Gleichzeitig müssen Hausärztinnen und Hausärzte immer wieder entscheiden, ob Antibiotika notwendig sind, ob abgewartet werden kann und wie Risiken, Beschwerden und Erwartungen der Patientinnen und Patienten gegeneinander abzuwägen sind.
ales Forschungsteam unter Leitung des Instituts für Allgemeinmedizin am UKW hat nun qualitative Studien zum hausärztlichen Umgang mit Harnwegsinfektionen systematisch ausgewertet. Ziel war es, durch eine umfassende qualitative Evidenzsynthese ein möglichst hohes Evidenzniveau zu erreichen. In die Analyse wurden 32 Studien mit Erfahrungen von insgesamt 690 Primärversorgenden eingeschlossen.
Die Analyse zeigt: Viele Behandelnde fühlen sich im Umgang mit Harnwegsinfektionen grundsätzlich sicher. Unsicherheit entsteht jedoch insbesondere dann, wenn Patientinnen und Patienten nicht in das typische Bild einer unkomplizierten Harnwegsinfektion passen, zum Beispiel Kinder, Männer, ältere Menschen oder Personen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen.
Neben klinischer Unsicherheit erschweren auch strukturelle Faktoren die Versorgung: Zeitdruck, knappe Ressourcen, Erwartungen von Patientinnen und Patienten und die Sorge vor Komplikationen beeinflussen die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum. Die Studie macht damit deutlich, dass Antibiotic Stewardship, also der rationale und verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika, bei Harnwegsinfektionen nicht allein über Leitlinien oder Diagnostik verbessert werden kann. Entscheidend ist auch, die realen Entscheidungssituationen in der Hausarztpraxis besser zu verstehen.
Die Ergebnisse wurden in der für die Allgemeinmedizin renommiertesten internationalen Fachzeitschrift, dem British Journal of General Practice, veröffentlicht.
Publikation: Henrike Kleuser, Francine Toye, Felix Kannapin, Luca Ghirotto, Sandra Parisi, Alice Serafini, Maria Chiara Bassi, Ildikó Gágyor, Peter K. Kurotschka. Primary Care Practitioners’ Experiences Managing Urinary Tract Infections: A Qualitative Evidence Synthesis. British Journal of General Practice, 2026. British Journal of General Practice 7 May 2026; BJGP.2025.0561. DOI: https://doi.org/10.3399/BJGP.2025.0561