Aktuelle Pressemitteilungen

Mit Humboldt-Forschungsstipendium an die Neurologische Klinik des UKW

Ab Oktober dieses Jahres wird die US-amerikanische Wissenschaftlerin Dr. Rhonda McFleder an der Neurologischen Klinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) ein Forschungsprojekt aus dem Bereich der Parkinson-Erkrankung bearbeiten. Möglich wird dies durch ein zweijähriges Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.

Mit ihrem Forschungsstipendium unterstützt die Alexander-von-Humboldt-Stiftung Postdoktorand/innen und erfahrene Wissenschaftler/innen aller Nationen und Fachgebiete bei ihren Forschungsvorhaben in Deutschland. So wie jetzt die US-Amerikanerin Dr. Rhonda McFleder, die ab Oktober dieses Jahres an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) forschen wird. Die Ärztin hat an der University of Massachusetts, Worcester/USA ein MD/PhD-Programm durchlaufen und im Bereich Molekularmedizin promoviert. „Dr. McFleder hatte sich vor einiger Zeit an unserer Klinik vorgestellt mit der Frage nach der Möglichkeit in unserer Klinik wissenschaftlich zu arbeiten“, berichtet Prof. Dr. Jens Volkmann, der Direktor der Neurologischen Klinik, und fährt fort: „Wir beschlossen gemeinsam, dass sie sich für ein Humboldt-Forschungsstipendium bewirbt.“ Und das mit Erfolg: Für einen Zeitraum von zwei Jahren von der Stiftung gefördert, wird die Medizinerin ab Anfang Oktober 2020 in der Arbeitsgruppe „Experimentelle Bewegungsstörungen“ des neurologischen Oberarztes Prof. Dr. Chi Wang Ip arbeiten. Ihr konkretes Thema dabei lautet „Untersuchung der Rolle regulatorischer T-Zellen im AAV1/2-A53T-alpha-Synuklein-Mausmodell des Morbus Parkinson“.

Für alle Beteiligten vorteilhaft

Dr. McFleder zeigt sich von diesen Aussichten begeistert: „Ich danke der Alexander-von-Humboldt-Stiftung für diese großartige Unterstützung, die es mir ermöglicht, meine wissenschaftlichen Arbeiten hier in Deutschland durchzuführen. Ich freue mich auf die tolle Chance, in der Neurologischen Klinik des Uniklinikums Würzburg bei renommierten Experten wie Prof. Ip und Prof. Volkmann die Parkinson-Krankheit zu erforschen.“
Auch Prof. Volkmann ist hocherfreut: „Ich bin stolz darauf, dass das translationale und interdisziplinär vernetzte Forschungsumfeld der Neurologischen Klinik so attraktiv ist, dass es in zunehmendem Umfang ausländische Stipendiaten anzieht, die ihrerseits durch neue Sichtweisen und Fähigkeiten unsere Arbeit bereichern.“

Das Projekt findet in Kooperation mit Prof. Dr. Andreas Beilhack und Prof. Dr. Harald Wajant von der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW statt, was den von Prof. Volkmann angesprochenen interdisziplinären Charakter des Vorhabens belegt.

 

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Ein Schredder für den Krebs

Wissenschaftler der Universitäten Würzburg und Frankfurt haben einen neuen Wirkstoff zur Behandlung von Krebs entwickelt. Die Substanz zerstört ein Protein, das die Krebsentwicklung in Gang setzt.

Der Bösewicht in diesem Drama trägt einen hübschen Namen: Aurora – lateinisch für die Morgenröte. In der Welt der Biochemie steht Aurora (präziser: Aurora-A-Kinase) allerdings für ein Protein, das viel Schaden anrichtet. Dort ist schon seit Langem bekannt, dass Aurora häufig am Anfang einer Krebserkrankung steht. Es gibt den Anstoß für die Entwicklung von Leukämien und vielen Kindertumoren wie beispielsweise Neuroblastomen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Würzburg und Frankfurt haben jetzt einen Wirkstoff entwickelt, der Aurora ausschalten kann. Federführend daran beteiligt waren Dr. Elmar Wolf, Forschungsgruppenleiter am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), und Professor Stefan Knapp, Medizinalchemiker an der Goethe-Universität Frankfurt. In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Chemical Biology haben die Forscher die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlicht.

Tumorauslösende Proteine zum Verschwinden bringen

„Krebserkrankungen entstehen in der Regel durch tumorerzeugende Proteine“, erklärt Elmar Wolf. Weil Krebszellen von diesen Proteinen mehr herstellen als normale Zellen, befördert das die Dynamik zusätzlich. Ein üblicher Therapieansatz sieht deshalb vor, die Funktion dieser Proteine mit Arzneistoffen zu hemmen. „Die Proteine sind dann zwar immer noch da, funktionieren aber nicht mehr so gut. Somit können die Tumorzellen bekämpft werden“, so der Biochemiker.

Die Entwicklung dieser Hemmstoffe ist aber schwierig und war bislang nicht für alle tumorauslösenden Proteine erfolgreich. Häufig haben sie im klinischen Einsatz nicht die gewünschten Ergebnisse gezeigt. Der Traum vieler Wissenschaftler sieht deshalb so aus: Einen Arzneistoff zu entwickeln, der die tumorauslösenden Proteine nicht nur hemmt, sondern komplett zum Verschwinden bringt. Ein vielversprechender Ansatz auf diesem Weg könnte eine neue Wirkklasse von Substanzen sein, die den wissenschaftlichen Namen „PROTAC“ tragen.

Krebszellen sterben im Reagenzglas

„Wir haben einen solchen PROTAC für Aurora entwickelt“, sagt Elmar Wolf. Zusammen mit seinem Team und insbesondere seinem Doktoranden Bikash Adhikari konnte er zeigen, dass dieser PROTAC das Aurora-Protein in Krebszellen komplett abbaut. Krebszellen, die im Labor kultiviert wurden, starben daraufhin ab.

Die Wirkweise dieser Substanz beschreibt Wolf so: „Der Tumor braucht bestimmte tumorauslösende Proteine, die man sich wie Seiten in einem Buch vorstellen kann. Unsere PROTAC-Substanz reißt nun die Seiten ‚Aurora‘ heraus und vernichtet sie mit Hilfe der Protein-Abbau-Maschinerie, die jede Zelle besitzt, um alte und kaputte Proteine abzubauen“. PROTAC „schreddere“ also quasi das Aurora-Protein, bis am Ende nichts mehr von ihm zurückbleibt.

Weitere Arbeiten sind erforderlich

Professor Stefan Knapp vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität ergänzt: „Die Aurora-A-Kinase kommt zum Beispiel in Brustkrebstumoren in viel größeren Konzentration vor als in gesundem Gewebe und sie spielt wohl auch beim Prostatakrebs eine Rolle. Eine Blockade der Aurora-A-Kinase-Aktivität ist nicht erfolgversprechend – so hat es bisher noch keiner der vielen klinisch getesteten Hemmstoff-Kandidaten in die klinische Zulassung geschafft. Mit unserer PROTAC-Variante inhibieren wir die Aurora-A-Kinase über einen anderen, sehr effektiven Wirkmechanismus, der neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen könnte. Im nächsten Schritt werden wir daher die Wirksamkeit und Verträglichkeit im Tierversuch testen.“

Originalpublikation

PROTAC-mediated degradation reveals a non-catalytic function of AURORA-A kinase. Bikash Adhikari, Jelena Bozilovic, Mathias Diebold, Jessica Denise Schwarz, Julia Hofstetter, Martin Schröder, Marek Wanior, Ashwin Narain, Markus Vogt, Nevenka Dudvarski Stankovic, Apoorva Baluapuri, Lars Schönemann, Lorenz Eing, Pranjali Bhandare, Bernhard Kuster, Andreas Schlosser, Stephanie Heinzlmeir, Christoph Sotriffer, Stefan Knapp and Elmar Wolf. Nature Chemical Biology, 28.09.2020. https://www.nature.com/articles/s41589-020-00652-y
Kontakt

Dr. Elmar Wolf, Emmy-Noether-Gruppe für Tumorsystembiologie, T: +49 931 31 83259, elmar.wolf@ biozentrum.uni-wuerzburg.de

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 29.09.2020

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Gedächtnistraining für das Immunsystem

Nach einer Infektion merkt sich das Immunsystem den Krankheitserreger und kann deshalb bei einer erneuten Infektion schnell reagieren. Wissenschaftler der Uni Würzburg haben jetzt neue Details dieses Vorgangs entschlüsselt.

Wenn Krankheitserreger in den menschlichen Körper eindringen, setzt dies in der Regel eine Kaskade von Reaktionen in Gang. Unter anderem werden in den Lymphknoten spezifische Zellen des Immunsystems, sogenannte T-Zellen aktiviert, die sich anschließend teilen und vermehren. Gleichzeitig entwickeln diese Zellen bestimmte Funktionen, die sie dazu in die Lage versetzen, andere Zellen, die beispielsweise von einem Virus befallen sind, zu zerstören. Zusätzlich produzieren sie spezielle Proteine – sogenannte Zytokine –, mit deren Hilfe sie die Vermehrung der Krankheitserreger stoppen können.

Das Immunsystem und seine Funktionsweise steht im Zentrum der Forschung von Professor Wolfgang Kastenmüller, Inhaber des Lehrstuhls für Systemimmunologie I an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Gemeinsam mit Professor Georg Gasteiger, Inhaber des Lehrstuhls für Systemimmunologie II, leitet er die Max-Planck-Forschungsgruppe für Systemimmunologie. Forschungsschwerpunkt dort ist das Wechselspiel des Immunsystems mit dem Organismus, insbesondere die Interaktion verschiedener Zellen des Immunsystems in lokalen Netzwerken und mit Zellen anderer Organsysteme.

Publikation in Nature Immunology

Jetzt haben Kastenmüller und sein Team neue Details der Arbeitsweise des Immunsystems entschlüsselt, die von Bedeutung sind, damit sich der Körper an frühere Infektionen erinnern kann. Ihre Ergebnisse haben sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Immunology veröffentlicht. Diese könnten dazu beitragen, die Immuntherapie zur Behandlung von Tumorerkrankungen zu verbessern.

„Wenn sich der Körper erfolgreich gegen einen Krankheitserreger zur Wehr gesetzt und diesen eliminiert hat, sterben die meisten der zuvor expandierten T-Zellen wieder ab, da sie nicht mehr benötigt werden“, erklärt Wolfgang Kastenmüller. Etwa fünf bis zehn Prozent dieser Zellen überleben aber und entwickeln sich zu einer dauerhaften „Gedächtnispopulation“, die vor zukünftigen Infektionen schützen kann.

Das immunologische Gedächtnis verbessert

„In unserer aktuellen Arbeit haben wir einen Transkriptionsfaktor identifiziert, der spezifisch das Überleben dieser Zellen und damit den Übergang zu einer Gedächtnisantwort reguliert“, beschreibt Kastenmüller das zentrale Ergebnis der jetzt veröffentlichten Studie. Dessen Name: BATF3.  Wie die Wissenschaftler in ihren Experimenten zeigen konnten, wird dieser Faktor nur kurz nach der anfänglichen Aktivierung der T-Zellen produziert. Fehlt er hingegen, ist die Gedächtnisantwort dauerhaft gestört.

„Bisher war nicht klar, welche Rolle dieser Faktor für sogenannte CD8+ T-Zellen spielt“, so Kastenmüller. Als die Forscher diesen Faktor jedoch verstärkt in CD8+ T-Zellen exprimierten, zeigte sich, dass deren Überleben und entsprechend das immunologische Gedächtnis signifikant verbessert wurden.

Die neue Studie ist in enger Zusammenarbeit mit der Medizinischen Klinik II des Würzburger Universitätsklinikums entstanden. Sie kombiniert die Grundlagenforschung mit der angewandten Medizin und könnten dazu beitragen, bessere Therapien zur Behandlung von Krebs zu entwickeln, die dafür das Immunsystem der Erkrankten nutzen – sogenannte CAR-T-Zelltherapien.

Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen aus dem Blut der Patienten extrahiert und genetisch mit Chimären-Antigenrezeptor-(CAR)-Molekülen umgebaut. Diese Veränderung versetzt die T-Zellen in die Lage, Krebszellen anzugreifen, für die sie vorher biochemisch blind waren. Die umgebauten T-Zellen werden dem Patienten anschließend wieder zugeführt. Aktuell werden CAR-T-Zellen zum Beispiel für die Therapie von B-Zell-Lymphomen, einer bösartigen Erkrankung des lymphatischen Systems – sehr erfolgreich eingesetzt. Kastenmüller und sein Team planen jetzt in Kollaboration mit Professor Michael Hudecek, Medizinische Klinik II, diese CAR-T-Zellen zu modifizieren, um deren Überleben im Patienten zu verbessern und damit die therapeutische Effizienz zu erhöhen.

Publikation

 „BATF3 programs CD8+ T cell memory”. Marco A. Ataide, Wolfgang Kastenmüller et al. Nature Immunology, 28. September 2020. DOI: 10.1038/s41590-020-0786-2. https://www.nature.com/articles/s41590-020-0786-2

Kontakt

Prof. Dr. Wolfgang Kastenmüller, Lehrstuhl für Systemimmunologie I, T: +49 931 31-81816, wolfgang.kastenmueller@ uni-wuerzburg.de

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 28.09.2020

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Prof. Dr. Lorenz Deserno: Wie entstehen psychische Symptome im Zusammenspiel von Gehirn und Verhalten?

Seit diesem Jahr hat Prof. Dr. Lorenz Deserno am Zentrum für Psychische Gesundheit des Uniklinikums Würzburg die W2-Professur für Experimentelle Neurowissenschaften in der Entwicklungspsychiatrie inne. Zu seinem Forschungsfokus zählen die Zusammenhänge zwischen der funktionell-strukturellen Entwicklung des Gehirns und impulsivem Verhalten. Langfristiges Ziel ist es, die Diagnose und Therapie von kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen, besonders im Bereich der ADHS, zu verbessern.

Ein langfristiges Ziel von Prof. Dr. Lorenz Deserno ist es, Methoden aus der kognitiven und computationalen Neurowissenschaft auf ihre klinische Relevanz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu überprüfen. Bild: Charite/Mediendienstleistungen/Baar

„Wir wollen verstehen, wie Hirnprozesse dazu führen, dass sich bestimmte Verhaltensweisen entwickeln und wie daraus psychische Symptome bei Kindern und Jugendlichen entstehen können“, umreißt Prof. Dr. Lorenz Deserno das Kernfeld seiner zukünftigen Tätigkeit an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) des Uniklinikums Würzburg (UKW). In diesem Frühjahr trat der 1985 geborene Frankfurter die neu definierte W2-Professur für Experimentelle Neurowissenschaften in der Entwicklungspsychiatrie an.

Erfolgreiche Promotion in der Hirnforschung

Ausgangspunkt für die medizinische Karriere von Lorenz Deserno war sein Studium der Humanmedizin an der Charité in Berlin zwischen 2005 und 2012. „Gegen Ende des Studiums entwickelte ich ein besonderes Interesse an der Hirnforschung bei psychischen Erkrankungen“, erinnert sich der Neu-Würzburger. Wegweisend war für ihn dabei seine Doktorarbeit an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie zu kognitiven Defiziten bei schizophrenen Patienten. „Dabei kam ich mit der funktionellen Bildgebung und mit weiteren kognitions-neurowissenschaftlichen Methoden in Kontakt. Ich beschäftigte mich mit der Frage, wie sich in Hirnaktivierungsmustern bestimmte Formen zu denken und zu handeln abbilden“, erläutert Deserno. Für seine Doktorarbeit erhielt er den Hans-Heimann-Preis 2014 der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde sowie den Robert-Koch-Preis 2015 der Charité.

Beschäftigung mit impulsiven Verhaltensweisen

Angespornt durch die spannende Forschungsarbeit und den damit verbundenen Erfolg, stieg der junge Mediziner unmittelbar nach der Approbation in eine rein wissenschaftliche Tätigkeit in der Arbeitsgruppe seines Doktorarbeitsbetreuers ein. Diesem folgte er auch ans Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften nach Leipzig. „Die Arbeit an dieser grundlagenorientierten, außeruniversitären Forschungseinrichtung habe ich als große Bereicherung erlebt“, verdeutlicht Prof. Deserno. Während es in seiner Zeit an der Charité schwerpunktmäßig um schizophrene Erkrankungen ging, wandte er sich in Leipzig impulsiven Verhaltensweisen zu, wie sie beispielsweise bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), bei Substanzmissbrauch und bei kontrollverlustartigen Essanfällen auftreten. „So unterschiedlich diese psychischen Symptome und Erkrankungen auch sind, stellt sich doch die spannende Frage, ob dem damit verbundenen, impulsiven Verhalten im Gehirn der Patienten ähnliche Prozesse und Strukturen zugrundeliegen“, sagt der Professor.
Im Verlauf seiner wissenschaftlichen Arbeit zeigte sich außerdem, dass viele dieser Verhaltensweisen ihre Wurzeln in der Kindheit der Betroffenen haben, was Lorenz Deserno in die Kinder- und Jugendpsychiatrie führte – und dort auch in die klinische Ausbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, die er noch in seiner Leipziger Zeit begann.

Spezialkenntnisse zu computationalen Modellen

Als letzte Etappe seiner Karriere vor dem Ruf nach Würzburg forschte er ab dem Jahr 2018 am University College London beim Max Planck UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research. „Hier konnte ich speziell meine Kenntnisse in dem noch jungen interdisziplinären Feld der ‚Computational Psychiatry‘ vertiefen“, erläutert Prof. Deserno. Konkret geht es in seinem Fall dabei darum, spezifische Hypothesen zu den oft sehr komplexen neurokognitiven Prozessen mit mathematischen Modellen zu überprüfen. Diese computationalen Modelle gehören zu den wesentlichen Elementen seines Methodenportfolios. Hinzu kommen Fragebögen, Verhaltensexperimente, neuronale Messungen mit Magnetresonanztomographie (MRT), Elektroenzephalogramm (EEG) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET) sowie pharmakologische Manipulationen. Ein neuer Zweig umfasst zudem die Erhebung von Daten „online“ oder mit Hilfe des Smartphones.

Von Dopamin und Impulsivität zur Therapie von ADHS

Mit diesen „Werkzeugen“ soll erforscht werden, wie der Neurotransmitters Dopamin die Balance zwischen zielgerichteten und habituellen Verhaltensweisen reguliert. „Wir vermuten, dass Störungen dieses Gleichgewichts ein Grund für Verhaltensweisen sein könnten, bei denen Patienten impulsiv die Kontrolle verlieren“, erklärt Prof. Deserno. Darauf aufbauend will Prof. Deserno am UKW nun unter anderem die psychopharmakologischen Therapieantworten bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS untersuchen. Er erläutert: „Wir wissen, dass der unter dem Handelsnamen Ritalin bekannte Arzneistoff Methylphenidat in vielen Fällen eine gute klinische Wirkung zeigt – aber ein gewisser Anteil der Patienten reagiert darauf leider nicht mit einer klinisch zufriedenstellenden Verbesserung.“ Und auch die Kinder, die zunächst gut auf die Therapie ansprechen, zeigen nach seinen Worten häufig nicht zufriedenstellende Langzeitverläufe. „Hier wäre es großartig, wenn es uns gelänge, mit neurokognitiven Methoden einen oder mehrere Marker zu identifizieren, die uns vor Beginn einer Therapie sagen könnten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Patient positiv auf die Behandlung reagiert“, sagt der Professor.
Ein weiteres, schon in Leipzig von ihm begonnenes Forschungsprojekt soll in Würzburg fortgeführt werden. Hier geht es um die Frage, wie sich jugendliche und erwachsene Patienten mit kontrollverlustartigen Essanfällen, die meist auch adipös sind oder werden, auf der neurokognitiven Ebene von „nur“ adipösen Menschen unterscheiden.
Insgesamt beschreibt er seinen wissenschaftlichen Ansatz als patienten- und kliniknahe Grundlagenforschung. Er betont: „Unser zentrales – und methodisch auch schwierigstes – Ziel ist es, die Diagnose und Behandlung von psychischen Erkrankungen zu verbessern. Daneben – und im Vergleich etwas leichter zu erreichen – haben wir die Chance, unser Detailwissen über das Gehirn zu erweitern.“ Diese Priorisierung versucht Lorenz Deserno auch in der Lehre zu vermitteln. Bei diesem Aspekt seiner Professur liegt ihm nach eigenen Angaben ferner am Herzen, klinisch-wissenschaftliche Werdegänge so zu fördern, dass die jungen Medizinerinnen und Medizinern beide Arbeitspakete leisten können. Bei Interesse an einer medizinischen oder naturwissenschaftlichen Promotion oder einer Abschlussarbeit aus angrenzenden Fächern, wie der Psychologie oder den Kognitions- und Neurowissenschaften, stehen für Nachwuchswissenschaftler/innen und Studierende die Türen offen.

Passendes Forschungsumfeld am UKW

Am Zentrum für Psychische Gesundheit fand der Professor ein Umfeld vor, das sehr gut zu seinen Forschungszielen passt. „An der KJPPP wird die Forschung zu impulsiven Erkrankungen seit langer Zeit gepflegt – zum Beispiel bei ADHS durch den Klinikdirektor Prof. Marcel Romanos und seinen Vorgänger Prof. Andreas Warnke“, beschreibt Prof. Deserno und fährt fort: „Zusätzlich hat sich hier in den letzten Jahren der Schwerpunkt der Entwicklungspsychiatrie herausgeprägt, was man nicht zuletzt an der W2-Professur für Entwicklungspsychiatrie im Rahmen der Erwachsenenpsychiatrie sehen kann, die in 2019 mit Prof. Sarah Kittel-Schneider besetzt wurde .“ Auch das im letzten Jahr in Würzburg gegründete Deutsche Zentrum für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP) passe hervorragend zu seiner wissenschaftlichen Ausrichtung.
Prof. Lorenz Deserno trat die Professur am UKW formal zum 1. Februar 2020 an. Es folgte eine fünfmonatige Elternzeit, so dass er seine Forschungsarbeit Anfang Juli aufnehmen konnte.

 

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Uniklinikum Würzburg: Zentrum für Psychische Gesundheit etabliert Patientenbeirat

Am Zentrum für Psychische Gesundheit des Uniklinikums Würzburg gibt es jetzt einen Patientenbeirat. Das Gremium soll zukünftig den Vorstand des Zentrums aus der Perspektive der Patienten und deren Angehörigen beraten.

Der Patientenbeirat und Vertreter/innen des Zentrums für Psychische Gesundheit des Uniklinikums Würzburg bei der Inaugurationsveranstaltung des neuen Gremiums. Bild: Mario Weber / Uniklinikum Würzburg

„Während meiner langjährigen Tätigkeit wurde mir immer deutlicher, dass bei psychischen Erkrankungen die Betroffenen wesentlich zum Behandlungserfolg ihrer Erkrankungen beitragen können und auch müssen“, schildert Prof. Dr. Jürgen Deckert. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums Würzburg (UKW) fährt fort: „Patienten und Angehörige sind letztlich ein Teil des behandelnden Teams und wir als professionelle Therapeutinnen und Therapeuten sind auf deren kontinuierliche Rückmeldungen angewiesen.“ Um diesen Informationsfluss zu systematisieren und zu verbreitern, rief der Vorstand des Zentrums für Psychische Gesundheit (ZEP) des UKW, dem neben Prof. Deckert auch Prof. Dr. Marcel Romanos, der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie, angehört, am 9. September dieses Jahres bei einer Inaugurationsveranstaltung einen Patientenbeirat ins Leben. „Dieses Gremium soll uns über den Einzelfall hinausgehende Anliegen der Betroffenen vermitteln“, umreißt Prof. Deckert.

Die Zusammensetzung des Beirats

Die Mitglieder des Patientenbeirates kommen zum großen Teil aus Selbsthilfegruppen. Dabei handelt es sich einerseits um die Betroffenen selbst, andererseits um deren Angehörige, in der Regel die Eltern. Eine dritte Gruppe sind Mitarbeiter/innen von sozialpsychiatrischen Einrichtungen, die sehr engen Kontakt zu Patientinnen und Patienten haben. „Der Beirat ist ein Abbild aller Patientengruppen, die wir am ZEP schwerpunktmäßig behandeln, also Menschen mit Psychoseerkrankungen, affektiven Erkrankungen, Suchterkrankungen, dementiellen Erkrankungen, Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom sowie Angsterkrankungen“, beschreibt Prof. Deckert. Die Mitglieder des Beirats wurden im Vorfeld vom Vorstand auf ihre mögliche Beteiligung hin angesprochen. Mit vielen von ihnen besteht schon ein jahrelanger, enger Austausch. Aktuell gehören dem Gremium 13 Frauen und Männer an.

Jährliche Treffen geplant

Geplant ist, dass sich der Patientenbeirat einmal im Jahr zu einem Austausch mit den Klinik- und Bereichsleitungen des ZEP trifft. Bei diesem Treffen stellen die Ärztinnen und Ärzte neue Entwicklungen in ihrem jeweiligen Bereich vor. Die Beitragsmitglieder ihrerseits haben die Möglichkeit, Kritik und Anregungen einzubringen und neue Entwicklungen, wie beispielsweise einen spezifischen Tag der Selbsthilfe, anzuregen.

Auch eine Chance für die Vernetzung der Selbsthilfe

„Die Zusammenarbeit des ZEP mit den einzelnen Selbsthilfegruppen ist schon seit langem sehr intensiv und fruchtbar. Über den Patientenbeirat gibt es die Möglichkeit, Rückmeldungen von Selbsthilfegruppen-Vertreterinnen und -Vertreter zusammen mit anderen Akteuren des Versorgungssystems an die Klinik zu richten “, freut sich Susanne Wundling vom Aktivbüro der Stadt Würzburg. Auf einen weiteren Aspekt weist Gabriele Nelkenstock, die externe Selbsthilfebeauftragte des UKW hin: „Mit der Auszeichnung zum Selbsthilfefreundlichen Krankenhaus im vergangenen Jahr startete das Uniklinikum Würzburg einen stetigen und lebendigen Verbesserungsprozess. Die Etablierung eines Patientenbeirates im ZEP dokumentiert die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe auch nach außen und trägt zu deren verlässlichen Gestaltung bei. Ich bin den Initiatoren und den beteiligten Selbsthilfegruppen sehr dankbar für dieses großartige Engagement.“

 

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ONLINEVORTRAG HEUTE: Röntgendiagnostik in der Medizin

Online-Vortrag 24.09.2020, 19:30 Uhr

Am 24.9. findet ab 19:30 Uhr im Rahmen der Röntgenwoche ein Vortrag zum Thema "Röntgendiagnostik in der Medizin", gehalten von Herrn Prof. Dr. med. Thorsten Bley, statt.

Zum Vortrag

Moderne Diagnostische Strategien für die drei häufigen Erkrankungen Brustkrebs, Prostatakrebs und Herzinfarkt stellt die Radiologie vor neue Möglichkeiten. Das Übersichtsreferat zeigt etablierte und neue diagnostische Wege zur frühzeitigen Erkennung dieser drei häufigen und potentiell lebensbedrohenden Krankheiten auf. Dabei wird zunehmend auch die Künstliche Intelligenz als Unterstützung der Medizin von Heute und Morgen eingesetzt.

Zoom-Link

https://uni-wuerzburg.zoom.us/j/97535034787?pwd=WEdJMkdWSkZxVkMwcFlHZW9wRldZUT09

Neues Krebszentrum für Bayern

In Bayern entsteht ein neuer Standort des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen. Koordiniert wird er von Würzburg aus; beteiligt sind außerdem Erlangen, Regensburg und Augsburg.

Sie waren der Pressekonferenz in Berlin von Würzburg aus zugeschaltet: Die Professoren Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg, und Hermann Einsele, Direktor der Medizinischen Klinik II des Würzburger Universitätsklinikums und Standortkoordinator des neu eingerichteten NCT WERA in Würzburg. (Bild: Robert Emmerich / Universität Würzburg)

Die Erforschung von Krebs vorantreiben und möglichst vielen Patientinnen und Patienten Zugang zu den neuesten Behandlungsmethoden verschaffen: Auf diesen Nenner lässt sich die Aufgabe des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) bringen.

Zwei Standorte hat das Zentrum bereits, sie sind in Heidelberg und Dresden angesiedelt. Nun kommen vier neue dazu; acht hatten sich beworben. Das gab Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, am 23. September 2020 bei einer Pressekonferenz in Berlin bekannt.

Die neu ausgewählten NCT-Standorte erhalten zunächst eine Förderung für eine einjährige Konzeptphase. In dieser Zeit können sie eine gemeinsame Strategie für den Aufbau und die Umsetzung des erweiterten NCT erarbeiten. Werden das Gesamtkonzept und die Beiträge der einzelnen Standorte dann positiv begutachtet, folgt eine dauerhafte Förderung durch den Bund und die Länder.

Kooperation im Netzwerk WERA

Einer der vier neuen NCT-Standorte liegt in Bayern. Eingerichtet wird er unter Federführung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, des Universitätsklinikums Würzburg und des Comprehensive Cancer Centers Mainfranken – im Verbund mit den Universitäten und Universitätsklinika in Erlangen, Regensburg und Augsburg.

Diese Partner kooperieren im Netzwerk WERA (Würzburg, Erlangen, Regensburg, Augsburg). Nach der erfolgreichen Bewerbung um die Aufnahme in das Nationale Centrum agieren sie nun unter dem Namen NCT WERA. Für die einjährige Konzeptphase erhalten sie 300.000 Euro.

„Dieser Erfolg zeigt erneut, welche überaus starke Stellung Würzburg als Medizin-Standort einnimmt, insbesondere auch bei der Erforschung und Behandlung von Krebs“, freuen sich Universitätspräsident Alfred Forchel und Georg Ertl, der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums. Es spreche für sich, dass Würzburg nach dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz, das seit 2010 vom Bund gefördert wird, nun auch den Zuschlag für den NCT-Standort erhält.

Der Dekan der Medizinischen Fakultät der JMU, Matthias Frosch, sieht sich in der strategischen Entwicklung der Fakultät bestätigt: „Einmal mehr hat sich gezeigt, dass Würzburg in der internationalen Spitze im Bereich der Krebsforschung und Krebstherapie steht – Folge einer gezielten Rekrutierung und Förderung von Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie einer fokussierten und nachhaltigen Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses insbesondere in der Krebsmedizin.“

Forschungsprogramm des neuen Zentrums

Koordinator des NCT WERA ist der Würzburger Professor Hermann Einsele, Krebsexperte und Direktor der Medizinischen Universitätsklinik II: „Unsere Arbeit zielt darauf ab, auch die Menschen in überwiegend ländlich geprägten Regionen mit innovativen Krebstherapien zu versorgen und ihnen Zugang zu Therapiestudien zu verschaffen.“

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die WERA-Partner unter Würzburger Leitung ein umfassendes Forschungsprogramm etabliert. Es fußt auf zwei großen Linien: zum einen auf der gesamten Bandbreite neuer Immuntherapien, bei denen speziell präparierte CAR-T-Zellen – das sind Immunzellen, die mit einem neuen Rezeptor ausgestattet sind – die Tumoren zielgerichtet attackieren. Diese Form der Behandlung wurde von Forscherinnen und Forschern aus Würzburg maßgeblich mitentwickelt; im Team der Professoren Hermann Einsele, Ralf Bargou und Michael Hudecek wird sie laufend weiterentwickelt.

Zum anderen steht die Analyse von krebsauslösenden Proteinen im Mittelpunkt. Der kontrollierte Abbau dieser Proteine spielt im Krankheitsgeschehen eine wichtige Rolle und bietet Angriffspunkte für grundlegend neue Krebstherapien, die im Team der Würzburger Biochemie-Professoren Martin Eilers und Elmar Wolf erforscht werden.

„Eine weitere Besonderheit unseres Standortes ist die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Biobank ibdw“, sagt Einsele. In dieser Einrichtung werden Blut- und Gewebeproben von Erkrankten gesammelt und analysiert. Sie ermöglicht es, spezielle Biomarker für einzelne Krankheiten zu identifizieren und trägt damit wesentlich zur Entwicklung neuer Therapiekonzepte bei.

Comprehensive Cancer Center Mainfranken

Das Comprehensive Cancer Center Mainfranken (CCC MF) ist ein Netzwerk aus Einrichtungen, die Tumorerkrankungen erforschen und therapieren. Seit 2011 wird es als Onkologisches Spitzenzentrum von der Deutschen Krebshilfe gefördert. Gemeinsam mit regionalen Partnern hat es seitdem ein klinisches Studiennetzwerk entwickelt, über das Patientinnen und Patienten in Mainfranken Zugang zu diagnostischen und therapeutischen Innovationen erhalten.

2019 erfolgte unter Leitung des CCC MF der Zusammenschluss der Cancer Center in Würzburg, Erlangen, Regensburg und Augsburg zum WERA-Verbund. Dieser umfasst ein gemeinsames Netzwerk für frühe Studien und regionale Studiennetzwerke in ländlichen Regionen, in denen rund acht Millionen Einwohner leben.

Pressemeldung der Universität Würzburg vom 23. September 2020

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