News aus der Forschung

#MEDtoo – 3 von 4 Studentinnen im Praktischen Jahr wurden sexuell belästigt

Die größte nationale Studie zum Ausmaß, den Umständen und Folgen sexueller Belästigung im Medizinstudium in Deutschland – Ein Interview mit der Autorin Dr. med. Sabine Drossard, Master of Medical Education.

Porträtbild von Sabine Drossard - sie trägt Haare zurück, dunkle Brille und weißen Kittel
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am UKW, untersuchte gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie. © Daniela Zeisel / UKW

Würzburg. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein bekanntes Problem, das auch in der medizinischen Ausbildung vorkommt. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am Uniklinikum Würzburg (UKW), hat gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie untersucht.

An der anonymen Online-Umfrage nahmen 5.681 Studierende von 44 Medizinischen Fakultäten teil. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal BMC Medical Education publiziert und die Ergebnisse auf der Website https://medtoo.de anschaulich zusammengefasst: 49 Prozent haben sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet. 42 Prozent gaben an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Jede zweite betroffene Person erlebt Belästigung sogar mehr als dreimal im Jahr. Mit zunehmender Ausbildungsdauer zeigte sich ein deutlicher Anstieg: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 Prozent der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende. Drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung.  Das Verhalten ging unter anderem von ärztlichem Personal, Lehrenden sowie Mitstudierenden, vor allem aber von Patientinnen und Patienten aus. Die Mehrheit der Vorfälle wurde nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, aufgrund von Abhängigkeiten von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten. 

Frau Drossard, abgesehen davon, dass es sich bei der Querschnittstudie um den bislang größten Datensatz zu diesem Thema in Deutschland handelt, was ist das Besondere an der Studie?

Aufgrund der großen Stichprobe waren erstmals auch Subgruppenanalysen möglich, beispielsweise von Studierenden im PJ und von männlichen Studierenden, die von sexueller Belästigung betroffen waren. Letztere machten immerhin 29,3 Prozent der Studierenden im PJ aus. Bei den Frauen waren es 73,5 Prozent. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir mit unseren Daten zeigen konnten: Sexuelle Belästigung ist kein regionales Problem. Sie betrifft alle Standorte in ganz Deutschland! Wir wollen jedoch niemanden an den Pranger stellen oder unter Generalverdacht setzen. Es ist aber wichtig, dass wir darüber sprechen und hinschauen.

Vielen Täterinnen und Tätern ist möglicherweise gar nicht bewusst, dass sie gerade jemanden sexuell belästigt haben. Was genau fällt eigentlich unter sexuelle Belästigung?

Aus strafrechtlicher Perspektive können viele Vorgänge nicht verfolgt werden. Im Arbeitskontext gilt jedoch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist am 18. August 2006 in Kraft getreten. Ziel des Gesetzes ist es, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Jedes Verhalten, das bezweckt oder bewirkt, dass ich mich in meiner Würde herabgesetzt fühle, ist eine Grenzüberschreitung. Das gilt auch, wenn das Verhalten nicht den Zweck hatte, das Gegenüber zu belästigen. Es geht also um die Wahrnehmung der betroffenen Person. Hat das Verhalten eine Belästigung bewirkt? Wenn du das Gefühl hast, dass das nicht in Ordnung war, dann vertraue auf deine Wahrnehmung. Selbst wenn das Gegenüber sagt, dass es nicht so gemeint war, kann es sich für dich falsch anfühlen. 

Welche typischen Beispiele gibt es denn für Verhalten, „das nicht so gemeint war“? 

Ein klassisches Beispiel sind Komplimente. Sie sind vielleicht sogar nett und freundlich gemeint. Im professionellen Kontext sind sie jedoch nicht angebracht. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Oh, heute habe ich hier aber zwei besonders hübsche Studentinnen, die mir im OP zur Seite stehen“, dann ist das nicht angemessen. Dann werden die Studentinnen nicht in ihrer professionellen Rolle als angehende Ärztinnen wahrgenommen, sondern auf ihr Aussehen reduziert und damit zu Objekten gemacht.

Welche Komplimente sind im beruflichen Kontext denn angebracht? 

Aussagen zu fachlichen Aspekten. Ein Beispiel wäre: „Ich freue mich, zwei so kompetente Studentinnen im OP zu haben.“

Viele fragen sich jetzt wahrscheinlich, ob sie überhaupt noch etwas zu Studierenden sagen dürfen, ohne sofort zur Täterin oder zum Täter zu werden.

Wichtig ist hier vor allem die Bereitschaft zur Reflexion. Es geht nicht darum, pauschal zu sagen: „Ich bin nicht so“, sondern sich ehrlich zu fragen: „Wie wirken meine Aussagen oder mein Verhalten auf andere? Könnten sie vielleicht anders verstanden werden, als ich sie meine?“ Hilfreich ist dabei, sich bewusst in die Perspektive des Gegenübers hineinzuversetzen.

Welche Empfehlungen geben Sie Studierenden bei Grenzüberschreitungen? Reicht bereits eine Äußerung zum Aussehen aus, um sich an das Beschwerdemanagement oder die Beratungsstelle zu wenden?

Wenn eine Äußerung dazu führt, dass ich mich unwohl fühle, darf ich mich in jedem Fall beraten lassen. Oft hilft aber auch schon, ungewolltes Verhalten anzusprechen und Grenzen zu setzen. In meinen Workshops mit Studierenden üben wir unter anderem den Umgang mit solchen Situationen. Vielleicht schafft die betroffene Person es in diesem Moment, den Mut aufzubringen und zu sagen: „Ja, und kompetent bin ich auch.“ Oder: „Ich finde es nicht gut, dass Sie mein Aussehen kommentieren, denn ich bin hier in einer professionellen Rolle.“ Wer das in der Situation nicht spontan schafft, kann auch später einen Termin ausmachen und das Thema freundlich und professionell ansprechen, zum Beispiel so: „Sie haben gestern dies und jenes gesagt. Wahrscheinlich haben Sie das nett gemeint. Dennoch hat es dazu geführt, dass ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe. Ich möchte bitte keine Kommentare über mein Aussehen hören.“ Um sich die passenden Worte zurechtzulegen, kann auch ein Gespräch mit einer dritten Person oder der Beratungsstelle helfen.

Welche Belästigungen sind definitiv ein Fall für die Beratungs- bzw. Beschwerdestelle? 

Wenn man sich von einer Situation beeinträchtigt fühlt, sie einen traurig oder wütend macht und man nicht aufhören kann, darüber nachzudenken, sollte man das nicht mit sich alleine ausmachen. Manchmal hilft es, sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen auszutauschen und zu erfahren, wie sie oder er die Situation wahrgenommen hat. Viele suchen das Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund. Die Beratungsstelle ist in jedem Fall auch eine kompetente Anlaufstelle. 

Frühere Studien zeigen, dass sexuelle Belästigungen erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. Sie gehen mit einer erhöhten psychischen Belastung einher, verstärken Stress und Angst und können das Lernen sowie die berufliche Entwicklung beeinträchtigen. Zudem können sie Burnout begünstigen. 

Ja, unsere Erhebung bestätigt internationale Studien. Unsere Auswertung ergab, dass jede zweite betroffene Person psychisch belastet ist. 68 Prozent gaben an, Personen oder Situationen aufgrund ihrer Erfahrungen zu meiden. 46 Prozent berichteten, dass die Erfahrungen ihre Wahl der Facharztrichtung beeinflusst hätten. 

In der Befragung weisen chirurgische Fächer mit 1.300 Nennungen die höchste Belastungsrate auf, gefolgt von der Inneren Medizin mit 946 und der Allgemeinmedizin mit 507 Nennungen. Was sagen Sie als Kinderchirurgin dazu? 

Diese Zahlen müssen mit etwas Vorsicht interpretiert werden: Chirurgie und Innere Medizin sind große Fächer mit einem hohen Anteil an der klinischen Ausbildung. Allein durch die Pflichttertiale im Praktischen Jahr, die Blockpraktika und die Einsätze im klinischen Alltag besteht hier eine deutlich höhere Exposition, sodass auch mehr Studierende potenziell belastende Erfahrungen machen können. Dennoch fällt auf, dass chirurgische Fächer im Vergleich zur Inneren Medizin nochmals deutlich häufiger genannt wurden.

Wie sind Sie zur Chirurgie gekommen? 

Ich wollte zu Beginn meines Studiums eigentlich unbedingt Chirurgin werden, obwohl dieser Beruf sehr stark mit Gender-Stereotypen konnotiert ist und als Männerdomäne galt. Zwischenzeitlich haben mich die Kultur und die teilweise sehr hierarchischen Strukturen dann aber abgeschreckt. Mir wurde auch mehrfach davon abgeraten, als Frau eine chirurgische Karriere einzuschlagen.

Im Praktischen Jahr hatte ich dann aber das Glück, auf einer sehr guten Station zu arbeiten. Auch durch einen Mentor, der mich ermutigt und gefördert hat, habe ich die Chirurgie wieder für mich entdeckt. Die zweite Hälfte meines chirurgischen Tertials habe ich schließlich in der Kinderchirurgie verbracht – und dort habe ich mich sofort wohlgefühlt. Die Kultur erlebe ich in der Kinderchirurgie insgesamt als etwas weniger hierarchisch.

Apropos Hierarchie: In der Medizin sind starke hierarchische Strukturen weit verbreitet. Diese erhöhen das Risiko sexueller Belästigungen, erschweren aber auch den Umgang mit Grenzüberschreitungen. Nur 12,7 Prozent der Betroffenen meldeten einen entsprechenden Vorfall.

Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist definitiv mehr als eine individuelle Erfahrung: Sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Aufgrund bestehender Abhängigkeitsverhältnisse und möglicher negativer Konsequenzen adressieren oder melden viele Betroffene den Vorfall jedoch nicht. In unserer Befragung hatten 38 Prozent der Betroffenen Angst vor negativen persönlichen Folgen. Fast jede zweite betroffene Person kannte die Meldewege zudem nicht oder fand sie unklar. Auch gab jede zweite betroffene Person an, kein konsequentes Handeln bei sexueller Belästigung wahrgenommen zu haben.

Als Gründe gegen eine Meldung wurden Scham- und Schuldgefühle (32,1 %) sowie Unsicherheit bei der Einordnung des Vorfalls (71,7 %) angegeben.

Die Unsicherheit bei der Einordnung ist ein sehr wichtiger Punkt – generell, was das Thema sexuelle Belästigung angeht, aber besonders in der Medizin, wo Körperlichkeit eine größere Rolle spielt und die Gesprächskultur möglicherweise anders ist. Bei der ersten Frage sollten die Studierenden beispielsweise ankreuzen, ob sie selbst betroffen sind. Es gab die Antwortmöglichkeiten „Ja”, „Nein”, „Ich bin mir nicht sicher” und „Keine Angabe”. 15 Prozent gaben an, sich nicht sicher zu sein. Das fand ich interessant, denn das bedeutet wahrscheinlich „Ja”.

Sie sprechen aus Erfahrung. Im Rahmen einer qualitativen Vorarbeit haben Sie in Augsburg Interviews mit Studierenden im PJ geführt. Dabei haben Sie differenzierte Einblicke in deren Erleben und die Schwierigkeiten bei der Einordnung von Belästigung erhalten. Die Studie ist ebenfalls im „BMC Medical Education” erschienen.

Tatsächlich wurde von vielen Studierenden berichtet: „Naja, mich betrifft es ja eigentlich nicht. Ich wurde schließlich nie angefasst.“ Oftmals werden nur körperliche Übergriffe als Belästigung gewertet. Im Laufe des Interviews stellte sich jedoch heraus, dass vieles verdrängt wurde. Die Betroffenen haben vielleicht ein ungutes Gefühl wahrgenommen, das dann im Klinikalltag unterging. Deshalb beschäftige ich mich in meinen Seminaren zunächst einmal mit der Definition. Was ist eine Grenzüberschreitung überhaupt? Wie erkenne ich sie?

Haben Sie selbst im Medizinstudium sexuelle Belästigung erfahren? 

Durchaus. Das reichte von Kommentaren über das Aussehen bis hin zu scheinbar zufälligen Berührungen im OP. Es gab zahlreiche Situationen, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte. Heute weiß ich, dass sie nicht in Ordnung waren und Grenzen überschritten wurden. Auch diskriminierende Aussagen oder das Gefühl, als Frau nicht selbstverständlich dazuzugehören, haben dabei eine Rolle gespielt.

Basierend auf den Ergebnissen haben Sie in Würzburg ein Lehrprojekt entwickelt, das gezielt auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten ist und Medizinstudierende im Umgang mit Grenzüberschreitungen im Klinikalltag stärken soll. Das Projekt wurde im Sommersemester 2025 erstmals am UKW durchgeführt und ist nun als Wahlangebot verstetigt. Sollte das nicht zum Pflichtfach für alle Studierenden werden?

Eigentlich müsste das sogar schon viel früher gelehrt werden – nämlich in der Schule. Es geht dabei nicht nur um Belästigung, sondern auch um rassistische und stereotype Kommentare übereinander und voneinander. Man kann nicht früh genug ein Gespür dafür entwickeln, wie man respektvoll miteinander umgeht. Am Ende geht es für mich immer um Respekt. Respekt vor anderen Personen, aber auch Respekt vor mir selbst.

Kommen wir zu den Täterinnen und Tätern. Im universitären Betrieb wurden Mitstudierende mit 70 Prozent am häufigsten von den Betroffenen genannt, gefolgt von Professorinnen und Professoren mit 54 Prozent. In der Klinik bilden die Patientinnen und Patienten mit 94 Prozent die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt vom ärztlichen Personal. Welche Risikobereiche gibt es in der Klinik? 

Zu den Risikobereichen zählen neben praktischem Unterricht mit Patientinnen und Patienten das Pflegepraktikum, Famulaturen, das PJ sowie Einsätze im OP. 

Welche Art von Belästigung geht von Patientinnen und Patienten aus?

Patientinnen und Patienten äußern sich häufig zum Aussehen. Darüber hinaus erleben Studierende und Ärztinnen oft geschlechtsbasierte Zuschreibungen oder Diskriminierung. Das bedeutet, dass sie in ihrer professionellen Rolle nicht immer selbstverständlich ernst genommen werden. Dahinter stehen häufig tief verwurzelte gesellschaftliche Rollenbilder. Auch wenn solche Aussagen im Einzelfall vielleicht nicht bewusst verletzend gemeint sind, beschäftigen sie die Betroffenen oft sehr.

Es kommt beispielsweise immer noch vor, dass ich gefragt werde, ob denn heute noch ein Arzt kommt. Wenn Sie weibliche Kolleginnen in der Medizin fragen, werden viele ähnliche Erfahrungen schildern. Frauen werden leider häufig unterschwellig als weniger kompetent wahrgenommen. Gleichzeitig betrifft das Thema auch jüngere Männer – auch sie werden oft zunächst als weniger erfahren oder weniger kompetent eingeschätzt als ältere Kolleginnen und Kollegen.

Auch wenn Stereotype in der Gesellschaft keine Form von Belästigung oder vorsätzlicher Diskriminierung darstellen, sind sie dennoch ein Wahrnehmungsproblem und scheinbar ein hartnäckiges. Wie ließe es sich aufweichen?

Frauen müssen sichtbarer werden. Neben der Repräsentation von weiblichen Rollen und Vorbildern – zum Beispiel in den Medien – sollten wir auch die Sprache verändern. Gendersensible Sprache ist keine Luxusoption, sondern wichtig. Das fängt im Klinikalltag an. Ein Patient im Krankenzimmer klingelt, die Pflegekraft kommt herein und sagt: „Der Arzt kommt gleich.“ Tritt kurze Zeit später eine Ärztin ein, fällt es dem Patienten schwerer, sie als Ärztin einzuordnen. Es ist banal, aber unser Gehirn hat Schwierigkeiten, sich etwas vorzustellen, das nicht benannt wird. 

Den Eltern meiner kleinen Patientinnen und Patienten sage ich deshalb immer, dass sie die Fäden gern bei der Kinderärztin ziehen lassen können. Immerhin sind 70 Prozent der Kinderärzt*innen weiblich. Manche sind dann irritiert und sagen: „Wir haben doch einen Kinderarzt.“ Umgekehrt hört man selten, dass sie eine Kinderärztin haben, wenn man vom Kinderarzt spricht.

Nehmen ihre männlichen Kollegen die Diskriminierung wahr? 

Scheinbar nicht. Als ich vor einigen Jahren einem männlichen Kollegen davon berichtete, fiel er aus allen Wolken. Ich habe ihn gefragt, wie oft ihm auf dem Stationsflur ein Urinbecher in die Hand gedrückt wird. Noch nie. Mir und meinen weiblichen Kollegen passiert das hingegen jeden zweiten Tag – nach dem Motto: „Hier, können Sie das mal mitnehmen.“

Wie reagieren Sie, wenn jemand Ihre Kompetenz herabsetzt?

Früher habe ich mich darüber sehr geärgert. Je höher ich in der Position komme, desto leichter fällt es mir, lässig darüber zu stehen. Inzwischen stelle ich mich auch immer mit meiner Position vor, damit die Patientinnen und Patienten wissen, mit wem sie es zu tun haben und an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Wichtig ist auch, explizit zu sagen, wenn Studierende Teil des Behandlungsteams sind. Ich stelle alle Studierenden, die mit den Patientinnen und Patienten in Kontakt stehen, zum Beispiel als meine jungen Kolleginnen und Kollegen vor. Sie sind kein Bonus, optional, Luxus oder Beiwerk. Für die Studierenden ist es sehr wichtig, dass sie in dieser Rolle wahrgenommen werden und sich auch gesehen und wichtig genommen fühlen.

Den Lehrenden kommt also ebenfalls eine besondere Verantwortung zu.

Sie sollten für die spezifischen Risiken, denen Studierende ausgesetzt sind, sensibilisiert sein. Sie sollten proaktiv über mögliche Grenzüberschreitungen aufklären und ihre Position nutzen, um ein konsequentes Vorgehen gegenüber entsprechendem Verhalten zu etablieren. 

Man darf und sollte auch Patientinnen und Patienten in die Schranken weisen, wenn sie Grenzen überschreiten. Das signalisiert den Studierenden, dass der Vorfall wahrgenommen wurde und missbilligt wird. Zudem sollten wir Studierende in solchen Situationen aktiv unterstützen, ihre Handlungssicherheit stärken und sie bei Bedarf an geeignete Stellen und Angebote verweisen.

Aus ihren Studien haben sie Handlungsempfehlungen für medizinische Fakultäten und Kliniken abgeleitet.

Es besteht dringender Handlungsbedarf, was strukturelle Reformen betrifft. Insbesondere sind wirksame Präventionsprogramme, klar definierte und niedrigschwellige Meldewege sowie verlässliche Schutzstrukturen für Studierende erforderlich. Am UKW bestehen hierfür bereits etablierte Angebote, etwa durch eine Beratungsstelle für Beschäftigte mit der Möglichkeit zur anonymen Meldung. Im deutschlandweiten Vergleich ist das UKW damit strukturell gut aufgestellt.

Letztlich bedarf es jedoch eines nachhaltigen kulturellen Wandels im medizinischen System, um Grenzüberschreitungen konsequent entgegenzuwirken.

Über Dr. med. Sabine Drossard, MME

Sabine Drossard wurde 1986 in Regensburg geboren und wuchs im Rheinland auf. Sie studierte an der TU München Humanmedizin und absolvierte in Augsburg und München ihre Weiterbildung in der Kinderchirurgie, mit Rotation in der Pädiatrie und pädiatrischer Intensivmedizin. Ihre Promotion schloss sie am Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin der LMU München ab. Neben der Weiterbildung machte die Kinderchirurgin einen berufsbegleitenden Master of Medical Education (MME). Seit November 2023 ist Sabine Drossard Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie am UKW.

Publikationen:

Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9

Sabine Drossard, Iris Warnken, Marco Kuchenbaur, Anja Härtl & Inga Hege. #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study. BMC Med Educ 26, 584 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-09090-1

Links:

Die Ergebnisse der Studie wurden auf der Webseite www.medtoo.de übersichtlich und laienverständlich aufbereitet. 

Sabine Drossard in der UKW-Serie „WomenInScience“ zu ihrer Forschung: Universitätsklinikum Würzburg: WomenInScience: Sabine Drossard

Sabine Drossard im Podcast der Apotheken Umschau “Frau Doktor, übernehmen Sie!” - Folge 88 - Sexuelle Belästigung im Medizinstudium. https://www.apotheken-umschau.de/podcast/episode/frau-doktor-uebernehmen-sie-ueber-frauenkarrieren-in-der-medizin/sexuelle-belaestigung-im-medizinstudium-drei-von-vier-frauen-im-pj-betroffen-1513585.html

Anonyme Meldestelle der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): https://www.bvmd.de/gleichstellung/

Beratungsstelle für Beschäftigte des UKW: https://www.ukw.de/zentrale-einrichtungen-und-service-einrichtungen/beratungsstelle-fuer-beschaeftigte-des-ukw/schaedigendes-verhalten/

Webseite der Universität Würzburg um Sexismus in der Medizinischen Lehre: https://www.med.uni-wuerzburg.de/fachschaft/infos-und-angebote/sexismus-in-der-medizinischen-lehre/
 

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation am UKW 

Porträtbild von Sabine Drossard - sie trägt Haare zurück, dunkle Brille und weißen Kittel
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am UKW, untersuchte gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie. © Daniela Zeisel / UKW

Welche Hygienemaßnahmen schützen am besten vor Krankenhauskeimen?

NUM-Projekt PREVENT untersucht wie sich Blutstrominfektionen verursacht durch Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) verhindern lassen

Porträt von Stefanie Kampmeier, die Professorin trägt die dunklen Haare im Pferdeschwanz, einen blauen Blazer und weißes T-Shirt
Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der zentralen Einrichtung Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW), initiierte im NUM-Fachnetzwerk Infektionen (SNID), dessen Co-Sprecherin sie ist, die Studie PREVENT (Prevention of bloodstream infections with vancomycin resistant enterococci). © Franziska Kammer / UKW
Links eine Frau in gelbem Schutzkittel mit Maske, Haube und Handschuhen, rechtes ein Spender mit Händedesinfektionsmittel und Arme, die das Gerät bedienen.
In der Beobachtungsstudie PREVENT wird der Einfluss der verschiedenen Hygienemaßnahmen auf VRE-Blutstrominfektionen geprüft. Dabei wendet jede der 22 teilnehmenden Universitätskliniken konsequent die Maßnahme an, die bei ihr derzeit Standard ist. Einige Kliniken setzen die sogenannte Handschuh-Kittel-Pflege um, andere isolieren die Patienten konsequent auf allen Stationen und wieder andere nur in Hochrisikobereichen. Einige Kliniken setzen keine dieser Maßnahmen um, achten lediglich auf eine gründliche Händedesinfektion. © Collage Salih Usta / UKW / Canva

Obwohl Enterokokken natürliche Darmbewohner sind, gelten Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) als typische multiresistente Krankenhauskeime. Sie treten vor allem in Kliniken und Pflegeeinrichtungen auf, wo sie durch Faktoren wie immungeschwächte Patientinnen und Patienten, den häufigen Einsatz von Antibiotika und invasive Eingriffe begünstigt werden. Die neue Studie PREVENT im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) untersucht, wie häufig Blutstrominfektionen durch VRE auftreten und welche Faktoren – etwa der Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten, die Behandlung oder die eingesetzten Hygienemaßnahmen im Krankenhaus – dabei eine Rolle spielen. Ziel ist es, herauszufinden, welche Maßnahmen wirklich wirksam sind, um Infektionen besser zu verhindern. Initiiert wurde die Studie, an der 22 Universitätskliniken teilnehmen, von Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der Zentralen Einrichtung für Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW).

Würzburg. Enterokokken gehören zur natürlichen Darmflora und sind für die meisten Menschen harmlos. Problematisch können die widerstandsfähigen Bakterien jedoch werden, wenn sie in das Blut, die Harnwege oder Wunden gelangen und dort Infektionen verursachen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn körpereigenen Abwehrkräfte geschwächt sind. Verkompliziert wird die Situation, wenn Enterokokken gegen Antibiotika resistent sind, beispielsweise gegen Vancomycin. Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) bergen eine große Gefahr in Krankenhäusern. Denn hier treffen viele Risikofaktoren zusammen: immunsupprimierende Therapien, häufige Antibiotikagaben, die Resistenzen fördern, sowie medizinische Eingriffe, die zusätzliche Eintrittspforten für die Erreger schaffen. Gelangen VRE in den Blutkreislauf, können sie eine Blutstrominfektion auslösen, die zu einer Sepsis führen kann. Dabei handelt es sich um eine überbordende Entzündungsreaktion, die im schlimmsten Fall zu einem Multiorganversagen führt. 

Studie PREVENT wird im Rahmen des NUM-Fachnetzwerks Infektionen (SNID) gefördert

Das A und O ist also die Verhinderung dieser lebensgefährlichen VRE-Blutstrominfektionen. „PREVENT - Prevention of bloodstream infections with vancomycin resistant enterococci“ - heißt daher auch das neue Projekt im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Initiiert wurde die multizentrische Studie von Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der zentralen Einrichtung Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW). Die Professorin für Krankenhaushygiene ist Fachärztin sowohl für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie als auch für Hygiene und Umweltmedizin. Vor kurzem wurde sie zur Sektionssprecherin des Bayerischen Surveillancezentrums (BaySurv) gewählt, das sich im Rahmen des Bayerischen Zentrums für präventive Infektionsmedizin (BZI) mit der kontinuierlichen Überwachung relevanter Erreger unter Einsatz moderner molekularer und datenbasierter Methoden befasst. Last but not least ist Stefanie Kampmeier Co-Sprecherin des NUM-Fachnetzwerkes Infektionen (SNID - Specialty Network Infectious Diseases).

„Wer bedankt sich schon dafür, dass er sich im Krankenhaus nicht mit einem multiresistenten Erreger angesteckt hat?“

Dass ihr PREVENT-Projekt nun zu den sechs Studien gehört, die im SNID vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert werden, freut Stefanie Kampmeier ganz besonders. Dies ist ein großer Erfolg. Hygiene führe oft ein Schattendasein, da sie von vielen als selbstverständlich hingenommen wird. „Wer bedankt sich schon dafür, dass er sich im Krankenhaus nicht mit einem multiresistenten Erreger angesteckt hat?“, fragt Stefanie Kampmeier. Dabei ist es eben nicht selbstverständlich. Zudem sind viele Faktoren zur Ursache, Entstehung, Verbreitung und Vermeidung noch nicht geklärt.

Mehr Evidenz für die Ausarbeitung nationaler Handlungsempfehlungen zum hygienischen Umgang mit VRE

Die Projektleiterin zählt die Ziele von PREVENT auf: „Zunächst schauen wir uns an, wie häufig Patientinnen und Patienten in deutschen Universitätskliniken Blutstrominfektionen durch VRE bekommen. Anschließend untersuchen wir, welche Faktoren – von den Patientinnen und Patienten über die Erregerstämme bis hin zur Krankenhausorganisation – das Risiko beeinflussen. Hierbei interessiert uns insbesondere, welchen Einfluss Hygienemaßnahmen und der kontrollierte Einsatz von Antibiotika auf eine VRE-Blutstrominfektion haben. Außerdem analysieren wir, welche prognostischen Faktoren den Krankheitsverlauf bei den Betroffenen bestimmen.“

Am Ende erhofft sich das Studienteam mehr Evidenz für die Ausarbeitung nationaler Handlungsempfehlungen zum hygienischen Umgang mit VRE in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen. 

Unterschiedliche Hygienemaßnahmen, Auffassungen und Umsetzungen 

Die Handlungsempfehlungen des Robert Koch-Instituts, die von der Kommission für Infektionsprävention in medizinischen Einrichtungen sowie in Einrichtungen und Unternehmen der Pflege und Eingliederungshilfe (KRINKO) herausgegeben werden sind Kampmeier zufolge im Augenblick noch sehr generisch formuliert. Entsprechend unterschiedlich werden die Hygienemaßnahmen in Kliniken und Krankenhäusern sowie auf den einzelnen Stationen umgesetzt.

„Wenn wir von Hygiene sprechen, dann meinen wir damit eher Bündelmaßnahmen zur Infektionsprävention“, sagt Stefanie Kampmeier. Dazu gehört zum Beispiel die Isolierung von Patientinnen und Patienten bei einem Nachweis von multi-resistenten oder hoch-infektiösen Krankheitserregern. Hinzu kommen Flächendesinfektionsmaßnahmen, die Einbindung von Patientinnen und Patienten, beispielsweise in die Händedesinfektion, sowie das Tragen von Schutzkleidung wie Kittel und Handschuhe. Jeder handele anders. Und selbst wenn alle von Schutzkleidung reden, ist nicht zwingend klar, ob dasselbe gemeint ist.

Das UKW setzt aktuell auf weniger Isolation und mehr Händedesinfektion und Monitoring – mit Erfolg

Als Stefanie Kampmeier im Juli 2023 ans UKW kam, wurden Patientinnen und Patienten nach Stammzelltransplantationen sowie schwerkranke Personen mit VRE-Nachweis isoliert. In Absprache mit den einzelnen Kliniken setzte Kampmeier durch, dass niemand mehr isoliert wird, dafür aber die basishygienischen Maßnahmen und das Monitoring intensiviert werden. „Tatsächlich sind bei uns die Blutstrominfektionen gesunken“, freut sich Kampmeier. Ihre Begründung: „Wenn ich Patienten mit multiresistenten Keimen isolieren muss und mir bei jedem Kontakt die komplette Schutzausrüstung anziehen muss, verliere ich sehr viel Zeit, die ich besser am und mit dem Patienten verbringen könnte. Je häufiger ich den Patienten sehe, desto schneller kann ich auf Verschlechterungen reagieren." Auch der psychologische Nutzen für die Patienten sei nicht zu unterschätzen. „Im Moment gibt uns der Erfolg Recht“, sagt Kampmeier. „Doch auf die bundesweite stationäre Versorgung bezogen, fehlt noch der wissenschaftliche Beleg, welche Maßnahmen wirklich nützen, um VRE-Infektionen zu verhindern.”

Ganzgenomsequenzierung der Erreger

Auch die Erreger selbst sollen untersucht werden. Mithilfe von Ganzgenomsequenzierungen sollen genetische Fingerabdrücke der Erreger erstellt und Risikoprofile identifiziert werden, um aus diesen gezielte Präventionsmaßnahmen abzuleiten. 

„Es gibt so viele spannende Aspekte, die zur interdisziplinären Infektionsprävention beitragen und ganzheitlich Mensch und Erreger mit einbeziehen sollten. Genau das macht meine und unsere gemeinsame Arbeit so reizvoll“, sagt Stefanie Kampmeier. 

Deutsche Universitätskliniken bündeln ihre Forschungsaktivitäten für besseres Krisenmanagement und schnelle praxisrelevante Erkenntnisse 

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit der Universitätsmedizin für eine schnelle und koordinierte klinische Forschung zur Pandemie Preparedness ist. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2020 das NUM gegründet. In diesem Netzwerk bündeln die deutschen Universitätskliniken ihre Forschungsaktivitäten und bauen gemeinsame Infrastrukturen für multizentrische Studien auf. Das NUM-Studiennetzwerk bildet das Herzstück dieser Zusammenarbeit und stellt organisatorische und methodische Strukturen für klinische Studien bereit. Ergänzt wird es durch drei thematische Fachnetzwerke (Infektionen, Intensivmedizin und Schlaganfall), in denen Expertinnen und Experten verschiedener Standorte ihre wissenschaftliche und klinische Expertise zu spezifischen Krankheitsfeldern zusammenführen. 

Über das NUM Studiennetzwerk (NUM SN) und seine Fachnetzwerke im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM)

Das NUM Studiennetzwerk ist eine zentrale Initiative, entstanden als spezialisierte Forschungsinfrastruktur innerhalb des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM). Im NUM führen erstmalig alle 37 deutschen Standorte der Universitätsmedizin gemeinsam große interdisziplinäre klinische Forschungsprojekte durch. Ziel des NUM Studiennetzwerks ist die Optimierung von Prozessen, die Vernetzung von Akteur*innen und die Beschleunigung der klinischen und klinisch-epidemiologischen Forschung in Deutschland. Die drei Fachnetzwerke im NUM Studiennetzwerk erheben standardisiert klinische Forschungsdaten und sammeln Bioproben, um einen standortübergreifenden Datenpool im jeweiligen Fachbereich aufzubauen.

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Porträt von Stefanie Kampmeier, die Professorin trägt die dunklen Haare im Pferdeschwanz, einen blauen Blazer und weißes T-Shirt
Prof. Dr. Stefanie Kampmeier, Leiterin der zentralen Einrichtung Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am Uniklinikum Würzburg (UKW), initiierte im NUM-Fachnetzwerk Infektionen (SNID), dessen Co-Sprecherin sie ist, die Studie PREVENT (Prevention of bloodstream infections with vancomycin resistant enterococci). © Franziska Kammer / UKW
Links eine Frau in gelbem Schutzkittel mit Maske, Haube und Handschuhen, rechtes ein Spender mit Händedesinfektionsmittel und Arme, die das Gerät bedienen.
In der Beobachtungsstudie PREVENT wird der Einfluss der verschiedenen Hygienemaßnahmen auf VRE-Blutstrominfektionen geprüft. Dabei wendet jede der 22 teilnehmenden Universitätskliniken konsequent die Maßnahme an, die bei ihr derzeit Standard ist. Einige Kliniken setzen die sogenannte Handschuh-Kittel-Pflege um, andere isolieren die Patienten konsequent auf allen Stationen und wieder andere nur in Hochrisikobereichen. Einige Kliniken setzen keine dieser Maßnahmen um, achten lediglich auf eine gründliche Händedesinfektion. © Collage Salih Usta / UKW / Canva

DGIM prämiert Würzburger App Axia für Bewegungstherapie bei axialer Spondyloarthritis

Peter-Müller-Innovationspreis 2026 für Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) Axia

le Maire und Möckel stehen auf der Bühne und halten die Urkunde in den Händen
Maxime le Maire (links), Doktorand am Universitätsklinikum Würzburg und Mitentwickler der App Axia im Rahmen des Start-ups Applimeda, nahm den Peter-Müller-Innovationspreis 2026 von Prof. Dr. Martin Möckel von der Charité Universitätsmedizin Berlin entgegen. © DGIM / Sven Bratulic
Illustration mit feierndem Maskottchen Bechto (ein Wirbelkörper) sowie einer Hand, die ein Smartphone mit App Axia in der Hand hält und der Überschrift Axia ist erste Rheuma-DiGA.
Mit der Zulassung der in Würzburg entwickelten App „Axia“ für Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) steht nun erstmals eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung in Deutschland zur Verfügung. © UKW
Selfie von Marc Schmalzing, der den Arm um Patrick-Pascal Strunz gelegt hat - beide lachen in die Kamera
Die Würzburger Rheumatologen Patrick-Pascal Strunz (links) und Marc Schmalzing freuen sich über die gute Resonanz auf die App für Personen mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) - hier auf dem Europäischen Rheumatologie-Kongress (EULAR) im Juni 2025 in Barcelona. © Marc Schmalzing / UKW

Die in Würzburg entwickelte Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) Axia wurde von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) auf dem 132. Internistenkongress in Wiesbaden mit dem 1. Preis des renommierten Peter-Müller-Innovationspreis 2026 ausgezeichnet. Die Auszeichnung ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert und wird jährlich für innovative digitale Entwicklungen mit medizinischem Nutzen vergeben. Axia kombiniert Übungsvideos, Wissensinhalte, Symptomtracking und alltagsnahe Unterstützung zur regelmäßigen Durchführung der personalisierten Bewegungstherapie bei axialer Spondyloarthritis.

Würzburg. „Dass die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin eine Therapie-App für die axiale Spondyloarthritis mit dem ersten Preis auszeichnet - obwohl die Rheumatologie eher zu den kleinen Fächern der Inneren Medizin zählt – ist eine ganz besondere Anerkennung für uns“, sagt PD Dr. Marc Schmalzing, Leiter des Schwerpunktes Rheumatologie/Klinische Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Axia, die gerade als erste Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für entzündlich-rheumatische Erkrankungen zugelassen wurde, hat die Jury des Peter-Müller-Innovationspreis überzeugt. Die App setzte sich in einem Pitch auf dem 132. Internistenkongress in Wiesbaden durch und gewann den ersten Platz.

DiGA Axia verbessert die Versorgung bei axialer Spondyloarthritis zusätzlich zur medikamentösen Therapie 

Axia richtet sich an Menschen mit axialer Spondyloarthritis, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule. Die App bietet individualisierte Übungsprogramme mit über 250 Übungsvideos, passt Inhalte an Beschwerden, Einschränkungen und Krankheitsverlauf an und unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, regelmäßig aktiv zu bleiben. Mit Erfolg. Erst kürzlich wurden die Ergebnisse der randomisiert-kontrollierten Studie mit 200 Teilnehmenden in der Fachzeitschrift „Annals of the Rheumatic Diseases“ publiziert (https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016). Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die das Standardverfahren erhielt, zeigte die Interventionsgruppe mit der Axia-App signifikante Verbesserungen in der Krankheitsaktivität, der Funktionsfähigkeit sowie der Lebensqualität. Mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten erreichte ein klinisch relevantes Therapieansprechen – deutlich mehr als in der Kontrollgruppe.

Axia schließt Versorgungslücke

„Axia integriert eine zentrale Säule der Therapie – die Bewegung – konsequent in den Alltag der Betroffenen und schließt damit eine bedeutende Versorgungslücke“, kommentiert Professor Dr. Martin Möckel, Vorsitzender der DGIM-Projektgruppe „DiGA/KI in Leitlinien“ und Mitglied der Jury des Peter-Müller-Innovationspreises.

Die digitale Therapiehilfe wurde von den Würzburger Medizinstudenten Maxime Le Maire und Tobias Heusinger sowie dem Informatiker Robert Leppich im Rahmen des Start-ups Applimeda und in Zusammenarbeit mit der der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. (DVMB) und der Rheumatologie des UKW entwickelt. 

Neben Maxime Le Maire, der den Preis auf dem 132. Internistenkongress in Wiesbaden entgegennahm, freut sich auch PD Dr. Patrick-Pascal Strunz, Rheumatologe und Leiter der Studien zu Axia am UKW, über die Auszeichnung: „Die Auszeichnung würdigt den hohen klinischen Nutzen von Axia und spricht für die hohe Qualität unserer in Würzburg entwickelten App sowie der durchgeführten Studien. Unsere Studien zeigen, dass Axia eine sichere und wirksame ergänzende, nicht-medikamentöse Behandlungsoption darstellt, um die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis zusätzlich zur medikamentösen Therapie zu verbessern.“

Peter-Müller-Innovationspreis für innovative digitale Entwicklungen mit medizinischem Nutzen

Stifter des mit 10.000 Euro dotierten Peter-Müller-Innovationspreis ist die custo med GmbH mit Sitz in Ottobrunn. Mit dem Preis würdigt die DGIM digitale Innovationen, die einen besonderen Nutzen für Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte versprechen und die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen.

„Mit digitalen Tools lassen sich Versorgungslücken schließen – insbesondere bei chronischen Erkrankungen, bei denen der Therapieerfolg entscheidend vom Verhalten im Alltag abhängt“, so DiGA-Experte Möckel. Der Peter-Müller-Innovationspreis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert - 1. Preis 5.000 €, 2. Preis 3.000 € und 3. Preis 2.000 €. Die weiteren Preise gingen an smartNTx, ein digitales Versorgungsangebot zur Nachsorge nach Nierentransplantation, sowie an die Macher von Kaia, einer DiGA für multimodale Schmerztherapie. 

Pressemeldung zur Zulassung

Pressemeldung zu den Ergebnissen der Studie

le Maire und Möckel stehen auf der Bühne und halten die Urkunde in den Händen
Maxime le Maire (links), Doktorand am Universitätsklinikum Würzburg und Mitentwickler der App Axia im Rahmen des Start-ups Applimeda, nahm den Peter-Müller-Innovationspreis 2026 von Prof. Dr. Martin Möckel von der Charité Universitätsmedizin Berlin entgegen. © DGIM / Sven Bratulic
Illustration mit feierndem Maskottchen Bechto (ein Wirbelkörper) sowie einer Hand, die ein Smartphone mit App Axia in der Hand hält und der Überschrift Axia ist erste Rheuma-DiGA.
Mit der Zulassung der in Würzburg entwickelten App „Axia“ für Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) steht nun erstmals eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung in Deutschland zur Verfügung. © UKW
Selfie von Marc Schmalzing, der den Arm um Patrick-Pascal Strunz gelegt hat - beide lachen in die Kamera
Die Würzburger Rheumatologen Patrick-Pascal Strunz (links) und Marc Schmalzing freuen sich über die gute Resonanz auf die App für Personen mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) - hier auf dem Europäischen Rheumatologie-Kongress (EULAR) im Juni 2025 in Barcelona. © Marc Schmalzing / UKW

Wie aussagekräftig und fair sind VR-Prüfungen?

Würzburger Arbeitsgruppe „VR-Simulation im Medizinstudium“ veröffentlicht neue Erkenntnisse aus zwei Studien zu VR-Prüfungen in hochrangigen Fachzeitschriften für Digital Health

Großaufnahme des Anwenders mit VR-Brille und Hand mit Controller
Die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, kann die klinische Beurteilung in der virtuellen Realität verzerren. © Liam König / UKW
VR-Situation aus Sicht des Anwenders: links im Bildrand die VR-Brille und in der Mitte des Bildes die Hand des Anwenders mit VR-Gerät - im Hintergrund die virtuelle Welt mit Patient und Geräten
Durch immersive Simulationen ermöglicht die virtuelle Realität eine realitätsnahe, standardisierte und reproduzierbare Vermittlung klinisch-praktischer Kompetenzen. © Tobias Mühling / UKW

Würzburg. Anwendungen in der virtuellen Realität (VR) gelten als vielversprechende Innovation für die medizinische Ausbildung. Insbesondere für Prüfungen zu klinisch-praktischen Kompetenzen erscheinen sogenannte immersive Simulationen attraktiv: Durch das Eintauchen in eine digitale Welt, in der die Anwenderinnen und Anwender ihre Handlungen selbst bestimmen müssen, lassen sich komplexe Notfallszenarien standardisiert abbilden. Abläufe sind reproduzierbar, und die Prüfungsbedingungen können für alle Teilnehmenden identisch gestaltet werden.

Zwei aktuelle Studien der Arbeitsgruppe VR-Simulation im Medizinstudium am Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung (IMLA) des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) zeigen jedoch, dass VR-basierte Prüfungsformate derzeit möglicherweise nicht uneingeschränkt einsetzbar sind. Die Ergebnisse wurden in den renommierten Fachzeitschriften npj Digital Medicine, ein Journal des Nature-Portfolios, und JMIR Medical Education veröffentlicht.

Immersive Kompetenz beeinflusst Prüfungsleistung

In den Studien wurde der Frage nachgegangen, inwiefern die medizinische Prüfungsleistung in VR-Szenarien durch die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, beeinflusst wird. Diese Fähigkeit wird unter anderem durch Vorerfahrungen mit 3D- und VR-Anwendungen geprägt. Dadurch könnten Studierende mit intensiver Gaming-Erfahrung einen Leistungsvorteil haben.

Die im JMIR veröffentlichte erste Arbeit schuf dafür die methodische Grundlage: Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Mensch-Computer Interaktion der Universität Würzburg wurde erstmals ein Instrument entwickelt und erprobt, mit dem sich die immersive Kompetenz direkt innerhalb einer VR-Anwendung erfassen lässt. 

In der darauf aufbauenden, randomisiert-kontrollierten Studie wurde die immersive Kompetenz bei einem Teil der Prüflinge gezielt trainiert. Die trainierte Gruppe erzielte anschließend signifikant bessere medizinische Ergebnisse in einem VR-Notfallszenario als die nicht trainierte Kontrollgruppe. 

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass VR-Prüfungen nicht nur medizinisches Wissen und klinisches Handeln, sondern auch den Umgang mit der Technologie selbst messen“, erklärt Jan Schaal, Erstautor der Validierungsstudie und Doktorand am IMLA. „Damit entsteht die Gefahr, dass digitale Vorerfahrung unbeabsichtigt zu einem Vorteil wird – unabhängig vom eigentlichen Leistungsvermögen“, ergänzt Verena Schreiner, ebenfalls Doktorandin und Erstautorin der methodenzentrierten Studie.

Training allein gleicht Unterschiede nicht automatisch aus

Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft vorbereitende VR-Tutorials. Solche Trainings sollen eigentlich gleiche Ausgangsbedingungen schaffen. Die Würzburger Daten legen jedoch nahe, dass die derzeit üblichen Einführungen möglicherweise nicht ausreichen, um bestehende Unterschiede vollständig auszugleichen. In bestimmten Konstellationen könnten die Trainings anfängliche Leistungsunterschiede sogar verstärken statt reduzieren.

Konsequenzen für die digitale Transformation der Lehre

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Einsatz von VR in zukünftigen Prüfungen sorgfältig vorbereitet und überwacht werden muss. Entscheidend sind ein intuitives und zugängliches Design von VR-Hardware und -Software, gezielte Trainings zur Entwicklung immersiver Kompetenz sowie eine sorgfältige wissenschaftliche Prüfung von Aussagekraft und Fairness, bevor Ergebnisse über das Weiterkommen im Studium entscheiden.

„VR bietet enormes Potenzial für die medizinische Ausbildung – aber wir müssen sehr genau untersuchen, was wir eigentlich messen“, betont Dr. Tobias Mühling, Arbeitsgruppenleiter und Letztautor der Studien. „Wenn VR in Zukunft auch in benoteten Prüfungen über den Studienfortgang entscheiden soll, müssen die Ergebnisse zuverlässig sein und für alle Studierenden die gleichen Chancen bieten“, ergänzt die Institutsleitung Prof. Dr. Sarah König.

 

Publikationen:

Schreiner V, Backhaus J, Lindner M, Heinisch M, König S, Oberdörfer S, Mühling T. Specific Immersive Competence in VR-Based Medical Assessments: Development and Exploratory Evaluation of an In-Situ Measurement Approach. JMIR Medical Education. 24/02/2026:82136 (forthcoming/in press). DOI: 10.2196/82136 URL: https://preprints.jmir.org/preprint/82136

Schaal, J., Leutritz, T., Lindner, M. et al. Immersive competence as a source of bias in virtual reality clinical assessment. npj Digit. Med. (2026). https://doi.org/10.1038/s41746-026-02482-z

Großaufnahme des Anwenders mit VR-Brille und Hand mit Controller
Die immersive Kompetenz, also die Fähigkeit, sich in virtuellen Umgebungen sicher bewegen zu können, kann die klinische Beurteilung in der virtuellen Realität verzerren. © Liam König / UKW
VR-Situation aus Sicht des Anwenders: links im Bildrand die VR-Brille und in der Mitte des Bildes die Hand des Anwenders mit VR-Gerät - im Hintergrund die virtuelle Welt mit Patient und Geräten
Durch immersive Simulationen ermöglicht die virtuelle Realität eine realitätsnahe, standardisierte und reproduzierbare Vermittlung klinisch-praktischer Kompetenzen. © Tobias Mühling / UKW

Vielversprechender GPVI-Inhibitor macht wichtigen Schritt in Richtung klinische Entwicklung

Paradebeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit am UKW, produktive Interaktion mit Biotech-Startup und innerdeutsche Kollaboration mit führendem Pharmaunternehmen

Porträt von Valerie Orth und Bernhard Nieswandt - beide tragen ein helles Hemd bzw. Bluse und ein dunkles Jacket bzw. Blazer.
Valerie Orth und Bernhard Nieswandt beschrieben im Jahr 2001 erstmals die zentrale Rolle des Rezeptors GPVI, der ausschließlich auf Thrombozyten und ihren Vorläuferzellen im Knochenmark vorkommt. Ein Jahr später gründeten sie mit Susanne Nieswandt und Ralph Ziehfreund das Unternehmen EMFRET Analytics GmbH & Co. KG. © Thomas Berberich / EMFRET Analytics
2 mikroskopische Aufnahmen von Arteriolen einer Maus - mit und ohne EMA601-Behandlung.
Die Mikroskopie ermöglicht eine detaillierte Darstellung der Thrombusbildung in Arteriolen der Maus. Im linken Bild ist eine humanisierte GP6 (hGP6^tg/tg^) Kontrollmaus zu sehen, bei der ein Thrombus (grün) das Gefäß vollständig verschließt. Demgegenüber bewirken die Thrombozyten in der mit EMA601 behandelten hGP6^tg/tg^-Maus lediglich eine Abdichtung der Gefäßverletzung, ohne eine Gefäßverstopfung zu verursachen. © Experimentelle Biomedizin I

Boehringer Ingelheim und das unterfränkische Biotech-Unternehmen EMFRET Analytics unterzeichnen Kooperations- und Lizenzvertrag für das präklinische Entwicklungsprogramm des GPVI-blockierenden Antikörpers EMA601. Die Universitätsmedizin Würzburg begleitete von Beginn an die Entwicklung des neuartigen Wirkstoffs. EMA601 zielt speziell auf den Oberflächenrezeptor Glykoprotein VI (GPVI) von Thrombozyten ab. Würzburger Studien ergaben, dass EMA601 den GPVI-Signalweg der Thrombozyten äußerst wirksam blockiert und so Thrombosen und thrombo-inflammatorische Krankheitsprozesse verhindert, ohne die lebensnotwendige Blutgerinnung zu beeinträchtigen. Das macht EMA601 für den Einsatz bei akutem Schlaganfall interessant.

Würzburg. Prof. Dr. Bernhard Nieswandt und sein Team blicken stolz auf eine langjährige Entwicklung zurück: Aus einer Entdeckung des Thrombozyten-Forschers vor 25 Jahren ist ein Hoffnungsträger für die Schlaganfallbehandlung geworden. Eine aktuelle Vereinbarung zwischen dem deutschen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim und dem unterfränkischen Unternehmen EMFRET Analytics GmbH & Co. KG bringt diesen Hoffnungsträger nun einen Schritt näher an eine mögliche therapeutische Anwendung.

Oberflächenrezeptor GPVI spielt zentrale Rolle bei der Entstehung von Thrombosen und Infarkten, wird aber für die normale Blutgerinnung nicht gebraucht

Bernhard Nieswandt und seine damalige Doktorandin Valerie Orth (geb. Schulte) beschrieben im Jahr 2001 an der Universität Witten-Herdecke als Erste die zentrale Rolle des Rezeptors GPVI, der ausschließlich auf Thrombozyten (Blutplättchen) und ihren Vorläuferzellen im Knochenmark vorkommt (https://doi.org/10.1084/jem.193.4.459). GPVI bindet an freiliegendes Kollagen verletzter Gefäßwände und löst so die Aktivierung und Anhäufung der Blutplättchen aus – ein wichtiger Schritt der sogenannten Hämostase, also der Blutstillung. Eine übermäßige Aktivierung von GPVI kann jedoch zur Bildung gefährlicher Thromben (Blutgerinnseln) und damit zu Gefäßverschlüssen führen. In der Studie neutralisierten die Forschenden GPVI im Mausmodell durch einen monoklonalen Antikörper, sodass Thrombozyten nicht mehr effektiv auf Kollagen reagieren konnte. Dies führte zu einem Schutz vor Thrombose, ohne jedoch die normale Hämostase stark zu stören.

Ein Jahr später baute Nieswandt im Rahmen eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die erste Arbeitsgruppe am neu gegründeten Rudolf-Virchow-Zentrum (RVZ) der Universität Würzburg auf. Zeitgleich gründete er mit Valerie Orth, Susanne Nieswandt und Ralph Ziehfreund in Würzburg das Unternehmen EMFRET Analytics GmbH & Co. KG, das 2002 im Technologie- und Gründerzentrum (TGZ) Würzburg seine Arbeit aufnahm. Im Jahr 2005 übernahm Valerie Orth die Geschäftsführung (Chief Executive Officer, CEO), Bernhard Nieswandt fokussierte sich fortan auf die wissenschaftliche Leitung der Firma als Chief Scientific Officer (CSO). 2006 verlagerte das Unternehmen seinen Sitz nach Eibelstadt bei Würzburg.

GPVI-Inhibitor-Inhibitor EMA601 im Fokus eines führenden Pharmaunternehmens

„Wir sind ein klassisches Bootstrap-Unternehmen und haben unser Programm ohne externes Kapital aus eigener Kraft aufgebaut“, berichtet Dr. Valerie Orth. „Das heißt, wir haben Antikörper und Reagenzien für die Forschung entwickelt, produziert und weltweit vertrieben.“ Dies schaffte die finanzielle Grundlage für langfristig angelegte Projekte, die darauf abzielen, Antikörper-basierte Wirkstoffe zur therapeutischen Anwendung im Menschen voranzubringen. „Es ist ein riesiger Erfolg, dass der von uns entwickelte Antikörper EMA601 in das strategische Interesse von Boehringer Ingelheim gerückt ist, einem der führenden Hersteller von Schlaganfallmedikamenten weltweit“, freut sich Valerie Orth. 

Studie aus 2007 zeigte bereits im präklinischen Schlaganfallmodell: GPVI-Blockade kann therapeutisch schützen

Im Jahr 2007, ein Jahr bevor Bernhard Nieswandt die Leitung des Lehrstuhls für Experimentelle Biomedizin I am Uniklinikum Würzburg (UKW) übernahm, entdeckte er gemeinsam mit Guido Stoll (damaliger Leiter der AG Schlaganfall und Neuroinflammation der Neurologischen Klinik des UKW) und weiteren Forschenden, dass eine GPVI-Blockade im präklinischen Schlaganfallmodell therapeutisch wirksam ist (https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.107.691279). Die Hemmung des Oberflächenrezeptors reduzierte die Infarktgröße im Gehirn deutlich, verbesserte das neurologische Ergebnis, erhöhte aber nicht das Risiko für intrakranielle Blutungen. 

Damit legten die Wissenschaftler den Grundstein für die Entwicklung von GPVI-Inhibitoren. 

EMA601 ist ein hochwirksamer GPVI-Inhibitor

„Unser in Würzburg entwickelter GPVI-Inhibitor EMA601 zeigt bereits in sehr niedrigen Dosen eine deutliche Wirksamkeit“, sagt Bernhard Nieswandt. Ihm zufolge ist EMA601 ein sehr potenter GPVI-Inhibitor und könnte daher klinisch entscheidende Vorteile bieten und breit eingesetzt werden. Das belegte Nieswandt mit seinem Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Emfret und dem UKW im November 2024 durch eine Kombination aus biochemischen Tests, Zellversuchen und Tiermodellen im European Heart Journal (https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehae482). Nieswandt: „Wir konnten zum einen zeigen, dass EMA601 den GPVI-Signalweg gezielt hemmt, ohne die Gerinnung lahmzulegen. Zweitens verhinderte die GPVI-Blockade im Mausmodell die Bildung pathologischer Gerinnsel. Und schließlich reduzierte die GPVI-Blockade nicht nur Thrombose, sondern auch entzündungsgetriebene Gewebeschäden nach der Ischämie.“ 

Thrombo-Inflammation: eine treibende Kraft des Infarktwachstums selbst nach erfolgreicher Rekanalisation von Großgefäßverschlüssen

Trotz erheblicher Fortschritte – von der Einführung der intravenösen Lysetherapie 1995 in Europa durch Boehringer Ingelheim, bei der die Blutgerinnsel medikamentös aufgelöst werden, bis zur endovaskulären Thrombenentfernung durch die Interventionelle Neuroradiologie rund 20 Jahre später – bleibt die Schlaganfalltherapie begrenzt: Bei etwa der Hälfte der erfolgreich rekanalisierten Patientinnen und Patienten genügt die Wiederherstellung des Blutflusses allein nicht für ein gutes funktionelles Ergebnis. Das Problem ist die so genannte Thrombo-Inflammation, ein Begriff, der maßgeblich in Würzburg geprägt wurde.

„Wir konnten in tierexperimentellen Studien zeigen, dass bereits mit Beginn des Gefäßverschlusses in den nachgeschalteten minderdurchbluteten Gehirnarealen im Gefäßsystem ein Entzündungsprozess, die Thrombo-Inflammation, in Gang gesetzt wird, die trotz Rekanalisation aktiv bleibt und die Infarkte weiterwachsen lässt“, erklärt Prof. Dr. Guido Stoll. 

„Vor diesem Hintergrund könnte EMA601 eine vielversprechende Zusatztherapie zur Lyse oder Thrombektomie sein, nachdem es in humanisierten GPVI-Mausmodellen das weitere Infarktwachstum nach Rekanalisation hemmen konnte“, kommentiert Guido Stoll.

Ein großer Pluspunkt von EMA601 ist das präklinisch gezeigte geringe Blutungsrisiko: Im Gegensatz zu herkömmlichen antithrombotischen Wirkstoffen scheint EMA601 die normale Blutgerinnung nicht zu beeinträchtigen, was insbesondere für die Anwendung bei akutem Schlaganfall von großer Bedeutung ist, da ansonsten lebensbedrohliche Hirnblutungen entstehen könnten.

Kooperations- und Lizenzvertrag zur präklinischen Entwicklung eines First-in-Class Wirkstoffs 

Die Vorteile haben Boehringer Ingelheim überzeugt. Das Pharmaunternehmen hat mit Emfret einen Kooperations- und Lizenzvertrag unterzeichnet mit dem Ziel, den neuartigen und vielversprechenden Wirkstoff EMA601 zunächst gemeinsam präklinisch weiter zu entwickeln und so die Grundlagen für seine klinische Erprobung zu schaffen. Im Erfolgsfall würde aus dem in Würzburg entwickelten Antikörper ein potentieller „first-in-class“ Wirkstoff hervorgehen, der die anti-thrombotische und anti-entzündliche Therapie revolutionieren könnte. 

„Boehringer Ingelheim prägt seit Jahrzehnten die Akutversorgung bei Schlaganfällen mit“, sagt Søren Tullin, Senior Vice President und Global Head of Cardiometabolic Diseases Research bei Boehringer Ingelheim. „Diese Zusammenarbeit stellt einen wichtigen Schritt zur Erweiterung des Behandlungsspektrums bei Schlaganfällen dar und reflektiert das gemeinsame Bestreben der Partner, weltweit bedeutende Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu erzielen.“

Der Schlaganfall ist nach wie vor eine der häufigsten Ursachen für Tod und Behinderung: Jährlich gibt es rund 11,9 Millionen neue Fälle, und 93,8 Millionen Menschen leben mit langfristigen Folgen. Aufgrund der alternden und wachsenden Bevölkerung wird die globale Belastung durch Schlaganfälle weiter zunehmen. 

„Die Zahlen unterstreichen den Bedarf an neuen therapeutischen Ansätzen, die die Behandlungsergebnisse in der Akutversorgung weiter verbessern. Umso mehr freue ich mich über diese innerdeutsche Kooperation, welche die exzellente Grundlagenforschung zu thrombo-inflammatorischen Mechanismen an der Universitätsmedizin Würzburg, die Innovationskraft eines regionalen Biotech-Start-ups und die umfassende Expertise von Boehringer Ingelheim in der klinischen Entwicklung und Translation vereint“, sagt Prof. Dr. Matthias Frosch. Der Dekan der Medizinischen Fakultät Würzburg gratuliert allen Beteiligten zu diesem wichtigen Schritt in der Entwicklungsgeschichte von EMA601.

Boehringer Ingelheim

Boehringer Ingelheim ist ein biopharmazeutisches Unternehmen, das in den Bereichen Humanpharma und Tiergesundheit tätig ist. Als einer der größten Investoren in Forschung und Entwicklung konzentriert sich das Unternehmen auf die Entwicklung innovativer Therapien in Bereichen mit hohem ungedecktem medizinischem Bedarf. Durch die Unabhängigkeit seit seiner Gründung im Jahr 1885 nimmt Boehringer eine langfristige Perspektive ein und verankert Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Unsere rund 54.300 Mitarbeitende bedienen über 130 Märkte für eine gesündere, nachhaltigere und gleichberechtigtere Zukunft. Erfahren Sie mehr unter www.boehringer-ingelheim.de

Emfret Analytics

Die Emfret Analytics GmbH & Co. KG ist ein privat geführtes deutsches Biotech-Unternehmen, das sich der Entwicklung von Antikörpern gegen Thrombozytenrezeptoren für Forschungs-, Diagnostik-- und Therapiezwecke widmet. Das 2002 gegründete Unternehmen pflegt eine enge und langjährige Zusammenarbeit mit der Universitätsmedizin Würzburg, einem international führenden Zentrum für Grundlagen- und translationale Thrombozytenforschung. Diese Partnerschaft bildet die wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung neuartiger Forschungswerkzeuge und die für die Überführung neuer Erkenntnisse zur Thrombozytenbiologie in innovative therapeutische Strategien. Emfret fokussiert sich auf Krankheitsbereiche, die bislang nur unzureichend behandelbar sind, darunter Schlaganfall, akutes Lungenversagen und ausgewählte Autoimmunerkrankungen. Die strategische Partnerschaft mit Boehringer Ingelheim bezüglich des ersten klinischen Entwicklungskandidaten des Unternehmens unterstreicht das Potenzial einer neuartigen Klasse von antikörperbasierten Therapeutika, die darauf ausgelegt sind, die pathogene Thrombozytenaktivität präzise zu modulieren und gleichzeitig die essentielle hämostatische Funktion zu erhalten. Erfahren Sie mehr unter https://www.emfret.com

 

Zitierte Studien: 

Bernhard Nieswandt, Valerie Schulte, Wolfgang Bergmeier, Rabée Mokhtari-Nejad, Kirsten Rackebrandt, Jean-Pierre Cazenave, Philippe Ohlmann, Christian Gachet, Hubert Zirngibl.Long-Term Antithrombotic Protection by in Vivo Depletion of Platelet Glycoprotein VI in Mice.J Exp Med (2001) 193 (4): 459–470. https://doi.org/10.1084/jem.193.4.459

Christoph Kleinschnitz, Miroslava Pozgajova, Mirko Pham, Martin Bendszus, Bernhard Nieswandt, and Guido Stoll. Targeting Platelets in Acute Experimental Stroke: Impact of Glycoprotein Ib, VI, and IIb/IIIa Blockade on Infarct Size, Functional Outcome, and Intracranial Bleeding. Circulation. Volume 115, Number 17. 2007. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.107.691279

Stefano Navarro, Ivan Talucci, Vanessa Göb, Stefanie Hartmann, Sarah Beck, Valerie Orth, Guido Stoll, Hans M Maric, David Stegner, Bernhard Nieswandt. The humanized platelet glycoprotein VI Fab inhibitor EMA601 protects from arterial thrombosis and ischaemic stroke in mice, European Heart Journal, Volume 45, Issue 43, 14 November 2024, Pages 4582–4597, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehae482
 

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation 

Porträt von Valerie Orth und Bernhard Nieswandt - beide tragen ein helles Hemd bzw. Bluse und ein dunkles Jacket bzw. Blazer.
Valerie Orth und Bernhard Nieswandt beschrieben im Jahr 2001 erstmals die zentrale Rolle des Rezeptors GPVI, der ausschließlich auf Thrombozyten und ihren Vorläuferzellen im Knochenmark vorkommt. Ein Jahr später gründeten sie mit Susanne Nieswandt und Ralph Ziehfreund das Unternehmen EMFRET Analytics GmbH & Co. KG. © Thomas Berberich / EMFRET Analytics
2 mikroskopische Aufnahmen von Arteriolen einer Maus - mit und ohne EMA601-Behandlung.
Die Mikroskopie ermöglicht eine detaillierte Darstellung der Thrombusbildung in Arteriolen der Maus. Im linken Bild ist eine humanisierte GP6 (hGP6^tg/tg^) Kontrollmaus zu sehen, bei der ein Thrombus (grün) das Gefäß vollständig verschließt. Demgegenüber bewirken die Thrombozyten in der mit EMA601 behandelten hGP6^tg/tg^-Maus lediglich eine Abdichtung der Gefäßverletzung, ohne eine Gefäßverstopfung zu verursachen. © Experimentelle Biomedizin I

Doppelte Auszeichnung für Würzburger Endokrinologie

DGE ehrt Hanna Remde und Mario Detomas vom UKW für wegweisende Forschung zu Nebennierentumoren und Hypophysenerkrankungen

Preisträgerin mit Urkunde auf der Bühne, links steht Martin Fassnacht, rechts von ihr Jan P. Tuckermann mit Krücken.
Preisträgerin Dr. Hanna Remde mit dem amtierenden Präsidenten der DGE, Prof. Jan P. Tuckermann (rechts), und dem designierten Präsidenten der DGE, Prof. Martin Fassnacht. © M. Then, Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
Preisträger Dr. Mario Detomas mit Urkunde auf der Bühne, rechts steht  Prof. Jan P. Tuckermann auf Krücken, links von ihm Prof. Martin Fassnacht.
Preisträger Dr. Mario Detomas mit dem amtierenden Präsidenten der DGE, Prof. Jan P. Tuckermann (rechts), und dem designierten Präsidenten der DGE, Prof. Martin Fassnacht. © M. Then, Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)

Im Rahmen des 69. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, der vom 11. bis zum 13. März 2026 in Weimar stattfand, wurden zwei Clinician Scientists des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) ausgezeichnet. Dr. Hanna Remde erhielt den Anke Mey-Preis für ihre Forschung zu malignen Nebennieren-Erkrankungen. Dr. Mario Detomas wurde für seine herausragende wissenschaftliche Arbeit zur Herzbeteiligung bei der seltenen hormonellen Erkrankung Akromegalie mit dem Ernst und Berta Scharrer-Preis gewürdigt. Beide Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert. 

Würzburg. Exzellente Forschung beginnt oft mit Neugier, Engagement und innovativen Ideen. Wissenschaftspreise können diese Entwicklungen fördern und sind gerade für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler eine wichtige Anerkennung ihrer Leistung und zugleich eine große Motivation. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) würdigt das Potenzial junger Forscherinnen und Forscher und zeichnete auch dieses Jahr auf ihrem 69. Kongress für Endokrinologie, der vom 11. bis 13. März in Weimar stattfand, erneut herausragende Arbeiten aus. Zwei Preise gingen an junge Forschende vom Würzburger Lehrstuhl für Endokrinologie und Diabetologie. Dr. Hanna Remde erhielt den Anke Mey-Preis für ihre retrospektive, multizentrische, europäische Kohortenstudie zum metastasierten Phäochromozytom und Paragangliom. Dr. Mario Detomas erhielt für seine Forschung zu Veränderungen des Herzens und seiner Funktion in einem Mausmodell der Akromegalie den Ernst und Berta Scharrer-Preis

Anke Mey-Preis der DGE für maligne Nebennieren-Erkrankungen

Da Anke Mey selbst von einer malignen Nebennierenerkrankung genesen ist, liegt ihr die Unterstützung der Forschung auf diesem Gebiet besonders am Herzen. Mit dem Stiftungspreis sollen die zugrunde liegenden Pathomechanismen erforscht und neue therapeutische Ansätze entwickelt werden, um die Behandlungsmöglichkeiten für betroffene Patientinnen und Patienten zu verbessern. Zu diesen seltenen Erkrankungen zählen auch metastasierte Phäochromozytome und Paragangliome (mPPGL). Für diese besonders seltene Tumorform sind in Europa bislang noch keine zugelassenen Therapien verfügbar.

Hanna Remde, Fachärztin für Innere Medizin in der von Prof. Dr. Martin Fassnacht geleiteten Endokrinologie am Uniklinikum Würzburg (UKW), hat mit ihrem Team eine der größten Therapiestudien beim mPPGL überhaupt auf die Beine gestellt. Im Fokus stand Temozolomid, ein als Tablettenform verabreichtes Chemotherapeutikum.  „Zwei kleine Studien deuteten auf eine Wirksamkeit bei mPPGL hin, zeigten jedoch widersprüchliche Ergebnisse im Hinblick auf das Therapieansprechen bei Patientinnen und Patienten mit und ohne SDHx-Varianten“, berichtet Hanna Remde. SDHx steht für mehrere Gene, die für die Bestandteile der Succinatdehydrogenase kodieren. Dabei handelt es sich um einen Enzymkomplex in den Mitochondrien, der eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel spielt. Viele mPPGL sind mit genetischen Veränderungen assoziiert, die die Krankheitsentwicklung fördern. Am häufigsten sind hierbei Varianten in den SDHx Genen. 

Temozolomid bei metastasiertem Phäochromozytom und Paragangliom und die Relevanz von SDHx Varianten - Ergebnisse einer retrospektiven multizentrischen europäischen Kohortenstudie

„Ziel unserer Arbeit war es, die Sicherheit und Wirksamkeit von Temozolomid bei mPPGL zu überprüfen und den Einfluss von SDHx-Varianten auf das Therapieansprechen zu untersuchen“, erklärt Hanna Remde. Mithilfe des Europäischen Netzwerks für die Untersuchung von Nebennierentumoren (ENS@T) konnte sie retrospektiv 71 mit Temozolomid behandelte Patientinnen und Patienten mit mPPGL aus 15 europäischen Referenzzentren zusammentragen. Bei 28 Prozent von ihnen zeigte sich ein objektives Therapieansprechen, das heißt, die Tumorläsionen gingen teilweise oder ganz zurück. Bei 72 Prozent wurde eine Therapiekontrolle verzeichnet, das heißt, die Erkrankung blieb mindestens stabil. Ein Therapieansprechen war unabhängig vom SDHx-Status möglich, wenngleich Patientinnen und Patienten mit SDHx-Varianten häufiger ansprachen. „Temozolomid ist demnach eine Therapieoption, die sich mit anderen häufig eingesetzten Medikamenten messen kann“, resümiert Hanna Remde. 

Ernst und Berta Scharrer-Preis der DGE für neuroendokrinologische Forschung

Die Entdeckung, dass auch Nervenzellen bestimmte Substanzen absondern können, die den Hormonen endokriner Drüsenzellen ähneln, geht auf Berta Scharrer (1906-1995) zurück. Sie war eine Pionierin der neuroendokrinologischen Forschung. Ihre Arbeiten legten den Grundstein für das Verständnis der neuroendokrinen Signalübertragung.  Die Wechselwirkungen zwischen Nervensystem und Hormonsystem spielten auch im Forschungsprojekt von Dr. Mario Detomas eine Rolle. Während seiner Weiterbildung in der Endokrinologie am UKW forschte er an der Queen Mary University of London (QMUL) in der Arbeitsgruppe von Prof. Marta Korbonits zur Hypothalamus-Hypophysen-Achse bei Akromegalie und zu genetischen Mechanismen so genannter pituitärer Erkrankungen, also Krankheiten der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse). 

Kardiales Remodeling und Herzfunktion in einem AIP-Knockout-Mausmodell der Akromegalie: Einfluss von Somatostatin-Analoga der ersten und zweiten Generation

Akromegalie ist eine seltene Krankheit, bei der der Körper zu viel Wachstumshormon produziert. In einem Teil der Fälle, insbesondere bei genetisch bedingten Formen, spielt das AIP-Gen (Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor-Interaktionsprotein) eine wichtige Rolle. Das AIP-Protein beeinflusst verschiedene Signalwege in den Zellen der Hypophyse und hilft dabei, das Wachstum der Hypophysenzellen, die Hormone produzieren, zu kontrollieren. Es wirkt also wie eine Bremse für das Wachstum dieser Zellen. Fehlt diese Bremse, kann dies zu Hypophysentumoren und einer vermehrten Hormonproduktion führen – eine Ursache für Akromegalie. Diese kann wiederum langfristig zu Veränderungen an verschiedenen Organen, besonders am Herzen, führen.   

„In unserer Arbeit haben wir ein genetisch definiertes Mausmodell mit hypophysenspezifischem Verlust des AIP-Gens untersucht. Dieses Modell bildet die für Akromegalie typischen Hypophysentumoren und die daraus resultierende kardiovaskuläre Beteiligung in einer dem Menschen ähnlichen Weise nach“, erläutert Mario Detomas. Die Tiere entwickelten die für Akromegalie typischen Herzprobleme, darunter eine Verdickung des Herzmuskels und Vernarbungen. Diese Veränderungen konnten durch zwei Medikamente aus der Akromegalie-Therapie, sogenannte Somatostatin-Analoga, abgemildert werden.  Besonders interessant war laut Detomas der direkte Vergleich der Somatostatin-Analoga: „Obwohl Pasireotid den Hormonüberschuss stärker beeinflusste, zeigte Octreotid mindestens vergleichbare, teilweise sogar günstigere Effekte auf das Herzgewebe. Das spricht dafür, dass der Schutz für das Herz nicht allein durch die Senkung der Hormonwerte (GH und IGF-1) wirkt, sondern möglicherweise auch direkt am Herzgewebe.“ 

Die Ergebnisse tragen insgesamt dazu bei, die Herzbeteiligung bei Akromegalie besser zu verstehen und langfristig Behandlungsmethoden zu entwickeln, die sowohl die Hormone als auch das Herz gezielt schützen. Als nächsten Schritt möchte das Team die Effekte der Somatostatin-Analoga auf translationaler Ebene genauer untersuchen und gezielt prüfen, inwieweit sich diese Befunde auf den Menschen übertragen lassen.

Förderungen 

Beide Forschenden wurden durch das Clinician-Scientist-Programm RISE der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS) sowie durch die Eva Luise und Horst Köhler Stiftung (ELHKS) gefördert. Mario Detomas erhielt zusätzliche Förderungen durch den Rolf Gaillard FEEL-UEMS Award 2024 sowie den EYES-ROP Award der European Young Endocrinologists and Scientists (EYES). Hanna Remdes Forschung wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Sonderforschungsbereichs SFB TRR 205: Die Nebenniere: Zentrales Relais in Gesundheit und Krankheit (Förderkennzeichen 314061271-TRR/CRC 205-1/2) unterstützt. 

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Preisträgerin mit Urkunde auf der Bühne, links steht Martin Fassnacht, rechts von ihr Jan P. Tuckermann mit Krücken.
Preisträgerin Dr. Hanna Remde mit dem amtierenden Präsidenten der DGE, Prof. Jan P. Tuckermann (rechts), und dem designierten Präsidenten der DGE, Prof. Martin Fassnacht. © M. Then, Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
Preisträger Dr. Mario Detomas mit Urkunde auf der Bühne, rechts steht  Prof. Jan P. Tuckermann auf Krücken, links von ihm Prof. Martin Fassnacht.
Preisträger Dr. Mario Detomas mit dem amtierenden Präsidenten der DGE, Prof. Jan P. Tuckermann (rechts), und dem designierten Präsidenten der DGE, Prof. Martin Fassnacht. © M. Then, Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)

COVID-19: Asthma-Therapie schwächt Impfantwort nicht

Vergleichbare Immunantwort bei Asthma-Patienten mit und ohne Antikörpertherapie

Die beiden Forschenden sitzen in weißen Kitteln im Labor vor einem Rechner und schauen in die Kamera.
Anna Broderdörp, Doktorandin in der AG Prelog, und der Laborleiter, Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar, teilen sich die Erstautorenschaft der im Journal of Asthma and Allergy publizierten Studie. © Martina Prelog / UKW
Die drei Forschenden sind im Labor, zwei sitzen, Martina Prelog steht, alle blicken in die Kamera, im Hintergrund ist ein Monitor, der die aktuelle Studie zeigt.
Doktorandin Anna Broderdörp (links), Prof. Dr. Martina Prelog und Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar von der Laborarbeitsgruppe „Pädiatrische Rheumatologie/Spezielle Immunologie” konnten zeigen, dass Asthma-Patientinnen und -Patienten auch unter einer Behandlung mit monoklonalen Antikörpern eine starke Immunantwort gegen SARS-CoV-2 entwickeln. © Gaby Haase / UKW

Eine neue Studie aus Würzburg in Kooperation mit Heidelberg zeigt, dass der Impfschutz trotz gezielter Eingriffe ins Immunsystem erhalten bleibt. Die Arbeitsgruppe um Martina Prelog konnte nachweisen, dass Asthma-Patientinnen und -Patienten auch unter einer Behandlung mit monoklonalen Antikörpern, sogenannten Biologika, eine starke Immunantwort gegen SARS-CoV-2 entwickeln.

Würzburg. Asthma gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. Rund 300 Millionen Menschen sind betroffen, in Deutschland sind es etwa acht Millionen. Insbesondere Patientinnen und Patienten mit schwerem Asthma profitieren von modernen Therapien mit monoklonalen Antikörpern. Ähnlich wie natürliche Antikörper des Immunsystems können die im Labor hergestellten Eiweißstoffe, auch Biologika genannt, ganz gezielt bestimmte Strukturen im Körper erkennen und binden. Sie blockieren beispielsweise bestimmte Botenstoffe des Immunsystems wie die Zytokine IL-5, IL-4/IL-13 oder den Antikörper IgE, die bei allergischen oder entzündlichen Reaktionen eine zentrale Rolle spielen. Durch die Blockade dieser Botenstoffe werden schwere Asthmaanfälle reduziert, die Lungenfunktion stabilisiert und die Lebensqualität verbessert. 

Beeinträchtigt eine Biologika-Behandlung die Immunantwort auf mRNA-Impfstoffe gegen SARS-CoV-2? 

Es wurde jedoch vermutet, dass diese Therapien die Abwehr gegen Virusinfektionen – wie SARS-CoV-2 – schwächen könnten, eben weil sie wichtige Immunreaktionen beeinflussen. Beeinträchtigt also eine Biologika-Behandlung die Immunantwort auf mRNA-Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 oder auf frühere Infektionen mit diesem Virus? Dieser Frage ging die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Martina Prelog am Universitätsklinikum Würzburg (UKW), in Kooperation mit Prof. Dr. Frederik Trinkmann, Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg, nach.

Um die Immunantwort nach einer COVID-19-Impfung bei Asthmapatientinnen und -patienten, die eine Antikörpertherapie erhalten, mit der Immunantwort bei Asthmapatientinnen und -patienten, die eine konventionelle Behandlung erhalten, zu vergleichen, untersuchten sie die Antikörper in Blut und Nasenschleimhaut auf Quantität und Qualität sowie die Aktivität von T-Zellen und B-Zellen. Die Ergebnisse ihrer Fallserie wurden im Journal of Asthma and Allergy veröffentlicht. 

Unveränderte Immunogenität von COVID-19-Impfstoffen bei Asthma unter Therapie mit monoklonalen Antikörpern

„Alle Patientengruppen – mit oder ohne monoklonale Antikörper – waren in der Lage, eine starke Immunantwort zu entwickeln.“ Dies ist laut Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar, Erstautor und Laborprojektleiter am UKW, die wichtigste Erkenntnis. „Alle Patientinnen und Patienten hatten eine vergleichbare Menge an IgA-Antikörpern im Blut.“ Antikörper des Typs Immunglobulin A (IgA) sind sogenannte dimere Antikörper, das heißt „Doppel-Antikörper“, die aus zwei verbundenen Einheiten bestehen. Dadurch können sie effizienter binden und schützen. Sie sind auch besonders wichtig für die Schleimhautabwehr. Die Impfung hat also bei allen eine entsprechende Immunantwort ausgelöst, bei der IgA-Antikörper gegen das Spike-Protein von SARS-CoV-2 gebildet wurden. „Auch die Stärke der Abwehr war insgesamt vergleichbar gut“, so Almanzar.

Unter Anti-IL-5 zeigte sich sogar eine starke Schleimhaut- und Zellantwort

An den Nasenschleimhäuten – der Eintrittspforte für Erreger und daher besonders wichtig für die erste Abwehr – wiesen Patientinnen und Patienten, die eine Anti-IL-5-Therapie erhielten, sogar mehr IgA-Antikörper auf. 

Die Immunzellen reagieren ebenfalls auf das Virus. „Die T-Helferzell-Antwort war bei allen Patientinnen und Patienten vergleichbar gut“, berichtet Anna Broderdörp, Doktorandin in der AG Prelog und weitere Erstautorin der Studie. Auch hier scheint die Anti-IL-5-Therapie keinen Nachteil zu haben, im Gegenteil: „Unter der Anti-IL-5-Therapie beobachteten wir sogar eine starke Aktivierung von CD8⁺-T-Zellen, die vor allem für die Beseitigung des Virus wichtig sind“, so Broderdörp. 

Impfung gegen das Corona-Virus kann aus immunologischer Sicht sicher empfohlen werden 

„Wir konnten also zeigen, dass auch bei einer Hemmung von Interleukin-5 mukosale Immunantworten vom IgA-Antikörpertyp gegen Spike sowie IgG-Immunantworten im Serum und zelluläre Reaktivität gegen das Spike-Protein entwickelt werden“, resümiert Martina Prelog. Das Fazit der Würzburger Immunologin und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin: „Basierend auf diesen Daten kann die Impfung gegen SARS-CoV-2 aus der Perspektive der Immunogenitätsentwicklung empfohlen werden.“ Außerdem deuten Prelog zufolge die Ergebnisse im Analogieschluss darauf hin, dass auch andere mRNA-Impfstoffe, etwa gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), bei Patientinnen und Patienten mit Antikörpertherapie gegen IL-5 eine wirksame Immunantwort hervorrufen könnten. Dazu sind aber RSV-spezifische immunologische Untersuchungen notwendig. 

Wie geht es weiter? „Wünschenswert wären Studien, die zeigen, wie langlebig die Immunantwort bei Asthma-Patientinnen und -Patienten unter Antikörpertherapie ist und wie gut regelmäßige Auffrischungen wirken“, sagt Martina Prelog. „Besonders interessant wären Untersuchungen zur Breite der zellulären Immunantwort und zur Schutzwirkung der Antikörper gegen neue Virusvarianten.“ Kontrollierte Placebo-Studien hält sie für unethisch, da gerade diese Patientinnen und Patienten eine jährliche Auffrischung mit einem adaptierten COVID-19-Impfstoff benötigen und deshalb der Impfstoff nicht vorenthalten werden sollte. Gerade Impfungen gegen respiratorische Erreger tragen dazu bei, schwere Krankheitsverläufe bei Asthmapatienten oder Exazerbationen des Asthmas, also akute Verschlechterungsschübe, zu verhindern und zusätzliche Belastungen der Atemwege zu reduzieren.

Publikation: Almanzar G, Broderdörp A, Mees J, Frey M, Herth FJF, Schneider MA, Trinkmann F, Prelog M. Significant Production of Serum and Mucosal Anti-Spike-IgA Antibodies After Vaccine-Encoded or SARS-CoV-2-Infection-Induced Spike-Exposures in Patients with Asthma Treated with Monoclonal Antibodies Compared to Conventional Therapy. J Asthma Allergy. 2026;19:1-15 https://doi.org/10.2147/JAA.S547038

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Die beiden Forschenden sitzen in weißen Kitteln im Labor vor einem Rechner und schauen in die Kamera.
Anna Broderdörp, Doktorandin in der AG Prelog, und der Laborleiter, Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar, teilen sich die Erstautorenschaft der im Journal of Asthma and Allergy publizierten Studie. © Martina Prelog / UKW
Die drei Forschenden sind im Labor, zwei sitzen, Martina Prelog steht, alle blicken in die Kamera, im Hintergrund ist ein Monitor, der die aktuelle Studie zeigt.
Doktorandin Anna Broderdörp (links), Prof. Dr. Martina Prelog und Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar von der Laborarbeitsgruppe „Pädiatrische Rheumatologie/Spezielle Immunologie” konnten zeigen, dass Asthma-Patientinnen und -Patienten auch unter einer Behandlung mit monoklonalen Antikörpern eine starke Immunantwort gegen SARS-CoV-2 entwickeln. © Gaby Haase / UKW