Aktuelle Meldungen

Schwache Handkraft als Warnsignal für psychische Erkrankungen

Aktuelle Studie zeigt: Auch nach überstandener Depression bleibt die Handkraft vermindert

Frau drückt Manometer, das 26,7 kg zeigt.
Die Handgriffstärke gilt als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 26,7 kg wie hier am UKW gemessen, ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg, bei Männern zwischen 30 und 35. © Kirstin Linkamp / UKW
Szene einer Messung am Tisch: eine Person hält den Manometer, eine andere sitzt daneben und hat Smartphone vor sich liegen, vermutlich wird die Zeit gestoppt.
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger

Die Handgriffstärke ist ein einfaches und verlässliches Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft und somit ein etablierter Biomarker für die allgemeine Fitness. Dass die Handkraft bei Menschen mit Depression oder Schizophrenie messbar reduziert ist, war schon länger bekannt. Eine internationale Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Walther, dem Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW), zeigt nun jedoch, dass sich die Muskelkraft selbst nach überstandener Depression nicht automatisch normalisiert. Die in JAMA Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Depressionen bleibende körperliche Spuren hinterlassen – mit möglichen Folgen für Fitness, Therapie und Lebenserwartung.

Würzburg. Der Händedruck ist im sozialen Leben nicht nur eine Höflichkeitsgeste, sondern ein kompaktes Signalpaket. Während es hier gar nicht so sehr auf die Kraft ankommt, zählt diese in der Medizin umso mehr. Die Messung der Handgriffstärke ist ein einfaches und kostengünstiges Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft. Inzwischen gilt die Handgriffstärke sogar als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 

Analyse der Handkraft bei Gesunden sowie bei Menschen mit Schizophrenie, mit Depression und nach überstandener Depression 

„Die Handkraft wurde sowohl bei Schizophrenie als auch bei Depressionen als vermindert beobachtet“, sagt Prof. Dr. Sebastian Walther. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW) wollte es genauer wissen. Gibt es Unterschiede? Und wie sieht die körperliche Fitness nach einem Schub aus? Schließlich verlaufen psychische Erkrankungen meistens in Episoden. Nach den akuten Krankheitsphasen sollten die Betroffenen eigentlich wieder an ihre frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen können.

Sebastian Walther und ein internationales Team untersuchten in einer Studie mit insgesamt 533 Personen die Handkraft bei psychisch gesunden Erwachsenen, Menschen mit Schizophrenie, Menschen in depressiven Krankheitsphasen sowie Personen mit überstandener Depression. 

Veröffentlichung in JAMA Psychiatry – The Science of Mental Health and the Brain

In die Analyse flossen Daten mehrerer Studien der Arbeitsgruppen von Sebastian Walther aus Bern und Chicago ein, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und dem National Institute of Health (NIH) geförderte waren. In allen Studien wurde die identische Methodik verwendet. Das heißt, die Handkraft wurde mit einem elektronischen Manometer in mehreren Versuchen von beiden Händen gemessen. Analysiert wurden die Werte für die jeweils dominante Hand. Die Ergebnisse konnte das Team in der renommierten Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichen

Niedrige Handkraft der aktuell Depressiven unterschied sich nicht von genesenen Depressiven

Das erste Ergebnis überraschte nicht: Alle Patientinnen und Patienten wiesen eine geringere Handkraft auf als die gesunden Kontrollgruppen. Es gab jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen. Diejenigen mit Schizophrenie hatten eine höhere Handkraft als diejenigen mit Depressionen. Dabei unterschieden sich die aktuell Depressiven nicht von den genesenen Depressiven. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Sebastian Walther. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit einer überstandenen Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen.“ 

Der Psychiater bewertet es als beunruhigend, dass sich die Handkraft bei Menschen nach einer Depression nicht erholt. Schließlich galt die Handkraft in früheren Studien an der Allgemeinbevölkerung als guter Marker für Fitness und Gesundheit. 

Echtes Fitnessdefizit und Frühwarnsignal für ein erhöhtes Sterberisiko oder nur eine motorische Steuerungsstörung? 

„Weitere Studien müssen nun klären, ob eine niedrige Handkraft trotz überstandener Depression auf ein echtes Defizit in der Fitness oder lediglich auf fehlende motorische Kontrolle zurückzuführen ist“, sagt Walther. Ein ähnliches Muster fand das Team von Sebastian Walther in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 (doi:10.1017/S0033291722000903) zur Menge der Spontanbewegungen: Nach einer depressiven Episode bewegen sich Betroffene weiterhin deutlich weniger als gesunde Kontrollprobanden.

In der aktuellen Studie gab es bei Patienten mit Schizophrenie beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen Handkraft und fehlender Motivation. Die Klärung der Ursache sei laut Walther wichtig, da sie darüber entscheidet, wie die Depression zusätzlich behandelt werden muss. Ein neuromotorisches Steuerungsproblem ist beispielsweise kein direkter Marker für körperlichen Abbau, sondern eher ein Ausdruck einer veränderten Hirn-Körper-Interaktion. In diesem Fall könnte die Behandlung stärker auf Koordinationstraining oder physiotherapeutische Rehabilitation setzen. Ein Fitness-Defizit deutet hingegen auf physische Langzeitfolgen hin. Das heißt, die Depression hinterlässt messbare körperliche Spuren. Das wiederum bedeutet, dass durch gezielte körperliche Interventionen möglicherweise nicht nur die Fitness, sondern auch die Langzeitprognose und die Überlebenswahrscheinlichkeit verbessert werden können. Immerhin verkürzen psychische Erkrankungen wie Depressionen die Lebenserwartung um durchschnittlich zehn Jahre, Schizophrenien sogar um 20 Jahre. 

Informationen zur verkürzten Lebenserwartung bei schweren psychischen Erkrankungen: Eine Metaanalyse, die in 2015 Jama Psychiatry veröffentlicht wurde und auf 203 Studien aus 29 Ländern basiert, deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen nicht nur zu Leid und Funktionsverlust im Alltag führen, sondern auch mit einer deutlich erhöhten Gesamtmortalität und einem deutlich reduzierten Lebensalter verbunden sind. Betroffene sterben im Durchschnitt rund zehn Jahre früher als Menschen ohne psychische Erkrankung. Menschen mit Psychosen wie Schizophrenie hatten ein um den Faktor 2,5 erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu gesunden Personen. Bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, um den Faktor 1,7 erhöht. Faktoren wie körperliche Begleiterkrankungen, Lebensstil, Versorgungslücken und Suizid tragen zu diesem erhöhten Mortalitätsrisiko bei. 

Informationen zum Händedruck: Aus evolutionspsychologischer Sicht signalisiert der Händedruck Friedfertigkeit, fördert Vertrauen, leitet Kooperationen ein und zeigt die körperliche Verfassung. Dabei muss der Händedruck noch nicht einmal richtig stark sein. In der der angewandten Kommunikationsliteratur wird ein vollständiger Händedruck dadurch beschrieben, dass die Hand ausreichend geöffnet ist und sich die Daumen-Zeigefinger-Partien berühren.

Aktuelle Publikation: Sofie von Känel, Anastasia Pavlidou, Niluja Nadesalingam, Victoria Chapellier, Melanie G. Nuoffer, Lydia Maderthaner, Alexandra Kyrou, Alexios Malifatouratzis, Florian Wüthrich, Stephanie Lefebvre, Victor Pokorny, Zachary Anderson, Stewart A. Shankman, Vijay A. Mittal, Sebastian Walther. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144

Zitierte Publikation von 2022: Florian Wüthrich, Carver Nabb, Vijay A. Mittal, Stewart A. Shankman, Sebastian Walther. Actigraphically measured psychomotor slowing in depression: systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine. 2022;52(7):1208-1221. doi:10.1017/S0033291722000903

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Frau drückt Manometer, das 26,7 kg zeigt.
Die Handgriffstärke gilt als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit. 26,7 kg wie hier am UKW gemessen, ist ein Durchschnittswert für gesunde Frauen. In der Studie lag die Griffkraft bei Frauen in und nach einer Depression zwischen 18 und 24 kg, bei Männern zwischen 30 und 35. © Kirstin Linkamp / UKW
Szene einer Messung am Tisch: eine Person hält den Manometer, eine andere sitzt daneben und hat Smartphone vor sich liegen, vermutlich wird die Zeit gestoppt.
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger

Zwischen Impuls und Vernunft: Wie unser Gehirn Entscheidungen trifft

Alexander Soutschek erhält am UKW Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung

Alexander Soutschek steht im Garten des Zentrums für Psychische Gesundheit
Der Psychologe und Philosoph Prof. Dr. Alexander Soutschek verstärkt seit März 2026 mit einer Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung die Forschung am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit. © Daniel Peter / UKW
Alexander Soutschek steht im Labor und setzt einer Probandin eine Spule auf den Schädel.
Die transkranielle Hirnstimulation (TMS) ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt des UKW. Prof. Dr. Alexander Soutschek untersucht, wie sich durch magnetische Impulse von außen bestimmte Hirnregionen stimulieren lassen, um Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. © Daniel Peter / UKW

Seit März 2026 verstärkt Prof. Dr. Alexander Soutschek mit einer Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung die Forschung am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit. Der studierte Psychologe und Philosoph erforscht, wie Gehirnnetzwerke Entscheidungen, Impulskontrolle und Motivation steuern und warum sie bei psychischen Erkrankungen aus dem Gleichgewicht geraten. Wie trifft unser Gehirn Entscheidungen, besonders dann, wenn wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten abwägen müssen, zum Beispiel zwischen „Das will ich jetzt sofort“ und „Das ist langfristig besser für mich“? Und kann eine sanfte Hirnstimulation die Dysbalance korrigieren? 

Würzburg. Ob Schokolade zum Frustabbau, Wein nach einem stressigen Arbeitstag, das Scrollen auf dem Smartphone gegen Langeweile oder das Erreichen des nächsten Levels beim Computerspiel – all das sind Auslöser, die unser Belohnungssystem aktivieren und die Kontrollinstanz schwächen. Warum wir uns für Substanzen oder Handlungen entscheiden, obwohl wir wissen, dass sie uns langfristig nicht guttun oder sogar schon eine Sucht sind, ist eine der vielen Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Alexander Soutschek beschäftigt. Der 42-jährige Psychologe hat seit März 2026 eine W2-Heisenberg-Professur für „Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung“. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Professur ist an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (PPP) des Uniklinikums Würzburg (UKW) angesiedelt – Soutscheks Wunschort. 

Denn die gebündelte neurowissenschaftliche Expertise am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP) bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für seine Forschung. Prof. Dr. Grit Hein, die Leiterin der Translationalen Neurowissenschaften, untersucht beispielsweise, wie sich die soziale Modulation von Lern- und Entscheidungsprozessen auf die Gesundheit auswirkt. Prof. Dr. Lorenz Deserno leitet die Arbeitsgruppe „Kognitive Neurowissenschaften in der Entwicklungspsychiatrie“ und erforscht unter anderem Entscheidungsprozesse bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS.

„Entscheidungsprozesse sind bei nahezu allen psychischen Erkrankungen empfindlich gestört, ganz besonders bei Abhängigkeitserkrankungen und Psychosen. Daher wird Prof. Soutschek mit seiner Forschung das Profil der Neurowissenschaften in unserer Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entscheidend verstärken. Wir freuen uns außerordentlich, dass wir ihn für Würzburg gewinnen konnten“, kommentiert der Klinikdirektor Prof. Dr. Sebastian Walther. 

Impulskontrolle, Metakognition und mentale Anstrengung 

Soutscheks Spezialgebiet sind impulsive Entscheidungen. Wie können wir unsere Impulse kontrollieren? Vor allem, wenn wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten abwägen müssen, wie „Das will ich jetzt sofort“ und „Das ist langfristig besser für mich“. Neben der Impulskontrolle, die beim Suchtverhalten entscheidend ist, interessiert sich Soutschek für die Metakognition – also die Fähigkeit, die eigenen Gedanken und Leistungen einzuschätzen – und das Phänomen der mentalen Anstrengung, die zum Beispiel bei ADHS eine Rolle spielt. Wie steuert unser Gehirn die Motivation? Warum fällt es uns manchmal schwer, uns zu konzentrieren oder anzustrengen? „Auch das ist ein Entscheidungsprozess“, sagt Alexander Soutschek. „Personen mit ADHS entscheiden sich zum Beispiel seltener dafür, sich geistig anzustrengen, um ein Ziel zu erreichen. Denn es ermüdet sie schneller, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.“

Mit sanften Verfahren bestimmte Hirnareale stimulieren und Entscheidungen lenken  

Um die Entscheidungsprozesse im Gehirn zu verstehen und zu beeinflussen, nutzt er verschiedene neurowissenschaftliche Methoden wie Neuroimaging, computergestützte Modellierung menschlichen Verhaltens, Psychopharmakologie und Hirnstimulation, also sanfte Verfahren zur gezielten Beeinflussung bestimmter Hirnareale. Der Einsatz der transkraniellen Hirnstimulation (TMS) ist einer der zentralen Forschungsschwerpunkte des ZEP. Prof. Dr. Martin Herrmann, Leiter der Arbeitsgruppe „Funktionelle Bildgebung und nicht-invasive Hirnstimulation“, untersucht beispielsweise, wie sich die Angst vor Spinnen mit TMS aus dem Gehirn löschen lässt. Sebastian Walther erforscht TMS als neuen Therapieansatz für motorische Störungen und Kommunikationsprobleme bei psychischen Erkrankungen. Die Klinik beteiligte sich an multizentrischen Studien zur TMS bei Depressionen oder Halluzinationen.

„Wenn wir sehen, dass die Stimulation einer bestimmten Hirnregion unseren Patientengruppen helfen kann, dann wollen wir den Erfolg natürlich in einer klinischen Studie belegen und die Intervention mit anderen Behandlungen vergleichen“, sagt Alexander Soutschek. Er testet jede Hirnstimulation vorher an sich selbst, damit er weiß, was er anderen zumuten kann. In der Regel spüre man die Stimulation nicht, aber an manchen Stellen könne es unangenehm sein.

Welche Hirnregion ist denn für Entscheidungen zuständig? „Da es verschiedene Arten von Entscheidungen gibt, spielen auch verschiedene Gehirnmechanismen eine Rolle“, erklärt Alexander Soutschek. Es gibt also kein Entscheidungszentrum, sondern ein Netzwerk aus mehreren Arealen. Der präfrontale Cortex im vorderen Teil des Gehirns sammelt beispielsweise Informationen, analysiert Optionen und Ziele. Das Striatum wiederum ist der Haupteingang der tiefer liegenden Basalganglien und integriert Motivation und Belohnung. Nach einer Rückkopplung zum Cortex wird die Entscheidung umgesetzt oder angepasst. Emotionale Informationen aus dem limbischen System modulieren diesen Prozess. 

Bei Sucht „zieht“ das Belohnungssystem zu stark, bei ADHS „bremst“ die Kontrollinstanz zu schwach

Bei der eingangs erwähnten Sucht ist das limbisch-striatale Belohnungssystem beispielsweise übermäßig aktiv für Handlungsoptionen, die mit der Sucht in Verbindung stehen. Gleichzeitig ist der Bereich im Stirnhirn, der für die Selbstkontrolle und das langfristige Denken zuständig ist, geschwächt. Durch diese Dysbalance werden kurzfristige Belohnungen überbewertet, während negative Folgen ausgeblendet werden. Entscheidungen sind dann stärker impulsiv und reizgesteuert.

Bei ADHS ist die Steuerungs- und Kontrollfunktion im Stirnhirn weniger effizient. Das macht es schwer, Impulse zu bremsen, abzuwarten oder langfristige Ziele im Blick zu behalten. Auch hier besteht eine Vorliebe für sofortige Belohnungen, allerdings weniger aufgrund einer Übererregung, wie sie bei Sucht auftritt, sondern eher aufgrund einer instabilen Regulierung von Aufmerksamkeit und Motivation.

Alexander Soutschek – Philosoph und Psychologe aus München
Alexander Soutschek wurde 1983 in München geboren. Er studierte Philosophie und Psychologie und promovierte in beiden Fächern. In der Psychologie erforschte er das Zusammenspiel von kognitiver Kontrolle und motivationalen Bewertungsprozessen, die gemeinsam entscheiden, ob und wie Aufmerksamkeit und Handlungen auf ein Ziel ausgerichtet werden. In der Philosophie untersuchte er, ob die klassische philosophische Erkenntnistheorie Descartes’ durch empirische Wissenschaften wie die Psychologie ersetzt werden kann. Sein Fazit: „Die Psychologie kann gut erklären, wie Menschen tatsächlich Wissen erwerben und welche kognitiven Prozesse dabei ablaufen. Sie kann aber nicht beantworten, was Wissen eigentlich ist oder wann es gerechtfertigt ist. Und sie kann auch nicht alle Fragen des philosophischen Skeptikers lösen. Die naturalistische Erkenntnistheorie ergänzt die Philosophie also sinnvoll, ersetzt sie aber nicht.“ 
Nach seinen Promotionen arbeitete Alexander Soutschek zunächst eineinhalb Jahre als Postdoc am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin und anschließend knapp fünf Jahre an der Universität Zürich (UZH). Im Jahr 2019 erhielt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) eine von der DFG geförderte Emmy Noether-Gruppe für neurokognitive Psychologie. Jetzt warb er erfolgreich eine Heisenberg-Professur bei der DFG ein, die er in Würzburg ansiedeln konnte. Alexander Soutschek ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. 

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Alexander Soutschek steht im Garten des Zentrums für Psychische Gesundheit
Der Psychologe und Philosoph Prof. Dr. Alexander Soutschek verstärkt seit März 2026 mit einer Heisenberg-Professur für Neurowissenschaften der Entscheidungsfindung die Forschung am Würzburger Zentrum für Psychische Gesundheit. © Daniel Peter / UKW
Alexander Soutschek steht im Labor und setzt einer Probandin eine Spule auf den Schädel.
Die transkranielle Hirnstimulation (TMS) ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt des UKW. Prof. Dr. Alexander Soutschek untersucht, wie sich durch magnetische Impulse von außen bestimmte Hirnregionen stimulieren lassen, um Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. © Daniel Peter / UKW

Wie entstehen Angststörungen?

Neue Forschungsergebnisse geben Aufschluss über die biologischen Ursachen von Angstzuständen, einer der weltweit häufigsten psychischen Erkrankungen

Porträts der vier Forschenden in einem Bild
Prof. Jürgen Deckert (oben links) ist u. a. Letztautor der genetischen Studie zu Angsterkrankungen. Aus Würzburg waren außerdem Privatdozentin Heike Weber (oben rechts), Prof. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt. Collage mit Bildern von Main-Post (Thomas Obermeier), JMU (Jonas Blank), UKW (Kirstin Linkamp)
Porträt von Jürgen Deckert
Jürgen Deckert, von 2006 bis 2024 Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am UKW, seit 2024 Senior-Professor am Lehrstuhl für Klinische Epidemiologie und Biometrie der JMU, teilt sich die Letztautorenschaft der Nature Genetics-Publikation mit Thalia C. Eley, Manuel Mattheisen und John M. Hettema. © Main-Post / Thomas Obermeier

Eine neue am 3. Februar 2026 in Nature Genetics veröffentlichte Studie der Texas A&M University (USA), der Dalhousie University (Kanada), des King's College (UK) und des Universitätsklinikums Würzburg mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Deutschland) zeigt: Angsterkrankungen entstehen auf dem Boden einer genetischen Vulnerabilität vergleichbar anderen psychischen Erkrankungen. Durch die Identifizierung robuster genetischer Signale, die neue Einblicke in die biologischen Grundlagen dieser schwerwiegenden Erkrankungen bieten, trägt diese internationale Studie dazu bei, präzisere und wirksamere Ansätze für Prävention und Behandlung zu entwickeln.

Würzburg. Etwa jeder Vierte leidet irgendwann in seinem Leben an einer Angsterkrankung. Dazu zählen die Panikerkrankung, also plötzlich auftretende, heftige Angstanfälle, die generalisierte Angsterkrankung, bei die Betroffenen sich über einen längeren Zeitraum übermäßig, schwer kontrollierbare Sorgen über alltägliche Dinge machen, aber auch Phobien vor konkreten Objekten oder Situationen. Trotz der weiten Verbreitung sind die biologischen Grundlagen von Angstzuständen nach wie vor kaum verstanden. 

In der bislang größten genetischen Studie zu Angsterkrankungen, die gerade in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht wurde, analysierte ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden der Texas A&M University (USA), der Dalhousie University (Kanada), des King's College (UK) und dem Universitätsklinikum Würzburg (UKW) mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) genetische Daten aus 36 unabhängigen Stichproben mit mehr als 120.000 Menschen, bei denen eine Angsterkrankung diagnostiziert wurde, und fast 730.000 Menschen ohne Angsterkrankungen. Diese 2017 aus Würzburg angestoßene Untersuchung im Rahmen des Psychiatric Genomic Consortium identifizierte 58 genetische Varianten, die mit Angstzuständen in Verbindung stehen und von denen die meisten zuvor noch nicht identifiziert worden waren. 

Prof. John Hettema (Texas A&M University, USA): „Angsterkrankungen und ihre zugrunde liegenden genetischen Risikofaktoren sind im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen bislang nur unzureichend erforscht worden, sodass diese Studie einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis dieser wichtigen Erkrankungen leistet.“

Polygenes Risiko für Angsterkrankungen ähnelt dem anderer psychischer Erkrankungen

Die Ergebnisse zeigen, dass Angsterkrankungen nicht durch ein einzelnes „Angstgen“ verursacht werden, sondern durch zahlreiche genetische Varianten im gesamten Genom beeinflusst werden, von denen jede einen kleinen Beitrag leistet. Dieses Muster – bekannt als polygenes Risiko – spiegelt wider, was auch bei anderen komplexen psychischen Erkrankungen wie Depressionen beobachtet wurde.

Die Forschenden fanden starke genetische Überschneidungen zwischen Angsterkrankungen und verwandten Erkrankungen und Merkmalen wie Depressionen, Neurotizismus, posttraumatischer Belastungsstörung und Suizidversuchen, was ein Grund sein kann, warum diese Erkrankungen so häufig gemeinsam auftreten.

Prof. Thalia Eley (King’s College London, UK): „Dies ist ein spannender Fortschritt in der Angstgenetik. In einer Zeit, in der die Angstzustände bei jungen Menschen rapide zunehmen, ist es von entscheidender Bedeutung, unser Verständnis dafür zu vertiefen, was Menschen biologisch anfällig macht. Ich hoffe, dass Daten wie diese mit der Zeit dazu beitragen können, besonders anfällige Personen zu identifizieren, um frühzeitig eingreifen zu können.“

Gene, die am GABAergen Signalweg beteiligt sind, werden ergänzt durch Gene aus neuen Signalwegen

Insbesondere bestätigte die Studie Gene, die an der sogenannten GABAergen Signalübertragung beteiligt sind, einem wichtigen System, das die Gehirnaktivität reguliert. GABA ist bereits Zielstoff mehrerer bestehender Medikamente gegen Angstzustände, was übereinstimmende Hinweise auf Gehirnschaltkreise und Neurotransmittersysteme liefert, von denen seit langem vermutet wird, dass sie an Angstzuständen beteiligt sind.

Die Ergebnisse sprechen zwar nicht für den Einsatz von Gentests zur Diagnose von Angstzuständen, doch die Identifizierung spezifischer Gene und biologischer Signalwege, die zu psychischen Problemen beitragen, könnte helfen, besser zu verstehen, wie Angstzustände entstehen, und könnte letztendlich zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden oder zur Verbesserung bestehender Therapien beitragen. 

Prof. Jürgen Deckert (UKW, JMU, Deutschland): „Die Ergebnisse der Studie liefern Hinweise auf die Rolle einer Reihe bisher unbekannter molekularer Signalwege in der Ätiologie von Angstzuständen, die über den GABAergen Signalweg hinausgehen. Sie bilden die Grundlage für zukünftige Studien in Zellkulturen, Tiermodellen und am Menschen, die zu einem besseren Verständnis der Neurobiologie von Angstzuständen und damit zu innovativen und individualisierten Therapien beitragen werden.“

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht neue Erkenntnisse im Interesse der Betroffenen

In der Universitätsmedizin Würzburg besteht seit 20 Jahren ein Forschungsschwerpunkt zu Furcht, Angst und Angsterkrankungen. Dieser wurde zwischen 2006 und 2020 vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Psychotherapienetze sowie zwischen 2008 und 2020 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Sonderforschungsbereiches TRR 58 gefördert und mit Nachfolgeprojekten bis jetzt unterstützt. In diesen Verbünden forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Humanmedizin (Psychiatrie und Neurobiologie) und Humanwissenschaften (Psychologie) zusammen zu den Ursachen und zu neuen Therapien von Angsterkrankungen.

Ein Beispiel für die Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit lokal, national und international, die die Exzellenz des Forschungsstandortes Würzburg ausmacht

Prof. Paul Pauli, der Präsident der JMU und von 2016 bis 2020 Standortsprecher des Sonderforschungsbereiches, resümiert: „Die Forschung zu Angsterkrankungen ist ein Leuchtturm der Forschung am Universitätsklinikum und an der Universität. Sie zeigt beispielhaft wie hier in vielen Bereichen interdisziplinäre Zusammenarbeit regional, national und international gelebt wird und zu Exzellenz führt.“

Publikation
Strom, N.I., Verhulst, B., Bacanu, SA. et al. Genome-wide association study of major anxiety disorders in 122,341 European-ancestry cases identifies 58 loci and highlights GABAergic signaling. Nat Genet (2026). https://doi.org/10.1038/s41588-025-02485-8

Porträts der vier Forschenden in einem Bild
Prof. Jürgen Deckert (oben links) ist u. a. Letztautor der genetischen Studie zu Angsterkrankungen. Aus Würzburg waren außerdem Privatdozentin Heike Weber (oben rechts), Prof. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt. Collage mit Bildern von Main-Post (Thomas Obermeier), JMU (Jonas Blank), UKW (Kirstin Linkamp)
Porträt von Jürgen Deckert
Jürgen Deckert, von 2006 bis 2024 Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am UKW, seit 2024 Senior-Professor am Lehrstuhl für Klinische Epidemiologie und Biometrie der JMU, teilt sich die Letztautorenschaft der Nature Genetics-Publikation mit Thalia C. Eley, Manuel Mattheisen und John M. Hettema. © Main-Post / Thomas Obermeier

Teilnehmerinnen für VR-Studie zu Furchtreaktionen gesucht

Am Uniklinikum Würzburg wird erforscht, wie virtuelle Eindrücke Emotionen und physiologische Reaktionen beeinflussen

Illustration von einer Frau mit VR-Brille vor einem Computer und mit einem Sensor auf dem Arm.
In einem einstündigen Studiensetting wird am ZEP in Würzburg der Einfluss von Geräuschen auf die Emotionen sowie die Änderung der Hautleitfähigkeit untersucht. Bild: KI-generiert

Angst- und Furchtreaktionen sind automatische körperliche Schutzmechanismen, die uns innerhalb von Sekunden in den sogenannten Fight-or-Flight-Modus versetzen. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, die Muskeln spannen sich an und die Haut beginnt vermehrt zu schwitzen – der Körper macht sich bereit für Kampf oder Flucht. Auch wenn diese Reaktionen evolutionär sinnvoll sind, können sie im modernen Alltag – etwa bei Stress, lauten Geräuschen oder ungewohnten Situationen – überraschend auftreten und mitunter belastend sein.

Prof. Dr. Grit Hein und ihr Team am Zentrum für Psychische Erkrankungen (ZEP) untersuchen wie solche Reaktionen durch virtuelle Eindrücke in verschiedenen virtuellen Szenarien beeinflusst werden können.

In einem einstündigen Studiensetting im VR-Raum des Zentrums für Psychische Erkrankungen (ZEP) am Margarete-Höppel-Platz 1 in Würzburg wird der Einfluss von Geräuschen auf die Emotionen sowie die Änderung der Hautleitfähigkeit untersucht. Die Hautleitfähigkeit spiegelt die Aktivität des peripheren Nervensystems wider. Aufgrund von Emotionen wird die Haut feuchter ihre Leitfähigkeit verändert sich und der Hautleitwert steigt.

Für die Studie werden gesunde weibliche Probandinnen im Alter von 18 bis 60 Jahren gesucht. Sie sollten gute Deutschkenntnisse besitzen und weder unter Platzangst leiden noch neurologische oder psychiatrische Vorerkrankungen haben. Für die Studienteilnahme gibt es eine Pauschale von 13 Euro. Bei Interesse schreiben Sie bitte eine E-Mail an die Psychologie-Studentin und Studienleiterin lorena.marcantonio@ stud-mail.uni-wuerzburg.de

Illustration von einer Frau mit VR-Brille vor einem Computer und mit einem Sensor auf dem Arm.
In einem einstündigen Studiensetting wird am ZEP in Würzburg der Einfluss von Geräuschen auf die Emotionen sowie die Änderung der Hautleitfähigkeit untersucht. Bild: KI-generiert

XXXIX. DGKJP-Kongress vom 22. bis 25. April 2026 in Würzburg

Entwicklungsaufgaben: Kind – Versorgung – Gesellschaft

Sichern Sie sich noch Ihren Frühbucherrabatt bis zum 31.01.2026! unter https://www.dgkjp-kongress.de/registrierung/teilnahmegebuehren.html

Bereits jetzt können Sie sich für einen unserer Hands-On Kurse registrieren. In diesen werden hoch relevante Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie anhand von Beispielen aus der Praxis behandelt. In Kleingruppen von maximal 25 Teilnehmenden werden auf der Basis des aktuellen Forschungswissens zentrale Handlungsstrategien für die Diagnostik und Therapie häufiger psychosomatischer Störungen im Kindes- und Jugendalter sowie die damit verbundenen zentralen Herausforderungen in diesem Feld dargestellt.

Das vollständige Kongressprogramm wird im Januar 2026 veröffentlicht.

Zu den Hands-On Kursen:  https://www.dgkjp-kongress.de/programm/fortbildungsprogramm.html

Wir sehen uns auf dem Kongress!

Ihr Kongresspräsident 
Marcel Romanos

XXXIX. DGKJP-Kongress vom 22. bis 25. April 2026 in Würzburg

Entwicklungsaufgaben: Kind – Versorgung – Gesellschaft

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Bereits jetzt können Sie sich für einen unserer Hands-On Kurse registrieren. In diesen werden hoch relevante Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie anhand von Beispielen aus der Praxis behandelt. In Kleingruppen von maximal 25 Teilnehmenden werden auf der Basis des aktuellen Forschungswissens zentrale Handlungsstrategien für die Diagnostik und Therapie häufiger psychosomatischer Störungen im Kindes- und Jugendalter sowie die damit verbundenen zentralen Herausforderungen in diesem Feld dargestellt.

Das vollständige Kongressprogramm wird im Januar 2026 veröffentlicht.

Zu den Hands-On Kursen:  https://www.dgkjp-kongress.de/programm/fortbildungsprogramm.html

Wir sehen uns auf dem Kongress!

Ihr Kongresspräsident 
Marcel Romanos

Seltene genetische Varianten erhöhen ADHS-Risiko um das bis zu 15-Fache

In einer neuen Studie, die von Forschenden der Universität Aarhus geleitet wurde und an der das Universitätsklinikum Würzburg beteiligt war, wurden seltene genetische Varianten identifiziert, die das Risiko für ADHS deutlich erhöhen. Die Studie zeigt, dass diese Varianten insbesondere in Nervenzellen im Gehirn exprimiert werden und sich negativ auf kognitive Fähigkeiten sowie den Bildungserfolg auswirken.

Grafische Übersicht wie Genetik und Epigenetik die Entstehung von ADHS beeinflussen kann.
Ein komplexes Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umweltbedingungen führt zur Entstehung psychischer Erkrankungen wie ADHS. Je nach individueller Veranlagung und Lebensumfeld kann es zu Veränderungen in Nervenzellen und Hirnnetzwerken kommen. Ob dann eine psychische Erkrankung entsteht, hängt auch mit Resilienzfaktoren zusammen. In der Nature Arbeit werden nun seltene genetische Varianten berichtet, die einen sehr großen Effekt auf das ADHS-Risiko haben und mit krankheitsrelevanten neurobiologischen Prozessen in Verbindung stehen. Das Bild basiert auf einer Grafik aus Geissler J, Lesch KP. A lifetime of attention-deficit/hyperactivity disorder: diagnostic challenges, treatment and neurobiological mechanisms. Expert Rev Neurother. 2011 Oct;11(10):1467-84. doi: 10.1586/ern.11.136. PMID: 21955202 und wurde mit Canva überarbeitet.

Aarhus/Würzburg. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Neuroentwicklungsstörung mit hoher Erblichkeit, deren genetische Grundlage aus Tausenden von Varianten besteht. Die meisten dieser Varianten erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose jedoch nur geringfügig.

Eine internationale Studie unter der Leitung von Forschenden der Universität Aarhus (Dänemark) in Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Broad Institute of MIT und Harvard (USA), der Radboud Universiteit (Niederlande) und dem Universitätsklinikum Würzburg (UKW) zeigte nun, dass auch sogenannte „high-effect genetic variants“, also seltene, stark wirkende genetische Varianten, eine wichtige Rolle spielen. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift NATURE veröffentlicht. 

Störungen der Gehirnentwicklung und -funktion sind zentral für die Entstehung von ADHS 

Die Forschenden fanden heraus, dass Personen mit seltenen Varianten in den drei Genen MAP1A, ANO8 und ANK2 ein deutlich erhöhtes ADHS-Risiko aufweisen, zum Teil um mehr als das 15-Fache. Diese genetischen Varianten sind zwar sehr selten, beeinflussen jedoch stark die Aktivität von Genen in den Nervenzellen. Bei Menschen, die diese Varianten tragen, kann die Entwicklung und Kommunikation zwischen den Nervenzellen daher gestört sein, was zu ADHS führen kann. „Die Ergebnisse zeigen erstmals klar benannte Gene, in denen seltene, stark wirkende Varianten eine hohe Anfälligkeit für ADHS verursachen und grundlegende biologische Mechanismen beeinflussen“, fasst Professor Anders Børglum vom Department of Biomedicine der Universität Aarhus, der Seniorautor der Studie, zusammen. 

Die Analyse kombinierter genetischer und Genexpressionsdaten zeigt, dass die seltenen, an ADHS beteiligten Varianten insbesondere die Funktion dopaminerger und GABAerger Neurone beeinflussen. Diese Zelltypen sind für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Motivation von großer Bedeutung. Die Auswirkungen lassen sich bereits im fetalen Leben nachweisen und reichen bis ins Erwachsenenalter. „Unsere Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass Störungen der Gehirnentwicklung und -funktion zentral für die Entstehung von ADHS sind“, erklärt Ditte Demontis, Professorin am Department of Biomedicine der Universität Aarhus und Erstautorin der Studie. „Unsere Kolleginnen und Kollegen am Broad Institute analysierten, welche Proteine mit den Proteinen interagieren, die von den drei identifizierten ADHS-Genen kodiert werden, und identifizierten ein größeres Netzwerk von Proteinen, das ebenfalls bei anderen neurologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus und Schizophrenie eine Rolle spielt. Das liefert Einblicke in biologische Zusammenhänge über mehrere psychiatrische Diagnosen hinweg.“

Auswirkungen auf Intelligenz, Bildung und Beschäftigung

Die seltenen genetischen Varianten beeinflussen nicht nur, wer ADHS entwickelt, sondern auch, wie es den Betroffenen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt ergeht. Durch die Verknüpfung genetischer Daten mit dänischen Registerdaten fanden die Forschenden heraus, dass Personen mit ADHS und seltenen Varianten im Durchschnitt einen geringeren Bildungsstand und einen niedrigeren sozioökonomischen Status haben als Betroffene ohne diese Varianten. Bei Erwachsenen mit ADHS der Würzburger Stichprobe wurde eine durchschnittliche Abnahme des IQ-Werts um etwa 2,25 Punkte pro seltener Hochrisikovariante beobachtet. 

Die Ergebnisse erweitern das Verständnis der biologischen Grundlagen von ADHS und könnten die Basis für zukünftige Behandlungsmethoden bilden. Laut Studienteam ist das erst der Anfang. Ihre Berechnungen zeigen, dass es viele weitere seltene kausale Varianten gibt, die in noch größeren Studien identifiziert werden können. 

Daten von fast 1.000 Patientinnen und Patienten kamen aus Würzburg

„Ich freue mich sehr, dass wir in Würzburg zu diesen wichtigen Erkenntnissen wesentlich beitragen konnten“, sagt Prof. Dr. Klaus-Peter Lesch. Der Psychiater und Verhaltenswissenschaftler war von 1985 bis 2023 an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie tätig und ist jetzt Seniorprofessor an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Von 2010 bis 2023 hatte er den Lehrstuhl für Molekulare Psychiatrie inne und leitete von 2004 bis 2011 die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Klinische Forschergruppe zur Erforschung des Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndroms (KFO 125). 

In die aktuelle Studie flossen genetische Analysen von fast 9.000 Personen mit ADHS und von 54.000 Personen ohne ADHS ein. Diese wurden mit Analysen der Gehirnzellfunktion und Registerdaten zu Bildung und sozioökonomischem Status kombiniert. Das Universitätsklinikum Würzburg steuerte die diagnostische Evaluierung und das Biomaterial von fast 1.000 Patientinnen und Patienten mit ADHS des Erwachsenenalters bei. 

Bei bis zu 60 Prozent der Betroffenen besteht ADHS im Erwachsenenalter fort

„ADHS über die gesamte Lebensspanne“ ist einer der gemeinsamen Forschungsschwerpunkte der beiden Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Die Störung ist die häufigste neuroentwicklungsbedingte Störung im Kindesalter. Bei bis zu 60 Prozent der Betroffenen besteht sie auch im Erwachsenenalter fort und ist mit erheblichem psychischem Leidensdruck verbunden – etwa durch wiederholte Misserfolge oder Frustrationserleben. Zudem entwickeln viele Erwachsene mit ADHS im Laufe ihres Lebens mindestens eine weitere psychische Erkrankung, zum Beispiel Depression, Angststörungen oder Suchterkrankungen. Allerdings sprechen nur etwa die Hälfte der Betroffenen ausreichend auf die derzeit gängigen Behandlungsformen, wie beispielsweise Psychostimulanzien oder psychotherapeutische Verfahren, an. „Mit unserer Forschung möchten wir daher ein besseres Verständnis der neurobiologischen und psychologischen Ursachen von ADHS und seinen häufigen Begleiterkrankungen gewinnen, um langfristig die dringend notwendige Entwicklung zusätzlicher Therapieansätze zu unterstützen“, so Dr. Georg Ziegler, leitender Oberarzt und Leiter der Forschungsgruppe zu ADHS im Erwachsenenalter.

Publikation: Demontis, D., Duan, J., Hsu, YH.H. et al. Rare genetic variants confer a high risk of ADHD and implicate neuronal biology. Nature (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09702-8

Grafische Übersicht wie Genetik und Epigenetik die Entstehung von ADHS beeinflussen kann.
Ein komplexes Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umweltbedingungen führt zur Entstehung psychischer Erkrankungen wie ADHS. Je nach individueller Veranlagung und Lebensumfeld kann es zu Veränderungen in Nervenzellen und Hirnnetzwerken kommen. Ob dann eine psychische Erkrankung entsteht, hängt auch mit Resilienzfaktoren zusammen. In der Nature Arbeit werden nun seltene genetische Varianten berichtet, die einen sehr großen Effekt auf das ADHS-Risiko haben und mit krankheitsrelevanten neurobiologischen Prozessen in Verbindung stehen. Das Bild basiert auf einer Grafik aus Geissler J, Lesch KP. A lifetime of attention-deficit/hyperactivity disorder: diagnostic challenges, treatment and neurobiological mechanisms. Expert Rev Neurother. 2011 Oct;11(10):1467-84. doi: 10.1586/ern.11.136. PMID: 21955202 und wurde mit Canva überarbeitet.

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