Soziale Interaktionen im Alltag haben messbaren Effekt auf Angstratings und autonome Angstreaktionen bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen

Profitieren depressive Personen in realen Alltagssituationen ähnlich von positiven sozialen Kontakten wie gesunde Menschen?

Um diese Frage zu beantworten untersuchten Grit Hein und Sarah Kittel-Schneider mit ihren Teams, wie sich Angst und körperliche Stressreaktionen bei Menschen mit Depression im Alltag während sozialer Interaktionen verändern. 

Dazu wurden über mehrere Tage hinweg Momentaufnahmen aus dem Alltag erfasst: Teilnehmende berichteten wiederholt über ihre aktuellen sozialen Interaktionen, ihr Angstempfinden sowie über Eigenschaften der Gesprächspartner (z. B. Vertrautheit). Zusätzlich wurde bei einem Teil der Stichprobe die Herzaktivität mit tragbaren Sensoren gemessen.

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl gesunde Personen als auch Menschen mit Depressionen weniger Angst empfinden, wenn sie mit vertrauten Personen interagieren. Bei gesunden Personen nahm diese angstmindernde Wirkung mit zunehmender Vertrautheit jedoch stärker zu als bei depressiven Patientinnen und Patienten. Bei diesen war der Zusammenhang zwischen Vertrautheit und Angst deutlich abgeschwächt.

Auf körperlicher Ebene zeigten die depressiven Teilnehmenden insgesamt eine erhöhte Herzfrequenz und eine geringere Herzratenvariabilität – beides Hinweise auf eine verstärkte Stressbelastung und eine veränderte autonome Regulation. Diese Unterschiede blieben auch im Alltag während sozialer Interaktionen bestehen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass soziale Kontakte zwar grundsätzlich angstreduzierend wirken, dieser „soziale Puffer-Effekt“ bei Menschen mit Depression jedoch abgeschwächt ist. Das könnte erklären, warum soziale Situationen für Betroffene trotz potenziell positiver Wirkung oft belastend bleiben.

Publikation: Weiß, M., Gutzeit, J., Jachnik, A., Lampe, E. C., Rothbauer, F., Gründahl, M., … Hein, G. (2026).Momentary anxiety and autonomic responses during everyday social interactions among patients with depression.Translational Psychiatry (2026). https://doi.org/10.1038/s41398-026-03990-y