Das Cochlea-Implantat (CI) wird zunehmend auch bei Patienten mit nur einseitiger Schwerhörigkeit eingesetzt. Mehr zur neuen Indikationsstellung der etablierten Innenohrprothese sowie zu vielen wei-teren aktuellen Aspekten rund um implantierbare Hörgeräte bietet ein öffentlicher Infotag am Samstag, den 24. Mai 2014, im Comprehensive Hearing Center des Würzburger Universitätsklinikums. Die Veranstaltung ist Teil des deutschlandweiten CI-Tags.
In Deutschland haben sich seit Mitte der 1980er-Jahre über 28 000 taube Erwachsene und Eltern von gehör-los geborenen Kindern für ein Cochlea-Implantat (CI) entschieden. Die Innenohrprothese wandelt Schall in elektrische Impulse um, durch die der Hörnerv in der Hörschnecke – lateinisch Cochlea – stimuliert wird. So können Sprache und Klänge wieder wahrgenommen werden.
„In den letzten Jahren hat der Indikationsbereich für ein CI eine deutliche Erweiterung erfahren“, berichtet Prof. Rudolf Hagen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, plastische und ästhetische Operationen des Würzburger Universitätsklinikums. So kamen zu Beginn praktisch nur beidseitig taube Patienten mit einem Alter von mindestens drei Jahren für ein einseitiges CI in Frage. Mittlerweile sind laut Prof. Hagen zum Beispiel bei tauben Kindern beidohrige Implantate der Standard. Und das schon ab einem Alter von vier oder fünf Monaten sofern hier eine sichere Diagnose möglich ist.
Trend: CI auch bei nur einseitiger Taubheit
„Ein aktueller Trend ist es, auch nur einseitig stark schwerhörige oder taube Menschen mit einem CI auszu-statten“, schildert der Würzburger HNO-Experte und erläutert: „Einseitig taube Menschen erleben ihren Hör-verlust dann als besonders einschneidend, wenn sie Sprache bei Hintergrundgeräuschen verstehen wollen oder von der tauben Seite her angesprochen werden. Probleme gibt es außerdem bei der Ortung von Ge-räuschquellen. Und grundsätzlich ist die Höranstrengung für Betroffene im Alltag sehr hoch.“
Mit einem CI ist es diesen Patienten möglich, wieder beidohrig zu hören. Diese seit zwei bis drei Jahren verstärkt angewandte Therapie und ihre Implikationen gehören zu den zentralen Themen der Vortragsver-anstaltung „Update implantierbare Hörgeräte“ zu dem das Comprehensive Hearing Center (CHC) Würzburg am Samstag, den 24. Mai 2014, die interessierte Öffentlichkeit einlädt. Das CHC ist ein interdisziplinäres, integratives Diagnostik-, Beratungs-, Behandlungs- und Forschungszentrum rund um das Thema „Hören“ des Uniklinikums Würzburg.
Hohe Expertise bei einseitigem CI
„Am Infotag werden sieben Referenten in kompakten Vorträgen die Zuhörerinnen und Zuhörer in vielen As-pekten auf den neusten Stand bringen“, kündigt Dr. Heike Kühn, die Geschäftsführerin des CHC, an. Nach einer Einführung durch Prof. Hagen wird Priv.-Dozent Dr. Andreas Radeloff, der stellvertretende Leiter des Schwerpunkts Cochlea Implantate und Hörprothetik am CHC, über technische Neuerungen und aktuelle Anwendungsbereiche des CI informieren. „Wir können uns bei den neuen Indikationen auf einen vergleichs-weise hohen Erfahrungsschatz stützen. So haben wir am CHC in den letzten beiden Jahren deutschlandweit wohl die meisten Kinder mit einseitigem CI bei gegenseitiger Normalhörigkeit behandelt“, unterstreicht Dr. Radeloff. Die Erfahrungen der Patienten hinsichtlich des Hörerfolgs sind allerdings sehr unterschiedlich. „Wir lernen von und mit ihnen, wie wir durch technische Anpassungen und Trainingsmethoden zu einem best-möglichen Hörerlebnis kommen“, sagt Dr. Kühn.
Von Knochenleitungs-Implantat und Zusatzgeräten
Dr. Sebastian Schraven, Facharzt der Würzburger Universitäts-HNO-Klinik, wird in seinem Vortrag das tech-nische Spektrum noch erweitern, zum Beispiel mit der Präsentation eines neuen, aktiven Knochenleitungs-Implantatsystems. „Diese Prothese ist für Patienten geeignet, bei denen der Schall nicht den natürlichen Weg über das Außen- und das Mittelohr zum Innenohr nehmen kann“, beschreibt Dr. Schraven. „Stattdessen wird der Schall mittels Knochenleitung direkt zum Innenohr übertragen, wo er wie normaler Klang verarbeitet wird.“
Um in bestimmten Situationen noch besser hören zu können, zum Beispiel beim Telefonieren, Fernsehen oder in Konferenzen, hat die Medizintechnikindustrie eine Reihe von Zusatzgeräten entwickelt, die mit den implantierten Hörsystemen harmonieren. Am Infotag wird die Hörgeräteakustikerin Bettina Pawlowski vom pro akustik Hörzentrum Würzburg aktuelle Lösungen vorstellen.
Empowerment und Erfahrungsbericht
Unter dem Begriff „Empowerment“ werden generell Strategien und Maßnahmen zusammengefasst, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen erhöhen sollen. Wie erwachsene CI-Träger diese Ideen für sich nutzen können, beschreibt Dr. Oliver Rien. Der Diplom-Psychologe ist Leiter der Rehabitilation des Cochlea Implant Centrums Süd Würzburg und selbst von Taubheit betroffen.
Authentische Einblicke in ein Leben mit CI-Implantat bei einseitiger Schwerhörigkeit verspricht der Erfah-rungsbericht des ehemaligen CHC-Patienten Maximilian Weinig.
Mit Training zu echtem Hörkomfort
„Für viele Patienten mit einseitigem CI ist es zumindest anfänglich problematisch, die stark unterschiedlichen Hörerlebnisse über die Prothese und über das gesunde Ohr zu verarbeiten“, weiß Dr. Kühn. In ihrem Vortrag wird sie aufzeigen, dass durch spezielles Training auch bei dieser Kombination wesentliche Komfort- und Leistungsverbesserungen erzielt werden können, beispielsweise beim Sprachverstehen vor Hintergrundge-räuschen, beim Telefonieren und beim Richtungshören.
Teil des bundesweiten CI-Tags
An die Vorträge, die von 10:00 bis 12:00 Uhr dauern, schließt sich bis 14:00 Uhr die Gelegenheit zum per-sönlichen Austausch zwischen Betroffenen, Medizinern sowie Experten aus Technik, Pädagogik und Reha-bilitation an. Veranstaltungsort ist das Comprehensive Hearing Center Würzburg, Haus B2 (Kopfklinikum), 5. Stock, Josef-Schneider-Straße 11.
Der Infotag ist Teil des 9. bundesweiten CI-Tag der Deutschen Cochlea Implant Gesellschaft, der in diesem Jahr unter dem Motto „Selbstbewusst aus der Stille“ steht (www.taub-und-trotzdem-hoeren.de).