Erholung auf der Überholspur: Patient nach minimalinvasiver Entfernung der Harnblase bereits nach sieben Tagen wieder zuhause

Ein Interview mit Prof. Dr. Hubert Kübler und Privatdozent Dr. Charis Kalogirou vom UKW zu Blasenkrebs, minimalinvasive, robotergestützte Entfernung der Harnblase und Fast-Track-Behandlungskonzept

Würzburg. Ein urologisches Behandlungsteam des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) hat erstmals die Entfernung der Harnblase, eine der komplexesten urologischen Operationen, robotergestützt und minimalinvasiv durchgeführt. In Kombination mit dem Fast-Track-Behandlungskonzept konnte der 72-jährige Patient bereits nach sieben Tagen in sehr gutem Allgemeinzustand nach Hause entlassen werden.

Prof. Dr. Hubert Kübler, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW und Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, Leitender Oberarzt der Klinik, erläutern im Gespräch den Eingriff und die Besonderheiten der Behandlung.

Was ist Blasenkrebs und wie lief die Behandlung des Patienten ab?

Prof. Kübler: Blasenkrebs ist eine häufige Tumorerkrankung. Wird er früh erkannt, ist er in vielen Fällen gut behandelbar. Für die Therapie ist entscheidend, wie tief der Tumor in die Blasenwand eingewachsen ist und wie aggressiv er sich verhält. Dringt der Tumor bereits in die Muskelschicht ein oder breitet sich darüber hinaus aus, ist meist eine radikale Entfernung der Harnblase, eine sogenannte Zystektomie, notwendig. Dieser Eingriff zählt zu den umfangreichsten Operationen in der Urologie und kann mit relevanten Risiken wie Blutungen, Infektionen bis hin zu den Nieren und Wundheilungsstörungen verbunden sein. Zudem muss die Funktion der Harnblase als Urinspeicher- und Ausscheidungsorgan ersetzt werden.

PD Kalogirou: Unser Patient wurde am 20. März von unserem Team minimalinvasiv per Bauchspiegelung operiert. Dieses Verfahren wird häufig als ‚Schlüssellochchirurgie‘ bezeichnet, da nur kleine Zugänge zur Bauchhöhle erforderlich sind. Dabei steuere ich Roboterarme, die besonders präzise Bewegungen auch auf engstem Raum ermöglichen. In der rund fünfstündigen Operation entfernten wir seine Harnblase, Prostata und die Lymphknoten im kleinen Becken. Anschließend legten wir einen künstlichen Ausgang zur Urinableitung an. Dazu nutzten wir ein kleines Stück Dünndarm als Zwischenstück, um die Harnleiter mit der Bauchdecke zu verbinden. Der Urin fließt dann kontinuierlich in einen außen angebrachten Beutel ab. 

Nach dem Eingriff verbrachte der Patient zwei Tage auf der Überwachungsstation und konnte dann zügig auf die Allgemeinstation verlegt werden. Heute, am 27. März, wurde er in einem sehr guten Gesundheitszustand entlassen.

Prof. Kübler: Das endgültige pathologische Ergebnis zeigte, dass der Krebs auf die Harnblase beschränkt war und die Lymphknoten darüber hinaus nicht befallen waren – Folgetherapien wie beispielsweise eine Chemo- oder Immuntherapien können dem Patienten hierdurch erspart bleiben. Natürlich entbindet dies nicht von der regelmäßigen Nachsorge bei der behandelnden Urologin oder dem behandelnden Urologen. 

Wie lief die operative Entfernung der Harnblase bisher ab?

Prof. Kübler: Die Entfernung der Harnblase wurde bislang am UKW und vielerorts weiterhin offen, also über einen Bauchschnitt, durchgeführt. Diese Methode ist überaus bewährt, bedeutet für die Patientinnen und Patienten jedoch eine größere körperliche Belastung und einen stationären Aufenthalt von meist zwei bis drei Wochen, oft mit mehreren Tagen auf einer Überwachungsstation.

Welche Rolle spielt das Fast-Track-Konzept?

PD Kalogirou: Neben dem schonenden OP-Verfahren war das Fast-Track-Behandlungskonzept ein entscheidender Faktor für die schnelle Erholung. Dieser evidenzbasierte Ansatz zielt darauf ab, den Körper nach einer Operation schneller wieder ins Gleichgewicht zu bringen, postoperative Komplikationen zu minimieren und die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten möglichst zügig wiederherzustellen. Beim Fast-Track-Konzept geht es nicht darum, schneller zu operieren oder Patientinnen und Patienten ‚durchzuschleusen‘., wie der Name vielleicht vermuten lässt. Vielmehr soll durch die Kombination mehrerer Einzelmaßnahmen und Expertisen erreicht werden, dass die Menschen nach einer Operation schneller wieder selbstständig werden und in ihr bisheriges Leben zurückkehren können.

Bestandteil des Fast-Track-Konzepts bei Blasenkrebs ist beispielsweise, die Magensonde innerhalb von 24 Stunden nach der Operation zu entfernen und auf eine künstliche Ernährung zu verzichten. Eine personalisierte Schmerz- und Physiotherapie soll ermöglichen, sich so früh wie möglich nach dem Eingriff wieder selbstständig bewegen zu können.

Prof. Kübler: Zur Umsetzung von Fast Track wurden in unserer Urologie zwei Fast-Track-Nurses ausgebildet. Sie bereiten die Patientinnen und Patienten bereits vor dem Eingriff intensiv vor, vermitteln Atemübungen, Bewegungsabläufe und Ernährungsempfehlungen und stehen ihnen auch nach der Entlassung zur Seite. Innerhalb von 30 Tagen nach dem Krankenhausaufenthalt erfolgen zudem telefonische Rückrufe, um sich nach dem Befinden zu erkundigen und weitere Ratschläge zu geben. Das Fast-Track-Team arbeitet auch eng mit Fachbereichen wie Physiotherapie, Schmerztherapie, Ernährungsberatung und Sozialdienst zusammen.

Was ist perspektivisch bei der Behandlung von Blasenkrebs am UKW geplant?

Prof. Kübler: Perspektivisch planen wir, auch die Anlage einer sogenannten Ersatzblase aus Darm anzubieten. Diese wird direkt an die Harnröhre angeschlossen und ermöglicht es Betroffenen, wieder auf natürlichem Weg Wasser zu lassen.

Details: Weitere Informationen zu den Schwerpunkten der Urologie des UKW sowie die stationären und ambulanten Behandlungsangebote sind auf der Website der Klinik zu finden. Am UKW wird das Fast-Track-Konzept bislang in der Allgemeinchirurgie, der gynäkologischen Chirurgie und der Urologie angewandt.

Text: Annika Wolf/ UKW

Patient steht zwischen seinen Ärzten in der Magistrale des Zentrums für Operative Medizin.
Der Patient kann heute nach sieben Tagen entlassen werden. V.l. Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, Patient, Prof. Dr. Hubert Kübler. © Kim Sammet, UKW
Blick in den OP auf das OP-Team, das sich um den OP-Tisch reiht.
In der ‚Schlüssellochchirurgie‘ sind nur kleine Zugänge zur Bauchhöhle erforderlich, sodass Roboterarme präzise Bewegungen auf engstem Raum ermöglichen. © Kim Sammet, UKW

Der Patient kann heute nach sieben Tagen entlassen werden. V.l. Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, Patient, Prof. Dr. Hubert Kübler. © Kim Sammet, UKW

In der ‚Schlüssellochchirurgie‘ sind nur kleine Zugänge zur Bauchhöhle erforderlich, sodass Roboterarme präzise Bewegungen auf engstem Raum ermöglichen. © Kim Sammet, UKW