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Psychische Gesundheit stärken, bevor es kritisch wird

Würzburger Präventionsprogramm DUDE 2.0 startet an 96 Schulen in vier Bundesländern – Schülerinnen und Schüler lernen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen

Illustration von einer Strandsituation, auf der einige Figuren surfen, ein Surfbrett in der Hand halten, glücklich oder traurig schauen. Schriftzug: Gemeinsam mit der Klasse lernen, Emotionswellen zu surfen? Das geht mit DUDE!
Collage der vier freigestellten Personen auf rotem Hintergrund.
Das DUDE-Projektteam aus der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg v. l. n. r.: Lena Ehl und Achim Schimanski, die DUDE koordinieren sowie Arne Bürger und Marcel Romanos, die das Präventionsprogramm leiten.

Der Welttag der Suizidprävention am 10. September richtet den Blick darauf, wie sich Suizide verhindern lassen. Das Würzburger Präventionsprogramm DUDE – „Du und Deine Emotionen“ zeigt dabei einen möglichen Weg, der deutlich früher beginnt: Jugendliche sollen schon vor oder mit Beginn der Pubertät lernen, ihre Gefühle zu verstehen, schwierige Situationen auszuhalten und konstruktive Strategien für deren Bewältigung entwickeln. Dahinter steht die Annahme, dass ein frühzeitiger Umgang mit emotionalen Krisen helfen kann, problematischen Bewältigungsstrategien wie nicht-suizidaler Selbstverletzung entgegenzuwirken. Da dieses Verhalten mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidalität verbunden ist, könnte dieser Ansatz langfristig auch für die Prävention von Suiziden relevant sein. Das Deutsche Zentrum für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP) evaluiert DUDE 2.0 in sechsten und siebten Klassen an 96 Schulen in vier Bundesländern. Im Zentrum der Studie steht die Frage, ob DUDE die Häufigkeit nicht-suizidaler Selbstverletzungen verringern kann. Ergänzend untersucht das Studienteam mögliche Veränderungen weiterer Bereiche der psychischen Gesundheit. 

Würzburg. „In einer unserer Untersuchungen gaben 3,5 Prozent von 877 durchschnittlich zwölf Jahre alten Schülerinnen und Schüler aus sieben unterfränkischen Gymnasien an, bereits mindestens einen Suizidversuch unternommen zu haben. Diese Zahl hat uns sehr erschreckt“, sagt Dr. Arne Bürger, leitender Psychologe der Institutsambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) und geschäftsführender Vorstand des Deutschen Zentrums für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP). Die 2022 veröffentlichte Studie (https://doi.org/10.1016/j.puhip.2022.100348) verdeutlicht, wie früh bereits schwere psychischen Belastungen auftreten. Mit dem Präventionsprogramm DUDE – „Du und deine Emotionen“ – will Bürger mit seinem Team im DZPP deshalb möglichst früh ansetzen. Die Jugendlichen sollen lernen, mit starken Gefühlen und schwierigen Situationen besser umzugehen, bevor sich daraus problematische Bewältigungsstrategien entwickeln.

96 Schulen aus vier Bundesländern nehmen an DUDE 2.0 teil 

Nach einer ersten Studie an 18 Gymnasien in Bayern geht das Projekt DUDE in die nächste Runde: An der Studie DUDE 2.0 nehmen 96 Gesamt-, Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien aus vier Bundesländern teil. Das Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) unter der Leitung von Prof. Peter Heuschmann übernimmt das unabhängige Datenmanagement und begleitet die statistische Auswertung. In Rheinland-Pfalz läuft das multimediale Präventionsprogramm bereits seit einem Jahr an 22 Schulen, in Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt startet es nach den Sommerferien 2026. Das heißt, dass Schülerinnen und Schüler der sechsten und siebten Klassen im Rahmen des regulären Unterrichts in fünf Doppelstunden lernen, eigene Gefühle besser wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren. Mithilfe von Übungen, Spielen und Videos werden Strategien vermittelt, die sich direkt auf Situationen aus dem Alltag übertragen lassen. 

Wenn aus Überforderung Selbstverletzung wird

„Emotionen wie Wut, Angst, Scham oder Verzweiflung können Jugendliche stark belasten. Deshalb ist es wichtig, dass sie frühzeitig lernen, mit diesen intensiven Gefühlen umzugehen. Fehlen geeignete Strategien, kann daraus problematisches Verhalten entstehen, beispielsweise nicht-suizidale Selbstverletzung, kurz NSSV“, berichtet Arne Bürger, der gemeinsam mit Klinikdirektor Prof. Dr. Marcel Romanos DUDE leitet. Bei NSSV verletzen sich Jugendliche absichtlich, ohne dabei sterben zu wollen. NSSV ist daher nicht mit einem Suizidversuch gleichzusetzen, gilt jedoch als Risikomarker für psychische Probleme und geht mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidalität einher. 

Ein statistisches Modell (https://doi.org/10.1186/s13034-023-00699-4) aus der Arbeitsgruppe “Prävention” am DZZP mit mehr als 2.100 Jugendlichen im Alter von durchschnittlich 12,3 Jahren zeigte beispielsweise einen Zusammenhang zwischen Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und der Schwere suizidaler Gedanken und Verhaltensweisen. Dabei offenbarten sich Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Die Studie spricht dafür, die Emotionsregulation bereits früh als möglichen Ansatzpunkt in der Prävention zu berücksichtigen. Anstatt sich beispielsweise selbst zu verletzen, sollen Jugendliche bei DUDE lernen, mit innerer Anspannung, Konflikten oder starken negativen Gefühlen auf andere Weise umzugehen.

Wirkt frühe Prävention?

Ob und inwiefern das Präventionsprogramm DUDE die psychische Gesundheit tatsächlich stärken und vor NSSV schützen kann, wird in der groß angelegten DUDE 2.0-Studie mithilfe von Fragebögen evaluiert. Dazu werden die Schülerinnen und Schüler mehrfach befragt: vor Beginn des Programms, unmittelbar danach sowie nach sechs und zwölf Monaten. Die teilnehmenden Schulen werden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt. Beide Gruppen erhalten Informationsmaterialien zum Umgang mit Stress. Zusätzlich erhält eine Gruppe DUDE sofort, die andere Gruppe erst nach zwölf Monaten, um festzustellen, ob das Programm wirksam ist. 

Eltern die Sorge nehmen, über Suizid und Selbstverletzung zu sprechen

Die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an der Maßnahme setzt natürlich die Einwilligung der Eltern und Jugendlichen voraus. Hier ist noch enorme Aufklärungsarbeit nötig, wie Lena Ehl und Achim Schimanski berichten. Sie koordinieren am DZPP das Projekt, weisen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an den teilnehmenden Schulen ein und bieten Elternabende an. 

„Generell begrüßen es die Eltern sehr, dass über Emotionen gesprochen wird. Doch einige sind besorgt, dass ihre Kinder durch Fragen zu Selbstverletzung und Suizidalität belastet oder dadurch erst auf entsprechende Gedanken gebracht werden könnten“, sagt Achim Schimanski. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern jedoch keine Hinweise darauf, dass eine fachgerecht durchgeführte Befragung zu Suizidalität entsprechende Gedanken oder Handlungen auslöst. Entscheidend sind eine altersangemessene Befragung und ein klar geregeltes Vorgehen, wenn dabei eine akute Belastung sichtbar wird.

„Wenn die Schülerinnen und Schüler angeben, sich noch nie selbst verletzt zu haben, werden ihnen keine weiteren Fragen zu einzelnen Formen der Selbstverletzung gestellt“, schildert Lena Ehl. „Unabhängig davon werden auffällige Angaben im Bereich Suizidalität ernst genommen und nach einem klar festgelegten Verfahren weiter abgeklärt. “ 

Automatisiertes Warnsystem bei akuter Gefährdung

Die ersten Erfahrungen bestätigten, wie wichtig es ist, bei einer Befragung zu psychischen Belastungen ein Sicherheitsnetz einzubauen. „Wenn in einer Studie nach akuter Suizidalität gefragt wird, muss auch klar geregelt sein, was bei ernsthaften Angaben passiert. Solche Krisen dürfen nicht einfach unbeachtet bleiben“, betont Arne Bürger.

So funktioniert das Warnsystem: Sobald eine Schülerin oder ein Schüler im mehrstufigen Fragebogen zur Suizidalität angibt, in den vergangenen zwei Wochen einen Suizid geplant oder gar versucht zu haben, wird das Studienteam alarmiert. Ausschließlich die Studienleitung erhält eine Warnmeldung, in der ein Pseudonym enthalten ist. Sie ist berechtigt, dieses Pseudonym der betreffenden Person zuzuordnen und den benannten schulischen Notfallkontakt zu informieren. Dieser nimmt Kontakt zu der oder dem Jugendlichen und der Familie auf, klärt die Situation ab und vermittelt bei Bedarf weitere Hilfen. Während dieses Prozesses steht die Studienleitung beratend zur Verfügung. „Es kommt vor, dass Kinder wissen möchten, ob wir tatsächlich reagieren. Das ist aber eher die Seltenheit. Es gab bereits Notfälle, in denen eine sofortige Einweisung in die zuständige Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgte und dadurch möglicherweise Schlimmeres verhindert wurde“, schildert Achim Schimanski die Erfahrung aus dem vergangenen Jahr. „So etwas geht auch an uns nicht spurlos vorüber.“ 

Schulen werden zu Partnern der Prävention

Im Rahmen von DUDE schulen Schimanski und Ehl an jeder Schule jeweils zwei Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren, zum Beispiel Lehrkräfte, schulpsychologische Fachkräfte oder sozialpädagogische Fachkräfte, die das Programm an der Schule koordinieren und weitere Personen aus dem schulischen Umfeld einbinden können. Das Konzept ist darauf ausgerichtet, DUDE langfristig in den Schulalltag zu integrieren und eine spätere selbstständige Durchführung durch die Schulen zu ermöglichen. Die Kaufmännische Krankenkasse unterstützt DUDE bereits in beiden Studienphasen. Die Durchführung von DUDE 2.0 wird in Bayern durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultur unterstützt. 

tomoni.schools – Lehrkräfte als Lotsen für psychische Gesundheit

Weitere Schulprojekte des DZPP zur Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind tomoni.schools und tomoni.starts. In Kooperation mit der tomoni mental health gGmbH werden Lehrkräfte darin geschult, Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern zu erkennen. Sie lernen, die Betroffenen wertschätzend anzusprechen und sie sowie ihre Familien an ein geeignetes Hilfssystem weiterzuleiten. Die Lehrkräfte können an insgesamt acht Online-Modulen zu Themen wie Ess- oder Angststörungen, Depressionen, Sucht, selbstverletzendem Verhalten, Suizidalität sowie rechtlichen Grundlagen und Elterngesprächen teilnehmen. Das DZPP evaluiert, ob sich die sogenannte Mental Health Literacy von Lehrkräften verbessert; also ihr Wissen über psychische Erkrankungen, ihre Sicherheit beim Erkennen von Warnzeichen sowie ihre Bereitschaft, betroffene Schülerinnen und Schüler anzusprechen und weiterzuvermitteln. „Das Besondere an der Studie ist, dass wir nicht nur erfassen, wie das Programm das Wissen und die Handlungssicherheit der Lehrkräfte schult, sondern auch, ob die Hilfe bei den Schülerinnen und Schülern tatsächlich ankommt“, sagt Arne Bürger.

Ersthelferkurs Mentale Gesundheit EMG: Wenn Lehrkräfte Ersthelfer werden

Ein ähnliches Konzept wie das von tomoni verfolgt der Ersthelferkurs Mentale Gesundheit (EMG), der inzwischen nicht nur für Einzelpersonen und Unternehmen, sondern auch für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Übungsleiterinnen und -leiter angeboten wird. Der Online-Kurs besteht aus drei je zweistündigen Modulen, die fundiertes Wissen über psychische Gesundheit mit konkreten Handlungsschritten kombinieren.

Kampagne „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“

Zum Welttag der Suizidprävention hat die Arbeitsgruppe regionale Netzwerke des Nationalen Suizidpräventionsprogramms eine bundesweite Kampagne namens „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“ initiiert. Diese wurde im Rahmen des Seminars Medienpraxis an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) entwickelt und realisiert: kampagne.welttag-suizidpraevention.de.

Erwähnte Publikationen:

Christin Scheiner, Jan Grashoff, Nikolaus Kleindienst, Arne Buerger. Mental disorders at the beginning of adolescence: Prevalence estimates in a sample aged 11-14 years. Public Health in Practice. Volume 4. 2022, 100348, ISSN 2666-5352, https://doi.org/10.1016/j.puhip.2022.100348.

Mittermeier, S., Seidel, A., Scheiner, C. et al. Emotional dysregulation and its pathways to suicidality in a community-based sample of adolescents. Child Adolesc Psychiatry Ment Health 18, 15 (2024). https://doi.org/10.1186/s13034-023-00699-4

Illustration von einer Strandsituation, auf der einige Figuren surfen, ein Surfbrett in der Hand halten, glücklich oder traurig schauen. Schriftzug: Gemeinsam mit der Klasse lernen, Emotionswellen zu surfen? Das geht mit DUDE!
Collage der vier freigestellten Personen auf rotem Hintergrund.
Das DUDE-Projektteam aus der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg v. l. n. r.: Lena Ehl und Achim Schimanski, die DUDE koordinieren sowie Arne Bürger und Marcel Romanos, die das Präventionsprogramm leiten.

Erste Hilfe für die Psyche

Ersthelferkurs Mentale Gesundheit (EMG) vermittelt Wissen und Handlungssicherheit im Umgang mit psychischen Krisen – für Einzelpersonen, Unternehmen und pädagogische Einrichtungen

Logo der EMG Ersthelferkurs Mentale Gesundheit in grün und orange; drunter der Slogan "Erste Hilfe für die Psyche"

Würzburg. Erste Hilfe ist selbstverständlich, wenn jemand körperlich verletzt ist. Doch was ist zu tun, wenn ein Mensch psychisch in eine Krise gerät oder Suizidgedanken äußert? Genau hier setzen die Ersthelferkurse für mentale Gesundheit (EMG) an. Sie wurden vom Universitätsklinikum Würzburg (UKW), der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp, der Stiftung Depression-Inklusion und dem Würzburger Bündnis gegen Depression entwickelt. „Hier lernst du, die Psyche in die stabile Seitenlage zu bringen“, erläuterte einst ein Teilnehmer. Das Kursprogramm zur Vorsorge richtet sich explizit an Laien und soll sie befähigen, psychische Krisen zu erkennen und Erste Hilfe zu leisten. 

Ersthelferkurse Mentale Gesundheit für Einzelpersonen, Unternehmen und Lehrende

Einzelpersonen lernen beispielsweise, wie sie sich selbst oder andere aus ihrem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis in Krisensituationen unterstützen können. Die individuell angepassten Schulungen und Beratungsangebote für Unternehmen zielen darauf ab, die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern, Mitarbeitende zu stärken und ein gesundes und produktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Die drei Module, in denen die wesentlichen Botschaften vermittelt werden, können online gebucht werden oder direkt im Unternehmen stattfinden. „Das Besondere an diesem Kurs ist, dass wir direkt in die Betriebsstätten gehen und zu den Menschen“, sagt Prof. Dr. Jürgen Deckert, ehemaliger Direktor des Zentrums für Psychische Gesundheit (ZEP) des UKW. Er hat die Inhalte des Ersthelferkurses für mentale Gesundheit gemeinsam mit seinem Nachfolger, Prof. Dr. Sebastian Walther, sowie mit der Psychologischen Psychotherapeutin Dr. Melanie Vietz und dem Leitenden Oberarzt der Psychiatrie, Dr. Georg Ziegler, nach dem Modell der Ersthelferkurse für vital lebensbedrohliche Erkrankungen entwickelt. Neu ist das Angebot für Lehrpersonen. Die Module führen in psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ein und kombinieren fundiertes Wissen mit konkreten Handlungsschritten für den Alltag.

Fellows Ride-Bewegung fährt Spendengelder für Ersthelferkurse ein 

Die Idee zu den Ersthelferkursen entstand aus dem Engagement der Fellows Ride-Bewegung für Depressionshilfe und Suizidprävention – allen voran von Dieter Schneider. Der Unternehmer und leidenschaftliche Motorradfahrer verarbeitete den Suizid seines 23-jährigen Sohnes mit einer mehrjährigen Motorradreise um die Welt. Inspiriert vom „Black Dog Ride” in Australien organisierte er 2021 in Würzburg die erste Motorradfahrt, um öffentlich auf Depressionen, psychische Erkrankungen und Suizidprävention aufmerksam zu machen. Inzwischen hat er seine Mission auf viele weitere Orte in Deutschland und Europa ausgeweitet. Die bei den Fellows Rides gesammelten Spenden fließen unter anderem in die Ersthelferkurse für mentale Gesundheit. 

Stimmen zu den Ersthelferkursen für Mentale Gesundheit: 

Dr. Melanie Vietz, Psychologische Psychotherapeutin am UKW und Fachliche Leiterin EMG: „Wir können nicht alle Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sein. Aber wir können lernen, psychische Krisen zu erkennen, Menschen anzusprechen und ihnen den Weg zu professioneller Hilfe zu zeigen. Gerade bei Suizidgedanken kann es entscheidend sein, dass jemand hinschaut und sich traut, das Thema offen anzusprechen.“

Dieter Schneider, Gründer der Fellows-Ride-Bewegung und Initiator der EMG: „Überall hängen Feuerlöscher, wenn es brennt. Aber wir brauchen auch Feuerlöscher für die Seele. Wir sollten alle in der Lage sein, Erste Hilfe zu leisten. Denn psychische Krisen können jeden treffen, im privaten ebenso wie im beruflichen Umfeld.“ 

Dr. Gunter Schunk, Direktor Public Relations der Vogel Communications Group: „Psychische Belastungen haben stark zugenommen, auch im Arbeitsumfeld. Psychische Erkrankungen gehören mit zu den häufigsten Gründen für Fehlzeiten und Demotivation im Arbeitsumfeld. Das dürfen wir nicht zulassen. Die Unternehmen müssen daher viel mehr Verantwortung auch für die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen.“

Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor des Zentrums für Psychische Gesundheit des UKW: „Die Ersthelferkurse werden hoffentlich dazu beitragen, dass sich mehr Menschen trauen, in ihrem direkten Umfeld Betroffene anzusprechen und Hilfe zu holen.“ 

Weitere Informationen zu den Ersthelferkursen für Mentale Gesundheit: emg-werden.de

Spendenkonto Fellows Ride 
Paypal: danke@ fellowsride.de
Castell-Bank: Stiftung Depression-Inklusion DE85 7903 0001 1000 1905 00

 

Logo der EMG Ersthelferkurs Mentale Gesundheit in grün und orange; drunter der Slogan "Erste Hilfe für die Psyche"

ADHS bei Kindern und Erwachsenen: Gesundheitsforum mit Prof. Dr. Marcel Romanos

Online-Veranstaltung der SZ am 8. Juli um 19.30 Uhr / Anmeldung nötig

Experte beim Gesundheitsforum am 8. Juli: Prof. Dr. Marcel Romanos vom Universitätsklinikum Würzburg. Foto: Johannes Kiefer
Experte beim Gesundheitsforum am 8. Juli: Prof. Dr. Marcel Romanos vom Universitätsklinikum Würzburg. Foto: Johannes Kiefer

Würzburg/München. Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) nimmt am kommenden Mittwoch (8. Juli) als Experte teil beim Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung. Bei der Online-Veranstaltung ab 19.30 Uhr geht es um ADHS bei Kindern und Erwachsenen. Die Teilnahme an der Online-Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung ist erforderlich.

Das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) gehört seit vielen Jahren zu den Schwerpunktthemen von Prof. Romanos in Klinik und Forschung. Weitere Teilnehmerinnen sind Prof. Dr. Alexandra Philipsen (Universitätsklinikum Bonn) und die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie sowie Psychologische Psychotherapeutin Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz. Moderiert wird das Gesundheitsforum von Dr. Christina Berndt, Leitende Redakteurin im Ressort Wissen der Süddeutschen Zeitung.

Hinweise zur Teilnahme und weitere Informationen zur Veranstaltung gibt es hier.

Experte beim Gesundheitsforum am 8. Juli: Prof. Dr. Marcel Romanos vom Universitätsklinikum Würzburg. Foto: Johannes Kiefer
Experte beim Gesundheitsforum am 8. Juli: Prof. Dr. Marcel Romanos vom Universitätsklinikum Würzburg. Foto: Johannes Kiefer

Angst im Genom: Neue genetische Zusammenhänge mit Angstsymptomen

Größte genetische Studie zu Angstsymptomen mit Würzburger Beteiligung

DNA-Extraktion - Durch die Ansäuerung ist ein weißer Faden entstanden
Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW
Nahaufnahme eines Pipettierroboters in lilafarbenem Licht
Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety identifizierte in der genomweiten Assoziationsstudie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. © Daniel Peter / UKW

Angst ist ein lebenswichtiges Warnsystem des Menschen. Doch bei Millionen Betroffenen gerät diese Funktion aus dem Gleichgewicht und entwickelt sich zu einer belastenden Erkrankung. Eine neue internationale Studie mit fast 700.000 Teilnehmenden liefert nun in „Nature Human Behaviour“ die bislang umfassendsten Hinweise auf die genetischen Grundlagen von Angst – und bringt damit ein jahrzehntelanges Forschungsziel einen großen Schritt voran.

Würzburg. Angst, Furcht und auch Sorgen sind normale Stressreaktionen, die uns helfen, aufmerksam zu sein und in potenziell gefährlichen Situationen vorsichtig zu reagieren. Bei immer mehr Menschen fallen diese Symptome jedoch intensiver aus. Sie entwickeln eine Angsterkrankung, die zu Problemen im Alltag und großem Leidensdruck führen kann. Angsterkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Um die biologische Architektur von Angst besser zu verstehen hat sich im Rahmen der internationalen Forschungsinitiative PGC (Psychiatric Genomics Consortium) die Arbeitsgruppe Anxiety gegründet. Eine federführende Rolle beim Aufbau dieser Arbeitsgruppe spielte der Würzburger Psychiater und Angstforscher Jürgen Deckert. 

Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety lieferte nun mit Beteiligung der Würzburger Universitätsmedizin und weiteren Mitgliedern des zwischen 2008 und 2020 von der DFG geförderten Sonderforschungsbereiches TRR 58 „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ neue Einblicke in die genetischen Mechanismen von Angststörungen. 

Welche genetischen Unterschiede treten häufiger bei Menschen auf, die stärkere Angstsymptome erleben?

Geleitet wurde die so genannte genomweite Assoziationsstudie (GWAS) vom King's College London und des QIMR Berghofer Medical Research Institute von Thalia Eley. In Würzburg arbeiteten neben Jürgen Deckert noch Nora Strom, Angelika Erhardt-Lehmann (Co-Chair der AG PGC Anxiety) und Heike Weber an dieser weltweit größten Auswertung der DNA bei Angsterkrankungen. Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. „Indem in unserer Studie die genetischen Daten nicht nur mit einer klinischen Ja-oder-Nein-Diagnose, sondern mit dem Schweregrad der Symptome verknüpft wurden, entstand ein neues Verständnis von Angst als biologisches Kontinuum – von normalen Stressreaktionen bis hin zu schwer beeinträchtigenden Erkrankungen“, erläutert Jürgen Deckert das Besondere an der Studie. 

74 genetische Hinweise auf Angst

Insgesamt identifiziert die Studie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. Etwa die Hälfte davon war bereits aus früheren GWAS-Studien zu Angstzuständen bekannt, wie der in diesem Jahr mit Nora Strom als Erstautorin in Nature Genetics veröffentlichten GWAS- Studie. 39 Positionen wurden jedoch erstmals beschrieben.

Neben dieser großen Zahl neuer genetischer Hinweise zeigen die Ergebnisse auch, dass bestimmte Gene eine Rolle bei Angst spielen könnten, zum Beispiel PCLO und SORCS3. Viele der beteiligten Gene sind besonders im Gehirn aktiv und daran beteiligt, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren.

Außerdem zeigte die Analyse: Die bekannten genetischen Unterschiede erklären lediglich etwa 6 Prozent der Unterschiede in der Ausprägung von Angstsymptomen zwischen verschiedenen Menschen. Der größte Teil der genetischen Einflüsse ist somit weiterhin unbekannt.

Genetik ist nur Teil des Risikos – Anstieg der Angstraten weist auf Umweltfaktoren hin

Die Studie sei ein spannender Fortschritt beim Verständnis, wie das Risiko für Angstzustände durch biologische Prozesse beeinflusst werden kann, findet Megan Skelton, Research Fellow am IoPPN des King's College London. Der Erstautorin der Studie ist es jedoch wichtig hervorzuheben, dass selbst jemand mit einem sehr hohen genetischen Risiko keine Angsterkrankung entwickeln muss und umgekehrt jemand mit einem niedrigen genetischen Risiko durchaus eine entwickeln kann: „Genetische Einflüsse wirken zusammen mit Lebenserfahrungen, sozialen Kontexten und psychologischen Faktoren und stehen mit ihnen in Wechselwirkung, um das individuelle Risiko zu formen. Der Anstieg der Angstraten, den wir beobachten, weist auf Umweltfaktoren hin. Das Verständnis genetischer Risiken kann uns helfen zu erkennen, wer für diese Faktoren besonders anfällig sein könnte, und letztlich zu wirksameren Präventions- und Behandlungsstrategien beitragen.“

Polygenetische Risikoscores

Die Studie berechnete außerdem Polygenetische Risikoscores (PRS) für Angst, die das genetische Risiko jeder einzelnen Person in einer Zahl zusammenfassen. Grundlage waren die Ergebnisse der Genanalyse (GWAS) von Menschen europäischer Abstammung. Anschließend wurden die Scores in getrennten Gruppen von Menschen europäischer, afrikanischer und südasiatischer Herkunft getestet. Dabei erkläreen die genetischen Risikoscore nur einen kleinen Teil (1,2 bis 2,9 Prozent) der Unterschiede im Schweregrad von Angstsymptomen zwischen den Menschen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es teilweise gemeinsame genetische Einflüsse über verschiedene ethnische Bevölkerungsgruppen hinweg gibt. Weitere Studien in unterschiedlichen ethnischen Herkunftsgruppen sind notwendig, um spezifische genetische Risiken besser zu verstehen. 

Psychische und körperliche Gesundheit eng verbunden

Es zeigte sich außerdem ein breites Spektrum signifikanter genetischer Korrelationen zwischen Angstzuständen und sowohl psychischen als auch körperlichen Erkrankungen, darunter Depressionen, Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen, koronare Herzkrankheit, Endometriose und Migräne.

„Diese Korrelationen verdeutlichen die Wechselbeziehung zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit“, sagt Brittany Mitchell, Leiterin der Forschungsgruppe „Complex Trait Genomics“ am QIMR Berghofer Medical Research Institute und Mit-Erstautorin der Studie. „Wichtig ist, dass einige gemeinsame genetische Varianten sowohl das Risiko für eine körperliche Erkrankung als auch für stärkere Angstsymptome erhöhen können. Gleichzeitig kann das Leben mit chronischen Schmerzen oder einer chronischen Erkrankung selbst zu Angstsymptomen beitragen. Unsere Ergebnisse zeigen keine Kausalität und auch keine Wirkungsrichtung auf, sie werfen jedoch wichtige Fragen für zukünftige Forschungen auf.“

Resümee und Ausblick

Thalia Eley, Professorin für Entwicklungs- und Verhaltensgenetik am Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience (IoPPN) des King's College London und leitende Autorin der Studie resümiert: „Trotz der Auswirkungen von Angststörungen auf die öffentliche Gesundheit hinkt der Fortschritt beim Verständnis ihrer genetischen Grundlagen hinter dem anderer wichtiger psychischer Erkrankungen hinterher. Angesichts der hohen und steigenden Angstraten, insbesondere bei jungen Erwachsenen, ist es wichtiger denn je, unsere Fähigkeit zu verbessern, Risikofaktoren zu identifizieren und zu verstehen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse eine neue Welle groß angelegter Analysen anregen, um unser Verständnis der genetischen Architektur von Angst zu beschleunigen“. Jürgen Deckert ergänzt: „Das Psychiatric Genomic Consortium für Anxiety wird weiter intensiv seine Mission verfolgen, diese ersten wegweisenden Ergebnisse auszubauen, dies letztlich mit dem Ziel innovative und individuelle Therapien für die Betroffenen zu entwickeln.“. 

Publikation: Skelton, M., Mitchell, B.L., Assary, E. et al. Genome-wide meta-analysis of quantitatively measured generalized anxiety symptoms in individuals of European ancestry. Nat Hum Behav (2026). https://doi.org/10.1038/s41562-026-02476-7

DNA-Extraktion - Durch die Ansäuerung ist ein weißer Faden entstanden
Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW
Nahaufnahme eines Pipettierroboters in lilafarbenem Licht
Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety identifizierte in der genomweiten Assoziationsstudie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. © Daniel Peter / UKW

Isolation im Extrem: Studie zeigt Risiken für Teamdynamik bei Langzeitmissionen

Untersuchung eines Überwinterungsteams in der Antarktis liefert neue Erkenntnisse zu Einsamkeit, Misstrauen und Konflikten unter extremen Bedingungen

Porträt von Sebastian Walther im Anzug mit Krawatte
Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) analysierte gemeinsam mit einem internationalen Team der Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne wie sich Isolation und Enge auf das Überwinterungsteam an der Concordia-Station in der Antarktis auswirken. © Anna Wenzl / UKW
Winteridylle in der Antarktis - im Hintergrund die Concordia-Station
Die Umweltbedingungen auf der Concordia-Station gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt −51 °C, die Extremwerte erreichen bis zu −80 °C. Auf einer Höhe von 3.200 Metern gelegen, sind die Bewohner der Concordia-Station einem reduzierten Sauerstoffgehalt und chronischem hypobarem Hypoxiestress ausgesetzt. © Jessica Studer
Sternenhimmel über der Concordia-Station - vorn im Bild eine Person, hinten die Station
Die Concordia-Station ist 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1 670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächstgelegenen Station entfernt. © Jessica Studer
Mond über der Concordia Station
Die Concordia-Station befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut (Institut Polaire Français Paul-Émile Victor, IPEV) und dem italienischen Antarktisprogramm (Programma Nazionale di Ricerche in Antartide, PNRA) betrieben. Während des antarktischen Winters, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation Concordia vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. © Jessica Studer

Ein zwölfköpfiges Überwinterungsteam an der Concordia-Station in der Antarktis – einem der realistischsten Analoga für zukünftige Weltraummissionen – wurde über einen Zeitraum von zehn Monaten von Forschenden begleitet. Mithilfe tragbarer Proximity-Sensoren und wiederholter psychologischer Erhebungen gelang es dem Studienteam um Prof. Dr. Sebastian Walther vom Universitätsklinikum Würzburg (UKW), detailliert darzustellen, wie sich sozialer Kontakt, Gruppenzusammenhalt, Konflikte sowie Gefühle von Einsamkeit und Misstrauen im Zeitverlauf verändern. Die im Journal PNAS (The Proceedings of the National Academy of Sciences) veröffentlichten Ergebnisse zeigen zunehmende zwischenmenschliche Spannungen, die Bildung von Untergruppen und steigendes Misstrauen trotz räumlicher Nähe. Die Resultate verdeutlichen zentrale psychosoziale Risiken für Teams in isolierten, begrenzten und extremen Umgebungen und zeigen zugleich das Potenzial tragbarer Sensoren für eine kontinuierliche, unaufdringliche Messung sozialer Interaktionen in kleinen Gruppen.

Würzburg. Mit der erfolgreichen Mondumrundung Anfang April ist die Menschheit einen weiteren Schritt in Richtung langfristiger Weltraummissionen gegangen. Während technische Hürden zunehmend überwunden werden, rückt eine weitere Herausforderung in den Fokus: das Zusammenleben von Menschen unter extremen Bedingungen. Obwohl gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und der Teamzusammenhalt für den Missionserfolg entscheidend sind, fehlen detaillierte Langzeitdaten zur Entwicklung sozialer Interaktionen und zum Funktionieren von Teams während längerer Isolation. 

Überwinterungsteam der antarktischen Concordia-Station wurden zehn Monate mit Näherungssensoren begleitet

Das hat Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) nun geändert. Gemeinsam mit einem internationalen Team der Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne analysierte der Psychiater, wie sich Isolation und Enge auf eine Crew auswirken. Dazu begleiteten die Forschenden zwölf Mitglieder des Überwinterungsteams der Concordia-Station in der Antarktis zehn Monate lang mit tragbaren Näherungssensoren und wiederholten psychologischen Befragungen.

Die isolierte, begrenzte, extreme Umgebung ist vergleichbar mit Weltraummissionen

Während des antarktischen Winters, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation Concordia vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. „Ihre extreme Abgeschiedenheit ist sogar größer als die der Internationalen Raumstation (ISS)“, erläutert Sebastian Walther. „Sie erfordert eine außergewöhnliche Vorbereitung auf Selbstversorgung in Notfällen und stellt eine erhebliche Belastung für die dort arbeitenden Teams dar.“ Für Aktivitäten im Freien müssen die Crewmitglieder schwere Schutzanzüge tragen und den extremen Bedingungen – bis zu minus 80 Grad auf einer Höhe von 3.200 Metern – trotzen. „Die feindlichen äußeren Bedingungen, die Abhängigkeit von Technologie zur Lebenserhaltung, begrenzte Rettungsmöglichkeiten und Kommunikationsverzögerungen sowie die räumliche Enge und die Arbeit in kleinen, isolierten multikulturellen Teams sind zentrale Merkmale, die ein Überwinterungsteam der Concordia-Station mit einer Langzeit-Weltraummission teilt“, so Walther. 

Bisherige Untersuchungen zu Überwinterungsteams in der Antarktis konzentrierten sich auf individuelle Faktoren wie Stimmung und Schlaf. Dabei zeigte sich eine konsistente Verschlechterung dieser Werte im Verlauf der Missionen. Walther und sein Team konzentrierten sich hingegen auf soziale Interaktionen, Misstrauen, Einsamkeit und Teamdynamik. Da eine extreme Isolation die Wahrnehmung von Häufigkeit und Qualität sozialer Interaktionen und Teamprozessen verzerren kann, kamen sogenannte Proximity-Sensoren zum Einsatz. Mithilfe dieser tragbaren Sensoren konnten alle näheren Interaktionen der Teammitglieder untereinander zuverlässig erfasst werden: Wer trifft wen, wie oft und wie lange? So entstand ein Netzwerk sozialer Kontakte im Team. 

Selbst psychisch robuste Personen entwickeln unter extremen Bedingungen paranoide Gedanken und misstrauen Teammitgliedern

Zusätzlich gaben Selbstauskünfte der Teammitglieder wertvolle Einblicke in subjektive Erfahrungen. Die Teilnehmenden berichteten beispielsweise bereits zur Mitte der Mission von erhöhtem Misstrauen, obwohl sie zuvor strenge Auswahlverfahren durchlaufen hatten. Nach einigen Monaten glaubten sie, dass andere über sie sprechen, oder sie beobachteten. 

„Diese paranoiden Tendenzen und das Misstrauen verdeutlichen, dass selbst psychisch robuste Personen unter extremen Bedingungen eine verzerrte soziale Wahrnehmung entwickeln können“, kommentiert Sebastian Walther. Diese psychologischen Dynamiken, welche die Funktionsfähigkeit von Teams in Langzeitmissionen beeinflussen können, wurden bislang wenig beachtet.

„Aus Untersuchungen mit Menschen mit manifestem paranoidem Erleben wissen wir, dass Nähe als besonders belastend und stressig empfunden wird“, sagt Walther und verweist auf zwei entsprechende Studien, die er dazu publiziert hat. Bislang wurde angenommen, dass Schlafstörungen und ein negatives Selbstkonzept besonders gefährlich für das Entstehen von paranoidem Erleben sind. Die aktuelle Studie zeige jedoch, so Walther, dass auch Isolation unter Extrembedingungen zu deutlichen paranoiden Symptomen führen könne.

Wenn Nähe zur Belastung wird – Mehr Kontakt, mehr Konflikt 

Die Ergebnisse zeigten neben einem Anstieg paranoider Gedanken auch stärkere Einsamkeit sowie eine Zunahme von Konflikten, während der Teamzusammenhalt und die individuell wahrgenommene Leistungsfähigkeit abnahmen. Interessanterweise nahmen die durch die Sensoren erfassten zwischenmenschlichen Interaktionen im Zeitverlauf zu, ohne jedoch mit verbessertem Wohlbefinden oder einer gesteigerten Teamdynamik einherzugehen. Im Gegenteil: Häufigere Kontakte führten teilweise sogar zu mehr Konflikten und einer größeren psychischen Belastung. Die Studie deutet somit darauf hin, dass nicht nur Isolation, sondern auch enge räumliche Begrenzung beziehungsweise dauerhafte räumliche Nähe eine zentrale Belastung darstellen und zwischenmenschliche Spannungen auslösen können. 

Risiko sozialer Fragmentierung in multikulturellen Teams

Zudem bildeten sich innerhalb des Teams, das sich aus Teilnehmenden italienischer und französischer Nationalität sowie einer Person aus einem weiteren Mitgliedsstaat der European Space Agency (ESA) zusammensetzte, Untergruppen entlang von Sprache und Nationalität. Dieses Muster entspricht dem Prinzip der Homophilie nach dem Motto „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ und zeigt hier, dass Menschen unter Unsicherheit dazu neigen, sich stärker mit ähnlichen Gruppen zu identifizieren. Die Autoren vermuten, dass sich die Gruppengrenzen mit zunehmender Erschöpfung verstärkt haben und weisen auf das Risiko einer sozialen Fragmentierung und Polarisierung in internationalen Missionen hin. 

SocioPatterns-Sensoren eignen sich als Instrument zur langfristigen Überwachung von Teaminteraktionen in ICE-Umgebungen 

Für zukünftige Langzeitmissionen, etwa zum Mars, könnten solche Dynamiken von entscheidender Bedeutung sein. „Erfolg im All hängt nicht nur von der Technik ab, sondern auch davon, wie gut Menschen unter extremen Bedingungen zusammenarbeiten“, kommentiert Sebastian Walther. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass tragbare Sensoren – in der Studie kamen so genannte SocioPatterns-Sensoren zum Einsatz – ein vielversprechendes Instrument sind, um Teaminteraktionen in sogenannten ICE-Umgebungen (engl. isolated, confined, extreme, dt. isoliert, begrenzt, extrem) kontinuierlich und unaufdringlich zu erfassen und potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen.

Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur für die Raumfahrt relevant: Sie könnten auch in anderen extremen Arbeitsumgebungen wie etwa in U-Booten, auf Offshore-Plattformen oder eben in abgelegenen Forschungs- und Militärstationen helfen, Teams stabiler und widerstandsfähiger zu machen.

Information zur Concordia-Station: Die Concordia-Station befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut (Institut Polaire Français Paul-Émile Victor, IPEV) und dem italienischen Antarktisprogramm (Programma Nazionale di Ricerche in Antartide, PNRA) betrieben. Die Station wurde 2004 als Forschungszentrum für verschiedene Disziplinen, darunter Glaziologie, Atmosphärenwissenschaften, Astronomie, Astrophysik, Geowissenschaften und Technologie, gegründet. Auf einer Höhe von 3.200 Metern gelegen, sind die Bewohner der Concordia-Station einem reduzierten Sauerstoffgehalt und chronischem hypobarem Hypoxiestress ausgesetzt. Die Umweltbedingungen gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt −51 °C, die Extremwerte erreichen bis zu −80 °C. Die abgelegene Lage – 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1 670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächstgelegenen Station entfernt – verstärkt die Isolation zusätzlich.

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Publikation: Andrea Cantisani, Jan B. Schmutz, Pedro Marques-Quinteiro, Lorenzo Dall’Amico, Ciro Cattuto, Mirko Antino, Walter J. Eppich, Katharina Stegmayer, and Sebastian Walther. Social interactions in isolated, confined, and extreme environments: A study of Antarctic winter teams using wearable sensors. PNAS. 2026 Vol. 123 No. 0 e2533420123 https://doi.org/10.1073/pnas.2533420123

Porträt von Sebastian Walther im Anzug mit Krawatte
Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) analysierte gemeinsam mit einem internationalen Team der Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne wie sich Isolation und Enge auf das Überwinterungsteam an der Concordia-Station in der Antarktis auswirken. © Anna Wenzl / UKW
Winteridylle in der Antarktis - im Hintergrund die Concordia-Station
Die Umweltbedingungen auf der Concordia-Station gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt −51 °C, die Extremwerte erreichen bis zu −80 °C. Auf einer Höhe von 3.200 Metern gelegen, sind die Bewohner der Concordia-Station einem reduzierten Sauerstoffgehalt und chronischem hypobarem Hypoxiestress ausgesetzt. © Jessica Studer
Sternenhimmel über der Concordia-Station - vorn im Bild eine Person, hinten die Station
Die Concordia-Station ist 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1 670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächstgelegenen Station entfernt. © Jessica Studer
Mond über der Concordia Station
Die Concordia-Station befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut (Institut Polaire Français Paul-Émile Victor, IPEV) und dem italienischen Antarktisprogramm (Programma Nazionale di Ricerche in Antartide, PNRA) betrieben. Während des antarktischen Winters, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation Concordia vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. © Jessica Studer

Von der Reha in die Routine: Kann ein Nachsorgegespräch beim Hausarzt das Dranbleiben erleichtern?

Eine medizinische Rehabilitation kann viel bewirken – doch die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst danach: im Alltag.

Das Forschungsteam des Projekts RENAGE bei der Arbeit am Gesprächsleitfaden für das Nachsorgegespräch in Hausarztpraxen. V.l.n.r.: PD Dr. Matthias Lukasczik, Dr. Jennifer Seeger, Roland Küffner. Foto: Kathrin Klotzbach/UKW

Viele Patientinnen und Patienten fragen sich, wie sie die Empfehlungen zu Ernährung, Bewegung oder Stressbewältigung zuhause praktisch umsetzen können. Die Arbeitsgruppe Rehabilitationswissenschaften im Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg befasst sich mit diesen Fragen in einer aktuellen Studie. Im Mittelpunkt steht die Rolle von Hausarztpraxen bei der gezielten Unterstützung von Patientinnen und Patienten in den Wochen nach der Reha. Im Mai startete die Datenerhebung für das Forschungsprojekt RENAGE – Reha-Nachsorgegespräch.

Die Rolle der Hausarztpraxis beim Reha-Erfolg

Eine Reha kann Patientinnen und Patienten helfen, körperliche Fitness zurückzugewinnen, den Alltag besser zu bewältigen und Strategien zu entwickeln, um Stress oder Überlastung vorzubeugen. Doch nach der Rückkehr in den Alltag zeigt sich oft: Das Erlernte zur Gewohnheit werden zu lassen, fällt schwer. Viele Nachsorgeangebote wie Reha-Sport, Ernährungsberatung oder spezielle Programme der Rentenversicherung werden zwar empfohlen, doch nur ein Teil der Patientinnen und Patienten nimmt diese Angebote wahr.

Hausärztinnen und Hausärzte könnten hier eine entscheidende Rolle spielen, indem sie den Übergang in den Alltag begleiten, ihre Patientinnen und Patienten motivieren und dabei helfen, Hindernisse zu überwinden.

„Die Aufrechterhaltung der guten Ergebnisse einer medizinischen Rehabilitation im Alltag ist kein Selbstläufer. Patientinnen und Patienten können sehr davon profitieren, wenn ihre Hausärztin oder ihr Hausarzt sie dabei gezielt unterstützt“, sagt Projektleiter PD Dr. Matthias Lukasczik.

Ein kurzes Gespräch mit langfristiger Wirkung?

Im Zentrum des Projekts steht ein einmaliges Nachsorgegespräch in der Hausarztpraxis, das etwa vier bis acht Wochen nach der Reha stattfinden soll und durch einen speziell entwickelten Leitfaden für die Hausärztinnen und -ärzte unterstützt wird.

Ziel des Gesprächs ist es, gemeinsam zu besprechen, welche Empfehlungen aus der Reha bereits umgesetzt werden konnten, welche Schwierigkeiten dabei eventuell aufgetreten sind und wie die Hausärztin oder der Hausarzt bei der weiteren Umsetzung helfen kann. Die Patientinnen und Patienten erhalten vorab eine kurze Gesprächshilfe, um sich gezielt auf das Gespräch vorzubereiten und ihre Fragen oder Anliegen zu sammeln.

„Mit RENAGE möchten wir herausfinden, ob ein kurzes, strukturiertes Gespräch in der Hausarztpraxis die Umsetzung von Nachsorgeempfehlungen aus der Reha nachhaltig fördern kann“, erklärt PD Dr. Matthias Lukasczik.

Knapp 350 Patientinnen und Patienten sollen teilnehmen

An der Studie beteiligen sich fünf medizinische Reha-Einrichtungen in Bayern. Insgesamt sollen 348 Patientinnen und Patienten sowie mindestens 77 Hausärztinnen und Hausärzte teilnehmen. Die Patientinnen und Patienten werden direkt in den Reha-Kliniken angesprochen. Wer zustimmt, erhält Fragebögen zu mehreren Zeitpunkten: am Ende der Reha, nach dem Nachsorgegespräch und vier Monate später.

Die Teilnehmenden werden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine Hälfte erhält zusätzlich eine Einladung zum Nachsorgegespräch in der Hausarztpraxis, während die andere Hälfte als Kontrollgruppe kein solches Gespräch erhält. So wird untersucht, ob das Nachsorgegespräch langfristig dazu beiträgt, dass die Empfehlungen aus der Reha besser umgesetzt werden. Zusätzlich wird bewertet, wie praktikabel das Konzept für die Hausarztpraxen ist und wie die Patientinnen und Patienten das Gespräch erleben.

Forschung für eine bessere Reha-Nachsorge

Das Projekt wird von der Arbeitsgruppe Rehabilitationswissenschaften im Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg durchgeführt. Die Gruppe hat unter der Leitung von PD Dr. Karin Meng bereits zahlreiche Projekte zur medizinischen Rehabilitation umgesetzt, unter anderem zur Patientenschulung und zur Unterstützung beim Alltagstransfer von Reha-Inhalten.

Gefördert wird RENAGE durch die Deutsche Rentenversicherung Nordbayern mit rund 330.000 Euro. Die Laufzeit beträgt drei Jahre (Dezember 2024 bis November 2027).

Weitere Informationen zum Projekt finden Interessierte unter: www.renage.de

Das Forschungsteam des Projekts RENAGE bei der Arbeit am Gesprächsleitfaden für das Nachsorgegespräch in Hausarztpraxen. V.l.n.r.: PD Dr. Matthias Lukasczik, Dr. Jennifer Seeger, Roland Küffner. Foto: Kathrin Klotzbach/UKW

"Es gibt kein Grundrecht auf TikTok"

Marcel Romanos über die Zunahme psychischer Krisen bei Kindern

Porträtfoto von Marcel Romanos im dunkeln Anzug und mit dunkler Krawatte im Flur des Zentrums für Psychische Gesundheit
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Kongresspräsident.

Die psychische Gesundheit von Kindern ist unter Druck. Marcel Romanos fordert strengere Regeln für Social Media, inklusive eines Verbots für Unter-14-Jährige, um sie vor Sucht und Cybergrooming zu schützen. Ein Interview von Daniel Staffen-Quandt (epd) mit dem Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW anlässlich des Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Marcel Romanos ist stellvertretender Präsident der DGKJP und Kongresspräsident. 

Würzburg (epd). Die psychische Verfassung der jungen Menschen hierzulande ist besorgniserregend. Trotz einer Verdreifachung der Zahl der Fachärzte seit dem Jahr 2000 steigt die Belastung von Kindern und Jugendlichen stetig an - ein Trend, der sich nach der Corona-Pandemie verfestigt hat. Marcel Romanos, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Würzburg, sieht in den Krisen der Welt und in der Digitalisierung Gründe dafür. Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) befasst sich unter der Überschrift «Entwicklungsaufgaben: Kind - Versorgung - Gesellschaft» vom 22. bis 25. April in Würzburg ebenfalls mit dem Themenkomplex.

Wie ist es um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen bei psychischen Problemen oder Erkrankungen hierzulande bestellt? Gibt es wirklich eine Unterversorgung?

Wenn man es positiv betrachtet, haben wir in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland eine flächendeckende ambulante und stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung etablieren können. Es gibt natürlich immer mal wieder Lücken, aber wir haben die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte seit dem Jahr 2000 in Deutschland verdreifacht. Auch die psychotherapeutische Versorgung hat sich verbessert. Wir sehen aber auf der anderen Seite, dass die Inanspruchnahme deutlich gestiegen ist. Und auch die schwere der Erkrankungen nimmt zu - das zeigt sich etwa an der hohen Zahl an Notfallvorstellungen, also stark belastete Kinder und Jugendliche, bei denen es um eine Selbst- oder Fremdgefährdung geht.

Die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in,Deutschland befindet sich also in einer Art «Abwärtstrend»? Wie ist es dazu gekommen?

Was wir national und international sehen, ist, dass diemBelastungen tatsächlich hochgehen. Diese sind während der,Corona-Pandemie dramatisch gestiegen, haben sich aber auch danachmnicht wieder auf das vorherige Niveau eingependelt. Weshalb das somist, dazu gibt es vielfältige Überlegungen. Wir leben in Zeiten großer Unsicherheiten: zum einen die wirtschaftliche Entwicklung, die politische Weltlage, Kriege auf europäischem Boden, die Klimakrise. Diese Unsicherheiten erfassen auch Kinder und Jugendliche. Ein anderer Grund, den wir noch überhaupt nicht gut im Griff haben, ist der Einfluss von Social Media.

Krisen gab es aber schon immer, aber dieses «unbeschwertenKindsein» scheint heutzutage schwerer, weil Medien dauerhaft auf einen einströmen. Ist das ein zentraler Aspekt?

Ja. Digitale Medien können positive Aspekte haben, aber wir sehen, dass Social Media bei Kindern und Jugendlichen deutlich mehr Probleme macht, als dass es Nutzen bringt. Ein Punkt sind die Inhalte: Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten oder Suizidalität können Kinder emotional beeinträchtigen. Wenn sie einmal in Social Media damit in Kontakt kommen, füttert der Algorithmus sie kontinuierlich mit negativen Inhalten, wodurch Kinder tatsächlich krank werden können. Auf der anderen Seite haben wir ein Verhaltensproblem: Neuen Studien zufolge zeigt bereits ein Viertel der Kinder in Deutschland ein Konsummuster bei Social Media, das sie zur Suchtverhalten-Risikogruppe macht. Sie stehen kurz vor einer klinischen Diagnose.

Dient Social Media dann als eine Art digitale Einstiegsdroge - oder anders gefragt: Welche Kinder und Jugendliche sind von Social Media am Ende besonders suchtgefährdet?

Wir wissen, dass beispielsweise Kinder mit ADHS, traumatischen Erlebnissen oder Angsterkrankungen eine höhere Suchtgefahr haben. Jedes Kind, das eine psychische Erkrankung entwickelt, hat ein deutlich höheres Risiko, eine weitere Pathologie zu entwickeln, also auch eine Suchterkrankung. Wir haben als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Kinder vor schädlichen Inhalten und Nutzungsmustern, aber auch vor kriminellen Phänomenen wie Cybergrooming zu schützen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass 25 Prozent der Kinder mit Social-Media-Zugang sagen, schon einmal von fremden Erwachsenen zu einem «echten» Treffen aufgefordert worden zu sein. Jedes fünfte Kind sollte zudem schon einmal Bilder von sich an Fremde schicken. Das können wir nicht ignorieren! Wir müssen Kinderschutz im Netz genauso ernst nehmen wie in Schulen oder Vereinen. 

Für viele Eltern ist es unglaublich schwer, konsequent Grenzen bei der Nutzung digitaler Angebote zu setzen. Wären klare Altersgrenzen, etwa ab 16 Jahren, sinnvoller?

Das ist ein wichtiger Punkt, denn es gibt kein Grundrecht auf TikTok. Viele Eltern haben Schwierigkeiten, sich pädagogisch durchzusetzen, und fühlen sich dabei ineffizient und überfordert. Wir sind uns sicher, dass normative Vorgaben wie Verbote und Altersgrenzen von vielen Eltern willkommen geheißen würden, weil sie dadurch entlastet werden. Viele Fachleute und auch ich persönlich unterstützen solche Verstöße! Die DGKJP hat eine ganz klare fachliche Empfehlung zu dem Thema abgegeben und ist damit an die Politik herangetreten: Vor dem 14. Lebensjahr sollte Social Media für Kinder und Jugendliche überhaupt nicht zugänglich sein.

Zählen dazu auch Messengerdienste wie WhatsApp?

Ich will gar nicht über einzelne Messenger reden. Es gibt da einen Konflikt, weil Eltern ihre Kinder oft rund um die Uhr erreichen wollen. Wir empfehlen aber auch, dass es in Schulen keine privaten Geräte geben sollte. Wenn im Unterricht Geräte benötigt werden, um dort etwa Medienkompetenz zu lernen, sollten das Schulgeräte sein, die engmaschig kontrolliert werden. Bei offenen Plattformen gibt es einfach zu viele Gefahren, die man nicht ignorieren kann. (0000/19.04.2026)

Informationen  zum Kongress unter: https://www.dgkjp.de/kongress-und-veranstaltungen/dgkjp-kongress/

Porträtfoto von Marcel Romanos im dunkeln Anzug und mit dunkler Krawatte im Flur des Zentrums für Psychische Gesundheit
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Kongresspräsident.

Anschrift

Zentrum für Psychische Gesundheit | (Bereich F) | Margarete-Höppel-Platz 1 | 97080 Würzburg | Deutschland