Aktuelle Pressemitteilungen

Uniklinikum Würzburg bei Gewebespenden bundesweit führend

An keinem anderen Krankenhaus in Deutschland wurden im Jahr 2021 mehr Gewebe – zum Beispiel Augenhornhäute, Herzklappen oder Blutgefäße – gespendet, als am Uniklinikum Würzburg.

Laut der Statistik der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) war das Uniklinikum Würzburg (UKW) im Jahr 2021 der deutschlandweite Spitzenreiter bei den Gewebespenden: Hier stellten 110 Menschen nach ihrem Tod Gewebe wie Augenhornhäute, Herzklappen oder Blutgefäße für andere Patientinnen und Patienten zur Verfügung. 

Hohe Zustimmungsquote nach Aufklärungsgesprächen

Das UKW arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit der DGFG in der altruistischen Gewebespende zusammen. Seit Juni 2019 ist Marina Kretzschmar als Koordinatorin für die DGFG in der Gewebespende am UKW tätig. Sie prüft anhand der Verstorbenenmeldungen, ob jemand für eine Spende in Frage kommt. Ist das der Fall, kontaktiert sie die Angehörigen. Stimmen diese nach dem Aufklärungsgespräch zu, führt Marina Kretzschmar die Gewebeentnahme durch. Die Zustimmungsquote nach den Aufklärungsgesprächen lag am UKW mit 48 deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 42 Prozent.

„Unser hohes Aufkommen an Gewebespenden freut uns in erster Linie für die vielen Menschen, denen wir mit der Weitergabe dieser ‚Geschenke der Mitmenschlichkeit‘ helfen konnten”, kommentiert Prof. Dr. Jens Maschmann. Der Ärztliche Direktor des UKW fährt fort: „Dabei sind wir natürlich auch etwas stolz, dass die Abläufe rund um die Spende bei uns so gut funktionieren.“ Das liegt nach seinen Worten zu großen Teilen an der hervorragenden Zusammenarbeit der Klinikumsbeschäftigten mit der DGFG-Koordinatorin. „Zum einen sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Thema Gewebespende bestens sensibilisiert. Zum anderen haben wir in Frau Kretzschmar eine Partnerin, die in der Lage ist, mit den Angehörigen von Verstorbenen gleichsam empathische, wie objektiv informierende Gespräche zu führen“, so Maschmann.

Pandemie-Management als einer der Erfolgsfaktoren

Dass am UKW gerade auch in den Corona-Monaten die Gewebespende-Aktivitäten hochgehalten werden konnten, ist nach Einschätzung des Ärztlichen Direktors nicht zuletzt auf das erfolgreiche Pandemie-Management des unterfränkischen Klinikums der Maximalversorgung zurückzuführen. „Dieses ermöglichte es uns, in großer Zahl auch nicht-infizierte Patientinnen und Patienten zu versorgen, unter denen sich dann naturgemäß weiterhin Spenderinnen und Spender fanden“, erläutert der Professor.

Weitere Details zu den Jahreszahlen 2021 und den Hintergründen der Gewebespende liefert die DGFG auf ihrer Homepage unter https://gewebenetzwerk.de  

 

Stiftung „Forschung hilft“: Förderpreisgelder unterstützen die Würzburger Krebsforschung
Bild Vertreter der Stiftung Forschung hilft bei der Förderpreis-Vergabe und Ärztlichen Direktor UKW
Von links: Prof. Dr. Paul Pauli, Prof. Dr. Matthias Frosch, Gabriele Nelkenstock, Barbara Stamm (Ehrenpräsidentin der Stiftung) und Prof. Dr. Hermann Einsele bilden zusammen mit dem abwesenden Oliver Jörg den Stiftungsrat der Stiftung „Forschung hilft“. Hinzu kommt Prof. Dr. Jens Maschmann, der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Würzburg. Gemeinsam präsentieren sie die Förderurkunden für die jetzt unterstützten Krebsforschungsprojekte. Bild: Margot Rössler / Uniklinikum Würzburg

Die Stiftung zur Förderung der Krebsforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg unterstützt ein weiteres Mal den wissenschaftlichen Kampf gegen Tumorerkrankungen: Fünf Projekte erhalten insgesamt 77.500 Euro.

Der Würzburger Verein „Hilfe im Kampf gegen Krebs“ gründete Ende 2017 unter dem Namen „Forschung hilft“ eine Stiftung zur Förderung der Krebsforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seither schüttet die Stiftung jährlich Förderpreisgelder an lokale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus. Nun wurden auch für das Jahr 2021 Mittel in einer Gesamthöhe von 77.500 Euro bereitgestellt.

 

Daran forschen die geförderten Teams

Aus den eingegangenen Forschungsanträgen wählte der externe und unabhängige wissenschaftliche Beirat der Stiftung – gebildet aus Experten der Uniklinika Essen, Jena und Regensburg – in diesem Jahr fünf Projekte aus, die jeweils mit Beträgen zwischen 10.000 und 17.500 Euro gefördert werden.

Unter den Förderungsempfängern ist die Arbeitsgruppe von Dr. Sabrina Prommersberger und Prof. Dr. Michael Hudecek, beide von der Medizinischen Klinik II des Uniklinikums Würzburg. Ihr Ziel ist es, die CAR-T-Zell-Therapie bei Multiplem Myelom noch effektiver und sicherer zu machen. Während die bisher eingesetzten CAR-T-Zellen üblicherweise nur einen CAR-Rezeptor aufweisen, entwickeln die Würzburger Forscherinnen und Forscher Varianten, die gleich zwei dieser Andockungspunkte auf ihrer Oberfläche tragen. So können die modifizierten Killerzellen Krebszellen noch genauer erkennen und bekämpfen.

 

Neue Krebsmodelle und Analyse der Knochenmarkarchitektur

Das Team von Prof. Dr. Andreas Beilhack, ebenfalls von der Medizinischen Klinik II, will aus Knochenmarkproben von Myelompatienten dreidimensionale Tumormodelle herstellen. Anhand dieser Modelle können subtile Veränderungen des Tumors analysiert und die bestmögliche Therapie eruiert werden. Mit daraus gewonnen Erkenntnissen sollen Tumormechanismen gezielt ausgeschaltet werden, die eine körpereigene Immunantwort unterdrücken.

Welche Zellstrukturen des Knochenmarks sind an der Resistenzbildung gegenüber neuen Immuntherapien beteiligt? Wie normalisiert sich das Knochenmark nach einer erfolgreichen Immuntherapie und schützt so vor einem Rückfall der Krebserkrankung? Welche Eigenschaften erlauben es Tumorzellen, eine Immuntherapie zu überleben? Antworten auf diese Fragen sucht die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Dominic Grün, Lehrstuhlinhaber für „Computational Biology of Spatial Biomedical Systems“ an der Uni Würzburg, gemeinsam mit dem Team um Dr. Leo Rasche von der Medizinischen Klinik II. Als Schlüsseltechnologien kommen dabei die Einzelzell-mRNA-Sequenzierung und die Mikroskopie-basierte seqFISH-Methode zum Einsatz, kombiniert mit Methoden des maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz.

 

Zucker und Protein im Fokus

Krebszellen sind, wie jede gesunde Zelle auch, von einem Mantel aus Zuckermolekülen umgeben. Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Martin Kortüm von der Medizinischen Klinik II will herausfinden, wie die Veränderung der Zuckerstruktur auf Tumorzellen das Ansprechen auf eine Krebstherapie beeinflusst. Im Idealfall lassen sich Ansätze identifizieren, die für therapeutische Interventionen nutzbar sind.

Bösartige Tumorzellen, die sich aus ihrem Zellverband lösen, schaffen es, dem in solchen Fällen „üblichen“ programmierten Zelltod zu entgehen – eine wichtige Voraussetzung für die Bildung von Metastasen. Die Mechanismen, die Tumorzellen dafür einsetzen, sind weitgehend unbekannt. Eine wichtige Rolle scheint dabei das Protein CEACAM1 zu spielen. Das interdisziplinäre Forschungsteam um Dr. Florian Kleefeldt will die Signalwege aufdecken, über die CEACAM1 den programmierten Zelltod verhindert. Außerdem soll überprüft werden, ob sich das Protein als therapeutische Zielstruktur zur Prävention und Behandlung metastasierender Tumoren eignet.

 

Extrem schwierige Spendensituation

„Wir freuen uns sehr, dass es mit dem Abschluss des Jahres 2021 dann doch noch möglich war, Fördermittel auszuschütten“, berichtet Gabriele Nelkenstock vom Stiftungsrat von „Forschung hilft“. Lange Zeit sah es nicht danach aus, denn das Spendenaufkommen im vergangenen Jahr war sehr niedrig. Gabriele Nelkenstock sieht dafür eine Reihe von Gründen. So verhinderten nach ihren Worten die Infektionsschutzauflagen der Corona-Pandemie die bislang üblichen Benefizveranstaltungen, über die sonst vergleichsweise große Beträge generiert werden konnten. „Hinzu kommt, dass die Fokussierung auf die Probleme mit Covid-19 in den letzten beiden Jahren das Thema Krebs aus der öffentlichen Wahrnehmung spürbar herausgedrängt hat“, schildert Nelkenstock. Aus ihrer Sicht völlig zu Unrecht, denn nach aktuellen Zahlen muss man leider davon ausgehen, dass in Deutschland jede und jeder Zweite im Lauf seines Lebens an Krebs erkrankt. „Aus dieser Perspektive ist eine Spende für die Krebsforschung auch eine Investition in die gesundheitliche Zukunft – für einen selbst, wie auch für Angehörige, Freunde und Bekannte“, argumentiert die Vorsitzende des Stiftungsrates. Dass es am Ende glücklicherweise wieder mit einer Förderpreisvergabe klappte, lag laut Gabriele Nelkenstock maßgeblich an den Einnahmen durch ein erfolgreiches Crowd-Funding-Projekt in den letzten Wochen des vergangenen Jahres.

Mit den neuen fünf Vorhaben konnte die Stiftung bislang 24 Würzburger Projekte mit insgesamt 385.500 Euro fördern. Für den Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Matthias Frosch, war diese substanzielle Unterstützung bisher eine wichtige Grundlage für die Erfolge der Krebsforschung und Krebstherapie in Würzburg. Er erläutert: „Würzburg spielt in der Onkologie international in der ersten Liga. Die Einrichtung des Nationalen Centrums für Krebserkrankungen – abgekürzt NCT – ist hierfür ein sichtbares Beispiel, von dem insbesondere auch die Bevölkerung sowie die Patientinnen und Patienten aus der Stadt und dem Umkreis von Würzburg erheblich profitieren werden.“

 

Wer die Stiftung „Forschung hilft“ weiter voranbringen will, kann auf folgendes Konto spenden:

Stiftergemeinschaft der Sparkasse Mainfranken Würzburg

IBAN: DE19 7905 0000 0000 0655 65

BIC: BYLADEM1SWU

 

 Statements der Förderpreisträgerinnen und -preisträger:

 

„Unser Team bedankt sich herzlich bei allen Förderern für ihren Beitrag an die Stiftung ‚Forschung hilft‘. Die finanzielle Unterstützung ermöglicht es uns, erforderliche und oftmals kostspielige Reagenzien anzuschaffen. So können wir unsere Arbeiten im Bereich des ‚Dualen Targetings‘ von Multiplen Myelomzellen mithilfe von CAR-T-Zellen vertiefen und die translationale Forschung auf diesem Feld vorantreiben. Gleichzeitig freuen wir uns sehr über die Anerkennung und die Aufmerksamkeit, die unsere Arbeit durch die Förderung erfährt – gerade jetzt in einer Zeit, in der auch wissenschaftliches Arbeiten durch Quarantänemaßnahmen, ungewohnte Lieferengpässe und -verzögerungen stark erschwert wird.“
Dr. Sabrina Prommersberger, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg

„Wir sind der Stiftung ‚Forschung hilft‘ sehr dankbar für die Unterstützung. In unserem Projekt betreten wir wissenschaftliches Neuland und können dank der Förderung nun die ersten Experimente durchführen. Wir wollen die dreidimensionale Architektur des Knochenmarks entschlüsseln und benötigen dafür kostenintensive Technologie, wie die Einzelzell-RNA-Sequenzierung und ein spezielles Mikroskop. Es ist für uns etwas ganz besonderes, Gelder aus Spenden verwenden zu dürfen. Es ist uns daher sehr wichtig, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse möglichst unmittelbar zu den Patientinnen und Patienten zurückkommen. Mittelfristig möchten wir die Therapie von Krebserkrankungen verbessern.“
Dr. Leo Rasche, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg, und Prof. Dr. Dominic Grün, Institut für Systemimmunologie der Uni Würzburg

„Wir möchten uns bei allen Spenderinnen und Spendern der Stiftung „Forschung hilft“ herzlich für ihre Unterstützung bedanken. Gerade in diesen Zeiten, in denen der Stellenwert von Wissenschaft und Forschung gesellschaftlich zum Teil kontrovers diskutiert wird, ist uns diese Förderung zusätzliche Motivation. In unserem Projekt untersuchen wir eine neue, potenzielle Zielstruktur zur Therapie metastasierender Tumore. Mithilfe der Projektförderung können wir nun die ersten Experimente und Untersuchungen durchführen, für die spezielle Kultivierungsbedingungen sowie zum Teil teure Inhibitoren und Analysereagenzien erforderlich sind. Wir hoffen, die erzielten Ergebnisse mittelfristig in die klinische Anwendung überführen zu können, um damit zu einer besseren Behandlung von Patientinnen und Patienten mit metastasierenden Tumorerkrankungen beizutragen.“
Dr. Florian Kleefeldt, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Würzburg

„Es freut uns sehr, dass viele Menschen trotz der Pandemie und all der aktuellen Herausforderungen unsere Mission, Krebs durch die eigene Immunantwort zu bekämpfen mit ihrer persönlichen Spende unterstützen. Die aus Patientinnen und Patienten gewonnenen Tumormodelle sind ein wichtiger Schritt für eine maßgeschneiderte Krebstherapie.“
Prof Dr. Dr. Andreas Beilhack, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg

„Wir sind sehr stolz und dankbar für die großzügige Förderung der Stiftung ‚Forschung hilft‘. Diese ermöglicht es uns, unsere Forschung weiter voranzubringen, die das Ziel hat, die Entwicklung von Medikamentenresistenz in der Behandlung von Tumorerkrankungen besser zu verstehen. Die Covid-Pandemiesituation betraf in den letzten zwei Jahren alle Teile der Gesellschaft, auch die Krebsforschung. Die finanzielle Unterstützung durch die Stiftung ‚Forschung hilft‘ auch in dieser schwierigen Zeit ist uns eine große Motivation und hilft uns sehr, unsere Projekte zielstrebig fortzuführen, um die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen weiter zu verbessern.‘
Prof. Dr. Martin Kortüm, Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg

 

 

Viel Geld für eine neue Idee

Sechs besonders innovative, aber auch „gewagte“ Projekte im Kampf gegen den Krebs fördert die Deutsche Krebshilfe ab diesem Jahr. Eines davon leitet Martin Eilers, Krebsforscher an der Universität Würzburg.

„Wir wollen die Therapie des Bauchspeicheldrüsenkrebses und des metastasierten Dickdarmkrebses verbessern, indem wir mit einer von uns entwickelten neuartigen Methode Tumorzellen ganz gezielt schädigen.“ So beschreibt Professor Martin Eilers das Ziel eines neuen Forschungsprojekts, das jetzt die Arbeit aufgenommen hat.

Eilers ist Inhaber des Lehrstuhls für Biochemie und Molekularbiologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und renommierter Krebsforscher. Schon seit vielen Jahren untersucht er gemeinsam mit seinem Team die Faktoren, die im Organismus das Zellwachstum und die Zellteilung steuern, sowie die Prozesse, die dafür verantwortlich sind, dass diese Faktoren in Tumorzellen nicht mehr so arbeiten, wie sie sollen. „Unsere Forschung zielt darauf ab zu verstehen, wie diese Faktoren funktionieren und wie sie reguliert werden, um dieses Wissen für neue Strategien zur Tumortherapie zu nutzen“, sagt Eilers.

1,5 Millionen Euro von der Deutschen Krebshilfe

Dieses Ziel kann Eilers nun in einem neuen Projekt verfolgen, das die Deutsche Krebshilfe in den kommenden fünf Jahren mit 1,5 Millionen Euro finanziert.

„High Risk – High Gain“: Unter diesem Motto steht das neue „Exzellenzförderprogramm für etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ der Deutschen Krebshilfe. Gefördert werden damit besonders innovative, aber auch „gewagte“ Projekte, oder – anders formuliert: „Wissenschaftliche Projekte, die die Chance auf einen wesentlichen Erkenntnisgewinn bringen und damit das Potenzial haben, die Krebsmedizin entscheidend voranzubringen“, wie Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe sagt.

Die Methode, mit der Eilers und sein Team Krebs bekämpfen wollen, greift direkt an der Erbinformation der beteiligten Zellen an.

„Wir wissen, dass das genetische Material – die DNA – in den Zellen auf zwei verschiedene Arten genutzt wird: Erstens wird es abgelesen, um RNA und anschließend Proteinmoleküle zu produzieren, die die Bausteine der Zellen sind. Zweitens wird es vervielfältigt, damit es an Tochterzellen weitergegeben werden kann“, erklärt Eilers. Beide Prozesse, das Ablesen und die Vervielfältigung der DNA, finden gleichzeitig statt und können seinen Worten nach „als zwei Züge betrachtet werden, die zur gleichen Zeit auf demselben Gleis fahren“.

Chromosomen zerbrechen in zwei Teile

Da beide „Züge“ in unterschiedliche Richtungen fahren können und auch sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben, besteht dabei immer die Gefahr einer Kollision – die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von Transkriptions-Replikations-Konflikten. Schwere Schäden am Erbgut der Zellen sind häufige Folge dieser Zusammenstöße, weil die beteiligten Chromosomen dann in zwei Teile brechen.

„Schnell wachsende Zellen sind daher für ihr Überleben auf Mechanismen angewiesen, die solche Kollisionen verhindern“, so Eilers. Dies gelte insbesondere für Tumorzellen, in denen viele Kontrollmechanismen ausgeschaltet sind, die normalerweise das Zellwachstum begrenzen. 

In den vergangenen Jahren hat Eilers‘ Gruppe die biochemischen Mechanismen identifiziert, die Tumorzellen vor solchen Kollisionen schützen. Dabei hat sie zwei zentrale Entdeckungen gemacht: „Erstens sind in verschiedenen Tumoren jeweils sehr tumorspezifische Mechanismen dafür verantwortlich, solche Kollisionen zu verhindern“, erklärt der Krebsforscher. Mit diesem Wissen können die Forscherinnen und Forscher nun gezielt solche Kollisionen in Tumorzellen auslösen und deren Erbgut beschädigen, während normale Zellen unbeschädigt bleiben. 

Erhebliche therapeutische Erfolge

Zum Zweiten hat das Team Medikamente gefunden, die es ermöglichen, nicht nur mit Labormethoden in diese Prozesse einzugreifen. Vielmehr können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse auch am lebenden Organismus erproben.

„In Tiermodellen eines kindlichen Tumors, dem Neuroblastom, konnten wir zeigen, dass diese Strategien erhebliche therapeutische Erfolge haben können“, sagt Eilers. Mit dem von der Krebshilfe geförderten Projekt will er nun nachweisen, dass diese Strategie auch bei der Behandlung des Pankreaskarzinoms und des metastasierten Kolonkarzinoms erfolgreich sein kann. Die „ungewöhnlich großzügige Förderung“ ermögliche es ihm, dieses Konzept sorgfältig für den Einsatz in der klinischen Praxis vorzubereiten.

Genau das ist auch Ziel des Förderprogramms der Deutschen Krebshilfe: Forscherinnen und Forscher, die sich durch einen herausragenden wissenschaftlichen Lebenslauf auszeichnen, den nötigen finanziellen und zeitlichen Freiraum zu geben, um richtungsweisende Ideen zur Prävention, Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen umzusetzen und konzeptionell neue Wege zu gehen.

„Im Rahmen der üblichen Projektförderung bei der Deutschen Krebshilfe könnten diese Projekte nicht bewilligt werden, weil sie zu risikobehaftet sind oder zu viel Zeit in Anspruch nehmen“, so Gerd Nettekoven. Für das Programm hat die Deutsche Krebshilfe insgesamt rund 8,7 Millionen Euro für fünf Jahre bereitgestellt.

Erfolg gegen fast 100 Konkurrenten

Die Resonanz auf die Ausschreibung des Programms war übrigens enorm: Insgesamt 99 Projektvorschläge waren bei der Deutschen Krebshilfe eingegangen. Aus 18 Vollanträgen haben Expertengremien der Krebshilfe sowie mehrere externe Gutachter schließlich sechs Projekte als förderwürdig empfohlen.

Kontakt

Prof. Dr. Martin Eilers, Lehrstuhl für Biochemie und Molekularbiologie, T: +49 931 31-84111, martin.eilers@ biozentrum.uni-wuerzburg.de 

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 18. Januar 2022

Kreativ durch Bewegung

Beim Laufen kommen einem die besten Ideen? Da ist was dran. Aber auch kleine Bewegungen im Sitzen fördern die Kreativität, wie zwei Forscherinnen herausgefunden haben.

Bewegung hilft, kreativ zu denken. Diese Erkenntnis ist über 2000 Jahre alt – schon die Philosophen im antiken Griechenland wussten davon.

Was aber steckt aus wissenschaftlicher Sicht hinter dem Zusammenhang zwischen Bewegung und Kognition? Was passiert bei einem Spaziergang im Gehirn? Sind Menschen, die sich kaum bewegen, weniger kreativ?

„Unsere Forschung zeigt, dass es nicht die Bewegung an sich ist, die uns hilft, flexibler zu denken“, sagt die Neurowissenschaftlerin Dr. Barbara Händel von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Verantwortlich dafür sei stattdessen die Freiheit, selbstbestimmte Bewegungen auszuführen.

Demnach können auch kleine Bewegungen im Sitzen dieselben positiven Effekte auf das kreative Denken haben. Konkrete Bewegungsvorschläge leitet die Forscherin aus ihrer Arbeit aber nicht ab: „Das Wichtige ist, dass die Freiheit da ist, sich ohne externe Vorgaben zu bewegen.“

Nicht zu lange auf kleine Bildschirme starren

Wichtig sei es auch, dass die Bewegung nicht unterdrückt oder in regelhafte Bahnen gezwungen wird. „Das passiert aber leider, wenn der Mensch seinen Fokus zum Beispiel auf einen kleinen Bildschirm richtet“, erklärt die JMU-Forscherin.

Die vermehrte Nutzung von Handy & Co – auch im Bereich der Bildung zu Zeiten der Corona-Pandemie – könne sich daher negativ auf kognitive Prozesse wie die Kreativität auswirken.

Die Experimente, mit denen Barbara Händel und ihre Doktorandin Supriya Murali, das herausgefunden haben, sind detailliert in einer aktuellen Publikation im Fachmagazin Psychological Research beschrieben.

Publikation

Murali, S., Händel, B. Motor restrictions impair divergent thinking during walking and during sitting. Psychological Research (2022), Open Access: https://doi.org/10.1007/s00426-021-01636-w  

Hintergrund

Wie nimmt der Mensch seine Umwelt wahr? Was bewirken die Sinnesreize im peripheren Nervensystem, was im Gehirn? Welchen Einfluss haben Körperbewegungen auf die Wahrnehmung von Sinnesreizen? Für solche Fragen interessieren sich Forschende wie Barbara Händel aus vielen Gründen. Langfristig könnten ihre Erkenntnisse dazu beitragen, Krankheiten besser zu verstehen, bei denen die Körperbewegung oder Wahrnehmungsprozesse gestört sind.

Ab Februar 2022 führt die Wissenschaftlerin ihre Forschung in der Neurologischen Klinik des Würzburger Universitätsklinikums weiter. Dort will sie sich auf die Themen Parkinson und ADHS konzentrieren.

Die Arbeiten von Barbara Händel werden aus einem Starting Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) gefördert. Diese mit 1,5 Millionen Euro dotierte Auszeichnung vergibt der ERC an exzellente junge Forschende.

Kontakt

Dr. Barbara Händel, Institut für Psychologie, Universität Würzburg, T +49 931 31-84194, barbara.haendel@ uni-wuerzburg.de  

 

Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 14. Januar 2022

Universitätsmedizin Würzburg: Breite Forschungsleistung zu Corona-Themen
Foto zeigt Vorstand UKW und Minister Sibler
Besuch Minister Sibler.jpg Beim Informationsbesuch am 12. Januar 2022: Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (Mitte) umgeben von Prof. Jens Maschmann (Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Würzburg – UKW), Prof. Matthias Frosch (Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Würzburg), Matthias Uhlmann (Stellvertretender Pflegedirektor des UKW) und Philip Rieger (Kaufmännischer Direktor des UKW) – von links. Bild: Margot Rössler / Uniklinikum Würzburg

Würzburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler informierten Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler über aktuelle Themen und Erfolge ihrer Corona-Forschung.

Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler war in den vergangenen Monaten bei allen bayerischen Universitätsklinika zu Gast, um sich über neue Erkenntnisse und Forschungsprojekte zum Corona-Virus und zur Pandemie zu informieren. Das letzte Ziel seiner Besuchsreihe war heute Würzburg. Im dortigen Rudolf-Virchow-Zentrum erläuterten ihm Forscherinnen und Forscher der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und des Uniklinikums Würzburg (UKW) ausgewählte Beispiele ihrer Arbeit nahe an der klinischen Anwendung. Der Minister zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Würzburger Hochschulmedizin: „Ihre Arbeit liefert lebensrettende Erkenntnisse. Das hat sich heute erneut in beeindruckender Weise gezeigt.“

Nach einer Begrüßung durch Prof. Dr. Jens Maschmann, dem Ärztlichen Direktor des UKW, verdeutlichte Prof. Dr. Matthias Frosch, der Dekan der Medizinischen Fakultät der JMU, in seiner Einleitung, dass die in Würzburg bisher erzielten, schnellen Erfolge in der Covid-Forschung zum großen Teil darauf beruhen, dass die Infektionsforschung am Standort seit Jahrzehnten einen Schwerpunkt bildet. „So hatten wir gleich zu Beginn der Pandemie die richtigen Strukturen und Persönlichkeiten vor Ort“, betonte Frosch. Ein weiterer für die wissenschaftliche Arbeit extrem förderlicher Faktor sei die enge Zusammenarbeit universitärer Arbeitsgruppen mit dem Würzburger Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI).

 

Interaktionen zwischen Virus und Zelle verstehen

In einer solchen Verbindung wurden zum Beispiel die direkten Interaktionen zwischen dem Corona-Virus und den von ihm befallenen Zellen untersucht. Prof. Dr. Jörg Vogel, der am HIRI die Arbeitsgruppe „RNA-Biologie bakterieller Infektionen“ leitet, erläuterte dem Minister, dass ein interdisziplinäres und institutionsübergreifendes Forschungsteam in der menschlichen Zelle 18 Wirtsproteine identifizieren konnte, die während einer SARS-CoV-2-Infektion eine wichtige Rolle spielen. „Hier bieten sich mögliche Angriffspunkte für antivirale Medikamente“, beschrieb der Professor einen wichtigen translationalen Ansatz aus diesen Erkenntnissen.

 

Viel effizienter testen

Die meisten herkömmlichen molekularbiologischen Diagnostikverfahren, beispielsweise PCR-Tests, weisen in der Regel nur einen einzigen krankheitsbezogenen Biomarker nach. Vor dem Hintergrund eines sich immer wieder verändernden Virus und neuer Virusvarianten wäre es allerdings höchst wertvoll, ein Verfahren nutzen zu können, das möglichst viele krankheitsbezogene Biomarker in nur einem Test nachweist. Prof. Dr. Cynthia Sharma vom Institut für Molekulare Infektionsbiologie der JMU zeigte auf, dass ein Team aus Grundlagenforschung, Translation und Anwendung im Projekt LEOPARD dabei ist, eine solche, gänzlich neue Diagnostikplattform zu entwickeln. Das Verfahren hat nach Einschätzung der Wissenschaftlerin das Potenzial, nicht nur die medizinische Diagnostik von Infektionskrankheiten, sondern auch von Krebs und seltenen genetischen Erkrankungen zu revolutionieren.

 

Bedürfnisse von Kindern und Eltern erkennen

Ganz nah ans tägliche Leben vieler Familien heran rückte die Studie WÜ-KiTa-CoV: Um die Umsetzbarkeit und langfristige Akzeptanz verschiedener Testkonzepte in Betreuungseinrichtungen zu vergleichen, waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Würzburger Universitätsmedizin in neun Würzburger Kitas aktiv. Dort testeten sie Kinder und Betreuungspersonal während der zweiten Coronawelle regelmäßig auf eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus. „Ein zentrales Ergebnis der Studie war: Kommen nicht invasive Testmethoden wie die Abgabe von Mundspülwasser zum Einsatz, wird das regelmäßige Testen sowohl vom Betreuungspersonal als auch von den Kindern auch langfristig gut akzeptiert“, berichtete Prof. Dr. Oliver Kurzai vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der JMU bei der Informationsveranstaltung. Außerdem steigert nach seinen Worten nur die regelmäßige Testung das Sicherheitsgefühl der Eltern und baut Ängste ab. Minister Sibler kommentierte anerkennend, dass die Studie WÜ-KiTa-CoV bereits als Grundlage für die Entscheidungsfindung in der Politik gedient habe.

 

Eine breite Wissensgrundlage schaffen

Als Teil des bundesweiten Corona-Krisenmanagements wurde im April 2020 das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) gegründet. Dieses soll dazu beitragen, die Covid-19-Forschung an den 36 deutschen Universitätsklinika besser zu koordinieren. Von den hierbei ins Leben gerufenen 13 Verbundprojekten ist die Würzburger Universitätsmedizin an elf beteiligt. Prof. Dr. Peter Heuschmann fokussierte sich in seinem Vortrag auf das NUM-Projekt NAPKON. „Mit dem Nationalen Pandemie Kohorten Netz wird eine hochqualitative Arbeitsgrundlage für die Corona-Forschung geschaffen“, sagte der Vorstand des Instituts für klinische Epidemiologie und Biometrie der JMU. Die Uniklinika und Partner aus anderen Gesundheitssektoren wollen dazu rund 8000 Corona-Infizierte und -Erkrankte über den gesamten Krankheitsverlauf intensiv beobachten, umfassend klinische Daten und Bioproben sammeln und jede Besonderheit erfassen.

 

Long-Covid-Medikation überprüfen

Bei geschätzt jedem zehnten mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen treten langfristige Symptome auf, die mehrere Wochen oder Monate andauern können. Hierfür haben sich die Begriffe „Long-Covid“ oder „Post-Covid-Syndrom“ eingebürgert. Unter der Annahme, dass Gewebeschäden und chronische Entzündungsprozesse ein solches Syndrom verursachen, werden oft entzündungshemmende Wirkstoffe, wie Prednisolon, eingesetzt. Außerdem legen die häufig auftretenden neurologischen Symptome eine Behandlung mit bestimmten B-Vitaminen nahe, die das Nervensystem unterstützen. „Die Wirksamkeit solcher Behandlungsansätze ist bisher jedoch nicht wissenschaftlich belegt. Diese Lücke wollen wir mit dem Projekt PreVitaCOV schließen“, kündigte Prof. Dr. Ildikó Gágyor an. Als eine der beiden Leiterinnen des Instituts für Allgemeinmedizin des UKW koordiniert sie das im Februar dieses Jahres startende Verbundvorhaben. Ein Wesenszug von PreVitaCOV ist nach ihren Angaben die starke Beteiligung hausärztlicher Praxen als Partner einer ambulanten Forschung.

 

Corona-Forschungsprojekte in ganz Bayern umfangreich gefördert

Nach diesem weiten Themenbogen lobte der Wissenschaftsminister: „Unsere Klinika und Medizinischen Fakultäten sind mit ihren innovativen Forschungsprojekten und neuen präventiven und therapeutischen Ansätzen Rückgrat und Speerspitze gegen das Virus..“ Passend zu der herausragenden und innovativen Rolle, welche die Hochschulmedizin im Kampf gegen Corona spiele, habe sein Ministerium seit Beginn der Pandemie insgesamt 21 Millionen Euro zusätzlich für Corona-Forschungsprojekte der bayerischen Hochschulmedizin zur Verfügung gestellt. Zudem werde auch der vom Wissenschaftsministerium eingerichtete Forschungsverbund FOR-COVID für weitere drei Jahre mit rund 2,4 Millionen Euro gefördert. Die Mitglieder des Forschungsverbunds kommen aus verschiedenen Fachdisziplinen wie der Virologie, aber auch der Tiermedizin. In Zukunft soll der Verbund nicht nur das Coronavirus erforschen, sondern auch die Voraussetzungen für einen besseren Umgang mit zukünftigen Pandemien stärken.

Bernd Sibler nutzte seinen Besuch in Würzburg auch, um sich beim Personal des UKW zu bedanken: „Sie leisten in dieser sehr angespannten Lage herausragende Arbeit, um die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten hochkompetent sicherzustellen. Dafür meinen herzlichen Dank!“ 

 

Adolf-und-Inka-Lübeck-Preis für Würzburger Zahnmedizinstudierende vergeben

50 Zahnmedizinstudierende des Uniklinikums Würzburg haben die Examensprüfung 2021/II bestanden. Die zwei besten wurden mit dem Adolf-und-Inka-Lübeck-Preis ausgezeichnet.

Im November 2021 erhielten die 31 Absolventinnen und 19 Absolventen des Examens 2021/II der Würzburger Zahnmedizin ihre Zeugnisse. Besonders freuen konnten sich die zwei Prüfungsbesten: Sie wurden mit dem Adolf-und-Inka-Lübeck-Preis ausgezeichnet. Der mit 1.333 Euro dotierte erste Preis ging an Julian Fischer, der mit 666 Euro dotierte zweite Preis an Daniel Mytzka. 

Der Adolf-und-Inka-Lübeck-Preis wurde im Jahr 1977 gestiftet: Inka Lübeck wollte damit an ihren vier Jahre zuvor gestorbenen Mann erinnern, den Würzburger Zahnmediziner Adolf Lübeck. Seit dem Tod von Inka Lübeck im Jahr 1990 wird die Prämie unter dem jetzigen Namen verliehen. 

Universitätsmedizin Würzburg: Mit VR-Technologie gegen Schmerzen

Mitte Dezember 2021 startete das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt ReliefVR in eine rund zweijährige Erprobungsphase. Bei dem Vorhaben, an dem das Uniklinikum und die Universität Würzburg als wissenschaftliche Partner maßgeblich beteiligt sind, soll Virtuelle Realität zur Behandlung chronischer Schmerzen genutzt werden.

Ausgangspunkt ist der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Jahr 2020 gestartete Wettbewerb für Soziale Innovationen „Gesellschaft der Ideen“. Seither wurden aus über 1.000 eingereichten Ideen in mehreren Schritten die neun überzeugendsten Projekte ausgewählt, die am 15. Dezember 2021 in eine bis zu zweijährige Erprobungsphase starten durften. Zu diesen zählt auch das Vorhaben ReliefVR. Dessen langfristiges Ziel ist es, ein medizinisches Produkt zu entwickeln, das Technologien der Virtuellen Realität (VR) dazu nutzt, neuronale Netzwerke im Gehirn so zu modifizieren, dass chronische Schmerzen möglichst dauerhaft gelindert werden. 

Ideengeberin und Leiterin von ReliefVR ist Yevgenyia Nedilko von der Frankfurter Firma Videoreality GmbH. Die Firma ist auf die Produktion innovativer VR-Anwendungen und -Erlebnisse spezialisiert. Als wissenschaftliche Partner des Projekts fungieren das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS) des Uniklinikums Würzburg und der Lehrstuhl für Psychologie I der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). 

Ziel: Eine veränderte Körperwahrnehmung

Das geplante Behandlungskonzept sieht vor, dass Schmerzpatientinnen und -patienten eine VR-Brille aufsetzen und sich daraufhin in der virtuellen Welt anwesend fühlen. „Sie sollen zunächst das Gefühl haben, einen virtuellen Körper oder Avatar zu besitzen, der sich an der gleichen Position wie ihr echter Körper befindet“, schildert Yevgenyia Nedilko. Anschließend wird diese Sichtweise so verändert, dass eine außerkörperliche Erfahrung entstehen kann. „Wir vermuten, dass auf diesem Weg eine Veränderung der Körperwahrnehmung möglich ist“, sagt Prof. Dr. Heike Rittner. Laut der Leiterin des ZIS lässt sich dadurch bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen wahrscheinlich ein Zustand erreichen, in dem der empfundene Schmerz reduziert und der schmerzfreie Bewegungsgrad erhöht ist.

„Auf dieser Basis können speziell konzipierte Bewegungsübungen einen neuen, gesunden Lernprozess auslösen“, meint Dr. Ivo Käthner, der das Teilprojekt am Lehrstuhl für Psychologie I der JMU leitet und VR bereits seit mehreren Jahren in seiner Forschung zu Schmerz nutzt. Bewegungen, die aus Angst vor Schmerz im „echten Leben“ vermieden wurden, können in der Virtuellen Realität schmerzfrei durchgeführt werden – so die Vorstellung der Projektbeteiligten. „Im Endeffekt soll dieser Prozess dazu führen, dass die Patientinnen und Patienten auch ihren Alltag mit weniger Schmerzen bewältigen können“, hofft Prof. Rittner.

In der jetzt beginnenden, vom BMBF mit bis zu 200.000 Euro geförderten Erprobungsphase soll ein individuell angepasstes Übungsprogramm für Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen entwickelt werden. Bei gutem Verlauf soll im Jahr 2023 eine klinische Machbarkeitsstudie starten. 

Digitale Auftaktveranstaltung am 26. Januar 2022

Für alle, die sich für weitere Details zu ReliefVR – und den anderen acht finalen Projekten des Wettbewerbs für Soziale Innovationen – interessieren, findet am 26. Januar 2022 ab 17:00 Uhr eine digitale Auftaktveranstaltung mit Podiumsdiskussionen statt. Anmelden kann man sich für den kostenlosen Live-Stream unter www.gesellschaft-der-ideen.de.