paper place Archiv 4. Quartal 2025

Nach Stammzelltransplantation: Warum das Herz-Kreislauf-Risiko steigt

Menschen, die eine allogene Stammzelltransplantation erhalten – also Stammzellen von einer anderen Person –, haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bislang war jedoch unklar, ob und wie diese Therapie selbst zur Verkalkung der Blutgefäße (Atherosklerose) beiträgt.

Grafischer Abstrakt der Studie
Graphical Abstract der Studie “Allogeneic haematopoietic cell transplantation promotes atherosclerosis in mice via CD8+ T cells” in Cardiovasc Res. 2025;121(17):2668-2678. doi:10.1093/cvr/cvaf229. Die Studie liefert einen wichtigen Hinweis darauf, warum Patientinnen und Patienten nach einer allogenen Stammzelltransplantation häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln. Sie legt nahe, dass Immunreaktionen im Rahmen der GvHD die Entstehung von Atherosklerose fördern. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse mögliche neue Ansatzpunkte, um das langfristige Herz-Kreislauf-Risiko dieser Patientinnen und Patienten gezielt zu senken.

Genau das hat eine neue experimentelle Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Andreas Beilhack und Prof. Dr. Alma Zernecke-Madsen untersucht.

In einem Mausmodell simulierten die Forschenden eine allogene Stammzelltransplantation mit einer leichten Form der Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD), bei der Immunzellen des Spenders den Körper des Empfängers angreifen. Die Tiere erhielten zusätzlich eine fettreiche westliche Ernährung, um Herz-Kreislauf-Risiken zu verstärken.

Das Ergebnis: Mäuse, die neben den Stammzellen auch Immunzellen (T-Zellen) vom Spender bekamen, entwickelten deutlich stärkere Ablagerungen in den Blutgefäßen als Vergleichstiere. Besonders auffällig war eine vermehrte Ansammlung bestimmter Immunzellen, sogenannter CD8-T-Zellen, in der Gefäßwand. Gleichzeitig waren bei diesen Tieren die Cholesterinwerte im Blut erhöht.

Wurden diese CD8-T-Zellen gezielt entfernt, nahmen sowohl die Gefäßverkalkung als auch die Cholesterinwerte deutlich ab. Das zeigt, dass diese Immunzellen eine zentrale Rolle bei der Schädigung der Gefäße spielen.

Publikation: 
Ivana Jorgacevic, Haroon Shaikh, Hla Ali, Maja Bundalo, Sarah Schäfer, Michael A G Kern, Maike Büttner-Herold, Simone Reu-Hofer, Clément Cochain, Hendrik Bartolomaeus, Antoine-Emmanuel Saliba, Melanie Rösch, Giuseppe Rizzo, Estibaliz Arellano Viera, Juan Gamboa Vargas, Friederike Berberich-Siebelt, Wolfgang Herr, Louis Boon, Andreas Rosenwald, Elke Butt, Heike M Hermanns, Andreas Beilhack, Alma Zernecke. Allogeneic haematopoietic cell transplantation promotes atherosclerosis in mice via CD8+ T cells. Cardiovasc Res. 2025;121(17):2668-2678. https://doi.org/10.1093/cvr/cvaf229 

Editorial zur Publikation: 
Anton Gisterå, Hannes Lindahl, Graft vs. atheroma in a battle of host dominion, Cardiovascular Research, Volume 121, Issue 17, December 2025, Pages 2614–2615, https://doi.org/10.1093/cvr/cvaf266

Grafischer Abstrakt der Studie
Graphical Abstract der Studie “Allogeneic haematopoietic cell transplantation promotes atherosclerosis in mice via CD8+ T cells” in Cardiovasc Res. 2025;121(17):2668-2678. doi:10.1093/cvr/cvaf229. Die Studie liefert einen wichtigen Hinweis darauf, warum Patientinnen und Patienten nach einer allogenen Stammzelltransplantation häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln. Sie legt nahe, dass Immunreaktionen im Rahmen der GvHD die Entstehung von Atherosklerose fördern. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse mögliche neue Ansatzpunkte, um das langfristige Herz-Kreislauf-Risiko dieser Patientinnen und Patienten gezielt zu senken.
Molekulare Determinanten der kardialen Lymphfunktionsstörung in einem Modell mit chronischer Drucküberlastung

Ein gesundes Herz ist auf eine effiziente Lymphdrainage angewiesen, um überschüssige Flüssigkeit und Immunzellen nach einer Verletzung abzutransportieren.

Mikroskopische Bilder aus der Publikation zur Veränderung des Lymphprofils nach einer Herzentzündung.
Durch Herzentzündung hervorgerufene Veränderungen des Lymphprofils. Beispiele für die Expression des Transmembranproteins Claudin-5 (rot) in Lymphgefäßen im gesunden und kranken, drucküberlasteten Herzen (Lyve1, grau, DAPI, blau) und Blutgefäßen (VE-Cadherin, grün). Maßstab 20 µm. Pfeile: Claudin-5-exprimierende Lymphgefäße. Die Expression von Claudin-5 ist in den lymphatischen Gefäßen in den betroffenen Herzmodellen im Vergleich zu gesunden Herzen deutlich reduziert.

Forscherinnen und Forscher der Universität Rouen haben in einer von ANR/DFG finanzierten Zusammenarbeit mit dem Uniklinikum Würzburg nun herausgefunden, wie dieses Schutzsystem bei Herzinsuffizienz beeinträchtigt wird. 

Mithilfe fortschrittlicher Einzelzell-RNA-Sequenzierung in einem experimentellen Modell der Herzinsuffizienz aufgrund einer chronischen Drucküberlastung fand das Team heraus, dass Entzündungen wichtige Strukturen in den Lymphgefäßen stören, wodurch diese undicht werden und Flüssigkeit nicht mehr richtig ableiten können. Den neu gebildeten Lymphgefäßen fehlten außerdem Klappen, was die Fähigkeit des Herzens, überschüssige Flüssigkeit abzuleiten, weiter beeinträchtigte. Im Gegensatz dazu behielten die Herzlymphgefäße ihre Fähigkeit, Immunzellen anzuziehen und zu beseitigen. 

Die im Journal EMBO Molecular Medicine veröffentlichte Studie identifizierte zudem molekulare Signalwege, die zur Wiederherstellung der Lymphfunktion und somit als therapeutische Angriffspunkte zur Behandlung der Herzinsuffizienz genutzt werden könnten.

Publikation
Coraline Heron, Theo Lemarcis , Océane Laguerre, Bénjamin Bourgeois, Corentin Thuilliez, Chloé Valentin, Anais Dumesnil, Manon Valet, David Godefroy, Damien Schapman, Gaetan Riou, Sophie Candon, Céline Derambure, Alma Zernecke, Caroline Berard, Hélène Dauchel, Virginie Tardif, Ebba Brakenhielm. Molecular determinants of cardiac lymphatic dysfunction in a chronic pressure-overload model. EMBO Mol Med 18, 325–355 (2026). https://doi.org/10.1038/s44321-025-00345-w

Mikroskopische Bilder aus der Publikation zur Veränderung des Lymphprofils nach einer Herzentzündung.
Durch Herzentzündung hervorgerufene Veränderungen des Lymphprofils. Beispiele für die Expression des Transmembranproteins Claudin-5 (rot) in Lymphgefäßen im gesunden und kranken, drucküberlasteten Herzen (Lyve1, grau, DAPI, blau) und Blutgefäßen (VE-Cadherin, grün). Maßstab 20 µm. Pfeile: Claudin-5-exprimierende Lymphgefäße. Die Expression von Claudin-5 ist in den lymphatischen Gefäßen in den betroffenen Herzmodellen im Vergleich zu gesunden Herzen deutlich reduziert.
Neue Erkenntnisse zur Immuntherapie bei metastasiertem Nierenzellkarzinom

Das metastasierte Nierenzellkarzinom ist die häufigste Form von Nierenkrebs bei Erwachsenen und wird heute oft mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren behandelt. Trotz verbesserter Prognosen spricht allerdings ein erheblicher Teil der Patientinnen und Patienten nicht auf diese Therapien an. Die Auswahl der Behandlung basiert bislang vor allem auf klinischen Risikofaktoren wie Krankheitsverlauf und Laborwerten.

Charis Kalogirou mit weißem Kittel im Labor - im Hintergrund arbeitet eine Mitarbeiterin an der Laborbank.
Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, geschäftsführender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW) untersuchte mit seinem Team Gewebeproben von zwölf Patientinnen und Patienten mit metastasiertem Nierenzellkarzinom und erstellte detaillierte Landkarten des Tumors und seiner Metastasen. © Andrey Svistunov / UKW

Doch welche Patientinnen und Patienten profitieren tatsächlich von dieser Behandlung? Das untersuchte ein Team der Urologie des UKW gemeinsam mit dem Pathologischen Institut des Uniklinikums Erlangen. Die Forschenden nutzten hochauflösende räumliche Transkriptomik, um „Landkarten“ der Tumorumgebung zu erstellen. Diese zeigen, wie Immunzellen, beispielsweise Makrophagen und CD8⁺-T-Zellen, lokal organisiert sind, wie aktiv sie sind und wie sie miteinander kommunizieren. Dabei stellten sie fest, dass Metastasen und Primärtumoren sich deutlich in ihrer Immunlandschaft unterscheiden.

Ein zentrales Ergebnis: In den Metastasen konnte das Team um Privatdozent Dr. Charis Kalogirou (Erstautor) und Privatdozent Dr. Markus Eckstein (Letztautor) sogenannte „Immun-Nischen“ identifizieren – Regionen, in denen Immunzellen über Chemokin-Signale eng zusammenwirken. Patientinnen und Patienten mit solchen Immun-Nischen sprachen deutlich besser auf die Immuntherapie an, während dieser Zusammenhang im Primärtumor kaum auftrat.

Basierend auf diesen Mustern leiteten die Forschenden eine Gen-Signatur ab, die das Ansprechen auf Immuntherapie in internationalen Studien mit über 1.000 Patientinnen und Patienten zuverlässig vorhersagen konnte. In resistenten Tumorgebieten dominierten hingegen Gene, die auf eine unterdrückte Immunantwort hinweisen.

Die Ergebnisse betonen, dass nicht nur die Präsenz von Immunzellen zählt, sondern auch ihre räumliche Anordnung und Aktivität innerhalb der Metastasen. Eine gezielte Analyse der Tumormikroumgebung könnte künftig helfen, die Auswahl der Therapie besser auf die individuellen Immunprofile abzustimmen – ein wichtiger Schritt hin zu einer präziseren, biomarker-gesteuerten Krebstherapie.

Weitere Details zur Studie liefert die folgende Pressemeldung.

Publikation
Charis Kalogirou, Markus Krebs, Andreas S Kunz, Oliver Hahn, Hubert Kübler, Marcel Schwinger, Arndt Hartmann, Astrid Schmieder, Markus Eckstein. Spatial transcriptomic profiling of metastatic renal cell carcinoma identifies chemokine-driven macrophage and CD8+ T-cell interactions predictive of immunotherapy response. Journal for ImmunoTherapy of Cancer. 2025;13:e012991. https://doi.org/10.1136/jitc-2025-012991

Charis Kalogirou mit weißem Kittel im Labor - im Hintergrund arbeitet eine Mitarbeiterin an der Laborbank.
Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, geschäftsführender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW) untersuchte mit seinem Team Gewebeproben von zwölf Patientinnen und Patienten mit metastasiertem Nierenzellkarzinom und erstellte detaillierte Landkarten des Tumors und seiner Metastasen. © Andrey Svistunov / UKW
Unheilvoller Fehlalarm in der Niere – neue Einblicke in Autoimmun-Entzündungen

Wie ein kleines, natürlich vorkommendes RNA-Molekül in der Niere einen mutierten Immunrezeptor aktiviert und damit eine Kettenreaktion auslöst, haben Forschende der Universitätsmedizin Bonn in Zusammenarbeit mit der Nuklearmedizin des UKW und der Nanyang Technological University Singapore herausgefunden.

Collage von Takahiro Higuchi vor Bildgebungsgerät, daneben ein freigestelltes Porträt von Benjamin Heil
Prof. Takahiro Higuchi, Direktor für präklinische Bildgebung, und Benjamin Heil, technischer Assistent in der Würzburger Nuklearmedizin © Collage / Daniel Peter und privat / UKW

Die in der Fachzeitschrift „Science Immunology“ veröffentlichte Studie liefert eine Erklärung dafür, wie eine Punktmutation in dem Immunrezeptor RIG-I das Abwehrsystem des Körpers in eine selbstzerstörerische Kraft verwandelt und eine schwere organspezifische Autoimmunerkrankungen verursacht. 

Besonders ein kleines, natürlich vorkommendes RNA-Molekül namens Y-RNA löst in der Niere bei dieser Mutation eine Art Fehlalarm aus: Der mutierte RIG-I-Rezeptor wird aktiviert und setzt eine starke Entzündungsreaktion in Gang.

In Labormodellen führten diese Prozesse zu einer lupusähnlichen Nierenentzündung, bei der Nierenzellen große Mengen an Botenstoffen produzierten, die Immunzellen anlocken und Gewebeschäden verstärken. Weiterhin identifizierten die Forschenden einen potenziellen Ansatzpunkt für eine Therapie: Die Blockade des CCR2-Signalwegs, der an der Rekrutierung von Immunzellen beteiligt ist, reduzierte die Entzündung deutlich in den Modellen. 

Prof. Takahiro Higuchi, Direktor für präklinische Bildgebung, und Benjamin Heil, technischer Assistent in der Würzburger Nuklearmedizin trugen wesentlich zur Aufklärung des molekularen Mechanismus für tödliche Nephritis bei. „Die Arbeit legt den Grundstein für klinische Entwicklungen, die durch die fortgesetzte molekulare Bildgebung weiter vorangetrieben werden soll“, so Higuchi.

Weitere Informationen liefert die folgende Pressemeldung

Publikation
Saya Satoh, Yaw Bia Tan, Benjamin Heil, Shintaro Yamada, Verena Schütte, Celest Phang, Chaozhi Tang, Yuta Tsukamoto, Takahiro Higuchi, Takashi Fujita, Rayk Behrendt, Martin Schlee, Dahai Luo, and Hiroki Kato. Local activation of mutant RIG-I by short non-coding Y-RNA in the kidney triggers lethal nephritis; Science Immunology; https://doi.org/10.1126/sciimmunol.adx1135

Collage von Takahiro Higuchi vor Bildgebungsgerät, daneben ein freigestelltes Porträt von Benjamin Heil
Prof. Takahiro Higuchi, Direktor für präklinische Bildgebung, und Benjamin Heil, technischer Assistent in der Würzburger Nuklearmedizin © Collage / Daniel Peter und privat / UKW
Motorische Verlangsamung bei Schizophrenie hängt mit Veränderungen im Motorcortex zusammen

Schizophrenie ist zwar nicht heilbar, inzwischen aber gut mit medikamentösen und psychotherapeutischen Therapien behandelbar. Bei etwa 80 Prozent der Betroffenen treten jedoch unabhängig von den Nebenwirkungen der Antipsychotika motorische Störungen auf. Bei jedem zweiten Betroffenen sind die Bewegungen und auch die Gedankengänge verlangsamt.

Gegenüberstellung des traditionellen und neuen Modells des motorischen Kortex. DAs neue Modell zeigt Zwischenregionen.
Früher nahm man an, dass der motorische Kortex mehrere eher unspezifische Signale empfängt, die gleichmäßig über die verschiedenen Bereiche verteilt sind. Das neue Modell zeigt dagegen, dass es bestimmte Zwischenregionen („Intereffektoren“) gibt, die gezielt Signale aus verschiedenen Quellen aufnehmen. Diese Regionen helfen dabei, die eigentlichen Bewegungszentren im motorischen Kortex besser miteinander zu koordinieren. ©2023 American Medical Association / JAMA Psychiatry. 2024;81(1):7-8. doi:10.1001/jamapsychiatry.2023.4290

Vor zwei Jahren fanden US-amerikanische Forscher (Gordon et al., 2023, Nature)  heraus, dass sich im Motorcortex spezialisierte Regionen für bestimmte Körperteile mit dazwischenliegenden Bereichen abwechseln. Diese sind nicht für einen einzelnen Muskel zuständig, sondern integrieren die Bewegungsplanung, Koordination und Signale aus dem Körper. 

Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, konnte in einer aktuellen Publikation in der Fachzeitschrift PNAS die Ergebnisse replizieren und verglich im zweiten Schritt die funktionelle Konnektivität des Gehirns von Menschen mit Psychose mit der von gesunden Personen. Zudem stellte er mit seinem Team Patientinnen und Patienten, bei denen die Psychomotorik verlangsamt war, denen gegenüber, die keine psychomotorischen Einschränkungen hatten. 

Die MRT-Auswertungen zeigten, dass die Veränderungen nicht per se mit der Erkrankung Schizophrenie zusammenhängen, sondern nur bei Patientinnen und Patienten zu finden sind, deren Bewegungen verlangsamt sind. Bei ihnen waren die Regionen innerhalb des motorischen Kortex unterschiedlich verknüpft. Weitere Untersuchungen ergaben: Je stärker die Verlangsamung, desto stärker war auch die Veränderung im primären motorischen Kortex.

Mit diesen Informationen könnte man künftig bei der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), die Walther bereits erfolgreich an Patientinnen und Patienten mit starker Bewegungsverlangsamung untersucht hat, noch genauer innerhalb des primärmotorischen Kortex auf die Intereffektoren zielen. Das wäre ein nächstes Forschungsprojekt.

Weitere Informationen in der Pressemeldung „Wenn Handlungsplanungen und Bewegungen ausgebremst sind“

Publikation: 
S. Walther, F. Wüthrich, A. Pavlidou, N. Nadesalingam, S. Heckers, M.G. Nuoffer, V. Chapellier, K. Stegmayer, L.V. Maderthaner, A. Kyrou, S. von Känel, & S. Lefebvre, Functional organization of the primary motor cortex in psychosis and the potential role of intereffector regions in psychomotor slowing, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 122 (42) e2425388122, doi.org/10.1073/pnas.2425388122 (2025).
Zur Publikation

Gegenüberstellung des traditionellen und neuen Modells des motorischen Kortex. DAs neue Modell zeigt Zwischenregionen.
Früher nahm man an, dass der motorische Kortex mehrere eher unspezifische Signale empfängt, die gleichmäßig über die verschiedenen Bereiche verteilt sind. Das neue Modell zeigt dagegen, dass es bestimmte Zwischenregionen („Intereffektoren“) gibt, die gezielt Signale aus verschiedenen Quellen aufnehmen. Diese Regionen helfen dabei, die eigentlichen Bewegungszentren im motorischen Kortex besser miteinander zu koordinieren. ©2023 American Medical Association / JAMA Psychiatry. 2024;81(1):7-8. doi:10.1001/jamapsychiatry.2023.4290
Gestikdefizite bei Psychosen und die Kombination aus Gruppenpsychotherapie und transkranieller Magnetstimulation

Gesten sind ein integraler Bestandteil menschlicher Kommunikation und verknüpfen Denken, Emotionen und soziale Verbindungen miteinander. Fehlen sie, leidet nicht nur das Gespräch, sondern auch das Gefühl von gegenseitigem Verständnis.

Viele Menschen mit Schizophrenie haben jedoch Schwierigkeiten, solche Bewegungen korrekt auszuführen oder zu verstehen. Dies kann ihre sozialen Kontakte und Alltagsfähigkeit beeinträchtigen. Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, untersuchte mit Berner Kolleginnen und Kollegen, ob eine Kombination aus repetitiver transkranieller Magnetstimulation und sozialkognitiver Remediationstherapie (SCRT) helfen kann, diese Defizite zu verringern.

19 Teilnehmende erfuhren über einen Zeitraum von zwei Wochen zehn Sitzungen mit echter rTMS über den rechten unteren Parietallappen, der an der Steuerung von Gesten beteiligt ist. Diese Sitzungen wurden in Kombination mit 16 SCRT-Gruppensitzungen über einen Zeitraum von acht Wochen durchgeführt. 26 Teilnehmende erhielten eine Schein-rTMS in Kombination mit echter SCRT und 28 Personen eine Schein-SCRT. 

Ergebnis: Ein soziales Miteinander allein ist bereits förderlich, wie die Kontrollgruppe mit Scheintherapien gezeigt hat. Besonders deutlich war der Effekt jedoch bei den Personen, die die Kombination aus echter rTMS und echter SCRT erhielten. In dieser Gruppe zeigten sich nicht nur Fortschritte bei bestimmten Gestenarten, insbesondere bei neu erlernten, bedeutungslosen Bewegungen, sondern auch eine spürbare Verbesserung der sozialen und alltagspraktischen Funktionsfähigkeit. Die positiven Effekte dieser sicheren und gut verträglichen Methode hielten auch Monate nach Ende der Behandlung an. 

Details zur Studie liefert die Pressemeldung „Wieder in Verbindung treten“

Publikation: 
Sebastian Walther, Lydia Maderthaner, Victoria Chapellier, Sofie von Känel, Daniel R. Müller, Stephan Bohlhalter, Mischa Baer & Anastasia Pavlidou. Gesture deficits in psychosis and the combination of group psychotherapy and transcranial magnetic stimulation: A randomized clinical trial. Molecular Psychiatry 30(12):5790-5799, https://www.nature.com/articles/s41380-025-03303-7,  (2025)

Seltene genetische Varianten erhöhen ADHS-Risiko um das bis zu 15-Fache

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Neuroentwicklungsstörung mit hoher Erblichkeit, deren genetische Grundlage aus Tausenden von Varianten besteht. Die meisten dieser Varianten erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose jedoch nur geringfügig.

Schaubild, welches die Ergebnisse der Publikation zusammenfasst.
Ein komplexes Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umweltbedingungen führt zur Entstehung psychischer Erkrankungen wie ADHS. Je nach individueller Veranlagung und Lebensumfeld kann es zu Veränderungen in Nervenzellen und Hirnnetzwerken kommen. Ob dann eine psychische Erkrankung entsteht, hängt auch mit Resilienzfaktoren zusammen. In der Nature Arbeit werden nun seltene genetische Varianten berichtet, die einen sehr großen Effekt auf das ADHS-Risiko haben und mit krankheitsrelevanten neurobiologischen Prozessen in Verbindung stehen. Das Bild basiert auf einer Grafik aus Geissler J, Lesch KP. A lifetime of attention-deficit/hyperactivity disorder: diagnostic challenges, treatment and neurobiological mechanisms. Expert Rev Neurother. 2011 Oct;11(10):1467-84. doi: 10.1586/ern.11.136. PMID: 21955202 und wurde mit Canva überarbeitet.

Eine internationale Studie unter der Leitung von Forschenden der Universität Aarhus (Dänemark) und mit Würzburger Beteiligung zeigte nun, dass auch seltene, stark wirkende genetische Varianten, eine wichtige Rolle spielen. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift NATURE veröffentlicht. 

Die Forschenden fanden heraus, dass Personen mit seltenen Varianten in den drei Genen MAP1A, ANO8 und ANK2 ein deutlich erhöhtes ADHS-Risiko aufweisen, zum Teil um mehr als das 15-Fache. Diese genetischen Varianten sind zwar sehr selten, beeinflussen jedoch stark die Aktivität von Genen in den Nervenzellen. Bei Menschen, die diese Varianten tragen, kann die Entwicklung und Kommunikation zwischen den Nervenzellen daher gestört sein, was zu ADHS führen kann.

Die seltenen genetischen Varianten beeinflussen nicht nur, wer ADHS entwickelt, sondern auch, wie es den Betroffenen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt ergeht. Durch die Verknüpfung genetischer Daten mit dänischen Registerdaten fanden die Forschenden heraus, dass Personen mit ADHS und seltenen Varianten im Durchschnitt einen geringeren Bildungsstand und einen niedrigeren sozioökonomischen Status haben als Betroffene ohne diese Varianten.

Weitere Informationen, auch zum Würzburger Beitrag, liefert die Pressemeldung

Publikation: 
Demontis, D., Duan, J., Hsu, YH.H. et al. Rare genetic variants confer a high risk of ADHD and implicate neuronal biology. Nature (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09702-8

 

Schaubild, welches die Ergebnisse der Publikation zusammenfasst.
Ein komplexes Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umweltbedingungen führt zur Entstehung psychischer Erkrankungen wie ADHS. Je nach individueller Veranlagung und Lebensumfeld kann es zu Veränderungen in Nervenzellen und Hirnnetzwerken kommen. Ob dann eine psychische Erkrankung entsteht, hängt auch mit Resilienzfaktoren zusammen. In der Nature Arbeit werden nun seltene genetische Varianten berichtet, die einen sehr großen Effekt auf das ADHS-Risiko haben und mit krankheitsrelevanten neurobiologischen Prozessen in Verbindung stehen. Das Bild basiert auf einer Grafik aus Geissler J, Lesch KP. A lifetime of attention-deficit/hyperactivity disorder: diagnostic challenges, treatment and neurobiological mechanisms. Expert Rev Neurother. 2011 Oct;11(10):1467-84. doi: 10.1586/ern.11.136. PMID: 21955202 und wurde mit Canva überarbeitet.