Im Rahmen des 69. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, der vom 11. bis zum 13. März 2026 in Weimar stattfand, wurden zwei Clinician Scientists des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) ausgezeichnet. Dr. Hanna Remde erhielt den Anke Mey-Preis für ihre Forschung zu malignen Nebennieren-Erkrankungen. Dr. Mario Detomas wurde für seine herausragende wissenschaftliche Arbeit zur Herzbeteiligung bei der seltenen hormonellen Erkrankung Akromegalie mit dem Ernst und Berta Scharrer-Preis gewürdigt. Beide Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert.
Würzburg. Exzellente Forschung beginnt oft mit Neugier, Engagement und innovativen Ideen. Wissenschaftspreise können diese Entwicklungen fördern und sind gerade für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler eine wichtige Anerkennung ihrer Leistung und zugleich eine große Motivation. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) würdigt das Potenzial junger Forscherinnen und Forscher und zeichnete auch dieses Jahr auf ihrem 69. Kongress für Endokrinologie, der vom 11. bis 13. März in Weimar stattfand, erneut herausragende Arbeiten aus. Zwei Preise gingen an junge Forschende vom Würzburger Lehrstuhl für Endokrinologie und Diabetologie. Dr. Hanna Remde erhielt den Anke Mey-Preis für ihre retrospektive, multizentrische, europäische Kohortenstudie zum metastasierten Phäochromozytom und Paragangliom. Dr. Mario Detomas erhielt für seine Forschung zu Veränderungen des Herzens und seiner Funktion in einem Mausmodell der Akromegalie den Ernst und Berta Scharrer-Preis.
Anke Mey-Preis der DGE für maligne Nebennieren-Erkrankungen
Da Anke Mey selbst von einer malignen Nebennierenerkrankung genesen ist, liegt ihr die Unterstützung der Forschung auf diesem Gebiet besonders am Herzen. Mit dem Stiftungspreis sollen die zugrunde liegenden Pathomechanismen erforscht und neue therapeutische Ansätze entwickelt werden, um die Behandlungsmöglichkeiten für betroffene Patientinnen und Patienten zu verbessern. Zu diesen seltenen Erkrankungen zählen auch metastasierte Phäochromozytome und Paragangliome (mPPGL). Für diese besonders seltene Tumorform sind in Europa bislang noch keine zugelassenen Therapien verfügbar.
Hanna Remde, Fachärztin für Innere Medizin in der von Prof. Dr. Martin Fassnacht geleiteten Endokrinologie am Uniklinikum Würzburg (UKW), hat mit ihrem Team eine der größten Therapiestudien beim mPPGL überhaupt auf die Beine gestellt. Im Fokus stand Temozolomid, ein als Tablettenform verabreichtes Chemotherapeutikum. „Zwei kleine Studien deuteten auf eine Wirksamkeit bei mPPGL hin, zeigten jedoch widersprüchliche Ergebnisse im Hinblick auf das Therapieansprechen bei Patientinnen und Patienten mit und ohne SDHx-Varianten“, berichtet Hanna Remde. SDHx steht für mehrere Gene, die für die Bestandteile der Succinatdehydrogenase kodieren. Dabei handelt es sich um einen Enzymkomplex in den Mitochondrien, der eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel spielt. Viele mPPGL sind mit genetischen Veränderungen assoziiert, die die Krankheitsentwicklung fördern. Am häufigsten sind hierbei Varianten in den SDHx Genen.
Temozolomid bei metastasiertem Phäochromozytom und Paragangliom und die Relevanz von SDHx Varianten - Ergebnisse einer retrospektiven multizentrischen europäischen Kohortenstudie
„Ziel unserer Arbeit war es, die Sicherheit und Wirksamkeit von Temozolomid bei mPPGL zu überprüfen und den Einfluss von SDHx-Varianten auf das Therapieansprechen zu untersuchen“, erklärt Hanna Remde. Mithilfe des Europäischen Netzwerks für die Untersuchung von Nebennierentumoren (ENS@T) konnte sie retrospektiv 71 mit Temozolomid behandelte Patientinnen und Patienten mit mPPGL aus 15 europäischen Referenzzentren zusammentragen. Bei 28 Prozent von ihnen zeigte sich ein objektives Therapieansprechen, das heißt, die Tumorläsionen gingen teilweise oder ganz zurück. Bei 72 Prozent wurde eine Therapiekontrolle verzeichnet, das heißt, die Erkrankung blieb mindestens stabil. Ein Therapieansprechen war unabhängig vom SDHx-Status möglich, wenngleich Patientinnen und Patienten mit SDHx-Varianten häufiger ansprachen. „Temozolomid ist demnach eine Therapieoption, die sich mit anderen häufig eingesetzten Medikamenten messen kann“, resümiert Hanna Remde.
Ernst und Berta Scharrer-Preis der DGE für neuroendokrinologische Forschung
Die Entdeckung, dass auch Nervenzellen bestimmte Substanzen absondern können, die den Hormonen endokriner Drüsenzellen ähneln, geht auf Berta Scharrer (1906-1995) zurück. Sie war eine Pionierin der neuroendokrinologischen Forschung. Ihre Arbeiten legten den Grundstein für das Verständnis der neuroendokrinen Signalübertragung. Die Wechselwirkungen zwischen Nervensystem und Hormonsystem spielten auch im Forschungsprojekt von Dr. Mario Detomas eine Rolle. Während seiner Weiterbildung in der Endokrinologie am UKW forschte er an der Queen Mary University of London (QMUL) in der Arbeitsgruppe von Prof. Marta Korbonits zur Hypothalamus-Hypophysen-Achse bei Akromegalie und zu genetischen Mechanismen so genannter pituitärer Erkrankungen, also Krankheiten der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse).
Kardiales Remodeling und Herzfunktion in einem AIP-Knockout-Mausmodell der Akromegalie: Einfluss von Somatostatin-Analoga der ersten und zweiten Generation
Akromegalie ist eine seltene Krankheit, bei der der Körper zu viel Wachstumshormon produziert. In einem Teil der Fälle, insbesondere bei genetisch bedingten Formen, spielt das AIP-Gen (Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor-Interaktionsprotein) eine wichtige Rolle. Das AIP-Protein beeinflusst verschiedene Signalwege in den Zellen der Hypophyse und hilft dabei, das Wachstum der Hypophysenzellen, die Hormone produzieren, zu kontrollieren. Es wirkt also wie eine Bremse für das Wachstum dieser Zellen. Fehlt diese Bremse, kann dies zu Hypophysentumoren und einer vermehrten Hormonproduktion führen – eine Ursache für Akromegalie. Diese kann wiederum langfristig zu Veränderungen an verschiedenen Organen, besonders am Herzen, führen.
„In unserer Arbeit haben wir ein genetisch definiertes Mausmodell mit hypophysenspezifischem Verlust des AIP-Gens untersucht. Dieses Modell bildet die für Akromegalie typischen Hypophysentumoren und die daraus resultierende kardiovaskuläre Beteiligung in einer dem Menschen ähnlichen Weise nach.“, erläutert Mario Detomas. Die Tiere entwickelten die für Akromegalie typischen Herzprobleme, darunter eine Verdickung des Herzmuskels und Vernarbungen. Diese Veränderungen konnten durch zwei Medikamente aus der Akromegalie-Therapie, sogenannte Somatostatin-Analoga, abgemildert werden. Besonders interessant war laut Detomas der direkte Vergleich der Somatostatin-Analoga: „Obwohl Pasireotid den Hormonüberschuss stärker beeinflusste, zeigte Octreotid mindestens vergleichbare, teilweise sogar günstigere Effekte auf das Herzgewebe.“ „Das spricht dafür, dass der Schutz für das Herz nicht allein durch die Senkung der Hormonwerte (GH und IGF-1) wirkt, sondern möglicherweise auch direkt am Herzgewebe.“
Die Ergebnisse tragen insgesamt dazu bei, die Herzbeteiligung bei Akromegalie besser zu verstehen und langfristig Behandlungsmethoden zu entwickeln, die sowohl die Hormone als auch das Herz gezielt schützen. Als nächsten Schritt möchte das Team die Effekte der Somatostatin-Analoga auf translationaler Ebene genauer untersuchen und gezielt prüfen, inwieweit sich diese Befunde auf den Menschen übertragen lassen.
Förderungen
Beide Forschenden wurden durch das Clinician-Scientist-Programm RISE der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS) sowie durch die Eva Luise und Horst Köhler Stiftung (ELHKS) gefördert. Mario Detomas erhielt zusätzliche Förderungen durch den Rolf Gaillard FEEL-UEMS Award 2024 sowie den EYES-ROP Award der European Young Endocrinologists and Scientists (EYES). Hanna Remdes Forschung wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Sonderforschungsbereichs SFB TRR 205: Die Nebenniere: Zentrales Relais in Gesundheit und Krankheit (Förderkennzeichen 314061271-TRR/CRC 205-1/2) unterstützt.
Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation