Obwohl bekannt ist, dass viele Medizinstudierende in Deutschland während ihres Studiums Belästigung oder Diskriminierung erleben, fehlen bislang detaillierte Erkenntnisse darüber, wie sie diese Erfahrungen im klinischen Umfeld wahrnehmen und bewältigen.
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie, hat noch in ihrer Zeit am Universitätsklinikum in Augsburg zwölf leitfadengestützte, halbstrukturierte Einzelinterviews mit zehn Medizinstudentinnen und zwei Medizinstudenten im Praktischen Jahr geführt, die während ihres Studiums sexuelle Belästigung erlebt hatten.
Die Analyse ergab fünf miteinander verknüpfte Themen, die zeigen, wie Erfahrungen mit geschlechtsbezogener Diskriminierung und sexueller Belästigung die Entwicklung der professionellen Identität in hierarchisch geprägten Ausbildungsstrukturen beeinflussen. Erstens beschrieben die Teilnehmenden ein Spektrum geschlechtsspezifischer Grenzverletzungen, die sowohl in Ausbildungs- als auch in klinischen Beziehungen auftraten. Diese Erfahrungen wurden durch den jeweiligen Beziehungskontext geprägt und betrafen Vorgesetzte innerhalb hierarchischer Ausbildungsstrukturen sowie Patientinnen und Patienten im Rahmen therapeutischer Begegnungen. Zweitens waren solche Vorfälle eng mit der sich entwickelnden beruflichen Identität der Studierenden verflochten und führten häufig zu Unsicherheit bei der Interpretation sowie zu Spannungen zwischen der Wahrung des beruflichen Verhaltens und dem Schutz persönlicher Grenzen. Drittens verstärkten starre Hierarchien und kulturelle Normen innerhalb medizinischer Ausbildungsumgebungen das Schweigen und schränkten die Bereitschaft der Studierenden ein, unangemessenes Verhalten anzusprechen. Infolgedessen griffen die Studierenden häufig auf Anpassungsstrategien zurück, die durch Zurückhaltung, Verharmlosung oder strategisches Schweigen gekennzeichnet waren. Schließlich betonten die Teilnehmenden die Notwendigkeit institutioneller Strukturen, eines kulturellen Wandels und praktischer Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, selbstbewusst berufliche Grenzen zu setzen.
Die Berichte der Studierenden verdeutlichen das Zusammenspiel von geschlechtsbezogenen Grenzverletzungen, Unsicherheit in der beruflichen Rolle, hierarchischen Abhängigkeiten, eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten und Defiziten bei der institutionellen Unterstützung. Um sexueller Belästigung in der medizinischen Ausbildung nachhaltig vorzubeugen, sind sowohl strukturelle Veränderungen als auch Bildungsangebote erforderlich, die die Handlungskompetenz der Studierenden stärken.
Publikation: Sabine Drossard, Iris Warnken, Marco Kuchenbaur, Anja Härtl und Inga Hege. #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study. BMC Med Educ 26, 584 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-09090-1
Zum Interview mit Sabine Drossard anlässlich einer weiteren Studie zu dem Thema (Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9)