Aktuelle Pressemitteilungen

ERC Starting Grant für Prince Ravat

In der Würzburger Chemie will man eine neue Klasse chiraler organischer Halbleiter entwickeln – für Anwendungen der nächsten Generation der organischen Elektronik. Gefördert wird das Projekt vom ERC mit 1,5 Millionen Euro.

Wir leben in einem Zeitalter der Miniaturisierung. Das Ziel: immer kleinere und effizientere optische, elektronische und mechanische Geräte zu bauen. Daher steigt auch die Nachfrage nach multifunktionalen Materialien, die auf mehrere äußere Reize gleichzeitig reagieren können.

Dieser Herausforderung stellt sich Dr. Prince Ravat, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Organische Chemie der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg. Für sein Vorhaben erhält er nun hochkarätige Unterstützung: Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) hat ihm einen Starting Grant in Höhe von 1,5 Millionen Euro bewilligt. Diese Auszeichnung wird in einem europaweiten Wettbewerb an herausragende Nachwuchsforschende vergeben. Das daraus geförderte Projekt soll in den kommenden sechs Monaten starten und ist auf fünf Jahre ausgelegt.

Materialien entwerfen, synthetisieren und testen

Die Chemikerinnen und Chemiker wollen sich dabei die Chiralität zunutze machen. Eine Eigenschaft von Molekülen, die mit ihrer Symmetrie zusammenhängt. Die Einführung von Chiralität in funktionelle Materialien verleiht ihnen einzigartige Eigenschaften, wie die Absorption und Emission von zirkular polarisiertem Licht und spinselektiven Ladungstransport. Dadurch können Materialien mit ganz neuen Funktionen konzipiert werden.

„Wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der synthetischen Chemie sind an der Entwicklung von neuen Molekülen mit spezifischen Anwendungen interessiert. Im Rahmen dieses Projekts werden wir neuartige funktionelle chirale Materialien entwerfen, synthetisieren und anschließend ihre optoelektronischen und Ladungstransporteigenschaften testen“, erklärt Ravat.

Das Ziel des JMU-Teams ist dabei die Entwicklung von chiralen organischen Halbleitern, die sowohl die Ladung als auch den Spin (Eigenrotation) der Ladungsträger nutzen. Diese sind für die Entwicklung der nächsten Generation der Optoelektronik wichtig, zum Beispiel Spin-LEDs, 3D-Displays und quantenbasierte optische Computertechnik. Reguläre organische Halbleiter sind bereits ausgereift, die Forschung an chiralen organischen Halbleitern ist jedoch noch in einem frühen Stadium.

Werdegang des ERC-Preisträgers

Prince Ravat, 1986 in Vadodara (Indien) geboren, studierte Chemie an der Maharaja Sayajirao University of Baroda (Vadodara, Indien). Anschließend war er am National Chemical Laboratory in Pune (Indien) und dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz, wo er 2014 mit "summa cum laude" promovierte. Anschließend arbeitete er als Postdoc an der Universität Basel (Schweiz) und der Universität Tokyo (Japan).

2018 wechselte Ravat an die JMU im Rahmen des „Excellent Ideas Programme“ und ist seitdem Arbeitsgruppenleiter am Institut für Organische Chemie. In seiner Laufbahn erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien – zuletzt etwa den Thieme Chemistry Journals Award 2022 und die Aufnahme in das Emil-Fischer-Fellowship-Programm 2021.

Weblinks

Arbeitsgruppe Ravat-Group an der JMU

Kontakt

Dr. Prince Ravat, Institut für Organische Chemie, Universität Würzburg, T. +49 931 – 31 81583, princekumar.ravat@ uni-wuerzburg.de 

 

einBlick - Das Online-Magazin der Universität Würzburg vom 22. März 2022

ERC Consolidator Grant für Lars Dölken

Erneut erhält Virologie-Professor Lars Dölken einen Consolidator Grant über zwei Millionen Euro. Mit diesem Preis des Europäischen Forschungsrats treibt er ein neues Projekt über Herpesviren voran.

Mit seinen Consolidator Grants fördert der Europäische Forschungsrat (ERC) Talente in der Wissenschaft, deren bisherige Arbeit weitere Spitzenleistungen erwarten lässt. Professor Lars Dölken, Leiter des Lehrstuhls für Virologie an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg, erhält diese Auszeichnung nach 2016 jetzt schon zum zweiten Mal.

Auch in seinem neuen ERC-Projekt DecipherHSV erforscht Dölken Herpesviren. Genauer gesagt: das Herpes-simplex-Virus 1. Dieser Krankheitserreger ist für relativ harmlose Beschwerden wie die unangenehm juckenden Lippenbläschen verantwortlich. Er kann aber auch gefährliche Lungen- oder Gehirnentzündungen auslösen.

Das Tückische an diesem Herpesvirus: Hat es sich einmal im Menschen eingenistet, verharrt es dort lebenslang. Das Virus kann für lange Zeit unauffällig bleiben. Doch unter besonderen Bedingungen – etwa wenn das Immunsystem schwächelt – kann es erwachen und seinem Wirt Probleme bereiten.

Das Virus birgt noch viele Geheimnisse

„In den letzten zehn Jahren haben systembiologische Ansätze, zu denen mein Labor entscheidende Beiträge geleistet hat, unser Wissen über die komplexen Wechselwirkungen des Virus mit seinem Wirt erheblich erweitert“, sagt Lars Dölken. Doch immer noch seien viele molekulare Abläufe nur unzureichend verstanden.

Unklar sind unter anderem die Mechanismen, mit denen das Virus zwischen Ruhe und Aktivität wechselt. Das liegt auch daran, dass den derzeit verfügbaren Technologien die zeitliche und räumliche Auflösung fehlt, um den Lebenszyklus des Erregers im Detail zu analysieren. Diese Wissens- und Technologielücken will Professor Dölken nun schließen.

Was im Projekt enträtselt werden soll

Drei Hauptziele verfolgt das JMU-Team: die Entschlüsselung aller viralen Elemente, die für eine produktive Infektion verantwortlich sind; die Aufklärung der Mechanismen, mit denen HSV-1 die Transkription im Wirts- und Virusgenom manipuliert, sowie die Entschlüsselung der zellulären und viralen Faktoren, die für die Ruhe- und Reaktivierungsphasen des Virus verantwortlich sind.

Um diese Ziele zu erreichen, wird das Team neuartige systembiologische Methoden nutzen sowie neue computergestützte Methoden und integrative Analysewerkzeuge entwickeln. Ein neuartiger Ansatz zur Einzelzell-RNA-Sequenzierung soll eine Fülle von Daten liefern, für deren Auswertung Verfahren der Künstlichen Intelligenz eingesetzt werden.

Als Ergebnis hofft Lars Dölken auf Anhaltspunkte für neue therapeutische Ansätze, die man auch gegen andere Herpesviren richten kann. Das Projekt startet im Juni 2022 und hat eine Laufzeit von fünf Jahren. Der ERC fördert es mit zwei Millionen Euro.

Karrierestationen von Lars Dölken

Lars Dölken, Jahrgang 1977, ist in Freiburg im Breisgau aufgewachsen. Er studierte Medizin an der Universität Greifswald und an der Universität von Otago in Dunedin (Neuseeland). Es folgten Stationen als Arzt und Forscher an der LMU München und an der Universität Cambridge in England. 2015 folgte der promovierte und habilitierte Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsbiologie 2015 dem Ruf auf den Würzburger Lehrstuhl für Virologie.

Kontakt

Prof. Dr. Lars Dölken, Lehrstuhl für Virologie, Universität Würzburg, T +49 931 31-89781, lars.doelken@ uni-wuerzburg.de 

 

einBlick - Das Online-Magazin der Universität Würzburg vom 22. März 2022

Tiefer Blick in die Trickkiste von Bakterien

Cynthia Sharma erforscht, wie Bakterien sich an ihre Umwelt anpassen, und hat dabei RNA-bindende Proteine im Blick, über die wenig bekannt ist. Dafür hat sie einen mit zwei Millionen Euro dotierten ERC Consolidator Grant erhalten.

Wenn Bakterien wie beispielsweise die Lebensmittelkeime Campylobacter jejuni oder Salmonella sich im menschlichen Organismus ausbreiten, müssen sie in der Regel mit Widerstand und einer feindlichen Umgebung rechnen. Dank diverser Tricks sind sie jedoch in der Lage, sich auch an diese Bedingungen anzupassen, und verfügen dafür über ausgeklügelte Überlebens- und Anpassungsstrategien.

Eine Methode dieser zellulären Kontrolle, mit der Bakterien auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren, steht im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojekts von Cynthia Sharma. Ihr Projekt konzentriert sich auf eine Klasse von Proteinen, die RNA-Moleküle binden kann und dadurch großen Einfluss auf die Genregulation und zellulären Prozesse der Bakterien hat. Diese Klasse von Proteinen ist aber bislang weitgehend unerforscht.

Cynthia Sharma ist Leiterin des Lehrstuhls für Molekulare Infektionsbiologie II und Sprecherin des Zentrums für Infektionsforschung (ZINF) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Für ihre Forschung hat sie jetzt vom europäischen Forschungsrat (European Research Council ERC) eine hohe Auszeichnung erhalten: einen mit rund zwei Millionen Euro dotierten Consolidator Grant. Diese Art von Preis vergibt der ERC an herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einer vielversprechenden Karriere.

Sharma kann damit in den kommenden fünf Jahren maßgeblich ihr Projekt vorantreiben. Das Geld für ihr Projekt „Exploring the Expanding Universe of RNA-Binding Proteins in Bacteria“, kurz bacRBP, soll hauptsächlich für die Vergrößerung ihres Teams, Verbrauchsmaterialien und die Entwicklung neuer experimenteller Technologien verwendet werden.

Ein riesiges und unerforschtes Universum

Ziel ihres ERC Consolidator Grants ist die Identifizierung und Erforschung von RNA-bindenden Proteinen in Bakterien. „Unser Projekt basiert auf der Hypothese, dass es in Bakterien ein riesiges, bislang noch weitgehend unerforschtes Universum von RNA-bindenden Proteinen gibt, die wichtige Funktionen in der Zelle haben“, sagt Sharma. „RNA-basierte Regulationsmechanismen spielen eine zentrale Rolle in der Stressantwort und Virulenzkontrolle von Bakterien“, erklärt sie.

In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Wissenschaft bei der Suche nach den Akteuren der RNA-basierten Genexpressionskontrolle hauptsächlich auf kleine regulatorische RNA-Moleküle konzentriert und dabei enorme Fortschritte erzielt. Auch an der JMU bildet die RNA-Forschung einen Schwerpunkt, denn auch hier wurden wichtige Details der komplexen RNA-Regulationsmechanismen in Bakterien entschlüsselt.

Sharma und ihr Team gehen nun quasi einen Schritt weiter: Sie interessieren sich für Proteine, die an RNA-Moleküle binden und diese regulieren können. Nur sehr wenige von ihnen sind in Bakterien genauer untersucht. Sie verfügen über eine sogenannte RNA-Bindungsdomäne und können darüber mit der RNA interagieren. „Somit ist es ihnen möglich, die Übersetzung genetischer Informationen und damit die physiologischen Prozesse des Bakteriums zu beeinflussen“, erklärt die Mikrobiologin.

Proteine mit Zweitjobs

Jüngste Forschungsergebnisse – auch aus dem Labor von Cynthia Sharma – zeigen jedoch, dass es nicht nur noch weitaus mehr Proteine gibt, die mit RNAs interagieren, sondern auch Proteine, die ohne diese speziellen Bindungsdomänen an den RNA-Strang andocken können. Darunter finden sich unter anderem auch Enzyme, die üblicherweise Funktionen im Stoffwechsel des Bakteriums übernehmen; andere sind für die Zellteilung von Bedeutung. Dass diese auch an RNA binden, war eine Überraschung. „Sie übernehmen quasi einen Zweitjob“, sagt Sharma. Wobei momentan noch offen ist, ob in diesen Fällen die Proteine Einfluss auf die RNA nehmen, oder ob es nicht vielleicht sogar umgekehrt ist.

Wie viele solcher RNA-bindenden Proteine in Bakterien existieren, welche Aufgaben sie haben und wie sie wirken: Das alles ist derzeit also noch weitgehend unbekannt. Ein Zustand, den Cynthia Sharma gemeinsam mit ihrem Team dank des ERC Grants in den kommenden fünf Jahren ändern möchte.

Neue Methode liefert neue Einsichten

Weshalb ist eigentlich bislang so wenig über diese Proteine bekannt? Ein wesentlicher Grund dafür ist wohl die Tatsache, dass es in Bakterien an Methoden mangelt, solche RNA-bindenden Proteine zu identifizieren. Hier haben Cynthia Sharma und ihr Team vor Kurzem bedeutende Fortschritte erzielt. „Mein Labor hat eine grundlegend neue Methode entwickelt, welche die Identifizierung solcher Proteine in Bakterien deutlich voranbringen kann“, sagt sie.

Mit Hilfe dieser Methode will Sharma nach RNA-bindenden Proteinen unter verschiedenen stress- und infektionsrelevanten Bedingungen suchen. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf solchen Proteinen, die über keine spezielle Bindungsdomäne verfügen. Ergänzt wird diese Methode mit Techniken der Genomik, Transkriptomik und Proteomik, kombiniert mit Ansätzen aus der Molekularbiologie, der mikrobiellen Genetik und mit hochauflösenden Bildgebungsverfahren.

Drei Ziele im Fokus

Drei Hauptziele wollen Sharma und ihr Team im Rahmen des bacRBP-Projekts erreichen:

  • die Etablierung einer allgemein anwendbaren Methode zur systematischen Identifizierung von RNA-bindenden Proteinen in verschiedensten Organismen
  • ein erweitertes Repertoire von RNA-bindenden Proteinen in den zwei Modellorganismen Campylobacter und Salmonella
  • neue Erkenntnisse zu Mechanismen der Genregulation und Zellteilung in Bakterien.

„Wir hoffen mit dem bacRBP-Projekt unser Verständnis darüber, welche Proteine in Bakterien RNA binden können, und der Art und Weise, wie diese Proteine physiologische Prozesse in Bakterien regulieren, erheblich erweitern und vorantreiben zu können“, sagt sie. Ein verbessertes Wissen über die Regulationsmechanismen könne nicht nur bislang unbekannte biologische Prinzipien offenbaren, sondern könnte auch zur Entwicklung neuer biotechnologischer Methoden beitragen oder Ansätze für potenzielle Wirkstoffe gegen Bakterien liefern. Ein Aspekt, der angesichts einer zunehmenden Resistenz vieler Bakterien gegen gängige Antibiotika immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Cynthia Sharmas Werdegang

Cynthia Sharma studierte Biologie mit den Schwerpunkten Biophysik, Bioinformatik und Informatik an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Ihre Promotion in bakterieller RNA Biologie schloss sie 2009 am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin (MPIIB) ab.

Nach einer kurzen Zeit als Postdoktorandin am MPIIB und am National Institutes of Health (NIH) in Bethesda, wurde sie 2010 als Nachwuchsgruppenleiterin an das Zentrum für Infektionsforschung (ZINF) in Würzburg berufen. Seit 2017 leitet sie den Lehrstuhl für Molekulare Infektionsbiologie II in Würzburg und ist seit 2018 Sprecherin des Zentrums für Infektionsforschung. Ihr Labor erforscht Mechanismen und Funktionen von Genregulation sowie CRISPR-Cas Immunsysteme in bakteriellen Krankheitserregern.

Kontakt

Prof. Dr. Cynthia M. Sharma, Lehrstuhl für Molekulare Infektionsbiologie II, T +49 931 31-82560, cynthia.sharma@ uni-wuerzburg.de 

 

einBlick - Das Online-Magazin der Universität Würzburg vom 22.03.2022

Dem Tumor das Futter wegnehmen

Milchsäure, die Tumore bei der Glykolyse ausschütten, reprogrammiert Lymphknoten, blockiert die Immunabwehr und schafft optimale Bedingungen für die Metastasierung – eine Arbeit von Angela Riedel, Juniorgruppenleiterin am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum Würzburg.

 

Angela Riedel im Labor
Angela Riedel fand mit ihrem Team am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum Würzburg heraus, dass die Milchsäure, die ein Tumor bei der Glykolyse ausschüttet, die nachgeschalteten Lymphknoten reprogrammiert und die Immunabwehr blockiert. © Lukasz Lichorowicz

Die Einladung der US-amerikanischen Society for Immunotherapy of Cancer (SITC) Ende April beim Workshop Tumor Immune Microenvironment in San Diego einen Vortrag zu halten, hielt Dr. Angela Riedel zunächst für einen Scherz. „Dort sprechen nur hochetablierte Wissenschaftler“, meint die 38-jährige Biomedizinerin und Juniorgruppenleiterin am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum am Uniklinikum Würzburg. Doch es war weder ein Scherz noch sollte Angela Riedel als Lückenfüller herhalten. Ihre Arbeit mit dem Titel „Tumor-Derived Lactic Acid Modulates Activation and Metabolic Status of Draining Lymph Node Stroma“ hatte noch vor der Publikation im Journal Cancer Immunology Research international Aufsehen erregt.

Spezialgebiet tumor-drainierender Lymphknoten

Tumor-Metabolismus und die Verfügbarkeit von Nährstoffen, also die Nahrung, die für den Tumor zur Verfügung steht, sind Angela Riedel zufolge gerade ein großes Thema. Dabei geht es um den Stoffwechsel des Tumors. Krebszellen sind hungrig und benötigen vor allem Glukose und Glutamin, um sich zu teilen und zu wachsen. Bei der Verstoffwechselung des Zuckers, der Glykolyse, fällt Laktat an, auch als Milchsäure bekannt. Der Biochemiker Otto Warburg hatte schon vor hundert Jahren festgestellt, dass Tumore eine hohe Laktatkonzentration aufweisen. Die Milchsäure ist seither Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte. „Es gibt hier viele Studien zum Primärtumor, ich habe hingegen ein metastatisches Gewebe untersucht. Mein Interessensgebiet ist der tumor-drainierende Lymphknoten, welcher sehr dicht am Tumor liegt und daher stark beeinflusst wird“, erläutert Angela Riedel und zeichnet zur Veranschaulichung eine weibliche Brust an die Tafel, mit einem Tumor, von dem Flüssigkeit zum tumordrainierenden Lymphknoten fließt. Als Wächterlymphknoten (Sentinel Lymph Node, SLN) filtert er als erster die vom Tumor ausgeschüttete Flüssigkeit.

Eigentlich sollte der Lymphknoten seiner immunologischen Funktion nachkommen und sogenannte T-Zellen aktivieren die den Tumor bekämpfen? Dass die T-Zellen im Lymphknoten gehemmt sind oder die Interaktion von T-Zellen und antigenpräsentierenden Zellen nicht in dem Ausmaß stattfindet, wie es sein sollte, das hat Angela Riedel bereits 2016 in Cambridge herausgefunden, wo sie als PostDoc gearbeitet hatte. Ihren Doktor in molekularer Onkologie hatte die gebürtige Westfälin zuvor an der University of Southern Denmark in Odense gemacht. 

Reprogrammierung des Lymphknotens

Warum ist das Filtersystem der Lymphknoten gehemmt? Was hat den Lymphknoten derart reprogrammiert, dass er sogar eine ideale Umgebung für Metastasen bildet? Wenn eine Patientin mit Brustkrebs Metastasen an den Lymphknoten unter den Achseln hat, dann ist die Prognose schlecht, denn dann hat sich der Tumor ausgeweitet. Angela Riedel wollte herauszufinden, wie der Tumor, bevor er den Lymphknoten befällt, diesen beeinflussen kann, zunächst am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, dann am Uniklinikum Würzburg. „Dabei habe ich mein Augenmerk auf die Fibroblasten gelegt. Das sind wichtige stromale Zellen, die dem Lymphknoten die Struktur geben, den Lymphknoten koordinieren und den Kontakt zwischen den dendritischen Zellen und T-Zellen herstellen. Wir haben schließlich gesehen, dass die Milchsäure das Stroma verändert. Die Untersuchungen in vitro konnten wir jetzt in vivo, an Mäusen, bestätigen.“

Die Milchsäure, die der Tumor bei der Glykolyse ausschüttet, blockiert die Immunabwehr. Der Tumor kann also die nachgeschalteten Lymphknoten reprogrammieren. Angela Riedel möchte aber nicht nur schauen, was verschiedene Tumorarten mit dem Lymphknoten prämetastatisch machen, sondern auch, was passiert, wenn die Metastase da ist, wie verhält es sich dann mit der Reprogrammierung? Lässt sich die Milchsäure zum Beispiel mit der Gabe von Natriumbicarbonat neutralisieren? In ihren Versuchen waren die negativen Effektive der Milchsäure zumindest nicht mehr zu sehen, sobald der ph-Wert angehoben wurde. Nun gilt es breitere Analysen zu machen, vor allem mit humanen Proben, die sie von der benachbarten Frauenklinik erhält.

Zucker und Fett fördern Brustkrebs und Metastasierung

Mit ihren Untersuchungen unterstreicht Angela Riedel einmal mehr die Bedeutung von Ernährung auf unsere Gesundheit. Ein Übermaß an Zucker und Fett fördert Brustkrebs und die Metastasierung. „Grundsätzlich geht es darum, dem Tumor das Futter wegzunehmen“, bringt es Angela Riedel auf den Punkt.

Die Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter ist mit Leib und Seele Forscherin. Der tumor-drainierende Lymphknoten hat es ihr besonders angetan, da er sowohl in der Immunantwort als auch im metastatischen Prozess involviert ist. „Er sollte die Balance halten, tut es aber nicht“, sagt sie. Schon in der Schule war sie fasziniert von der Genetik. Und gerade bei Krebs spielen Mutationen und chromosomale Änderungen eine große Rolle. Also war schnell klar, dass sie in der Biomedizin tätig sein möchte.

Traumjob

Am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum für Krebsforschung, gefördert durch die Deutsche Krebshilfe, habe sie vor zwei Jahren ihren Traumjob gefunden. Sie ist eine von insgesamt vier Juniorgruppenleitern. Statt im Labor zu experimentieren sitzt sie nun zunehmend am Schreibtisch, verteilt Aufgaben, koordiniert und publiziert. „Ich dachte, der Abschied vom Labor tut weh. Aber da unsere Doktoranten so gute Arbeit leisten, wir die Ergebnisse gemeinsam auswerten und diskutieren, vermisse ich das überhaupt nicht mehr.“ Da sie habilitieren möchte, ist sie auch in die Lehre eingebunden und unterrichtet im Fach Biochemie als Dozentin innerhalb des Schwerpunkts molekulare Onkologie. Am 21. April in San Diego werden nun statt Studierende hochkarätige Wissenschaftler vor ihr sitzen. Klar sei sie nervös, aber auch das schafft sie.

Publikation: Angela Riedel, Moutaz Helal, Luisa Pedro, Jonathan J. Swietlik, David Shorthouse, Werner Schmitz, Lisa Haas, Timothy Young, Ana S.H. da Costa, Sarah Davidson, Pranjali Bhandare, Elmar Wolf, Benjamin A. Hall, Christian Frezza, Thordur Oskarsson, Jacqueline D. Shields; Tumor-Derived Lactic Acid Modulates Activation and Metabolic Status of Draining Lymph Node Stroma. Cancer Immunol Res 2022

Hinweis für Patienten und Besucher: Kurzfristige Terminverlegungen möglich

Derzeit kann es am UKW zu kurzfristigen Terminverschiebungen kommen

Auch aktuell behandelt die Uniklinik Würzburg eine große Anzahl von Patienten, die SARS-CoV-2-positiv sind. Gleichzeitig gibt es einen anhaltenden Ausfall von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch Isolationspflicht oder Krankheit.

Daher kann es derzeit kurzfristig zur Verschiebung von planbaren und nicht dringlichen Behandlungen kommen. Dies betrifft auch ambulante Vorstellungen. Wir bitten um diese z.T. sehr kurzfristigen Terminverschiebungen um Verständnis. Die behandelnde Klinik wird dann neue Termine vereinbaren.

Zudem fällt aktuell aus Personalmangel bis zum 25. März der klinikweite Shuttlebus aus, der auch das Parkhaus im Bereich ZIM ZOM anfährt. Wir hoffen, diesen Service bald wieder anbieten zu können. 

Uniklinik Würzburg versorgt sieben krebskranke Kinder aus der Ukraine

Geflüchtete Familien trafen am vergangenen Wochenende in der UKW-Kinderklinik ein.

Das Schicksal von geflüchteten ukrainischen Kindern und ihren Eltern bewegt aktuell viele Menschen in Deutschland. Besonders hart trifft es diejenigen, die bereits vor Ausbruch des Krieges mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen hatten. Unter den Menschen, die Hals über Kopf ihre Heimat als Flüchtlinge verlassen mussten, sind auch Familien mit einem an Krebs erkrankten Kind. Sieben dieser Kinder werden aktuell in der Kinderklinik des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) behandelt.

„Wir haben bereits seit Längerem eine enge medizinische Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine und haben bereits vor dem Krieg Kinder aus der Ukraine in Würzburg behandelt, wenn die medizinischen Möglichkeiten in der Ukraine ausgeschöpft waren und sie eine spezielle Therapie benötigten“ sagt Prof. Paul-Gerhardt Schlegel, Leiter der Kinderonkologie am Universitätsklinikum Würzburg. 

Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Uniklinik hatten im Fernsehen die Bilder eines krebskranken Jungen in Akuttherapie gesehen, der sich mit seiner Mutter auf den Weg gemacht hatte, ohne zu wissen, wo die lebenswichtige Behandlung weiter durchgeführt werden kann. „Auch unser Team haben die Bilder sehr bewegt. Direkt am nächsten Morgen habe ich deshalb Kontakt mit unserer Ansprechpartnerin in der Ukraine aufgenommen und unsere Hilfe angeboten, falls die Familien nach Deutschland flüchten“ sagt Prof. Schlegel. Zeitgleich hat sich auch eine deutschlandweite Initiative der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) zum Ziel gemacht, ukrainischen Kindern mit einer Krebserkrankung nach ihrer Flucht eine Behandlung in einer der hochspezialisierten Kinderkrebszentren in Deutschland zu ermöglichen. 

Neben der dringend nötigen medizinischen Versorgung werden die geflüchteten Familien nun auch in organisatorischen Dingen unterstützt. Hierfür sorgt das International Office des UKW gemeinsam mit dem psychosozialen Dienst der Kinderkrebsstationen und vielen weiteren Unterstützern. 

In den vergangenen 14 Tagen konnten über das kinderonkologische Netzwerk Bayern KIONET dank der jahrelangen Kooperationen 24 geflüchtete Kinder und Jugendliche mit einer lebensbedrohlichen onkologischen Erkrankung bayernweit versorgt werden. 

Drei ERC Grants für die Universität

Die Infektionsbiologin Cynthia Sharma, der Virologe Lars Dölken und der Chemiker Prince Ravat erhalten hoch dotierte Preise für ihre Forschung – zusammen sind es 5,5 Millionen Euro.

Gleich drei hochrangige Auszeichnungen des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) gehen an die Universität Würzburg: Professorin Cynthia Sharma (Infektionsbiologie) und Professor Lars Dölken (Virologie) erhalten Consolidator Grants über jeweils zwei Millionen Euro. Der Chemiker Dr. Prince Ravat bekommt einen Starting Grant, der mit 1,5 Millionen Euro dotiert ist.

Der ERC gab die neu vergebenen Consolidator Grants am 17. März 2022 bekannt. Die Preise sind für Forschungstalente bestimmt, deren bisherige Arbeit weitere Spitzenleistungen erwarten lässt. 2.652 Bewerbungen waren in dieser Vergaberunde beim ERC eingelaufen; zwölf Prozent der Anträge wurden bewilligt.

RNA-Bindeproteine bei Bakterien

Cynthia Sharma, Leiterin des Lehrstuhls für Molekulare Infektionsbiologie II und Sprecherin des Zentrums für Infektionsforschung, erforscht, wie bakterielle Krankheitserreger sich an ihre Umwelt oder den Wirt anpassen. Sie hat in ihrem Projekt Exploring the expanding universe of RNA-binding proteins in bacteria Proteine im Blick, die RNA-Moleküle binden und entscheidende Rollen in der Zellphysiologie spielen. Über solche RNA-Bindeproteine ist in Bakterien bislang wenig bekannt. Ihre Erkenntnisse sollen dazu beitragen, die Genregulationsmechanismen von Bakterien besser zu verstehen. Dies könnte wiederum neue Ansatzpunkte für Antibiotika liefern oder auch zur Entwicklung neuer biotechnologischer Verfahren beitragen. Mehr Informationen

Herpesviren und ihre Wirtszellen

Lars Dölken, Leiter des Lehrstuhls für Virologie, erhält nach 2016 jetzt schon seinen zweiten Consolidator Grant. Mit dem Preisgeld will er im Projekt DecipherHSV weiterhin das Herpes-simplex-Virus-1 erforschen. Dieser Krankheitserreger ist für relativ harmlose Beschwerden wie die juckenden Lippenbläschen verantwortlich. Er kann aber auch gefährliche Lungen- oder Gehirnentzündungen auslösen. Noch immer sind viele Mechanismen, mit denen dieses Virus seinen Wirt manipuliert, nicht gut genug verstanden. Im ERC-Projekt soll ein neuartiger Ansatz der Einzelzell-RNA-Sequenzierung Daten liefern, die mit Verfahren der Künstlichen Intelligenz ausgewertet werden.

Neue Klasse chiraler Halbleiter

Starting Grants sind für herausragende Forschende in einer frühen Phase ihrer Karriere vorgesehen. Der ERC gibt die Preisträgerinnen und Preisträger nicht zu einem festen Zeitpunkt, sondern kontinuierlich bekannt. Die finale Liste mit den aktuellen Statistiken liegt noch nicht vor.

Prince Ravat ist seit 2018 Arbeitsgruppenleiter am Institut für Organische Chemie. Mit dem Starting Grant will er ein Projekt zur Entwicklung einer neuen Klasse chiraler Halbleiter starten. Chiralität beschreibt eine Eigenschaft von Molekülen, die mit deren Symmetrie zusammenhängt. Chirale organische Halbleiter werden als neue Materialien benötigt, um die Entwicklung der nächsten Generation der (Opto)Elektronik voranzutreiben, wie zum Beispiel Spin-LEDs, 3D-Displays und quantenbasierte optische Datenverarbeitung.

Über den ERC

Der European Research Council wurde 2007 von der Europäischen Union gegründet. Er ist die wichtigste europäische Organisation zur Forschungsförderung. Sein Gesamtbudget für die Jahre 2021 bis 2027 beläuft sich auf 16 Milliarden Euro.

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 17. März 2022