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Helfen Cortison und B-Vitamine gegen das Post-COVID-Syndrom?

PreVitaCOV geht am 1. Februar an den Start. Die vom Würzburger Institut für Allgemeinmedizin geleitete Pilotstudie ist eine der ersten medikamentösen Therapiestudien zu langfristigen Symptomen nach einer Infektion mit COVID-19.

Hausärztinnen und Hausärzte stehen seit knapp zwei Jahren vor ganz neuen Herausforderungen, eine davon ist die Behandlung des Post-COVID-Syndroms, auch als Long COVID bekannt. Bis zu 15 Prozent der SARS-COV19-Infektionen* ziehen Beschwerden nach sich, die länger als zwölf Wochen anhalten können. Die Betroffenen leiden am häufigsten unter Müdigkeit und Erschöpfung, Atembeschwerden, Kopfschmerzen sowie Riech- und Schmeckstörungen. Weitere häufige Symptome reichen von allgemeinen Schmerzen und Husten über posttraumatische Belastungsstörungen, Ängste und Zwänge bis hin zu kognitiven Einschränkungen und Haarausfall. 

Ursachen für Long COVID sind unklar

„Es gibt bislang keine wirksame Therapie gegen das Post-COVID-Syndrom. Es gibt lediglich Empfehlungen der S1-Leitlinie zur Linderung der Beschwerden und Vermeidung der Chronifizierung“, berichtet Professorin Ildikó Gágyor. Sie leitet gemeinsam mit Professorin Anne Simmenroth das Institut für Allgemeinmedizin am Uniklinikum Würzburg, beide sind auch als Hausärztinnen tätig. Vermutet werden, dass Gewebeschäden und chronische Entzündungsprozesse die Symptome hervorrufen. Eine Viruspersistenz, also das Überleben des Krankheitserregers im Körper sowie Fehlregulationen von Zell- und Gewebsfunktionen werden ebenfalls als Ursachen von Long COVID diskutiert.

Therapiestudie mit Cortison und B-Vitaminen 

In der Regel verordnen Hausärztinnen und Hausärzte entzündungshemmende Medikamente und bestimmte B-Vitaminen um das Nervensystem zu unterstützen. Die Wirksamkeit dieser Therapie mit Cortison und Vitamin B1, 6 und 12 werden nun in der Studie PreVitaCOV untersucht. Die vierarmige randomisierte kontrollierte Pilotstudie ist eine der ersten Therapiestudien zu Post-COVID und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Koordiniert wird das Projekt von Prof. Ildikó Gágyor vom Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Beteiligt sind neben dem UKW und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die Institute für Allgemeinmedizin Kiel und Tübingen, die Forschungspraxennetzwerke der jeweiligen Institute sowie die Klinische Pharmakologie der Universität Magdeburg. 

Konkret werden ab Sommer 2022 insgesamt 100 Patientinnen und Patienten über 28 Tage entweder mit einem Kortikosteroid behandelt, mit einem Vitamin-B Komplex oder mit einem Placebo. In der Pilotstudie werden nicht nur erste Daten zur Wirksamkeit des Behandlungskonzeptes gesammelt, sondern auch Erkenntnisse zur Machbarkeit dieser klinischen Studie unter Integration von ambulanten und klinischen Versorgungstrukturen gewonnen. 

Wichtig für ambulante Forschung und Standort 

„Ich freue mich sehr, dass wir mit PreVitaCOV so schnell an den Start gehen konnten“, kommentiert Ildikó Gágyor. „Das Post-COVID-Syndrom geht mit einer hohen psychosozialen Belastung einher und hat eine enorme ökonomische Relevanz. Sofern es Hinweise für eine Wirksamkeit gibt, und wenn die Pilotstudie machbar ist, können wir sie fortsetzen, was ungemein wichtig ist für ambulante Forschung und den Standort - Würzburg, Bayern und Deutschland.“

* Sudre, C.H., Murray, B., Varsavsky, T. et al. Attributes and predictors of long COVID. Nat Med 27, 626–631 (2021). https://doi.org/10.1038/s41591-021-01292-y

Leitlinie: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/020-027l_S1_Post_COVID_Long_COVID_2021-07.pdf

 

 

„100 Jahre Luitpoldkrankenhaus“: Neue Festschrift ab sofort in Würzburger Buchhandlungen erhältlich

"Vom Luitpoldkrankenhaus zum Luitpold-Campus (1921-2021)" - Erhältlich in den Würzburger Buchhandlungen Hugendubel, Knodt und Schöningh.

100 Jahre Luitpoldkrankenhaus: Die Festschrift ist nun auch in den Würzburger Buchhandlungen Hugendubel, Knodt und Schöningh erhältlich. In der Festschrift thematisiert werden neben beispielhaften wissenschaftlichen und technischen Fortschritten auch Problemfelder wie die Rolle Würzburger Mediziner im Nationalsozialismus. Die chronologisch geordnete Darstellung in fünf Kapiteln wird durch Einschübe von Quellen und vertiefenden Informationen angereichert. Abgerundet wird der großzügig bebilderte Band durch ein umfassendes Personen- und Sachregister sowie durch Lagepläne, die die bauliche Entwicklung des Universitätsklinikums veranschaulichen. Der Autor Dr. Andreas Mettenleiter (Jahrgang 1968), Arzt und Medizinhistoriker, beschäftigt sich seit seiner Würzburger Studienzeit mit der Würzburger Medizingeschichte. 

Prof. Dr. Jens Maschmann, Ärztlicher Direktor des UKW, freut sich, dass mit der Festschrift ein gut recherchiertes, übersichtliches und ansprechend gestaltetes Nachschlagewerk zur jüngeren Geschichte des Universitätsklinikums vorliegt: „Die Festschrift ist eine Fundgrube für alle, die tiefer in die facettenreiche Geschichte der Würzburger Universitätsmedizin eintauchen möchten. Gerade die vielen Zeitzeugen, die sich zu Wort melden, geben der Publikation eine sehr persönliche und unterhaltsame Note.“ 

Am 2. November 1921 wurde im Stadtteil Grombühl das ‚Staatliche Luitpoldkrankenhaus‘ eingeweiht. Vorausgegangen waren mehr als ein Vierteljahrhundert zäher Verhandlungen und kriegsbedingter Verzögerungen. Auf schwierige Anfangsjahre folgten Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau und stufenweiser Ausbau des Universitätsklinikums bis hin zum Einzug in die Zentren ZOM und ZIM Anfang des 21. Jahrhunderts. Heute ist der Luitpold-Campus nicht nur Sitz von Kliniken und Universitätsinstituten, sondern auch Standort bedeutender Forschungseinrichtungen. 

Ein zweiter Band, der die Entwicklung der einzelnen Kliniken und Institute näher beleuchtet, wird aktuell bearbeitet.

Info:

Universitätsklinikum Würzburg: Vom Luitpoldkrankenhaus zum Luitpold-Campus 1921-2021. Bd. 1. 
Herausgegeben vom Vorstand des Universitätsklinikums Würzburg. Würzburg 2021
113 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
Preis: 18,00 Euro
ISBN 978-3-00-070503-8

Erhältlich in den Würzburger Buchhandlungen Hugendubel, Knodt und Schöningh, teilweise auch mit Versand.

Schnelle Datenerhebung für effektives Pandemiemanagement: Bund muss Investitionen in Digitalisierung mitfinanzieren

Pressemeldung Verband der Universitätsklinika Deutschlands e.V. (VUD) und Medizinischer Fakultätentag (MFT) vom 24. Januar 2022

Der Expertenrat der Bundesregierung zu COVID-19 hat in seiner Stellungnahme vom Wochenende auf die Dringlichkeit einer zeitnahen Datenerfassung und Datenverfügbarkeit hingewiesen.
Gerade durch die sich rasant ausbreitende Omikron-Variante wäre es notwendig, tagesaktuell die Hospitalisierungsrate in allen Altersgruppen und damit die täglich verfügbaren und belegten Krankenhausbetten zu erheben. 
Heute befasst sich die Konferenz des Bundeskanzlers mit den Regierungschef:innen der Länder mit den Vorschlägen des Expertenrats.
Die Deutsche Hochschulmedizin fordert die Verantwortlichen in Bund und Ländern ebenfalls dazu auf, so schnell wie möglich eine aktuelle Datenerhebung sowie die Verknüpfung von epidemiologischen und klinischen Daten und deren wissenschaftliche Auswertung für ein besseres Pandemiemanagement zu ermöglichen.

„Wir brauchen jetzt dringend ein Maßnahmenpaket, das die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreibt. Sofort benötigen wir aktuelle Daten über die Belegung und zu Ressourcen um die Lage in den Krankenhäusern beurteilen zu können. Sehr schnell muss dann die elektronische Patientenakte zeitnah und vollständig Gesundheitsdaten übermitteln, die auch für die wissenschaftliche Auswertung zugänglich sind und überall eingesetzt werden können. Das ist wichtig, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen, aber auch für zukünftige Krisensituationen und generell für ein effektives Gesundheitswesen“, sagt Professor Jens Scholz, 1. Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands e.V. (VUD).

Der Expertenrat empfiehlt eine umfassende Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA), so wie es in dem Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) empfohlen wurde. Bisher wird die ePA nur von sehr wenigen Patientinnen und Patienten genutzt, obwohl die Krankenkassen ihren Versicherten seit 2021 eine ePA anbieten müssen.

„In anderen Ländern, wie z.B. in Dänemark oder Israel, hat eine Datenerhebung in Echtzeit und bezogen auf einzelne Patientinnen und Patienten bereits zu einem effizienteren Pandemiemanagement beigetragen. Um die Daten aus den elektronischen Patientenakten in Deutschland zukünftig besser für die Versorgung und Forschung nutzbar zu machen, sollte das vom SVR angeregte „Opt-out-Modell“ umgesetzt werden. Damit erhält jeder Mensch ab Geburt eine ePA, die automatisch in der Versorgung genutzt wird und nur auf Wunsch deaktiviert werden kann. Die Koalition hat das opt-out im Koalitionsvertrag vereinbart und sollte dies nun zügig umsetzen“, erklärt Professor Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentags (MFT).

Um schnelle Erfolge bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens und insbesondere im Krankenhausbereich zu erreichen, wird die seit Jahren unzureichende Investitionsfinanzierung durch die Länder nicht ausreichen. Der Bund muss sich hier dauerhaft einbringen, um wichtige Investitionen zur Digitalisierung der Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Dies wäre ein wichtiger Impuls, um das Gesundheitswesen und die Krankenhauslandschaft in Deutschland nachhaltig zu verändern.

Kontakt: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Deutsche Hochschulmedizin e.V.

 

Stephanie Strehl-Dohmen/ Christiane Weidenfeld
Alt-Moabit 96, 10559 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 3940517-25
E-Mail: strehl-dohmen@uniklinika.de; weidenfeld@mft-online.de
www.deutsche-hochschulmedizin.de

Universitätsmedizin Würzburg: Translationale Biomechanik mit neuer Professur gestärkt

Die Unfallchirurgin Stefanie Hölscher-Doht ist jetzt Professorin für Translationale Traumatologie und Biomechanik an der Uni Würzburg. In ihrem Forschungsschwerpunkt untersucht sie, wie sich bei Frakturen der Einsatz von Platten, Schrauben, Zementen und Klebern auf die Knochen- und Sehnenstabilität sowie den Heilungsprozess insgesamt auswirkt.

Stefanie Hölscher-Doht arbeitet seit dem Jahr 2007 als Ärztin an der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie des Uniklinikums Würzburg (UKW). Mit Wirkung vom 1. September 2021 wurde sie als Universitätsprofessorin für Translationale Traumatologie und Biomechanik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingestellt. 

Die gebürtige Düsseldorferin absolvierte ab dem Jahr 2000 ihr Humanmedizinstudium an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo sie in 2007 die Approbation als Ärztin erhielt. Schon ihre Doktorarbeit am Universitätsklinikum Münster führte die stark forschungsinteressierte Medizinerin in den Bereich der Biomechanik. Dabei überprüfte sie die Stabilität, die sich mit ursprünglich aus der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie stammenden Miniimplantaten in der Handchirurgie erzielen lässt.

Seit 2007 mit dem Thema Biomechanik am UKW betraut

Ihr Doktorvater in Münster war Prof. Dr. Rainer Meffert. Dieser wurde im Jahr 2007 nach Würzburg berufen, um dort die damals neu entstehende Chirurgische Klinik II zu leiten. Diese vereinte die Gebiete Unfall- und Handchirurgie sowie Plastische und Wiederherstellungschirurgie. Stefanie Hölscher-Doht folgte noch im selben Jahr einem Stellenangebot von Prof. Meffert ans UKW. „Im Zuge der Gestaltung der neuen Klinik bekam ich von Beginn an – als Assistenzärztin – die große Aufgabe und Chance, den Biomechanik-Bereich aufzubauen“, erinnert sich die W2-Professorin. Für die mechanischen Tests wurde im Zentrum für Operative Medizin des UKW ein Labor eingerichtet. Dessen Kernelement ist eine Materialprüfmaschine, mit der alle Arten von Druck-‚ Zug- und Torsionsbelastungen auf Knochen simuliert werden können. Neben menschlichen kommen hier Schweine- und Kunstknochen zum Einsatz. 

So wenige Schrauben wie möglich 

„Die zentrale Frage unserer Forschungsprojekte ist: Welche Versorgungstechnik gewährleistet nach einer Fraktur die höchste Stabilität, erlaubt eine schnelle Wiederbelastung und bietet die größten Chancen auf eine bestmögliche Ausheilung?“, schildert Prof. Hölscher-Doht. Zu der Suche nach passenden Antworten gehören immer wieder auch Abwägungsprozesse. So muss zum Beispiel beim Einsatz von Osteosynthesematerial – also implantierbaren Platten, Schrauben und Drähten – mit hohem Augenmaß vorgegangen werden. Denn jede Schraube sorgt nicht nur für Stabilität, sondern schwächt gleichzeitig den Knochen und die Knochenhaut, was sich auf die Heilung prinzipiell negativ auswirken kann. 

Impressionsbrüche am Schienbeinkopf: Arbeitsschritte umgekehrt

Zu den zur Verfügung stehenden Versorgungslösungen gehören auch Knochenersatzmaterialien wie Zemente und Kleber. „Eines meiner bislang schönsten Forschungsprojekte mit dem für mich interessantesten Ergebnis steht in enger Verbindung mit dem Einsatz von Knochenzement“, berichtet die Unfallchirurgin. Im Fokus stand die Therapie von Impressionsfrakturen am Schienbeinkopf. Hierbei brechen Teile der lasttragenden Gelenkfläche ein. Nach der chirurgischen Anhebung unter arthroskopischer Kontrolle des eingesunkenen Bereichs verbleibt darunter in vielen Fällen ein Hohlraum im Knochen. Dieser wird mit Knochenzement aufgefüllt. „Standardmäßig wurden zunächst Platten und Schrauben gesetzt – erst danach wurde der Zement eingespritzt. Das Problem dabei war, dass sich der zähflüssige Zement wegen der Schrauben häufig nicht mehr gut in der Höhle verteilen konnte“, beschreibt Prof. Hölscher-Doht. Oft blieb ein Hohlraum, in den das Plateau später wieder einsinken konnte. Mögliche Folgen sind eine Fehlstellung des Gelenks, Arthrose und chronische Schmerzen. „Auf der Suche nach einem alternativen Vorgehen experimentierten wir im Labor mit einem bohrbaren Knochenzement. Dieser wird als erstes eingespritzt, sodass ungehindert die komplette Knochenhöhle gefüllt werden kann. Erst anschließend, nach etwa acht Minuten Aushärtungszeit, werden die Schrauben durch den Zement hindurch gesetzt“, erläutert die Professorin. Nach ihren Worten konnte das Laborergebnis, aus dem nachweislich eine deutlich höhere Stabilität der Gelenkfläche resultiert, direkt in der klinischen Versorgung umgesetzt werden.

Breite Forschungstätigkeit trotz kleiner Manpower

Neben Frakturen am Schienbeinkopf beschäftigte sich Stefanie Hölscher-Doht in ihren bisherigen Forschungsvorhaben schwerpunktmäßig mit der Behandlung von Verletzungen der Mittelhandknochen. Hinzu kamen Frakturen des Ellenhakens. Für eine diesbezügliche vergleichende Untersuchung von unterschiedlichen Implantationslösungen erhielt sie im Jahr 2019 einen der klinischen Posterpreise auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie. An Arbeiten zu vielen weiteren Lokalisationen, wie Schlüsselbein, Fersenbein und Sprunggelenk, war und ist sie beteiligt. „Ich bin sehr stolz darauf, dass es Stefanie Hölscher-Doht und ihrem kleinen Team seit Jahren gelingt, konkurrenzfähige translationale Forschung zu betreiben – gerade wenn man in Betracht zieht, dass vergleichbare biomechanische Themen andernorts von großen Instituten mit mehreren Ingenieuren beackert werden“, freut sich Prof. Meffert und ergänzt: „Zudem ist es ihr gelungen, wertvolle Kooperationen über das eigene Labor hinaus zu knüpfen. Das war ein wichtiger Schritt, um erfolgreich Forschungsmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu akquirieren.“

Klinische Rückkopplung zu Zementen und Klebern

Auch in der Weiterentwicklung von Knochenzementen und -klebern ist die Forscherin aktiv. Dazu kooperiert sie seit vielen Jahren intensiv mit der von Prof. Dr. Uwe Gbureck geleiteten Arbeitsgruppe „Bioactive Inorganic Scaffolds“ vom Lehrstuhl für Funktionswerkstoffe der Medizin und Zahnheilkunde der Uni Würzburg. „Unsere hervorragende Zusammenarbeit sorgt unter anderem dafür, dass die Grundlagenforschung nicht an den Anforderungen der klinischen Anwendung vorbeiläuft“, kommentiert Hölscher-Doht.

Sie selbst wird auch als Professorin den unmittelbaren Kontakt zu den alltäglichen Praxisanforderungen nicht verlieren, denn sie ist weiterhin mit einem bedeutenden Teil ihrer Arbeitszeit als Oberärztin der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des UKW tätig. Spezialisiert ist sie dabei auf eher feine Eingriffe, wie das Zusammensetzen von stark fragmentierten Fuß- und Sprunggelenken, die Handchirurgie oder mikrochirurgische Operationen, wie das Annähen von abgetrennten Fingern.

 

Uniklinikum Würzburg bei Gewebespenden bundesweit führend

An keinem anderen Krankenhaus in Deutschland wurden im Jahr 2021 mehr Gewebe – zum Beispiel Augenhornhäute, Herzklappen oder Blutgefäße – gespendet, als am Uniklinikum Würzburg.

Laut der Statistik der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) war das Uniklinikum Würzburg (UKW) im Jahr 2021 der deutschlandweite Spitzenreiter bei den Gewebespenden: Hier stellten 110 Menschen nach ihrem Tod Gewebe wie Augenhornhäute, Herzklappen oder Blutgefäße für andere Patientinnen und Patienten zur Verfügung. 

Hohe Zustimmungsquote nach Aufklärungsgesprächen

Das UKW arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit der DGFG in der altruistischen Gewebespende zusammen. Seit Juni 2019 ist Marina Kretzschmar als Koordinatorin für die DGFG in der Gewebespende am UKW tätig. Sie prüft anhand der Verstorbenenmeldungen, ob jemand für eine Spende in Frage kommt. Ist das der Fall, kontaktiert sie die Angehörigen. Stimmen diese nach dem Aufklärungsgespräch zu, führt Marina Kretzschmar die Gewebeentnahme durch. Die Zustimmungsquote nach den Aufklärungsgesprächen lag am UKW mit 48 deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 42 Prozent.

„Unser hohes Aufkommen an Gewebespenden freut uns in erster Linie für die vielen Menschen, denen wir mit der Weitergabe dieser ‚Geschenke der Mitmenschlichkeit‘ helfen konnten”, kommentiert Prof. Dr. Jens Maschmann. Der Ärztliche Direktor des UKW fährt fort: „Dabei sind wir natürlich auch etwas stolz, dass die Abläufe rund um die Spende bei uns so gut funktionieren.“ Das liegt nach seinen Worten zu großen Teilen an der hervorragenden Zusammenarbeit der Klinikumsbeschäftigten mit der DGFG-Koordinatorin. „Zum einen sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Thema Gewebespende bestens sensibilisiert. Zum anderen haben wir in Frau Kretzschmar eine Partnerin, die in der Lage ist, mit den Angehörigen von Verstorbenen gleichsam empathische, wie objektiv informierende Gespräche zu führen“, so Maschmann.

Pandemie-Management als einer der Erfolgsfaktoren

Dass am UKW gerade auch in den Corona-Monaten die Gewebespende-Aktivitäten hochgehalten werden konnten, ist nach Einschätzung des Ärztlichen Direktors nicht zuletzt auf das erfolgreiche Pandemie-Management des unterfränkischen Klinikums der Maximalversorgung zurückzuführen. „Dieses ermöglichte es uns, in großer Zahl auch nicht-infizierte Patientinnen und Patienten zu versorgen, unter denen sich dann naturgemäß weiterhin Spenderinnen und Spender fanden“, erläutert der Professor.

Weitere Details zu den Jahreszahlen 2021 und den Hintergründen der Gewebespende liefert die DGFG auf ihrer Homepage unter https://gewebenetzwerk.de  

 

Stiftung „Forschung hilft“: Förderpreisgelder unterstützen die Würzburger Krebsforschung
Bild Vertreter der Stiftung Forschung hilft bei der Förderpreis-Vergabe und Ärztlichen Direktor UKW
Von links: Prof. Dr. Paul Pauli, Prof. Dr. Matthias Frosch, Gabriele Nelkenstock, Barbara Stamm (Ehrenpräsidentin der Stiftung) und Prof. Dr. Hermann Einsele bilden zusammen mit dem abwesenden Oliver Jörg den Stiftungsrat der Stiftung „Forschung hilft“. Hinzu kommt Prof. Dr. Jens Maschmann, der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Würzburg. Gemeinsam präsentieren sie die Förderurkunden für die jetzt unterstützten Krebsforschungsprojekte. Bild: Margot Rössler / Uniklinikum Würzburg

Die Stiftung zur Förderung der Krebsforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg unterstützt ein weiteres Mal den wissenschaftlichen Kampf gegen Tumorerkrankungen: Fünf Projekte erhalten insgesamt 77.500 Euro.

Der Würzburger Verein „Hilfe im Kampf gegen Krebs“ gründete Ende 2017 unter dem Namen „Forschung hilft“ eine Stiftung zur Förderung der Krebsforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seither schüttet die Stiftung jährlich Förderpreisgelder an lokale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus. Nun wurden auch für das Jahr 2021 Mittel in einer Gesamthöhe von 77.500 Euro bereitgestellt.

 

Daran forschen die geförderten Teams

Aus den eingegangenen Forschungsanträgen wählte der externe und unabhängige wissenschaftliche Beirat der Stiftung – gebildet aus Experten der Uniklinika Essen, Jena und Regensburg – in diesem Jahr fünf Projekte aus, die jeweils mit Beträgen zwischen 10.000 und 17.500 Euro gefördert werden.

Unter den Förderungsempfängern ist die Arbeitsgruppe von Dr. Sabrina Prommersberger und Prof. Dr. Michael Hudecek, beide von der Medizinischen Klinik II des Uniklinikums Würzburg. Ihr Ziel ist es, die CAR-T-Zell-Therapie bei Multiplem Myelom noch effektiver und sicherer zu machen. Während die bisher eingesetzten CAR-T-Zellen üblicherweise nur einen CAR-Rezeptor aufweisen, entwickeln die Würzburger Forscherinnen und Forscher Varianten, die gleich zwei dieser Andockungspunkte auf ihrer Oberfläche tragen. So können die modifizierten Killerzellen Krebszellen noch genauer erkennen und bekämpfen.

 

Neue Krebsmodelle und Analyse der Knochenmarkarchitektur

Das Team von Prof. Dr. Andreas Beilhack, ebenfalls von der Medizinischen Klinik II, will aus Knochenmarkproben von Myelompatienten dreidimensionale Tumormodelle herstellen. Anhand dieser Modelle können subtile Veränderungen des Tumors analysiert und die bestmögliche Therapie eruiert werden. Mit daraus gewonnen Erkenntnissen sollen Tumormechanismen gezielt ausgeschaltet werden, die eine körpereigene Immunantwort unterdrücken.

Welche Zellstrukturen des Knochenmarks sind an der Resistenzbildung gegenüber neuen Immuntherapien beteiligt? Wie normalisiert sich das Knochenmark nach einer erfolgreichen Immuntherapie und schützt so vor einem Rückfall der Krebserkrankung? Welche Eigenschaften erlauben es Tumorzellen, eine Immuntherapie zu überleben? Antworten auf diese Fragen sucht die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Dominic Grün, Lehrstuhlinhaber für „Computational Biology of Spatial Biomedical Systems“ an der Uni Würzburg, gemeinsam mit dem Team um Dr. Leo Rasche von der Medizinischen Klinik II. Als Schlüsseltechnologien kommen dabei die Einzelzell-mRNA-Sequenzierung und die Mikroskopie-basierte seqFISH-Methode zum Einsatz, kombiniert mit Methoden des maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz.

 

Zucker und Protein im Fokus

Krebszellen sind, wie jede gesunde Zelle auch, von einem Mantel aus Zuckermolekülen umgeben. Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Martin Kortüm von der Medizinischen Klinik II will herausfinden, wie die Veränderung der Zuckerstruktur auf Tumorzellen das Ansprechen auf eine Krebstherapie beeinflusst. Im Idealfall lassen sich Ansätze identifizieren, die für therapeutische Interventionen nutzbar sind.

Bösartige Tumorzellen, die sich aus ihrem Zellverband lösen, schaffen es, dem in solchen Fällen „üblichen“ programmierten Zelltod zu entgehen – eine wichtige Voraussetzung für die Bildung von Metastasen. Die Mechanismen, die Tumorzellen dafür einsetzen, sind weitgehend unbekannt. Eine wichtige Rolle scheint dabei das Protein CEACAM1 zu spielen. Das interdisziplinäre Forschungsteam um Dr. Florian Kleefeldt will die Signalwege aufdecken, über die CEACAM1 den programmierten Zelltod verhindert. Außerdem soll überprüft werden, ob sich das Protein als therapeutische Zielstruktur zur Prävention und Behandlung metastasierender Tumoren eignet.

 

Extrem schwierige Spendensituation

„Wir freuen uns sehr, dass es mit dem Abschluss des Jahres 2021 dann doch noch möglich war, Fördermittel auszuschütten“, berichtet Gabriele Nelkenstock vom Stiftungsrat von „Forschung hilft“. Lange Zeit sah es nicht danach aus, denn das Spendenaufkommen im vergangenen Jahr war sehr niedrig. Gabriele Nelkenstock sieht dafür eine Reihe von Gründen. So verhinderten nach ihren Worten die Infektionsschutzauflagen der Corona-Pandemie die bislang üblichen Benefizveranstaltungen, über die sonst vergleichsweise große Beträge generiert werden konnten. „Hinzu kommt, dass die Fokussierung auf die Probleme mit Covid-19 in den letzten beiden Jahren das Thema Krebs aus der öffentlichen Wahrnehmung spürbar herausgedrängt hat“, schildert Nelkenstock. Aus ihrer Sicht völlig zu Unrecht, denn nach aktuellen Zahlen muss man leider davon ausgehen, dass in Deutschland jede und jeder Zweite im Lauf seines Lebens an Krebs erkrankt. „Aus dieser Perspektive ist eine Spende für die Krebsforschung auch eine Investition in die gesundheitliche Zukunft – für einen selbst, wie auch für Angehörige, Freunde und Bekannte“, argumentiert die Vorsitzende des Stiftungsrates. Dass es am Ende glücklicherweise wieder mit einer Förderpreisvergabe klappte, lag laut Gabriele Nelkenstock maßgeblich an den Einnahmen durch ein erfolgreiches Crowd-Funding-Projekt in den letzten Wochen des vergangenen Jahres.

Mit den neuen fünf Vorhaben konnte die Stiftung bislang 24 Würzburger Projekte mit insgesamt 385.500 Euro fördern. Für den Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Matthias Frosch, war diese substanzielle Unterstützung bisher eine wichtige Grundlage für die Erfolge der Krebsforschung und Krebstherapie in Würzburg. Er erläutert: „Würzburg spielt in der Onkologie international in der ersten Liga. Die Einrichtung des Nationalen Centrums für Krebserkrankungen – abgekürzt NCT – ist hierfür ein sichtbares Beispiel, von dem insbesondere auch die Bevölkerung sowie die Patientinnen und Patienten aus der Stadt und dem Umkreis von Würzburg erheblich profitieren werden.“

 

Wer die Stiftung „Forschung hilft“ weiter voranbringen will, kann auf folgendes Konto spenden:

Stiftergemeinschaft der Sparkasse Mainfranken Würzburg

IBAN: DE19 7905 0000 0000 0655 65

BIC: BYLADEM1SWU

 

 Statements der Förderpreisträgerinnen und -preisträger:

 

„Unser Team bedankt sich herzlich bei allen Förderern für ihren Beitrag an die Stiftung ‚Forschung hilft‘. Die finanzielle Unterstützung ermöglicht es uns, erforderliche und oftmals kostspielige Reagenzien anzuschaffen. So können wir unsere Arbeiten im Bereich des ‚Dualen Targetings‘ von Multiplen Myelomzellen mithilfe von CAR-T-Zellen vertiefen und die translationale Forschung auf diesem Feld vorantreiben. Gleichzeitig freuen wir uns sehr über die Anerkennung und die Aufmerksamkeit, die unsere Arbeit durch die Förderung erfährt – gerade jetzt in einer Zeit, in der auch wissenschaftliches Arbeiten durch Quarantänemaßnahmen, ungewohnte Lieferengpässe und -verzögerungen stark erschwert wird.“
Dr. Sabrina Prommersberger, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg

„Wir sind der Stiftung ‚Forschung hilft‘ sehr dankbar für die Unterstützung. In unserem Projekt betreten wir wissenschaftliches Neuland und können dank der Förderung nun die ersten Experimente durchführen. Wir wollen die dreidimensionale Architektur des Knochenmarks entschlüsseln und benötigen dafür kostenintensive Technologie, wie die Einzelzell-RNA-Sequenzierung und ein spezielles Mikroskop. Es ist für uns etwas ganz besonderes, Gelder aus Spenden verwenden zu dürfen. Es ist uns daher sehr wichtig, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse möglichst unmittelbar zu den Patientinnen und Patienten zurückkommen. Mittelfristig möchten wir die Therapie von Krebserkrankungen verbessern.“
Dr. Leo Rasche, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg, und Prof. Dr. Dominic Grün, Institut für Systemimmunologie der Uni Würzburg

„Wir möchten uns bei allen Spenderinnen und Spendern der Stiftung „Forschung hilft“ herzlich für ihre Unterstützung bedanken. Gerade in diesen Zeiten, in denen der Stellenwert von Wissenschaft und Forschung gesellschaftlich zum Teil kontrovers diskutiert wird, ist uns diese Förderung zusätzliche Motivation. In unserem Projekt untersuchen wir eine neue, potenzielle Zielstruktur zur Therapie metastasierender Tumore. Mithilfe der Projektförderung können wir nun die ersten Experimente und Untersuchungen durchführen, für die spezielle Kultivierungsbedingungen sowie zum Teil teure Inhibitoren und Analysereagenzien erforderlich sind. Wir hoffen, die erzielten Ergebnisse mittelfristig in die klinische Anwendung überführen zu können, um damit zu einer besseren Behandlung von Patientinnen und Patienten mit metastasierenden Tumorerkrankungen beizutragen.“
Dr. Florian Kleefeldt, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Würzburg

„Es freut uns sehr, dass viele Menschen trotz der Pandemie und all der aktuellen Herausforderungen unsere Mission, Krebs durch die eigene Immunantwort zu bekämpfen mit ihrer persönlichen Spende unterstützen. Die aus Patientinnen und Patienten gewonnenen Tumormodelle sind ein wichtiger Schritt für eine maßgeschneiderte Krebstherapie.“
Prof Dr. Dr. Andreas Beilhack, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg

„Wir sind sehr stolz und dankbar für die großzügige Förderung der Stiftung ‚Forschung hilft‘. Diese ermöglicht es uns, unsere Forschung weiter voranzubringen, die das Ziel hat, die Entwicklung von Medikamentenresistenz in der Behandlung von Tumorerkrankungen besser zu verstehen. Die Covid-Pandemiesituation betraf in den letzten zwei Jahren alle Teile der Gesellschaft, auch die Krebsforschung. Die finanzielle Unterstützung durch die Stiftung ‚Forschung hilft‘ auch in dieser schwierigen Zeit ist uns eine große Motivation und hilft uns sehr, unsere Projekte zielstrebig fortzuführen, um die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen weiter zu verbessern.‘
Prof. Dr. Martin Kortüm, Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg

 

 

Viel Geld für eine neue Idee

Sechs besonders innovative, aber auch „gewagte“ Projekte im Kampf gegen den Krebs fördert die Deutsche Krebshilfe ab diesem Jahr. Eines davon leitet Martin Eilers, Krebsforscher an der Universität Würzburg.

„Wir wollen die Therapie des Bauchspeicheldrüsenkrebses und des metastasierten Dickdarmkrebses verbessern, indem wir mit einer von uns entwickelten neuartigen Methode Tumorzellen ganz gezielt schädigen.“ So beschreibt Professor Martin Eilers das Ziel eines neuen Forschungsprojekts, das jetzt die Arbeit aufgenommen hat.

Eilers ist Inhaber des Lehrstuhls für Biochemie und Molekularbiologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und renommierter Krebsforscher. Schon seit vielen Jahren untersucht er gemeinsam mit seinem Team die Faktoren, die im Organismus das Zellwachstum und die Zellteilung steuern, sowie die Prozesse, die dafür verantwortlich sind, dass diese Faktoren in Tumorzellen nicht mehr so arbeiten, wie sie sollen. „Unsere Forschung zielt darauf ab zu verstehen, wie diese Faktoren funktionieren und wie sie reguliert werden, um dieses Wissen für neue Strategien zur Tumortherapie zu nutzen“, sagt Eilers.

1,5 Millionen Euro von der Deutschen Krebshilfe

Dieses Ziel kann Eilers nun in einem neuen Projekt verfolgen, das die Deutsche Krebshilfe in den kommenden fünf Jahren mit 1,5 Millionen Euro finanziert.

„High Risk – High Gain“: Unter diesem Motto steht das neue „Exzellenzförderprogramm für etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ der Deutschen Krebshilfe. Gefördert werden damit besonders innovative, aber auch „gewagte“ Projekte, oder – anders formuliert: „Wissenschaftliche Projekte, die die Chance auf einen wesentlichen Erkenntnisgewinn bringen und damit das Potenzial haben, die Krebsmedizin entscheidend voranzubringen“, wie Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe sagt.

Die Methode, mit der Eilers und sein Team Krebs bekämpfen wollen, greift direkt an der Erbinformation der beteiligten Zellen an.

„Wir wissen, dass das genetische Material – die DNA – in den Zellen auf zwei verschiedene Arten genutzt wird: Erstens wird es abgelesen, um RNA und anschließend Proteinmoleküle zu produzieren, die die Bausteine der Zellen sind. Zweitens wird es vervielfältigt, damit es an Tochterzellen weitergegeben werden kann“, erklärt Eilers. Beide Prozesse, das Ablesen und die Vervielfältigung der DNA, finden gleichzeitig statt und können seinen Worten nach „als zwei Züge betrachtet werden, die zur gleichen Zeit auf demselben Gleis fahren“.

Chromosomen zerbrechen in zwei Teile

Da beide „Züge“ in unterschiedliche Richtungen fahren können und auch sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben, besteht dabei immer die Gefahr einer Kollision – die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von Transkriptions-Replikations-Konflikten. Schwere Schäden am Erbgut der Zellen sind häufige Folge dieser Zusammenstöße, weil die beteiligten Chromosomen dann in zwei Teile brechen.

„Schnell wachsende Zellen sind daher für ihr Überleben auf Mechanismen angewiesen, die solche Kollisionen verhindern“, so Eilers. Dies gelte insbesondere für Tumorzellen, in denen viele Kontrollmechanismen ausgeschaltet sind, die normalerweise das Zellwachstum begrenzen. 

In den vergangenen Jahren hat Eilers‘ Gruppe die biochemischen Mechanismen identifiziert, die Tumorzellen vor solchen Kollisionen schützen. Dabei hat sie zwei zentrale Entdeckungen gemacht: „Erstens sind in verschiedenen Tumoren jeweils sehr tumorspezifische Mechanismen dafür verantwortlich, solche Kollisionen zu verhindern“, erklärt der Krebsforscher. Mit diesem Wissen können die Forscherinnen und Forscher nun gezielt solche Kollisionen in Tumorzellen auslösen und deren Erbgut beschädigen, während normale Zellen unbeschädigt bleiben. 

Erhebliche therapeutische Erfolge

Zum Zweiten hat das Team Medikamente gefunden, die es ermöglichen, nicht nur mit Labormethoden in diese Prozesse einzugreifen. Vielmehr können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse auch am lebenden Organismus erproben.

„In Tiermodellen eines kindlichen Tumors, dem Neuroblastom, konnten wir zeigen, dass diese Strategien erhebliche therapeutische Erfolge haben können“, sagt Eilers. Mit dem von der Krebshilfe geförderten Projekt will er nun nachweisen, dass diese Strategie auch bei der Behandlung des Pankreaskarzinoms und des metastasierten Kolonkarzinoms erfolgreich sein kann. Die „ungewöhnlich großzügige Förderung“ ermögliche es ihm, dieses Konzept sorgfältig für den Einsatz in der klinischen Praxis vorzubereiten.

Genau das ist auch Ziel des Förderprogramms der Deutschen Krebshilfe: Forscherinnen und Forscher, die sich durch einen herausragenden wissenschaftlichen Lebenslauf auszeichnen, den nötigen finanziellen und zeitlichen Freiraum zu geben, um richtungsweisende Ideen zur Prävention, Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen umzusetzen und konzeptionell neue Wege zu gehen.

„Im Rahmen der üblichen Projektförderung bei der Deutschen Krebshilfe könnten diese Projekte nicht bewilligt werden, weil sie zu risikobehaftet sind oder zu viel Zeit in Anspruch nehmen“, so Gerd Nettekoven. Für das Programm hat die Deutsche Krebshilfe insgesamt rund 8,7 Millionen Euro für fünf Jahre bereitgestellt.

Erfolg gegen fast 100 Konkurrenten

Die Resonanz auf die Ausschreibung des Programms war übrigens enorm: Insgesamt 99 Projektvorschläge waren bei der Deutschen Krebshilfe eingegangen. Aus 18 Vollanträgen haben Expertengremien der Krebshilfe sowie mehrere externe Gutachter schließlich sechs Projekte als förderwürdig empfohlen.

Kontakt

Prof. Dr. Martin Eilers, Lehrstuhl für Biochemie und Molekularbiologie, T: +49 931 31-84111, martin.eilers@ biozentrum.uni-wuerzburg.de 

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 18. Januar 2022