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Früh geboren – immunologisch anders programmiert

Würzburger Studie zeigt erstmals umfassend, wie sich adaptive Abwehrzellen abhängig vom Gestationsalter entwickeln - publiziert im Journal of Allergy and Clinical Immunology

Blick in den Inkubator auf die kleinen nackten Füße eines Frühgeborenen
Anhand des bisher größten Datensatzes zur Immunentwicklung von Frühgeborenen zeigt die Kinderklinik des UKW: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener. Doch das Immunsystem von extrem Frühgeborenen ist nicht inaktiv oder schwach, sondern anders organisiert. Bei ihnen läuft die Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt anders ab. © Daniel Peter / UKW
Das Team steht in der Frühlingssonne vor einer bemalten Wand.
Verschiedene Arbeitsgruppen der Würzburger Universitäts-Kinderklinik untersuchen, wie die Immunreifung unter den verschiedensten Bedingungen stattfindet und Infektionsanfälligkeiten sowohl am Lebensanfang als auch im späteren Leben erklärt. Vorne v.l.n.r.: Christoph Härtel, Johannes Dirks, Janina Marißen, Henner Morbach © Ricarda Gertner / UKW
Grafik eines sehr kleinen Babys in rot und eines etwas reiferen Babys in blau sowie drei Koordinatensysteme, welche die Entwicklung von T-Helferzellen, B-Zellen und NK-Zellen zeigen (y-Achse zeigt Anzahl der Lymphozyten, x-Achse das postnatale Alter).
In der Studie wurden 1.533 Blutuntersuchungen aus den ersten 50 Lebenstagen von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Gestationsalter (GA) zwischen 22 und 36 Wochen und einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2820 Gramm an den Unikliniken Lübeck und Würzburg geboren. Die Grafik zeigt die Auswertung von 49 Frühgeborenen mit einem GA unter 26 Wochen und 288 Frühgeborenen mit einem GA von 30 Wochen und älter. Besonders unreif geborene Kinder zeigen dauerhaft niedrige Anteile von T-Helferzellen sowie erhöhte Anteile von B-Zellen und einen späteren Anstieg natürlicher Killerzellen (NK). © Details des Graphical Abstracts in Dirks et al, Journal of Allergy and Clinical Immunology (2026)

Die Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg veröffentlicht im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ in Kooperation mit dem Uniklinikum Lübeck den bisher größten Datensatz zur Immunentwicklung von Frühgeborenen. Die Auswertung von über 1.500 Blutproben zeigt, welchen Einfluss das Gestationsalter, Entzündungen und das Geschlecht auf die Reifung des adaptiven Immunsystems von Frühgeborenen haben und welche Immunbefunde bei Frühgeborenen „normal“ sind. Damit liefert die Studie wichtige Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden. Darüber hinaus trägt sie zum besseren Verständnis der Ursachen der besonderen Infektanfälligkeit dieser vulnerablen Patientengruppe bei.

Würzburg. Frühgeborene haben in den ersten Lebenswochen ein deutlich höheres Infektionsrisiko als termingeborene Kinder. Das hängt unter anderem mit ihrem Immunsystem zusammen. Bislang fehlten jedoch belastbare Daten darüber, wie sich die verschiedenen Zellarten des adaptiven Immunsystems nach der Geburt entwickeln. Wie sieht es speziell mit Lymphozyten, wie T- und B-Zellen, aus, die nach dem Kontakt mit Antigenen, wie Viren oder Bakterien, gezielte Abwehrmechanismen aktivieren? 

Welche Werte des Immunsystems sind angesichts der Frühgeburt normal? 

Der Grund für den Mangel an Daten ist unter anderem das geringe Blutvolumen* von Frühgeborenen und der damit einhergehende Mangel an Forschungsmaterial. Deshalb können in der Neonatologie frühgeborenen Säuglingen immer nur wenige Tropfen Blut abgenommen werden. „Bislang wussten wir gar nicht, wie das Immunsystem eines gesunden Frühgeborenen aussieht und welche Werte angesichts der Frühgeburt normal sind“, sagt Johannes Dirks, Kinderarzt am Uniklinikum Würzburg (UKW). Dirks hat sich auf die pädiatrische Immunologie spezialisiert und erforscht das Immunsystem von Frühgeborenen.

Bisher größter Datensatz zur postnatalen Entwicklung adaptiver Abwehrzellen bei Frühgeborenen im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“

Nun hat Johannes Dirks als Erstautor den bislang größten Datensatz zur postnatalen Entwicklung adaptiver Abwehrzellen bei Frühgeborenen im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlicht. Damit liefert er wichtige Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden. Darüber hinaus tragen die Studienergebnisse zu einem besseren Verständnis der Ursachen der besonderen Infektionsanfälligkeit dieser vulnerablen Patientengruppe bei. 

In der Studie wurden über 1.500 Blutuntersuchungen der ersten 50 Lebenstage von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Schwangerschaftsalter (Gestationsalter) zwischen 22 und 36 Wochen sowie einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2.820 Gramm an den Unikliniken Lübeck (UKSH) und Würzburg geboren. Die Blutabnahmen für die Immunphänotypisierung erfolgten im Rahmen der Routineversorgung auf der Neugeborenen-Intensivstation. Anschließend wurden die Ergebnisse mit verschiedenen Faktoren rund um die Geburt in Beziehung gesetzt. 

Entwicklung des Immunsystems bei Frühgeborenen wird stark vom Zeitpunkt der Geburt geprägt 

„Die Auswertung zeigte eindeutig: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener“, erläutert Johannes Dirks. „Wenn die Werte anders sind, heißt das aber nicht, dass sie nicht normal sind“, betont er. Bei Frühgeborenen gebe es ein anderes „normal“. So sind bei ihnen zum Beispiel die sogenannten CD4-T-Helferzellen, die eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Immunreaktionen spielen, dauerhaft in geringerer Zahl vorhanden. Gleichzeitig finden sich in den ersten Lebenswochen zunächst vermehrt B-Zellen, die für die Bildung von Antikörpern zuständig sind. Im weiteren Verlauf steigt dann die Zahl der natürlichen Killerzellen an, die virusinfizierte oder geschädigte Körperzellen direkt bekämpfen können. 

Dieses charakteristische Muster verdeutlicht, dass das Immunsystem nicht inaktiv oder schwach ist, sondern anders organisiert ist und sich noch in der Entwicklung befindet. Eine vertiefte Analyse bestätigte, dass sehr früh geborene Kinder weniger neu gebildete, sogenannte naive T-Zellen besitzen, während bereits aktivierte und regulierende T-Zellen häufiger vorkommen. Dies spricht dafür, dass die Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt anders ablaufen. 

„Es ist also nicht zwingend krankhaft im Sinne eines Immundefektes, wenn bestimmte Zellen bei Frühgeborenen noch unterrepräsentiert sind“, erklärt Johannes Dirks. Mit der Studie liefert er eine Tabelle zur genauen Einschätzung des Immunstatus**. 

Auch Entzündungen vor der Geburt sowie das Geschlecht beeinflussen die Entwicklung des Immunsystems

Neben dem Gestationsalter beeinflussten weitere Faktoren das Immunsystem. So verstärkte beispielsweise eine Entzündung kurz vor der Geburt, das sogenannte Amnioninfektionssyndrom, die immunologischen Veränderungen zusätzlich. Auch typische Komplikationen der Frühgeburtlichkeit gingen mit ähnlichen Immunprofilen einher. Auffällig war außerdem ein Geschlechtsunterschied: Frühgeborene Mädchen wiesen durchgehend höhere Anteile an T-Helferzellen auf. Dies könnte zu ihrem insgesamt besseren Überleben beitragen. „Es ist schon lange bekannt, dass frühgeborene Jungen im Vergleich zu frühgeborenen Mädchen eine schlechtere Prognose haben“, erklärt Dirks. 

Verbindung von Neonatologie und Immunologie ist ein Schwerpunkt der Würzburger Universitäts-Kinderklinik

Das Langzeitziel der Würzburger Universitäts-Kinderklinik ist es, immunologisch eine langfristige Nachsorge aufzubauen, von der die Kinder mit gezielten Interventionen profitieren. Denn wie zahlreiche große Kohortenstudien zeigen, zieht sich die Infektionsanfälligkeit von frühgeborenen Kindern bis ins hohe Erwachsenenalter. „Wir sehen auch immer wieder, dass die Impfantworten bei frühgeborenen Kindern schlechter ausfallen als bei termingeborenen Kindern“, berichtet Johannes Dirks. Der Kinderarzt, der selbst Vater von vier Kindern ist, kam nach seinem Studium der Humanmedizin in Würzburg über den Leiter des dortigen immunologischen Labors, Privatdozent Dr. Henner Morbach, zur immunologisch orientierten Forschung. Eineinhalb Jahre lang arbeitete er über eine Förderung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) in Lübeck. Klinisch spezialisierte er sich auf die pädiatrische Intensivmedizin und Neonatologie. Derzeit wird er über das Bridging-Programm des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF) gefördert und arbeitet im Wechsel einen Monat in der Forschung und einen Monat in der Klinik. 

Die Verbindung von Neonatologie und Immunologie ist ein Schwerpunkt der Würzburger Universitäts-Kinderklinik und wird sukzessive ausgebaut, seitdem Professor Christoph Härtel im Mai 2020 von Lübeck noch Würzburg wechselte und die Leitung der Kinderklinik übernahm. Härtel erforscht die Entwicklung extrem frühgeborener Kinder, insbesondere im Rahmen überregionaler Forschungsnetzwerke. Ein spezieller Fokus liegt dabei auf der Entwicklung des Immunsystems. 

IRoN-Studie untersucht Reifung des Immunsystems bei Frühgeborenen, MIAI-Studie fokussiert sich auf reif geborene Kinder

In der IRoN-Studie (Immunoregulation of the Newborn) erforscht Härtel in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Lübeck die Reifung des Immunsystems bei Frühgeborenen. Das Team untersucht, wie spezielle Immunzellen das Langzeitoutcome von Frühgeborenen beeinflussen, beispielsweise in Bezug auf chronische Lungenerkrankungen. Auch das Mikrobiom spielt eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Prädisposition für ein ungünstiges Ergebnis bei einer Sepsis oder einer nekrotisierenden Enterokolitis (NEC), eine schwere Darmerkrankung, die vor allem Frühgeborene betrifft. Andererseits verändert die Gabe von Antibiotika, die bei Frühgeborenen oft aufgrund von (vermuteten) bakteriellen Infektionen unumgänglich ist, das Mikrobiom. Auch hier läuft die Forschung auf Hochtouren. Probiotika können zum Beispiel das Mikrobiom positiv beeinflussen und als Trainingspartner fürs Immunsystem dienen. 

Ein Pendant zur IRoN-Studie bei reifgeborenen ist die MIAI-Studie (Maturation of Immunity Against Influenza). Das MIAI-Studienteam untersucht unter der Federführung von Professorin Dorothee Viemann, Leiterin der Translationalen Pädiatrie, wie das Immunsystem am Lebensanfang auf Infektionen, Impfungen und Umwelteinflüsse, aber auch Antibiotika, reagiert, um frühe Abwehrmechanismen besser zu verstehen. Insbesondere in der frühen Kindheit muss das Immunsystem möglichst schnell ein energiesparendes Gleichgewicht zwischen Toleranz und Abwehr etablieren, um die Entwicklung von Gesundheit auf lange Sicht zu gewährleisten. Ziel ist, durch das bessere Verständnis dieser Prozesse neue Präventions- und Behandlungsstrategien identifizieren, die lebenslange Gesundheit für unsere Kinder sichern sollen. Darüber hinaus ermöglicht der Vergleich zwischen beiden Kohorten Einblicke darin, welche Entwicklungen bei Frühgeborenen für die langfristig erhöhte Infektionsanfälligkeit verantwortlich sind.

Dank an Eltern und Kinder, die mit ihren Daten die Forschung und das Wohl künftiger Generationen fördern

„All diese Daten helfen uns zu verstehen, wie die Immunreifung unter den verschiedensten Bedingungen stattfindet und somit die Infektionsanfälligkeit von Frühgeborenen sowohl am Lebensanfang als auch im späteren Leben erklärt“, resümiert Prof. Christoph Härtel. Der Klinikdirektor betont: „Deshalb sind wir allen Eltern und Kindern dankbar, die mit ihren Daten unsere Forschung unterstützen und so zu einer gesunden Entwicklung der nächsten Generationen beitragen.“ 

Publikation: Johannes Dirks, Ingmar Fortmann, Janina Marißen, Julia Pagel, Lilith Reichert, Henry Kipke, Marie-Theres Dammann, Wolfgang Göpel, Till Birkner, Kilian Dahm, Sofia Kirke Forslund-Startceva, Dorothee Viemann, Jan Rupp, Henner Morbach, Christoph Härtel. Effect of gestational age on lymphocyte phenotypes in hospitalized preterm infants, Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2025, Volume 157, Issue 2, 2026, Pages 506-516, ISSN 0091-6749, https://doi.org/10.1016/j.jaci.2025.09.030.

Weitere Informationen:

*Frühgeborene haben ein Blutvolumen von etwa 90 bis 100 Milliliter (ml) pro Kilogramm (kg) Körpergewicht, während es bei Erwachsenen rund 65 bis 75 ml pro kg sind. Ein Grund für das höhere Blutvolumen liegt im erhöhten Sauerstoffbedarf: Neugeborene, insbesondere sehr kleine Frühgeborene, haben einen höheren Grundumsatz. Bei einem 500 Gramm leichten Frühgeborenen mit einer Gesamtblutmenge von 45 bis 50 Millilitern sind 5 Milliliter Blut – das entspricht etwa einem gefüllten Teelöffel – bereits ein Zehntel des gesamten Blutes. 

** In Deutschland wird seit 2019 bei allen Neugeborenen ein Screening auf angeborene schwere T-Zell Defekte durchgeführt. Um die Neubildung von T-Zellen zu prüfen wird eine Fersenblutprobe auf einer sogenannten Trockenblutkarte untersucht. Bei Auffälligkeiten wird das Blut zur Bestätigungsdiagnostik an ein Zentrum für angeborene Immundefekte geschickt. Privatdozent Henner Morbach leitet an der Würzburger Universitäts-Kinderklinik eines der wenigen Zentren in Deutschland, das eine umfassende Diagnostik, Beratung und Therapie bei angeborenen Immundefekten und komplexen immunologischen Fragestellungen anbietet.

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Blick in den Inkubator auf die kleinen nackten Füße eines Frühgeborenen
Anhand des bisher größten Datensatzes zur Immunentwicklung von Frühgeborenen zeigt die Kinderklinik des UKW: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener. Doch das Immunsystem von extrem Frühgeborenen ist nicht inaktiv oder schwach, sondern anders organisiert. Bei ihnen läuft die Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt anders ab. © Daniel Peter / UKW
Das Team steht in der Frühlingssonne vor einer bemalten Wand.
Verschiedene Arbeitsgruppen der Würzburger Universitäts-Kinderklinik untersuchen, wie die Immunreifung unter den verschiedensten Bedingungen stattfindet und Infektionsanfälligkeiten sowohl am Lebensanfang als auch im späteren Leben erklärt. Vorne v.l.n.r.: Christoph Härtel, Johannes Dirks, Janina Marißen, Henner Morbach © Ricarda Gertner / UKW
Grafik eines sehr kleinen Babys in rot und eines etwas reiferen Babys in blau sowie drei Koordinatensysteme, welche die Entwicklung von T-Helferzellen, B-Zellen und NK-Zellen zeigen (y-Achse zeigt Anzahl der Lymphozyten, x-Achse das postnatale Alter).
In der Studie wurden 1.533 Blutuntersuchungen aus den ersten 50 Lebenstagen von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Gestationsalter (GA) zwischen 22 und 36 Wochen und einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2820 Gramm an den Unikliniken Lübeck und Würzburg geboren. Die Grafik zeigt die Auswertung von 49 Frühgeborenen mit einem GA unter 26 Wochen und 288 Frühgeborenen mit einem GA von 30 Wochen und älter. Besonders unreif geborene Kinder zeigen dauerhaft niedrige Anteile von T-Helferzellen sowie erhöhte Anteile von B-Zellen und einen späteren Anstieg natürlicher Killerzellen (NK). © Details des Graphical Abstracts in Dirks et al, Journal of Allergy and Clinical Immunology (2026)

In 50 Fachbereichen der Focus-Ärzteliste 2026 empfohlen

Die Focus-Ärzteliste 2026 weist in 50 Fachbereichen 32 Expertinnen und Experten des Uniklinikums Würzburg als deutschlandweite Top-Medizinerinnen und -Mediziner aus.

 

Prof. Buck mit zwei Mitarbeitern besprechen Bilder auf Monitore.
In der Focus-Ärzteliste 2026 finden sich über 30 Expertinnen und Experten des Uniklinikums Würzburg – darunter auch Prof. Dr. Andreas Buck (rechts), dieser in den Bereichen „Nuklearmedizin“ und „Endokrinologie & Fettstoffwechsel“. © Bernhard Kühmstedt / UKW

Würzburg. Die Mitte März 2026 erschienene Ausgabe der Publikationsreihe „Gesundheit“ des Nachrichtenmagazins Focus enthält die Neuauflage der „Focus-Ärzteliste“. Diese nennt über 3.800 deutschlandweit führende Medizinerinnen und Mediziner. Unterteilt ist das umfangreiche Tabellenwerk in 126 Fachbereiche, wie Neonatologie, Unfallchirurgie oder Tumoren des Verdauungstrakts. In 50 dieser Spezialisierungen finden sich die Namen von insgesamt 32 Ärztinnen und Ärzten des Uniklinikums Würzburg (UKW). Das Zahlenverhältnis ergibt sich dadurch, dass manche Expertinnen und Experten in mehreren Bereichen empfohlen werden. 
Die Focus-Ärzteliste 2026 basiert auf einer unabhängigen Datenerhebung des Rechercheinstituts FactField. In die Bewertung flossen unter anderem fachliche Qualifikationen, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Weiterbildungsbefugnisse sowie Empfehlungen aus Kollegenkreisen und von Patientinnen und Patienten ein. 
Die unten folgende Auflistung der UKW-Fachleute orientiert sich an der Darstellung des Magazins. Kontaktmöglichkeiten zu den Ärztinnen und Ärzten beziehungsweise zur jeweiligen Fachklinik am Würzburger Uniklinikum können auf der Homepage www.ukw.de recherchiert werden. Dort stehen zum Beispiel die Rubrik „Ärztefinder“ und ein „Körperkompass“ für die individuelle Suche zur Verfügung.

Text: Pressestelle / UKW


Diese Medizinerinnen und Mediziner des UKW empfiehlt die Focus-Ärzteliste 2026:

Infektiologie:
Prof. Dr. Christoph Härtel
Prof. Dr. August Stich

Tropenmedizin:
Prof. Dr. August Stich

Strabologie:
Prof. Dr. Martin Nentwich

Diabetologie:
Prof. Dr. Martin Fassnacht

Chronische Schmerzen:
Prof. Dr. Heike Rittner

Demenzen:
PD Dr. Martin Lauer

Neurochirurgie:
Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus

Palliativmedizin:
Prof. Dr. Martin Kortüm

Gehörerkrankungen:
Prof. Dr. Stephan Hackenberg
Prof. Dr. Kristen Rak

Sinusitis:
Prof. Dr. Stephan Hackenberg

Bauchstraffung:
Prof. Dr. Michael Jakubietz

Bodylift:
Prof. Dr. Rafael Jakubietz

Ohrkorrektur:
Prof. Dr. Kristen Rak
PD Dr. Matthias Scheich

Plastische Wiederherstellungschirurgie:
Prof. Dr. Michael Jakubietz
Prof. Dr. Rafael Jakubietz

Psoriasis:
Prof. Dr. Matthias Goebeler

Bluthochdruck:
Prof. Dr. Martin Fassnacht

Endokrinologie & Fettstoffwechsel:
Prof. Dr. Andreas Buck
Prof. Dr. Martin Fassnacht

Ernährungsmedizin:
Prof. Dr. Andreas Geier

Nephrologie:
Prof. Dr. Kai Lopau

Kinderkardiologie:
Prof. Dr. Johannes Wirbelauer

Neonatologie:
Prof. Dr. Christoph Härtel
Prof. Dr. Johannes Wirbelauer

Ellenbogenchirurgie:
Prof. Dr. Rainer H. Meffert

Handchirurgie:
Prof. Dr. Rafael Jakubietz
Prof. Dr. Rainer H. Meffert
Prof. Dr. Hendrik Jansen

Unfallchirurgie:
Prof. Dr. Rainer H. Meffert

Wirbelsäulenchirurgie:
Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus

Blasenkrebs:
Prof. Dr. Hubert Kübler

Brustkrebs:
Prof. Dr. Achim Wöckel

Gynäkologische Tumoren:
Prof. Dr. Achim Wöckel

Hauttumoren:
Prof. Dr. Matthias Goebeler

Knochen- & Weichteiltumoren:
Prof. Dr. Martin Kortüm

Kopf-Hals-Tumoren:
Prof. Dr. Stephan Hackenberg

Leukämie & Knochenmarkerkrankungen:
Prof. Dr. Hermann Einsele
Prof. Dr. Martin Kortüm

Lymphome:
Prof. Dr. Hermann Einsele

Nierenkrebs:
Prof. Dr. Hubert Kübler

Prostatakrebs:
Prof. Dr. Hubert Kübler

Strahlentherapie:
Prof. Dr. Andrea Wittig-Sauerwein

Tumoren des Verdauungstrakts:
Prof. Dr. Christoph-Thomas Germer

Adipositas-Chirurgie:
Prof. Dr. Florian Seyfried

Hepatologie & Leberchirurgie:
Prof. Dr. Andreas Geier

Ästhetische Zahnheilkunde:
Prof. Dr. Marc Schmitter

Craniomandibulare Dysfunktion:
Prof. Dr. Marc Schmitter

Digitale Zahnmedizin:
Prof. Dr. Marc Schmitter

Endodontie:
PD Dr. Ralf Krug

Kieferorthopädie:
Prof. Dr. Angelika Stellzig-Eisenhauer

Rekonstruktive Chirurgie:
Prof. Dr. Urs Müller-Richter

Psychosomatik:
Prof. Dr. Imad Maatouk

Schizophrenie:
PD Dr. Martin Lauer

Suchterkrankungen:
PD Dr. Martin Lauer

Nuklearmedizin:
Prof. Dr. Andreas Buck

Radiologie:
Prof. Dr. Ralph Kickuth

 

Prof. Buck mit zwei Mitarbeitern besprechen Bilder auf Monitore.
In der Focus-Ärzteliste 2026 finden sich über 30 Expertinnen und Experten des Uniklinikums Würzburg – darunter auch Prof. Dr. Andreas Buck (rechts), dieser in den Bereichen „Nuklearmedizin“ und „Endokrinologie & Fettstoffwechsel“. © Bernhard Kühmstedt / UKW

Abschied mit Herz: Spenden für den guten Zweck

Unterstützung für krebskranke Kinder statt Blumen

Ferdinand Kleppmann
Ferdinand Kleppmann (Foto: Christian Kleppmann)

Im vergangenen Jahr verstarb Ferdinand Kleppmann. Als ehemaliger Verbandsdirektor der Abfallwirtschaft Raum Würzburg war er vielen Menschen in der Region bekannt und wurde sehr geschätzt. Sein letzter Wunsch war es, bei seiner Abschiedsfeier auf Blumen und Kränze zu verzichten und stattdessen um Spenden für die Elterninitiative Regenbogen zu bitten. Der Verein unterstützt krebskranke Kinder und deren Familien in einer besonders herausfordernden Lebensphase. Dank der großzügigen Unterstützung der Trauergäste kamen insgesamt 4.245 Euro zusammen, die nun der Elterninitiative zugutekommen.

Die Spenden fließen in einen besonderen Ort, nämlich den Spielplatz an der Uni-Kinderklinik, den die Elterninitiative im Jahr 2024 realisieren und eröffnen konnte. Dieser wurde vollständig durch Spendengelder finanziert und bietet erkrankten Kindern und ihrer Familie eine kleine Auszeit vom Klinikalltag durch Bewegung und Ablenkung. Auch die laufenden Instandhaltungskosten werden durch den Verein getragen.

Gerade das Spielen hatte für Ferdinand Kleppmann eine besondere Bedeutung. Es schenkt Leichtigkeit und unbeschwerte Augenblicke und hilft dabei, die eigenen Sorgen für einen Moment in den Hintergrund treten zu lassen. Dieser Gedanke spiegelt sich auch in dem ausgewählten Projekt wider.

Die Elterninitiative Regenbogen Würzburg bedankt sich herzlich bei der Familie Kleppmann sowie bei allen Spenderinnen und Spendern für diese wertvolle Unterstützung und das Vertrauen in die Arbeit des Vereins.

Text: Nadine Kempa für die Elterninitiative Regenbogen e.V.
 

Ferdinand Kleppmann
Ferdinand Kleppmann (Foto: Christian Kleppmann)

Welt-Tuberkulose-Tag: Würzburger Kolloquium beleuchtete regionale und globale Herausforderungen

Am 24. März dieses Jahres ist der Welt-Tuberkulose-Tag. In dessen Vorfeld wurden beim „3. Würzburger Kolloquium Infektiologie und Tropenmedizin“ am Uniklinikum Würzburg aktuelle medizinische, gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderungen der Tuberkulose als eine der weltweit bedeutendsten Infektionskrankheiten diskutiert.

 

Ein typischer Röntgenbefund einer offenen, übertragungsfähigen Tuberkulose mit einer Kaverne im rechten Oberfeld der Lunge.
Ein typischer Röntgenbefund einer offenen, übertragungsfähigen Tuberkulose mit einer Kaverne im rechten Oberfeld der Lunge. Darin befinden sich die Erreger, die dann ausgehustet werden und so in die Umgebung gelangen. © Andreas Müller / UKW

Würzburg. Am 21. März dieses Jahres kamen beim „3. Würzburger Kolloquium Infektiologie und Tropenmedizin“ rund 70 Expertinnen und Experten aus Unterfranken im Hörsaal des Zentrums für Operative Medizin (ZOM) des Uniklinikums Würzburg (UKW) zusammen. Die Fortbildungsveranstaltung fand im zeitlichen Kontext mit dem Welt-Tuberkulose-Tag am 24. März statt. Unter dem Motto „Yes! We can end TB!“ betont die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Fortschritte in der Bekämpfung der Erkrankung trotz schwieriger globaler Rahmenbedingungen möglich sind – vorausgesetzt, politischer Wille, verlässliche Finanzierung sowie der Zugang zu moderner Diagnostik und Therapie sind vorhanden. Die WHO weist zudem darauf hin, dass Investitionen in die Tuberkulosebekämpfung nicht nur gesundheitlich, sondern auch ökonomisch sinnvoll sind: Jeder investierte Dollar kann ein Vielfaches an gesellschaftlichem Nutzen generieren.

Herausfordernde globale Entwicklungen

Beim Würzburger Kolloquium wurden unter anderem die Verbreitung der Tuberkulose in Deutschland, besondere Versorgungsbedarfe von Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund sowie globale Entwicklungen diskutiert. Diese sind unter anderem geprägt durch gleichzeitige Infektionen, beispielsweise mit HIV, begrenzte finanzielle Ressourcen und aktuelle geopolitische Veränderungen, die internationale Bekämpfungsprogramme beeinflussen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf multiresistenten Tuberkulose-Erregern, die Untersuchung und Behandlung zunehmend erschweren. Auch Besonderheiten im Kindesalter, Krankheitsverläufe außerhalb der Lunge sowie Herausforderungen der Diagnostik wurden thematisiert. Der enge Praxisbezug spielte dabei eine zentrale Rolle: Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag ermöglichten konkrete Einblicke in die Versorgung.

Tuberkulose ist keine ferne Erkrankung

Prof. Dr. August Stich, Leiter des Schwerpunkts Infektiologie und Tropenmedizin an der Medizinischen Klinik II des UKW, betont: „Die Tuberkulose ist keine ferne Erkrankung: Auch am Uniklinikum Würzburg werden regelmäßig Patientinnen und Patienten diagnostiziert und behandelt – häufig unter komplexen Bedingungen. Der interdisziplinäre Austausch ist entscheidend, um die Versorgung kontinuierlich zu verbessern.“ Und Dr. Andreas Müller, Oberarzt in der Infektiologie und Tropenmedizin und Organisator der Veranstaltung, ergänzte: „Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen zusammenzubringen, um konkrete Verbesserungen für Patientinnen und Patienten zu erreichen. Das Kolloquium leistet einen wichtigen Beitrag zur regionalen Vernetzung und zur Einordnung lokaler Herausforderungen in einen globalen Kontext.“

Text: Pressestelle / UKW

 

Ein typischer Röntgenbefund einer offenen, übertragungsfähigen Tuberkulose mit einer Kaverne im rechten Oberfeld der Lunge.
Ein typischer Röntgenbefund einer offenen, übertragungsfähigen Tuberkulose mit einer Kaverne im rechten Oberfeld der Lunge. Darin befinden sich die Erreger, die dann ausgehustet werden und so in die Umgebung gelangen. © Andreas Müller / UKW

Lebertransplantierte umfassend informiert

Der Hörsaal des Zentrums für Innere Medizin des Uniklinikums Würzburg (UKW) war am 14. März 2026 der Schauplatz für die Jahrestagung des Vereins Lebertransplantierte Deutschland.

Stand Jahrestagung Lebertransplantierte

Nach dem internen Teil des Patientenselbsthilfeverbands am Vormittag, standen beim öffentlichen Teil am Nachmittag Vorträge von drei UKW-Fachleuten auf dem Programm. Dabei lieferte Prof. Dr. Johan Lock unter anderem einige Kennzahlen aus dem Lebertransplantationsprogramm des Würzburger Großkrankenhauses. Nach Angaben des Leiters der Hepatopankreatobiliären und Transplantationschirurgie fand im November vergangenen Jahres die 300. Lebertransplantation am UKW statt. Aktuell umfasst die Warteliste des Uniklinikums für eine Spenderleber rund 30 Patientinnen und Patienten, während über 200 Lebertransplantierte ambulant betreut werden. Nach einem Überblick über die bundesweite Situation beschrieb Lock die Lebertransplantation zusammenfassend als etabliertes und effektives Therapieverfahren, dessen Hauptproblem nach wie vor in der mangelnden Organspende liegt. 

Im Anschluss stellte Privatdozent Dr. Friedrich Anger, Oberarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie, den über 220 Zuhörerinnen und Zuhörern aktuelle Innovationen bei der Organkonservierung, dem Operationsverfahren und dem postoperativen Management vor. 

Im dritten Fachvortrag zeigte Privatdozentin Dr. Monika Rau, Oberärztin der Hepatologie, auf, welche Faktoren den größten Einfluss auf einen guten Langzeitverlauf nach einer Lebertransplantation haben. 

Zum Abschluss der von Gabriele Nelkenstock, der Selbsthilfebeauftragten des UKW, organisierten Veranstaltung bestand für die Teilnehmenden die reichlich genutzte Gelegenheit zur Diskussion. Am Ende wurde der Informationsnachmittag vom Verein Lebertransplantierte Deutschland als „herausragend“ gelobt.
 

Stand Jahrestagung Lebertransplantierte

Palliativmedizin am UKW: Professur für Carmen Roch

„Frühe Einbindung ist enorm wichtig“ / Ein Kernziel ist symptomlindernde Therapie

Prof. Dr. Carmen Roch leitet den Schwerpunkt Palliativmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Foto: UKW / Brigitte May
Prof. Dr. Carmen Roch leitet den Schwerpunkt Palliativmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Foto: UKW / Brigitte May

Würzburg. Prof. Dr. Carmen Roch ist seit Februar Professorin für Palliativmedizin an der Universitätsmedizin Würzburg. Zudem leitet sie den Schwerpunkt Palliativmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Im Interdisziplinären Zentrum Palliativmedizin am UKW werden Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen und nicht-heilbaren Erkrankungen ganzheitlich betreut. Bei der Behandlung steht nicht die Heilung der Krankheit im Vordergrund, sondern die bestmögliche Lebensqualität und die Stärkung eigener Ressourcen. Das Zentrum umfasst eine eigene Station mit derzeit sechs Betten, eine Ambulanz und einen klinikweiten Palliativdienst.

„Ein Kernziel unserer Arbeit ist die symptomlindernde Therapie. Daher ist es wichtig, dass die Palliativmedizin so früh wie möglich eingebunden wird, wenn feststeht, dass eine Heilung der Erkrankung nicht mehr erreicht werden kann“, betont Prof. Roch. Denn: Eine palliativmedizinische Versorgung kann sich über mehrere Jahre erstrecken. „In dieser Zeit können wir als multiprofessionelles Team einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität leisten. Die Einbindung der Palliativmedizin kann zu jedem Zeitpunkt einer Erkrankung sinnvoll sein – auch zeitgleich mit einer krankheitsspezifischen Behandlung, die andauert“, so die Fachärztin für Anästhesiologie. Zudem verfügt die 50-Jährige über die Zusatzbezeichnungen Palliativmedizin und spezielle Schmerztherapie und ist ausgebildete Ethikberaterin im Gesundheitswesen. Sie ist bereits seit 2017 am Interdisziplinären Zentrum Palliativmedizin am UKW tätig. Zu den Forschungsschwerpunkten von Prof. Roch zählen die Erfassung von Symptomen und Belastungen in spezifischen Erkrankungssituationen und daraus abgeleitet die bestmögliche und individuelle Behandlung von Symptomen. Dies schafft Behandlungssicherheit für Patientinnen und Patienten, aber auch Behandelnde. 

Drei Säulen der palliativmedizinischen Versorgung am UKW

Neben der eigenen Station am UKW ist der Palliativdienst am UKW eine wichtige Säule der Versorgung an der unterfränkischen Uniklinik. Dort zählen die Beratung und Behandlung von Symptomen, die ressourcenorientierte Unterstützung von Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen zu den Kernaufgaben. Hinzu kommen Themen wie die vorausschauende Versorgungsplanung inklusive Beratung, etwa zum Thema Patientenverfügung oder Advance Care Planning, die Koordination und Organisation der Palliativversorgung und Mitbegleitung in der Sterbephase. Prof. Roch: „Dabei geht es auch darum, die Autonomie der Patienten bestmöglich zu unterstützen.“ Rund 1.000 Patientinnen und Patienten werden jährlich durch den Palliativdienst versorgt. Durch ein klinikweites Screening wird dabei die schnelle Einbindung des Palliativzentrums sichergestellt. Auf der Station werden aktuell etwa 220 Patientinnen und Patienten pro Jahr aufgenommen. In der Palliativambulanz des Zentrums werden ambulante Patientinnen und Patienten beraten und behandelt, die keiner stationären Aufnahme bedürfen.

Gemeinsam entscheiden, optimal behandeln

Gemeinsam mit dem Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF) hat das Palliativzentrum am UKW das zertifizierte „Share to care“--Programm am Interdisziplinären Zentrum Palliativmedizin eingeführt. Dahinter steht der Anspruch, medizinische Entscheidungen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten zu treffen, der Fachbegriff lautet „Shared Decision making“. Prof. Roch: „Wenn Menschen in die Palliativmedizin kommen, stehen sie vor wichtigen Entscheidungen in Bezug auf ihre Erkrankung und ihre Lebensqualität. Hier wollen wir gemeinsam und transparent aufzeigen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.“

Organisatorisch zählt das Interdisziplinäre Zentrum Palliativmedizin zur Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am UKW. Mit der Fertigstellung der neuen Klinik für Strahlentherapie wird auch die Palliativmedizin zukünftig in den Neubau umziehen. Dann wird auch die Anzahl der stationären Betten in der Palliativmedizin ausgebaut.

Förderverein unterstützt Angebote 

Neben der medizinischen Versorgung gibt es auch eine Vielzahl weiterer unterstützender Angebote für Patientinnen und Patienten des Interdisziplinären Zentrums Palliativmedizin am UKW. Eine wichtige Hilfe ist hier ein eigener Förderverein. Prof. Roch: „Viele unterstützende Angebote, die unsere Patienten entlasten oder stärken können, werden leider nicht durch die Krankenversicherung abgedeckt.“ Dazu zählen unter anderem Kunst- und Musiktherapie, jahreszeitliche Dekorationen auf Station sowie kleinere kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen oder Konzerte, die direkt in der Klinik stattfinden.

Weitere Informationen zum Palliativzentrum des UKW sowie zum Förderverein gibt es hier online.

Prof. Dr. Carmen Roch leitet den Schwerpunkt Palliativmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Foto: UKW / Brigitte May
Prof. Dr. Carmen Roch leitet den Schwerpunkt Palliativmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Foto: UKW / Brigitte May

Schwache Handkraft als Warnsignal für psychische Erkrankungen

Aktuelle Studie zeigt: Auch nach überstandener Depression bleibt die Handkraft vermindert

Frau drückt Manometer, das 26,7 kg zeigt.
Die Handgriffstärke gilt als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 26,7 kg wie hier am UKW gemessen, ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg, bei Männern zwischen 30 und 35. © Kirstin Linkamp / UKW
Szene einer Messung am Tisch: eine Person hält den Manometer, eine andere sitzt daneben und hat Smartphone vor sich liegen, vermutlich wird die Zeit gestoppt.
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger

Die Handgriffstärke ist ein einfaches und verlässliches Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft und somit ein etablierter Biomarker für die allgemeine Fitness. Dass die Handkraft bei Menschen mit Depression oder Schizophrenie messbar reduziert ist, war schon länger bekannt. Eine internationale Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Walther, dem Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW), zeigt nun jedoch, dass sich die Muskelkraft selbst nach überstandener Depression nicht automatisch normalisiert. Die in JAMA Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Depressionen bleibende körperliche Spuren hinterlassen – mit möglichen Folgen für Fitness, Therapie und Lebenserwartung.

Würzburg. Der Händedruck ist im sozialen Leben nicht nur eine Höflichkeitsgeste, sondern ein kompaktes Signalpaket. Während es hier gar nicht so sehr auf die Kraft ankommt, zählt diese in der Medizin umso mehr. Die Messung der Handgriffstärke ist ein einfaches und kostengünstiges Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft. Inzwischen gilt die Handgriffstärke sogar als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 

Analyse der Handkraft bei Gesunden sowie bei Menschen mit Schizophrenie, mit Depression und nach überstandener Depression 

„Die Handkraft wurde sowohl bei Schizophrenie als auch bei Depressionen als vermindert beobachtet“, sagt Prof. Dr. Sebastian Walther. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW) wollte es genauer wissen. Gibt es Unterschiede? Und wie sieht die körperliche Fitness nach einem Schub aus? Schließlich verlaufen psychische Erkrankungen meistens in Episoden. Nach den akuten Krankheitsphasen sollten die Betroffenen eigentlich wieder an ihre frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen können.

Sebastian Walther und ein internationales Team untersuchten in einer Studie mit insgesamt 533 Personen die Handkraft bei psychisch gesunden Erwachsenen, Menschen mit Schizophrenie, Menschen in depressiven Krankheitsphasen sowie Personen mit überstandener Depression. 

Veröffentlichung in JAMA Psychiatry – The Science of Mental Health and the Brain

In die Analyse flossen Daten mehrerer Studien der Arbeitsgruppen von Sebastian Walther aus Bern und Chicago ein, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und dem National Institute of Health (NIH) geförderte waren. In allen Studien wurde die identische Methodik verwendet. Das heißt, die Handkraft wurde mit einem elektronischen Manometer in mehreren Versuchen von beiden Händen gemessen. Analysiert wurden die Werte für die jeweils dominante Hand. Die Ergebnisse konnte das Team in der renommierten Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichen

Niedrige Handkraft der aktuell Depressiven unterschied sich nicht von genesenen Depressiven

Das erste Ergebnis überraschte nicht: Alle Patientinnen und Patienten wiesen eine geringere Handkraft auf als die gesunden Kontrollgruppen. Es gab jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen. Diejenigen mit Schizophrenie hatten eine höhere Handkraft als diejenigen mit Depressionen. Dabei unterschieden sich die aktuell Depressiven nicht von den genesenen Depressiven. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Sebastian Walther. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit einer überstandenen Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen.“ 

Der Psychiater bewertet es als beunruhigend, dass sich die Handkraft bei Menschen nach einer Depression nicht erholt. Schließlich galt die Handkraft in früheren Studien an der Allgemeinbevölkerung als guter Marker für Fitness und Gesundheit. 

Echtes Fitnessdefizit und Frühwarnsignal für ein erhöhtes Sterberisiko oder nur eine motorische Steuerungsstörung? 

„Weitere Studien müssen nun klären, ob eine niedrige Handkraft trotz überstandener Depression auf ein echtes Defizit in der Fitness oder lediglich auf fehlende motorische Kontrolle zurückzuführen ist“, sagt Walther. Ein ähnliches Muster fand das Team von Sebastian Walther in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 (doi:10.1017/S0033291722000903) zur Menge der Spontanbewegungen: Nach einer depressiven Episode bewegen sich Betroffene weiterhin deutlich weniger als gesunde Kontrollprobanden.

In der aktuellen Studie gab es bei Patienten mit Schizophrenie beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen Handkraft und fehlender Motivation. Die Klärung der Ursache sei laut Walther wichtig, da sie darüber entscheidet, wie die Depression zusätzlich behandelt werden muss. Ein neuromotorisches Steuerungsproblem ist beispielsweise kein direkter Marker für körperlichen Abbau, sondern eher ein Ausdruck einer veränderten Hirn-Körper-Interaktion. In diesem Fall könnte die Behandlung stärker auf Koordinationstraining oder physiotherapeutische Rehabilitation setzen. Ein Fitness-Defizit deutet hingegen auf physische Langzeitfolgen hin. Das heißt, die Depression hinterlässt messbare körperliche Spuren. Das wiederum bedeutet, dass durch gezielte körperliche Interventionen möglicherweise nicht nur die Fitness, sondern auch die Langzeitprognose und die Überlebenswahrscheinlichkeit verbessert werden können. Immerhin verkürzen psychische Erkrankungen wie Depressionen die Lebenserwartung um durchschnittlich zehn Jahre, Schizophrenien sogar um 20 Jahre. 

Informationen zur verkürzten Lebenserwartung bei schweren psychischen Erkrankungen: Eine Metaanalyse, die in 2015 Jama Psychiatry veröffentlicht wurde und auf 203 Studien aus 29 Ländern basiert, deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen nicht nur zu Leid und Funktionsverlust im Alltag führen, sondern auch mit einer deutlich erhöhten Gesamtmortalität und einem deutlich reduzierten Lebensalter verbunden sind. Betroffene sterben im Durchschnitt rund zehn Jahre früher als Menschen ohne psychische Erkrankung. Menschen mit Psychosen wie Schizophrenie hatten ein um den Faktor 2,5 erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu gesunden Personen. Bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, um den Faktor 1,7 erhöht. Faktoren wie körperliche Begleiterkrankungen, Lebensstil, Versorgungslücken und Suizid tragen zu diesem erhöhten Mortalitätsrisiko bei. 

Informationen zum Händedruck: Aus evolutionspsychologischer Sicht signalisiert der Händedruck Friedfertigkeit, fördert Vertrauen, leitet Kooperationen ein und zeigt die körperliche Verfassung. Dabei muss der Händedruck noch nicht einmal richtig stark sein. In der der angewandten Kommunikationsliteratur wird ein vollständiger Händedruck dadurch beschrieben, dass die Hand ausreichend geöffnet ist und sich die Daumen-Zeigefinger-Partien berühren.

Aktuelle Publikation: Sofie von Känel, Anastasia Pavlidou, Niluja Nadesalingam, Victoria Chapellier, Melanie G. Nuoffer, Lydia Maderthaner, Alexandra Kyrou, Alexios Malifatouratzis, Florian Wüthrich, Stephanie Lefebvre, Victor Pokorny, Zachary Anderson, Stewart A. Shankman, Vijay A. Mittal, Sebastian Walther. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144

Zitierte Publikation von 2022: Florian Wüthrich, Carver Nabb, Vijay A. Mittal, Stewart A. Shankman, Sebastian Walther. Actigraphically measured psychomotor slowing in depression: systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine. 2022;52(7):1208-1221. doi:10.1017/S0033291722000903

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Frau drückt Manometer, das 26,7 kg zeigt.
Die Handgriffstärke gilt als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 26,7 kg wie hier am UKW gemessen, ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg, bei Männern zwischen 30 und 35. © Kirstin Linkamp / UKW
Szene einer Messung am Tisch: eine Person hält den Manometer, eine andere sitzt daneben und hat Smartphone vor sich liegen, vermutlich wird die Zeit gestoppt.
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger