paper place Archiv 2. Quartal 2026

COVID-19: Antivirale Therapie nützt vor allem Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Risiko

Nirmatrelvir/Ritonavir, bekannt unter dem Handelsnamen Paxlovid, wurde zu Beginn der COVID-19-Pandemie bei ungeimpften Hochrisikopatientinnen und -patienten untersucht.

Seitdem hat sich die Ausgangslage deutlich verändert: Die meisten Menschen sind geimpft, hatten bereits Kontakt mit SARS-CoV-2, und die Omikron-Varianten verursachen im Durchschnitt mildere Krankheitsverläufe als frühere Varianten.

Ein Forschungsteam der Michigan State University und des Instituts für Allgemeinmedizin am UKW hat deshalb untersucht, wie wirksam Nirmatrelvir/Ritonavir in der heutigen Versorgungssituation ist. In die Meta-Analyse wurden 47 Kohortenstudien aus der Omikron-Ära mit insgesamt mehr als 10,7 Millionen ambulant behandelten COVID-19-Patientinnen und -Patienten eingeschlossen.

Die Behandlung war mit einem geringeren Risiko für Krankenhausaufnahmen und Todesfälle verbunden. Für COVID-19-bedingte Krankenhausaufnahmen lag das gepoolte relative Risiko bei 0,45, für die Gesamtsterblichkeit bei 0,30. Besonders wichtig für die hausärztliche Entscheidung ist jedoch der absolute Nutzen: Bei Patientinnen und Patienten mit niedrigem Ausgangsrisiko ist der Nutzen sehr klein. Bei mittlerem und hohem Risiko ist er dagegen klinisch relevant. Die geschätzte Zahl der zu behandelnden Personen, um eine COVID-19-bedingte Krankenhausaufnahme zu verhindern, lag bei 84 für Personen mit moderatem Risiko und bei 20 für Personen mit hohem Risiko.

Die Ergebnisse sprechen dafür, Nirmatrelvir/Ritonavir weiterhin gezielt bei ambulanten COVID-19-Patientinnen und -Patienten mit relevant erhöhtem Komplikationsrisiko einzusetzen. Für Niedrigrisikopatientinnen und -patienten ist der absolute Nutzen dagegen begrenzt.

Publikation: Mark Ebell, Peter K. Kurotschka. Effectiveness of Nirmatrelvir/Ritonavir for Outpatients in the Era of Omicron, Vaccination, and Previous Infection: A Meta-analysis. Journal of General Internal Medicine, 2026. https://doi.org/10.1007/s11606-026-10494-4

Wenn Harnwegsinfekte in der Hausarztpraxis kompliziert werden

Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen in der hausärztlichen Versorgung. Meist erscheint ihre Behandlung im Praxisalltag zunächst routiniert.

Gleichzeitig müssen Hausärztinnen und Hausärzte immer wieder entscheiden, ob Antibiotika notwendig sind, ob abgewartet werden kann und wie Risiken, Beschwerden und Erwartungen der Patientinnen und Patienten gegeneinander abzuwägen sind.

ales Forschungsteam unter Leitung des Instituts für Allgemeinmedizin am UKW hat nun qualitative Studien zum hausärztlichen Umgang mit Harnwegsinfektionen systematisch ausgewertet. Ziel war es, durch eine umfassende qualitative Evidenzsynthese ein möglichst hohes Evidenzniveau zu erreichen. In die Analyse wurden 32 Studien mit Erfahrungen von insgesamt 690 Primärversorgenden eingeschlossen.

Die Analyse zeigt: Viele Behandelnde fühlen sich im Umgang mit Harnwegsinfektionen grundsätzlich sicher. Unsicherheit entsteht jedoch insbesondere dann, wenn Patientinnen und Patienten nicht in das typische Bild einer unkomplizierten Harnwegsinfektion passen, zum Beispiel Kinder, Männer, ältere Menschen oder Personen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen.

Neben klinischer Unsicherheit erschweren auch strukturelle Faktoren die Versorgung: Zeitdruck, knappe Ressourcen, Erwartungen von Patientinnen und Patienten und die Sorge vor Komplikationen beeinflussen die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum. Die Studie macht damit deutlich, dass Antibiotic Stewardship, also der rationale und verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika, bei Harnwegsinfektionen nicht allein über Leitlinien oder Diagnostik verbessert werden kann. Entscheidend ist auch, die realen Entscheidungssituationen in der Hausarztpraxis besser zu verstehen.

Die Ergebnisse wurden in der für die Allgemeinmedizin renommiertesten internationalen Fachzeitschrift, dem British Journal of General Practice, veröffentlicht.

Publikation: Henrike Kleuser, Francine Toye, Felix Kannapin, Luca Ghirotto, Sandra Parisi, Alice Serafini, Maria Chiara Bassi, Ildikó Gágyor, Peter K. Kurotschka. Primary Care Practitioners’ Experiences Managing Urinary Tract Infections: A Qualitative Evidence Synthesis. British Journal of General Practice, 2026. British Journal of General Practice 7 May 2026; BJGP.2025.0561. DOI: https://doi.org/10.3399/BJGP.2025.0561

Größte genetische Studie zu Angstsymptomen mit Würzburger Beteiligung

Angst ist ein lebenswichtiges Warnsystem des Menschen. Doch bei Millionen Betroffenen gerät diese Funktion aus dem Gleichgewicht und entwickelt sich zu einer belastenden Erkrankung.

DNA-Extraktion
Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW

Eine neue internationale Studie mit 693.869 Teilnehmenden europäischer Abstammung liefert nun in „Nature Human Behaviour“ die bislang umfassendsten Hinweise auf die genetischen Grundlagen von Angst.

Geleitet wurde die so genannte genomweite Assoziationsstudie (GWAS) vom King's College London und des QIMR Berghofer Medical Research Institute von Thalia Eley. In Würzburg arbeiteten neben Jürgen Deckert noch Nora Strom, Angelika Erhardt-Lehmann (Co-Chair der AG PGC Anxiety) und Heike Weber an dieser weltweit größten Auswertung der DNA bei Angsterkrankungen. 

Insgesamt identifiziert die Studie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen, 39 Positionen wurden erstmals beschrieben.

Neben dieser großen Zahl neuer genetischer Hinweise zeigen die Ergebnisse auch, dass bestimmte Gene eine Rolle bei Angst spielen könnten, zum Beispiel PCLO und SORCS3. Viele der beteiligten Gene sind besonders im Gehirn aktiv und daran beteiligt, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren.

Es zeigte sich außerdem ein breites Spektrum signifikanter genetischer Korrelationen zwischen Angstzuständen und sowohl psychischen als auch körperlichen Erkrankungen, darunter Depressionen, Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen, koronare Herzkrankheit, Endometriose und Migräne.

Außerdem zeigte die Analyse: Die bekannten genetischen Unterschiede erklären lediglich etwa 6 Prozent der Unterschiede in der Ausprägung von Angstsymptomen zwischen verschiedenen Menschen. Der größte Teil der genetischen Einflüsse ist somit weiterhin unbekannt.

Es wird betont, dass die genetischen Einflüsse in Wechselwirkung mit Lebenserfahrungen, sozialen Kontexten und psychologischen Faktoren stehen und so das individuelle Risiko formen. Der Anstieg der Angstraten weise auf Umweltfaktoren hin. Das Verständnis genetischer Risiken könne jedoch helfen zu erkennen, wer für diese Faktoren besonders anfällig sein könnte, und letztlich zu wirksameren Präventions- und Behandlungsstrategien beitragen.

Die Autorinnen und Autoren hoffen, mit ihren Studienergebnissen eine neue Welle groß angelegter Analysen anregen zu können, um das Verständnis der genetischen Architektur von Angst zu beschleunigen. 

Hier geht es zur Pressemeldung.

Publikation: Skelton, M., Mitchell, B.L., Assary, E. et al. Genome-wide meta-analysis of quantitatively measured generalized anxiety symptoms in individuals of European ancestry. Nat Hum Behav (2026). https://doi.org/10.1038/s41562-026-02476-7

DNA-Extraktion
Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW
Magnetpartikelbildgebung (MPI) erstmals in vivo am Menschen eingesetzt

Forschenden der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und des UKW ist ein wichtiger Schritt für die medizinische Bildgebung gelungen: Sie setzten die Magnetpartikelbildgebung (Magnetic Particle Imaging, MPI) erstmals in vivo am Menschen ein.

Team in der Radiologie - Viktor Hartung hält Arm in MPI-Scanner - alle tragen Bleischürzen und Sicherheitsbrillen
Erste MPI-Untersuchung am Menschen im Würzburger Angiographielabor: Dr. Patrick Vogel (Mitte) hält seinen Arm in den MPI-Scanner (iMPI), darüber ist der C-förmige Arm des DSA-Systems zu sehen. Der Proband sowie Dr. Viktor Hartung als Interventionalist (links) und Dr. Philipp Gruschwitz als Sicherheitsbeauftragter verfolgen gebannt das Live-Monitoring. Quelle: Patrick Vogel (JMU) / Viktor Hartung (UKW)

MPI gehört zu einer neuen Generation bildgebender Verfahren. Anstelle von Röntgenstrahlung oder radioaktiven Tracern nutzt MPI winzige magnetische Eisenoxid-Nanopartikel als Kontrastmittel. Diese werden in die Blutbahn injiziert und anschließend mit speziellen Magnetfeldern detektiert.

Da MPI ausschließlich die Nanopartikel detektiert erzeugt das umliegende Gewebe kein Hintergrundsignal. Dadurch entstehen besonders kontrastreiche Bilder mit hoher zeitlicher Auflösung. Gleichzeitig kommt das Verfahren vollständig ohne ionisierende Strahlung aus. MPI ermöglicht also eine strahlungsfreie Darstellung von Blutgefäßen in Echtzeit. 

In der Machbarkeitsdemonstration hielt Dr. Patrick Vogel vom Lehrstuhl für Experimentelle Physik 5 seinen Arm als gesunder Proband in den MPI-Scanner. Vogel war maßgeblich an der Entwicklung dieser Technologie beteiligt und führte das Experiment gemeinsam mit Dr. Viktor Hartung vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie durch. Die Teams arbeiten seit rund 20 Jahren in Würzburg an der Entwicklung der Magnetpartikelbildgebung – von den ersten physikalischen Konzepten über den Bau experimenteller Scanner bis hin zur Integration der Technologie in ein klinisches Umfeld. 

Zur Gefäßdarstellung am Arm injizierten die Forschenden klinisch zugelassene Eisenoxid-Nanopartikel und nahmen deren Verteilung mit einem speziell entwickelten MPI-Scanner auf.  Zum direkten Vergleich führten sie zusätzlich eine digitale Subtraktionsangiographie (DSA) durch, die derzeitige Standardmethode zur Darstellung von Blutgefäßen mittels Röntgenstrahlung.

Die Ergebnisse zeigen: Mit MPI konnten die relevanten Gefäßstrukturen und der Blutfluss in Echtzeit dargestellt werden. Die Bildrate lag bei zwei Bildern pro Sekunde und damit im Bereich klinischer Angiographieverfahren. 

Details liefert die Pressemeldung zum Preprint, der während des wissenschaftlichen Peer-Review-Prozesses auf https://arxiv.org/abs/2603.12010 veröffentlicht wurde.

Die Studie wurde inzwischen in der traditionsreichen deutschsprachigen Fachzeitschrift der Radiologie RöFo - „Fortschritte auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen und der bildgebenden Verfahren“ veröffentlicht. Die Fachzeitschrift wurde bereits 1897, kurz nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen gegründet. 

Publikation: Patrick Vogel, Thomas Kampf, Martin Andreas Rückert, Johanna Günther, Teresa Reichl, Thorsten Bley, Volker C Behr, Philipp Gruschwitz, Viktor Hartung. “First In-vivo Human Magnetic Particle Imaging.” “Erste in-vivo Magnetpartikel-Angiographie am Menschen.” RoFo : Fortschritte auf dem Gebiete der Rontgenstrahlen und der Nuklearmedizin, 10.1055/a-2856-9878. 7 May. 2026, doi:10.1055/a-2856-9878
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42097151/
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/a-2856-9878.pdf

Team in der Radiologie - Viktor Hartung hält Arm in MPI-Scanner - alle tragen Bleischürzen und Sicherheitsbrillen
Erste MPI-Untersuchung am Menschen im Würzburger Angiographielabor: Dr. Patrick Vogel (Mitte) hält seinen Arm in den MPI-Scanner (iMPI), darüber ist der C-förmige Arm des DSA-Systems zu sehen. Der Proband sowie Dr. Viktor Hartung als Interventionalist (links) und Dr. Philipp Gruschwitz als Sicherheitsbeauftragter verfolgen gebannt das Live-Monitoring. Quelle: Patrick Vogel (JMU) / Viktor Hartung (UKW)