Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet zur weiteren Stärkung der Spitzenforschung an den Hochschulen in Deutschland elf neue Sonderforschungsbereiche (SFB) ein. Sie werden ab dem 1. Juli 2021 zunächst vier Jahre lang mit insgesamt rund 138 Millionen Euro gefördert.
Mehr als zwölf Millionen davon gehen an den neuen SFB/Transregio „LETSIMMUN – Lymphozyten Engineering für Therapeutische Synthetische Immunität“, an dem die Würzburger Universitätsmedizin als Antragssteller beteiligt ist. Gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der TU und der LMU München sollen neue Techniken und Strategien entwickelt werden, um Immunzellen – meist Lymphozyten – über verschiedene genetische, aber auch andere Verfahren so zu verändern, dass sie neue Erkennungsstrukturen tragen oder auch in ihrer Funktionalität modifiziert werden. Die durch Engineering adaptierten Immunzellen, die dann aktiver sind, besser in das erkrankte Gewebe oder Organ einwandern oder im Körper des Patienten länger überleben können, sollen dann mittelfristig zu einer optimierten Bekämpfung von Infektionen, Tumorerkrankungen, aber auch Autoimmunerkrankungen, wie zum Beispiel Rheuma, genutzt werden. Ziel ist eine neue Form der zellulären Immuntherapie, die medizinisch sicher und wirksam allen bedürftigen Patient*innen offenstehen soll. Standortsprecher in Würzburg ist Prof. Dr. Hermann Einsele, der Direktor der Medizinischen Klinik II des Uniklinikums Würzburg (UKW).
Zwei SFB gehen in die finanzielle Verlängerung
Neben der Unterstützung der elf neuen SFB stimmte der Bewilligungsausschuss der DFG auch für die Verlängerung von 27 bereits bestehenden SFB um je eine weitere Förderperiode. Die Würzburger Universitätsmedizin ist hier an zwei Vorhaben beteiligt. Der SFB/Transregio „Die Nebenniere: Zentrales Relais in Gesundheit und Krankheit“ wird seit 2017 von der DFG gefördert. Mit einem interdisziplinären Ansatz sollen die komplexen Wechselwirkungen innerhalb der Nebenniere sowie mit anderen Organsystemen weiter entschlüsselt werden. Auf dieser Basis und mit Hilfe der jetzt neu bewilligten knapp 14 Millionen Euro können im Idealfall neue diagnostische und therapeutische Strategien für die Behandlung von Nebennierenerkrankungen, aber auch damit assoziierter Volkserkrankungen, wie Bluthochdruck und Diabetes mellitus, entwickelt werden. Würzburger Standortsprecher ist Prof. Dr. Martin Fassnacht, der Leiter der Endokrinologie und Diabetologie an der Medizinischen Klinik I des UKW.
Auch der seit 2013 bestehende SFB/Transregio „Netzwerke der Interaktion zwischen pathogenen Pilzen und ihren menschlichen Wirten – FungiNet“ erhält für weitere vier Jahre knapp zehn Millionen Euro. Damit erforschen Wissenschaftler*innen in Jena und Würzburg die Interaktion von unterschiedlichen Immunzellen und verschiedenen krankheitserregenden Pilzen – im Reagenzglas, in Gewebs- und Tiermodellen sowie in der kommenden Förderperiode auch am betroffenen, meist immunabwehrgeschwächten Patienten. Die vor allem auch durch aufwändige bioinformatische Modellierung analysierten Interaktionen sollen helfen, die Infektionsprozesse besser zu verstehen und schließlich neue Diagnostik- und Therapieoptionen bei krankheitserregenden Pilzen eröffnen. Standortsprecher in Würzburg ist Prof. Dr. Hermann Einsele.
Aktuelle Pressemitteilungen
Beim 10. bundesweiten „Aktionstag gegen den Schmerz“ am Dienstag, den 1. Juni 2021, machen die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. und ihre Partnerorganisationen auf die lückenhafte Versorgung von vielen Millionen Menschen aufmerksam, die an chronischen Schmerzen leiden. Das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) des Uniklinikums Würzburg beteiligt sich am Aktionstag mit einer Online-Veranstaltung für alle Interessierten. Themenschwerpunkt dabei sind Rückenschmerzen. Die Videokonferenz auf der Plattform Zoom startet um 17:00 Uhr mit einem Interview mit einem Patienten, der von chronisch unspezifischem Rückenschmerz betroffen ist. Anschließend wird die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz vorgestellt. Zum Abschluss der rund einstündigen Veranstaltung besteht für die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, eigene Fragen zu stellen. Akteure von Seiten des ZiS sind die Funktionsoberärztin Dr. Monika Fischer, der Funktionsoberarzt Konrad Rammelt und die Psychologin Angelika Riedner.
Wie man sich für dieses kostenlose Informationsangebot anmeldet, erfährt man unter
Die Schmerztagesklinik des Uniklinikums Würzburg will durch eine Studie dazu beitragen, den chronischen Leistenschmerz besser zu verstehen und in Zukunft effektiver behandeln zu können. Dazu werden aktuell Proband*innen gesucht, die keinen Leistenbruch, keine Leistenschmerzen und keine Leisten-OP haben. Gefragt sind Männer zwischen 18 und 85 Jahren sowie Frauen zwischen 40 und 85 Jahren. Sie erwartet eine körperliche Untersuchung und die Beantwortung anerkannter Fragebögen. Zur weiteren Diagnostik gehören eine Blutentnahme sowie die Prüfung der Empfindung der Leiste. Optional wird eine kleine Hautprobe entnommen oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt. Je nach Umfang ist eine Aufwandsentschädigung von bis zu 120 Euro vorgesehen.
Für die Teilnahme benötigen die Teilnehmer*innen einen negativen Covid-19-Test. Interessierte kontaktieren Eva Hermann von der Schmerztagesklinik unter Tel: 0931/201-30251 oder E-Mail: herrmann_e@ukw.de.
Am von Prof. Dr. Markus Böck geleiteten Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie des Uniklinikums Würzburg beschäftigt sich die Arbeitsgruppe von Privatdozent Dr. Jürgen Kößler und Dr. Anna Kobsar mit der Weiterentwicklung von Blutprodukten. Im Mittelpunkt steht dabei aktuell die Optimierung von Thrombozytenkonzentraten. Diese werden bei Patient*innen mit Blutungen oder niedriger Blutplättchenzahl transfundiert.
Kühllagerung mit Vor- und Nachteilen
„In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir den Einfluss der Temperatur auf die Funktion der Thrombozyten“, schildert Dr. Kößler. Nach aktuellem Standard werden die durch Blutspenden gewonnenen Thrombozytenkonzentrate bei Raumtemperatur – also bei 22 °C – gelagert. „Unter diesen Bedingungen nimmt die Fähigkeit der Blutplättchen zur Gerinnselbildung aber relativ schnell und ausgeprägt ab“, beschreibt Dr. Kobsar, die das Forschungslabor des Instituts leitet. Lagert man die Konzentrate deutlich kühler – bei 4 °C – bleibt nach ihren Worten die Reaktivität wesentlich länger und stärker erhalten. „Allerdings werden diese Thrombozyten nach der Transfusion im Kreislauf der Patientinnen und Patienten schneller abgebaut“, weiß die Diplom-Biochemikerin.
Voraussetzung für die Planung zukünftiger klinischer Studien
Ziel des Projekts ist es, genauer zu untersuchen, wie sich die verschiedenen biochemischen Systeme in den Thrombozyten unter Kälteeinfluss zeitabhängig verändern und ob diese Effekte reversibel sind. „Diese Kenntnisse sind eine wichtige Voraussetzung für die konkrete und sinnvolle Planung klinischer Studien mit kühlgelagerten Thrombozytenkonzentraten“, unterstreicht der Oberarzt Dr. Kößler.
Stiftung leistet finanzielle Starthilfe
Der „Stiftung Transfusionsmedizin und Immunhämatologie“ war dieses Forschungsziel jetzt eine Förderung in Höhe von 9.200 Euro wert. Die gemeinnützige Stiftung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) eingerichtet. Sie unterstützt wissenschaftliche Projekte mit thematischem Bezug zur Transfusionsmedizin und Immunhämatologie. Ihre ausgeschütteten Fördergelder sind als Anschubfinanzierung gedacht, um mit den ersten Forschungsergebnissen weitere Drittmittel für Anschlussprojekte einwerben zu können.
Über das Multiple Myelom
Beim Multiplen Myelom entarten im Knochenmark bestimmte Immunzellen. Sie überfluten den Körper mit fehlerhaft produzierten Antikörpern, unterdrücken durch ihr aggressives Wachstum die Blutbildung und schädigen durch verstärkten Knochenabbau das Skelett. In Deutschland erkranken pro Jahr etwa 5000 bis 6000 Menschen an dieser Untergruppe des Lymphknotenkrebses.
„Die Entwicklung neuer Wirkstoffe und Medikamentenkombinationen haben die Behandlung des Multiplen Myeloms in den letzten Jahren deutlich erweitert und verbessert“, berichtet Prof. Dr. Hermann Einsele. Der Direktor der Medizinischen Klinik II des Uniklinikums Würzburg (UKW) gilt international als Experte für diese bösartige Krebserkrankung des Knochenmarks. Nach seinen Worten gibt es dabei so viele neue Erkenntnisse und Innovationen aus Forschung, Diagnostik und Therapie, dass sich am Samstag, den 3. Juli 2021, erneut problemlos eine hochinformative, halbtägige Vortragsveranstaltung zusammenstellen lässt. Das schon seit vielen Jahren etablierte Myelom-Forum des UKW findet seit Beginn der Corona-Pandemie als Videokonferenz statt. Ab 9:00 Uhr referieren acht Spezialisten über die Softwareplattform Skype for Business zu Themen wie Myelomdiagnostik mit nuklearmedizinischen Techniken und Knochenmarkpunktion, neue Entwicklungen bei der Therapie mit Antikörpern und CAR-T-Zellen sowie die Möglichkeiten zur Corona-Impfung bei Myelompatienten.
Nach jedem Vortrag und bei der abschließenden Diskussionsrunde gegen 12:15 Uhr haben die Teilnehmer*innen der kostenlosen Veranstaltung Gelegenheit, sich per Chat zu Wort zu melden und individuelle Fragen zu stellen. Eine Teilnahme an der Onlinekonferenz ist über Computer, Smartphone und Telefon – hier natürlich nur mit Ton-Empfang – möglich. Nach der Anmeldung erhalten die Interessenten per E-Mail die Zugangsdaten und eine detaillierte technische Anleitung.
Anmelden kann man sich bis spätestens 21. Juni 2021 bei der Organisatorin Gabriele Nelkenstock unter E-Mail: info@kampfgegenkrebs.de.
Das genaue Programm gibt es im Veranstaltungskalender unter www.ukw.de/medizinische-klinik-ii.
Bei einer Sepsis, die umgangssprachlich auch Blutvergiftung genannt wird, schädigen die Abwehrreaktionen des Körpers gegen eine Infektion die eigenen Gewebe und Organe. „Unsere hauptsächlichen therapeutischen Anstrengungen bei der Sepsis zielen darauf ab, ein Multiorganversagen zu verhindern“, schildert Privatdozent Dr. Dirk Weismann. Der Leiter der internistischen Intensiv- und Notfallmedizin der Medizinischen Klinik I des Uniklinikums Würzburg (UKW) fährt fort: „Leider können wir mit den aktuellen Labordiagnoseverfahren eine Sepsis erst zuverlässig erkennen, wenn der Organschaden schon relativ groß ist.“
Sepsis: Oft zu spät erkannt
Eine Sepsis zählt zu den schwersten Komplikationen von Infektionskrankheiten, die durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten ausgelöst werden. Häufige Infektionsquellen einer Sepsis sind Lungenentzündungen, Infektionen des Magendarmtrakts und des Urogenitaltrakts, ferner auch Infektionen von Haut- und Weichteilgewebe, des zentralen Nervensystems und sogenannte katheterassozierte Infektionen. Eine Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der oft zu spät erkannt wird. In Deutschland sterben jährlich etwa 75.000 Menschen an einer Sepsis. Die Überlebende erleiden oft schwere Folgeschäden.
Der Glykoproteinrezeptor GPVI versagt den Dienst
Zu den diagnostisch genutzten Parametern zählt das Absinken der Anzahl der Blutplättchen – oder auch Thrombozyten – unter einer Sepsis. Während dieser Effekt schon seit Jahren bekannt ist, verfolgte ein Forschungsteam um Dr. Weismann und Prof. Dr. Harald Schulze vom Institut für Experimentelle Biomedizin des UKW kürzlich die Frage, ob sich bei einer Sepsis auch die Funktionsfähigkeit der Thrombozyten verändert. Tatsächlich konnten sie zeigen, dass im Verlauf einer Blutvergiftung die Thrombozyten nicht nur weniger werden, sondern sie sich auch schlechter aktivieren lassen. Über eine umfassende Analyse mittels Durchflusszytometrie, Aggregometrie und Immunoblotting identifizierten sie dabei das Versagen eines Rezeptors auf der Oberfläche der Blutplättchen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit für dieses Phänomen verantwortlich ist. Die Signalisierung des Glykoproteinrezeptors GPVI stumpft während einer Sepsis zunehmend ab.
„Besonders interessant ist, dass dieser Effekt schon zu Beginn der Sepsis einsetzt, deutlich früher als andere bisher messbare Faktoren“, erläutert Dr. Weismann. Deshalb könnte dieser Defekt möglicherweise als Indikator für eine frühe Sepsis-Diagnose genutzt werden, was jedoch in prospektiven Studien erst noch bestätigt werden müsse.
Die Ergebnisse der Studie wurden im April dieses Jahres in der Fachzeitschrift Blood veröffentlicht.
Literatur:
Weiss LJ, Manukjan G, Pflug A, Winter N, Weigel ML, Nagler N, Kredel M, Lam TT, Nieswandt B, Weismann D, Schulze H. Acquired platelet GPVI receptor dysfunction in critically-ill patients with sepsis. Blood. 2021 Apr 7:blood.2020009774. doi: 10.1182/blood.2020009774.
„Mit Drogen experimentieren, betrunken Auto fahren oder ungeschützten Geschlechtsverkehr haben – viele Gesundheitsgefahren von Jugendlichen beruhen auf schlechten Entscheidungen. Unter anderem deshalb ist es so wichtig, die dahinterstehenden Lern- und Entscheidungsprozesse noch besser zu verstehen“, sagt Andrea Reiter und umreißt damit eines ihrer Forschungsgebiete an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg. Seit Februar 2021 hat sie hier die neugeschaffene Juniorprofessur für Lernprozesse in der Entwicklungspsychiatrie, Psychotherapie und Prävention inne.
Damit kehrt die gebürtige Augsburgerin (Jahrgang 1986) zum Ausgangsort ihrer akademischen Karriere zurück: Im Jahr 2006 startete sie an der JMU mit ihrem Psychologie-Studium. Aus geisteswissenschaftlichem Interesse – vor allem an Sprachen – studierte sie außerdem parallel Anglistik, Romanistik und Erziehungswissenschaften bis zum ersten Staatsexamen. Ein eingeschobenes Erasmus-Auslandssemester führte sie an die Psychologische Fakultät der Universität Lissabon.
Promotion zu Sucht und Kontrollverlust
Nach dem in Würzburg abgelegten Diplom in Psychologie im Jahr 2012 wechselte Andrea Reiter mit einem kompetitiven Promotionsstipendium ans Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.
An der dortigen International Max Planck Research School on Neuroscience of Communication und der Universität Leipzig promovierte sie an der Schnittstelle von kognitiven Neurowissenschaften und klinischer Psychologie. Thema waren die kognitiv-neurowissenschaftlichen Hintergründe von Suchterkrankungen und anderen psychischen Problemen, die mit Kontrollverlust einhergehen, wie der von Essattacken geprägten Binge-Eating-Störung.
Methodenportfolio vertieft
„Im Lauf der Zeit interessierte ich mich immer stärker für Entwicklungsaspekte von psychischen Erkrankungen, aber auch für Veränderungen im Lernen und Entscheidungsverhalten, die im typischen Entwicklungsverlauf eines Menschen auftreten“, schildert Andrea Reiter. Dies führte sie nach ihrer Doktorarbeit im Jahr 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Bereich „Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft der Lebensspanne“ an der TU Dresden.
Ihre letzte Karriereetappe vor Würzburg war von 2018 bis 2020 das University College in London. Dort beschäftigte sie sich als Postdoktorandin am Max Planck – UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research und am Wellcome Trust Centre for Human Imaging mit jugendlicher Entwicklung und Psychopathologie. „Dabei hatte ich Gelegenheit, meine Kenntnisse in Bereichen wie Hirnbildgebung und Computationaler Modellierung zu vertiefen und an einer großangelegten Längsschnittstudie zur jugendlichen Entwicklung mitzuwirken“, erläutert Reiter.
Entscheidungsprozesse von Jugendlichen besser verstehen
Mit diesem Werdegang steht der Psychologin ein umfangreiches Methodenportfolio für ihre breit angelegten Forschungsinteressen zur Verfügung, die sie nun an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) des Uniklinikums Würzburg (UKW) weiterverfolgt.
„Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich aus einer grundlagenwissenschaftlichen Perspektive damit, wie vor allem junge Menschen Entscheidungen treffen, wie basale Lernprozesse ablaufen und wo es hierbei mögliche Zusammenhänge zu psychischen Erkrankungen gibt“, schildert die Wissenschaftlerin.
Die dafür nötigen Daten werden in psychologischen Experimenten gewonnen, bei denen neben Verhaltensmaßen unter anderem die besonders involvierten Hirnareale mittels Magnetresonanztomografie (MRT) oder Elektroenzephalografie (EEG) ermittelt werden. Anschließend helfen Computeralgorithmen, die aus Verhaltensexperimenten oder per Hirnscanner gewonnenen Informationen auszuwerten.
Mit struktureller Hirnbildgebung Umbauprozesse untersuchen
Die oben genannten Bildgebungsverfahren spielen auch eine zentrale Rolle, wenn es um die strukturelle Entwicklung des Gehirns geht. Andrea Reiter: „Wir wissen schon seit langem, dass sich das menschliche Gehirn in der Kindheit massiv verändert. Im Gegensatz dazu sind weitere solche Umbauprozesse im Teenager-Alter erst in den letzten beiden Jahrzehnten in den Fokus der Forschung gerückt. Eine Hypothese dabei ist, dass abweichende Umbauprozesse auch damit zusammenhängen können, dass Jugendliche psychische Probleme entwickeln.“
Verhalten ist ansteckend
Ein weiterer Schwerpunkt in der Forschungsarbeit der Juniorprofessorin sind soziale Aspekte von Verhalten. Sie verdeutlicht: „Wir alle lassen uns in unserem Verhalten von anderen anstecken. Im Jugendalter wirkt dieser Effekt allerdings deutlich stärker.“
Aus Studien ist bekannt, dass Jugendliche mit bestimmten psychischen Störungen soziale Reize anders verarbeiten als gesunde Jugendliche. Ein Ziel ihrer Arbeitsgruppe ist es, die Rolle von sozialer Information und Interaktion sowie von sozialem Lernen bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen, aber auch in Therapieprozessen zu untersuchen.
„Eine interessante Frage für die zukünftige Therapieplanung ist in diesem Zusammenhang, ob sich durch kognitive Marker, die zum Teil mit Computeralgorithmen gewonnen werden können, die Jugendlichen, die zum Beispiel von einer Gruppentherapie profitieren könnten, von denjenigen unterscheiden lassen, für die das nicht der richtige Behandlungsweg ist“, sagt Andrea Reiter.
Erfolgreiche Drittmitteleinwerbungen
„Wir sind hochzufrieden, dass wir die neue Juniorprofessur mit einer so vielseitigen und anerkannten Wissenschaftlerin besetzen konnten“, freut sich Prof. Dr. Marcel Romanos, der Direktor der KJPPP. Deutlich wird die Relevanz der wissenschaftlichen Themen des Würzburger Neuzugangs unter anderem durch die von ihr bislang eingeworbenen Forschungsmittel. Neben der mehrfachen Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wurde Andrea Reiter auch international durch den 2020 NARSAD Young Investigator Award der Brain & Behavior Research Foundation ausgezeichnet. Diese Förderung ist eine renommierte internationale Auszeichnung für NachwuchswissenschaftlerInnen im Bereich Biologische Psychiatrie.
Auch in Klinik und Lehre engagiert
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist Andrea Reiter auch klinisch als Psychotherapeutin tätig – sie hat 2019 die Approbation für psychologische Psychotherapie erworben. Außerdem engagiert sie sich in der Lehre, und zwar sowohl bei der Ausbildung von Medizinstudierenden als auch in der Betreuung von Medizin- und Psychologie-Doktorarbeiten.
In Summe ist die Professur für Andrea Reiter nach eigenen Worten wie maßgeschneidert. „Mein Interesse für die Wissenschaft ist durch mein Psychologiestudium in Würzburg geweckt worden. Eine Besonderheit war schon damals die hier gepflegte enge Zusammenarbeit, auch über Fakultäten hinweg, beispielsweise zwischen der Psychiatrie und der klinischen Psychologie. Auch jetzt freue ich mich auf vielfältige Kooperationsmöglichkeiten – sei es mit der Erwachsenenpsychiatrie, der Neuroradiologie und Neurobiologie, der Psychologie oder der Pädagogik.“ Außerdem gebe es in Würzburg schon seit langem einen starken wissenschaftlichen Fokus auf Lernprozesse.
„Last but not least kann ich mich hier im neuen Deutschen Zentrum für Präventionsforschung und Psychische Gesundheit engagieren. Das ist für mich sehr attraktiv, da ich es für essentiell halte, psychische Krankheiten nicht nur effektiv zu behandeln, sondern diesen auch evidenzbasiert vorzubeugen“, betont die Professorin. Ihre Stelle wurde von der JMU im Tenure-Track-Verfahren eingerichtet. Das bedeutet, dass in drei Jahren eine Evaluation stattfindet, nach der eine Verstetigung der Professur in Aussicht steht.
Kontakt
Juniorprofessorin Dr. Andrea Reiter, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsmedizin Würzburg, reiter_a2@ukw.de