Psychische Gesundheit stärken, bevor es kritisch wird

Würzburger Präventionsprogramm DUDE 2.0 startet an 96 Schulen in vier Bundesländern – Schülerinnen und Schüler lernen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen

Der Welttag der Suizidprävention am 10. September richtet den Blick darauf, wie sich Suizide verhindern lassen. Das Würzburger Präventionsprogramm DUDE – „Du und Deine Emotionen“ zeigt dabei einen möglichen Weg, der deutlich früher beginnt: Jugendliche sollen schon vor oder mit Beginn der Pubertät lernen, ihre Gefühle zu verstehen, schwierige Situationen auszuhalten und konstruktive Strategien für deren Bewältigung entwickeln. Dahinter steht die Annahme, dass ein frühzeitiger Umgang mit emotionalen Krisen helfen kann, problematischen Bewältigungsstrategien wie nicht-suizidaler Selbstverletzung entgegenzuwirken. Da dieses Verhalten mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidalität verbunden ist, könnte dieser Ansatz langfristig auch für die Prävention von Suiziden relevant sein. Das Deutsche Zentrum für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP) evaluiert DUDE 2.0 in sechsten und siebten Klassen an 96 Schulen in vier Bundesländern. Im Zentrum der Studie steht die Frage, ob DUDE die Häufigkeit nicht-suizidaler Selbstverletzungen verringern kann. Ergänzend untersucht das Studienteam mögliche Veränderungen weiterer Bereiche der psychischen Gesundheit. 

Würzburg. „In einer unserer Untersuchungen gaben 3,5 Prozent von 877 durchschnittlich zwölf Jahre alten Schülerinnen und Schüler aus sieben unterfränkischen Gymnasien an, bereits mindestens einen Suizidversuch unternommen zu haben. Diese Zahl hat uns sehr erschreckt“, sagt Dr. Arne Bürger, leitender Psychologe der Institutsambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) und geschäftsführender Vorstand des Deutschen Zentrums für Präventionsforschung Psychische Gesundheit (DZPP). Die 2022 veröffentlichte Studie (https://doi.org/10.1016/j.puhip.2022.100348) verdeutlicht, wie früh bereits schwere psychischen Belastungen auftreten. Mit dem Präventionsprogramm DUDE – „Du und deine Emotionen“ – will Bürger mit seinem Team im DZPP deshalb möglichst früh ansetzen. Die Jugendlichen sollen lernen, mit starken Gefühlen und schwierigen Situationen besser umzugehen, bevor sich daraus problematische Bewältigungsstrategien entwickeln.

96 Schulen aus vier Bundesländern nehmen an DUDE 2.0 teil 

Nach einer ersten Studie an 18 Gymnasien in Bayern geht das Projekt DUDE in die nächste Runde: An der Studie DUDE 2.0 nehmen 96 Gesamt-, Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien aus vier Bundesländern teil. Das Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) unter der Leitung von Prof. Peter Heuschmann übernimmt das unabhängige Datenmanagement und begleitet die statistische Auswertung. In Rheinland-Pfalz läuft das multimediale Präventionsprogramm bereits seit einem Jahr an 22 Schulen, in Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt startet es nach den Sommerferien 2026. Das heißt, dass Schülerinnen und Schüler der sechsten und siebten Klassen im Rahmen des regulären Unterrichts in fünf Doppelstunden lernen, eigene Gefühle besser wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren. Mithilfe von Übungen, Spielen und Videos werden Strategien vermittelt, die sich direkt auf Situationen aus dem Alltag übertragen lassen. 

Wenn aus Überforderung Selbstverletzung wird

„Emotionen wie Wut, Angst, Scham oder Verzweiflung können Jugendliche stark belasten. Deshalb ist es wichtig, dass sie frühzeitig lernen, mit diesen intensiven Gefühlen umzugehen. Fehlen geeignete Strategien, kann daraus problematisches Verhalten entstehen, beispielsweise nicht-suizidale Selbstverletzung, kurz NSSV“, berichtet Arne Bürger, der gemeinsam mit Klinikdirektor Prof. Dr. Marcel Romanos DUDE leitet. Bei NSSV verletzen sich Jugendliche absichtlich, ohne dabei sterben zu wollen. NSSV ist daher nicht mit einem Suizidversuch gleichzusetzen, gilt jedoch als Risikomarker für psychische Probleme und geht mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidalität einher. 

Ein statistisches Modell (https://doi.org/10.1186/s13034-023-00699-4) aus der Arbeitsgruppe “Prävention” am DZZP mit mehr als 2.100 Jugendlichen im Alter von durchschnittlich 12,3 Jahren zeigte beispielsweise einen Zusammenhang zwischen Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und der Schwere suizidaler Gedanken und Verhaltensweisen. Dabei offenbarten sich Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Die Studie spricht dafür, die Emotionsregulation bereits früh als möglichen Ansatzpunkt in der Prävention zu berücksichtigen. Anstatt sich beispielsweise selbst zu verletzen, sollen Jugendliche bei DUDE lernen, mit innerer Anspannung, Konflikten oder starken negativen Gefühlen auf andere Weise umzugehen.

Wirkt frühe Prävention?

Ob und inwiefern das Präventionsprogramm DUDE die psychische Gesundheit tatsächlich stärken und vor NSSV schützen kann, wird in der groß angelegten DUDE 2.0-Studie mithilfe von Fragebögen evaluiert. Dazu werden die Schülerinnen und Schüler mehrfach befragt: vor Beginn des Programms, unmittelbar danach sowie nach sechs und zwölf Monaten. Die teilnehmenden Schulen werden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt. Beide Gruppen erhalten Informationsmaterialien zum Umgang mit Stress. Zusätzlich erhält eine Gruppe DUDE sofort, die andere Gruppe erst nach zwölf Monaten, um festzustellen, ob das Programm wirksam ist. 

Eltern die Sorge nehmen, über Suizid und Selbstverletzung zu sprechen

Die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an der Maßnahme setzt natürlich die Einwilligung der Eltern und Jugendlichen voraus. Hier ist noch enorme Aufklärungsarbeit nötig, wie Lena Ehl und Achim Schimanski berichten. Sie koordinieren am DZPP das Projekt, weisen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an den teilnehmenden Schulen ein und bieten Elternabende an. 

„Generell begrüßen es die Eltern sehr, dass über Emotionen gesprochen wird. Doch einige sind besorgt, dass ihre Kinder durch Fragen zu Selbstverletzung und Suizidalität belastet oder dadurch erst auf entsprechende Gedanken gebracht werden könnten“, sagt Achim Schimanski. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern jedoch keine Hinweise darauf, dass eine fachgerecht durchgeführte Befragung zu Suizidalität entsprechende Gedanken oder Handlungen auslöst. Entscheidend sind eine altersangemessene Befragung und ein klar geregeltes Vorgehen, wenn dabei eine akute Belastung sichtbar wird.

„Wenn die Schülerinnen und Schüler angeben, sich noch nie selbst verletzt zu haben, werden ihnen keine weiteren Fragen zu einzelnen Formen der Selbstverletzung gestellt“, schildert Lena Ehl. „Unabhängig davon werden auffällige Angaben im Bereich Suizidalität ernst genommen und nach einem klar festgelegten Verfahren weiter abgeklärt. “ 

Automatisiertes Warnsystem bei akuter Gefährdung

Die ersten Erfahrungen bestätigten, wie wichtig es ist, bei einer Befragung zu psychischen Belastungen ein Sicherheitsnetz einzubauen. „Wenn in einer Studie nach akuter Suizidalität gefragt wird, muss auch klar geregelt sein, was bei ernsthaften Angaben passiert. Solche Krisen dürfen nicht einfach unbeachtet bleiben“, betont Arne Bürger.

So funktioniert das Warnsystem: Sobald eine Schülerin oder ein Schüler im mehrstufigen Fragebogen zur Suizidalität angibt, in den vergangenen zwei Wochen einen Suizid geplant oder gar versucht zu haben, wird das Studienteam alarmiert. Ausschließlich die Studienleitung erhält eine Warnmeldung, in der ein Pseudonym enthalten ist. Sie ist berechtigt, dieses Pseudonym der betreffenden Person zuzuordnen und den benannten schulischen Notfallkontakt zu informieren. Dieser nimmt Kontakt zu der oder dem Jugendlichen und der Familie auf, klärt die Situation ab und vermittelt bei Bedarf weitere Hilfen. Während dieses Prozesses steht die Studienleitung beratend zur Verfügung. „Es kommt vor, dass Kinder wissen möchten, ob wir tatsächlich reagieren. Das ist aber eher die Seltenheit. Es gab bereits Notfälle, in denen eine sofortige Einweisung in die zuständige Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgte und dadurch möglicherweise Schlimmeres verhindert wurde“, schildert Achim Schimanski die Erfahrung aus dem vergangenen Jahr. „So etwas geht auch an uns nicht spurlos vorüber.“ 

Schulen werden zu Partnern der Prävention

Im Rahmen von DUDE schulen Schimanski und Ehl an jeder Schule jeweils zwei Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren, zum Beispiel Lehrkräfte, schulpsychologische Fachkräfte oder sozialpädagogische Fachkräfte, die das Programm an der Schule koordinieren und weitere Personen aus dem schulischen Umfeld einbinden können. Das Konzept ist darauf ausgerichtet, DUDE langfristig in den Schulalltag zu integrieren und eine spätere selbstständige Durchführung durch die Schulen zu ermöglichen. Die Kaufmännische Krankenkasse unterstützt DUDE bereits in beiden Studienphasen. Die Durchführung von DUDE 2.0 wird in Bayern durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultur unterstützt. 

tomoni.schools – Lehrkräfte als Lotsen für psychische Gesundheit

Weitere Schulprojekte des DZPP zur Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind tomoni.schools und tomoni.starts. In Kooperation mit der tomoni mental health gGmbH werden Lehrkräfte darin geschult, Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern zu erkennen. Sie lernen, die Betroffenen wertschätzend anzusprechen und sie sowie ihre Familien an ein geeignetes Hilfssystem weiterzuleiten. Die Lehrkräfte können an insgesamt acht Online-Modulen zu Themen wie Ess- oder Angststörungen, Depressionen, Sucht, selbstverletzendem Verhalten, Suizidalität sowie rechtlichen Grundlagen und Elterngesprächen teilnehmen. Das DZPP evaluiert, ob sich die sogenannte Mental Health Literacy von Lehrkräften verbessert; also ihr Wissen über psychische Erkrankungen, ihre Sicherheit beim Erkennen von Warnzeichen sowie ihre Bereitschaft, betroffene Schülerinnen und Schüler anzusprechen und weiterzuvermitteln. „Das Besondere an der Studie ist, dass wir nicht nur erfassen, wie das Programm das Wissen und die Handlungssicherheit der Lehrkräfte schult, sondern auch, ob die Hilfe bei den Schülerinnen und Schülern tatsächlich ankommt“, sagt Arne Bürger.

Ersthelferkurs Mentale Gesundheit EMG: Wenn Lehrkräfte Ersthelfer werden

Ein ähnliches Konzept wie das von tomoni verfolgt der Ersthelferkurs Mentale Gesundheit (EMG), der inzwischen nicht nur für Einzelpersonen und Unternehmen, sondern auch für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Übungsleiterinnen und -leiter angeboten wird. Der Online-Kurs besteht aus drei je zweistündigen Modulen, die fundiertes Wissen über psychische Gesundheit mit konkreten Handlungsschritten kombinieren.

Kampagne „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“

Zum Welttag der Suizidprävention hat die Arbeitsgruppe regionale Netzwerke des Nationalen Suizidpräventionsprogramms eine bundesweite Kampagne namens „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“ initiiert. Diese wurde im Rahmen des Seminars Medienpraxis an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) entwickelt und realisiert: kampagne.welttag-suizidpraevention.de.

Erwähnte Publikationen:

Christin Scheiner, Jan Grashoff, Nikolaus Kleindienst, Arne Buerger. Mental disorders at the beginning of adolescence: Prevalence estimates in a sample aged 11-14 years. Public Health in Practice. Volume 4. 2022, 100348, ISSN 2666-5352, https://doi.org/10.1016/j.puhip.2022.100348.

Mittermeier, S., Seidel, A., Scheiner, C. et al. Emotional dysregulation and its pathways to suicidality in a community-based sample of adolescents. Child Adolesc Psychiatry Ment Health 18, 15 (2024). https://doi.org/10.1186/s13034-023-00699-4

Illustration von einer Strandsituation, auf der einige Figuren surfen, ein Surfbrett in der Hand halten, glücklich oder traurig schauen. Schriftzug: Gemeinsam mit der Klasse lernen, Emotionswellen zu surfen? Das geht mit DUDE!
Collage der vier freigestellten Personen auf rotem Hintergrund.
Das DUDE-Projektteam aus der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg v. l. n. r.: Lena Ehl und Achim Schimanski, die DUDE koordinieren sowie Arne Bürger und Marcel Romanos, die das Präventionsprogramm leiten.

Das DUDE-Projektteam aus der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg v. l. n. r.: Lena Ehl und Achim Schimanski, die DUDE koordinieren sowie Arne Bürger und Marcel Romanos, die das Präventionsprogramm leiten.

Anschrift

Zentrum für Psychische Gesundheit | (Bereich F) | Margarete-Höppel-Platz 1 | 97080 Würzburg | Deutschland