paper place Archiv 2. Quartal 2026

Real-World-Daten bestätigen Nutzen von Talquetamab beim wiederkehrenden Multiplen Myelom

Für Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom bieten inzwischen moderne Immuntherapien auch dann noch Chancen, wenn andere Behandlungen bereits ausgeschöpft sind. Eine davon ist Talquetamab, ein bispezifischer Antikörper, der gezielt körpereigene Abwehrzellen (T-Zellen) aktiviert, damit diese die Myelomzellen erkennen und bekämpfen können.

In dieser Studie werteten Forschende, unter anderem aus Würzburg, Daten aus dem International Myeloma Working Group (IMWG) Immunotherapy Registry aus. Ziel war es zu untersuchen, wie wirksam und verträglich Talquetamab im klinischen Alltag außerhalb von kontrollierten Zulassungsstudien ist. Dabei wurden 151 Patientinnen und Patienten aus fünf Ländern betrachtet, die wegen eines wiedergekehrten oder therapieresistenten multiplen Myeloms behandelt wurden. Viele der Betroffenen hatten bereits zahlreiche andere Therapien erhalten und wiesen ungünstige Krankheitsmerkmale auf. 

Die Ergebnisse zeigen, dass Talquetamab auch bei diesen stark vorbehandelten Patientinnen und Patienten wirksam war: Rund zwei Drittel der Betroffenen sprachen auf die Behandlung an. Die mediane Zeit, in der die Erkrankung ohne Fortschreiten kontrolliert werden konnte, lag bei etwa sieben Monaten. Nach einem Jahr lebten noch etwa 65 Prozent der Patientinnen und Patienten. 

Die Therapie mit Talquetamab war zudem bei vielen Menschen wirksam, die zuvor bereits andere moderne Immuntherapien, darunter BCMA-gerichtete Therapien, erhalten hatten. 

Neben der Wirksamkeit untersuchte die Studie auch Nebenwirkungen. Häufig traten Veränderungen an Haut, Nägeln, Schleimhäuten und Geschmacksempfinden auf. Dazu gehörten beispielsweise Hautveränderungen, Nagelprobleme, ein veränderter Geschmack oder Beschwerden im Mundbereich. Schwere Ausprägungen dieser Nebenwirkungen waren jedoch selten, und nur wenige Patientinnen und Patienten mussten die Behandlung deshalb unterbrechen. Die Ergebnisse zeigen, dass eine gute unterstützende Behandlung und Beratung für den Therapieerfolg und die Lebensqualität wichtig sind, um diese Nebenwirkungen möglichst gut zu kontrollieren. 

Publikation: Janakiram M, Tan CR, Mian H, Huang CY, Popat R, Martínez-Lopez J, Kastritis E, Chng WJ, Kapoor P, Dave M, Bal S, Garderet L, Corraes AMS, Riedhammer C, Steinbrunn T, Corona M, Nagarajan C, Einsele H, Martin T, Krishnan A, Lin Y. Real-World Evaluation of Talquetamab for the Treatment of Relapsed/Refractory Multiple Myeloma (RRMM): An International Myeloma Working Group Immunotherapy Registry Real-World Analysis. Am J Hematol. 2026 May 19. doi: 10.1002/ajh.70376. Online ahead of print.

Früherer Einsatz der CAR-T-Zelltherapie verbessert Behandlungserfolg beim Multiplen Myelom

Patientinnen und Patienten mit multiplem Myelom, deren Erkrankung nach einer oder mehreren Behandlungen zurückkehrt oder nicht mehr auf die Therapie anspricht, können heute mit einer CAR-T-Zelltherapie behandelt werden

Dabei werden körpereigene Abwehrzellen der Patientinnen und Patienten im Labor gezielt verändert, damit sie die Krebszellen besser erkennen und bekämpfen können.

In dieser Studie untersuchten Forschende mit Würzburger Beteiligung anhand von Daten aus dem Deutschen Register für hämatopoetische Stammzelltransplantation und Zelltherapie (DRST)ob die CAR-T-Zelltherapie Ciltacabtagen Autoleucel (Cilta-cel) erfolgreicher ist, wenn sie bereits in einem früheren Krankheitsstadium eingesetzt wird. 

Die Ergebnisse zeigen, dass Patientinnen und Patienten, die Cilta-cel bereits in einer früheren Behandlungslinie erhielten, häufiger und länger von der Therapie profitierten als Personen, die erst nach mehreren anderen Therapien behandelt wurden. Die Erkrankung konnte bei diesen Betroffenen häufiger zurückgedrängt werden, und die Zeit ohne Fortschreiten der Erkrankung war länger. Gleichzeitig zeigte sich kein wesentlicher Nachteil hinsichtlich der Sicherheit der Behandlung.

Die Studie liefert damit wichtige Hinweise aus der realen klinischen Versorgung, dass der frühere Einsatz der CAR-T-Zelltherapie bei geeigneten Patientinnen und Patienten mit wiedergekehrtem oder therapieresistentem multiplem Myelom Vorteile bringen kann. Die Ergebnisse unterstützen die zunehmende Entwicklung, hochwirksame Therapien nicht erst in sehr späten Krankheitsstadien einzusetzen, sondern ihren optimalen Zeitpunkt früher im Behandlungsverlauf zu prüfen.

Publikation: Gagelmann N, Einsele H, Flossdorf S, Smaili S, Metzeler K, Scheid C, Bullinger L, Sauer S, Raab M, Duyster J, Reinhardt HC, Teipel R, Alsdorf W, Lengerke C, Herr W, Schub N, Ayuk FA, Bassermann F, Schultze-Florey C, Schroers R, Hänel M, Giesen N, Elmaagacli A, Burchert A, Weber T, Mougiakakos D, Knop S, Müller F, Kröger N, Merz M; German Registry for Hematopoietic Stem Cell Transplantation and Cell Therapy, DRST. Standard-of-care ciltacabtagene autoleucel in earlier versus later lines of therapy for relapsed or refractory multiple myeloma: a nationwide registry analysis. J Hematol Oncol. 2026 May 20;19(1):46. doi: 10.1186/s13045-026-01806-6

Wie Mädchen mit selbstverletzendem Verhalten auf Schmerz und Warnsignale reagieren

Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV; engl. non-suicidal self-injury, NSSI) bezeichnet die absichtliche Selbstverletzung, beispielsweise durch Ritzen oder Schneiden, ohne Suizidabsicht. Es tritt besonders häufig im Jugendalter auf und gilt als Risikofaktor für spätere Schwierigkeiten in der Emotionsregulation sowie für ein erhöhtes Suizidrisiko.

Collage mit Porträts der 6 Autorinnen und Autoren
Das Autorenteam von links nach rechts: Marta Andreatta, Nora Banaschewski, Heike Rittner, Marcel Romanos, Arne Bürger & Lorenz Deserno.

Nach lerntheoretischen Modellen kann sich selbstverletzendes Verhalten verfestigen, wenn es als wirksame Möglichkeit erlebt wird, belastende Gefühle oder innere Anspannung zu verringern.

Vor diesem Hintergrund untersuchte ein Forschungsteam aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW gemeinsam mit Marta Andreatta vom Uniklinikum Tübingenwie Jugendliche mit NSSV Schmerz, Bedrohung und das Nachlassen von Schmerz verarbeiten. 

An der Studie nahmen 55 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren teil, davon 28 mit einer Vorgeschichte wiederholter Selbstverletzungen und 27 gesunde Kontrollpersonen. In einem Experiment zum furchtbezogenen Lernen wurden verschiedene Reize eingesetzt: Ein Reiz kündigte einen leichten elektrischen Schmerz an, ein weiterer signalisierte das Ende des Schmerzes (und damit Erleichterung), während ein dritter Reiz neutral blieb. Währenddessen erfassten die Forschenden die körperliche Schreckreaktion (Startle-Reflex), die Hautleitfähigkeit sowie subjektive Bewertungen der Reize.

Entgegen der ursprünglichen Annahme zeigte sich, dass Jugendliche mit NSSV das Ende des Schmerzreizes und die damit verbundene Erleichterung nicht stärker als belohnend erlebten als die Kontrollgruppe. Stattdessen reagierten sie deutlich schwächer auf Reize, die einen Schmerz ankündigten: Sowohl ihre körperlichen Abwehrreaktionen (Schreckreflex und Hautleitfähigkeit) als auch ihre subjektive Unterscheidung zwischen bedrohlichen und neutralen Reizen waren vermindert. 

Die Ergebnisse sprechen daher weniger für eine verstärkte Belohnungswirkung der Erleichterung nach Schmerz als vielmehr für eine abgeschwächte Verarbeitung von Bedrohungs- und Schmerzreizen. 

Dies könnte erklären, warum selbstverletzendes Verhalten für manche Betroffene als entlastend erlebt wird und warum sie Schmerzen oder bedrohliche Reize und Warnsignale anders verarbeitet werden als Gleichaltrige.

Aufgrund der kleinen Stichprobe, der Beschränkung auf weibliche Jugendliche und des experimentellen Studiendesigns empfehlen die Forschenden die Ergebnisse in weiteren Studien zu überprüfen.

Publikation: Marta Andreatta, Nora Banaschewski, Heike Rittner, Marcel Romanos, Arne Bürger & Lorenz Deserno. Relief and blunted defensive conditioned responses in girls with non-suicidal self-injury behaviors. Eur Child Adolesc Psychiatry (2026). https://doi.org/10.1007/s00787-026-03021-7

Collage mit Porträts der 6 Autorinnen und Autoren
Das Autorenteam von links nach rechts: Marta Andreatta, Nora Banaschewski, Heike Rittner, Marcel Romanos, Arne Bürger & Lorenz Deserno.
Pflanzenhormone auch im Säugetierkörper: Ernährung und Darmmikrobiom beeinflussen Cytokinine

Cytokinine sind kleine Signalmoleküle, die bisher vor allem als Pflanzenhormone bekannt waren. Dort steuern sie zahlreiche Prozesse wie Wachstum und Entwicklung. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Biochemikerin PD Dr. Eman M. Othman-Sholkamy und Bioinformatiker Professor Thomas Dandekar konnte nun zeigen, dass Cytokinine auch im Körper von Säugetieren vorkommen.

Grafik des menschlichen Körpers mit Organen und Blutbahnen, außerhalb drei Punkte: 1. Ernährung, 2. Mikrobiom mit Mikrobieller Cytokinin-Produktion und 3.Endogen.
Cytokinine finden sich an vielen Stellen im menschlichen Körper. Sie stammen aus unterschiedlichen Quellen. (Bild: Pressestelle JMU / mit KI generiert)

Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, dass Ernährung und Darmmikrobiom die Konzentration dieser Moleküle beeinflussen und eröffnen neue Perspektiven für die Erforschung ihrer biologischen Funktion.

Die Forschenden analysierten Blut-, Gewebe- und Stuhlproben verschiedener Säugetierarten sowie Mausmodelle mit modernen Stoffwechsel- und Mikrobiomanalysen. Dabei konnten sie mehrere Cytokinin-Varianten im Blut aller untersuchten Säugetiere nachweisen. Darüber hinaus fanden sie Cytokinine in verschiedenen Organen, darunter Herz, Leber und Niere. Weitere Experimente zeigten, dass die Cytokinin-Konzentrationen während des Fastens deutlich abnahmen. Gleichzeitig identifizierte das Team im Darmmikrobiom Gene, die an der Bildung von Cytokininen beteiligt sind. Entsprechend wiesen keimfrei aufgezogene Mäuse ohne Darmmikrobiom deutlich geringere Cytokinin-Konzentrationen auf als konventionell gehaltene Tiere. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass sowohl die Nahrung als auch Darmbakterien zur Cytokinin-Menge im Körper von Säugetieren beitragen. Welche Aufgaben diese Moleküle dort erfüllen, ist bislang jedoch noch nicht geklärt und soll in weiteren Studien untersucht werden.

Seitens des Universitätsklinikums Würzburg wirkte Dr. Ignazio Caruana aus der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation an der Arbeit mit. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit vereinte Expertise aus den Bereichen Mikrobiologie, Bioinformatik, Stoffwechselforschung und Immunologie.

Zu den Pressemeldungen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, englisch und deutsch

Publikation: Eman M. Othman, Elena Bencurova, Pamela Ferretti, Peer Bork, Alvaro Rodriguez del Rio, Jaime Huerta-Cepas, Ignazio Caruana, Rania Abdel-latif, Aman Akash, Alfonso Albacete, Feras Lafi, Thomas Dandekar & Muhammad Naseem (2026). Diet and microbiome shape small-molecule cytokinin pools in mammals, Gut Microbes, 18:1, 2679497, DOI: 10.1080/19490976.2026.2679497 

Grafik des menschlichen Körpers mit Organen und Blutbahnen, außerhalb drei Punkte: 1. Ernährung, 2. Mikrobiom mit Mikrobieller Cytokinin-Produktion und 3.Endogen.
Cytokinine finden sich an vielen Stellen im menschlichen Körper. Sie stammen aus unterschiedlichen Quellen. (Bild: Pressestelle JMU / mit KI generiert)

Wie Tumorzellen über IL-15-Signale ihre Umgebung beeinflussen

Tumoren bestehen nicht nur aus Krebszellen, sondern auch aus einer Vielzahl weiterer Zellen und Botenstoffe, die das Wachstum und die Abwehr durch das Immunsystem beeinflussen. Die Kommunikation zwischen Tumorzellen und ihrer Umgebung spielt daher eine wichtige Rolle für den Verlauf einer Krebserkrankung.

Ein Forschungsteam mit Beteiligung der Arbeitsgruppe von Dr. Ignazio Caruana aus der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation hat nun untersucht, welche Funktion eine bestimmte Form des Botenstoffs Interleukin-15 (IL-15) bei Melanomzellen übernimmt.

Dazu schauten sich die Forschenden die membrangebundene Form von IL-15, die auf menschlichen Melanomzellen vorkommt, genauer an. Sie analysierten, wie diese Form des Botenstoffs auf Signale durch die lösliche Form des IL-15-Rezeptors alpha (IL-15Rα) reagiert und welche Auswirkungen dies auf die Tumorzellen und ihre Umgebung hat.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Aktivierung der membrangebundenen IL-15-Variante durch den löslichen IL-15Rα-Rezeptor verschiedene Veränderungen in Melanomzellen auslösen kann. Dazu gehörten unter anderem Veränderungen in Signalwegen, die mit dem Verhalten der Tumorzellen und der Kommunikation mit ihrer Umgebung verbunden sind. Die Forschenden beobachteten zudem, dass die IL-15-Signale die Eigenschaften der Tumorzellen und ihre Interaktion mit Komponenten der Tumorumgebung beeinflussen können. Die Ergebnisse zeigen, dass die IL-15-Signalübertragung in Melanomzellen eine komplexe Rolle bei der Regulation der Tumorentwicklung spielen kann.

Die Studie liefert neue Einblicke in die Funktion von IL-15 außerhalb der klassischen Immunaktivierung und erweitert das Verständnis darüber, wie Tumorzellen Botenstoffe des Immunsystems nutzen können, um ihre Umgebung zu beeinflussen. Welche Bedeutung diese Mechanismen für die Entwicklung neuer Therapieansätze haben, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Publikation: Forcelloni S, Giron-Michel J, Del Boccio P, Cufaro MC, Di Sebastiano A, Mariotti FR, Ciancaglini C, Chouaib S, Padelli M, Vespa S, Mac GD, Ebert S, Buart S, Maggi E, Moretta L, Vacca P, Tumino N, Quatrini L, Caruana I, Azzarone B and Santopolo S (2026) The transmembrane IL-15 isoform expressed on human melanoma cells triggers modulatory effects on tumor progression upon stimulation with the soluble IL-15Rα chain. Front. Immunol. 17:1798481. doi: 10.3389/fimmu.2026.1798481

Autophagie unterstützt die Funktion natürlicher Killerzellen

Natürliche Killerzellen (NK-Zellen) gehören zur angeborenen Immunabwehr und spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Virusinfektionen und Krebs. Um infizierte oder entartete Zellen gezielt abzutöten, speichern sie zellschädigende Eiweißstoffe in kleinen Speicherbläschen (lytischen Granula), die bei Bedarf freigesetzt werden

Wie diese Speicherbläschen in NK-Zellen gebildet und erhalten werden, ist bislang nur unvollständig verstanden.

Dr. Ignazio Caruana hat gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe in der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation am UKW sowie Forschenden aus Rom die Rolle der Autophagie, eines zellulären Recycling- und Erhaltungsprozesses, für die Funktion menschlicher NK-Zellen untersucht. Die Forschenden konnten zeigen, dass die Autophagie nicht in erster Linie am Abbau von Zellbestandteilen beteiligt ist, sondern die Speicherung und Erhaltung dieser zellschädigenden Speicherbläschen unterstützt. Wurde die Autophagie experimentell gehemmt, verringerte sich die Anzahl der Granula sowie der Gehalt an wichtigen Eiweißstoffen wie Perforin und Granzyme B, mit denen NK-Zellen Zielzellen zerstören. Dadurch war auch ihre Fähigkeit eingeschränkt, infizierte oder entartete Zellen abzutöten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Autophagie wesentlich dazu beiträgt, die „Ausrüstung“ der NK-Zellen mit zellschädigenden Proteinen aufrechtzuerhalten und damit ihre Funktion in der Immunabwehr zu sichern.

Publikation: Piera Filomena Fiore, Sergio Forcelloni, Simone Vitozzi, Nicola Tumino, Tobias Theinert, Lokossou William Sanvi, Francesca Nazio, Valentina D’Oria, Stefania Martini, Maximilian Reichert, Lorenzo Moretta, Ignazio Caruana & Paola Vacca. Autophagy supports the storage of lytic granules in human NK cells. Cell Death Dis (2026). https://doi.org/10.1038/s41419-026-08937-1

Vergleich zweier Erstlinientherapien zeigt Unterschiede beim Blutungsrisiko bei Leberzellkrebs

Atezolizumab/Bevacizumab und Durvalumab mit oder ohne Tremelimumab gehören zu den bevorzugten Erstlinientherapien beim hepatozellulären Karzinom (HCC, Leberzellkrebs). Beide Behandlungsansätze kombinieren eine Immuntherapie gegen PD-L1 - ein Eiweiß auf der Oberfläche von Tumorzellen und Immunzellen, das die Aktivität von T-Zellen des Immunsystems bremsen kann.

Graphical Abstract der Multicenter study of bleeding and thromboembolic events with durvalumab tremelimumab vs. atezolizumab and bevacizumab in advanced HCC

Sie unterscheiden sich jedoch darin, dass nur Atezolizumab/Bevacizumab zusätzlich den Gefäßwachstumsfaktor VEGF hemmt. Da eine VEGF-Hemmung mit einem erhöhten Risiko für Blutungen und thromboembolische Ereignisse verbunden sein kann, initiierte die Hepatologie des UKW eine multizentrische retrospektive Studie, welche die Sicherheit der beiden etablierten Erstlinientherapien für das fortgeschrittene HCC im Hinblick auf diese Komplikationen untersuchte. Beteiligt waren elf universitäre Leberzentren. 

Insgesamt wurden 490 Patientinnen und Patienten in die Studie eingeschlossen (165 mit Durvalumab ± Tremelimumab [DT/D], 325 mit Atezolizumab/Bevacizumab [A/B]). Obwohl in der DT/D-Gruppe zu Beginn häufiger Ösophagus- und Magenvarizen (erweiterte Blutgefäße in Speiseröhre und Magen, die bei Lebererkrankungen auftreten können) und größere Milzen festgestellt wurden, traten unter A/B insgesamt häufiger Blutungen auf: Blutungsereignisse jeglicher Schwere wurden bei 22,8 Prozent der A/B-behandelten Patientinnen und Patienten beobachtet, verglichen mit 13,3 Prozent unter DT/D. Auch schwere Blutungen (Grad 3 oder höher nach den CTCAE-Kriterien zur Einteilung von Nebenwirkungen) waren unter A/B häufiger (14,5 Prozent vs. 7,3 Prozent). Zudem trat unter A/B das erste Blutungsereignis früher auf. In der statistischen Analyse erwies sich die Behandlung mit A/B als eigenständiger Risikofaktor für Blutungen. Die Häufigkeit von varikösen Blutungen sowie von thromboembolischen Ereignissen (durch Blutgerinnsel verursachte Gefäßverschlüsse) unterschied sich zwischen den beiden Therapiegruppen hingegen nicht wesentlich.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die VEGF-haltige Kombination aus Atezolizumab und Bevacizumab mit einem erhöhten Risiko für nicht durch Varizen verursachte Blutungen verbunden sein könnte. Sie unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen individuellen Abwägung von Nutzen und Risiken bei der Auswahl der Erstlinientherapie des fortgeschrittenen hepatozellulären Karzinoms. Weitere prospektive Studien oder zusammenfassende Auswertungen mehrerer Studien (Metaanalysen) sind erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen.

Publikation: Najib Ben Khaled, Raphael Mohr, Leonie S. Jochheim, Valentina Zarka, Monika Karin, Fabian Artusa, Julia M. Schütte, Vera Himmelsbach, Ursula Ehmer, Katrin Böttcher, Friedrich Foerster, Simon Johannes Gairing, Paula Bark, Alexander Weich, Ignazio Piseddu, Monika Rau, Bernhard Scheiner, Lorenz Balcar, Marino Venerito, Philipp Heumann, Florian P. Reiter. Multicenter study of bleeding and thromboembolic events with durvalumab tremelimumab vs. atezolizumab and bevacizumab in advanced HCC, JHEP Reports, Volume 8, Issue 6, 2026, 101818, ISSN 2589-5559, https://doi.org/10.1016/j.jhepr.2026.101818.

Graphical Abstract der Multicenter study of bleeding and thromboembolic events with durvalumab tremelimumab vs. atezolizumab and bevacizumab in advanced HCC