Aktuelle Pressemitteilungen

Uniklinikum Würzburg: Mit drei weiteren Fachzentren für Seltene Erkrankungen Teil der Europäischen Referenznetzwerke

Europäische Referenznetzwerke sollen die Behandlung von Menschen mit Seltenen Erkrankungen verbessern. Durch die aktuelle Aufnahme von drei weiteren Fachzentren ist das Uniklinikum Würzburg jetzt an sieben dieser Netzwerke beteiligt. Bei den Neuzugängen geht es um seltene Bewegungsstörungen, angeborene Anämien und Blutplättchendefekte sowie primäre Immundefekte und autoinflammatorische Erkrankungen.

Um europaweit das Expertenwissen und die Ressourcen bei komplexen oder Seltenen Krankheiten zu bündeln, gibt es seit dem Jahr 2017 die sogenannten Europäischen Referenznetzwerke, kurz ERN. Insgesamt existieren 24 solche Netzwerke – an vier davon ist das Uniklinikum Würzburg (UKW) von Beginn mit Fachzentren beteiligt. Kürzlich wurden UKW-Zentren in drei weitere ERN aufgenommen. So ist jetzt das Zentrum für Seltene Bewegungsstörungen – geleitet vom Neurologen Dr. Thomas Musacchio – Teil des ERN für neurologische Krankheiten (ERN-RND). Das interdisziplinäre Zentrum für angeborene Blutzell-erkrankungen mit seinem Sprecher, Privatdozent Dr. Oliver Andres, gehört nun dem ERN für Bluterkrankungen (ERN EuroBloodNet) an. Der Kinder-Hämatologe hat ein Speziallabor aufgebaut, das Blutproben aus ganz Deutschland auf vererbbare Erkrankungen der roten Blutkörperchen untersucht. Als dritte Struktur ist das von dem Pädiater Privatdozent Dr. Henner Morbach geführte Zentrum für primäre Immundefekte und autoinflammatorische Erkrankungen beteiligt am ERN für Immundefizienz, autoinflammatorische und Autoimmunerkrankungen (ERN RITA).

Auch eine Anerkennung der Würzburger Expertise

Die Dachstruktur über den genannten Zentren ist das am UKW angesiedelte Zentrum für Seltene Erkrankungen – Referenzzentrum Nordbayern. Dessen Direktor, Prof. Dr. Helge Hebestreit, berichtet: „Für die Aufnahme dieser sogenannten B-Zentren mussten wir einen langen und aufwändigen Evaluierungsprozess der Europäischen Union durchlaufen.“ Der Stellvertretende Direktor der Würzburger Universitäts-Kinderklinik fährt fort: „Als Haupteffekt der Beteiligung können unsere Patientinnen und Patienten von der in den Netzwerken vereinigten, internationalen Fachkompetenz profitieren. Darüber hinaus drückt die Aufnahme in diese Struktur auch eine besondere, europaweite Anerkennung unserer eigenen Expertise aus.“

Neben den drei Neuzugängen sind UKW-Fachzentren seit bald fünf Jahren an den Netzwerken für seltene Hauterkrankungen (ERN Skin), für seltene Hormonstörungen (Endo-ERN), für seltene Krebserkrankungen im Erwachsenenalter (ERN EURACAN) sowie für seltene Lungenerkrankungen (ERN LUNG) beteiligt. 

 

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Drei Millionen Euro für RNA-basierte Medizin

Bayern fördert im Rahmen seiner Elitenetzwerk-Initiative die Ausbildung künftiger Führungskräfte in der RNA-basierten Medizin. Über einen Zeitraum von zunächst vier Jahren stellt der Freistaat gut drei Millionen Euro bereit, um das neue Doktorandenkolleg „Future Leaders in RNA-based Medicine“ in Trägerschaft der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg zu etablieren. Kooperationspartner sind die Universität Regensburg sowie in München die Technische Universität und die Ludwig-Maximilians-Universität. Sprecher ist Jörg Vogel, Direktor des Instituts für Molekulare Infektionsbiologie (IMIB) der JMU sowie des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI).

Die Coronavirus-Pandemie hat ein Biomolekül ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, das dem breiten Publikum zuvor kaum bekannt war. Ribonukleinsäure – kurz RNA – ist schnell zum Hoffnungsträger im Kampf gegen die Pandemie avanciert. Und tatsächlich konnten auf RNA-Basis innerhalb kürzester Zeit erste Impfstoffe entwickelt und zugelassen werden.

Führende Rolle in der RNA-Forschung

Dieser Erfolg baut auf jahrelanger intensiver Grundlagenforschung auf. Bayern nimmt in der RNA-Forschung dabei eine führende Rolle ein. Um diese Position zu sichern und auszubauen, den Transfer in die medizinische Anwendung zu befördern und die international besten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler für den Standort zu gewinnen, fördert der Freistaat jetzt das neue internationale Doktorandenkolleg „Future Leaders in RNA-based Medicine“.

Im Rahmen seiner Initiative „Elitenetzwerk Bayern“ stellt er dafür circa 3,1 Millionen Euro über einen Zeitraum von zunächst vier Jahren bereit. Es besteht die Möglichkeit, dass sich eine weitere vierjährige Förderphase anschließt.

Breite Ausbildung für den weltweit besten Nachwuchs

Jörg Vogel, Direktor des Instituts für Molekulare Infektionsbiologie (IMIB) an der JMU sowie des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) und zugleich Sprecher des neuen Programms, erläutert das Konzept: „Wir wollen die weltweit besten Doktorandinnen und Doktoranden für die Zukunft der RNA-Präzisionsmedizin gewinnen und sie breiter ausbilden als dies in individuellen drittmittelfinanzierten Doktoranden¬projekten möglich ist. Internationale Sichtbarkeit und Vernetzung, extracurriculare Aktivitäten und Einblicke in die Industrie sind unter anderem die Parameter unseres integrativen Ansatzes, der unseres Wissens weltweit einmalig ist.“

Gemeinsam mit den am Programm beteiligten Standorten, der Universität Regensburg sowie der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität München, soll so eine künftige Generation von Führungskräften in der RNA-basierten Medizin auf internationalem Parkett geschult werden. Zielsetzung ist es, herausragende wissenschaftliche Nachwuchstalente fit zu machen für Karrieren in Forschung und Industrie, aber auch als Unternehmerinnen oder politische Entscheidungsträger.

Renommiertes Instrument zur Begabtenförderung

„Mit dem Elitenetzwerk Bayern unterhält der Freistaat seit nunmehr über 15 Jahren ein national und international renommiertes Instrument zur Begabtenförderung vom Abitur bis in die Postdoc-Phase hinein“, sagte Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler bei der Bekanntgabe der neuen Doktorandenkollegs. Mit diesem Instrument erhielten die bayerischen Hochschulen die Chance, ungewöhnliche und experimentelle Formate in der Graduiertenausbildung zu verwirklichen. 

Nach seinen Worten bieten diese Kollegs bestmögliche Bedingungen, „um Hand in Hand mit unseren Nachwuchstalenten innovative, kreative und leidenschaftliche Spitzenforschung an den Zukunftsthemen unserer Gesellschaft zu realisieren.“

Internationale Expertenkommission

Die Auswahl der geförderten Projekte basiert auf einer Empfehlung einer hochkarätig besetzten internationalen Expertenkommission des Elitenetzwerks Bayern unter dem Vorsitz des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Professor Peter Strohschneider. 

Links

Informationen zum Elitenetzwerk Bayern: https://www.elitenetzwerk.bayern.de/start

Informationen zu den Internationalen Doktorandenkollegs: 

https://www.elitenetzwerk.bayern.de/start/foerderangebote/internationale-doktorandenkollegs

 

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Einfach mal den Schalter umlegen

HIRI und Universität Cambridge entschlüsseln Protein in Cardioviren, das Infektionen verstärkt, aber auch hemmen kann

 

Würzburg, 14. Dezember 2021 – Forscher:innen vom Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) Würzburg und der Universität Cambridge haben bei der Analyse des 2A-Proteins von Cardioviren einen Gen-Schalter entschlüsselt. Durch eine besondere RNA-bindende Faltung in seiner Struktur aktiviert das Protein die sogenannte ribosomale Leserasterverschiebung und ermöglicht es dem Virus, sich zu vermehren. Zugleich kann eine Anhäufung von 2A diesen Prozess während der Infektion abschalten – eine virale Achillesferse, auf die künftige RNA-basierte Therapien zielen könnten. Die neuen Erkenntnisse wurden soeben im Fachmagazin Nature Communications publiziert.

Infektionen mit dem Enzephalomyokarditis-Virus (EMCV) betreffen unter anderem verschiedene Säugetiere wie etwa Schweine und Schimpansen. Doch auch der Mensch kann sich infizieren, Fieber und entzündliche Erkrankungen, etwa des Gehirns, sind die Folge. Wie andere Cardioviren – oder wie auch das hochinfektiöse Coronavirus SARS-CoV-2 – ist EMCV ein RNA-Virus: Sein Erbgut besteht aus Ribonukleinsäuren (RNA). Da Viren keinen eigenen Stoffwechsel haben und nicht selbst Proteine erzeugen können, um sich zu vermehren, infizieren sie einen Wirt und dringen in dessen Zellen ein. Dort manipulieren sie den Translationsprozess, mit dessen Hilfe aus einer Boten-RNA (mRNA) Proteine gebildet werden, um ihre eigenen Proteine herzustellen: Sie übernehmen die Kontrolle über die Ribosomen – die Fabriken der Proteinsynthese.

Der Vermehrungstrick: proteinmodulierte Leserasterverschiebung 

Die Manipulation dieser zellulären Fabriken gelingt durch die ribosomale Leserasterverschiebung: Beim Ablesen und Übersetzen der genetischen Informationen in der Boten-RNA – einem streng kontrollierten Vorgang in einer bestimmten Reihenfolge, der innerhalb einer Ribosom genannten Zellstruktur stattfindet – wird eine Verschiebung des Leserasters hin zu einer anderen Stelle erzwungen. Dies ändert die Art, wie die gesamte Sequenz decodiert wird, und ermöglicht es, mehr als ein Protein aus einer einzigen Boten-RNA zu synthetisieren.

„Indem sie den Translationsmotor des Wirts kapern und das System korrumpieren, um ihre eigenen Proteine zu produzieren, haben sich Viren als furchterregende zelluläre Eindringlinge erwiesen“, sagt Neva Caliskan, Forschungsgruppenleiterin am Würzburger Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) und korrespondierende Autorin der Studie.

„In unserer aktuellen Arbeit haben wir uns darauf konzentriert zu untersuchen, wie dieser Prozess bei der EMCV-Replikation reguliert wird. Dem multifunktionalen 2A-Protein kommt dabei eine Schlüsselrolle zu“, ergänzt Ian Brierley, Gruppenleiter an der Pathologie der Universität Cambridge und neben Caliskan Mitinitiator der Untersuchungen.

Die Wissenschaftler:innen an der Universität Cambridge haben die Kristallstruktur von 2A gelöst und dabei eine neue Proteinfaltung und ihr Zusammenwirken mit den Ribosomen entdeckt. Chris Hill, einer der Erstautoren der Studie und inzwischen Gruppenleiter an der Universität York, erklärt: „Die Faltung ist ganz besonders und ähnelt keinem anderen bekannten Muster. Das lässt uns die jahrelangen Arbeiten darüber besser verstehen, wie das multifunktionale 2A-Protein mit seinen Zielen interagieren kann.“

Das Forscherteam konnte außerdem zeigen, wie die Proteinfaltung dazu beiträgt, dass das EMC-Virus an die RNA des Wirtsribosoms bindet. „Das Andocken des 2A-Proteins an die RNA stabilisiert deren Struktur und erzwingt eine Rasterverschiebung“, sagt Lukáš Pekárek, der ebenfalls zum Erstautorenteam der wissenschaftlichen Studie zählt. „Diesen Effekt konnten wir, hochaufgelöst durch unsere optischen Pinzetten, genau beobachten“, so der HIRI-Doktorand im Caliskan-Labor.

„Zu Beginn einer EMCV-Infektion ist das 2A-Protein noch nicht vorhanden, stattdessen sind andere Proteine aktiv, die das Virus zur Replikation seines Genoms benötigt“, sagt HIRI-Doktorandin Anuja Kibe, die ebenfalls an der Studie mitgewirkt hat. Bei Fortschreiten der Infektion trete 2A dann gehäuft auf und stimuliere die Rasterverschiebung, die der Erreger braucht, um Proteine für die Produktion der Virusstruktur herzustellen.

„Die Bindefähigkeit von 2A und ihr stabilisierender Effekt auf die Wirts-RNA haben zur Folge, dass die Translationsmaschinerie gestoppt wird“, erklärt Pekárek. „Dieses besondere Protein wirkt also regelrecht wie ein Schalter, durch den die weitere Virusvermehrung gehemmt werden kann.“

Die weiterführende Forschung kann an dieser viralen Achillesferse ansetzen, um darauf zielende RNA-Technologien und -Therapeutika zu entwickeln und in die medizinische Anwendung zu bringen.

Über Cardioviren

Cardioviren gehören zu den kleinsten Viren, die es auf der Welt gibt. Ihr Durchmesser beträgt etwa 22 bis 30 Nanometer. Das ist etwa tausendmal kleiner als der Durchmesser eines Haares – und damit viel zu klein, um Viren dieser Größe unter einem Mikroskop sichtbar zu machen. RNAs, also Ribonukleinsäuren, aus denen das Genom dieser Viren besteht, sind nochmals kleiner. Wissenschaftler:innen am HIRI arbeiten deswegen unter anderem mit optischen Pinzetten. Diese ermöglichen es, molekulare Strukturen und RNA-Funktionen in atomarer Auflösung zu untersuchen.

Über das HIRI

Das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) ist die erste Einrichtung weltweit, die die Forschung an Ribonukleinsäuren (RNA) mit der Infektionsbiologie vereint. Auf Basis neuer Erkenntnisse aus seinem starken Grundlagenforschungsprogramm will das Institut innovative therapeutische Ansätze entwickeln, um menschliche Infektionen besser diagnostizieren und behandeln zu können.

Das HIRI ist ein Joint Venture des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und befindet sich auf dem Würzburger Medizin-Campus.

Publikation

Hill C H, Pekárek L, Napthine S, Kibe A, Firth A E, Graham S C, Caliskan N, Brierley I. Structural and molecular basis for Cardiovirus 2A protein as a viral gene expression switch. Nature Communications, 9. Dezember 2021. DOI: 10.1038/s41467-021-27400-7.

Die Studie wurde unter anderem aus Mitteln des Wellcome Trust, der Helmholtz-Gemeinschaft und des Europäischen Forschungsrats gefördert.

Pressebilder

Die komplette Medieninformation inkl. Bildmaterial können Sie hier einsehen (Link zur HIRI-Webseite).

 

HIRI-Medieninformation vom 14. Dezember 2021

Irgendwann im Jahr 1900: Konzentriert sitzt Oswald Külpe (1862-1915), Inhaber der Würzburger Professur für Philosophie einschließlich der Ästhetik, als Versuchsperson im ersten Stockwerk oberhalb der Bibliothek in der Alten Universität. Külpe hatte die Räume seit dem Wintersemester 1896 für Forschungszwecke und für seine Lehre in der Psychologie zunächst widerruflich überlassen bekommen, nachdem ihre vorherigen Nutzer in den Neubau am Sanderring umgezogen waren.

Sein engster und einziger Mitarbeiter Karl Marbe (1869-1953) ist der Versuchsleiter. Gemeinsam arbeiten sie mit der neu konzipierten Methode der kontrollierten systematischen Introspektion daran, dem Denken seine Geheimnisse zu entlocken. Schnell wächst das Duo um interessierte Studenten und ausländische Gastwissenschaftler an. Eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten entstehen und berichten über neue Entdeckungen über das Denken in seinen vielfältigen Facetten. Bald ist man sich sicher, dass so manche gängige Lehrmeinung und besonders die damals weit verbreitete Assoziationspsychologie zumindest in Teilen unzureichend ist.

Das Denken – so Külpe und Marbe – ist zwar manchmal anschaulich, viel häufiger jedoch unanschaulich, ein oft nur schwer verbal zu beschreibender Prozess, dem man den Begriff „Bewusstseinslagen“ gab. Diese können aber durchaus von Gefühlen der Anspannung, ja gar der Erregung begleitet sein, um sich schließlich durch eine plötzliche Einsicht in einen Zusammenhang, in eine Erkenntnis oder in eine Problemlösung, in einem befreienden ‚Aha-Erlebnis‘ zu entladen.

Das Aha-Erlebnis – eine Entdeckung der Würzburger Denkpsychologie

Ja, tatsächlich, das „Aha-Erlebnis“ wurde in Würzburg entdeckt – und zwar von Karl Bühler (1879-1963), einem bekannten Mitstreiter der Würzburger Schule, der dieses jedermann bekannte Phänomen 1908 im Rahmen seiner Habilitationsschrift publizierte. Gleichermaßen wie die „Röntgenstrahlen“ trat der Begriff einen Siegeszug um die Welt an, und genauso wie bei Röntgen wissen die meisten nicht, dass die Universität Würzburg der Geburtsort war.

Wie nur zu oft standen die neuen Erkenntnisse bald in einem heftigen und öffentlich ausgetragenen Konflikt mit den althergebrachten. Kein geringer als der Urvater der Psychologie, Wilhelm Wundt (1832-1920), attackierte die Schüler seines einstigen und langjährigen Assistenten Oswald Külpe aufs Heftigste. Wundt hatte dabei wohl nicht bedacht, dass er damit die Würzburger Schule erst so richtig bekanntmachte.

Durch diese wissenschaftlichen Erfolge wurde Oswald Külpe, seit 1894 an der Alma Julia tätig, zu einem begehrten Berufungskandidaten. Bereits 1903 versuchte ihn die Universität Stanford in Kalifornien abzuwerben, und 1904 folgte die Universität Münster mit einem Ruf. Beide konnten noch abgewehrt und Külpe zum Bleiben bewegt werden. 1909 wurde dann das Werben der Universität Bonn zu intensiv, und Külpe verließ Würzburg, um sowohl in Bonn und nachfolgend auch an der Münchner Universität weitere psychologische Institute zu begründen.

Das Institut in einem Vierteljahrhundert unter Karl Marbe

Für die dadurch frei gewordene Professur wünschte sich die Fakultät Karl Marbe nach Würzburg zurück, der zwischenzeitlich an die Hochschule für Handels- und Sozialwissenschaften, den Vorgänger der 1914 gegründeten Universität Frankfurt, berufen worden war. Der Ruf gelang, und Marbe war von 1909 bis 1935 als Ordinarius für Psychologie tätig. 

Sicher führte er das Institut durch die ausgehende Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg, durch die Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik bis in das Dritte Reich.

Obwohl er noch nicht die damalige Altersgrenze von 68 Jahren erreicht hatte, wurde ihm ein neues „Gesetz über die Entpflichtung und Versetzung von Hochschullehrern aus Anlaß des Neuaufbaus des deutschen Hochschulwesens“ vom 21. Januar 1935 zum Verhängnis. Dieses erlaubte es, unliebsam gewordene Professoren vorzeitig aus dem Amt zu entfernen. Marbe war unliebsam geworden, nicht nur, weil seine Frau jüdischer Herkunft war und er die Scheidung verweigerte, sondern auch, weil er sich erdreistete, noch 1935 den Juden und späteren Rabbiner Leo Trepp die Promotionsprüfung abzunehmen.

Psychologische Erklärung der NS-Verführungsmechanismen

Die Forschungsleistungen des von Marbe geleiteten Instituts waren beachtlich und außerordentlich vielfältig. Neben zahlreichen Arbeiten zur Angewandten Psychologie, der damaligen Psychotechnik, sticht sein großes, zweibändiges Werk über die Gleichförmigkeit in der Welt (1916, 1919) hervor, aus dem er zwischen 1943 und 1945 im Geheimen eine kleine Schrift zur psychologischen Erklärung der Verführungsmechanismen der Nationalsozialisten ableitete. Hätte eine bösartige Denunziation zu ihrer Entdeckung geführt, wäre es vermutlich um das Ehepaar Marbe geschehen gewesen.

Standhaft ertrugen die beiden die Anfeindungen der NS-Zeit, wobei Marbe zustattenkam, dass er sich in juristischen Kreisen als einer der ersten psychologischen Rechtsgutachter hohes Ansehen erworben hatte. Im Angesicht des Todes überstand das Ehepaar Marbe auch die verheerende Bombennacht am 16. März 1945, die Würzburg beinahe auslöschte.

Der eher unscheinbare Carl Jesinghaus in der NS-Zeit

Auf Marbe folgte 1935 der von der NSDAP Reichsleitung in Berlin gegen jegliche Voten der Fakultät eingesetzte Carl Jesinghaus (1886-1948). Er hatte vor seiner Rückkehr nach Deutschland eine Professur in Argentinien inne, war ein am Wundtschen Institut in Leipzig ausgebildeter Experimentalpsychologe und damit selbst Marbe lieber, als wenn ein Philosoph wieder die für die Psychologie errungene Professur bekäme.

Jesinghaus war wenig auffällig, publizierte kaum und wenn, dann in Spanisch. 1938 gelang es ihm, das Institut aus der Alten Universität in die Klinik Straße 8 zu verlegen und es damit zu erweitern und zu modernisieren. Auch die mit Kriegsbeginn oft angeordnete Schließung vieler Institute konnte er für die Psychologie verhindern, und so gingen Forschung und Lehre unter den zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen des Krieges weiter. Am späten Abend des 16. März 1945 war damit Schluss. Das Institut brannte im Phosphorhagel bis auf die Grundmauern nieder.

Wie Phönix aus der Asche

Bereits im Frühjahr 1946 suchte man nach einer Neubesetzung des Instituts für Psychologie. Der Dresdener Psychologe Gustav Kafka (1883-1953) war im Gespräch. Kafka war 1933 aus Protest aus der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ausgetreten, als diese vorauseilend die jüdischen Mitglieder ausschloss.

Mit Hilfe eines befreundeten Arztes soll es ihm gelungen sein, eine schwerwiegende Erkrankung so überzeugend vorzutäuschen, dass er noch in jungen Jahren bei Erhalt der Bezüge in den Ruhestand versetzt wurde. Kafka entzog sich so dem NS-Regime und wartete auf dessen Ende, das er trotz Brandverletzungen in den Dresdner Bombennächten mit viel Glück noch erleben durfte.

Als er nach Würzburg kam, soll er nur eine Hose besessen haben. Studenten nähten ihm eine alte Militärhose um und schenken sie ihm anonym, wohlwissend, dass er ansonsten zu zurückhaltend und bescheiden gewesen wäre, um sie anzunehmen.

In einem Kellerraum am Sanderring 2 stand das Institut für Psychologie unter Kafka wieder auf und nicht nur das: Kafka gelang es auch, die Deutsche Gesellschaft für Psychologie im amerikanischen Sektor neu zu begründen. Von 1951 bis kurz zu seinem Tod 1953 wurde er ihr Präsident. Durch Gustav Kafka erhielt das Institut für Psychologie wieder Rang und Namen.

Wilhelm Arnold legte den Grundstein für eine langanhaltende Ausbauphase

Auf Kafka sollte Wilhelm Arnold (1911-1983) folgen. Arnold war hauptamtlich als Psychologe in höherer Position bei der Anstalt für Arbeitsvermittlung in Nürnberg tätig, bevor er den Ruf nach Würzburg annahm. Auch hier hat die Politik kräftig mitgemischt, denn Arnold war nicht der Wunschkandidat der Fakultät, aber Gründungsmitglied der CSU in Nordbayern. Die so düpierte Universität grollte jedoch nicht lange mit dem Ministerium, denn Arnold setzte den Auf- und Ausbau des Instituts für Psychologie sehr erfolgreich fort.

Bereits 1956 konnte in der Domerschulstraße 13 ein neues Domizil für die Psychologie eingeweiht werden. Es war damals eines der am besten ausgestatteten Institute für Psychologie und dies nicht zuletzt, weil es Arnold über seine Kontakte in die Wirtschaft gelungen war, lukrative Forschungsaufträge an Land zu ziehen. Selbst eine Außenstelle hatte das Institut in dem zwischen Rom und Neapel gelegenen Sezze. Hier wurden unter Leitung von Dr. Hermann Forster sprachvergleichende und völkerpsychologische Forschungen betrieben. Das hatte einen durchaus pragmatischen zeitgeschichtlichen Hintergrund, denn Professor Arnold war an der Entwicklung von Auswahlverfahren für italienische Gastarbeiter interessiert.

Arnold war von seiner Art her eher ein gewiefter Wissenschaftspolitiker als ein in sich versunkener, tiefsinniger Grundlagenforscher. Konsequenterweise wurde er von 1964 bis 1966 als erster Psychologe Rektor der Alma Julia. Er nutzte diese Möglichkeiten und initiierte mit der Einrichtung einer zweiten Professur die bis heute anhaltende Ausbauphase der Psychologie.

Zahlreiche neue Lehrstühle

Bereits 1966 wurde Ludwig Pongratz (1915-1995) auf den Lehrstuhl II berufen und vertrat fortan unter anderem die klinische Psychologie. 1975 folgte die Einrichtung des Lehrstuhl III für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre unter Otto Heller (1925-2012). 1977 schließlich wurde noch die mit Heinz Alfred Müller (1930-1990) besetzte Professur für Pädagogische Psychologie von der Pädagogischen Hochschule Würzburg nach deren Auflösung als Lehrstuhl IV in das Institut für Psychologie integriert. Mit den Jahren kamen an den Lehrstühlen weitere Professuren hinzu, und das sich drehende Karussell der Berufungen ließ auf Wilhelm Arnold Wilhelm Janke (1933-2011) folgen, auf Heinz Alfred Müller Wolfgang Schneider, auf Otto Heller Joachim Hoffmann, auf Ludwig Pongratz über Barbara Zoeke schließlich Fritz Strack.

Auch diese befinden sich inzwischen alle im Ruhestand, und eine neue Generation von Psychologinnen und Psychologen folgte ihnen nach. Dem Institut gelang es dabei bis heute, herausragende Forscherinnen und Forscher zu gewinnen und so seit der Külpe-Ära fast kontinuierlich ein international hoch renommiertes, innovatives und forschungsstarkes Institut zu bleiben.

Ein pandemiebedingter Online-Festakt

Anlass genug, die inzwischen 125-jährige Geschichte in einem Online-Festakt zusammen mit vielen ehemaligen und gegenwärtigen Mitarbeitenden des Instituts für Psychologie zu feiern. Zu den Rednern des Festaktes gehörten der ebenfalls aus der Psychologie stammende Präsident der Universität Würzburg, Paul Pauli, der einst in Würzburg Psychologie studierende und aktuell amtierende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Professor Markus Bühner, der ebenfalls dem Institut für Psychologie angehörige Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät Professor Johannes Hewig und der geschäftsführende Direktor des Instituts für Psychologie, Professor Wilfried Kunde.

Während des Festakts wurde auch die vom Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie unter Leitung von Professor Armin Stock vorbereitete Online-Ausstellung: „Facetten aus der 125jährigen Geschichte des Instituts für Psychologie“ eröffnet. Sie kann ab sofort unter diesem Link besucht werden: https://artspaces.kunstmatrix.com/de/exhibition/6942219/facets-in-the-history-of-the-institute-of-psychology-at-the-university-of

Kontakt

Prof. Dr. Wilfried Kunde, Institut für Psychologie, Lehrstuhl III. T: +49 931 31-82644, wilfried.kunde@ uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Armin Stock, Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie. T: +49 931 31-82620, armin.stock@ uni-wuerzburg.de

 

 

Spielfeld mit endlosen Möglichkeiten

In diesem Jahr feiert das Institut für Psychologie der Universität Würzburg sein 125-jähriges Bestehen. Eine neue Ausstellung des Adolf-Würth-Zentrums für Geschichte der Psychologie begleitet das Jubiläum. 

Steigende Infektionszahlen, besorgniserregende Entwicklungen, eine nicht enden wollende Baumaßnahme in den eigenen Museumsräumen und dann auch noch ein 125-jähriges Jubiläum der Gründung des Instituts für Psychologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU): Ganz schön viele Herausforderungen, denen sich das Adolf-Würth-Zentrum (AWZ) für Geschichte der Psychologie im zweiten Jahr der Corona-Pandemie stellen musste.

Trotzdem ist es dem Team um AWZ-Leiter Professor Armin Stock gelungen, auch unter diesen Bedingungen eine neue Ausstellung zu konzipieren und zu realisieren. Ihr Titel: „Facetten aus der Geschichte des Institutes für Psychologie“; zu sehen ist sie ab sofort.

„Es war ein großes Abenteuer, diese Ausstellung mal auf ganz andere Art und Weise zu konzipieren“, berichtet Armin Stock. Vor allem drei Fragen hätten ihn und sein Team dabei beschäftigt: Wie stellt man aus mit Blick auf eine ungewisse Zukunft? Wie empfängt man die Besucher online? Und wie fesselt man sie so für das Thema? Die Antwort sei relativ schnell gefunden worden: auf dem Spielfeld der multimedialen endlosen Möglichkeiten.

Hürden und Herausforderungen

Doch zunächst musste die Gruppe ein geeignetes Format finden. „Wir wollten nicht schon wieder so etwas, was man in den letzten anderthalb Jahren schon zigmal gesehen hat, als überall pandemiebedingt Online-Alternativen ausgeschöpft wurden“, erklärt Stock.

Die Entscheidung sei deshalb auf einen virtuellen Ausstellungsraum gefallen, modern, lichtdurchflutet, detailverliebt, mit einem hellen Innenhof und musikalischer Untermalung. Dadurch habe sich die Ausstellungsfläche, die das Zentrum sonst zur Verfügung hat, plötzlich vervielfacht – und damit auch die Möglichkeiten.

In der jetzt offiziell eröffneten Ausstellung wird der Besucher zu einem multimedialen Entdecker: Hinter jedem Bild zeigt sich nicht nur ein Infotext, oft ist es auch mit anderen Medien vernetzt, die die Online-Ausstellung zu einem 3D-Erlebnis machen oder zu anderen interessanten Projekten locken.

Wem das zu spielerisch und abenteuerlich ist, der kann sich auf eine automatische Tour durch die große, 125-jährige Geschichte des psychologischen Instituts mitnehmen lassen, um eine Zeitreise über dessen Entwicklung von seinen Vorläufern über die weltberühmte Würzburger Schule der Denkpsychologie unter Oswald Külpe und Karl Marbe, den Zusammenbruch 1945 und die Wiederaufbau- und Ausbaujahre bis hin zur aktuellen Forschung zu erleben.

Neue Impulse durch Corona

So schlimm die Corona-Pandemie auch ist für kulturelle Einrichtung wie das Adolf-Würth-Zentrum, das von Besucherinnen und Besuchern vor Ort und dem spannenden Vermitteln von Wissenschaftsgeschichte lebt, so sehr hat die Pandemie dennoch auch neue Impulse mit sich gebracht. Armin Stock und sein Team haben die Umstände vor allem dazu angeregt, sich mit den neuesten Technologien auseinanderzusetzen und die Digitalisierung voranzutreiben.

„Wir haben uns das Ziel gesetzt, ansprechende virtuelle Umgebungen zu schaffen, in denen die Besucherinnen und Besucher leicht vergessen können, dass sie eigentlich ‚nur‘ vor dem Laptop sitzen“, erzählt Stock. Dieser Ansatz ist für ihn das neue Motto einer modernen, zukunftsorientierten Kultureinrichtung, die solche Möglichkeiten als eine große Chance für Museen oder universitäre Sammlungen begreift.

Eine zukunftsträchtige Entwicklung

Angesichts der jüngsten pandemischen Entwicklungen war es nach Stocks Worten die richtige Entscheidung, tiefer in die virtuelle Welt einzutauchen und auszuloten, was möglich ist. Auch nach der Pandemie werde sich dieser Ansatz zügig weiterentwickeln, ist er sich sicher: „Künftige technische Innovationen sind vielversprechend, bringen einem Museum oder einer Sammlung Aufmerksamkeit, sind für ausländische Besucher ohne Reisewege zugänglich und damit – Stichwort: Klimawandel – ressourcenschonend oder lassen sich als wunderbare Parallele zu realen Ausstellungsräumen begreifen“, so der Psychologe.

Dementsprechend lautet Stocks Tipp für alle Interessierten: „Kochen Sie sich ruhig noch eine gute Tasse Tee, dann können Sie die Anfahrt bequem vom eigenen Sessel aus dem Wohnzimmer in Angriff nehmen. Die Öffnungszeiten sind vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen in der Woche – egal ob Sie sich in Würzburg oder Ohio, auf den Malediven oder auf Island befinden.“ Im virtuellen Ausstellungsraum des AWZ werden Besucherinnen und Besuchern keine Corona-Maßnahmen begegnen, ein Besuch ist also definitiv nicht ansteckend, höchstens „ansteckend an Begeisterung“.

Links

Zur neuen Ausstellung:

https://artspaces.kunstmatrix.com/de/exhibition/6942219/facets-in-the-history-of-the-institute-of-psychology-at-the-university-of

Homepage des AWZ:

https://www.uni-wuerzburg.de/awz/startseite/

Kontakt

Prof. Dr. Armin Stock, Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie, T: +49 931 31-82620, armin.stock@ uni-wuerzburg.de

 

einBlick - Das Online Magazin der Universität Würzburg vom 14.12.2021

Hoffnungsschimmer in der Pandemie: Protein ZAP hemmt Vermehrung von SARS-CoV-2 um das 20-Fache

Würzburg / Braunschweig, 10. Dezember 2021 – Wissenschaftler:innen des Würzburger Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig (HZI) weisen erstmals nach, wie ZAP, ein Protein der menschlichen Immunabwehr, den Vermehrungsmechanismus des Coronavirus SARS-CoV-2 hemmt und die Viruslast um das 20-Fache reduzieren kann. Die Erkenntnisse wurden heute im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht. Sie können dazu beitragen, antivirale Mittel im Kampf gegen die Pandemie zu entwickeln.

 

SARS-CoV-2 und andere Viren, deren Erbgut aus Ribonukleinsäuren (RNA) besteht, nutzen einen Vermehrungstrick, der als programmierte ribosomale Leserasterverschiebung bezeichnet wird. Dabei erweisen sich diese Viren als Meister der Manipulation: Sie dringen in die Wirtszellen ein und kapern dort den Prozess, den die Zellen nutzen, um genetische Informationen von einer Boten-RNA abzulesen und Proteine herzustellen. Die Viren verändern die streng geregelte Leserichtung: Dadurch können sie ihre eigenen Proteine produzieren und sich vermehren. 

Auf der Suche nach Möglichkeiten, diesen Vermehrungstrick beim Coronavirus SARS-CoV-2 zu unterbinden, haben Forschende am HIRI jetzt einen Restriktionsfaktor namens ZAP identifiziert. ZAP (von Englisch: Zinc Finger Antiviral Protein) ist als immunmodulatorisches und antivirales Protein bereits bekannt: „ZAP ist ein multifunktionales Molekül in der Immunabwehr, das eine überschießende Immunantwort beruhigen und die virale Aktivität herunterfahren kann“, erklärt Neva Caliskan, Forschungsgruppenleiterin am HIRI und Leiterin der Studie.

Starker Rückgang der Viruslast

Noch nicht erforscht war bislang, ob und wie Proteine wie ZAP in die ribosomale Leserasterverschiebung von SARS-CoV-2 eingreifen. „Die Leserasterverschiebung hat sich evolutionär als Herzstück der Virusreplikation durchgesetzt. Und genau das macht sie zu einem attraktiven Wirkstoffziel“, sagt Matthias Zimmer, einer der zwei Erstautoren der Studie. „Interessanterweise konnten wir nachweisen, dass ZAP an die virale RNA bindet, die die Leserasterverschiebung auslöst“, ergänzt der HIRI-Doktorand aus der Forschungsgruppe von Caliskan.

„ZAP greift in die strukturelle Faltung der Coronavirus-RNA ein und unterbindet das Signal, das SARS-CoV-2 aussendet, um die Wirtszellen zur Produktion seiner Replikationsenzyme zu bewegen“, beschreibt HIRI-Doktorandin Anuja Kibe, zweite Erstautorin der Studie, den antiviralen Effekt des Proteins. Und mehr noch: In Zusammenarbeit mit Forschenden am HZI konnte das Team nachweisen, dass Wirtszellen mit einem erhöhten ZAP-Spiegel eine etwa 20-fach reduzierte Virusmenge aufweisen. Das gehäufte Auftreten – oder Fehlen – des Proteins könnte somit auch ein Indikator dafür sein, ob eine Corona-Infektion einen leichten oder schweren Verlauf nimmt.

Um die dahinterstehenden molekularen Mechanismen vollständig zu verstehen, bedarf es noch weiterer Forschung. Doch bereits jetzt sind die Studienergebnisse ausgesprochen vielversprechend: „Unsere Erkenntnisse geben Anlass zur Hoffnung, dass ZAP als Vorlage genutzt werden könnte, um mögliche neue antivirale Mittel zu entwickeln“, so Caliskan.

Über ZAP in der aktuellen Studie

Das sogenannte Zinkfinger antivirale Protein (kurz ZAP) ist ein multifunktionales Protein der Immunabwehr und hemmt die Replikation bestimmter Viren. Es kommt in einer kurzen (ZAP-S) und einer langen Form (ZAP-L) vor. Die beschriebenen Effekte der aktuellen Untersuchungen beziehen sich auf ZAP-S.

Über das HIRI

Das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) ist die erste Einrichtung weltweit, die die Forschung an Ribonukleinsäuren (RNA) mit der Infektionsbiologie vereint. Auf Basis neuer Erkenntnisse aus seinem starken Grundlagenforschungsprogramm will das Institut innovative therapeutische Ansätze entwickeln, um menschliche Infektionen besser diagnostizieren und behandeln zu können.

Das HIRI ist ein Joint Venture des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und befindet sich auf dem Würzburger Medizin-Campus.

Publikation

Zimmer M, Kibe A, Rand U, Pekarek L, Ye L, Buck S, Smyth R, Cicin-Sain L, Caliskan N. The short isoform of the host antiviral protein ZAP acts as an inhibitor of SARS-CoV-2 programmed ribosomal frameshifting. Nature Communications, 10.12.2021. DOI: 10.1038/s41467-021-27431-0 

Die Studie wurde gefördert aus Mitteln der Helmholtz-Gemeinschaft, des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und des Europäischen Forschungsrats.

Pressebilder 

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HIRI-Medieninformation vom 10. Dezember 2021

Adventskonzert des Interdisziplinären Zentrums Palliativmedizin am 21. Dezember 2021

Es spielt das Blechbläserquartett "Blechschmitt"

Termin: 21. Dezember 2021 14:00-15:00 Uhr

Teilnahme virtuell über:

Klinikkanal 35

Skype:             https://meet.ukw.de/roch_c/JFC1W26M 

Telefon:          +49 931 201 6699998 (Konferenzkennung: 4875894)

Universitätsmedizin Würzburg: Neue Abteilung für Translationale Pädiatrie eingerichtet

Das Immunsystem von Kindern und dessen Entwicklung besser verstehen sowie daraus neue Präventions- und Behandlungsstrategien ableiten – das sind Kernziele der neuen Abteilung für Translationale Pädiatrie in Würzburg. Den von Uniklinikum und Uni gemeinsam getragenen Schwerpunkt leitet die international anerkannte Expertin Prof. Dr. Dorothee Viemann.

Nach der Geburt muss sich der Körper an die Umwelt anpassen. Dabei spielen das Immunsystem und das Mikrobiom – also das bakterielle Ökosystem im Darm – entscheidende Rollen. In der internationalen Forschung verdichten sich die Hinweise, dass gerade in den ersten Monaten das Immunsystem in einer Weise zwischen Toleranz und Abwehr eingestellt wird, die für die individuelle gesundheitliche Konstitution des restlichen Lebens hochrelevant ist. Um diese Vorgänge noch besser zu verstehen, richtete die Würzburger Universitätsmedizin kürzlich die Abteilung für Translationale Pädiatrie ein. Der neue Schwerpunkt, welcher der Kinderklinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) und dem Zentrum für Infektionsforschung der Uni Würzburg angehört, nahm im Juli 2021 seine Arbeit auf. Geleitet wird die Abteilung im Rahmen einer neugeschaffenen W3-Professur von Prof. Dr. Dorothee Viemann. 

Vor ihrem Wechsel an den Main führte die Fachärztin für Kinderheilkunde- und Jugendmedizin zuletzt eine Arbeitsgruppe für Experimentelle Neonatologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die gebürtige Niedersächsin absolvierte ab 1987 ihr Humanmedizinstudium in Bochum, Straßburg/Frankreich und Boston/USA. Die Ausbildung zur Kinderärztin startete Dorothee Viemann 1995 an der Universitätskinderklinik Kiel, um dann drei Jahre lang am Institut für Immunologie und Transfusionsmedizin der Universität Lübeck wissenschaftliche Laborarbeit zu betreiben. Die Ausbildung zur Kinderärztin setzte sie im Jahr 2000 an der Universitätskinderklinik Münster fort. Dort erwarb sie außerdem die Zusatzspezialisierungen für die Bereiche Neonatologie, Infektiologie und Labormedizin. Im Jahr 2008 habilitierte sie im Fach Kinderheilkunde über die Rolle von Endothel-Signalnetzwerken bei Entzündungen. Drei Jahre später bewarb sich die leidenschaftliche Forscherin erfolgreich für die an der MHH ausgeschriebene Professur für Experimentelle Neonatologie. 

Inspiriert durch Beobachtungen am Krankenbett

„Wissenschaftlich beschäftige ich mich mit den Ursachen und Therapiemöglichkeiten der Infektanfälligkeit und immunologischen Schwächen von Neu- und Frühgeborenen“, beschreibt Prof. Viemann und fährt fort: „Dabei geht es zum Beispiel darum, die Reifungsvorgänge im angeborenen Immunsystem nach der Geburt und die molekularen Mechanismen der Toleranzentwicklung aufzuklären.“ Hierbei verfolgte und verfolgt sie – meist inspiriert durch ihre Beobachtungen als Ärztin am Krankenbett – gerne auch Thesen jenseits der verbreiteten Lehrmeinungen. „Solange es offene, mir nicht verständliche Punkte gibt, hört das Nachfragen in mir einfach nicht auf“, beschreibt sie ihren Antrieb zur wissenschaftlichen Arbeit. 

Bei dem Versuch, ihre Überzeugungen zu beweisen oder zu widerlegen, kam sie immer wieder an Punkte, an denen sie mit ihrem ärztlichen Wissen nicht weiterkam. „Deshalb habe ich mir in den vergangenen Jahrzehnten im Eigenstudium so einiges an molekularbiologischem Know-how angeeignet“, berichtet Prof. Viemann. Diese konsequente Haltung fordert sie übrigens auch von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: „Alle, die in meinem Labor arbeiten, müssen die Methoden nicht nur anwenden können, sondern intellektuell auch vollständig durchdrungen haben. Nur dann sind sie nämlich in der Lage, eine Lösung zu entwickeln, wenn mal etwas nicht richtig läuft.“

Forscherin mit internationaler Reputation

Mit ihrer tiefschürfenden Herangehensweise gelang es Dorothee Viemann, sich eine weithin sichtbare Reputation aufzubauen. So arbeitet sie beispielsweise in dem von der MHH geleiteten Exzellenzcluster RESIST in zwei Einzelprojekten des Bereichs „Immunsystem“ mit. Außerdem wird sie regelmäßig als Referentin zu den US-amerikanischen Keystone-Symposien eingeladen, was in der Fachwelt als internationales Benchmark für die Relevanz der jeweiligen Forschungsthemen gilt.

Die Würzburger Professur mit eigenem Lehrstuhl sowie den in Aussicht gestellten Personal- und Sachressourcen sieht Prof. Viemann als hervorragende Chance zur Weiterentwicklung. Sie betont: „Die hier von der Medizinischen Fakultät gefundene, deutschlandweit wohl einzigartige Konstellation ist ein deutliches Bekenntnis zur Translation.“ 

Zu den Schlüsselfragen auf ihrer Forschungsagenda gehören: Welche körpereigenen Faktoren und welche Faktoren aus der Umwelt sind förderlich und trainieren die biologischen Systeme eines Kindes auf dienliche Art und Weise? Welche äußeren Faktoren oder anlagebedingten Fehlprogrammierungen beeinträchtigen das Wachstum und Reifung eines jungen Menschen? Bevor sie ihre Suche nach Antworten am Standort Würzburg allerdings fortsetzen kann, muss Prof. Viemann, die im Universitätsgebäude E7 am Zinklesweg untergebracht ist, in den kommenden Monaten erst noch ein Team aufbauen und für die benötigte technische Laborausstattung sorgen.

„Schon nach kurzer Zeit vor Ort habe ich erkannt, dass hier in Würzburg ein Klinikcampus mit hoher Dynamik besteht“, freut sich die Professorin und präzisiert: „An hiesigen Einrichtungen wie dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung oder bei der Max-Planck-Forschungsgruppe des Instituts für Systemimmunologie gibt es viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, von denen ich manche schon über andere Wege kenne. Es formt sich hier gerade eine Community, mit der ohne lange Anbahnung unkompliziert gemeinsame Forschungsprojekte aufgesetzt werden können.“

Geburtskohorte als eines der Großziele

Ein besonderer Wunsch für die Zukunft, den Prof. Viemann gemeinsam mit Prof. Christoph Härtel, dem Direktor der Kinderklinik des UKW, hegt, ist der Aufbau einer großen unterfränkischen Geburtskohorte in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit mit interessierten Expertinnen und Experten am Standort. Dabei sollen die gesundheitsrelevanten Entwicklungen bei Hunderten von Neugeborenen und deren Familien von Anfang an begleitet werden. Als Werkzeug dafür wäre zum Beispiel eine Smartphone-App vorstellbar, bei der die Eltern die Krankheitszeiten von Kindern eingeben können, welche Antibiotika verschrieben wurden, wann Allergien auftraten und ähnliches mehr. „Wenn es die finanziellen Möglichkeiten erlauben, würde ich die entsprechenden Daten gerne bis über das 16. Lebensjahr hinaus sammeln, da auch in der Pubertät im Immunsystems nochmals vieles neugeordnet und reprogrammiert wird“, sagt die Ärztin und unterstreicht: „Mit diesem Projekt würden wir die Basis für wichtige zukünftige Erkenntnisse legen – eine solche Kohorte wäre gerade für die kommenden Generationen von Forscherinnen und Forscher ein unfassbarer Schatz!“

Enthusiasmus in der Lehre weitergeben

Dieses langfristige Denken bestimmt auch die Einstellung von Dorothee Viemann zur Lehre. Sie schildert: „Wenn man in meinem Alter etwas Bleibendes hinterlassen will, dann geht es hauptsächlich darum, die nächste Generation an Ärztinnen und Ärzten zu formen und zu fördern.“ Sie plant, sich bei einem breiten Spektrum an Ausbildungsstufen zu engagieren – von Studierenden bis zu fortgeschrittenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. „Dabei würde ich gerne den Blick des Clinical Scientist schärfen. Ich war und bin für meine Sache enthusiastisch – und es würde mich freuen, wenn es gelänge, dies auch weiterzugeben“, sagt die Professorin.

 

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