschen mit axialer Spondyloarthritis, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule. Die App bietet individualisierte Übungsprogramme mit über 250 Übungsvideos, passt Inhalte an Beschwerden, Einschränkungen und Krankheitsverlauf an und unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, regelmäßig aktiv zu bleiben. Mit Erfolg. Erst kürzlich wurden die Ergebnisse der randomisiert-kontrollierten Studie mit 200 Teilnehmenden in der Fachzeitschrift „Annals of the Rheumatic Diseases“ publiziert (https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016). Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die das Standardverfahren erhielt, zeigte die Interventionsgruppe mit der Axia-App signifikante Verbesserungen in der Krankheitsaktivität, der Funktionsfähigkeit sowie der Lebensqualität. Mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten erreichte ein klinisch relevantes Therapieansprechen – deutlich mehr als in der Kontrollgruppe.

Axia schließt Versorgungslücke

„Axia integriert eine zentrale Säule der Therapie – die Bewegung – konsequent in den Alltag der Betroffenen und schließt damit eine bedeutende Versorgungslücke“, kommentiert Professor Dr. Martin Möckel, Vorsitzender der DGIM-Projektgruppe „DiGA/KI in Leitlinien“ und Mitglied der Jury des Peter-Müller-Innovationspreises.

Die digitale Therapiehilfe wurde von den Würzburger Medizinstudenten Maxime Le Maire und Tobias Heusinger sowie dem Informatiker Robert Leppich im Rahmen des Start-ups Applimeda und in Zusammenarbeit mit der der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. (DVMB) und der Rheumatologie des UKW entwickelt. 

Neben Maxime Le Maire, der den Preis auf dem 132. Internistenkongress in Wiesbaden entgegennahm, freut sich auch PD Dr. Patrick-Pascal Strunz, Rheumatologe und Leiter der Studien zu Axia am UKW, über die Auszeichnung: „Die Auszeichnung würdigt den hohen klinischen Nutzen von Axia und spricht für die hohe Qualität unserer in Würzburg entwickelten App sowie der durchgeführten Studien. Unsere Studien zeigen, dass Axia eine sichere und wirksame ergänzende, nicht-medikamentöse Behandlungsoption darstellt, um die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis zusätzlich zur medikamentösen Therapie zu verbessern.“

Peter-Müller-Innovationspreis für innovative digitale Entwicklungen mit medizinischem Nutzen

Stifter des mit 10.000 Euro dotierten Peter-Müller-Innovationspreis ist die custo med GmbH mit Sitz in Ottobrunn. Mit dem Preis würdigt die DGIM digitale Innovationen, die einen besonderen Nutzen für Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte versprechen und die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen.

„Mit digitalen Tools lassen sich Versorgungslücken schließen – insbesondere bei chronischen Erkrankungen, bei denen der Therapieerfolg entscheidend vom Verhalten im Alltag abhängt“, so DiGA-Experte Möckel. Der Peter-Müller-Innovationspreis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert - 1. Preis 5.000 €, 2. Preis 3.000 € und 3. Preis 2.000 €. Die weiteren Preise gingen an smartNTx, ein digitales Versorgungsangebot zur Nachsorge nach Nierentransplantation, sowie an die Macher von Kaia, einer DiGA für multimodale Schmerztherapie. 

Pressemeldung zur Zulassung

Pressemeldung zu den Ergebnissen der Studie

le Maire und Möckel stehen auf der Bühne und halten die Urkunde in den Händen
Maxime le Maire (links), Doktorand am Universitätsklinikum Würzburg und Mitentwickler der App Axia im Rahmen des Start-ups Applimeda, nahm den Peter-Müller-Innovationspreis 2026 von Prof. Dr. Martin Möckel von der Charité Universitätsmedizin Berlin entgegen. © DGIM / Sven Bratulic
Illustration mit feierndem Maskottchen Bechto (ein Wirbelkörper) sowie einer Hand, die ein Smartphone mit App Axia in der Hand hält und der Überschrift Axia ist erste Rheuma-DiGA.
Mit der Zulassung der in Würzburg entwickelten App „Axia“ für Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) steht nun erstmals eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung in Deutschland zur Verfügung. © UKW
Selfie von Marc Schmalzing, der den Arm um Patrick-Pascal Strunz gelegt hat - beide lachen in die Kamera
Die Würzburger Rheumatologen Patrick-Pascal Strunz (links) und Marc Schmalzing freuen sich über die gute Resonanz auf die App für Personen mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) - hier auf dem Europäischen Rheumatologie-Kongress (EULAR) im Juni 2025 in Barcelona. © Marc Schmalzing / UKW

Wie aussagekräftig und fair sind VR-Prüfungen?

Würzburger Arbeitsgruppe „VR-Simulation im Medizinstudium“ veröffentlicht neue Erkenntnisse aus zwei Studien zu VR-Prüfungen in hochrangigen Fachzeitschriften für Digital Health

Großaufnahme des Anwenders mit VR-Brille und Hand mit Controller
Die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, kann die klinische Beurteilung in der virtuellen Realität verzerren. © Liam König / UKW
VR-Situation aus Sicht des Anwenders: links im Bildrand die VR-Brille und in der Mitte des Bildes die Hand des Anwenders mit VR-Gerät - im Hintergrund die virtuelle Welt mit Patient und Geräten
Durch immersive Simulationen ermöglicht die virtuelle Realität eine realitätsnahe, standardisierte und reproduzierbare Vermittlung klinisch-praktischer Kompetenzen. © Tobias Mühling / UKW

Würzburg. Anwendungen in der virtuellen Realität (VR) gelten als vielversprechende Innovation für die medizinische Ausbildung. Insbesondere für Prüfungen zu klinisch-praktischen Kompetenzen erscheinen sogenannte immersive Simulationen attraktiv: Durch das Eintauchen in eine digitale Welt, in der die Anwenderinnen und Anwender ihre Handlungen selbst bestimmen müssen, lassen sich komplexe Notfallszenarien standardisiert abbilden. Abläufe sind reproduzierbar, und die Prüfungsbedingungen können für alle Teilnehmenden identisch gestaltet werden.

Zwei aktuelle Studien der Arbeitsgruppe VR-Simulation im Medizinstudium am Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung (IMLA) des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) zeigen jedoch, dass VR-basierte Prüfungsformate derzeit möglicherweise nicht uneingeschränkt einsetzbar sind. Die Ergebnisse wurden in den renommierten Fachzeitschriften npj Digital Medicine, ein Journal des Nature-Portfolios, und JMIR Medical Education veröffentlicht.

Immersive Kompetenz beeinflusst Prüfungsleistung

In den Studien wurde der Frage nachgegangen, inwiefern die medizinische Prüfungsleistung in VR-Szenarien durch die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, beeinflusst wird. Diese Fähigkeit wird unter anderem durch Vorerfahrungen mit 3D- und VR-Anwendungen geprägt. Dadurch könnten Studierende mit intensiver Gaming-Erfahrung einen Leistungsvorteil haben.

Die im JMIR veröffentlichte erste Arbeit schuf dafür die methodische Grundlage: Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Mensch-Computer Interaktion der Universität Würzburg wurde erstmals ein Instrument entwickelt und erprobt, mit dem sich die immersive Kompetenz direkt innerhalb einer VR-Anwendung erfassen lässt. 

In der darauf aufbauenden, randomisiert-kontrollierten Studie wurde die immersive Kompetenz bei einem Teil der Prüflinge gezielt trainiert. Die trainierte Gruppe erzielte anschließend signifikant bessere medizinische Ergebnisse in einem VR-Notfallszenario als die nicht trainierte Kontrollgruppe. 

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass VR-Prüfungen nicht nur medizinisches Wissen und klinisches Handeln, sondern auch den Umgang mit der Technologie selbst messen“, erklärt Jan Schaal, Erstautor der Validierungsstudie und Doktorand am IMLA. „Damit entsteht die Gefahr, dass digitale Vorerfahrung unbeabsichtigt zu einem Vorteil wird – unabhängig vom eigentlichen Leistungsvermögen“, ergänzt Verena Schreiner, ebenfalls Doktorandin und Erstautorin der methodenzentrierten Studie.

Training allein gleicht Unterschiede nicht automatisch aus

Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft vorbereitende VR-Tutorials. Solche Trainings sollen eigentlich gleiche Ausgangsbedingungen schaffen. Die Würzburger Daten legen jedoch nahe, dass die derzeit üblichen Einführungen möglicherweise nicht ausreichen, um bestehende Unterschiede vollständig auszugleichen. In bestimmten Konstellationen könnten die Trainings anfängliche Leistungsunterschiede sogar verstärken statt reduzieren.

Konsequenzen für die digitale Transformation der Lehre

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Einsatz von VR in zukünftigen Prüfungen sorgfältig vorbereitet und überwacht werden muss. Entscheidend sind ein intuitives und zugängliches Design von VR-Hardware und -Software, gezielte Trainings zur Entwicklung immersiver Kompetenz sowie eine sorgfältige wissenschaftliche Prüfung von Aussagekraft und Fairness, bevor Ergebnisse über das Weiterkommen im Studium entscheiden.

„VR bietet enormes Potenzial für die medizinische Ausbildung – aber wir müssen sehr genau untersuchen, was wir eigentlich messen“, betont Dr. Tobias Mühling, Arbeitsgruppenleiter und Letztautor der Studien. „Wenn VR in Zukunft auch in benoteten Prüfungen über den Studienfortgang entscheiden soll, müssen die Ergebnisse zuverlässig sein und für alle Studierenden die gleichen Chancen bieten“, ergänzt die Institutsleitung Prof. Dr. Sarah König.

 

Publikationen:

Schreiner V, Backhaus J, Lindner M, Heinisch M, König S, Oberdörfer S, Mühling T. Specific Immersive Competence in VR-Based Medical Assessments: Development and Exploratory Evaluation of an In-Situ Measurement Approach. JMIR Medical Education. 24/02/2026:82136 (forthcoming/in press). DOI: 10.2196/82136 URL: https://preprints.jmir.org/preprint/82136

Schaal, J., Leutritz, T., Lindner, M. et al. Immersive competence as a source of bias in virtual reality clinical assessment. npj Digit. Med. (2026). https://doi.org/10.1038/s41746-026-02482-z

Großaufnahme des Anwenders mit VR-Brille und Hand mit Controller
Die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, kann die klinische Beurteilung in der virtuellen Realität verzerren. © Liam König / UKW
VR-Situation aus Sicht des Anwenders: links im Bildrand die VR-Brille und in der Mitte des Bildes die Hand des Anwenders mit VR-Gerät - im Hintergrund die virtuelle Welt mit Patient und Geräten
Durch immersive Simulationen ermöglicht die virtuelle Realität eine realitätsnahe, standardisierte und reproduzierbare Vermittlung klinisch-praktischer Kompetenzen. © Tobias Mühling / UKW