Aktuelle Pressemitteilungen

Post-ASH-Forum: Online-Veranstaltung informiert über internationale hämatologische Spitzenforschung

Der jährliche Kongress der American Society for Hematology (ASH) zeigt den Status der weltweiten hämatologischen Forschung auf. Am Samstag, den 12. März 2022, verdeutlichen sechs Experten des Uniklinikums Würzburg in einer Online-Veranstaltung laienverständlich die wichtigsten Botschaften des ASH 2021 zu einer Reihe von schweren Erkrankungen des Blutes.

Die American Society of Hematology (ASH) ist eine der weltweit größten medizinischen Fachgesellschaften, die sich mit den Ursachen und der Behandlung von Erkrankungen des Blutes befasst. Bei dem von ihr alljährlich im Dezember in den USA veranstalteten Kongress präsentieren internationale Spitzenmedizinerinnen und -mediziner neue Studienergebnisse und Leitlinien für Diagnosen und Therapien. 

Damit die Informationen des ASH 2021 auch die betroffenen Patientinnen und Patienten, deren Angehörige und alle sonstigen Interessierten erreichen, veranstaltet die Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg (UKW) am Samstag, den 12. März 2022, ihr zweites Digitales Post-ASH-Forum. Neben dem Klinikdirektor Prof. Dr. Hermann Einsele referieren fünf weitere Experten des UKW zu Neuigkeiten aus der Behandlung von Krankheiten wie Multiples Myelom, akute myeloische Leukämie, myeloproliferative Neoplasien und Non-Hodgkin-Lymphom. Außerdem gibt es ein Update zu den Entwicklungen beim Einsatz von CAR-T-Zellen sowie Wissenswertes zur Corona-Schutzimpfung.

Breite Entwicklung bei den CAR-T-Zell-Therapien

„Auch beim letzten ASH gab es aus meiner Sicht wieder viele gute Nachrichten“, berichtet Prof. Einsele und fährt fort: „Beispielsweise wurde deutlich, wie massiv mittlerweile fortschrittliche Immuntherapien mit bispezifischen Antikörpern oder CAR-T-Zellen in der Behandlung des Multiplen Myeloms berücksichtigt werden.“ Generell gab es nach seinen Worten bei den CAR-T-Zellen in der letzten Zeit eine extrem breite Entwicklung. Diese führte dazu, dass die modifizierten körpereigenen Killerzellen bei unterschiedlichen hämatologischen Erkrankungen bereits in der zweiten oder sogar ersten Behandlungslinie eingesetzt werden. „Die kontinuierliche Verbesserung gerade auch hinsichtlich der Nebenwirkungen ermöglicht es, dass CAR-T-Zell-Therapien in den USA teilweise schon ambulant durchgeführt werden“, unterstreicht Prof. Einsele. 

Corona behindert allogene Stammzelltransplantationen

Deutlich verkompliziert wurde hingegen die allogene Stammzelltransplantation in den vergangenen zwei Jahren durch die Effekte der Corona-Pandemie. „Um sicherzugehen, dass die Zellen eines glücklicherweise gefundenen Spenders nicht ‚auf den letzten Metern“ vor der Transplantation durch eine Covid-19-Infektion unbrauchbar werden, mussten die Stammzellen in vielen Fällen eingefroren werden, bis der Empfänger für die Transplantation bereit war – ein zusätzlicher, aufwändiger und risikobehafteter Vorgang“, bedauert Einsele.

Übertragung per Zoom

Die kostenlose Veranstaltung wird über die Internetplattform Zoom übertragen. Sie beginnt um 9:30 Uhr und endet gegen 12:00 Uhr. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine Internetverbindung sowie ein Smartphone, ein Tablet, ein Laptop oder ein PC. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, ist eine baldige Anmeldung erforderlich bei Gabriele Nelkenstock unter E-Mail: selbsthilfe@ukw.de. Das detaillierte Programm des Informationstags findet sich unter www.ukw.de/medizinische-klinik-ii/veranstaltungen. 

 

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft bietet am 3. März 2022 ab 16:00 Uhr einen kostenlosen Online-Infonachmittag für Angehörige sowie Freundinnen und Freunde von Krebspatientinnen und -patienten an, bei dem es um Fragen gehen soll wie: Wie können Angehörige helfen? Was können sie außerdem für sich sebst tun?

Einer der Referenten ist Prof. Dr. Imad Maatouk (im Bild), der Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik, Psychotherapie und Psychoonkologie an der Medizinischen Klinik II des Uniklinikums Würzburg.

Mehr zum Programm und eine Anmeldemöglichkeit findet sich hier: https://www.krebsinformationsdienst.de/aktuelles/online-veranstaltungen-zu-krebs.php#anmeldung

Link zum Programm

Uniklinikum Würzburg: Digitaler Infoabend zum Reizdarm-Syndrom

Am Mittwoch, den 30. März 2022, informieren eine Expertin und ein Experte des Uniklinikums Würzburg in einem Webinar über Diagnostik, Behandlung und Ernährung beim Reizdarm-Syndrom. Die kostenlose Veranstaltung ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Mediengruppe Main-Post.

Schmerzhaft, belastend und weit verbreitet, aber oft ohne konkret fassbare Ursache – der Reizdarm ist eine Krankheit, die bei den Betroffenen viele Fragen aufwirft. Deshalb widmet das Uniklinikum Würzburg (UKW) dem Syndrom ein öffentlich zugängliches und kostenloses Webinar: Am Mittwoch den 30. März 2022, werden Prof. Dr. Alexander Meining, der Schwerpunktleiter für Gastroenterologie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW, sowie die Diätassistentin Constanze Wolz, ebenfalls von der Medizinischen Klinik II, wesentliche Aspekte der Erkrankung erläutern. 

Ausschlussdiagnostik wichtig

„Die Symptome beim Reizdarm reichen von Übelkeit, Bauchschmerzen, Blähungen, Druck- und Völlegefühl bis zu Durchfall oder Verstopfung“, sagt Prof. Meining und fährt fort: „Diese sind so unspezifisch, dass zunächst andere Krankheiten mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden müssen.“ Am Infoabend wird deutlich werden, welche Untersuchungen hier sinnvoll sind. 

Breites Therapiespektrum

Als wesentliche Ursache für das vielgestaltige Reizdarm-Syndrom gilt ein verändertes Zusammenspiel des Darmnervensystems mit dem zentralen und vegetativen Nervensystem. Außerdem können immunologische Prozesse, psychische Einflüsse, eine veränderte Darmflora, Darminfektionen und weitere Faktoren eine Rolle spielen. „Entsprechend breit sind die individuell wählbaren Therapiemöglichkeiten“, berichtet Prof. Meining. Diese reichen von Medikamenten mit diversen Wirkungszielen bis zu kognitiver Verhaltenstherapie und Hypnose, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung erfahren werden. 

Für eine angepasste Ernährung

Hilfreich kann zudem eine angepasste Ernährung sein. Was hier möglich ist und wie gesundes und gleichzeitig schmackhaftes Essen aussehen kann, wird Constanze Wolz beantworten.

Die vom Uniklinikum Würzburg und der Mediengruppe Main-Post gemeinsam organisierte Veranstaltung beginnt um 18:00 Uhr und nutzt die Plattform Zoom. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine Internetverbindung sowie ein Smartphone, ein Tablet, ein Laptop oder ein PC. Wichtig – auch für die Übermittlung der Zugangsdaten – ist eine Anmeldung ausschließlich bei der Main-Post unter Tel: 0931/6001 6001 oder unter http://akademie.mainpost.de. 

 

Antiinfektiva-App als neue Informationsplattform

Mit einer eigenentwickelten Web-App können die Ärztinnen und Ärzte des Uniklinikums Würzburg jetzt von ihren Smartphones und Tablets aus schnell und unkompliziert auf die beim Einsatz von Antiinfektiva geltenden Standards zugreifen.

Neue Antiinfektiva-App des Uniklinikums Würzburg
Die neue Antiinfektiva-App des Uniklinikums Würzburg ist ein zeitgemäßes mobiles Nachschlage-, Informations-, Qualitätsmanagement-, Kommunikations- und Schulungsmedium. Bild: Uniklinikum Würzburg

„Um Antiinfektiva, also zum Beispiel Antibiotika, verantwortungsvoll einsetzen zu können, müssen die verschreibenden Ärztinnen und Ärzte möglichst schnell und unkompliziert über die hierbei aktuell geltenden Standards informiert werden“, sagt Dr. Güzin Surat. Als Antimicrobial-Stewardship (AMS)-Beauftragte strebt sie am Uniklinikum Würzburg (UKW) danach, die Qualität der Antiinfektiva-Behandlung zu sichern und – wo erforderlich – zu verbessern. Auf Initiative der Arbeitsgruppe AMS des UKW und als weiterer Schritt auf diesem Weg entwickelte das Servicezentrum Medizin-Informatik (SMI) des UKW in einem zweijährigen Prozess eine Antiinfektiva-Web-App, die nun in die Anwendung ging. Seit Anfang Februar dieses Jahres finden alle Ärztinnen und Ärzte des UKW auf ihren Dienst-Smartphones und -tablets ein Icon, das mit einer für mobile Endgeräte optimierten Webseite verknüpft. „Hierüber haben sie Zugriff auf alle Antiinfektiva-Standards des UKW in immer neuester Version“, schildert Philipp Leßnau, der am SMI für die Programmierung dieses digitalen Angebots zuständig ist. Weiterhin ersetzt die Webseite auch das bisherige Dokumentenlenkungssystem im Bereich der AMS.

 

Kommunikationskanal und Schulungsmedium

„Das Medium ist allerdings weit mehr als ein digitales Nachschlagewerk und Qualitätsmanagement-Instrument“, betont Dr. Surat. So dient die Anwendung nach ihren Worten auch als Kommunikationskanal, der die Nutzerinnen und Nutzer mit aktuellen Meldungen und monatlichen Tipps übersichtlich und bequem auf dem aktuellen Stand hält. In Zukunft soll über die App auch ein direkter Austausch – zum Beispiel über relevante mikrobiologische Befunde – mit dem AMS-Team des UKW möglich sein.

Als weitere Funktion ist ein Antiinfektiva-Quiz geplant, das auf eine spielerische Wissensvermittlung abzielt.

„Im Moment sammeln wir Praxiserfahrungen mit dem zunächst auf das UKW beschränkten Einsatz“, erläutert Philipp Leßnau und fährt fort: „Es ist aber geplant, das Angebot auch auf das regionale AMS-Kliniknetzwerk auszurollen.“ Bei diesem Netzwerk berät und schult die Arbeitsgruppe AMS des Uniklinikums auf Basis von Kooperationsverträgen andere Krankenhäuser in Mainfranken zu den Themen der Antimicrobial Stewardship. 

Molekulare Ursache von Hirnvenenthrombosen entdeckt

Hirnvenenthrombosen sind eine seltene, oft schwer verlaufende Erkrankung, die durch die Covid-19-Pandemie stark in den öffentlichen Fokus gerückt ist. Einer Forschungsgruppe aus Würzburg gelang es jetzt erstmals, molekulare Ursachen dieser Erkrankung zu entschlüsseln und daraus neue Therapieansätze abzuleiten. Veröffentlicht in Nature Cardiovascular Research.

Hirnvenenthrombosen sind eine seltene Form von Hirndurchblutungsstörungen, die im Gegensatz zum klassischen Schlaganfall, häufiger auch jüngere Menschen betrifft. Aus weitgehend ungeklärter Ursache entstehen Blutgerinnsel
(Thromben) in Hirnvenen, behindern den Blutabfluss und führen so zur Schädigung des Hirngewebes. Im Frühjahr 2021 gelangten Hirnvenenthrombosen als sehr seltene Nebenwirkung einer Corona-Impfung mit Vektor-basierten Impfstoffen ins öffentliche Bewusstsein. Mittlerweile belegen epidemiologische Studien für Patienten und Patientinnen die an Covid-19 erkranken, ein vielfach erhöhtes Risiko für diese gravierende Komplikation.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Rudolf-Virchow-Zentrums – Center for Integrative and Translational Bioimaging der Universität Würzburg (RVZ) und des Universitätsklinikums Würzburg, die gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen aus Tübingen und Greifswald im Sonderforschungsbereich Transregio (SFB TR) 240 forschen, konnten jetzt erstmals zeigen, dass die Aktivierung zweier spezifischer Rezeptoren auf der Oberfläche von Blutplättchen (Thrombozyten) zu Hirnvenenthrombosen führt. „Diese überraschende Erkenntnis könnte Grundlage für eine neue, hochwirksame Therapie dieser seltenen, aber gravierenden Erkrankung sein“, erklärt der Leiter der Studie, Prof. Dr. Bernhard Nieswandt (Lehrstuhl für Experimentelle Biomedizin I), der auch Sprecher des SFB TR 240 ist.

Das Zusammenspiel zweier Thrombozytenrezeptoren führt zu Hirnvenenthrombosen

Bislang waren die molekularen Prozesse bei der Entstehung einer Hirnvenenthrombose weitestgehend unverstanden und es gab auch keine geeigneten Modelle zu ihrer Erforschung. Bekannt waren als Risikofaktoren das Wochenbett nach Entbindung, die orale Schwangerschaftsverhütung und Infektionen. „Eigentlich wollten wir untersuchen, ob ein Antikörper gegen den Rezeptor CLEC-2 auf Thrombozyten bei Verabreichung in die Blutbahn die Blutungsneigung erhöht. Völlig unerwartet löste der Antikörper dann aber, neben einem Abfall der Thrombozytenzahl, Krampfanfälle und weitere neurologische Ausfälle bei den behandelten Tieren aus. Symptome, die denen von Patienten mit akuter Hirnvenenthrombose sehr ähnelten. Tatsächlich zeigten weitergehende Untersuchungen, dass die Tiere binnen weniger Minuten ausgeprägte Hirnvenenthrombosen entwickelt hatten, ohne das es in anderen Organen zur Gerinnselbildung kam“, erklärt Prof. Dr. David Stegner, Leiter der Arbeitsgruppe Vaskuläre Bildgebung am RVZ und einer der beiden Erstautoren der Studie. „Wir vermuten, dass die Bindung des Antikörpers die Eigenschaften des Rezeptors CLEC-2 so verändert, dass er Signale in die Zelle weiterleitet. Dies aktiviert die Thrombozyten, sie verklumpen im venösen Gehirnkreislauf und lösen dadurch die Hirnvenenthrombosen aus. Ein Rätsel ist, warum nur die Hirnvenen betroffen sind“, ergänzt Stegner. Die Forschergruppe fand heraus, dass neben CLEC-2 auch noch ein zweiter Thrombozytenrezeptor, nämlich GPIIb/IIIa, an der Entstehung von Hirnvenenthrombosen beteiligt ist und nur das Zusammenwirken beider Rezeptoren zur Thrombenbildung im Gehirn führt. 

Thrombozytenblockade als neuer Therapieansatz 

Diese Erkenntnisse ermöglichten es nun, sehr gezielt nach Wirkstoffen zur Blockade so entstehender Hirnvenenthrombosen zu suchen. Ein Blutgerinnsel entsteht durch das Zusammenspiel zweier Prozesse: der plasmatischen Gerinnung und der Thrombozytenaktivierung. Bei der Behandlung venöser Thrombosen wird im Allgemeinen auf Heparin, als Hemmstoff der plasmatischen Gerinnung, gesetzt. Bei den hier untersuchten Hirnvenenthrombosen im Tierexperiment hatte Heparin allerdings nur einen vergleichsweise geringen schützenden Effekt. Heparin ist aber das Standardmedikament bei der Akutbehandlung von Patienten mit Hirnvenenthrombosen, außer wenn diese als Komplikation im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung auftreten.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konzentrierten sich daraufhin auf die Thrombozytenrezeptoren. Wurden diese vorab blockiert, bildete sich keine Hirnvenenthrombose. „Das interessanteste Ergebnis war allerdings, dass eine Hemmung der Thrombozyten durch die Blockade des GPIIb/IIIa-Rezeptors, auch nach dem Einsetzen der neurologischen Symptome, also im akuten Krankheitsverlauf äußerst wirksam war“, sagt Vanessa Göb, ebenfalls Erstautorin der Studie. Die Gruppe zeigte, dass die Rezeptorblockade das Wachstum der Blutgerinnsel in den Hirnvenen unmittelbar stoppte, die behandelten Tiere sich vollständig erholten und keine Blutungskomplikationen auftraten. Dies ist für eine mögliche Übertragung dieses Therapieansatzes auf Patienten von erheblicher Bedeutung. Prof. Dr. Guido Stoll von der Neurologischen Klinik ergänzt: „Diese Ergebnisse waren überraschend und könnten den Weg weisen für den Einsatz von GPIIb/IIIa-Blockern bei den Patienten, bei denen die Hirnvenenthrombosen trotz Heparinbehandlung fortschreiten, was häufig zum Tode führt. GPIIb/IIIa-Blocker sind für andere kardiovaskuläre Erkrankungen bereits zugelassen.“ 

Ein Schlüssel für den Erfolg dieses Projektes lag in der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener Fachgebiete im Rahmen des Sonderforschungsbereichs Transregio 240 „Thrombozyten – molekulare, zelluläre und systemische Funktionen unter physiologischen und pathologischen Bedingungen“ (Würzburg – Tübingen), der seit 2018 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wird. 

Publikation

David Stegner, Vanessa Göb, Viola Krenzlin, Sarah Beck, Katherina Hemmen, Michael K. Schuhmann, Barbara F. Schörg, Christian Hackenbroch, Frauke May, Philipp Burkard, Jürgen Pinnecker, Alma Zernecke, Peter Rosenberger, Andreas Greinacher, Bernd J. Pichler, Katrin G. Heinze, Guido Stoll, and Bernhard Nieswandt: Foudroyant cerebral venous (sinus) thrombosis triggered through CLEC-2 and GPIIb/IIIa dependent platelet activation. Nature Cardiovascular Research (Februar 2022) DOI: 10.1038/s44161-021-00017-1.

Kontakt

Prof. Dr. Bernhard Nieswandt (Rudolf-Virchow-Zentrum, Universität Würzburg)Tel.: + 49 931 31-80405, bernhard.nieswandt@ virchow.uni-wuerzburg.de  

Dr. Judith Flurer (Pressestelle, Rudolf-Virchow-Zentrum)
Tel.: +49 931 31-85822, judith.flurer@ virchow.uni-wuerzburg.de 

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 10.02.2022

 

 

Ein Schwamm in der Abwehr

Bakterien verfügen über zahlreiche Tricks, um sich optimal an ihre jeweilige Umgebung anzupassen. Einen ganz neuen hat jetzt ein Würzburger Forschungsteam entdeckt: Eine Art Schwamm, der bestimmte Boten aufsaugt.

Weltweit sterben jedes Jahr mindestens 1,27 Millionen Menschen an einer Infektion mit Bakterien, die gegen die gängigen Antibiotika resistent sind. Dies zeigt eine jüngst in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie. Die Autoren befürchten, dass diese Zahl bis 2050 auf zehn Millionen steigen könnte.

Die Suche nach neuen Wirkstoffen gegen resistente Bakterienstämme ist deshalb dringender denn je. Ein möglicher Ansatz dabei sind programmierbare Antibiotika auf der Basis von RNA. Dieser erfordert aber ein umfassendes Verständnis der wichtigsten RNA-basierten Signalwege und Mechanismen im Verlauf einer Infektion.

Neue Signalwege entschlüsselt

In Würzburg wird daran unter anderem am Institut für molekulare Infektionsbiologie (IMIB) der Universität und am Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) geforscht. Jetzt ist es Wissenschaftlern im Labor von Professor Jörg Vogel, Inhaber des Lehrstuhls für Molekulare Infektionsbiologie I der JMU und geschäftsführender Direktor des HIRI, gelungen, neue Details dieser Signalwege und Mechanismen zu entschlüsseln. In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Molecular Cell stellen sie die Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor.

„Viele Bakterien wie beispielsweise Escherichia coli und Salmonella enterica besitzen eine Zellhülle, die aus einer äußeren und einer inneren Membran besteht. Hauptaufgabe dieser Hülle ist es, die Bakterien von ihrer Umgebung abzuschirmen; gleichzeitig muss sie aber auch für Nährstoffe durchlässig sein, die das Bakterium zum Leben benötigt“, schildert Gianluca Matera, Doktorand am IMIB, den Hintergrund der jetzt veröffentlichten Arbeit, für die er gemeinsam mit Vogel verantwortlich ist.

Ein bislang unbekannter Mitspieler

Welche Substanzen zu welchem Zeitpunkt die Zellhülle passieren dürfen, welche das Bakterium abblockt und wie es sich auf diese Weise beispielsweise auch vor dem Angriff von Antibiotika schützt: Dafür ist ein komplexes Zusammenspiel zahlreicher RNA-Akteure verantwortlich. Einen bislang unbekannten Mitspieler, mit dem bisher niemand gerechnet hatte, hat das Forschungsteam jetzt im Bakterium Salmonella enterica identifiziert: einen „RNA-Schwamm“.

Solche Schwämme zählen zur Klasse der „kleinen RNAs“. Wie die Würzburger Studie zeigt, imitiert der RNA-Schwamm OppX das eigentliche Bindungsziel einer speziellen sRNA – der sogenannten MicF sRNA – in der bakteriellen Außenmembran und kann diese somit abfangen, bevor sie ihr eigentliches Ziel erreicht. Anders formuliert, saugt er sie auf wie ein Schwamm.

Kommunikation der Membranen

Die MicF sRNA spielt eine wichtige Rolle in den Prozessen der Bakterienhülle. „Äußere und innere Membran der Bakterienhülle können ja nicht getrennt voneinander arbeiten. Es muss deshalb Mechanismen geben, damit diese miteinander kommunizieren können. Eine Klasse solcher Regulatoren sind kleine nicht-kodierende RNAs, wie beispielsweise MicF“, erklärt Gianluca Matera. Mit Hilfe einer an der Hebräischen Universität in Jerusalem neu entwickelten Methode hat der Nachwuchswissenschaftler jetzt die Interaktionspartner all dieser sRNAs in Salmonella umfassend und in einem einzigen Schritt identifiziert.

Den Effekt dieses Abfangprozesses können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler exakt beschreiben: „Normalerweise erhöht OppX die Durchlässigkeit der Membran, indem es die Expression einer der Hauptporen in der bakteriellen Außenmembran steigert“, erklärt Matera. Der wissenschaftliche Name dieser Pore lautet OmpF.

Fehlt dem Bakterium der OppX-Schwamm, ist sein Wachstum besonders in einer nährstoffarmen Umgebung eingeschränkt. Ist jedoch OppX in ausreichender Menge vorhanden, werden auch die OmpF-Poren in der Membran aktiver, was wiederum die Aufnahme von Nährstoffen bei einer reduzierten Verfügbarkeit steigert.

Indirekter Einfluss auf Antibiotika

Auch bei einem Antibiotika-Angriff kommt den OmpF-Poren eine besondere Rolle zu: Vor allem über sie gelingt den feindlichen Wirkstoffen der Eintritt ins Zellinnere. „Indirekt könnte OppX einen Einfluss auf die Wirksamkeit von Antibiotika haben, indem es die OmpF-Produktion und damit die Aufnahme des Antibiotikums selbst erhöht“, erklärt Matera.

OppX ist der erste bisher bekannte derartige Regulator der MicF-Aktivität – tatsächlich sprechen die jetzt veröffentlichten Daten sogar dafür, dass OppX der wichtigste, wenn nicht sogar der einzige Schwamm für die MicF sRNA ist. Ohne dessen Kenntnis könne die zelluläre Aktivität von MicF deshalb nicht vollständig verstanden werden, so die Autoren der Studie.

Bislang beruhen diese neuen Erkenntnisse auf Untersuchungen von Bakterien, die unter Laborbedingungen in vitro gezüchtet wurden. Die Herausforderung bestehe nun darin, diese Untersuchungen auf „realistischere“ Bedingungen auszuweiten. Den ersten Schritt dazu haben die Beteiligten dazu bereits gemacht: „Wir entschlüsseln derzeit das RNA-Interaktom von Salmonella in infizierten Wirtszellen“, erklärt Jörg Vogel. „Antibiotikaresistenzen gehören zu den großen gesundheitlichen Bedrohungen unserer Zeit. Deshalb wollen wir mit unserer Grundlagenforschung dazu beitragen, dass neue Therapeutika entwickelt werden können.“

Originalpublikation

Global RNA interactome of Salmonella discovers a 5’ UTR sponge for the MicF small RNA that connects membrane permeability to transport capacity. Matera G, Altuvia Y, Gerovac M, El Mouali Y,  Margalit H, Vogel J (2022). Molecular Cell, https://doi.org/10.1016/j.molcel.2021.12.030 

Kontakt

Prof. Dr. Jörg Vogel, Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung, T +49 931 31-82575, joerg.vogel@ uni-wuerzburg.de 

Matera Gianluca, Institut für molekulare Infektionsbiologie, T +49 931 31-86936, gianluca.matera@ uni-wuerzburg.de 

 

einBlick - Das Online-Magazin der Universität Würzburg vom 08.02.2022

Seit rund zwei Jahren verfügt die Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des Uniklinikums Würzburg (UKW) über ein Hochleistungs-Holmium-Lasersystem der neuesten Generation. Zu dessen wesentlichen Einsatzgebieten zählt – neben der schonenden Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung – die Lithotripsie, also das Zertrümmern oder Auflösen von Blasen-, Harnleiter- und Nierensteinen. „Bekanntermaßen bilden sich die Steine aus Mineralsalzen im Urin und sind ein immer häufiger auftretendes Phänomen, sodass man mittlerweile fast schon von einer Volkskrankheit sprechen kann“, berichtet Dr. Charis Kalogirou. Der Oberarzt der Urologischen Klinik des UKW fährt fort: „Je nach Größe und Position können sie das Nierenbecken, den Harnleiter oder den Blaseneingang blockieren und zu starken bis stärksten kolikartigen Schmerzen führen.“

Radiologische Positionsbestimmung

Ist ein Stein bereits zu groß, um mit hoher Wahrscheinlichkeit von selbst abzugehen, muss er entfernt werden, um die Koliken zu beenden, einen normalen Urinfluss sicherzustellen und Infektionen zu vermeiden. Vor der Intervention ist es nötig, die genaue Position und Größe des Störenfrieds zu bestimmen. Dazu kooperieren die Urologinnen und Urologen mit den Expertinnen und Experten vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des UKW. Diese fahren bei Bedarf ein sogenanntes Steinsuche-Programm mittels Low-Dose-CT, also eine Computertomographie (CT) mit vergleichsweise sehr geringer und schonender Strahlungsdosis.

URS: Zugang über den Harnleiter

„Um beim Eingriff die Laserfaser an die Harnsteine heranzuführen, nutzen wir fallabhängig unterschiedliche, minimal-invasive Zugangswege“, schildert Andreas Henning, der als Facharzt der Urologischen Klinik des UKW schon hunderte Lithotripsien durchgeführt hat. Eine Möglichkeit dabei ist der Harnleiter. „Bei der endoskopischen Harnleiter- und Nierenspiegelung – Ureterorenoskopie, kurz URS – führen wir ein starres oder flexibles Endoskop über die Harnröhre in die Harnblase und dann weiter in den Harnleiter oder die Niere ein“, beschreibt Henning. Im Inneren des hohlen Endoskops liegt die Laserfaser, die mit diesem direkt zu den Nierensteinen gesteuert werden kann. Für die Navigation und eine detailgenaue Sicht auf das OP-Gebiet ist das Endoskop an seiner Spitze mit einer hochauflösenden Miniaturkamera ausgestattet.

Mini-PNL: miniaturisierter und minimal-invasiver Zugang von außen

Für die Entfernung großer Nierensteine mit Durchmessern über 1,5 cm bietet es sich an, anstatt der URS, die eine natürliche Körperöffnung nutzt, einen künstlichen, aber ebenfalls minimal-invasiven Zugangsweg zu schaffen. Bei der Perkutanen Nephrolitholapaxie (PNL) wird von außen über die Flanke zunächst mit einer dünnen Hohlnadel das Nierenbecken angestochen. Über diese schiebt der Urologe einen dünnen Führungsdraht vor, der anschließend dabei hilft, ein Metallröhrchen präzise bis in das Nierenbecken und somit zum Stein vorzuschieben. Durch diesen Kanal wird dann das Endoskop mit der Laserfaser eingeschoben und der Stein zertrümmert.

Bei diesem Verfahren greift die Klinik für Urologie und Kinderurologie auf miniaturisiertes Instrumentarium der neuesten Generation zurück. Wiesen die oben beschriebenen Metallröhrchen noch vor wenigen Jahren einen Durchmesser von gut einem Zentimeter auf, konnte durch die stete Weiterentwicklung der Lasertechnik und die Instrumenten-Miniaturisierung mittlerweile ein Durchmesser von knapp sechs Millimetern erreicht werden – man spricht in diesen Fällen von einer Mini-PNL. Dr. Kalogirou erläutert: „Diese Entwicklung ist erfreulich für die Patientinnen und Patienten, da die Mini-PNL mit einem geringeren Blutverlust und weniger postoperativen Schmerzen im Vergleich zur konventionellen PNL vergesellschaftet ist.“

Laser liefert hochgenaue Energieimpulse

Sobald die Spitze des Instruments per URS oder Mini-PNL direkt am Stein ist, kann das Auflösen beginnen. Über die Laserfaser sendet der Operateur weniger als einen Millimeter weit reichende Energieimpulse, die auf dem Weg durch das Wasser zum Stein eine Stoßwelle erzeugen. Die resultierenden Druck-, Zug- und Scherkräfte zerstören auch härtere Steine, die anderen Behandlungen widerstehen würden. Dieser Effekt ist räumlich so stark begrenzt, dass das umliegende Gewebe nicht geschädigt wird.

Zertrümmern oder Pulverisieren

„Wir können bei den Laserimpulsen unter zwei unterschiedlichen Modi wählen: Desintegrieren oder Pulverisieren“, sagt Andreas Henning. Beim Desintegrieren zerbricht der Stein in kleinere Bruchstücke, die dann per Schlinge oder Körbchen über den Harnleiter geborgen werden können. Im Pulverisierungsmodus zerkleinern die Impulse den Stein schichtweise zu Staub. Das so entstandene Steinmehl wird mit der Spülflüssigkeit entfernt – eine extra schonende Methode, da keine Steinfragmente durch den Harnleiter gezogen werden müssen. 

Ein effektiver „Doppelschlag“

Eine Besonderheit der am UKW eingesetzten Technologie im Vergleich zu Vorgängermodellen ist die Pulsmodulation des Holmiumlasers. Das bedeutet, dass der Laser statt bislang einen zwei Energieimpulse kurz hintereinander abgibt. „Bei den Modellen mit einfachem Laserimpuls konnte der sogenannte Retropulsionseffekt dazu führen, dass der Stein rotiert, zurückweicht oder an einen schlecht zugänglichen Ort geschleudert wird. Der doppelte Impuls unseres Systems reduziert die Retropulsionskräfte und damit die Operationszeit deutlich“, erläutert Henning. 

ECIRS: Bei hoher Steinlast zweiseitiges Vorgehen 

Bei einer sehr hohen Steinlast können als vergleichsweise neuer Therapieansatz URS und PNL auch kombiniert werden. Man spricht dann von „Endoscopic Combined Intrarenal Surgery“, abgekürzt ECIRS. Über die beiden Zugänge sind zwei Operateure mit ihrem Instrumentarium gleichzeitig „vor Ort“ und können einander effektiv zuarbeiten. „Beispielsweise kann einer der Operateure über den Harnleiterzugang mit einem flexiblen Endoskop Steine aus schlecht erreichbaren Nierenkelchen holen und im Nierenbecken abwerfen, wo sie der andere Operateur mit der von außen eingeführten Mini-PNL zerkleinert und entfernt“, so der leitende Oberarzt Prof. Dr. Georgios Gakis, der diese Operationsmethode am Würzburger Uniklinikum etabliert hat.

Ob bei URS, PNL oder ECIRS – generell profitieren die Patientinnen und Patienten von einer verkürzten Eingriffsdauer mit gleichzeitig hoher Steinfreiheitsrate. Die minimal-invasiven Operationen sorgen dafür, dass der stationäre Aufenthalt im Normalfall nur ein bis zwei Tage dauert. 

„Die Lithotripsie mit dem Holmium-Laser hat sich in den vergangenen beiden Jahren bestens bewährt und ist mittlerweile der Goldstandard an unserer Klinik. Im Schnitt führen wir monatlich 40 bis 50 solcher Eingriffe durch“, fasst Dr. Kalogirou zusammen. 

Steinsprechstunde für Sonderfälle

Für Patientinnen und Patienten, bei denen immer wieder Nierensteine auftreten, bei denen die Ursache einer hohen Steinlast noch ungeklärt ist oder die von eher seltenen Formen von Steinbildungen betroffen sind, bietet die Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW eine Steinsprechstunde an. Während bei den meisten allgemeine Vorbeugemaßnahmen – wie gesunde Ernährung und vor allem ausreichendes Trinken – reichen, um das Risiko eines Steinrezidivs zu verringern, müssen bei manchen weitere Untersuchungen durchgeführt werden, auf deren Basis dann individuelle Therapievorschläge gemacht werden können.

Termine nach Vereinbarung unter Tel. 0931/201-32034