WebMedX: Digitale Vernetzung gegen die Herzschwäche

Intersektorale Telemedizinplattform am Universitätsklinikum Würzburg soll Herzinsuffizienz-Versorgung verbessern

Herzinsuffizienz ist die häufigste Hauptdiagnose für stationäre Krankenhausaufenthalte und die Zeit nach der Entlassung gilt als besonders kritisch. Mit dem Projekt „WebMedX” entwickeln der IT-Dienstleister Bechtle, das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) und das Servicezentrum Medizininformatik (SMI) am Uniklinikum Würzburg (UKW) sowie weitere Partner eine Telemedizinplattform am Beispiel der Herzinsuffizienz, die Kliniken, Arztpraxen, Pflegekräfte und Patienten vernetzt. Ziel ist es, mithilfe von WebMedX Versorgungslücken in der vulnerablen Phase nach dem Krankenhausaufenthalt zu schließen, Wiedereinweisungen zu vermeiden und die Versorgung nachhaltig zu verbessern. Das digitale Netzwerk soll als Muster für andere Regionen und Krankheiten dienen. Durch die enge Zusammenarbeit von Technik und Klinik möchte die WebMedX-Initiative einen spürbaren Beitrag dazu leisten, die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu modernisieren und nachhaltig zu verbessern.

Würzburg. ICD-10: I50 ist der Code für Herzinsuffizienz. Er wird in westlichen Ländern am häufigsten als Hauptdiagnose für stationäre Krankenhausaufenthalte verwendet. Sie betrifft vor allem ältere Menschen und geht häufig mit Atemnot, rascher Erschöpfung, Wassereinlagerungen und akuten Verschlechterungen einher, die eine Klinikeinweisung erforderlich machen. Für viele Betroffene endet die Herausforderung jedoch nicht mit der Entlassung, denn gerade die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt gilt als besonders kritische Phase, in der das Risiko für erneute Komplikationen und Wiedereinweisungen hoch ist. Und mit jeder erneuten Dekompensation steigt das Sterberisiko. „Jeder Patient zeigt ein anderes Krankheitsbild, oft liegen mehrere Begleiterkrankungen vor, und die Behandlung erfordert die Zusammenarbeit von Hausärzten, Kardiologen, spezialisierten Kliniken sowie Pflegefachkräften“, weiß Prof. Dr. Stefan Störk, Leiter der Herzinsuffizienzambulanz und Klinischen Forschung am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) in Würzburg.

Stefan Störk: „Herzinsuffizienz ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig vernetzte Strukturen für die Versorgung chronischer Krankheiten sind.“

Das DZHI hat in mehreren Studien und Versorgungsprogrammen mit weiteren Kooperationspartnern bereits gezeigt, wie eine gezielte Nachsorge und frühzeitige ambulante Betreuung in Deutschland aussehen können. Das Spektrum reicht dabei von Telefonmonitoring und telemedizinischer Überwachung bis hin zum innovativen Case- & Care-Management mit eHealth-Plattform und speziell geschultem Fachpersonal zur Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt. „Die Umsetzung der sehr gut belegten Behandlungsleitlinien bleibt in der Praxis hinter ihren Möglichkeiten zurück. Zudem ist eine digitale Vernetzung zwischen den Beteiligten kaum vorhanden, sodass wichtige Daten und Befunde in unterschiedlichen Systemen liegen und oft verspätet ankommen“, so Störk. 

Digitales Herzinsuffizienz-Netzwerk: Start der WebMedX-Plattform am Universitätsklinikum Würzburg

Um die Versorgung zu verbessern, hat das Universitätsklinikum Würzburg (UKW) gemeinsam mit dem DZHI und dem Servicezentrum Medizininformatik (SMI) und Verbundpartnern das Projekt WebMedX ins Leben gerufen. Das Konsortialprojekt wird im Rahmen der Förderlinie „Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung” des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. In der dreijährigen Förderphase soll das bewährte Konzept der Herzinsuffizienz-Netzwerke (HF-NET) ins digitale Zeitalter überführt werden. Während im erfolgreichen DZHI-Programm HeartNetCare-HF™ beispielsweise die fachlichen Inhalte der Versorgung entwickelt wurden, liegt der Schwerpunkt jetzt auf der Prozess- und IT-Umsetzung.

Die Idee ist, mit WebMedX eine telemedizinische Lösung zu schaffen, die Kliniken, Haus- und Fachärzte, Pflegekräfte mit medizinischen Daten des Patienten vernetzt und digitale Hilfsmittel wie Telemonitoring, Wearables oder Apps einbindet. Da alle Beteiligten auf denselben Datensatz des Patienten zugreifen, haben sie stets mit einem Klick einen aktuellen Überblick über Krankengeschichte, Vitalparameter, laufende Therapien und kommende Termine. Die Daten können einfach untereinander ausgetauscht werden, sodass der Informationsfluss optimiert und Doppeluntersuchungen vermieden werden. 

Prof. Dr. Stefan Frantz, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des UKW: „Herzinsuffizienztherapie ist ein lebenslanger Weg zusammen mit unseren Patienten. Die Telemedizin gibt uns alle Daten, um auf den einzelnen Patienten individuell einzugehen, und ergänzt damit ideal das persönliche Gespräch und ein individualisiertes Therapiekonzept.“

Drei Phasen zum digitalen Netzwerk - Blaupausenmodell für andere Regionen und Erkrankungen 

Im ersten Schritt des neuen Projekts wird am UKW gemeinsam mit den Verbundpartnern Bechtle und Docs4D eine Telemedizinplattform mit den erforderlichen Hard- und Softwarekomponenten entwickelt und in die digitale Klinikumgebung integrieret. Parallel dazu legen die Beteiligten mit fachlicher Beratung von Prof. Dr. Friedrich Köhler und Prof. Dr. Siegfried Jedamzik den Datensatz fest, der künftig als Grundlage für den Austausch dienen soll. Zudem stimmen sie Prozesse für das sogenannte „Patient Sharing“ und „Data Sharing“ ab. 

Dr. Olaf Iseringhausen, Leiter Team Healthcare Solutions bei Bechtle: „Mit WebMedX gestalten wir Digitalisierung dort, wo sie unmittelbar Wirkung entfalten kann: in einer besseren, verlässlicheren und stärker vernetzten Versorgung. Unser Anspruch ist es, gemeinsam mit den medizinischen Partnern eine Lösung zu schaffen, die Menschen spürbar unterstützt und zugleich als Modell für weitere Anwendungsfelder dienen kann.“

Im Anschluss startet die Pilotphase, in der das UKW und die Klinik Kitzinger Land die einzelnen Module der WebMedX-Plattform im Alltag erproben. Dabei steht die Nutzerfreundlichkeit im Vordergrund: Die Plattform soll barrierefrei und intuitiv bedienbar sein. Auch Datenschutz und IT-Sicherheit werden berücksichtigt. In dieser Phase soll untersucht werden, wie sich der Austausch zwischen den beiden Kliniken optimieren lässt und wie sich digitale Dienste wie Telemonitoring und leitliniengestützte Therapieempfehlungen in die Arbeitsabläufe integrieren lassen.

In der dritten Phase wird das Netzwerk schrittweise für weitere Partner geöffnet, sodass mehr Patientinnen und Patienten betreut werden können. Das Ziel besteht darin, ein Blaupausenmodell zu entwickeln, das später auch in anderen Regionen und für andere chronische Erkrankungen genutzt werden kann. 

„Wir wollen eine generalisierbare telemedizinische Lösung schaffen, damit alle Krankenhäuser und Versorger an dem Prozess teilhaben können, auch wenn sie mit unterschiedlichen Informationssystemen arbeiten“, sagt Störk. Das UKW arbeitet beispielsweise mit dem Krankenhausinformationssystem ISH-med, während der Verbundpartner, die Klinik Kitzinger Land mit angeschlossenem MVZ, das System Orbis nutzt.

Prof. Dr. Frank Breuckmann, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Kardiologie, Pneumologie, Neurologie und internistische Intensivmedizin an der Klinik Kitzinger Land: „Das ist Medizin up to date. Endlich wird Technologie, die in Bereichen außerhalb des Krankenhauses längst Standard ist, auch für die gemeinsame Versorgung unserer Patientinnen und Patienten intersektoral nutzbar sein.“

Vorteile für Patientinnen und Patienten

Bei der Entlassung des Patienten werden alle erforderlichen Informationen aus dem Krankenhaussystem in eine elektronische Fallakte übertragen. Diese wird auf der Plattform WebMedX in einer sicheren Cloud gespeichert. Passt ein Arzt später die Medikation an, kann er diese Änderung ebenfalls in der digitalen Akte festhalten. Alle telemedizinischen Messwerte aus Implantaten, Waagen, Blutdruckmessern oder Smartwatches können im WebMedX-System automatisch verarbeitet werden, sodass Verschlechterungen rechtzeitig erkannt werden. Dadurch lassen sich Notfälle und Krankenhausaufenthalte vermeiden und die Lebensqualität steigern. Wird ein Grenzwert überschritten, geht ein Alarm an den entsprechenden Notfallkontakt. 

„Mit WebMedX möchten wir moderne Technik nutzen, um Menschen mit Herzschwäche besser zu begleiten. Unser Ziel ist es, den Behandlungsalltag zu erleichtern, die Versorgung zu verbessern und die wertvolle Zeit des Fachpersonals stärker den Patientinnen und Patienten zu widmen“, verdeutlicht Prof. Stefan Störk, der das Teilvorhaben „Entwicklung von eHF-NET – Telemedizinisches Gesundheitsversorgungskonzept“ am DZHI leitet.

Verbundpartner „WebMedX – Intersektorale eHealth-Plattform für die Herzinsuffizienz-Versorgung

  • Bechtle IT Systemhaus Bonn: Herstellung und Validierung eines Betriebskonzepts für die Meta-Plattform inkl. TMZ-Konzept, Datenschutz, IT-Sicherheit – Konsortialführer
  • Universitätsklinikum Würzburg - Medizinische Klinik und Poliklinik I, Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) und Servicezentrum Medizininformatik (SMI): Erprobung der Meta-Plattform und des eHF-NET -Konzepts; DZHI: medizinisch-wissenschaftlicher Schwerpunkt; SMI: technischer Schwerpunkt
  • Docs4D GmbH: Programmierung der Software für Meta-Plattform
  • Klinik Kitzinger LandErprobung der Meta-Plattform und des eHF-NET -Konzepts außerhalb des UKW (Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung)
Porträts der vier zitierten Personen in einer Collage zusammengefasst.
Team WebMedX von oben links im Uhrzeigersinn: Prof. Dr. Stefan Störk (DZHI), Dr. Olaf Iseringhausen (Bechtle), Prof. Dr. Stefan Frantz (Medizinische Klinik und Poliklinik I) und Prof. Dr. Frank Breuckmann (Klinik Kitzinger Land). © UKW / Bechtle / KKL

Team WebMedX von oben links im Uhrzeigersinn: Prof. Dr. Stefan Störk (DZHI), Dr. Olaf Iseringhausen (Bechtle), Prof. Dr. Stefan Frantz (Medizinische Klinik und Poliklinik I) und Prof. Dr. Frank Breuckmann (Klinik Kitzinger Land). © UKW / Bechtle / KKL